RÜCKKUNFT NACH LONDON

Wir setzten unsere Reise weiter nach London [Fußnote: zur Zeit Johannas zählte die Stadt etwa 900 000 Einwohner] fort, wo wir glücklich anlangten und uns in den gewohnten Umgebungen wieder etwas einheimischer fühlten als auf der eben beendeten, nur durch wenige Ruhepunkte unterbrochenen Reise.

Schwer ist's, in dieser ungeheuren Stadt sich ganz zu Hause zu finden. Zwar lebt es sich zwischen den vertrauten vier Wänden hier wie überall heimisch; doch kaum setzt man den Fuß auf die Straße, so ist man in einer unbekannten Welt, in der Fremde, und hätte man auch ein Menschenleben in London zugebracht. Das rastlose Treiben einer Million Menschen, auf einem verhältnismäßig immer kleinen Punkte, reißt unaufhaltsam alles mit sich fort, indem es zugleich alles trennt. Da wir uns indessen eine geraume Zeit in diesem großen Strudel mit herumwirbeln ließen, so gelang es uns wenigstens manches aufzufassen aus dem unendlichen Treiben und manches ganz Individuelle zu bemerken.

London

Von welcher Seite man auch diese Stadt betreten mag, immer glaubt man schon lange in ihrer Mitte zu sein, ehe man noch ihre Grenzen erreichte. Keine der größten Städte Europas, nicht Wien, nicht Berlin, selbst nicht Paris kündigt sich aus der Ferne so imposant an. Häuser reihen sich an Häuser, durch fast unbemerkbare Zwischenräume in verschiedene Flecken, Städtchen und Dörfer abgeteilt, alle scheinen zu einem Ganzen vereint, alle vergrößern ins Ungeheure die Stadt, welche ohnehin in ihrem Bezirke, bei verhältnismäßiger Breite, anderthalb deutsche Meilen lang ist. Zu ihr führen von allen Seiten schöne breite Heerstraßen, welche, auch außer den Städten und Flecken, mehrere Stunden weit von London mit Laternen besetzt sind. Ein ewiges Gewühl von Wagen und Reitern verkündigt dem Fremden schon von ferne, daß er dem Wohnorte von fast einer Million Menschen sich nähere.

Von Shooter's Hill [Fußnote: Arthur Schopenhauer notierte zu diesem Aussichtspunkt: "Mittwoch, 25. May. (Die Familie hatte am Vortage die Insel betreten.) Wir fuhren diesen Morgen von Canterbury ab, frühstückten in Rochester, und aßen in Schooting-Hill zu Mittag. Man hat von hier eine prächtige Aussicht auf London und die umliegende Gegend, die wir aber eines starken Nebels wegen nicht sehen konnten. Nachmittag kamen wir in London an.], einer sechsundzwanzig englische Meilen von London entfernten Anhöhe, erblickten wir zum ersten Male die ungeheure Hauptstadt, lang sich hindehnend an den Ufern der königlichen, mit Schiffen bedeckten Themse. Hoch in die Lüfte sahen wir St. Pauls wunderbaren Dom sich erheben, weiter zurück den schönen gotischen Doppelturm der Westminster Abtei, daneben noch die Türme von weit über hundert anderen Kirchen. Es war ein schöner, heiterer Tag; aber der aus so vielen Kaminen aufsteigende Steinkohlendampf ließ uns die Gegenstände wie durch einen Flor erblicken.

Schnell rollten wir hin auf dem prächtigen Wege und glaubten, wie alle Fremden, schon lange am Ziele zu sein, ehe wir es erreichten. Endlich sahen wir die Themse vor uns. Die schöne Blackfriars Brücke führte uns hinüber, und nun erst waren wir in London. Beträubt von dem Gewühle rund um uns her, erreichten wir das nicht weit von der Brücke entlegene York Hotel, wo wir für's erste abstiegen, um späterhin mit Bequemlichkeit eine stillere Wohnung in einem Privathause zu wählen. Fast alle Fremden, welche längere Zeit in London zu verweilen gedenken, tun dies.

Der Aufenthalt in den Londoner Gasthöfen ist unglaublich teuer, die Zahl derer, in welchen Fremde nicht nur essen und trinken, sonder auch wohnen können, ist verhältnismäßig klein zu nennen, und selbst von diesen sind nur sehr wenige so bequem eingerichtet, als man es bei einem Aufenthalt von mehreren Wochen oder gar Monaten verlangen muß, eben weil dieser Fall den Gastwirten nur selten vorkommt.

Hingegen findet man mit leichter Mühe in allen Straßen vollkommen gute, gleich zu beziehende Wohnungen, mit Küche und Keller und allen sonstigen Erfordernissen versehen; größer und kleiner, elegant und einfach möbliert, wie man es wünscht, sogar ganze Häuser mit Stallung und allem Zubehör. Man braucht nur durch die Straßen des Quartiers zu gehen, in welchem man zu wohnen wünscht, überall erblickt man angeschlagene Zettel an den Häusern, welche Wohnungen zur Miete ausbieten, so daß bloß die Wahl unter so vielen den Fremden in Verlegenheit setzen kann.

Die Eigner dieser Wohnungen sind Leute aus dem Mittelstande, angesehene Landhändler oder Handwerker, Witwen von beschränktem Einkommen. Alle beeifern sich auf das zuvorkommendste, dem Fremden jede mögliche Bequemlichkeit zu verschaffen. Gewöhnlich übernimmt es auch die Haushälterin oder die Frau vom Hause, für Reinlichkeit der Zimmer und für die Küche zu sorgen, so daß man sich wie zu Hause am eigenen Herd ganz heimisch in seinen vier Pfählen befindet.

London in aller seiner Größe, seiner Pracht und seiner Individualität ganz zu schildern, ist ein Unternehmen, dem wir uns nicht gewachsen fühlen; auch wäre es nach so vielen, zum Teil trefflichen Vorgängern ein sehr überflüssiges. Nur das, was wir während unseres Aufenthaltes einzeln sahen und aufzeichneten, können wir dem Leser hier geben, kleinere Züge zu dem großen Gemälde liefern, welches andere vor uns schufen. Der Gegenstand ist bedeutend genug, um auch in sonst weniger beachteten Details interessant zu erscheinen.

Ein Gang durch die Straßen in London

[Fußnote: Johanna bewundert hier noch den Lichterglanz der Stadt vor der Einführung der Gasbeleuchtung um 1807.]

Man erzählt von einem der unzähligen kleinen vormaligen Souveräne des weiland Heiligen Römischen Reichs: er habe, da er spät abends in London seinen Einzug hielt, gemeint, die Stadt sei ihm zu Ehren illuminiert. Wäre er bei Tage durch die volkreichsten Straßen der City, etwa durch Ludgate Hill oder den Strang gekommen, er hätte ebenso leicht meinen können, ein allgemeiner gefährlicher Aufruhr setze die Einwohner alle in Bewegung.

Niemand, der es nicht mit seinen Augen sah, kann sich einen Begriff machen von dem ewigen Rollen der Fuhrwerke aller Art in der Mitte des Weges, von dem Wogen und Treiben der Fußgänger auf den an beiden Seiten der Straßen hinlaufenden, etwas erhöhten Trottoirs. Nicht die Leipziger Ostermesse, nicht Wien, selbst nicht Paris können hier zum Vergleiche dienen. Dennoch geht es sich nirgends besser zu Fuß als in London, sobald man sich in die Art und Weise der Eingeborenen zu finden gelernt hat. Dies gewährt den Fremden, besonders den reisenden Damen, einen großen Vorteil, um alles zu sehen und zu bemerken. Wenn man wie in anderen großen Städten immer in seinem Wagen festgebannt bleiben muß und keinen Schritt gehen kann, lernt man den Ort kaum zur Hälfte kennen; auf den schönen Quadersteinen der Londoner Trottoirs aber kommt man vortrefflich fort, selbst wenn das Wetter auch nicht ganz günstig wäre. In den Hauptstraßen sind diese breit genug, um sechs, acht und mehr Personen bequem nebeneinander hinwandeln zu lassen; in den engen winkeligen Gassen der eigentlichen City ist's freilich nicht so bequem, weil die Fußpfade dort auch schmäler sein müssen. Fremde kommen indessen wenig in jenes, einem Ameisenhaufen ähnlichen Stadtviertel, wo Handel und Wandel so ganz im eigentlichen Ernst ihr Wesen treiben und Mode und Luxus noch wenig Eingang fanden.

