The Project Gutenberg eBook, Der Dichter Lenz und Friedericke von Sesenheim, by Jakob Michael Reinhold Lenz, Edited by August Stöber

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N. Weiß Ktn. Lith. de Hasler & Cie, Basel.

Der Dichter Lenz
und
Friedericke von Sesenheim.


Aus Briefen und gleichzeitigen Quellen;

nebst Gedichten und Anderm von Lenz und Göthe.


Herausgegeben

von

August Stöber.


Basel,

Druck und Verlag der Schweighauser’schen Buchhandlung.

1842.

[Vorwort.]

Das Sesenheimer Idyll, Göthe’s und Friedericke’s Liebe, hat von jeher die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich gezogen und bei mancher empfindsamen Seele das tiefste Mitgefühl erregt. Die Schuld oder Schuldlosigkeit, welche Göthe in dieser Geschichte hat, gab namentlich in neuerer Zeit zu leidenschaftlichen Streitigkeiten Anlaß, und je nachdem man sich auf die eine oder auf die andere Seite schlug, fühlte man sich für oder wider den ganzen Menschen gestimmt. Neben der Göthe-Literatur ist eine Friedericken-Literatur, sowohl in einzelnen Werkchen, als in Zeitungsartikeln, und dieß besonders in der Allgemeinen Leitung, entstanden. Auch den Namen des unglücklichen Dichters Lenz hat man dabei genannt; aber von Friedericke’s Vertheidigern ist mit Entschiedenheit jedes entehrende Verhältniß zwischen Beiden abgewiesen worden. In allen Literaturgeschichten, wo von Lenz die Rede ist, wird von dessen Wahnsinne gesprochen, allein der wahren Quelle desselben nicht erwähnt. Nachfolgende Mittheilungen geben darüber Aufschluß. Daß Lenz, nach Göthe’s Abreise aus dem Elsaße, nach Sesenheim kam, berührt Göthe selbst; er sah Friedericke auf der Rückreise aus der Schweiz wieder und sagt von diesem Wiedersehen: „Ich finde Friedericke Brion wenig verändert, noch so gut, liebevoll, zutraulich wie sonst, gefaßt und selbstständig. Der größte Theil der Unterhaltung war über Lenzen. Dieser hatte sich nach meiner Abreise im Hause introducirt, von mir was nur möglich war, zu erfahren gesucht, bis sie endlich, da er sich die größte Mühe gab, meine Briefe zu sehen und zu erhaschen, mißtrauisch geworden. Er hatte sich indessen nach seiner gewöhnlichen Weise verliebt in sie gestellt, weil er glaubte, das sei der einzige Weg hinter die Geheimnisse der Mädchen zu kommen, und da sie nunmehr gewarnt, scheu seine Besuche ablehnt, und sich mehr zurückzieht, so treibt er es bis zu den lächerlichsten Demonstrationen des Selbstmords, da man ihn dann halbtoll erklären und nach der Stadt schaffen kann. Sie klärt mich über die Absicht auf, die er gehabt hat mir zu schaden, und mich in der öffentlichen Meinung und sonst zu Grunde zu richten, weshalb er denn auch damals die Farce gegen Wieland drucken lassen.“ — Daß Lenz von Friedericke’s Liebe überzeugt war, davon geben die Briefe an Salzmann genugsame Beweise; daß er wegen ihrer wahnsinnig geworden, darüber berichtet Oberlin’s Aufsatz. Ob Friedericke ihm ebenfalls geneigt war, oder ob er sich selbst getäuscht und ihre Gegenliebe nur eine eingebildete war, das möge der Leser entscheiden. Wie hoch Lenz Göthe als Mensch und Dichter stellte, sagen seine Schriften. In Straßburg besaß ich ein Exemplar von Shakspeare’s Othello, welches Göthe Lenz zum Geschenke gemacht hatte; unter die hierauf bezüglichen Worte Göthe’s, die also lauten: „Seinem und Shakspeare’s würdigem Freunde Lenz, Göthe“, hatte Lenz geschrieben: „Ewig, ewig bleibt mein Herze dein, mein lieber Göthe!“ und bei Göthe’s Abschied sang er:

Ihr stummen Bäume, meine Zeugen,
Ach! käm er ohngefähr
Hier, wo wir saßen, wieder her,
Könnt ihr von meinen Thränen schweigen?

Dieß Alles ward vor Lenz’s Erscheinen in Sesenheim geschrieben; nach demselben nahm die Sache eine andere Wendung. Lenz beneidete nicht nur Göthe’s Liebe, sondern auch seinen Ruhm, worüber sich Göthe, außer der angeführten Stelle, sonst noch mehrere Male in seiner Dichtung und Wahrheit ausspricht.

Die Briefe von Lenz an Salzmann habe ich schon 1831 im Morgenblatte (Nr. 250 bis 295), jedoch nur stellenweise abdrucken lassen; hier erscheinen sie vollständig, nebst einigen dort nicht vorkommenden, und diplomatisch genau wiedergegeben, wie sie sich in Salzmann’s Nachlasse, auf der Straßburger Stadtbibliothek, befinden. In derselben Schachtel, in welcher sie liegen, sind auch Göthe’s Briefe an Salzmann aufbewahrt, welche Moritz Engelhardt im Morgenblatt veröffentlicht hat.

Diese Briefe, nebst Oberlin’s Aufsatz über des armen Lenz Aufenthalt im Steinthale, füllen die Lücke aus, welche sich in L. Tieck’s[1] biographischen Notizen über Lenz vorfindet und geben über manche Leistungen des Dichters Aufschluß. Die Mittheilungen über die Straßburger gelehrte Gesellschaft, unter Salzmanns Vorsitze, habe ich dem Protokoll der Gesellschaft selbst entnommen, von welchem mir eine getreue Abschrift vorliegt. Als Zugabe folgen einige Gedichte von Lenz, welche Tieck übergangen hat; so wie Göthe’s ursprüngliche Uebersetzung von Ossians Gesang von Selma, im Werther, und Gedichte an Friedericke.

Mülhausen, im Oberelsaß, Ende Jänner 1842.

Der Herausgeber.

[Inhalt.]

Seite.
[Vorwort]III-VII.
I.[Lenz im Elsaß]1
II.[Briefe von Lenz an den Aktuar Salzmann]48
III.[Gedichte von Lenz]85
IV.[Göthe’s ursprüngliche Uebersetzung der Ossianischen Gesänge von Selma]95
V.[Gedichte von Göthe an Friedericke]109
[Fac simile von Göthe.]

Das Titelbild stellt das Sesenheimer Pfarrhaus vor, wie es zu Göthe’s Zeit und noch bis vor wenigen Jahren stand; es ist von der Hofseite genommen; das untere Zimmer links am Garten, war die Wohnstube; das letzte obere, rechts, das Fremdenzimmer, von Göthe bewohnt. Das Bild ist nach einem Oelgemälde gemacht, das ein Freund des Herausgebers verfertigt; nach demselben ist auch der Holzschnitt in Lewald’s Europa genommen.

D. H.

[I. Lenz im Elsaß.]


„Er stößt mich eben so sehr ab, als er mich anzieht; so zart, rührend, kräftig, ja groß er zu Zeiten sein kann, so klein, widerwärtig und roh erscheint er dann wieder, und zwar aus Willkür, um mit dem Enthusiasmus ein verhöhnendes Spiel, und mit dem Spiele selbst ein anderes, ganz außer der Poesie liegendes zu treiben, welches dieses und jede Poesie vernichtet.“

