Wildenthal.

Tief, aber immer noch in einer Meereshöhe von 2250 Fuß eingebettet, liegt das Eisenhüttenwerk gleiches Namens in der Umarmung des Auersberges und des Zeisiggesanges. Die große Bockau durchrauscht das Oertchen, dreht das gangbare Zeug in Hütten und Hohöfen, sendet von hier aus seinen halben Wasserschatz mittelst des sogenannten Grünergraben für ökonomische Zwecke nach Eibenstock, während die andere Hälfte in seiner engen Wiege über Granitblöcke hinab nach Unterblauenthal in die Mulde strömt.

N. d. Nat. v. F. König.

Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.

WILDENTHAL.

Gegen Ende des sechszehnten Jahrhunderts besaß dieses Hammerwerk ein Herr von Wildenfels, und es ist wahrscheinlich, daß dasselbe die Hälfte des Namens von ihm erhielt. Im Jahre 1655 kam es in den Besitz des Hammermeisters Michael Gottschalch und blieb in den Händen seiner Nachkommenschaft bis in die neuere Zeit. Die ursprünglichen Besitzer der Eisenhüttenwerke hießen Hammermeister, arbeiteten mit vor den Feuern, und ihre häuslichen Zustände mögen sich wenig von denen der andern Hüttenleute unterschieden haben, bis sich der Absatz von Eisen feste Bahn gebrochen und einen größern Gewinn gesichert hatte. Von nun an kauften sich Geldmenschen aus der Nähe und Ferne Hammerwerke an, wie sich die Gelegenheiten darboten, bauten sich mit großartigen Häusern an, brachten Gerichtsbarkeiten an sich und herrschten als Hammerherrn über die bildungslose und arme, schwarze und rothe Schaar des Berg- und Hüttenvolkes bald wohlthätig, bald vernichtend, je nachdem Herz und Gemüth des Besitzers für den Anblick seiner in Dürftigkeit lebenden Arbeiter empfänglich war oder nicht. Die Neuzeit hat indessen manches Empörende verwischt, was sonst Sitte hieß, und viele Hammerwerke in die Hände von Männern geliefert, die, wie ein guter Genius, über das Familienleben der Hammerschmiede, Bergleute, Köhler u. s. w. wohlthätig walten und Gelegenheit geben, ihre Kinder einen zeitgemäßen Unterricht genießen zu lassen, den die Eltern und Großeltern bei den sogenannten Hammerpräceptoren, welche eine Art Knechtlohn erhielten, nicht finden konnten, weil der Lehrer selbst noch Bildung brauchte. Darum aber pflanzen sich die Anekdoten der Hammerschmiede, wie sie sich in frühern Jahren so häufig begegneten und von den drolligen und unbeholfenen Ansichten und Urtheilen über Dinge der Außenwelt Zeugniß geben, nur sehr dürftig fort.

Das Herrnhaus in Wildenthal schaut von einer Anhöhe, wie sich's gebührt, überlegen auf eine Schaar ärmlicher Hütten hernieder, zwischen welche sich jedoch seit mehrern Jahren ein freundliches Posthaus, welches dermalen die noch freundlichere Familie des Postverwalters Priem besitzt, so wie ein restaurirtes Wirthshaus eingeschoben haben.

Man sieht es diesen Gebäuden an, daß sie in Privathänden sind. Ueberraschend ist das fiscalische Forsthaus, im italienischen Styl vor ohngefähr ein Dutzend Jahren erbaut. Es ist ein verflogener Kakadu unter einer Gesellschaft Dohlen, der vergeblich nach Pommeranzenwäldern und Cypressenhainen umherschaut. Doch wenn es dem Zwecke entspricht – wem geht's was an?

Das Oertchen hat seit etwa 20 Jahren an seiner Wildheit gar sehr verloren: es führt eine Chaussee nach Karlsbad hindurch, die in der Badesaison sehr lebendig wird; der Besitzer des Werks und noch einige andere Einwohner sind theils wissenschaftlich gebildet, theils sonst gut unterrichtet, was zur sittlichen Abrundung der geistesarmen Bevölkerung der Vergangenheit viel beitragen mußte und sich auch jetzt schon dadurch kund giebt, daß man gern aus der Nachbarschaft Parthien dahin macht und sich von der wildromantischen Natur umarmen läßt, Kaffee trinkt und Forellen speis't.