Die prächtigen Läden, die Ausstellungen aller Art trifft man größtenteils in den breiten Straßen, welche gleichsam das Mittel halten zwischen der arbeitsamen City und dem vornehmeren, nur genießenden Teile der Stadt. Die Gewohnheit der Engländer, immer zur rechten Hand dem Entgegenkommenden auszuweichen, erleichtert das Gehen sehr und verhindert fast alles Stoßen und Drängen. Den Damen und überhaupt den Respektspersonen läßt man immer die Seite nach den Häusern zu, sie mag zur rechten oder linken Hand stehen. Anfangs kommt es der Fremden wunderlich vor, wenn der sie führende Londoner, so oft man eine Straße durchkreuzt hat, ihren Arm losläßt und hinter ihr weg auf die andere Seite tritt; doch gar bald wird man von dem Nutzen dieser Nationalhöflichkeit überzeugt. Auf dem Mittelwege, wo Hunderte von Wagen sich ewig von allen Richtungen her durcheinander drängen, ist freilich die Ordnung nicht so leicht zu erhalten als auf den Fußpfaden. So breit die Fahrwege auch im Durchschnitt sind, so entsteht dennoch oft eine Stockung, die mehrere Minuten dauert und durch die Mannigfaltigkeit der Wagen, der Pferde, der Beweglichkeit des Ganzen einen recht interessanten Anblick gewährt; nur muß man dem Lärmen gelassen aus dem Fenster zusehen können.

Elfhundert Mietwagen stehen den ganzen Tag auf den dazu angewiesenen Plätzen bereit, und dennoch ist's oft unmöglich, einen zu finden, wenn man ihn eben braucht. Die Italiener selbst fürchten vielleicht den Regen nicht so sehr als die Londoner; naß werden ist ihnen eine schreckliche Idee; sobald nur ein paar Tropfen vom Himmel fallen, eilt alles, was keinen Regenschirm führt, sich in einer Kutsche zu bergen. Im Hui sind dann alle Wagen verschwunden, und man findet selbst jene große Anzahl noch bei weitem nicht zulänglich.

Die Fiaker sehen im Durchschnitt recht anständig aus und würden in Deutschland noch immer als stattliche Equipagen paradieren; nur das Stroh, womit der Fußboden belegt ist, macht sie unangenehm. Die Pferde sind in unbegreiflich gutem Zustande, wenn man bedenkt, daß sie täglich über zwölf Stunden auf dem Pflaster bleiben. Auch werden sie möglichst gut verpflegt; sowie sie einen ruhigen Augenblick haben, bindet ihnen der sorgsame Kutscher einen langen, schmalen, genau um den Kopf passenden Beutel voll Hafer um, aus welchem sie sich gütlich tun. Die Polizei hält strenge Aufsicht über die Fiaker; alle sind numeriert. Wehe dem Kutscher, der sich beigehen ließe, die festgesetzten, sehr billigen Preise zu überschreiten, oder sonst auf irgend eine Weise sich gegen die ihm vorgeschriebenen Gesetze aufzulehnen; jeder vorübergehende, der Sache kundige Engländer wird dann sein Richter und hält streng auf die einmal festgesetzte Ordnung. Zu jeder Stunde der Nacht kann man sich einem Fiaker sicher anvertrauen, wäre man auch ganz allein, und trüge man auch noch so viel Geld oder Juwelen bei sich; wenn nur jemand aus dem Hause, wo man einsteigt, die Nummer des Wagens so bemerkt, daß es der Kutscher gewahr wird.

Von der Pracht der Läden und Magazine ist schon vielleicht zum Überfluß viel geschrieben. Wahr ist's, nichts setzt den Fremden mehr in Erstaunen als der Reichtum und die Eleganz derselben. Die kostbaren glänzenden Ausstellungen der Silberarbeiten, die schönen Drapierungen, in welchen die Kaufleute, welche mit Musselinen und anderen Zeuchen handelt, ihre Waren hinter großen Spiegelfenstern dem Publikum zeigen, der feenhafte Schimmer der Glasmagazine, alles blendet und reizt.

Aber auch viel geringere Gegenstände werden auf eine dem Auge gefällige Weise zum Verkaufe ausgestellt. Die Kerzengießer zum Beispiel wissen ihre Lichter recht zierlich hinter den Fenstern aufzuputzen. Die Apotheker, hier Chymisten genannt, verzieren ihre Läden mit großen gläsernen Vasen, angefüllt mit Spiritus oder Wassern in allen möglichen schönen und glänzenden Farben; dazwischen prangen große künstliche Blumensträuße. Abends, wenn hinter allen diesen farbigen Gläsern Lampen brennen, schimmern diese Läden wie Aladins Zaubergrotte.

Nichts Lockenderes kann man sehen, als einen der vielen großen Obstläden, in welchen die Früchte aller Jahreszeiten und Zonen, von der königlichen Ananas bis zum kleinen sibirischen Staudenapfel, in zierlichen Körben, mit Blumen und Orangerien geschmückt, prangen. Die Kuchenläden, in welchen es Ton ist, morgens einzusprechen und einige kleine Törtchen, heiß von der Pfanne weg, zum Frühstück einzunehmen, präsentieren sich auch recht hübsch. Alles, was Kuchenbäcker und Konditoren nur erfanden, steht, lockend angerichtet, auf schneeweiß behangenen Tischen, dazwischen Blumen, Gelees, Eis, Liköre, Dragées von allen Farben und Arten in zierlichen Kristallvasen. Bald fesseln uns wieder die Kupferstichläden, in welchen täglich neue Gegenstände dargeboten werden, oft wahre Kunstwerke, öfter Erguß satirischer Laune oder Porträts berühmter Menschen, auch wohl Tiere, wie es kommt. Immer umlagert ein Kreis Neugieriger diese Fenster. Fast ist's unmöglich, vorbeizugehen, ohne wenigstens einige Augenblicke von der Schaulust festgehalten zu werden. Die Magazine der Buchhändler gewähren ebenfalls täglich neuen Genuß. Bald sind es Neuigkeiten, bald schöne Prachtausgaben älterer Schriftsteller, bald kostbare Kupferwerke, sogenannte Stationers, die mit allen möglichen, zum Schreiben und Zeichnen brauchbaren Dingen handeln, zeigen täglich tausend neue Dinge, uns Deutschen fast unbekannte Papparbeiten, Verzierungen, Kupferstiche, Vergoldungen und dergleichen; wieder andere haben in ihren Läden Brieftaschen, nichts als Brieftaschen, von der riesenmäßigsten Mappe an bis zum winzig kleinen, zierlichen Necessaire. Dazwischen flimmern Magazine, wo die herrlichsten Stahlarbeiten im Sonnenglanze das Auge blenden. Die Miniaturmaler stellen ihre oft sehr schönen Arbeiten dem Publikum vor's Auge; gewöhnlich sind's sehr ähnliche Porträts bekannter Personen, Schauspieler und Redner, um die Lust zu erwecken, auch sein eigenen wertes Ich so täuschen vervielfacht zu sehen.

Schon der Anblick der vielen Inschriften unterhält, welche an den Häusern mit vollkommen schön gezogenen goldenen Buchstaben glänzen. Welche Mengen Bedürfnisse, die der genügsame Deutsche kaum kennt! Besonders fällt es auf, daß die königliche Familie so viele Kaufleute und Handwerker beschäftigt. Aber jeder derselben, bei dem einmal zufällig für ein Mitglied des königlichen Hauses gekauft wird, jeder Schuster oder Schneider, der einmal so glücklich war, für einen Prinzen einen Stich zu tun, hat das Recht, sich auf der Inschrift seines Hauses dessen zu rühmen und die Gunst des Augenblicks für dauerns auszugeben. So prangt denn auch der Name eines mit allerhand Arkanen Handelnden auf der Inschrift seines Hauses am Strand mit dem prächtigen Titel: Bugdestroyer to Her Majesty, the Queen, Wanzentilger Ihrer Majestät der Königin. Gewiß ein Titel, der noch auf keiner Hofliste gefunden ward!

Wunderbar abstechend ist der Kontrast, wenn man aus dem Gewühl der City in den anderen Teil der Stadt tritt. Hier deutet alles auf bequemes, ruhiges Genießen; kein rauschender Erwerb, kein Gedränge der arbeitenden Menge. Alles hat Zeit, alles scheint einzig bedacht, diese auf das angenehmste hinzubringen.

