II.

Leipzig, d. 30ten Octbr. 1765.

Lieber Riese.

Euer Brief vom 27ten, der mich äuserst vergnügt hat, ist mir eben zugestellet worden. Die Versicherung daß ihr mich liebt, und daß euch meine Entfernung leid ist, würde mir mehr Zufriedenheit erweckt haben; wenn sie nicht in einem so fremden Tone geschrieben wäre. Sie! Sie! das lautet meinen Ohren so unerträglich, zumahl von meinen liebsten Freunden, daß ich es nicht sagen kann. Horn hat es auch so gemacht, ich habe mit ihm gekeift. Fast hatte ich Lust, mit euch auch zu keifen. Doch! Transeat! Wenn ihr es nur nicht wieder tuht. —

Ich lebe hier recht zufrieden. Ihr könnt es aus beiliegendem Briefe sehen, der schon lange geschrieben ist; ihr würdet ihn schon längst haben; wenn Horn nicht vergessen hätte mir eure Addresse zu senden. Die Beschreibung von Marpurg ist recht komisch.

Das beste Trauerspiel Mädgen sah ich nicht mehr. Wenn ihr nicht noch vor eurer Abreise erfahret, was sie von Belsazar denkt; so bleibt mein Schicksal unentschieden. Es fehlt sehr wenig; so ist der Fünfte Aufzug fertig. In 5füßigen Jamben.

Die Versart, die dem Mädgen wohl gefiel

der ich allein, Freund, zu gefallen wünschte.

Die Versart, die der große Schlegel selbst

und meist die Kritiker für's Trauerspiel

die schicklichsten und die bequemsten halten.

Die Versart, die den meisten nicht gefällt,

Den Meisten deren Ohr sechsfüßige

Alexandriner noch gewohnt. Freund, die,

die ist's die ich erwählt mein Trauerspiel

zu enden. Doch was schreib ich viel davon.

Die Ohren gällten dir gar manchesmahl,

von meinen Versen wieder drum mein Freund,

Erzähl ich dir was angenehmeres.

Ich schaute Gellerten, Gottscheden auch

und eile jetzt sie treu dir zu beschreiben.

Gottsched ein Mann so groß alß wär er vom alten Geschlechte

Jenes der zu Gath im Land der Philister gebohren,

Zu der Kinder Israels Schrecken zum Eichgrund hinabkam.

Ja so sieht er aus und seines Cörperbaus Größe

Ist, er sprach es selbst, sechs ganze Parisische Schue.

Wollt ich recht ihn beschreiben; so müßt ich mit einem Exempel

Seine Gestalt dir vergleichen, doch dieses wäre vergebens.

Wandeltest du geliebter auch gleich durch Länder und Länder

Von dem Aufgang herauf biß zu dem Untergang nieder,

Würdest du dennoch nicht einen der Gottscheden ähnlichte finden.

Lange hab ich gedacht und endl. Mittel gefunden

Dir ihn zu beschreiben doch lache nicht meiner, Geliebter.

Humano capiti, cervicem jungens equinam

Derisus a Flacco non sine jure fuit.

Hinc ego Kölbeliis imponens pedibus magnis,

Immane corpus crassasque Scalpulas Augusti,[36]

Et magna, magni, brachiaque manusque Rolandi,

Addensque tumidum morosi Rostii[37] caput.

Ridebor forsan? Ne rideatis amici.

Dieß ist das wahre Bild von diesem großen Mann,

So gut als ich es nur durchs Beyspiel geben kann.

Nun nimm geliebter Freund die jetzt beschriebnen Stücke

So zeiget glaub es mir sich Gottsched deinem Blicke.

Ich sah den großen Mann auf dem Catehder stehn,

Ich hörte was er sprach und muß es dir gestehn.

Es ist sein Fürtrag gut, und seine Reden fließen

So wie ein klarer Bach. Doch steht er gleich den Riesen,

Auf dem erhabnen Stuhl. Und kennte man ihn nicht

So wüßte man es gleich weil er steets prahlend spricht.

Genug er sagte viel von seinem Kabinette

Wie vieles Geld ihn das und jen's gekostet hätte.

Und andre Dinge mehr, genug mein Freund Ich muß schließen. Du weißt doch er hat eine Frau. Er hat wieder geheurahtet, der alte Bock! Ganz Leipzig verachtet ihn. Niemand geht mit ihm um.

Apropos. Hast du nicht gehört? Der Hofraht beklagt sich über den Mangel der Mädgen zu Göttingen.

Zu was will er ein Mädchen?

Um die retohrischen Figuren auszuüben

Und nach der neuesten Art recht hübnerisch[38] zu lieben

Zu sehn ob die Protase ein hartes Herz erweicht.

Zu sehn ob man durch Reglen der Liebe Zweck erreicht

Zu sehn ob Mimesis, die Ploce, die Sarkasmen

So voller Reitzung sind wie Neukirchs[39] Pleonasmen

Und ob er in dem Tohne, wie er den Ulfo singt,

Mit des Corvinus[40] Versen, das Herz der Schönen zwingt.

Und ob — Mein Blat ist voll ich werde schließen müssen.

Die Mädgen meiner Stadt und Kehren sollt ihr grüßen.

d. 6. Nov. 1765.

Goethe.

[36] Du kennst ihn doch? den dicken Schornsteinfeger.

[37] Du wirst dich noch des Fuchsens Vaters erinnern.

[38] Joh. Hübner, der bekannte Geograph und Historiker, hatte auch „Fragen aus der Oratorie“ (Leipzig 1726-30. 5 Bde.) geschrieben.

[39] Benjamin Neukirch, Schlesischer Dichter, st. 1729.

[40] Corvinus, Advokat und Poet in Leipzig, st. 1746.