Nach einem Begräbnis
Ich kam von meinem Spaziergange zurück und bummelte noch aus lieber Langerweile über den Gottesacker. Vor dem frisch zusammengeschaufelten Grabhügel blieb ich stehen.
Vorhin, als ich in die Felder hinausging, hatt ich den Zug gesehen. Vorweg gingen die Kurrendejungen, mit schwarzen Radmänteln und runden, groben schwarzen Filzhüten. Über ihren Köpfen schwankte in der Sonne das vergoldete Kruzifix auf seiner langen schwarzen Stange langsam dem Zuge vorauf. Sie sangen »Jesus, meine Zuversicht«, und dazwischen läuteten von oben die Glocken. Es war eine »ganze Leiche« gewesen. Man unterscheidet hier bei Begräbnissen »ganze Leichen« und »halbe« und solche, die gar nicht zählen. Bei den »ganzen« gehen alle Kurrendejungen mit, und jeder kriegt zehn Pfennig; außerdem wird geläutet. Bei den »halben« geht nur die Hälfte der Jungen voran. Nun, und die, welche gar nicht zählen, haben den Vorteil, daß sie in einem soliden Eilmarschtempo ohne weiteren Sang und Klang dem lieben Himmelreiche überliefert werden.
[pg 82] Im übrigen: man sollte doch wirklich allgemein die Leichenverbrennung einführen. Denn der Gedanke, daß das da unten, der alte, gute, dicke Meister Loebe, dem ich vor vier Tagen noch bei beiderseitig bestem Befinden ein Stück Sülzwurst abgekauft habe, in ein paar Wochen ein würmerwimmelnder, grünlicher Klumpen Dreck sein wird, ist wirklich ein wenig fatal. Ich hoffe, ein vielfach bewährter Fortschritt wird auch bei dieser Kleinigkeit das Seinige tun und sorgen, daß man künftig beim Lied vom Ende von derlei unappetitlichen Vorstellungen nicht mehr peinlich berührt werde. Immerhin wäre das eine nicht zu unterschätzende Konsequenz. –
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Der alte, gute, dicke Meister!
Wie mag sich seine unsterbliche Seele, die ihm der Herr Pastor vorhin imputiert hat, gefreut haben, als sie das Ehrengeleit seiner Mitbürger sah! Denn sicher ist es ihr nicht gleichgültig gewesen. Sie war eine reputierliche Ratsherrnseele und hielt etwas auf Repräsentation.
Vier Trauermarschälle, mit langem Flor hinten an den Zylindern herunter, Zitronen in den Händen und lange schwarzumflorte Stäbe. Zwölf Sargträger, ein braun polierter, solid gefügter Bohlensarg mit Kränzen, Blumenkronen und langen Palmzweigen. Und hinterher tout le monde …
Der alte, gute, dicke Meister!
Ich will nicht davon reden, mit welch liebevoller Sorgfalt sein Phlegma geräucherte Schweinsköpfe zu überzuckern wußte und wie durchaus korrekt seine Leberwürste [pg 83] waren: nur, daß ich die angenehme Gewohnheit entbehren soll, ihn Morgen für Morgen zu begrüßen, wenn er mit seiner gewaltigen weißen Schürze und seinem roten Gesicht vor der Ladentür mitten zwischen den beiden blitzblanken Messinghaken in der Frühsonne strahlte: was für eine Lücke in meinem Tagesprogramm! –
Der Selige! –
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Ich riß mich los und ging weiter.
Von der Kirche her klang die Orgel.
Aus der Kirchtür quoll eine Staubwolke in die Nachmittagssonne heraus. Es war Sonnabend und wurde gefegt.
Ich blieb stehen und lauschte.
Der Kantor entschlüpft zuweilen nachmittags dem Spektakel seiner sechs Rangen und spielt ein Stündchen zu seinem Privatvergnügen auf der Orgel. Wenn’s mir paßt, schleich ich mich wohl mal hinein, drücke mich in irgendeinen Kirchstuhl so, daß ich ihn beobachten kann, und hör ihm zu.
Nämlich sein Spiel … Es liegt etwas in seinem Spiel, etwas, etwas … Hm! – Etwas, das einem ein so eigenes Gefühl in der Herzgegend schafft, das mich förmlich in meine verschwiegene Kirchstuhlecke drückt.
Ob er sich seiner Gabe bewußt ist? Ich habe ihm nie angemerkt, daß er viel Wesens davon macht. Er meinte nur einmal, daß er »für sein Leben gern Musik studiert hätte«. –
Es sind so merkwürdige Augenblicke!
Anfangs hör ich noch, wie die Bälge fauchen und wie das alte, stockige Gestell gar nicht parieren will; wie die [pg 84] Auskehrfrau vor der Tür mit einem alten Weibe einen Diskurs macht zwischen ihrer Arbeit, und ich muß an seinen kahlen Schädel, an seine sechs Gören, an seine Abcschützen und sonstigen Quark denken; aber dann kommt es über mich mit einer süßen, seligen Unruhe, und ich vergesse alles. –
Und heute hab ich sogar meinen alten, guten, dicken Meister Loebe vergessen, den gesegnetsten der Männer …