XIX
Ich bin ein Namenrufer über weites Land,
Selbst namenlos, und Namenlose sind es,
Die ich rufe. Im warmen Hauch des goldenen Morgenwindes
Schmerzlich Erweckte aus uralt schattigem Bezirk zu neuem Leben.
Um ihre grabzerfetzten Lippen ein gelindes,
Letztes, doch starres Lächeln der Verwesung,
Manche in der Anmut eines holden Kindes,
Träumerisch, im Frieden endlicher Genesung,
Manche in den dunklen Trauertrachten
Verstorbenster Ahnen, manche in den funkelndsten Schauerprachten
Stolzester verdorbenster Frauen. Über marmorglänzende
Fluren hin, in samtenen
Prunkgemächern oder in der blassen Helligkeit
Der Abendlichter. Immer ists, als
Hörte ich Orgeln brausen,
Große dumpfe Orgeln irgendwo,
So im Aufgang von den Himmelshöhen,
So im dunklen Wehn
Des Abendwindes.
Oder hellen Silberklang geschwungener Gefäße
Oder lallendes Hinträumen junger sterbender Seelen,
Weinen oder die Andacht blasser Frauen,
Zwischen offenen gespreizten Schößen
Wunden und entzückte Dolche, funkelnden
Berückenden Schimmer heiliger Geräte,
Kinderstimmen tönend durch die seltsam hohen
Feierlichen spitzgewölbten Hallen.
Alles Ferne, Trübe, Grausam-Schöne irgendwo . . .
Was ich litt,
Blinkt auf darin in tausend Narben
Und stöhnt nach Reinigung.
Und was ich lebte, um was ich stritt,
Durchspringt in tausend Farben
Grell kreischend den Weltenraum, Vereinigung
Im Höchsten heischend und Entfaltung,
Gigantische Kräfte zur Vollendung dauernder Gebärden
In mystischer Verzücktheit und Gestaltung. —
O Friedensstätten siegverklärte!
Nach irdischer Not und Tod und schwerem Krieg!
O ihr Begehrten!
Ihr Vielgeliebten!
Ihr von leuchtenden Sonnenstürmen
Und ewigen Sternglorien Beglückten!
Euch, euch grüß ich, euch ihr weiten Länder,
Reiche der Seligen ihr, ewiger Träume bleiche Heimatstätten
Und der Schwermut müde schweigende Gewässer,
Wenn der silberne Mond zuhöchst zur Neige kommt.
Euch, euch grüß ich, euch ihr weiten Länder,
Euch noch ungesehene, euch nur geahnte, euch
Einst herrlich leuchtende Gestade
Im Morgenlicht!
Euch, euch grüße ich
In stürmischer Nacht von hohem Wanderschiffe, dessen
Mürber Kiel zersplittert, dessen
Stolze Masten jählings berstend übersinken, dessen
Rumpf mit dumpfer Donnerstimme in ewige Vergessenheit zerkracht.
Durch Tod und durch Gewittersturm
Ist mein hohes Heimwehlied der einzige Gesang der Nacht.
O blutiger Aufruhr! Flammenstöße!
O ihr meines irdischen verbrauchten Leibs
Zerschellende Mächte! O Stimme Gottes,
Die durchs Dunkel dringt,
Die Firmamente leuchten macht,
Die Sterne aus bewährten Bahnen reißt,
Mit einem Hauch Frühlinge aus Trümmern weckt,
Gräber sprengt,
Tote Herzen wieder schlagen macht.
O Stimme Gottes, die die Brust beengt
Uns Menschen, daß der Rasende den Leib sich aufreißt
Und zerfleischt, den Körper peitscht, sich bis aufs Blut
Zerbeißt und steinigt.
Entstellt, zermartert und gepeinigt
Zum Tod sich hinschleppt, bis auf Flügeln der Ohnmacht er entschwebt,
Bis ganz das Tönen deiner reinen Stimme ihn durchdringt,
Bis ganz das stille Leuchten deiner Harmonie ihn süß durchdringt,
Bis ganz dein milder Glanz ihn sanft umhüllt
Und den Erlösten
Blaue Nächte und die Sterne trösten.
Du Freudensturm des Lichts! Du Wort, du Tat!
Du Sonnengold und Traum der Nacht! Du Tag der Erde!
Du Wonne! Jubelglanz! Du All, du Nichts, versteinende Gebärde!
Du Sammelruf! Bezirk des ewigen Heils! Umworbene Stadt!
Engel der Morgenröte du und heißer Kampf! Gefährte
Und Hilfe der Schlacht! Zärtlich Leuchten, Siegesklang und Harmonie,
Du goldener Schnitt, du Schwerkraft, Mittelpunkt
Und Sinn der Welt! Ausatmen und Ertrinken!
Natur!
