Das Zeugnis des Neuen Testaments.

Das N. Testament wird uns in unserer Untersuchung eine gute Hilfsquelle sein. Es ist das zuverlässigste Geschichtswerk, das uns von den Taten Jesu und der Apostel berichtet. In ihm werden uns auch die vielen Taufen mitgeteilt, die in jenen Tagen durch die Apostel an den Neubekehrten vollzogen wurden, wobei wir die ursprüngliche Praxis der Taufe und mit ihr auch die bestimmte Form und Anwendung derselben finden. Wir unterwerfen deshalb die in Frage kommenden Stellen einer genauen Prüfung.

Die erste Stelle wäre Matth. 3, 5. 6. Hier wird uns erzählt, wie Johannes der Täufer auf Gottes Geheiß in die Wüste des jüdischen Landes ging, um zu predigen und dem kommenden Messias den Weg zu bereiten, ihm „zuzurichten ein bereit Volk“. Durch seine Predigt stellte er die Anforderung an seine Zuhörer, daß sie sollten „Buße“ tun und „glauben an den, der nach ihm kommen sollte, das ist an Jesum, daß der Christus sei“.[87] Wer nun dieser Aufforderung nachkam, wurde von Johannes getauft. Wir wollen aber bei dieser Gelegenheit eine für unsere Untersuchung sehr wichtige Frage nicht unbeachtet lassen, und das wäre die: Welche Art und Weise brachte Johannes bei der Ausführung dieser göttlichen Verordnung an diesen bußfertigen Sündern in Anwendung? Vollstreckte er diese wichtige Handlung durch Untertauchen, Übergießen oder Besprengen? Wir sind bei der Beantwortung dieser Frage durchaus nicht an menschliche Auslegungen, Meinungen und Ideen gebunden. Der göttliche Bericht ist so einfach und klar, daß er nicht mißverstanden werden kann. Er lautet: „Da ging zu ihm hinaus die Stadt Jerusalem und das ganze jüdische Land und alle Länder an dem Jordan und ließen sich taufen von ihm im Jordan und bekannten ihre Sünden.“[88] Man beachte, daß es hier ausdrücklich heißt und ließen sich taufen von ihm nicht „am“ sondern „im“ Jordan. Außerdem wird uns noch berichtet, daß Johannes der Täufer sich eine Stelle im Jordan aussuchte, da „viel Wasser“ war. Siehe Joh. 3, 23. „Viel Wasser“ ist sicherlich nicht zur modernen Ausübung der Besprengung (aspersio) oder Begießung (infusio) nötig. Er wählte vielmehr Enon zur Taufe, weil er daselbst genügend tiefes Wasser zum Untertauchen (immersio) hatte, damit er in richtiger Art seines göttlichen Meisters Verordnung ausführen konnte. Dies wird ein jeder vorurteilsfreie und unbefangene Leser zugeben müssen.

Der Kirchenpropst A. Caspers führt hierzu aus: „Johannes sagt ‚Ich taufe euch im Wasser‘, Matth. 3, 11 (vergl. Mark. 1, 8), womit aufs deutlichste ausgesprochen ist, daß die Taufe nicht im Hinabsteigen und Heraufsteigen aus dem Wasser besteht, sondern daß Johannes den Täufling, der in dem Wasser steht, in das Wasser, in welchem er steht, untertaucht, so daß das Wasser über des Täuflings Kopf zusammenschlägt, wodurch der Täufling im Wasser sich befindet wie ein Begrabener im Grabe.[89] Es zerfiel also die Taufe in drei Akte: in das Hinabsteigen des Täuflings in das Wasser, in das Untertauchen desselben von seiten des Täufers und das Heraussteigen aus dem Wasser.“[90]

Johannes tauft Jesum im Jordan.

