Einsamkeit

Eine Stelle fand ich heut in meinem Notizheft, die ich mir neulich einmal aus irgendeinem Drama ausgezogen hatte.

»Auf allgemeines Verlangen: es wäre ungeheuer angenehm,« sagte da einer, »wenn all dies Gewäsch von Freiheit und Ehre und Selbständigkeit und Sittlichkeit und Verantwortung und Berufensein und Wahrheit bald ein Ende hätte. Sehen Sie, wir werden ganz verrückt davon! – All die dicken Worte und feisten Redensarten!«

O ja! – Nun, ich lache auch über »all die dicken Worte und feisten Redensarten«. Denn hier bin ich gut im Sichern.

Das Kreisblättchen, das alle Wochen dreimal hierherkommt, ist ungefährlich. Und sonst …

»Weit! Weit

Liegt die Welt hinab,

Ein fernes Grab.

O holde Einsamkeit!

O süße Herzensfreudigkeit!«

Einsamkeit! Einsamkeit!

Ach, ich könnt es nur so herausjauchzen!

Nun leb ich erst! Das war’s, was ich brauchte, als ich hierherging! Nicht mich zerstreuen, nicht »erholen«: zu mir selbst kommen wollt ich.

Jahre überblick ich. Das Neue des Tages, der Zeit stürzte auf mich ein, von allen Seiten.

Es hat mich begeistert: es hat mich geängstigt und müd gemacht.

[pg 34] Ich habe mich an ihm bereichert: das war meine Begeisterung, mein gieriges Aufnehmen, all die Wonne dieser Jahre.

Ich hab es von mir abgeschieden: Ach! all die schlimmen Stunden, wo es mich fast verrückt machte, wo ich in Ermattung und Stumpfheit, in Verwirrungen und fiebernden Erregungen mich verlor!

Und nun! Nun find ich mich wieder. Nun werd ich mir bewußt, was das alles zu bedeuten hatte.

Man kann sich nicht verlieren. Man kommt immer zu sich selbst zurück. Und ich? Bereichert. O ja! Bereichert!…

»O holde Einsamkeit!

O süße Herzensfreudigkeit!«

Aber nicht die »blaue Blume« will ich hier suchen gehen, alter Tieck! hier in walddämmernder Einsamkeit: mich selbst will ich fühlen und entfalten. Ich brauche keinen romantischen Hexenspuk und keine »blaue Blume«, die mir die Herrlichkeiten der Welt auftut! Ich bin ein Kind meiner Zeit! – Frei will ich sein, was ich geworden bin, hier – und dort, wo ich es geworden bin, wo dieselben Kräfte spielen wie hier. Nicht das »Hier« ist besser als das »Dort«, und nicht das »Dort« als das »Hier«. Überall ist die Welt wunderbar. Überall die gleiche, eine … Ich brauche keine »blaue Blume«. Die blaue Blume ist mein fühlendes, lebendiges Herz.

In Luft und Licht will ich mich baden, das tausendfältige Leben der Natur hier in der Einsamkeit fühlend mitleben, wie ich es – »dort« nun mitleben werde. Nicht nach Wundern will ich suchen, die mich erlösen sollen von dem, was täglich mich umgibt, sondern fühlen, bis in mein tiefstes [pg 35] Herz hinein erschauernd fühlen, wie das und alles ein Wunder, ein unaussprechliches Wunder ist!…

Nicht mit Metaphern und Hyperbeln will ich die schöne Wunderwelt verrenken und mir darauf etwas zugute tun und anderen zumuten, daß sie sich dabei etwas zugute tun sollen: die Welt ist nicht zu verschönen! Sie ist schön, so wie sie ist. Und wenn ich »Licht« sage oder »Mücke«, »Blume« oder »Baum«, »Werden« oder »Vergehen«, so bebt mein Herz von unerhörten Wundern …

Das ist meine ganze Weisheit, in schlimmen Tagen erkämpft, in der Einsamkeit erkannt …