L. Tieck, Einleitung zu Lenz’s Schriften.

Jakob Michael Reinhold Lenz wurde zu Seßwigen in Liefland den 12. Jänner 1750 geboren. Er studirte 1768 in Königsberg, und begab sich von da aus nach Berlin, wo er mit Ramler und Nicolai verkehrte. Im Jahr 1771 begleitete er einen jungen Edelmann, Herrn von Kleist, nach der damals weit berühmten, alten Universität Straßburg. Hier verband er sich auf’s Innigste mit seinem guten Sokrates, dem freundlichen, gemüthreichen Aktuarius Salzmann[2], von welchem Göthe und Jung-Stilling in ihren Selbstbiographien mit so vieler Ehrfurcht sprechen. Salzmann hatte einen Kreis talentvoller Jünglinge um sich her versammelt, deren literarische Arbeiten er leitete. Die heiterste Lebensphilosophie, verbunden mit reichen, vielseitigen Kenntnissen, einem richtigen Blick und feinem Geschmacke gewannen ihm bald alle Herzen. Besonders Lenz, dessen Geist sich in diesem Zirkel schwärmerisch allen Eindrücken des Schönen aufschloß, gewann ihn für das Leben lieb. Auch Herder, Stilling und Lerse lernte er hier kennen, und was für sein Dichten von bedeutenderm Einflusse war, Göthe. Es gieng ihm eine neue, schönere Welt auf. Shakspeare namentlich übte auf die jungen Gemüther einen mächtigen Zauber aus. Göthe äußert sich in dieser Hinsicht also: „Will jemand unmittelbar erfahren, was damals in dieser lebendigen Gesellschaft gedacht, gesprochen und verhandelt worden, der lese den Aufsatz Herder’s über Shakspeare, in dem Heft von deutscher Art und Kunst; ferner Lenzens Bemerkungen über das Theater, denen eine Uebersetzung von Lowe’s labours lost hinzugefügt war. Herder dringt in das Tiefere von Shakspeare’s Wesen und stellt es herrlich dar; Lenz beträgt sich mehr bilderstürmerisch gegen die Herkömmlichkeit des Theaters, und will denn eben all und überall nach Shakspeare’scher Weise gehandelt haben. Da ich diesen so talentvollen als seltsamen Menschen hier zu erwähnen veranlaßt werde, so ist wohl der Ort, versuchsweise, einiges über ihn zu sagen. Ich lernte ihn erst gegen das Ende meines Straßburger Aufenthaltes kennen. Wir sahen uns selten; seine Gesellschaft war nicht die meine, aber wir suchten doch Gelegenheit uns zu treffen, und theilten uns einander gern mit, weil wir, als gleichzeitige Jünglinge, ähnliche Gesinnungen hegten. Klein, aber nett von Gestalt, ein allerliebstes Köpfchen, dessen zierlicher Form etwas abgestumpfte Züge vollkommen entsprachen; blaue Augen, blonde Haare, kurz ein Persönchen, wie mir unter nordischen Jünglingen von Zeit zu Zeit eins begegnet ist; einen sanften, gleichsam vorsichtigen Schritt, eine angenehme nicht ganz fließende Sprache, und ein Betragen, das zwischen Zurückhaltung und Schüchternheit sich bewegend, einem jungen Manne gar wohl anstand. Kleinere Gedichte, besonders seine eigenen, las er sehr gut vor, und schrieb eine fließende Hand. Für seine Sinnesart wüßte ich nur das englische Wort whimsical, welches, wie das Wörterbuch ausweist, gar manche Seltsamkeiten in Einem Begriff zusammenfaßt. Niemand war vielleicht eben deßwegen fähiger als er, die Abschweifungen und Auswüchse des Shakspear’schen Genies zu empfinden und nachzubilden. Die obengedachte Uebersetzung giebt ein Zeugniß hievon. Er behandelt seinen Autor mit großer Freiheit, ist nichts weniger als knapp und treu, aber er weiß sich die Rüstung oder vielmehr die Possenjacke seines Vorgängers so gut anzupassen, sich seinen Gebärden so humoristisch gleichzustellen, daß er demjenigen, den solche Dinge anmutheten, gewiß Beifall abgewann.“

Im Sommer 1772 verließ Lenz Straßburg und zog mit Herrn von Kleist nach Fort-Louis, einer jetzt zerstörten Inselfestung auf dem Rheine. In der Nähe liegt Sesenheim; Lenz machte die Bekanntschaft des Pfarrers Brion[3], und wurde von der patriarchalischen Familie auf’s Freundschaftlichste aufgenommen. Friedericke’s liebliche Gestalt trat ihm entgegen und fesselte ihn mit unauflöslichen Banden. Er trank einen vollen Kelch der süßesten Wonne, die sich leider in der Folge in den bittersten Schmerz verwandelte und seine Seele mit jenem tiefen Gram erfüllte, der sie verzehrte. Der Gedanke an Sie absorbirte ihn ganz; in ihm giengen alle andern Gedanken unter und nur das Studium seiner beiden Lieblingsdichter Plautus und Shakspeare, die er mit schwärmerischer Verehrung las, studirte und bearbeitete, brachte ihn wieder, auf Augenblicke wenigstens, zu sich selbst zurück. Sein Sinnen und Dichten, in Licht und Schatten, sind aus seinem Gemüthszustande in jener Zeit erklärlich. Gegen das Spätjahr 1772 begab sich Lenz nach Landau, und kehrte hierauf, wie es schien, mit erneuetem Lebensmuthe nach Straßburg zurück, wo er, einige Zwischenreisen ausgenommen, bis in den März 1776 blieb.

Salzmann hatte den 2. November 1775 eine neue Gesellschaft „zur Ausbildung der deutschen Sprache“ gegründet. Das Protokoll der Sitzungen beginnt also: „Den 2. November des Jahres 1775 ist unter göttlichem Beistande zu der Eröffnung einer Gesellschaft deutscher Sprache in dem Hause des Herrn Aktuarius Salzmann, gegenüber dem Rathhause, Nachmittags um 3 Uhr, geschritten worden.“ Lenz hielt, als Sekretär, eine Anrede an die Mitglieder „über die Vortheile einer Verbindung dieser Art zu einer hoffentlich zu erwartenden allgemeinen deutschen Sprache“, und hat darin zu zeigen gesucht, wie sehr eine Provinz von ihren Rechten vergebe, wenn sie die Ausbildung des sogenannten Hochdeutschen, einer einzigen Provinz oder einem einzigen Kreise Deutschlands überließe. Tieck hat diese Anrede aufbewahrt (Lenz, Schriften Th. II. S. 326 u. ff.). Lenz war das thätigste Mitglied dieses Vereins, mit dem er auch Michaelis von Göttingen und Schlosser von Emmendingen, in Verbindung brachte. Er gab folgende Beiträge, von welchen sich die mit * bezeichneten in Tieck’s Ausgabe seiner Schriften vorfinden:

1.*Anrede an die Gesellschaft (S. oben).
2.*Vorzüge der deutschen vor der französischen Sprache.
3.*Ueber die Bearbeitung der deutschen Sprache im Elsaß, Breisgau und den benachbarten Gegenden.
4.Nachahmung von Plautus Captirei.
5.*Die beiden Alten, ein Familiengemälde (dramatisch), nach einer Zeitungsanekdote.
6.Ballade aus Dodley’s Sammlung altenglischer Gedichte.
7.*Neujahrsgedicht.
8.*Etwas über die Veränderung des Theaters beim Shakspeare.
9.Etwas über den Charakter des Sokrates, aus dem Xenophon.
10.Briefe über die Moralität des jungen Werthers.
11.Koriolan von Shakspeare.

Die merkwürdigsten unter den übrigen Mitgliedern waren, außer Salzmann, der das Präsidium führte, Magister Leypold[4] (1730 zu Straßburg geboren, gestorben als Professor am Gymnasium daselbst 1792), ein Schützling Schöpflin’s, auf dessen Veranlassung er gelehrte Reisen nach Italien, der Schweiz und nach Holland machte; ein gründlicher Philologe und geschmackvoller Dichter; als Republikaner eifrig und seine Schüler für wahre Vaterlandsliebe begeisternd; übrigens ein Original, von dem noch jetzt die drolligsten Anekdoten kreisen. Er trug in der Gesellschaft eine Charakteristik von Sebastian Brant’s Narrenschiff vor. — Dr. J. Lorenz Blessig, Professor der Theologie (gestorben 1816), als anregender Lehrer der akademischen Jugend und geistlicher Redner ausgezeichnet. — Der gelehrte, geistreiche Dr. Isaac Haffner (gest. 1831), zuletzt Dekan der theologischen Fakultät zu Straßburg, dessen Predigten, hinsichtlich der Form, als klassische Muster anerkannt sind. — Johannes von Türkheim, dessen Geschichte von Hessen, in drei Theilen, berühmt geworden. — Otto, ein Gehülfe des Philologen Brunk, ein Mann von großem politischem Einflusse; zuletzt französischer Gesandter in London. — Schönfeld, ein Komponist und launiger Knittelversemacher. — Leopold Wagner (geb. zu Straßburg 1747, gest. 1779), ein Kraftgenie, mit der Lenzischen Muse verwandt. Göthe hat ihn im Faust verewigt, es ist der Famulus Wagner. Er hat mehrere Dramen geschrieben, voller Excentrität und gräulicher Scenen: „die Kindesmörderin“ (1776), deren Stoff er Göthe weggenommen hat; „die Reue nach der That“ (1775); Gervinus hält ihn auch für den Verfasser des kleinen Nachspiels „die frohe Frau“ (1775).[5] — Graf Ramond, aus Kolmar, gestorben als Staatsrath und Präfekt der obern Pyrenäen. Als Schriftsteller zeichnete er sich durch sein (im Geiste von Shakspeare und von Göthe’s Götz von Berlichingen geschriebenen) guerre d’Alsace, einem historischen Drama (Bâle 1780), und durch les dernières aventures du jeune d’Olban, fragment des amours alsaciennes (Yverdun 1777) aus. Ramond kann als Vorläufer der romantischen Schule Frankreichs gelten. Er schloß sich namentlich an Lenz an, dem die letztere Schrift zugeeignet ist, und mit dem er in seiner leidenschaftlichen Liebe zu Shakspeare sympathisirte. — Als Mitglieder der Gesellschaft kommen noch vor: Breu, Lobstein, Meyer, Müller, Fries, Röderer und Corvinus.[6]

Im Frühjahr 1776 verließ Lenz Straßburg und hielt sich in Weimar auf, wo er mit Göthe umgieng und mit Herder und Wieland näher bekannt wurde.