Die Magazine und Läden bieten dar, was nur der raffinierteste Luxus verlangt, weit teurer als in der City, aber auch schöner, moderner, eleganter. Der Schuhmacher in der City verkauft zum Beispiel seine Waren im Laden, hübsch aufgeputzt, und nimmt in seiner an denselben stoßenden, reinlich möblierten Stube das Maß, wenn's verlangt wird; in Bond Street aber wird man in ein elegantes, mit Diwan, köstlichen Lampen und seidenen Gardinen geschmücktes Boudoir zu diesem Zweck geführt, und schwerlich würde der Artist einen Fuß berühren, der nicht aus einer Equipage gestiegen wäre. Dafür kostet aber auch sein Kunstwerk zwei Guineen. Nach diesem Maßstabe geht alles.

Nichts ist schöner als die großen Plätze in diesem Teile von London; zwar umgeben sie keine Paläste, denn deren gibt's ohnehin hier wenige, aber schöne große Häuser, alles solid und prächtig. Dazu die hübschen Boskette in der Mitte der Plätze, zu welchen jeder Bewohner der umliegenden Häuser für eine Guinee einen Schlüssel haben kann.

Glänzende Equipagen rollen, Mohren, bunte Livreen, geputzte Herren und Damen beleben die Trottoirs, ohne Gedränge, ohne Lärm Der Fremde aber, dem es darum zu tun ist, das englische Volk kennen zu lernen, kehrt bald gern zurück aus diesem vornehmen Quartiere, wo es wie überall in der großen Welt zugeht, und sucht das neue, sonst nirgends gesehene Leben der eigentlichen Stadt London auf.

Bettler

Vom eigentlichen Bettler wird man in Londons Straßen wenig gewahr, dennoch wissen die Armen auf mannigfaltige Weise die Wohltätigkeit anzuregen. So sahen wir oft zwei Matrosen: einem fehlte ein Bein, dem anderen ein Arm; aufeinander gestützt schwankten sie durch die Straßen, indem sie mit lauter Stimme nach einer wilden, klagenden Melodie eine Art Ballade sangen, welche die Geschichte ihrer Leiden enthielt. Mitleidig weilte John Bull bei ihrem Klageliede und belohnte es gern mit einigen Pence.

An den Kreuzwegen, wo man, um in eine andere Straße zu gelangen, die Trottoirs verlassen und über den Fahrweg gehen muß, stehen immer Leute, die geschäftig einen reinlichen Fußpfad kehren, der freilich alle Augenblicke durch darüber rollende Wagen wieder zerstört wird. Bescheiden wagen sie wohl zuweilen die Frage: ob man nicht einige einzelne Pfennige führe? Und auch ohne diese gibt man ihnen gern.

An wenigen betretenen Plätzen, besonders im ruhigen Teile der Stadt, sieht man oft Männer, die mit Kreide auf den breiten Quadersteinen der Trottoirs wunderschöne kolossale Buchstaben malen, Namen, Sentenzen, Sprüche aus der Bibel. Der Vorübergehende steht still, bewundert ihre Kunst und belohnt sie unaufgefordert mit einer kleinen Gabe. Unbegreiflich war es uns immer, wie Leute, die eine so schöne Hand schreiben, so tief in Armut versinken können. Auf dem festen Lande müßte jeder dieser Bettler als Schreibmeister oder Schreiber seine reichliche Existenz finden, denn es ist unmöglich, etwas Vollkommeneres in seiner Art zu sehen als diese Schrift.

Besonders merkwürdig aber erschien uns eine Bettlerin, der wir täglich in den volkreichsten Straßen der City begegneten. Man hielt sie allgemein für eine durch verschuldete oder unverschuldete Unglücksfälle so tief gesunkene Schwester der berühmten Schauspielerin Siddons, wenigstens trug sie eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dieser in ihren Zügen. Dieselbe hohe, edle Gestalt, derselbe Adel in Blick und Miene, nur älter, blaß und wie versteinert durch lange Gewohnheit des Unglücks. Niemand beschuldigte Mme. Siddons der Härte gegen ihre unglückliche Schwester, denn alle, welche diese Frau für solche ausgaben, fügten hinzu: sie nähme nichts von ihr an und wolle nun einmal bloß von fremdem Mitleid ihr Leben fristen. Oft begegnete uns diese wunderbare Erscheinung. Sie trug immer einen schwarzseidenen Hut, der nicht so tief in's Gesicht ging, daß man nicht dessen Züge hätte bemerken können; ein grünwollenes Kleid, eine schneeweiße große Schürze und ein ebensolches Halstuch. Schweigend, mit stolzem Ernst wandelte sie, gestützt auf zwei Krücken, langsam und ungehindert durch die Menge. Jedermann wich ihr mit einer Art Ehrfurcht aus und ehrte in ihr die Heiligkeit eines großen, ungekannten Unglücks. Sie forderte nicht, sie bat nicht, aber reichliche Gaben wurden ihr dennoch von allen Seiten geboten, jeder fühlte sich gezwungen, getrieben, ihr zu geben. Es war, als müsse man ihr danken, daß sie die gebotenen Gabe nur nahm. Sie dankte nicht; mit dem Anstande einer Königin nahm sie das Dargebotenen und wandelte stumm weiter wie ein Geist. Die bildende Kunst hat sich diese auffallende, große Gestalt, diesen weiblichen Belisar, möchten wir sagen, oft zum Vorbild gewählt. In allen Kupferstichmagazinen, bei allen Ausstellungen der Maler fand man ihr sprechend ähnliches Bild, denn diese Züge drückten sich leicht der Phantasie ein.

Wohnungen in London

Eigentlich wohnt man im Durchschnitt nicht sonderlich in London. Da der Eigentümer eines Hauses sich hier großer Vorzüge im bürgerlichen Leben zu erfreuen hat, so strebt jeder, eines zu besitzen. Daraus entsteht dann, daß London fast aus lauter kleinen Häusern zusammengesetzt ist. Wer auch kein eigenes Haus hat, will doch für sich allein wohnen; dies verengt den Platz ungemein.

In Paris, möchte man sagen, schweben vier Städte übereinander; in London macht jeder Anspruch auf sein Plätzchen auf Gottes Erdboden, und nur Fremde, einzelne Familien oder in ihren Mitteln sehr beschränkte Personen bewohnen Etagen, die dann auch freilich bei der Kleinheit der Häuser wenig Bequemlichkeit darbieten. An eine Suite mehrerer Zimmer ist in gewöhnlichen bürgerlichen Häusern nicht zu denken; selten, daß man zwei aneinanderstoßende findet, selbst in denen der reichen Kaufleute; jedes Stockwerk enthält gewöhnlich nur zwei Zimmer, eines nach der Straße, eines nach dem oft engen Hofraum zu. Überall enge Treppen, wenige und kleine Zimmer. Die Küchen und Bedienstetenwohnungen sind in den Souterrains untergebracht, die Türen alle auffallend enge und hoch, sowohl die Haustüren als die in den Zimmern. Jene sehen bei größeren Gebäuden oft nur wie eine enge Spalte aus; in diesen findet man fast niemals Flügeltüren. Auch die Fenster sind schmal, die Spiegelwände zwischen denselben dagegen sehr breit. Die schönen Teppiche aber, die selbst bei wohlhabenden Handwerkern nicht allein die Fußböden der Zimmer, sondern auch Treppen und Vorplätze von der Haustüre an bedecken, die zierlichen Möbel, das schöne Mahagoniholz mit seinem bescheidenen Glanze, die Reinlichkeit überall, geben diesen kleinen Wohnungen einen eigenen Reiz. Alles sieht sauber, bequem, elegant aus und ist es auch.

Die Kamine, die oft mit Marmor, Stahlarbeiten und dergleichen geschmückt sind, dienen zu keiner geringen Zierde der Zimmer; schöne Vasen von Wedgwoods Fabrik [Fußnote: Josiah Wedgwood (1730-95); Schöpfer der englischen Tonwarenindustrie. Berühme Manufaktur] und kristallene Kandelaber zieren den Sims; der stählerne Rost, in welchem das Feuer brannte, Zange, Schaufel und alles Metallgerät glänzen hell poliert; Kupferstiche schmücken die Wände, schöne Vorhänge die Fenster. Nichts in der Welt ist gemütlicher, als ein englisches Wohnzimmer.

Das Schlafzimmer kann selten viel mehr als ein Bett fassen. Die englischen Bettstellen sind alle sehr groß. Drei Personen fänden bequem darin Platz; auch ist's allgemein Sitte, nicht allein zu schlafen; Schwestern, Freundinnen teilen ohne Umstände das Bett miteinander, und fast jede Frau nimmt in Abwesenheit ihres Mannes eines ihrer Kinder oder im Notfall sogar das Dienstmädchen mit sich zu Bette, denn die Engländerinnen fürchten sich nachts allein in einem Zimmer zu sein, weil sie von Jugend auf nicht daran gewöhnt wurden. Federdecken sind ganz unbekannt, nicht so Unterbetten von Federn; seit einigen Jahren kommen diese sehr in Gebrauch, doch sind Matratzen gewöhnlicher. Betten ohne Gardinen, sowie Zimmer ohne Teppiche kennt nur die bitterste Armut.