Und Calvin bemerkt zu der Stelle: „Von diesen Worten, Joh. 3, 23, können wir entnehmen, daß die Taufe von Johannes und Christo durch Eintauchen des ganzen Leibes unter Wasser vollzogen wurde.“[91]

Auch Olshausens Aussage ist bemerkenswert. Er sagt: „Als Jesus die Stadt verließ, begab er sich gegen den Jordan hin, wo er taufte, aber doch so, daß er im jüdischen Lande blieb. — In der Nähe taufte auch Johannes, weil tiefes, zum Untertauchen bequemes Wasser da war.“[92]

Dr. Paulus Tassani in seiner Bibelausgabe Minden, 1716, zu Joh. 3, 23: „Wasser, d. h. Flüsse oder Bäche; weil diejenigen, so von Johannes getauft wurden, mit ihren ganzen Leibern in das Wasser gingen.“

Eine weitere Stelle wäre Matth. 3, 16. Hier heißt es „Da Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser.“ Noch genauer gibt es uns der Evangelist Markus in Kap. 1, 9. 10 „Und es geschah in jenen Tagen, da kam Jesus von Nazareth in Galiläa und wurde von Johannes in den Jordan getauft.“[93] Das „in den Jordan getauft“ und „er stieg alsbald aus dem Wasser“ gibt uns wieder vollständig den Sinn des Hineintauchens. Wir können hier nicht annehmen, daß Johannes bei der Taufe Jesu, was die Form derselben anbetrifft, etwas Besonderes getan habe. Er hat also unter „taufen“ nichts anderes als „untertauchen“ verstanden.

Dementsprechend schreibt auch Dr. A. Caspers: „Daß Taufen Untertauchen heißt, das tritt deutlich hervor in Mark. 1, 9, wo ausdrücklich gesagt wird: „Jesus wurde von Johannes in den Jordan getauft.“ Es bedarf also das Wort: „in den Jordan“ keiner Auflösung in zwei Sätze: er stieg in den Jordan hinab und ließ sich dann in dem Jordan taufen.“[94] Und Vossius bezeugt: „Daß Johannes der Täufer und die Apostel diejenigen, welche sie tauften, untertauchten, leidet keinen Zweifel. Denn also lesen wir: Und sie ließen sich alle von ihm taufen im Jordan. — Und da Jesus getauft war, stieg er bald herauf aus dem Wasser.“[95]

Ferner Dr. Olshausen in seinem Kommentar zu Matth. 3, 16: „Die Form der Taufe des Johannes wird nicht weiter geschildert; ob der Täufer Worte, und welche Worte er über Jesum sprach, bleibt unberührt. Was mitgeteilt wird, fällt alles nach vollzogener Taufe, nämlich bei dem Auftauchen aus dem Wasser. Daß die Ausgießung des Geistes nicht vor dem Untertauchen erfolgte, stimmt ganz mit dem symbolischen Charakter der Handlung überein. Vergl. Röm. 6, 1. ff. Die eine Hälfte der Handlung (das Untertauchen) repräsentiert das Negative, das Hinwegnehmen des Alten (Röm. 6, 4); in der andern Hälfte (dem Auftauchen) war das Positive, das Hervortreten des Neuen, angedeutet; an diese mußte sich daher die Mitteilung des Geistes anschließen.“

Jesus gebrauchte das Wort „Taufe“, indem er die Größe seiner Leiden schildert. „Ich muß mich taufen lassen“, sagt er, „mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollendet werde!“[96] Wer kann wohl beim Lesen dieser Worte an ein zartes Besprengen oder Beträufeln mit Leiden denken? Das „wie ist mir so bange, bis sie [die Leidenstaufe] vollendet werde“ zeigt an, daß Jesus in das überwältigende Meer der Leiden versenkt und gleichsam eine Zeitlang darin begraben werde. Dr. O. v. Gerlach bemerkt zu dieser Stelle (Matth. 20, 22) folgendes: „Der Kelch bedeutet ein großes zugemessenes Maß von Leiden (Ps. 75, 9; Jer. 25, 15; 49, 12; Joh. 18, 11), geht vielleicht besonders auf Jesu schwere Leiden vor der Kreuzigung; die Taufe ist noch mehr: völliges Untertauchen darin, sein blutiger Tod. Ps. 42, 8; 69, 2; 124, 4. 5; Luk. 12, 50.“[97]

Dr. Bernhard Weiß bemerkt zu Mark. 10, 38. 39: „Im übrigen kennen wir das Gespräch Jesu mit ihnen schon aus Matth. 20, 22 ff., nur daß hier das ihnen, wie ihm selbst bestimmte Leidensgeschick noch unter einem andern Bilde als eine Taufe dargestellt wird, in welcher die Wasser der Trübsal, in die sie untertauchen müssen, über ihrem Haupte zusammenschlagen.“[98] Ebenso zu Luk. 12, 50: „Aber freilich muß dieser Widerspruch gegen sie zunächst ihn selbst treffen, und er dadurch in die Wasserfluten des Leidens versenkt werden, wie man in der Taufe in Wasser untergetaucht wird.“[99]

