Die Armen

Im Wintersturm die gelben Bogenlampen klappernd schwanken.

Ein falber Schein der Plätze heulende Rotunde füllt.

Die Droschkengäule kreiseln enger. Autobusse ankern.

Geschleudert durch vereiste Öden saust des Mondes Schild.

Aus Domes feuchtem Kerker dringen furchtbare Choräle.

Hell rascheln Klingeln durch der Priester monotonen Sang.

Da Kerzen flackern in dem muffigen Hauch aus Gräberkehlen

Und zündeln hoch den Schimmelwänden, längs der Säulen Gang.

Die Blinde ächzet leis, ein Klumpen, in der Ecke knieend,

Die durchs Gebiß verrückend-grün die schmale Zunge bleckt.

Ein Veteranenkrüppel mit des Armes welkem Gliede

Die Krücke schräg auf Christi dürres Holzkreuz weisend streckt.

In düsterer Gegend wallen schimmernd blasse Büßerfrauen,

Den gelben Engeln ähnlich, die vom Strahlenaltar blicken

Mit ausgebrochenen Augen in ein kaltes Dämmergrauen,

Nur manchmal lächelnd mit den dünnen Palmenstengeln nicken,

Wenn hoch die bleiche Hostie in der güldenen Monstranz

Wie Sonne in der Frühe über Berge zymbelnd steiget,

Wobei die holde Gottesmagd, verklärt im Lilienkranz

Erlauchter Mutterschmerzen gnädig durch die Niederung äuget . . .

„Jetzt lallen wir mit trockenen Lippen unser Nachtgebet,

Dann flüchten eilends wir zurück in finstere Asyle.

Da heute uns kein guter Mensch ins Haus zu Gaste lädt,

So schlingen hüstelnd wir als Fraß der weißen Nebel Kühle

Und jenen heißenden Hauch, bei dem der arge Frost gefriert,

Und brechen wir mit knöchernen Fingern krampfend dürre Äste,

Man läßt vielleicht uns, räudigen Hunden, Küchenreste.

Dem gütigen Geist, der also uns erhält, viel Dank gebührt.“

Im Zwischendecke schlafend mit den Koffern, um die Kisten

Sie schlingen ihre schwarzen Arme, ausgezehrt und schwach.

In schäbiger Klause sie wie grauer Vögel Schwärme nisten.

Es schleudern erste Föhne taumelnd-irre sie vom Dach.

Der Arzt tut bitter, der mit dicker Lauge ätzt und Spritze.

Habt ihr genähret euch die kalten Wochen durch mit Lauch?

Habt ihr gespült den Darm, durchschwemmt den Bauch mit Brei und Grütze?

In wunde Lungen eingesaugt der Salze Hauch?

Die Tische wackeln, stehen schief, zerhacket von Gezänke,

Da Väter kollern um die Stürze schwangerer Mütter her.

O ahntet ihr der Reichen Spiel und Traum und heitere Schwänke,

Die Tänze hinterm Vorhang, leicht beschwingt und schwer!

„Christus, du Siechen-Hort, du unser Freund, wardst zum Verräter,

Ein Mörder schleichend durch die trübe Gasse, schmal und streng.

Durch unsere schlimmen Nächte heult dein himmlischer Trompeter,

Der Engel schwarz mit Feuersturz aus wolkichtem Gedräng.

Christus! . . . Und waren wir doch Huren, Kranke und Verbrecher

Voll gläubigen Vertrauens innig-schüchtern dir Genahte?

Du aber übtest nur Gewalt als Block und Henker-Rächer,

Uns nicht besänftigend mit Balsamguß und Trostes Gnade.

Christus! Wie hofften wir, daß herrlich du uns einst erschienest!

Christus! Wie wünschten wir, daß du ein Bruder mit uns weintest!

Christus! Wie flehten wir, daß du dem zornigen Gott uns eintest!

Christus! Wie zittern wir, daß herrlich du dereinst erscheinest!

Die Ungerechten sollten blutend in die Flüsse taumeln.

Die Lauen würden sich verröchelnd auf den Plätzen strecken.

Die Bürgermädchen müßten zwar an ihren Zöpfen baumeln

Und die Beamten-Schnauzen würdest du in Jauche stecken.

Wir kämen dir entgegen laut mit Jubelschwall und Fahne,

Wir führten Reisemüden dich in unsere Gemächer,

Dann trätest du verklärt-entzückt auf luftige Altane,

Da tief im Straßenschacht die Völker in die Kniee brechen . . .

Was rufen wir verzweifelt dich, der tut sich niemals kund,

Der bleibt, ein kalt Geripp, versargt in Erde nasser Hülle?

Kein reiner Kuß blüht hoch aus unserer Fieber faulem Schlund,

Wild wächst nur Angstgeschrei und Marter pfauchendes Gebrülle.

Um Allerseelen aber wandern wir in langen Zügen

Zum Friedhof, schlagend uns durch Park und Hain in spätes Grün.

Der Herbste dünne Winde tief die Wipfelbäume biegen,

Bald jagen wir auf Karussellen froh am Feste hin.

Brecht ein in unsere Körper wie in dornichtes Gestrüppe,

An unserer Hüften Knochen stoßt euch nässend-wund!

Da blinkeln Eiterknoten, Narbenschorf auf Stirn und Lippe,

Und Seuchen wälzen träg sich, Schlangenbrut, auf finsterem Grund.

Im hellen Laden schöne Ringe und Demanten schillern.

Die vielen Singevögel in den weiten Gärten trillern.

Wir schleppen uns zum letztenmal, veraltert und gebückt

Durch diese Pracht. Ein billiger Blumenstrauß, zerzaust — zerpflückt.

Im Hause müssen wir bei Gases schlechtem Schein verwelken.

Das frische Wasser kann uns nicht den harten Tod ersparen.

Da ziehen vor als dichte Schleier wir die Strähnenhaare

Und sausen nieder unterm Krachen der Gehirn-Gebälke.

Wir jauchzen gell. Beginnt! Wacht auf uns zu empfangen!

Wir wollen tüchtig helfen euch den eisernen Kessel schüren.

Wir wollen Gott, der Kräfte Dieb, mit glühenden Fesselzangen

In unseren Kerker im Triumph zu heißer Folter führen.

Hier müßte er die tausend Qualenstunden dreifach büßen

Und leiden in das Dunkel eisiger Spalten eingepreßt.

Ihn überwuchere heftig Ausschlag, raffe nieder Pest!

Der Brände Strahlenfälle spitz ins weiche Fleisch ihm schießen!

Wir wollen ihn erniedrigen, zu Unseresgleichen reißen,

Daß ihn Gemeinheit zauberisch locke, tückisch ihn bestrick!

Wir wollen ihn mit unseren gekotzten Brocken speisen

Und tränken ihn mit eklem Spülicht. Auf sein Stiergenick

Die Füße dröhnend setzen, bis ein fetter Wurm er sich

Am Boden krümmt. Die Engel in den Höhen schauerig jammern.

Wir wühlen hoch uns. Bohren durch uns. Aus den kaltem Kammern

Marschieren wir mit Paukenknall in jäher Sonne Stich,

Befreit von Gottes Druck in ätherflüssigen Gewändern

(Da Düfte-Meere unsere Dulder-Körper lind umstreichen,

Wo, schöne Bräute, harren unser neue Himmelreiche)

Zu fernen Horizonten, die sich rosig-flammend rändern.“