Lebensweise

Der größte, fleißigste Teil von Londons Bewohnern, die Handwerker und Ladenhändler (beide werden hier zu einer Klasse gerechnet), führt im Ganzen ein trauriges Leben. Die großen Abgaben, die Teuerung aller Bedürfnisse, die durch den einmal herrschenden Luxus in Kleidung und dergleichen ins Unendliche vermehrt sind, zwingt sie zu einer großen Frugalität, die in anderen Ländern fast Ärmlichkeit heißen würde.

Ewig in den Laden und an die daran stoßende, oft ziemlich dunkle Hinterstube gebannt, müssen sie fast jedem Vergnügen entsagen. Die Theater sind ihnen zu entlegen, meistens zu kostbar, kaum daß die Frau eines wohlhabenden Kaufmanns dieser letzten Klasse zweimal im Jahre hinkommt.

In's Freie kommen sie fast gar nicht; mehrere versicherten uns, sie hätten seit zehn Jahren keine anderen Bäume als die von St. James Park gesehen. Die Woche über dürfen sie von morgens neun Uhr bis Mitternacht den Laden fast gar nicht verlassen; dieser ist sehr oft das Departement der Frau, und der Mann sitzt dann in dem oben erwähnten Hinterzimmer und führt die Rechnungen. Sonntags sind freilich alle Läden geschlossen, aber die Theater auch, und da alle Untergebenen an diesem Tage die Freiheit verlangen, auszugehen, so muß die Frau vom Hause es hüten.

Der größere, wirkliche Kaufmann führt ein nicht viel tröstlicheres Leben. Auch er muß in gesellschaftlichen und öffentlichen Vergnügungen weit hinter den reichen Kaufmannshäusern von Hamburg oder Leipzig zurückstehen. Doch liegt das wohl auch zum Teil an der Landesart. Die Frauen lieben mehr häusliche Zurückgezogenheit, sie sind an das rauschende Leben, an die vielen großen Zirkel nicht gewöhnt. Sie wollen ihre Ruhe, Ordnung und Gleichförmigkeit in ihrem Hause nicht derangieren. Die Männer hingegen suchen nach vollbrachten Geschäften die Freude gern auswärts, in Kaffeehäusern und Tavernen.

Die Familien der meisten wohlhabenden Kaufleute wohnen den größten Teil des Jahres, oft das ganze Jahr hindurch auf dem Lande, in sehr zierlichen, größeren und kleineren Landhäusern, die sie Cottages, Hütten, nennen, obgleich sie wohl einen vornehmeren Namen verdienen. Hier genießen Frauen und Kinder die freie Luft, halten gute Nachbarschaft und erfreuen sich ganz gelassen und anständig, vielleicht etwas langweilig, des Lebens; während das Haupt der Familie den Tag in London auf seinem Comptoir zubringt und sich dann abends in ein paar Stunden auf den herrlichen Wegen, zu Pferde oder Wagen, zu den Seinigen begibt.

Von der Lebensweise der Großen und Vornehmen läßt sich nichts sagen: diese gehören in keinem Lande zur Nation, sondern sind sich überall gleich, in Rußland wie in Frankreich, in England wie in Deutschland. Auch ist von dem Luxus, den sie, besonders auf dieser Insel, auf's höchste gesteigert haben, von der Art und Weise, wie sie Jahres- und Tageszeiten durcheinander wirren, schon von anderen so viel geschrieben, als man in unserem Vaterlande zu wissen braucht. Wir wollen also jetzt davon schweigen und nur, wenn sich die Gelegenheit dazu künftig darbietet, im Vorübergehen das vielleicht Nötige erwähnen. Unser Streben auf Reisen ging immer dahin, die Landessitte der eigentlichen Nation kennen zu lernen; diese muß man aber weder zu hoch, noch zu tief suchen. Nur im Mittelstande ist sie noch zu finden.

Ein Tag in London

Wer spät zu Bette geht, steht spät auf, das ist in der Regel; daher hat die goldene Morgensonne nirgends weniger Verehrer als in London, wo doch sonst das Gold nicht zu gering geachtet wird. Vor neun bis zehn Uhr wird's nicht Tag. Anständig gekleidet, versammelt sich dann die Familie in dem zum Frühstück bestimmten Zimmer, die Herren in Stiefeln und Überröcken, die Damen unbeschreiblich reizend gekleidet, schneeweiß verhüllt bis ans Kinn, mit zierlichen Häubchen. Das Negligé ist der Triumph der Engländerinnen; mit der geschmackvollen Einfachheit vereinigt es die höchste Eleganz; der volle Anzug hingegen fällt of steif und überladen aus.

Nichts Einladenderes gibt's in der Welt als ein englisches Familienfrühstück, auch wird die dabei hingebrachte Stunde durchaus für die angenehmste des ganzen Tages gehalten, und man verlängert sie gern. Auf dem hellpolierten, stählernen Roste lodert die stille Flamme des Steinkohlenfeuers, selbst im Sommer, wenn das Wetter feucht ist. Das elegante Teegeräte steht in zierlicher Ordnung auf dem schneeweiß bedeckten Tische, daneben frische, ungesalzene, in Wasser schwimmende Butter, das weißeste Brot von der Welt, Zwieback, hartgekochte Eier, auch wohl, nach schottischer Sitte, Honig und Marmelade von Pomeranzen. Hotrolls, heiße Rollen, eine Art warmer, mit Butter bestrichener Semmeln, und Toasts, Brotschnitten, welche, von beiden Seiten mit Butter bestrichen, langsam am Feuer rösten, dürfen nie fehlen; letztere stehen in einem dazu verfertigten silbernen Gestell im Kamin, der Teekessel braust und siedet gesellig daneben.

Mit allem diesem wäre aber dennoch das Frühstück ohne die neuesten Zeitungsblätter sehr unvollständig, sie sind ein Hauptstück dabei. Ein selten vermißtes Stück des deutschen Frühstücks, die Tabakspfeife, ist, zum Lobe der Londoner sei's gesagt, bei ihnen ganz verbannt; dies schmutzige Vergnügen wird der letzten Klasse des Volks überlassen; höchst ergötzt sich noch zuweilen ein alter, ausgedienter Seemann oder ein kaum halbzivilisierter Landjunker in seinen einsamen vier Pfählen daran.

Die Dame des Hauses bereitet den Tee, zwar viel umständlicher, aber auch viel besser als wir. Die Tassen werden erst sorgfältig mit heißem Wasser ausgewärmt, der Tee abgemessen, das heiße Wasser nach gewissen Regeln darauf gegossen, und um für alle diese Mühe den gehörigen Ruhm zu ernten, wird der Reihe nach gefragt: ob der Tee nach jedes Wunsch geraten sei? Alles geschieht langsam und mit einer feierlichen Ruhe, welche die Engländer gern ihren Mahlzeiten geben: denn sie mögen dabei keine anderen Gedanken aufkommen lassen, außer den des gegenwärtigen Genusses. Nur die Zeitungsblätter machen beim Frühstück hiervon eine Ausnahme, und die Herren und Damen beschäftigen sich eifrig damit: denn nicht nur politische Neuigkeiten werden darin aufgetischt, auch Theater- und Familiennachrichten, und vor allem die neuesten Stadtgeschichten, frohe und traurige, erbauliche und skandalöse, wahre, halbwahre und ganz erdichtete. Alles wird gelesen, alles wird besprochen. Daß bei solchen Fällen das Gespräch seltener stockt, als sonst wohl geschieht, ist natürlich.

Nach dem Frühstück begeben sich die Männer an ihr Geschäft, ins Comptoir, oder wohin ihr Beruf sie treibt. So viel möglich wird den Vormittag über alle Arbeit abgetan, und trotz des späten Anfangs ist er lang genug dazu, da niemand vor fünf bis sechs Uhr zu Mittag speist. Nach Tische feiert jeder gern, wenn ihn nicht gerade ein hartes Schicksal zur Arbeit zwingt.

Viele Herren besuchen bald nach dem Frühstück ihr gewohntes Kaffeehaus, wo sie einen großen Teil ihrer Geschäfte abtun, eine Menge Briefe aus der Stadt und andere Bestellungen harren dort schon ihrer; dorthin verlegen sie auch gewöhnlich ihre Zusammenkünfte mit Freunde, um über wichtige Dinge sich mündlich zu besprechen und Verabredungen zu treffen. Die Wirtin des Hauses nimmt auf ihrem erhöhten Sitz unten am Eingange alles an und bestellt es mit pünktlicher Treue an ihre Kunden, die sie alle persönlich kennt, weil sie es fast nie verfehlen, sich zur nämlichen Stunde einzustellen.

