1. Die Teufelsbeschwörung oder der sogenannte Exorcismus.
Weder in dem Bericht von der Johannestaufe, noch in dem Taufbefehl Jesu, noch in einer der vielen Taufhandlungen, die uns im N. Testament berichtet werden — auch selbst nicht bei der Taufe der Heiden —, findet man eine Spur von Teufelsbeschwörung oder auch nur die Vorstellung von einem besonderen Einfluß Satans und der Dämonen.[218] Auch die ältesten Kirchenlehrer, wie Justin der Märtyrer und Irenäus (gest. 202), wissen noch nichts davon. Dr. Neander schreibt darüber: „Wir finden im 2. Jahrh. noch keine Spur einer solchen Bannungsformel gegen den bösen Geist.“[219] In Tertullians Schriften hingegen findet sich schon eine Art von Exorcismus vor, wenn auch noch nicht in so abergläubischer Entartung, wie man ihm im 3. und 4. Jahrh. begegnet. Tertullian führt aus: „Wir geben auch eine Zeitlang vorher in der Kirche unter der Hand des Bischofs die Erklärung ab, daß wir dem Teufel, seiner Pracht und seinen Engeln widersagen.“[220] Nach Cyrill von Jerusalem (gest. 386) wandte sich der Täufling bei dieser Absagung nach Sonnenuntergang mit den Worten: „Ich entsage dir, Satan, und allen deinen Werken und allem deinem Gepränge und allem deinem Dienste.“[221] Hierauf wurde dem Katechumenen befohlen, den Teufel auszublasen und auszuspeien. Später, als das Christentum zu den germanischen Völkern kam, wurde dem Täufling die Frage gestellt, ob er den Göttern Donar, Wodan, Saxnot und allen bösen Geistern und Unholden entsage. Die Antwort lautete: „Ich widersage (ek forsage).“[222] Diese Teufelsentsagung führte zu der gänzlich unbiblischen Teufelsbeschwörung. Sehr richtig bemerkt Henke hierzu: „Die Absagung war ursprünglich weiter nichts als ein Versprechen, daß er Götzen, Götzendienst, heidnische Feste und Schauspiele verabscheuen und meiden wolle. Sie leitete aber auch weiter zu anderen Vorstellungen, und sie enthielt die Anlage zum Exorcismus.“[223] Der wesentliche Unterschied zwischen der Teufelsentsagung und -beschwörung ist der, daß bei ersterer die Absagung der Täufling selbst verrichtete, die Beschwörung oder der Exorcismus hingegen von dem Taufenden vorgenommen wurde. Daß sich aber solche Gebräuche nicht auf die hl. Schrift sondern nur auf die Tradition gründeten, dessen war man sich in der alten Kirche voll und ganz bewußt. Dies bezeugt Tertullian ausdrücklich, indem er sagt: „Wenn du für diese und andere Punkte der Kirchenzucht eine ausdrückliche Vorschrift aus der hl. Schrift verlangen wolltest, so wirst du keine auftreiben können. Man wird dir die Tradition entgegenhalten als die Urheberin davon.“[224]
Die erste Spur des Exorcismus bei der Taufe zeigt sich in den Verhandlungen jenes Konzils zu Karthago im Jahre 256, auf dem nicht weniger als 87 Bischöfe anwesend waren. Hier wurde verordnet, daß jeder, der zur Taufe zugelassen werde, zuvor (durch den Exorcismus) gereinigt werden müßte.[225]
Auf welche Art diese Teufelsbeschwörung vor sich ging, läßt sich klar aus einer Verordnung des Konzils zu Konstantinopel im Jahre 381, Kanon 7, ersehen. Da heißt es: „Wir behandeln sie (die Häretiker) so, wie man es mit den Heiden zu machen pfleget. Den ersten Tag machen wir sie zu Christen (d. h. wir erklären, daß sie in die christlich-katholische Kirche aufgenommen werden sollen); den zweiten Tag nehmen wir den Exorcismus mit ihnen vor, wobei ihnen dreimal in das Angesicht und in die Ohren geblasen (oder gehaucht) wird. Hernach unterrichten wir sie, lassen sie die gehörige Zeit über in der Kirche erscheinen und die Schrift hören. Sodann werden sie getauft.“[226] Andere Schriftsteller erwähnen dabei noch das Bestreichen mit Speichel.[227] Im 4. Jahrh. erklärten angesehene Kirchenväter den Exorcismus zwar für heilsam, weil selbst die Kinder von dem Einfluß der bösen Geister nicht frei wären, aber nicht für notwendig und in der hl. Schrift geboten.[228]
In der morgenländischen sowie auch in der römisch-katholischen Kirche ist der Exorcismus in dieser sonderbaren Form unverändert beibehalten worden.[229] Luther ließ in der zweiten Ausgabe seines Taufbüchleins zwar alle in der ersten Ausgabe noch beibehaltenen Sitten, z. B. daß Anblasen, Bestreichen mit Speichel u. a. weg, behielt dagegen die Entsagungs- und Beschwörungsformel bei. Er erklärte diesen Brauch wohl als nützlich, doch nicht für eine dogmatische Notwendigkeit.[230] Ebenso billigte Melanchthon den Exorcizmus und mit ihm die übrigen lutherischen Theologen. Zwingli wie auch Calvin mißbilligten ihn aufs entschiedenste. Von der reformierten Kirche wird er als eine abergläubische Zeremonie verworfen.[231] Baumgarten trifft wohl in diesem Punkt das Rechte, wenn er sagt: „Es ist eine willkürliche Handlung, die in keinem göttlichen Befehl oder Notwendigkeit der Sache gegründet ist, ein Adiaphoron, ein gottesdienstliches Mittelding, oder eine menschliche Kirchenverordnung.“[232]