Der Spiegelwald.

Dieser von Grünhayn gegen Süden gelegene und sparsam mit Nadelholz bestandene Gebirgsrücken ist der Vorhang, welcher eine wunderschöne Gebirgslandschaft, die mit ihrer Ausdehnung von etwa 5 Stunden in die Länge und Breite in bunter Mannichfaltigkeit eine liebliche Scenerie vor die Augen stellt, von der sich der Verehrer der Naturschönheiten nur ungern trennen kann. Auf dem Rücken des Berges angekommen, blickt man tief hinab in ein Labyrinth kleiner stücklicher Berge, die allmählig nach allen Richtungen hin riesenhaft anschwellen und ihr dunkles Fichtengrün an dem Saum des Himmels falbeln. – Bisweilen steigen gespensterartig weiße Nebel aus den dicken Waldungen auf, dehnen und strecken sich phantastisch, bis ihr Gewand zerrissen an fernen Wipfeln der Bäume verschwindet. Der Gebirger sagt in solchen Fällen: »Das Holzweibel heizt ein, es wird ander Wetter.« – Die dunkle Trapperie wallt faltenartig nach den Thalungen auf und nieder und umgrenzt hie und da verschiedentlich geformte Blösen für den Kartoffel- und Futterbau. Links, nach Osten, blähet sich der 3795 Fuß über dem Meere gelegene Fichtelberg im licht indigblauen Mantel auf und beherrscht den Horizont bis zu den in Westen gelegenem Kühberg. Einzelne Gruppen von Häusern, zu dem oder jenem versteckt gelegenen Dörflein gehörig, und verzettelt stehende Wohnungen erblickt man allerwärts; sie verdanken ihre Entstehung irgend einem besondern Gewerbe, oder der bequemern Bewirthschaftung eines unbequem gelegenen Stück Landes. Weiß und schieferblau ruht das Städtchen Schwarzenberg tief in der Niederung der Landschaft, umgeben von Bergen mittleren Ranges, damit die höheren darüber hinschauen und das wie von Kindern aus Nürnberger Häuserchen gebaute Städtchen betrachten können. Viele tausend Menschen machen diese romantische Landschaft zu der lebendigsten des Obergebirges und zugleich zu der besuchtesten von Fremden; und in der That ist sie es werth, von Jedem besucht zu werden, wer Belehrung und Genuß an ihren eigenthümlichen Gewerbsarten, Sitten und Gebräuchen sucht.

Von der Höhe des Spiegelwaldes steigt man über 2000 Fuß hinab bis an die Ufer des Schwarzwassers und stößt unterwegs zunächst auf das ehemalige Klosterdorf Beyerfeld, welches gegenwärtig zur Herrschaft Sachsenfeld gehört. Wer hat nicht schon oft und viel von der Löffelfabrik der Gebrüder Friedrich, der umfänglichsten im Vaterlande, gehört? und wie viel Fremde haben nicht dieses Gewerbe in Beyerfeld aufgesucht, in der Meinung, dieses Etablissement in einem räumlichen Gebäude zu finden, wo man die Löffel aus Eisen fertigen sehen und die Manipulation bis zu ihrer Vollendung beobachten könne? Dem ist nicht so. Die Fabrik bezieht das nöthige Eisen für alle Gattungen von Löffeln von den Hammerwerken, wo es schon unter dem Namen Löffeleisen in Stäbe geschmiedet und nach der Wage, à 44 Pfund, verkauft wird. Der Fabricant liefert dasselbe nach dem Gewichte an die Plattenschmiede, welche zerstreut in nahen und entfernten Ortschaften wohnen; diese verfertigen daraus die Platten, d. h. die eben (platt) abgehenden Eisenstücke, die noch keine Vertiefung haben. Zwei solche Plattenschmiede können täglich gegen 24 und aus einer Wage ungefähr 36 Dutzend Platten schmieden, die sie an den Fabricanten wieder nach dem Gewicht abliefern. Nun kommen die Platten wieder in die Hände der zerstreut wohnenden Löffelmacher, welche sie austeufen, wozu sie einen Ambos, worauf die stählernen Modelle oder Formen befestigt und nach den verschiedenen Größen und Gestalten concav eingelassen sind – und verschiedene Teufhämmer – brauchen, sodann aber zur Ablieferung bringen. Täglich kann ein Löffelmacher 25 Dutzend austeufen und 6 bis 7 Groschen verdienen. Endlich werden sie in's Zinnhaus abgegeben, da verzinnt, dann mit Kleie gescheuert, sortirt und so vollendet auf's Lager und in Handel gebracht. Mit diesen Löffeln, die im Publicum gewöhnlich »blecherne« genannt werden, wahrscheinlich weil das Eisen dazu so dünn wie Blech ausgetrieben wird, treiben die Gebrüder Friedrich, welche jeden Fremden mit Freundlichkeit aufzunehmen pflegen, umfängliche, selbst überseeische Geschäfte und geben dadurch einer großen Menge Menschen Nahrung und Unterhalt.

Am untern Ende des Dorfes liegt das Köhler'sche Vitriol- und Schwefelwerk, welches aber gegenwärtig, wegen gesteigerter Holzpreise und der Concurrenz von Böhmen her, in schwachem Umtriebe steht. Blau und grüner Vitriol, Vitriolöl und Scheidewasser sind die gewöhnlichen Fabricate. Schwefel wird wohlfeiler aus dem Auslande bezogen, als er hier fabricirt werden kann. Da die Fabrication aller dieser Gegenstände längst aus Hofrath Kastner's Metallurgie bekannt ist, so hält es schwer, den Grund aufzufinden, weshalb den Fremden nur ungern der Eintritt in dieses Werk gestattet wird.

So wie sich Beyerfeld vom Spiegelwald herab nach dem Schwarzwasser streckt, eben so dehnt sich vom Teufelssteine aus, welcher durch sein Granatlager bekannt ist, in gleicher Richtung das Nachbardorf »Bernsbach« hinauf bis auf den Rücken des dort waldlosen Berges. Die Fabrication des Feuerschwammes und der Schwefelfäden, welche die mannichfaltigen Zündmaschinen der neuern Zeit gar sehr beeinträchtigt haben, war sonst in diesem Dorfe heimisch. Aus Polen und Ungarn kamen früher ganze Ladungen von Buchenschwämmen, die hier verarbeitet und als Feuerschwamm auf Messen und Märkte verführt, oder verhausirt wurden. Der Handel mit Zunderholz in diesem Orte ist völlig verschwunden und mit ihm die Gelegenheit zum Betteln.

gez. v. F. König.

Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.

SCHWARZENBERG.