Diese Gewohnheit, sich täglich an einem bestimmten Orte finden zu lassen, ist in dieser ungeheuren Stadt von großem Nutzen; eine Menge unnützer Gänge und viel sonst verlorene Zeit werden dadurch erspart. Obendrein gewinnt der häusliche Friede dabei, denn nächst der fleckenlosen Reinheit des eigenen Anzugs liegt einer Engländerin nichts so sehr am Herzen, als die ihres Hauses, ihrer Treppen, ihrer Fußteppiche, und wie sehr ist für alles dies dadurch gesorgt, daß so manches außer dem Hause gemacht wird, was sonst in demselben Unordnung oder doch wenigstens Unruhe erregen müßte!

Die Ladies gehen nun auch an ihr Geschäft. Sie greifen zu den Morgenhüten, denn jede Tageszeit hat ihr eigenes Kostüm, und selbst im Wagen würde es auffallend erscheinen, wenn sich eine Dame in den Vormittagsstunden ohne Hut wollte sehen lassen. Wäre sie auch in siebenfache Schleier gehüllt, alles würde sie anstarren, gleich etwas nie Gesehenes. Wollte sie es vollends wagen, ohne Hut, selbst nur wenige Schritte zu Fuß über die Straße zu gehen, sie wäre ganz verloren; unbarmherzig würde sie der Pöbel verfolgen, als hätte sie die größte Unanständigkeit begangen.

Wohlversehen also mit großen Hüten, mit Halstüchern, Shawls, wandern wir nun aus, denn die Mode will, daß man sich in den heißen Stunden des Tages am sorgfältigsten verhüllt. Visiten haben wir nicht viel zu machen, der Kreis unserer eigentlichen Bekannten ist klein, man schränkt sich zum näheren Umgange auf wenige Häuser ein, wie in allen großen Städten. Das Visitenwesen wird in London überdies fast immer mit Karten abgemacht. Indessen, einen Wochenbesuch haben wir doch abzustatten, denn diese sind hier, wie überall, unerläßlich; nur werden sie später als bei uns angenommen.

Wir finden die Dame in dem glänzenden Schlafzimmer. Vor allem prunkt das große Bett. Die Kissen, die Decken sind mit Spitzen und feiner Näharbeit verziert, mit grüner Seide gefütterte Draperie vom thronartigen Baldachin herab, so daß man die schönen Säulen von Mahagoni- oder anderem, noch kostbarerem Holze frei erblickt. Das Negligé der Dame ist über und über mit den teuersten Spitzen geschmückt und bekräuselt; alles ist fein und erlesen, alles zeigt Reichtum.

Den Hauptgegenstand des Gesprächs gewährt die auf einem Seitentisch ausgestellte Garderobe des neuen Ankömmlings. Er selbst ist nicht sichtbar, sondern in der Kinderstube mit seiner Amme, denn das Selbststillen der vornehmeren Mütter ist in England nicht so allgemein wie in Deutschland.

Es gibt hier bedeutende Läden, wo nichts anderes verkauft wird als Kinderzeug, und zwar zu sehr hohen Preisen. Alle Waren dieser Läden prunken dann in dem Wochenzimmer verschwenderisch aufgehäuft. Selbst ein großes Nadelkissen in der Mitte ist nicht zu vergessen, auf welchem man mit Stecknadeln von allen Größen künstliche Muster steckt, die einer schönen, reichen Silberstickerei gleichen. Wahrscheinlich werden diese Dinge selten oder nie gebraucht, denn sie sind ihrer Natur nach zu zart und vergänglich, sie dienen nur zum Prunke.

Sind wir mit dem Besehen und Bewundern endlich fertig, so wandern wir weiter a Shopping, dies heißt: wir kehren in zwanzig Läden ein, lassen uns tausend Dinge zeigen, an welchen uns nichts liegt, kehren alles Unterste zu oberst und gehen vielleicht am Ende davon, ohne etwas gekauft zu haben. Die Geduld, mit der die Kaufleute sich dieses Unwesen gefallen lassen, kann nicht genug bewundert werden; keinem fällt es ein, nur eine verdrießliche Miene darüber zu zeigen. Sehr vornehme Damen fahren a Shopping. Ohne sich aus dem Wagen zu bemühen, lassen sie sich den halben Laden in die Kutsche bringen, zur großen Beschwerde der Kaufleute sowohl als der Vorübergehenden auf dem Trottoir. Man erzählt, daß ein Trupp Matrosen, dem eine solche mit offenem Schlag dastehende Equipage den Weg versperrte, ohne Umstände einer nach dem anderen hindurchspazierte, indem sie der darin sitzenden Dame höflich guten Morgen boten.

Die mannigfaltigen Ausstellungen von Kunstwerken sowohl als von Naturseltenheiten bieten uns angenehme Ruhepunkte, wenn wir es endlich müde sind, die Kaufleute in Bewegung zu setzen.

Die Promenade im St. James Park könnte auch eine Abwechslung gewähren; doch wird sie im Ganzen weniger besucht, so reizend sie auch ist. Zwar fehlt es nie an Spaziergängern darin, aber nur bei sehr seltenen Gelegenheiten findet man sie so bevölkert, wie es die Terrassen der Tuilerien alle Tage sind. Es gibt der müßigen Männer weit weniger in London als in Paris. Die englischen Damen gehen nicht so viel aus als die Pariserinnen, und wenn sie es tun, so ziehen sie eine Shopping party allen anderen Promenaden vor.

Die Kuchenläden, deren wir früher gedachten, liegen, gleich anderen, frei und offen unten an der Straße; daher können Damen recht anständig allein dort einkehren. Nur in dem berühmtesten aller Etablissements, bei Mr. Birch, in der Nähe der Börse, geht dies wohl nicht an; hier kann man sich nicht ohne männliche Begleitung blicken lassen.

Das nicht sehr geräumige Frühstückszimmer befindet sich hinten im Hause, am Ende eines langen Ganges. Kein Strahl des Tageslichts wird darin geduldet, Wachskerzen erleuchten es, und wenn die Sonne draußen noch so hell schiene; die übrige Einrichtung des Zimmers ist anständig, ohne sich besonders auszuzeichnen. Immer findet man Gesellschaften von Herren und Damen darin, die gewöhnlich schweigend ihre Schildkrötensuppe und ein paar warme kleine Pastetchen verzehren. Weiter wird in diesem Hause nichts zubereitet; aber die Pastetchen sollen die besten in der ganzen Welt sein, und nun vollends die Schildkrötensuppe, darüber geht nichts. Nirgends weiß man sie so zu bereiten wie hier, so behaupten die Londoner. Uns aber kam die Gelassenheit, mit welcher die Herren und Damen das von Madeirawein und Cayennepfeffer glühende, uns Zunge und Gaumen verbrennende Gemengsel genossen, weit bewundernswerter vor als die Suppe selbst.

Der vorige Besitzer dieses Hauses, Mr. Horton, brachte indessen bloß mit diesen Pastetchen und der Suppe in nicht gar langer Zeit ein Vermögen von hunderttausend Pfund Sterling zusammen, und sein letzter Nachfolger, Mr. Birch, ist auf gutem Wege, es ihm nachzutun. Dennoch sind die Preise in diesem Hause sehr billig und wie überall ein für allemal festgesetzt. Was jeder verzehrt, ist eine Kleinigkeit, aber die Menge der Verzehrenden gibt eine ungeheure Einnahme.

Gegen fünf Uhr wird es Zeit, nach Hause und an die nötige Toilette vor Tische zu denken. Heute sind wir zu einem Dinner geladen, aber wenn wir auch ganz en famille den Tag zu Hause zubrächten, so wäre es doch höchst unschicklich und bei gesunden Tagen unerhört, im Morgenkleide zu bleiben. Selbst die Männer ziehen den Börsen-Rock aus und mit ihm alle Gedanken an Geschäfte, um in einem eleganteren Anzuge zu erscheinen.