Wie von einem unvermeidlichen Schicksale getrieben, kam er aber gegen das Ende des folgenden Jahres wieder in das Elsaß. Nun brach sein oft in dumpfes Hinbrüten, in bange Schwermuth versunkenes Gemüth in vollen Wahnsinn aus, der zuweilen zur unbändigsten Raserei wurde. Er irrte im tiefen Winter, in Schnee und Wind, durch die Vogesen und kam im Jänner 1778, in seinem Aeußern aufs Höchste vernachläßigt und die traurigsten Spuren der Verirrung tragend, nach Waldbach, in’s Steinthal, wo der würdige Pfarrer Oberlin ihn mit hingebender Liebe aufnahm. Nachfolgender Aufsatz, der sich in Oberlin’s Papieren vorfand, mag dem Leser die herzzerreißenden Scenen, die während Lenz’s Aufenthalt im Steinthale vorfielen, schildern.[7]

„Den 20. Januar 1778 kam er hieher. Ich kannte ihn nicht. Im ersten Blick sah ich ihn, den Haaren und hängenden Locken nach für einen Schreinergesellen an; seine freimüthige Manier aber zeigte bald, daß mich die Haare betrogen hatten. — „Seien Sie willkommen, ob Sie mir schon unbekannt.“ — „ich bin ein Freund K...’s[8] und bringe ein Compliment von ihm.“ — „Der Name, wenn’s beliebt?“ — „Lenz.“ — „Ha, ha, ist er nicht gedruckt?“ (Ich erinnerte mich einige Dramen gelesen zu haben, die einem Herrn dieses Namens zugeschrieben wurden.) Er antwortete: „Ja; aber belieben sie mich nicht darnach zu beurtheilen.“

Wir waren vergnügt unter einander; er zeichnete uns verschiedene Kleidungen der Russen und Liefländer vor; wir sprachen von ihrer Lebensart, u. s. w. Wir logirten ihn in das Besuchzimmer im Schulhause.

Die darauf folgende Nacht hörte ich eine Weile im Schlaf laut reden, ohne daß ich mich ermuntern konnte. Endlich fuhr ich plötzlich zusammen, horchte, sprang auf, horchte wieder. Da hörte ich mit Schulmeisterstimme laut sagen: Allez donc au lit — qu’est-ce que c’est que ça — hé dans l’eau par un temps si froid! — Allez, allez au lit.

Eine Menge Gedanken durchdrangen sich in meinem Kopf. Vielleicht, dachte ich, ist er ein Nachtwandler und hatte das Unglück in die Brunnbütte zu stürzen; man muß ihm also Feuer, Thee machen, um ihn zu erwärmen und zu trocknen. Ich warf meine Kleider um mich und hinunter an das Schulhaus. Schulmeister und seine Frau, noch vor Schrecken blaß, sagten mir: Herr Lenz hätte die ganze Nacht nicht geschlafen, wäre hin und her gegangen, auf’s Feld hinter dem Hause, wieder herein, endlich hinunter an den Brunnentrog, streckte die Hände ins Wasser, stieg auf den Trog, stürzte sich hinein und plattscherte drin wie eine Ente; sie, Schulmeister und seine Frau, hatten gefürchtet, er wolle sich ertränken, riefen ihm zu — er wieder aus dem Wasser, sagte, er wäre gewohnt sich im kalten Wasser zu baden, und gieng wieder auf sein Zimmer. — Gottlob, sagte ich, daß es weiter nichts ist; Herr K... liebt das kalte Bad auch, und Herr L... ist ein Freund von Herrn K...

Das war für uns Alle der erste Schreck; ich eilte zurück um meine Frau auch zu beruhigen.

Von dem an verrichtete er, auf meine Bitten, sein Baden mit mehrerer Stille.

Den 21sten ritt er mit mir nach Belmont, wo wir die allgemeine Großmutter, die 176 Abstämmlinge erlebt, begruben. Daheim communicirte er mir mit einer edeln Freimüthigkeit, was ihm an meinem Vortrag u. s. w. mißfallen; wir waren vergnügt bei einander, es war mir wohl bei ihm; er zeigte sich in allem als ein liebenswürdiger Jüngling.

Herr K... hatte mir sagen lassen: er würde, seiner Braut das Steinthal zu zeigen, zu uns kommen und einen Theologen mitbringen, der gerne hier predigen möchte.

Ich bin nun bald eilf Jahre hier; anfangs waren meine Predigten vortrefflich, nach dem Geschmacke der Steinthaler. Seitdem ich aber dieser guten Leute Fehler kenne und ihre äußerste Unwissenheit in Allem, und besonders in der Sprache selbst, in der man ihnen predigt, und ich mich daher so tief mir immer möglich herunterlassen und dem mir nun bekannten Bedürfniß meiner Zuhörer gemäß zu predigen mich bemühe, seitdem hat man beständig daran auszusetzen. Bald heißt es: ich wäre zu scharf; bald: so könne es Jeder; bald: meine Mägde hätten mir meine Predigt gemacht u. s. w. Ueberdieß macht mir das Predigen oft mehr Mühe als alle andern Theile meines Amtes zusammengenommen. Ich bin daher herzlich froh, wann bisweilen jemand anders für mich predigen will.

Herr L..., nachdem er die Schulen der Conductrices und Anderes in Augenschein genommen, und er mir seine Gedanken freimüthig über Alles mitgetheilt, äußerte mir seinen Wunsch für mich zu predigen. Ich fragte ihn, ob er der Theolog wäre, von dem mir Herr K... hätte sagen lassen? „Ja,“ sagte er, und ich ließ mir’s, um obiger Ursachen willen, gefallen; es geschah den darauf folgenden Sonntag, den 25sten. Ich gieng vor den Altar, sprach die Absolution, und Herr L... hielt auf der Kanzel eine schöne Predigt, nur mit etwas zu vieler Erschrockenheit. Herr K... war mit seiner Braut auch in der Kirche. Sobald er konnte, bat er mich, mit ihm besonders zu gehen, und fragte mich mit bedeutender Miene, wie sich Herr L... seitdem betragen und was wir mit einander gesprochen hätten. Ich sagte ihm, was ich noch davon wußte; Herr K... sagte: es wäre gut. Bald darauf war er auch mit Herrn L... allein. Es kam mir dieß alles etwas bedenklich vor, wollte da nicht fragen, wo ich sah, daß man geheimnißvoll wäre, nahm mir aber vor, meinen Unterricht weiter zu suchen.

Herr K... lud mich freundschaftlich ein, mit ihm zu seiner Hochzeit in die Schweiz zu gehen. So gern ich längst die Schweiz gesehen, einen Lavater, einen Pfenninger und andere Männer gekannt und gesprochen hätte, so sehr meinem Leibe und Gemüthe (ich hatte einige harte Monate gehabt), eine Aufmunterung und Stärkung durch eine Reise wünschbar war, so unübersteigliche Hindernisse fand ich auf allzuvielen Seiten. Herr K... räumte einen großen Theil durch Mittheilung seines Reiseplanes aus dem Wege: ich überlegte den Rest und fand Möglichkeit.

Am Montag, den 26sten, nachdem ich meine letzten damaligen Patienten begraben hatte, gieng ich den nächsten Weg über Rhein. Herr L... sollte die Kanzel und mein Herr Amtsbruder die eigentlichen Actus pastorales, die den damaligen Umständen nach sparsam oder gar nicht vorkommen sollten, versehen.

Ich kam nicht weiter als bis nach Köndringen und Emmendingen, wo ich Herrn Sander, und am zweiten Ort, Herrn Schlosser zum ersten Mal sah und besprach; sodann über Breisach nach Kolmar, wo ich Herrn Pfeffel und Lerse kennen lernte; und zurück ins Steinthal.

Ich hatte nun hinlänglichen Unterricht in Ansehung Herrn L... bekommen, und übrigens so viel Satisfaction von meiner Reise, daß, so rar bei einem Steinthaler Pfarrer das Geld ist, ich sie nicht um hundert Thaler gebe.

Ueber meine unvermuthete Rückkunft war Herr L... betroffen und etwas bestürzt, meine Frau aber entzückt, und bald darauf, nach einiger Unterredung, auch Herr L...