Die Umstände, welche die Taufe des Kämmerers aus Äthiopien begleiten, geben uns wichtiges Material für unsere Untersuchung. Philippus’ Predigt von Jesu als dem Lamme, das um unsertwillen zur Schlachtbank geführt wird, von Zukunft, Gericht, Rettung und Taufe macht einen solchen Eindruck auf den Suchenden, daß er bei der sich bietenden Gelegenheit die Taufe verlangte (Apg. 8, 36–39), um mit diesem Sünderheiland begraben und verbunden zu werden. „Siehe, da ist Wasser,“ sagte der Kämmerer, „was hindert’s, daß ich mich taufen lasse?... Und er hieß den Wagen halten, und stiegen hinab in das Wasser beide, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn. Da sie aber heraufstiegen aus dem Wasser, rückte der Geist des Herrn Philippus hinweg, und der Kämmerer sah ihn nicht mehr.“

Nach diesem klaren Bericht unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß auch dieser Kämmerer durch Untertauchen getauft wurde, denn wenn die Handlung nicht auf diese Art und Weise ausgeführt wurde, wozu wäre es nötig gewesen, daß beide in das Wasser hinabstiegen? Philippus war sich ebenfalls, wie auch Johannes der Täufer, über den Sinn und die Bedeutung des Wortes „Taufe“ vollständig klar; er wußte, daß es „untertauchen“ oder „begraben“ heißt, niemals aber „besprengen“ oder „begießen“.

Demgemäß bemerkt Calvin in seinem Kommentar zu Apg. 8, 38: „Hier sehen wir, wie die Taufe bei den Alten verrichtet wurde, denn sie tauchten den ganzen Leib in das Wasser.“ Ebenso Starke: „Und der Kämmerer hieß den Wagen halten, und stiegen hinab in das Wasser, beide, Philippus und der Kämmerer, und Philippus taufte ihn im Namen des dreieinigen Gottes durch Eintauchung.“[100]

Desgleichen auch Quenstedt: „Untertauchen ist gleichsam ein Begräbnis, Auftauchen eine Auferstehung. Es stehet geschrieben, Apg. 8, 38. 39, daß Philippus mit dem Kämmerer hinab in das Wasser stieg und ihn darauf taufte; und es wird hinzugefügt, daß nachdem die Handlung vollzogen war, sie beide wieder herauf aus dem Wasser stiegen. Sowohl die morgen- als abendländische Kirche hielten sich sehr lange an den Gebrauch des Untertauchens.“[101]

Philippus tauft den Kämmerer.

Dr. Towerson fragt mit Recht: „Wozu wäre es nötig gewesen, daß die Täufer sich immer dahin begeben hätten, wo viel Wasser war, oder daß Philippus mit dem Kämmerer in dasselbe hineinstieg, wenn nicht die Taufe durch Untertauchen vollzogen worden wäre? Da ja, wie wir bei uns sehen, sehr wenig Wasser zur Begießung oder Besprengung hinreicht?“[102]

Paulus, der einen besonders tiefen Einblick in Gottes Erlösungsplan hatte, spricht zweimal von der Taufe als von einem Begräbnis. Diese Ausdrucksweise gibt uns vollständig den richtigen Sinn des Wortes „untertauchen“. Der Ausdruck wäre aber keinesfalls gut gewählt, wenn beabsichtigt würde, „besprengen“ oder „begießen“ darzustellen. „So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf daß, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln.“[103] Ebenso auch in Kol. 2, 12: „Daß ihr mit ihm begraben seid durch die Taufe; in welchem ihr auch seid auferstanden durch den Glauben, den Gott wirket, welcher ihn auferweckt hat von den Toten.“ Der Sinn dieser Stelle ist einfach der, daß, wie Christus gestorben ist, so sollen auch wir unserem bisherigen sündhaften Leben absterben (Kol. 3, 1–3), unser Fleisch samt den Lüsten und Begierden kreuzigen und durch die Taufe begraben.[104] Und wie Jesus, durch die Allmacht seines Vaters auferweckt, nicht mehr das vorige Leben im Staube der Niedrigkeit sondern ein höheres begann, so soll auch das Kind Gottes aus der Taufe heraufsteigen, nicht mehr ein Leben im Dienste der Sünde fortzusetzen, sondern um ein neues vollkommenes Leben im Dienste seines gekreuzigten Heilandes, der Pflicht und der Menschheit zu beginnen.[105]