Schön und etwas steif geputzt fahren wir nun um halb sieben zum Mittagessen. Gastfrei sind die Londoner eben nicht, sie scheuen nicht sowohl die große Teuerung aller Dinge als vielmehr die hier von allen geselligen Zusammenkünften durchaus unzertrennliche Etikette, welche einen solchen Tag für die ohnehin Ruhe liebende Hausfrau zu einer schweren Last macht. Daher werden gewöhnlich solche Dinners nur durch äußere Anlässe herbeigeführt, wie etwa die Gegenwart von Fremden, denen man die Ehre antun zu müssen glaubt. Sonst führt der Londoner seinen Freund lieber in eine Taverne, als daß er ihn bei sich aufnimmt, dort tête a tête, oder in einem größeren, doch immer geschlossenen Zirkel tun sie sich bei Wein, Politik und lustigen Gesprächen gütlich. Zu Hause ängstigt sie die Gegenwart der Frauen, denen man zwar die größte Hochachtung im Äußeren aufweist, aber ihnen auch, wie allen Respektspersonen, eben deshalb gern so viel möglich aus dem Wege geht.

Doch wieder zu unserem Dinner. In dem Besuchszimmer finden wir die Gesellschaft versammelt; es faßt höchstens zwölf bis vierzehn Personen. Nach den herkömmlichen Begrüßungsformeln nehmen die Damen zu beiden Seiten des Kamins in Lehnstühlen Platz, die Herren wärmen sich am Feuer, und nicht immer auf die schicklichste Weise. Schläfrig, einsilbig, langsam wankt die Konversation zwischen Leben und Sterben, bis endlich der willkommene Ruf ins Speisezimmer ertönt. Dies liegt oft eine Treppe höher oder niedriger als das Besuchszimmer, weil, wie wir schon früher bemerkten, die Wohnungen, selbst sehr reicher Leute, nichts weniger als geräumig und bequem sind.

Die Tafel steht fertig serviert da, bis auf die Gläser. Servietten gibt es jetzt an den englischen Tafeln, seit die Engländer so viel reisen, wenigstens, wenn man ein Dinner gibt. Vor weniger Zeit fand man sie nur in Häusern, welche auf fremde Sitten Anspruch machten. Das Tischtuch hing damals und hängt auch noch wohl jetzt, wenn man en famille speist, bis auf den Erdboden herab, und jedermann nahm es beim Niedersitzen auf's Knie und handhabte es wie bei uns die Serviette. Die Dame vom Hause thront in einem Lehnstuhl am oberen Ende der Tafel, ihr Gemahl sitzt ihr gegenüber unten am Tisch, die Gäste nehmen auf gewöhnlichen Stühlen zu beiden Seiten Platz, so viel möglichst in bunter Reihe, nach der Ordnung, die ihnen vom Herrn des Hauses vorgeschrieben wird. Alle Gerichte, welche zum ersten Gange gehören, stehen auf der Tafel.

Die englische Kochkunst hat auch in Deutschland ihre Verehrer; wir gehören nicht dazu, uns graute vor dem blutigen Fleisch, vor den ohne alles Salz zubereiteten Fischen, vor dem in Wasser halb gar gekochten Gemüse, den Hasen und Rebhühnern, die, wie alle anderen Braten, ungespickt, ohne alle Butter, bloß in ihrer eigenen Brühe zubereitet werden.

Die Dame serviert die reichlich mit Cayennepfeffer gewürzte, übrigens ziemlich dünne Suppe, nachdem sie jeden Tischgenossen namentlich gefragt hat: ober er welche verlange? Des Fragens von Seiten der Wirte und des Antwortens von Seiten der Gäste ist an einem englischen Tische kein Ende. Eine große Verlegenheit für den fremden Gast, der, wenn er auch der englischen Sprache sonst ziemlich mächtig ist, dennoch unmöglich alle diese technischen Ausdrücke wissen kann. Er muß Rede und Antwort von jeder Schüssel geben, ob er davon verlangt, ob viel oder wenig, mit Brühe oder ohne Brühe, welchen Teil vom Geflügel, vom Fisch, ob er es gern stärker oder weniger gebraten hat, eine Frage, die besonders oft die Fremden in Verlegenheit setzt; man sag: much done or little done, wörtlich übersetzt heißt das: viel getan oder wenig getan.

Diese Fragen ertönen von allen Seiten des Tisches zugleich, denn ein paar Hausfreunde helfen dem Herrn und der Frau vom Hause im Vorlegen der Schüsseln. Alle werden nach der Suppe zugleich serviert, nicht nach der Reihe wie in Deutschland. Sie bestehen aus einem großen Seefisch, einem Lachs, Kabeljau, Steinbutt oder dergleichen, der, beim Kochen gesalzen, vortrefflich wäre, so aber dem Fremden fast ungenießbar bleibt, aus Puddingen, Gemüsen, Tarts und allen Gattungen von Fleisch und Geflügel, ohne Salz, Butter oder andere fremde Zutat in eigener Brühe gedämpft, geröstet, gebraten oder gekocht, nur der Pfeffer ist nicht daran gespart. Hat man über eine solche Schüssel einen dünnen, trockenen Butterteig gelegt, so beehrt man sie mit dem Titel einer Pastete.

Die halbrohen Gemüse müssen ganz grün und frisch aussehen, erst bei Tafel tut jeder auf seinem Teller nach Belieben geschmolzene Butter daran. Kartoffeln fehlen bei keiner Mahlzeit, sie sind vortrefflich, bloß in Wasserdampf gekocht. Die Puddings aller Art wären auch sehr gut, nur sind sie oft zu fett, fast nur aus Ochsenmark und dergleichen zusammengesetzt. Die Tarts, der Triumph der englischen Kochkunst, bestehen aus halbreifem Obst, in Wasser gekocht und mit einem Deckel von trockenem Teige versehen. Die Pickels, welche den Braten begleiten, eigentlich alle Arten Gemüse, Mais, unreife Walnüsse, kleine Zwiebeln und dergleichen, mit starkem Essig und vielem Gewürze eingemacht, sind vortrefflich.

Mit diesen sowie mit der Soja- und anderen pikanten Saucen, die hier im Großen fabriziert und verkauft werden, treibt London einen großen Handel durch die halbe Welt. Diese Saucen, Senf, Öl und Essig stehen in zierlichen Plattmenagen zum Gebrauch der Gäste da, sowie auch immer für zwei Personen ein Salzfaß.

Der Salat wird von der Dame vom Hause über Tische mit vieler Umständlichkeit bereitet und klein geschnitten; er besteht aus einer sehr zarten, saftigen Art Lattich, dessen Blätter schmal, aber wohl eine halbe Elle lang sind; außer England sahen wir sie nirgends, dafür aber ist auch unser Kopfsalat dort unbekannt. Unermüdet bieten die Vorlegenden alle diese Dinge den Gästen an; dafür müssen diese wieder alles pflichtschuldigst loben und versichern, sie hätten in ihrem Leben kein besser Kalb- oder Hammelfleisch gesehen, und es wäre auch alles ganz vortrefflich zubereitet.

Das Zeremoniell beim Trinken ist, besonders den fremden Damen, noch beschwerlicher und versetzt uns oft in wahre Not. Da sitzen wir betäubt und ängstlich von alledem wunderlichen Wesen; plötzlich erhebt der Herr vom Hause seine Stimme und bittet eine Dame, und aus Höflichkeit die Fremde zuerst, um die Erlaubnis, ein Glas Wein mit ihr zu trinken, und zugleich zu bestimmen, ob sie weißen Lissaboner oder roten Portwein vorziehe? Denn die französischen Weine sowie der Rheinwein kommen erst zum Nachtisch. Verlegen trifft man die Wahl, und mit lauter Stimme wird nun dem Bedienten befohlen, zwei Gläser Wein von der bestimmten Sorte zu bringen. Zierlich sich gegeneinander verneigend, sprechen die beiden handelnden Personen wie im Chor: "Sir, Ihre gute Gesundheit! Madam, Ihre gute Gesundheit!" trinken die Gläser aus und geben sie weg. Nach einer kleinen Weile tönt dieselbe Aufforderung von einer anderen Stimme, dieselbe Zeremonie wird wiederholt und immer wiederholt, bis jeder Herr mit jeder Dame und jede Dame mit jedem Herrn wenigstens einmal die Reihe gemacht hat. Keine kleine Aufgabe für die, welche des starken Weins ungewohnt sind. Abschlagen darf man es niemandem, das wäre beleidigend; obendrein muß man noch mit dem ersten Glase den Wunsch für die Gesundheit jeder einzelnen Person an der Tafel wenigstens durch ein Kopfnicken andeuten und auch genau acht geben, ob jemand der anderen Gäste uns diese Ehre erzeigt. Es wäre die höchste Unschicklichkeit, wenn eine Dame unaufgefordert trinken wollte, sie muß warten, wäre sie auch noch so durstig, doch bleibt die Aufforderung selten lange aus. Auch die Herren müssen sich zu jedem Glas einen Gehilfen einladen, ein Dritter hat aber die Erlaubnis, sich mit anzuschließen, wenn er vorher geziemend darum anhält.