Ich hörte, daß in meiner Abwesenheit Vieles, auf Herrn L...’s Umstände Passendes und für ihn Nützliches, gesprochen worden, ohngeachtet meine Frau die Umstände selbst, die ich erst auf meiner Reise erfuhr, nicht wußte.

Ich erfuhr ferner, daß Herr L..., nach vorhergegangenen eintägigen Fasten, Bestreichung des Gesichtes mit Asche, Begehrung eines alten Sackes, den 3. Hornung ein zu Fouday so eben verstorbenes Kind, das Friedericke hieß, aufwecken wollte, welches ihm aber fehlgeschlagen.

Er hatte eine Wunde am Fuß hieher gebracht, die ihn hinken machte und ihn nöthigte hier zu bleiben. Meine Frau verband sie ihm täglich, und man konnte baldige Heilung hoffen. Durch das unruhige Hin- und Herlaufen aber, da er das Kind erwecken wollte, verschlimmerte sich die Wunde so sehr, daß man die Entzündung mit erweichenden Aufschlägen wahren mußte. Auf unsre und Herrn K...’s häufige Vorstellungen hatte er sein Baden eingestellt, um die Heilung der Wunde zu befördern. In der Nacht aber, zwischen dem 4. und 5. Hornung, sprang er wieder in den Brunnentrog, mit heftiger Bewegung, um, wie er nachher gestand, die Wunde auf’s Neue zu verschlimmern.

Seit Herrn K...’s Besuch logirte Herr L... nicht mehr im Schulhaus, sondern bei uns in dem Zimmer über der Kindsstube. Den Tag hindurch war er auf meiner Stube, wo er sich mit Zeichnen und Malen der Schweizergegenden, mit Durchblättern und Lesen der Bibel, mit Predigtschreiben, und Unterredung mit meiner Frau beschäftigte.

Den 5. Hornung kam ich von meiner Reise zurück; er war, wie ich oben gesagt, anfangt darüber bestürzt, und bedauerte sehr, daß ich nicht in der Schweiz gewesen. Ich erzählte ihm, daß Herr Hofrath Pfeffel die Landgeistlichen so glücklich schätzt, und ihren Stand beneidenswerth hält, weil er so unmittelbar zur Beglückung des Nächsten aufweckt. Es machte Eindruck auf ihn. Ich bediente mich dieses Augenblicks, ihn zu ermahnen, sich dem Wunsche seines Vaters zu unterwerfen, sich mit ihm auszusöhnen u. s. w.

Da ich bei manchen Gelegenheiten wahrgenommen, daß sein Herz von fürchterlicher Unruhe gemartert wurde, sagte ich ihm, er würde sodann wieder zur Ruhe kommen, und schwerlich eher, denn Gott wüßte seinem Worte: „Ehre Vater und Mutter,“ Nachdruck zu geben u. s. w.

Alles, was ich sagte, waren nur meistens Antworten auf abgebrochene, oft schwer zu verstehende Worte, die er in großer Beklemmung seines Herzens ausstieß. Ich merkte, daß er bei Erinnerung gethaner, mir unbekannter, Sünde schauderte, an der Möglichkeit der Vergebung verzweifelte; ich antwortete ihm darauf; er hob seinen niederhängenden Kopf auf, blickte gen Himmel, rang die Hände, und sagte: „Ach! ach! göttlicher Trost — ach — göttlich, o — ich bete — ich bete an!“ Er sagte mir sodann ohne Verwirrung, daß er nun Gottes Regierung erkenne und preise, die mich so bald, ihn zu trösten, wieder heimgeführt.

Ich gieng im Zimmer hin und her, packte aus, legte in Ordnung, stellte mich zu ihm hin. Er sagte mit freundlicher Miene: „Bester Herr Pfarrer, können Sie mir doch nicht sagen, was das Frauenzimmer macht, dessen Schicksal mir so zentnerschwer auf dem Herzen liegt?“ Ich sagte ihm, ich wisse von der ganzen Sache nichts, ich wolle ihm in allem, was ihn wahrhaft beruhigen könne, aus allen Kräften dienen, er müßte mir aber Ort und Personen nennen. Er antwortete nicht, stand in der erbärmlichsten Stellung, redete gebrochene Worte: „Ach! ist sie todt? Lebt sie noch? — Der Engel, sie liebte mich — ich liebte sie, sie war’s würdig — o, der Engel! — Verfluchte Eifersucht! ich habe sie aufgeopfert — sie liebte noch einen Andern — aber sie liebte mich — ja herzlich — aufgeopfert — die Ehe hatte ich ihr versprochen, hernach verlassen — o, verfluchte Eifersucht — — O, gute Mutter! auch die liebte mich — ich bin euer Mörder!“

Ich antwortete wie ich konnte, sagte ihm unter Anderm, vielleicht lebten diese Personen alle noch, und vielleicht vergnügt; es mag sein wie es wolle, so könnte und würde Gott, wenn er sich zu ihm bekehrt haben würde, diesen Personen auf sein Gebet und Thränen, so viel Gutes erweisen, daß der Nutzen, den sie sodann von ihm hätten, den Schaden, so er ihnen zugefügt, leicht und vielleicht weit überwiegen würde. — Er wurde jedoch nach und nach ruhiger und gieng an sein Malen.

Herr C... hatte mir zu Emmendingen einige in Papier gepackte Gerten nebst einem Brief für ihn mitgegeben. Eines Males kam er zu mir; auf der linken Schulter hatte er ein Stück Pelz, so ich, wenn ich mich der Kälte lange aussetzen muß, auf den Leib zu legen gewohnt bin. In der Hand hielt er die noch eingepackten Gerten; er gab sie mir, mit Begehren, ich solle ihn damit herumschlagen. Ich nahm die Gerten aus seiner Hand, drückte ihm einige Küsse auf den Mund und sagte: dieß wären die Streiche, die ich ihm zu geben hätte, er möchte ruhig sein, seine Sachen mit Gott allein ausmachen; alle möglichen Schläge würden keine einzige seiner Sünden tilgen, dafür hätte Jesus gesorgt, zu dem möchte er sich wenden. Er gieng.

Beim Nachtessen war er etwas tiefsinnig. Doch sprachen wir von allerlei. Wir giengen endlich vergnügt von einander und zu Bette. — Um Mitternacht erwachte ich plötzlich; er rannte durch den Hof, rief mit harter, etwas hohler Stimme einige Sylben, die ich nicht verstand; seitdem ich aber weiß, daß seine Geliebte Friedericke[9] hieß, kommt es mir vor, als ob es dieser Name gewesen wäre, — mit äußerster Schnelle, Verwirrung und Verzweiflung ausgesprochen. Er stürzte sich, wie gewöhnlich, in den Brunnentrog, patschte drin, wieder heraus und hinauf in sein Zimmer, wieder hinunter in den Trog, und so einige Mal — endlich wurde er still. Meine Mägde, die in dem Kindsstübchen unter ihm schliefen, sagten, sie hätten oft, insonderheit aber in selbiger Nacht, ein Brummen gehört, das sie mit nichts als mit dem Ton einer Habergeise zu vergleichen wüßten. Vielleicht war es sein Winseln mit hohler, fürchterlicher, verzweifelnder Stimme.

Freitag den 6ten, den Tag nach meiner Zurückkunft, hatte ich beschlossen, nach Rothau zu Herrn Pfarrer Schweighäuser zu reiten. Meine Frau gieng mit. Sie war schon fort, und ich im Begriff auch abzureisen. Aber welch ein Augenblick! Man klopft an meiner Thüre, und Herr L... tritt herein mit vorwärts gebogenem Leibe, niederwärts hängendem Haupt, das Gesicht über und über und das Kleid hier und da mit Asche verschmiert, mit der rechten Hand an dem linken Arm haltend. Er bat mich, ihm den Arm zu ziehen, er hätte ihn verrenkt, er hätte sich vom Fenster heruntergestürzt; weil es aber Niemand gesehen, möcht’ ich’s auch Niemand sagen.

