Die Huren

An langer Mauer stehn die Huren, angereiht wie Perlen.

In Wolken duckt des Mondes grüne Katze sturzbereit.

Der Sturm der Herbste wird die seidenen Spitzenröcke schwellen,

Die werden leuchten auf wie Tulpen rot in nächtiger Zeit.

Die Alten recken spähend ihrer welken Hälse Stiele

Und züngeln, Flämmchen trübe, dünn empor am Kirchenhaus.

Die Jungen stelzen üppig im Bazargewühle

Und suchen Herrn mit Stöcken gold und neuem Ulsterflaus.

Sie schweben Statuen auf morscher Brücken Nebelpfade,

Von kleinem Kreuz beschirmet, in des hölzernen Heiligen Hut.

Sie streichen aus der Kammern Höhlengruft im Regenbade,

Das platzet zischend, Bombenknall, in die verstörte Brut.

Sie leuchten wieder, Lämpchen von der niederen Häuser Klippen

Und duften süßlich nach Parfüms und dem Odor der Seuche.

Auf ihren samtenen Mützen weiße Reiherfedern wippen

Und schlummern sanft auf Polsterkissen runder Fuhrmannsbäuche.

Sie stehen vor Gericht als Mordes einzige Eideszeugen.

Sie sind des Uhrenraubs verdächtigt oft und angeklagt.

Des Strizzis sicheren Aufenthalt beharrlichst sie verleugnen.

Grauhaariger Onkel sie des Tags mit wüsten Lüstchen plagt.

Ein Dirigent hat heller Geigen Stimmen angefacht.

Sie gähnen in Cafés und torkeln in den Bars besoffen.

Sie knieen überrascht vor der Monstranze Pracht.

In braunen Wirtschaftsgärten lungern sie, zerrauft und offen.

Sie prangen bunt in Reicher Galerieen, konterfeit.

In blauen Höfen zucken ächzend sie bei Kämpfen wild.

Die Harfenfrauen zittern in verworrener Dunkelheit.

Papierlampione pendeln über großer Nummern Schild.

Auf Karrenwagen rollen sie bewacht ins Hospital.

Sie richten auf sich, schlagen Lärm und trümmern ein die Scheiben

Und brechen aus und dringen kreischend in den Sitzungssaal . . .

In euere schmutzigen Winkel euch die Bajonette treiben!

Mit eueren Locken blond seid ihr die Musen blöder Dichter!

Myrthenbekränzet schwebet ihr aus schwälender Feuer Pfuhl.

Es wehen durch der Dämmer Fall die narbigen Gesichter.

Ihr seid gestellt einst, Schwerterwächter, um der Gnade Stuhl . . .!

Sie schlendern langsam und gebückt in lauer Jahre Zug,

Bis früher Frühling einst Gewand und Fleisch zerschleißet.

Sie strecken ihre fahlen Arme aus zu letztem Flug.

Sie schmücken sich in ihren Stuben kalt zur weiten Reise.

„. . . O warme Nacht, du breitest milde Sterne und Gefieder

Um uns und schaukelst Walzer heimnisvoll an unseren Gang.

Oft ists, als stückelten uns ruckweis ab der Körper Glieder

Und finden plötzlich uns gealtert in den Spiegeln bang . . .“

Die habend heut beim Kriegerfeste schönes Geld geerbet,

Sie kleben an den Tischchen frohvergnügt der Automaten.

Das Holzklavier laut rasselnd sie zum Schiebertanze werbet.

In Ecken und bei Weißbier sitzen steif die Akrobaten.

Zerkratzet sind die käsenen Wangen und der Leib voll Flecken.

Ein Ankerwappen blüht, im Oberarm blau tätowiert.

An den gespreizten Fingern gelbe Kettenringe stecken.

Ein Nadelriß an dem verschminkten Rosenmunde schwiert.

Sie treten auf als Tänzerinnen und als Wunderdamen.

Sie kreiseln singend auf den Pferdchen zahm der Karuselle.

Sie steigen flüchtig durch Hotels, oft ändernd ihre Namen.

Verschlupfen plötzlich über Winter in Provinzbordellen.

Sie promenieren in den Lüften auf gespannten Seilen.

Sie zirpen Heimwehlieder traurig-matt im Cabaret.

Sie sammeln Kupfermünzen, Waisenmädchen, an den Säulen.

Sie lösen schluchzend sich bei Grammophonkonzert mit Tee.

„. . . Sind wir gewandelt unsere schlimmen Stunden grimmigheiser!

Es ist, als sei ein Brief von fern gekommen, der uns ruft.

Laternen strömen über, unserer Wege schale Weiser.

Verlassen wollen wir Quartier dich, feuchter Tränen Gruft! . . .“

Sie packen fiebernd ein, sie stapeln hoch der Wäsche Körbe.

Vergilbte Vorhänge bedecken Wirtinnen verweint.

Sie reißen hoch sich, schlingend um der schwarzen Mäntel Schärpe.

Sie sammeln sich wie dürre Rabenschar in finsterm Hain.

Sie stampfen auf und schwenken dröhnend ihre Hängetaschen

Und flüstern, wie ein Hauch im Wald, sich zu des Kriegs Parole

Und ordnen sich zum Vorwärtsmarsch, die himmlischen Apachen,

Mit der Kapellen Chor, die bläst des Schlummers Barkarole.

„. . . Wir kommen mit der schwefelnden Sonne Glanzesflor bekleidet,

Wir tauchen Wildnis auf vor euch und jagender Schrecken Heer.

Wo ist der starke Mann und wo das Meer bereitet

Für uns, die Wasserbrunnen aus den zerstürzten Schächten her?

Ihr Mütter! Mütter! Wahret euere Söhne in den Häusern!

Wir spritzen Gift, in spätem Abende erweckte Nattern.

Ihr Mütter höret: — unsere armen Püppchen quietschen leise.

Wir fegen wie die Föhne durch die Straßen mit Geratter.

Wacht auf! Wacht auf! Wir schnellten blitzend aus der Gräber Schluchten.

Wacht auf! Wir ticken an die stummen Fenster, die zerspringen!

Wacht auf! Euch schmettern nieder die Posaunen der Verfluchten.

Wacht auf! Wir flammen haßgeschürt und spucken Galle bitter!

Wir werden sein verruchter Jugendliebe grause Rächer.

Auf fetter Bürger Buckel flitzen unsere Peitschengürtel.

Wir jauchzen, Böller krachend, auf in höllischem Gelächter.

Der Erde Festen wanken. Himmel brechen ein erschüttert.

Empfanget uns: die wir aus eisigen Särgen aufgefahren,

Die wir auf schattenen Koturnen herrlich sternwärts schwanken.

Die kranken Schwestern tragen wir verzückt auf Sträucherbahren.

In unseren gebleichten Haaren spielen Strahlenranken.

Die Huren werden grinsend euere Einsamkeit belauern.

Die Huren werden euch in böser Träume Schlaf erwürgen.

Die Huren werden um die Kindheit furchtbar opfernd trauern.

Die Huren werden euerer Städte gläsernen Bau zerwirken!“ . . .

— — — Sie ziehen heulend auf, Gewitter in den Höhen finster.

Der Horizonte Augenlid eröffnet sich, entzündet.

Sie schreiten aus im Morgenrot, scharlachene Gespenster,

Mit silbernen Schwanenflügeln, die klirrend tönen in den Winden.