So hat man denn mit Antworten auf die Einladung zum Essen und Trinken, mit Gesundheittrinken, und mit Achtgeben, ob niemand die unsere trinkt, vollauf zu tun. Kein interessantes Tischgespräch kann aufkommen, es wird sogar für unschicklich gehalten, wenn jemand den Versuch macht, eines aufzubringen; der Herr des Hauses fährt gleich mit der Bemerkung dazwischen: "Sir, Sie verlieren Ihr Mittagessen, nach Tische wollen wir das abhandeln." Die Damen sprechen ohnehin nur das Notwendigste aus lauter Bescheidenheit. Die Fremden können sich nicht genug vor zu großer Lebhaftigkeit des Gesprächs hüten; es gehört hier gar nicht viel dazu, um für ungeheuer dreist, monstrous bold, zu gelten.

Ist der erste beschwerliche Akt des Essens überstanden, so wird der Tisch geleert, die Brotkrumen sorgfältig vom Tischtuch abgekehrt, und es erscheinen verschiedene Arten von Käse, Butter, Radieschen und wieder Salat. Letzterer wird ohne alle Zubereitung bloß mit Salz zum Käse gegessen.

Dieser Zwischenakt dauert nicht lange, er macht einem zweiten Platz. Jeder Gast bekommt nun ein kleines, schön geschliffenes Kristallbecken voll Wasser zum Spülen der Zähne und zum Händewaschen und eine kleine Serviette; man verfährt damit, als wäre man für sich allein zu Hause. Die ganze so beschäftigte Gesellschaft erinnerte uns oft an einen Kreis Tritonen, wie man sie Wasser speiend um Fontänen sitzen sieht. Die Damen ermangeln nicht, große Zierlichkeit im Abziehen der Ringe und Benetzen der Fingerspitzen anzubringen; die Herren gehen schon etwas dreister zu Werke.

Nach dieser Reinigungszeremonie ändert sich die ganze Dekoration. Das Tischtuch, mit allem was darauf stand, verschwindet, und der schöne, hellpolierte Tisch von Mahagoniholz glänzt uns entgegen. Jetzt werden Flaschen und Gläser vor den Herrn des Hauses hingestellt, das Obst wird aufgetragen, und jeder Gast erhält ein kleines Couvert zum Dessert, ein Glas und ein kleines rotgewürfeltes oder ganz rotes, viereckig zusammengelegtes Tuch. Letzteres aber darf man nicht entfalten, man benutzt es nur, das Glas darauf zu stellen. Das Obst wird nicht herumgereicht, sondern wie vorher die anderen Gerichte vorgelegt und mit vielen Fragen ausgeboten. Es ist im Ganzen schlecht, sauer und halbreif. Haselnüsse, die Lieblingsfrucht der Engländer, welche sie Jahr für Jahr knacken, fehlen nie dabei, süße Konfitüren und Bonbons sind wenig im Gebrauch.

Jetzt fangen die Flaschen an, die Hauptrolle zu spielen; jeder schiebt sie seinem Nachbar zu, nachdem er sich etwas eingeschenkt hat, viel oder wenig, wie man will, nur leer darf das Glas nicht bleiben, und bei jedem Toast muß das Eingeschenkte ausgetrunken werden. Den Damen sieht man indessen durch die Finger, wenn sie bloß ein wenig nippen. Der Wirt bringt nur einige Toasts aus, er läßt seine Freunde leben, die sich denn wieder durch ein Gegenkompliment an ihm und der Dame vom Hause revanchieren; die königliche Familie wird nie bei dieser Gelegenheit vergessen. Einige der Gäste geben Sentiments zum besten, das heißt, kurze Sätze, die zuweilen auf die Damen Bezug haben, zum Beispiel: merit to win a heart and sense to keep it, Verdienst, ein Herz zu gewinnen, und Verstand, um es zu behalten. Alle diese Gesundheiten werden beim Trinken mit lauter Stimme von jedem wiederholt.

Diese Gesundheiten, Ermunterungen zum Trinken, Ermahnungen, die Flasche weiterzuschieben, sind alles, was man jetzt hört. Bald nachdem man dem König die gebührende Ehre erzeigt hat, erhebt sich die Dame des Hauses aus ihrem Lehnsessel; mit einer kleinen Verbeugung gibt sie den übrigen Damen das Signal, alle erheben sich und trippeln sittsamlich hinter ihrer Führerin zur Tür hinaus. Sogar wenn Mann und Frau tête à tête allein essen, geht Madame fort und läßt den Eheherrn allein hinter der Flasche. Ob er dann auch Toasts ausbringt, ist uns nicht bekannt.

Jetzt, da die Frauen fort sind, wird es den Herren leichter um's Herz, aller Zwang ist nun verbannt, sie bleiben unter sich allein, bei Wein, Politik und manchem derbem Spaß, den sie während unserer Gegenwart mühsam zurückhalten mußten. Ihr lautes Sprechen und Lachen verkündet dem ganzen Hause, daß ihnen gar wohl zu Mute sei. Wir aber, wir Armen, was wird aus uns? Da sitzen wir wieder am Kamin und sehen uns an und gähnen mit geschlossenem Munde. Nicht einmal Kaffee gibt es, um uns einigermaßen munter zu erhalten, Handarbeit in Gesellschaft wäre auch unerhört, der gegenseitige Anzug ist leider zu bald durchgemustert. In der trostlosesten Stimmung sitzen wir hier und sind allesamt des Lebens herzlich müde. Wie gern schliefen wir ein! Aber das schickt sich nicht.

Endlich ist eine Stunde so jämmerlich hingeschlichen. Wir haben vom Wetter gesprochen, vom Theater; das ist hier aber kein so gangbarer Artikel als in anderen Orten, denn man geht viel seltener hin. Die Fremde ist zehnmal gefragt worden, wie ihr London gefällt, und sie hat zehnmal pflichtschuldigst geantwortet: ganz ausnehmend wohl; da macht dann endlich die Frau vom Hause dem Jammer dadurch ein Ende, daß sie die Herren zum Tee bitten läßt.

Man sagt, die schnellere oder langsamere Befolgung dieses Winks sei das sicherste Zeichen, wer im Hause herrsche, ob der Mann oder die Frau. Indessen, wenn sie auch zögern, sie kommen doch, die Herren, ein wenig heiter, ein wenig redselig; aber, zu ihrer Ehre sei es gesagt, betrunken haben wir bei solchen Gelegenheiten keinen gesehen.

Die Dame macht jetzt den Tee sehr umständlich. Die Fragen, wie man ihn findet, wie man ihn wünscht, ob süß, ob mit viel Milch oder wenig, werden auch hier nicht unterlassen. In einigen Häusern wird er draußen serviert und vom Bedienten herumgereicht; doch dies sind Ausnahmen von der Regel; die englischen Ladies lassen sich ungern den Platz am Teetisch nehmen, den sie so ehrenvoll behaupten. Neben dem Tee wird auch sehr schlechter, dünner Kaffee geboten.

Die Konversation geht nun ein klein wenig rascher, indessen die Herren haben sich bei der Bouteille rein ausgesprochen, die Damen sind müde und sprechen überhaupt wenig, es wird selten ein munteres, erfreuliches Gespräch daraus. Nach dem Tee fährt man nach Hause, denn für's Theater ist's zu spät, oder man bleibt zum Spiel, je nachdem man eingeladen ist.

Whist ist das einzige übliche Spiel in Gesellschaft; von unserer Art zu spielen weicht man darin ab, daß man nur Partie Simple oder Double zählt, kein Tripel oder Quadrupel. Auf diese Weise kann man höchstens sieben Points in einem Tobber verlieren, deren man immer drei spielt, nie mehr, noch weniger. Die Karten sind sehr teuer und groß, aber ungeschickt. Dies ist wohl das einzige Fabrikat, in welchem die Engländer anderen Nationen nachstehen. Kartengeld ist nicht gebräuchlich, ebensowenig Trinkgeld an die Bedienten.

Daß die Engländer sehr gut, sehr ernst und schweigend dies ihr Nationalspiel spielen, ist bekannt, nicht aber, daß keineswegs die Spielenden, sondern der Herr des Hauses zu bestimmen hat, wie hoch seine Gäste spielen sollen. Dieser Taxe muß man sich ohne Widerrede unterwerfen, wenn man nicht beleidigen will. Einige bestimmen aus Ostentation ein sehr hohes Spiel, andere, die vernünftiger sind, tun das Gegenteil. Dem Fremden ist zu raten, daß er sich vorher nach der Sitte des Hauses erkundige, ehe er zum Spiel geht, sonst kann er in unangenehme Verlegenheit geraten.