Ich that was er wollte, und schrieb eilends an Sebastian Scheidecker, Schullehrer von Bellefosse, er solle herunter kommen, Herrn L... hüten. Ich eilte fort. Sebastian kam und richtete seine Commission unvergleichlich aus, stellte sich, als ob er mit uns hätte reden wollen, sagte ihm, daß, wenn er wüßte, daß er ihm nicht überlästig oder von etwas abhielte, wünschte er sehr, einige Stunden in seiner Gesellschaft zu seyn. Herr L... nahm es mit besonderem Vergnügen an, und schlug einen Spaziergang nach Fouday vor, — gut. Er besuchte das Grab des Kindes, das er hatte erwecken wollen, kniete zu verschiedenen Malen nieder, küßte die Erde des Grabes, schien betend, doch mit großer Verwirrung, riß etwas von der auf dem Grabe stehenden Krone ab, als ein Andenken, gieng wieder zurück gen Waldersbach,[10] kehrte wieder um, und Sebastian immer mit. Endlich mochte Herr L... die Absicht seines Begleiters errathen; er suchte Mittel ihn zu entfernen. Sebastian schien ihm nachzugeben, fand aber heimlich Mittel, seinen Bruder Martin von der Gefahr zu benachrichtigen, und nun hatte Herr L... zween Aufseher statt einen. Er zog sie wacker herum; endlich gieng er nach Waldersbach zurück, und da sie nahe am Dorf waren, kehrte er wie ein Blitz um, und sprang, ungeachtet seiner Wunde am Fuß, wie ein Hirsch gen Fouday zurück. Sebastian kam zu uns, um das Vorgegangene zu berichten, und sein Bruder setzte dem Kranken nach. Indem er ihn zu Fouday suchte, kamen zwei Krämer und erzählten ihm, man hätte in einem Hause einen Fremden gebunden, der sich für einen Mörder ausgäbe, und der Justiz ausgeliefert sein wollte, der aber gewiß kein Mörder sein könne. Martin lief in das Haus und fand es so; ein junger Mensch hatte ihn, auf sein ungestümes Anhalten, in der Angst gebunden. Martin band ihn los und brachte ihn glücklich nach Waldersbach. Er sah verwirrt aus; da er aber sah, daß ich ihn wie immer freundschaftlich und liebreich empfieng und behandelte, bekam er wieder Muth, sein Gesicht veränderte sich vortheilhaftig, er dankte seinen beiden Begleitern freundlich und zärtlich, und wir brachten den Abend vergnügt zu.

Ich bat ihn inständig nicht mehr zu baden, die Nacht ruhig im Bette zu bleiben, und wann er nicht schlafen könnte, sich mit Gott zu unterhalten u. s. w. Er versprach’s, und wirklich that er’s die folgende Nacht; unsere Mägde hörten ihn fast die ganze Nacht hindurch beten.

Den folgenden Morgen, Samstag den 7ten, kam er mit vergnügter Miene auf mein Zimmer. Ich hoffte, wir würden bald am Ende unserer gegenseitigen Qual seyn; aber leider der Erfolg zeigte was anders.

Nachdem wir Verschiedenes gesprochen hatten, sagte er mir mit ausnehmender Freundlichkeit: „Liebster Herr Pfarrer, das Frauenzimmer, von dem ich ihnen sagte, ist gestorben, ja gestorben — o, der Engel!“ — Woher wissen Sie das? — „Hieroglyphen — Hieroglyphen!“ — und dann gen Himmel geschaut und wieder: „Ja — gestorben — Hieroglyphen!“ — Er schrieb einige Briefe, gab mir sie sodann zu, mit Bitte, ich möchte noch selbst einige Zeilen darunter setzen.

Ich hatte mit einer Predigt zu thun und steckte die Briefe indessen in meine Tasche. In dem einen an eine adelige Dame in W. schien er sich mit Abadonna zu vergleichen; er redete von Abschied. — Der Brief war mir unverständlich, auch hatte ich nur einen Augenblick Zeit ihn zu übersehen, eh ich ihn von mir gab. In dem andern an die Mutter seiner Geliebten, sagt er, er könne ihr dießmal nicht mehr sagen, als daß ihre Friedericke nun ein Engel sey und sie würde Satisfaktion bekommen.

Der Tag gieng vergnügt und gut hin. Gegen Abend wurde ich nach Bellefosse zu einem Patienten geholt. Da ich zurückkam, kam mir Herr L... entgegen. Es war gelind Wetter und Mondschein. Ich bat ihn, nicht weit zu gehen und seines Fußes zu schonen. Er versprach’s.

Ich war nun auf meinem Zimmer und wollte ihm Jemand nachschicken, als ich ihn die Stieg herauf in sein Zimmer gehen hörte. Einen Augenblick nachher platzte etwas im Hof mit so starkem Schall, daß es mir unmöglich von dem Fall eines Menschen herkommen zu können schien. Die Kindsmagd kam todtblaß und am ganzen Leibe zitternd zu meiner Frau: Herr L... hätte sich zum Fenster hinausgestürzt. Meine Frau rief mir mit verwirrter Stimme — ich sprang heraus, und da war Herr L... schon wieder in seinem Zimmer.

Ich hatte nur einen Augenblick Gelegenheit einer Magd zu sagen: «Vite, chez l’homme juré, qu’il me donne deux hommes,» und hierauf zu Herrn Lenz.

Ich führte ihn mit freundlichen Worten auf mein Zimmer; er zitterte vor Frost am ganzen Leibe. Am Oberleib hatte er nichts an als das Hemd, welches zerrissen und sammt der Unterkleidung über und über kothig war. Wir wärmten ihm ein Hemd und Schlafrock und trockneten die seinigen. Wir fanden, daß er in der kurzen Zeit, die er ausgegangen war, wieder mußte versucht haben sich zu ertränken, aber Gott hatte auch da wieder gesorgt. Seine Kleidung war durch und durch naß.

Nun, dachte ich, hast du mich genug betrogen, nun mußt du betrogen, nun ist’s aus, nun mußt du bewacht seyn. Ich wartete mit großer Ungeduld auf die zwei begehrten Mann. Ich schrieb indessen an meiner Predigt fort und hatte Herrn L... am Ofen, einen Schritt weit von mir sitzen. Keinen Augenblick traute ich von ihm, ich mußte harren. Meine Frau, die um mich besorgt war, blieb auch. Ich hätte so gerne wieder nach den begehrten Männern geschickt, konnte aber durchaus nicht mit meiner Frau oder sonst Jemand davon reden; laut, hätte er’s verstanden, heimlich, das wollten wir nicht, weil die geringste Gelegenheit zu Argwohn auf solche Personen allzu heftig Eindruck macht. Um halb neun giengen wir zum Essen; es wurde, wie natürlich, wenig geredet; meine Frau zitterte vor Schrecken und Herr L... vor Frost und Verwirrung.

Nach kaum viertelstündigem Beisammensitzen fragte er mich, ob er nicht hinauf in mein Zimmer dürfte? — Was wollen sie machen, mein Lieber? — etwas lesen — gehen Sie in Gottes Namen; — er gieng, und ich, mich stellend, als ob ich genug gegessen, folgte ihm.

Wir saßen; ich schrieb, er durchblätterte meine französische Bibel mit furchtbarer Schnelle, und ward endlich stille. Ich gieng einen Augenblick in die Stubkammer, ohne im allergeringsten mich aufzuhalten, nur etwas zu nehmen, das in dem Pult lag. Meine Frau stand inwendig in der Kammer an der Thür und beobachtete Herrn L...; ich faßte den Schritt wieder herauszugehen, da schrie meine Frau mit gräßlicher, hohler, gebrochener Stimme: „Herr Jesus, er will sich erstechen!“ In meinem Leben habe ich keinen solchen Ausdruck eines tödtlichen, verzweifelten Schreckens gesehen, als in dem Augenblick, in den verwilderten, gräßlich verzogenen Gesichtszügen meiner Frau.

Ich war haußen. — Was wollen Sie doch immer machen, mein Lieber? — Er legte die Scheere hin. — Er hatte mit scheußlich starren Blicken umher geschaut, und da er Niemand in der Verwirrung erblickte, die Scheere still an sich gezogen, mit fest zusammengezogener Faust sie gegen das Herz gesetzt, alles dieß so schnell, daß nur Gott den Stoß so lange aufhalten konnte, bis das Geschrei meiner Frau ihn erschreckte und etwas zu sich selber brachte. Nach einigen Augenblicken nahm ich die Scheere, gleichsam als in Gedanken und wie ohne Absicht auf ihn, hinweg; dann, da er mich feierlich versichern wollte, daß er sich nicht damit umzubringen gedacht hätte, wollte ich nicht thun, als wenn ich ihm gar nicht glaubte.

Weil alle vorigen Vorstellungen wider seine Entleibungssucht nichts bei ihm gefruchtet hatten, versuchte ich’s auf eine andere Art. Ich sagte ihm: Sie waren bei uns durchaus ganz fremd, wir kannten sie ganz und gar nicht; ihren Namen haben wir ein einzigmal aussprechen hören, ehe wir Sie gekannt; wir nahmen Sie mit Liebe auf, meine Frau pflegte Ihren kranken Fuß mit so großer Geduld, und Sie erzeigen uns so viel Böses, stürzen uns aus einem Schrecken in den andern. — Er war gerührt, sprang auf, wollte meine Frau um Verzeihung bitten; sie aber fürchtete sich nun noch so viel vor ihm, sprang zur Thüre hinaus; er wollte nach, sie aber hielt die Thüre zu. — Nun jammerte er, er hätte meine Frau umgebracht, das Kind umgebracht, so sie trage; Alles, Alles bring’ er um, wo er hin käme. — Nein, mein Freund, meine Frau lebt noch und Gott kann die schädlichen Folgen des Schreckens wohl hemmen, auch würde ihr Kind nicht davon sterben, noch Schaden leiden. — Er wurde wieder ruhiger. Es schlug bald zehn Uhr. Indessen hatte meine Frau in die Nachbarschaft um schleunige Hülfe geschickt. Man war in den Betten; doch kam der Schulmeister, that, als ob er mich etwas zu fragen hätte, erzählte mir etwas aus dem Kalender, und Herr L..., der indessen wieder munter wurde, nahm auch Theil am Discurs, wie wenn durchaus nichts vorgefallen wäre.