Du Frucht im Schoß, du Nein und Amen,
Du Ewig-Wacher, Nie-Vergessender, du Heiß-Erträumter!
Du grausam Unbarmherziger, du, du — nein Nie-Beirrter!
Sieh unsere Hände hält ein Fluch gebunden,
Doch unsere Kämpfe führen deinen Namen.
O Volk Verlaufener! O Volk Verirrter!
O Volk Geschändeter! Zu Wut und Haß Emporgeschäumter!
O Volk Geächteter! O Volk Verblendeter! Mit Wunden
Gleich Frühlingssaaten überströmt. Blutüberströmt . . .
Du Unbeirrter!
O segne mich, den Trunkenen, Begeisterten, von dir zu dir Entflammten,
Dein Kind, dir Held zugleich und Priester, o Meister! Der
Seine tiefsten Träume nicht erfüllte noch gestaltete, der nie zur hellen Tat entbrannte, der sie nun unberührt
An dein Herz wieder niederlegt, o Meister und Verwalter. Woher
Sie erdwärts niederstiegen und entstammten . . .
Ich, auch einer der Versunkenen, Verführten und Verdammten.
O daß deine reine Gnade unverhüllt und licht
Sich mir zuneige und erwäge, doch daß dein Gericht
Mein Leid unwägbar und ganz unvergleichbar finde . . .
(Ach Worten gliche keins. Und Worte wären Winde und Sünde für dies!) . . .
Bis deine unnennbare Güte den so weh Entflammten
Aus grauen Mitternächten
Im dröhnenden Aufstrom sprühender Gewitternächte
Zu blühenden Lichtwelten schön entführt. —
Daß ich aus allen meinen glühendsten Ekstasen,
Die mich hinschleudern und zerknirschen, drosseln,
Mich kalt umpacken, den Nacken brechen,
Gleich wirbelnden, aufpeitschenden Orkanen, die blühende Gelände mit einem Hauch verwehn,
Daß ich aus allen Orgien, die meine kranken, getäuschten Sinne feiern,
Und stolzen, ungebärdigen Gewalttaten,
Entblößenden Räuschen und allen Trunkenheiten,
Willküren, rohen Anmaßungen,
Aufrührerischem Trotz und Mord,
Aus allem Wühlen, Sehnen, Branden, Ringen,
Aus allen Stürzen in Abgründe und Zusammenbrüchen,
Aus allen Anfechtungen und Verzweiflungen,
Aus allen Ängsten, Lastern und Versuchungen
Und allen Verirrungen und Halluzinationen
Und allen Peinigungen des herrischen Geschlechts, das
Alles überwächst und sich ins Unermessene erdehnt:
Daß ich mich einst aufhebe,
Den Staub abschüttle, der an zerschrundenen Flügeln haftet,
Traurige Augen öffnend und das Herz erschließend,
Daß ich mich einst aufhebe,
Schwingen spanne,
In jenes Land hinfindend,
Mit einem letzten Anflug gläubigen Muts und frommer Kraft:
Wo du in Reinheit der azurenen Höhe,
Im schimmernden Chaos, wo goldene Sonnen schwanken,
Und alle Gestirne tönende Lichtreigen inbrünstig um deine Majestäten ranken,
Wo jauchzende Chore ihn umgeben und reiner Himmelswonnen brausende Melodien,
Wo harte Engel ihn umschweben mit Blitzen und sausendem Speergewimmel, die ihn
Zu Bronnen des Lebens schön geleiten, zum Herzen Gottes, die der Einsamkeit
Gewandung von ihm abtun,
Seiner schmerzhaften Erdenzeiten
Verhärmte Schatten.
O gleißende zitternde Lichtblitze, ewige Gnadenwonnen!
O du inmitten kreisender Sonnen stürmische Erhöhung:
Bis die Adern von tanzendem Blut und die Brüste von schimmernden Gluten geschwellt,
Und die Augen von himmlischen Feuern entbrannt und erhellt:
Sein Geist als Geist Gottes durchstürmt die brechende Welt. —
O Herrlicher du, senke der Flammen schlagende Fahnen auf uns mit glühendem Bewenden!
Du Ewiger, lenke den Marsch der Verdammten gnädig aus finsteren Bahnen zu blühenden Enden!
Du Ewiger, sprenge die irdischen Bande! Mache uns frei!
O Herrlicher du, erfülle die Länder mit großem Triumphgeschrei!
Kür uns zu Helden, gekrönt mit leidlosem Kranz!
Daß über unsere schmerzentstellten Stirnen hinströme der Glanz
Endloser Güte unendlicher Macht!
Schimmernder Frieden du! Segen du unserer Nacht!
Daß wir an deinem Herzen ausruhn!
Daß unseren Schmerzen sich Himmel auftun!