Nach dem Spiele setzt man sich noch zu einem kalten Abendessen von Austern, Hummer, Tarts und dergleichen; dies wir sehr schnell abgetan. Froh, das Vergnügen des Tages überstanden zu haben, fährt man spät nach Mitternacht durch die noch immer von Menschen wimmelnden Straßen nach Hause. Alle Läden sind noch offen und erleuchtet, die Straßenlaternen brennen ohnehin immer, bis die Sonne wieder scheint.

Es gibt noch eine Art geselliger Zusammenkünfte, welche die erste Klasse des Mittelstandes, von der wir hier sprechen, dem vornehmeren, aus den ersten Familien des Reichs bestehenden Zirkel abgelernt hat. Sie heißen Routs, gleichbedeutend mit unseren Assembleen in Deutschland. Mit dem Wort Assembly verbindet man in England immer die Idee einer auf Unterzeichnung gegründeten Zusammenkunft an einem öffentlichen Orte.

Die Frau vom Hause macht die Honneurs dieser Routs und ladet dazu ein. Schon mehrere Tage vorher werden allen Bekannten Karten zugeschickt, und zwar ungefähr dreimal so vielen Personen, als das Lokal gemächlich fassen kann. Es versteht sich von selbst, daß man zu einem solchen Feste eine bessere Wohnung als die gewöhnlichen haben muß, die doch wenigstens eine Art von Folgereihe mehrerer Zimmer enthält.

Um zehn Uhr, oft noch viel später, fängt man an, sich zu versammeln, drängt sich durch, um die Wirtin zu begrüßen, die gewöhnlich unfern der ersten Tür im Zimmer Posto gefaßt hat, und nimmt dann Platz an einem der vielen Spieltische, die dicht zusammengedrängt den ganzen Raum erfüllen. Tee und andere Erfrischungen werden herumgereicht, solange die Bedienten durchkommen können. Wird es zuletzt so voll, daß niemand mehr atmen kann, daß vor allgemeinem Geräusch kein Wort mehr zu verstehen ist, daß es an Stühlen und Raum fehlt, welche zu stellen, ja, daß die zuletzt Kommenden auf Treppen und Vorplätzen stehen bleiben müssen, so hat das Vergnügen seinen Höhepunkt erreicht.

Um zwei, drei Uhr gegen Morgen entwickelt sich der Menschenknäuel langsam, wie er anschwoll. Man fährt nach Hause und hat einen deliziösen Abend im großen Stil hingebracht. Die Dame vom Hause zieht sich in ihr Zimmer zurück, zwar betäubt vom Lärm, wie zerschlagen an allen Gliedern von dem ewigen Stehen und allen Begrüßungsformeln, aber doch mit dem stolzen Bewußtsein, die höchste Glorie des geselligen Lebens erreicht zu haben.

Sonntag

Welch ein Tag für die arbeitende Klasse auf dem festen Lande! Die Greise freuen sich schon sonnabends auf den Ruhepunkt, wo sie nach sechs mühevollen Tagen die Ihrigen reinlich und festlich gekleidet in Freude und Lust um sich sehen; die Kinder rechnen schon Montag, wie lange es noch zum Sonntag sei, dann ist keine Schule, dann können sie frei und frank herumlaufen und spielen nach Herzensgefallen, und vollends den jungen Leuten öffnet sich ein Himmelreich bei Musik und Tanz, unter der Linde und in der Schenke.

Von den Vornehmen in den Städten haben freilich viele alle Tage Sonntag, wenn sie wollen; dennoch ist für alle Stände der Tag des Herrn nicht nur ein Ruhetag, sondern auch ein Tag der Freude, geselligen Vergnügens und vor allem Familienzusammenkünften geweiht. Wenige gibt es, die nicht diesem Tage, so oft er erscheint, mit irgend einer frohen Hoffnung entgegensehen, und wäre es nur die, einmal ins Schauspiel zu gehen, nachdem man die ganze Woche alle Abende bei der Arbeit war.

Ganz anders ist es in London: Musik und Tanz sind hoch verpönt, an Theater ist gar nicht zu denken erlaubt, alle Läden, alle Ausstellungen sind dicht verschlossen. Die fanatische Pedanterie, mit der man hier für die Heilighaltung des Sabbats wacht, übertrifft noch die der Juden, welche doch nur die Arbeit untersagen, aber das Vergnügen erlauben.

Einige der vornehmsten Familien des Reichs wurden vor kurzer Zeit fast namentlich in den Kirchen als Sabbatschänder und schreckliche Sünder abgekanzelt und in allen öffentlichen Blättern mit Schmähreden überhäuft, weil sie sonntags unter sich Liebhaberkonzerte gaben, und weil es bisweilen vorkam, daß die Gesellschaften, welche sie sonnabends bei sich versammelten, bis nach Mitternacht bei Tanz und Karten verweilten und dadurch den Tag des Herrn entheiligten, ehe er noch recht erschienen war.

"Ist's wirklich wahr, daß man in Deutschland am Sonntage Karten spielt?" hörten wir eine Dame fragen. "Keinen Tag lieber als sonntags, wo man doch nichts zu tun hat", war die Antwort. "Good Lord!" seufzte die zweite Dame; "aber", setzte sie belehrend hinzu, "man kann's ihnen nicht verdenken, sie werden nicht besser gelehrt", und dabei blickte sie mitleidig auf uns Heiden. "Aber sie spielen doch nicht um Geld?" fragte eine dritte. "Freilich um Geld, oft um viel Geld!" Alle fuhren schaudernd zurück. "God bless us all", Gott segne uns alle!, sagte die vierte, "ich habe einmal sonntags (und um gar nichts) Karten gespielt, und ich kann's mir heute nicht vergeben." Alle vier hatten zwei Minuten vorher bitterlich über den Sonntag geseufzt, der ihnen nicht erlaubte, einen Robber zu machen; man war auf dem Lande bei abscheulichem Wetter und hatte die schrecklichste Langeweile, während die Herren bei der Flasche wie angemauert blieben.

Der echte Engländer teilt den Tag zwischen öffentlichem Gottesdienst, häuslicher Betstunde und der Flasche; seine Frau bringt die Zeit, welche ihr die Andacht übrig läßt, mit irgendeiner Frau Gevatterin zu und läßt den lieben Nächsten eine etwas scharfe Revue passieren, denn das ist sonntags erlaubt. Die Kinder sind gar übel daran, seit man eigene Schulen für die Sonntagabende errichtet hat, in welche sie prozessionsweise getrieben werden, nachdem sie den Tag über zweimal in der Kirche und einmal zu Hause die sinn- und geistlose Liturgie des englischen Gottesdienstes haben herbeten müssen.

Aber wie noch erbärmlicher geht's dem des Zwangs ungewohnten Fremden! Sie öffnen das Klavier, die Wirtin knickst in's Zimmer herein und bittet, den Tag des Herrn nicht zu vergessen. Sie ergreifen ein Buch, da kommt ein Besuch, sieht, daß Sie einer weltlichen Lektüre sich überließen, und hält Ihnen eine wohlgemeinte Ermahnungsrede. Ärgerlich setzen Sie sich in's Fenster; ohne daran zu denken, ergreifen Sie ein Strickzeug, da versammelt sich der Pöbel vor dem Hause, mit Schimpfen und Schelten zieht er Ihnen einen neuen Besuch der Wirtin zu, welche im heiligen Eifer sich diesmal etwas weniger glimpflich ausdrückt, als kurz vorher. Beschäftigen Sie sich fern vom Fenster in Ihrem Zimmer, so äußern die Bedienten, so oft sie hereintreten, ihren heiligen Abscheu, wenigstens durch Mienen, wenn nicht durch Worte. Wollen Sie mit ihren Landsleuten eine Partie Whist in ihrem eigenen Zimmer machen, so hat Ihr eigener Bedienter das Recht, Sie beim nächsten Friedensrichter zu verklagen, und Sie entgehen sicher der Strafe nicht.

Was fängt man aber mit dem Tage an, der zweiundfünfzigmal im Jahre wiederkommt? Man macht kleine Reisen, wenn die Jahreszeit und das Wetter es erlauben, und achtet's nicht, daß die Wegegelder am Sabbat doppelt erlegt werden müssen, zur Ehre des Herrn. Im Winter, bei schlimmem Wetter, faßt man sich in Geduld, anderen Rat gibt's nicht.