Endlich winkte man mir, daß die zwei begehrten Männer angekommen — o wie war ich so froh! Es war Zeit. Eben begehrte Herr L... zu Bette zu gehen. Ich sagte ihm: „Lieber Freund, wir lieben Sie, Sie sind davon überzeugt, und Sie lieben uns, das wissen wir eben so gewiß. Durch Ihre Entleibung würden Sie Ihren Zustand verschlimmern, nicht verbessern; es muß uns also an Ihrer Erhaltung gelegen seyn. Nun aber sind Sie, wenn Sie die Melancholie überfällt, Ihrer nicht Meister; ich habe daher zwei Männer gebeten in Ihrem Zimmer zu schlafen (wachen dachte ich), damit Sie Gesellschaft, und wo es nöthig, Hülfe hätten.“ Er ließ sich’s gefallen.

Man wundere sich nicht, daß ich so sagte, und mit ihm umgieng; er zeigte immer großen Verstand und ein ausnehmend theilnehmendes Herz; wenn die Anfälle der Schwermuth vorüber waren, schien alles so sicher und er selbst war so liebenswürdig, daß man sich fast ein Gewissen daraus machte, ihn zu argwohnen oder zu geniren. Man setze noch das zärtlichste Mitleiden hinzu, das seine unermeßliche Qual, deren Zeuge wir nun so oft gewesen, uns einflößen mußte. Denn fürchterlich und höllisch war es, was er ausstund, und es durchbohrte und zerschnitt mir das Herz, wenn ich an seiner Seite die Folgen der Principien, die so manche heutige Modebücher einflößen, die Folgen seines Ungehorsams gegen seinen Vater, seiner herumschweifenden Lebensart, seiner unzweckmäßigen Beschäftigungen, seines häufigen Umgangs mit Frauenzimmern, durchempfinden mußte. Es war mir schrecklich und ich empfand eigene, nie empfundene Marter, wenn er, auf den Knieen liegend, seine Hand in meiner, seinen Kopf auf meinem Knie gestützt, sein blasses, mit kaltem Schweiß bedecktes Gesicht in meinen Schlafrock verhüllt, am ganzen Leibe bebend und zitternd; wenn er so, nicht beichtete, aber die Ausflüsse seines gemarterten Gewissens und unbefriedigten Sehnsucht nicht zurückhalten konnte. — Er war mir um so bedauerungswürdiger, je schwerer ihm zu seiner Beruhigung beizukommen war, da unsere gegenseitigen Principien einander gewaltig zuwider, wenigstens von einander verschieden schienen.

Nun wieder zur Sache: Ich sagte, er ließ sich’s gefallen, zwei Männer auf seinem Zimmer zu haben. Ich begleitete ihn hinein. Der eine seiner Wächter durchschaute ihn mit starren, erschrockenen Augen. Um diesen etwas zu beruhigen, sagte ich dem Herrn L... nun vor den zwei Wächtern auf Französisch, was ich ihm schon auf meinem Zimmer gesagt hatte, nämlich, daß ich ihn liebte, so wie er mich; daß ich seine Erhaltung wünschte und wünschen müßte, da er selbst sähe, daß ihm die Anfälle seiner Melancholie fast keine Macht mehr über ihn ließen; ich hätte daher diese zwei Bürger gebeten bei ihm zu schlafen, damit er Gesellschaft und, im Fall der Noth, Hülfe hätte. Ich beschloß dieß mit einigen Küssen, die ich dem unglücklichen Jüngling von ganzem Herzen auf den Mund drückte, und gieng mit zerschlagenen, zitternden Gliedern zur Ruhe.

Da er im Bett war, sagte er unter Anderm zu seinen Wächtern: «Ecoutez, nous ne voulons point faire de bruit, si vous avez un couteau, donnez-le moi tranquillement et sans rien craindre.» Nachdem er oft deßwegen in sie gesetzt und nichts zu erhalten war, so fieng er an sich den Kopf an die Wand zu stoßen. Während dem Schlaf hörten wir ein öfteres Poltern, das uns bald zu-, bald abzunehmen schien, und wovon wir endlich erwachten. Wir glaubten, es wäre auf der Bühne, konnten aber keine Ursache davon errathen. — Es schlug drei, und das Poltern währte fort; wir schellten, um ein Licht zu bekommen; unsere Leute waren alle in fürchterlichen Träumen versenkt und hatten Mühe sich zu ermuntern. Endlich erfuhren wir, daß das Poltern von Herrn L... käme und zum Theil von den Wächtern, die, weil sie ihn nicht aus den Händen lassen durften, durch Stampfen auf den Boden Hülfe begehrten. Ich eilte auf sein Zimmer. So bald er mich sah, hörte er auf sich den Wächtern aus den Händen ringen zu wollen. Die Wächter ließen dann auch nach ihn festzuhalten. Ich winkte ihnen ihn frei zu lassen, saß auf sein Bette, redete mit ihm, und auf sein Begehren, für ihn zu beten, betete ich mit ihm. Er bewegte sich ein wenig, und einsmals schmiß er seinen Kopf mit großer Gewalt an die Wand; die Wächter sprangen zu und hielten ihn wieder.

Ich gieng und ließ einen dritten Wächter rufen. Da Herr L... den dritten sah, spottete er ihrer, sie würden alle drei nicht stark genug für ihn seyn.

Ich befahl nun in’s geheime mein Wäglein einzurichten, zu decken, noch zwei Pferde zu suchen zu dem meinigen, beschickte Seb. Scheidecker, Schullehrer von Bellefosse, und Johann David Bohy, Schullehrer von Solb, zween verständige, entschlossene Männer und beide von Herrn L... geliebt. Johann Georg Claude, Kirchenpfleger von Waldersbach, kam auch; es wurde lebendig im Haus, ob es schon noch nicht Tag war. Herr L... merkte was, und so sehr er bald List, bald Gewalt angewendet hatte los zu kommen, den Kopf zu zerschmettern, ein Messer zu bekommen, so ruhig schien er auf einmal.

Nachdem ich alles bestellt hatte, gieng ich zu Herrn L..., sagte ihm, damit er bessere Verpflegung nach seinen Umständen haben könnte, hätte ich einige Männer gebeten, ihn nach Straßburg zu begleiten, und mein Wäglein stünde ihm dabei zu Diensten.

Er lag ruhig, hatte nur einen einzigen Wächter bei sich sitzen. Auf meinen Vortrag jammerte er, bat mich nur noch acht Tage mit ihm Geduld zu haben (man mußte weinen, wenn man ihn sah). — Doch sprach er, er wolle es überlegen. Eine Viertelstunde darauf ließ er mir sagen: Ja, er wolle verreisen, stund auf, kleidete sich an, war ganz vernünftig, packte zusammen, dankte Jedem in’s Besondere auf das Zärtlichste, auch seinen Wächtern, suchte meine Frau und Mägde auf, die sich vor ihm versteckt und stille hielten, weil kurz vorher noch, so bald er nur eine Weiberstimme hörte oder zu hören glaubte, er in größere Wuth gerieth. Nun fragte er nach Allen, dankte Allen, bat Alle um Vergebung, kurz, nahm von Jedem so rührenden Abschied, daß Aller Augen in Thränen gebadet stunden.

Und so reiste dieser bedauerungswürdige Jüngling von uns ab, mit drei Begleitern und zwei Fuhrleuten. Auf der Reise wandte er nirgends keine Gewalt an, da er sich übermannt sah; aber wohl List, besonders zu Ensisheim, wo sie über Nacht blieben. Aber die beiden Schulmeister erwiederten seine listige Höflichkeit mit der ihrigen, und Alles gieng vortrefflich wohl aus.

So oft wir reden, wird von uns geurtheilt, will geschweigen, wenn wir handeln. Hier schon fällt man verschiedene Urtheile von uns; die Einen sagten: wir hätten ihn gar nicht aufnehmen sollen, — die Andern: wir hätten ihn nicht so lange behalten, — und die Dritten: wir hätten ihn noch nicht fortschicken sollen.

So wird es, denke ich, zu Straßburg auch sein. Jeder urtheilt nach seinem besonderen Temperament (und anders kann er nicht) und nach der Vorstellung, die er sich von der ganzen Sache macht; die aber unmöglich getreu und richtig sein kann, wenigstens mußten unendlich viele Kettengleiche darin fehlen, ohne die man kein richtig Urtheil fällen kann, die aber außer uns nur Gott bekannt seyn und werden können; weil es unmöglich wäre sie getreu zu beschreiben, und doch oft in einem Ton, in einem Blick, der nicht beschrieben werden kann, etwas steckt, das mehr bedeutet, als vorhergegangene erzählbare Handlungen.

Alles, was ich auf die nun, auch die zu erwartenden, einander zuwiderlaufenden, sich selbst bestreitenden Urtheile antworten werde, ist: Alles, was wir hierin gethan, haben wir vor Gott gethan, und so, wie wir jedesmal allen Umständen nach glaubten, daß es das Beste wäre.

Ich empfehle den bedauerungswürdigen Patienten der Fürbitte meiner Gemeinen und empfehle ihn in der nämlichen Absicht Jedem, der dieß liest.[11]


In Straßburg blieb Lenz einige Wochen und gieng sodann nach Emmendingen, wo er den Tod von Schlosser’s Gattin, Göthe’s Schwester, erfuhr, was seine reizbare Seele von Neuem heftig ergriff. „Lenz ist bei mir,“ schreibt Schlosser an Oberlin (2. März 1778) „und drückt mich erstaunlich. Ich habe gefunden, daß seine Krankheit eine wahre Hypochondrie ist. Ich habe ihm heut eine Proposition gethan, wodurch ich ihn gewiß curiren würde. Aber er ist wie ein Kind, keines Entschlusses fähig; ungläubig gegen Gott und Menschen. Zweimal hat er mir große Angst eingejagt; sonst ist er zwischen der Zeit ruhig. Ich würde Euch mit mehr Freiheit schreiben, wenn er nicht da wäre, aber er schlägt mich mit Fäusten und verengt mein armes Herz.“ Wie dankbar Lenz Schlosser’s freundschaftliche Bemühungen anerkannte, sagen folgende Verse, die aus jener Zeit herrühren:

Wie freundlich trägst du mich auf deinem grünen Rücken,
Uralter Rhein,
Wie suchest du mein Aug’ empfindlich zu erquicken
Durch Ufer voller Wein,
Und hab ich doch die tausend Lustgestalten
Tief im Gedächtniß zu behalten.
Nun weder Dinte noch Papier,
Nur dieses Herz, das sich empfindet hier!
Es scheinet fast, du liebest, Allzugroßer,
Nicht mehr der Maler Prunk, der Dichter Klang,
Es scheint, du willst, wie Schlosser,
Nur stummen Dank.

Der Wahnsinn des Unglücklichen brach in Schlosser’s Hause mit solcher Heftigkeit aus, daß man ihn in Ketten legen mußte.[12] Schlosser übergab ihn einem Schuster in der Nachbarschaft zur Pflege. Er wurde ruhiger und erlernte von ihm das Schusterhandwerk. Er schloß sich in schwärmerischer Liebe an einen jungen Gesellen, Namens Konrad, an, der sich aber nach drei Monaten auf die Wanderschaft begeben mußte. Diese Trennung schmerzte Lenz auf’s Tiefste. Die rührenden Briefe, welche er deswegen an Sarasin in Basel richtete, theilt Tieck mit. Ich lasse sie hier folgen; sie sind gewiß manchem Leser noch unbekannt und werden durch ihren wehmüthigen Ton und kindlichen Sinn sein inniges Mitgefühl erregen. Merkwürdig contrastiren sie mit denjenigen an Salzmann: Hier erscheint er leidend, zutrauensvoll, bittend; dort, seiner Kraft bewußt, stürmisch und leidenschaftlich.

1.

„Lieber Herr S. Es freut mich, daß ich Ihnen wieder schreiben kann. Ich habe eine große Bitte an Sie, die Sie mir nicht abschlagen werden: daß Sie so gütig sind, und meinem besten Freunde und Kameraden, dem Herrn Konrad Süß, doch einen Meister verschaffen, wenn er außer der Zeit nach Basel kommt, weil jetzt die Handwerksburschen stark gehen, und ich den Herrn Hofrath[13] bitten will, daß er seinem Vater zureden soll, ihn noch länger als Johannis bei sich zu behalten, damit ich die Schusterei bei ihm fortlernen kann, die ich angefangen habe, und er ohnedem bei seinem Herrn Vater und mir viel versäumt. Es wird das nicht schwer fallen, da er gewiß ein guter und fleißiger Arbeiter und sonst wohlerzogenes Kind ist, und Sie werden mich dadurch aus vieler Noth retten, die ich Ihnen nicht sagen kann. Ausgehen ist mir noch nicht gesund, und was würd’ ich anfangen, wenn er auch fortgienge, da ich gewiß wieder in meine vorige Krankheit verfallen müßte. Hier bin ich dem Herrn Hofrath gegenüber, und ist mir so wohl, bis es besser mit mir wird. Wenn es nur einige Wochen nach Johannis sein könnte! Melden Sie mir doch, ob sich dort keine Meister finden, die auf die Zeit einen Gesellen brauchen. Wenn Sie nur wollten probiren, sich von ihm Schuhe machen zu lassen, ich bin versichert, daß er sie gut machen wird; besonders wenn er einige Zeit in Basel gewesen, und weiß, wie Sie sie gerne tragen. Fleißig ist er gewiß, davon bin ich Zeuge, und er arbeitet recht nett, besonders wenn er sie angreift. Viel tausend Grüße an Ihre Frau Gemahlin und an den Herrn Hofmeister und an die Kleinen. Ich bin bis an’s Ende Ihr gehorsamer Freund und Diener

Lenz.“

„Er soll jetzt das erstemal auf die Wanderschaft, und ich bin jetzt bei seinen Eltern ein Vierteljahr lang wie das Kind im Hause gewesen. Er ist mein Schlafkamerad und wir sitzen den ganzen Tag zusammen. Thun Sie es doch, bester Herr Sarassin, lieber Herr Sarassin, es wird Sie nicht gereuen. Emmedingen, einige Tage vor Johanni 1778. Ich könnte mich gewiß nicht wieder so an einen Andern gewöhnen, denn er ist mir wie ein Bruder.“

2.

„Lieber Herr S. Ich habe ein großes Anliegen; ich weiß, daß Sie meine Bitte erhören werden. Es betrifft meinen Bruder Konrad, der für mich auf der Wanderschaft ist: daß Sie ihm dazu verhelfen, daß er für Sie in der Fremde arbeiten kann. Er war schon fort, als ich Ihr werthes Schreiben erhielt, und seine Abreise war so plötzlich und unvermuthet, daß ich ihm kein Briefchen an Sie mitgeben konnte. Seitdem hab’ ich immer auf Nachricht von ihm gewartet, bis er endlich schrieb, daß er in Basel keine Arbeit bekommen, sondern in Arlesheim, einem katholischen Orte, anderthalb Stunden von Basel. Nun hab’ ich kein Anliegen auf der Welt, das mich mehr bekümmert, als wenn ich nur so glücklich sein könnte zu hören, daß er bei Ihrem Schuhmacher wäre, und Ihnen arbeiten thäte. Das würde mich in kurzer Zeit gesund machen. Erzeigen Sie mir diese Freundschaft und Güte. Die Freude und der Trost, den ich daran haben werde, wird unaussprechlich seyn: denn das Wasser[14] allein hilft mir nicht, wenn meine Freunde nicht mit wollen dazu beitragen. Ich kann Ihnen das nicht so beschreiben, warum ich so ernstlich darum bitte: er ist auf Mannsschuhe besprochen, und ich hoffe, wenn er nur erst Ihre Gedanken weiß, wie Sie’s gerne tragen, Sie werden gewiß mit seiner Arbeit zufrieden sein, wenn auch das erste Paar nicht gleich gerathen sollte. Herr Süß hat mir versprochen, so bald Sie ihn unterbringen, soll er seinem Meister in Arlesheim aufkündigen; und ich bin versichert, er wird es aus Liebe für mich thun, und aus Liebe für sich selbst, welches einerlei ist: denn ich werde keine ruhige Stunde haben, wenn er an dem katholischen Orte bleibt, und wenn er jetzt schon weiter wandern sollte in der großen Hitze, das würde mir auch keine Ruhe lassen.

Es freut mich recht sehr, daß Sie wieder einen Hofmeister haben und Ihre Frau Gemahlin sich gesegneten Leibes befindet. Gott wolle ihr eine glückliche Entbindung schenken, daß Ihre Freude vollendet werde, und Sie auf dieser Welt nichts mehr zu wünschen haben mögen. Dann werde ich auch gesund werden, und wenn der Konrad für Sie arbeitet.

Weiter weiß ich nichts zu schreiben, als, ich gehe alle Morgen mit meinem lieben Herrn Süß spazieren, und bekomme auch alle Tage den Herrn Hofrath zu sehen. Nun fehlt mir nichts, als daß es Alles so bleibt, und Gott meine Wünsche erhört, und Sie meine Bitte erfüllen, daß der arme Konrad wieder zu seinen Glaubensgenossen kommt. Und ich verharre unaufhörlich und zu allen Zeiten

Ihr

bereitwilliger Diener und gehorsamer Freund,

J. M. R. Lenz.“

„Ich trage Ihren Brief immer bei mir, und überlese ihn oft: er hat mir eine große Freude gemacht, und daß Sie sich auch meines Konrad’s so annehmen.“

3.

„Ich kann in der Eile Ihnen, theurer Herr und Gönner, nichts schreiben als hundertfältigen Dank, für die Freundschaft und Güte, die Sie für mich und meinen lieben Konrad haben, an den ich mir die Freiheit nehme, einige Zeilen mit beizulegen, und Ihnen zu melden, daß ich jetzt nach Wiswyll hinaus reisen soll, wo ich brav werde Bewegung machen können, mit der Jagd und Feldarbeit. Ich bin so voller Freude über so viele glückliche Sachen, die alle nach meines Herzens Wunsch ausgeschlagen sind, daß ich für Freude nichts Rechtes zu sagen weiß, als Sie zu bitten, daß Sie doch so gütig sind und Ihr Versprechen erfüllen, dem ehrlichen Konrad für Sie Arbeit zu geben, weil es mir nicht genug ist, wenn er bei Ihrem Meister Schuhmacher ist, und nicht auch für Sie arbeitet. Verzeihen Sie meine Dreistigkeit, ich bitte doch um Nachricht von Ihnen und Ihrer Familie, auch nach Wiswyll. Zwar ist der Herr Hofrath jetzt nach Frankfurt verreist; der Konrad wird mir aber Ihr Briefchen schon durch seinen Vater zuschicken: ich werde wohl einige Zeit ausbleiben. Hunderttausend Grüße Ihrer Frau Gemahlin und sämmtlichen Angehörigen.

Ihr gehorsamer Freund und Diener

Lenz.“

4.

„Eben jetzt, theurer Gönner, erhalte ich noch den Brief von Konrad zu dem Ihrigen und muß hunderttausend Dank wiederholen, daß Sie so gütig sind, und für uns beide so viel Sorge tragen, und sich auch nach mir erkundigen wollen. Auch Herr Süß und seine Frau haben mir aufgetragen, Ihnen doch recht viele Danksagungen zu machen, für die Güte, die Sie für ihren Sohn gehabt, und daß der Herr Hofrath nach Frankfurt verreist sey, sonst würden sie es auch durch ihn haben thun lassen. Gott wolle Ihnen alles das auf andere Art wieder vergelten, was Sie mir für Freude gemacht haben. Ich habe jetzt auf lange Zeit genug an des Konrad’s Brief, den ich im Walde recht werde studiren können. Sagen Sie nur dem Konrad, er soll Wort halten und seine Eltern vor Augen haben, am meisten aber Sie, seinen Wohlthäter, und dann auch den Herrn Hofrath Sch., und dann auch mich, und meinen Zustand der Zeit her, daß es ihm nicht auch so ergehe, wenn er nicht folgt. Sey’n Sie hunderttausend Mal gegrüßt alle zusammen, nochmals von Ihrem gehorsamsten

Lenz.“

Lenz brachte, ehe er nach Emmendingen kam, einige Monate im obern Elsaße zu, bei dem ehrwürdigen Patriarchen des Thals, Pfarrer Luce, der durch seine lieblichen Beiträge im alsatischen Taschenbuche bekannt ist. In Kolmar erfreute er sich Pfeffel’s Umgang, und besuchte ihn öfters. Pfeffel schrieb, nachdem er durch Oberlin von jenen unglücklichen Verirrungen Nachricht erhalten hatte, an diesen: (25. Hornung 1778) „Lenz schrieb uns erst heute von Emmendingen aus, er habe eine weite Reise vor und wolle uns zuvor noch besuchen. Unser Mitleid für den armen Menschen übersteigt allen Ausdruck.“ In Freiburg verkehrte er mit Jakobi, dem er Beiträge für seine Iris lieferte.[15]

Der Wahnsinn des Unglücklichen hatte nach und nach eine mildere Gestalt angenommen und sich in stille Schwermuth verwandelt. Da aber an völlige Genesung nicht zu denken war, und er auch für jede ernste Beschäftigung und einen Beruf untauglich blieb, schrieben seine Freunde an seine Familie, sie möchte ihn zu sich nehmen. Sein älterer Bruder Karl Heinrich Gottlieb holte ihn daher im Sommer 1779 ab und brachte ihn in seine Heimath. Ein Brief desselben an Salzmann lautet also:

Erfurt, den 3. Julius 1779.

„Ich hoffe in der gemachten und mir sehr schmeichelhaften Bekanntschaft mit Ihnen, schon dahin gekommen zu seyn, daß Sie, wegen der bisherigen Nichterfüllung meines Versprechens keine große Entschuldigung erwarten, oder gar mich einer vorsätzlichen Nachlässigkeit hierin fähig halten werden. Kurz gesagt, so war es die große Eilfertigkeit meiner Rückreise und die beständige Gegenwart meines Bruders, die mich bisher dieser Beruhigung beraubt haben, Ihnen die Versicherungen meiner Hochachtung und Ergebenheit wiederholen zu können.

Ich habe meinen Bruder aus Hertingen (an den Gränzen der Schweiz und nur drei Stunden von Basel) abholen müssen. Von jener Scene, da ich ihn nach eilf Jahren wieder gesehen, da er stumm seine Freude blicken ließ — lassen Sie mich nichts sagen, weil sie nur gefühlt werden kann. Ich fand ihn, bis auf eine unglaubliche Schüchternheit, völlig wieder hergestellt, und auch diese verliert sich von Zeit zu Zeit. Straßburg mußte ich mit ihm vermeiden, so leid es mir auch that. Die Reise scheint ihm sehr zuträglich zu seyn, und ich hoffe, daß vaterländische Luft und geschwisterliche Pflege das Letzte zu seiner völligen Genesung beitragen werden. Er läßt sich Ihnen bestens empfehlen und hofft nächstens selbst zu schreiben. — Unsere Reise geht gegenwärtig, so schleunig als möglich, nach Lübeck zu, um von dort aus noch zeitig in die See gehen zu können.

Ueberaus angenehm würde es mir seyn, wenn ich mich einer gütigen Antwort, unter beiliegender Adresse nach Jena, schmeicheln dürfte: der benannte Freund wird mir selbige allemal zuzustellen wissen.

Den Herren Simon und Schweighäuser[16] bitte ich ergebenst gelegentlich die besten Komplimente zu machen. Die Zeit ist mir dießmal zu kurz, ihnen für die bewiesene gütige Freundschaft schriftlich Dank sagen zu können.

Leben Sie wohl! und trauen den Versicherungen meiner aufrichtigen Hochachtung und Ergebenheit.

Carl Heinrich Gottlob Lenz.“

Lenz starb in Moskau, nicht, wie Tieck vermuthet[17], bald nach 1780, sondern erst den 24. Mai 1792. „Er starb,“ heißt es in der allgemeinen Literaturzeitung (1792, Intelligenzblatt Nr. 99) „von Wenigen betrauert, und von Keinem vermißt. Dieser unglückliche Gelehrte, den in der Mitte der schönsten Geisteslaufbahn eine Gemüthskrankheit aufhielt, die seine Kraft lähmte und den Flug seines Genie’s hemmte, der demselben wenigstens eine unordentliche Richtung gab, verlebte den besten Theil seines Lebens in nutzloser Geschäftigkeit ohne eigentliche Bestimmung. Von Allen verkannt, gegen Mangel und Dürftigkeit kämpfend, entfernt von allem, was ihm theuer war, verlor er doch nie das Gefühl seines Werthes; sein Stolz wurde durch unzählige Demüthigungen noch mehr gereizt, und artete endlich in jenen Trotz aus, der gewöhnlich der Gefährte der edeln Armuth ist. Er lebte von Almosen, aber er nahm nicht von Jedem Wohlthaten an, und wurde beleidigt, wenn man ihm ungefordert Geld oder Unterstützung anbot, da doch seine Gestalt und sein ganzes Aeußere die dringendste Aufforderung zu Wohlthätigkeit waren. Er wurde auf Kosten eines großmüthigen russischen Edelmannes, in dessen Hause er auch lange Zeit lebte, begraben.“


[II.]
Briefe von Lenz
an den Aktuar Salzmann,
aus den Jahren 1772 und 1776.


Aus Salzmann’s literarischem Nachlasse.

(Straßb. Stadtbibliothek.)