Diese Darstellung Pauli von der Taufe liefert uns den Beweis, daß auch der große Heidenapostel die Anordnung Jesu im Sinne von Untertauchen verstanden hat und sie in dieser Art auch an seinen Täuflingen vollzog, denn nur das Untertauchen ist einem Begrabenwerden ähnlich. Wir betten ja unsere Toten nicht auf die Erde und streuen ein wenig Erde auf sie, sondern wir senken sie in ein Grab, wo sie begraben, d. h. vollständig mit Erde bedeckt werden.

Paulus selbst muß durch Untertauchung die Taufe empfangen haben, denn er zählt sich mit zu denen, die mit Christo durch die Taufe begraben sind. „Alle,“ schreibt er, „die wir in Jesum Christ getauft sind, die sind in seinen Tod getauft. So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod.“[106]

Die meisten Theologen unter denen, welche die Besprengung ausüben und eifrige Verteidiger derselben sind, waren gezwungen zuzugeben, daß Pauli Darstellung unzweifelhaft auf die Form des Untertauchens Bezug hat. In diesem Sinne erklärt Prof. Lietzmann die Stelle (Röm. 6, 3. 4): „Baptizein bedeutet für griechische Ohren nicht „taufen“, sondern „eintauchen“ (s. zu Mark. 1, 4), also wir sind in seinen Tod hineingetaucht worden, ja mit ihm begraben; d. h. als wir mit unserm ganzen Leibe (wie noch lange altkirchliche Sitte) im Wasser verschwanden, sind wir symbolisch (durch Ertränken) getötet und (im Wasser) begraben.“[107]

Dr. Bernhard Weiß: „Paulus beruft sich darauf, daß die Leser wissen, wie die Taufe auf Christum doch vor allem eine Taufe auf den Tod Christi ist; denn, wenn wir ihn als unsern Heilsvermittler bekennen, so bekennen wir damit doch, daß er zu unserm Heil gestorben ist. Nun ist doch aber das Untertauchen im Taufbade keine leere Form, sondern es stellt dar, wie wir durch die Geistesvermittelung in der Taufe mit Christo vereinigt, in dieser Gemeinschaft mit ihm gleichsam in seinen Tod untergetaucht werden, denselben mit durchmachen müssen. Wie das Begräbnis die Bestätigung davon ist, daß einer gestorben, so ist das Untertauchen im Taufbade die Versiegelung davon, daß wir in den Tod Christi untergetaucht sind, ein Sterben wie er erfahren haben. Wie aber der Tod Christi dazu führte, daß er durch die Herrlichkeit des Vaters, der seinen Sohn nicht im Tode lassen konnte, auferweckt ist, so hat auch unser Sterben mit Christo in der Taufe nur die Absicht, daß wir fortan wandeln sollen in einer völlig neuen Lebensbeschaffenheit.“[108]

„Es siehet aber der heilige Apostel darauf, daß in der ersten apostolischen Kirche bräuchlich war, daß diejenigen, so getauft wurden, ganz unter Wasser gesteckt, und also gleichsam begraben wurden, nachmals aber wieder aus dem Wasser gezogen und also wieder gleichsam auferweckt wurden, anzudeuten, daß sie durch die Taufe der Kraft des Todes und der Auferstehung Christi teilhaftig wurden und daß sie den Sünden absterben, hingegen aber im neuen heiligen Leben wandeln sollten.“[109]

Auch die Schullehrer-Bibel (Neustadt an der Orla) von 1826 gibt eine treffende Auslegung dieses Textes, die wir hier folgen lassen: „Die Taufe, nach den Sitten jener Zeit, wird hier als ein Sterben für das bisherige Heiden- und Judenleben und als Eintritt in ein neues, vollkommenes Christenleben betrachtet. Dies Bild war damals, da man bei der Taufe nicht wie jetzt nur das Haupt ein wenig benetzte, sondern den ganzen Menschen in einem Flusse im Wasser untertauchte (gleichsam begrub), ungemein treffend und ausdrucksvoll. Der bisherige Jude oder Heide ist nun gestorben, begraben. An seiner Stelle geht nun ein Christ hervor, ein ganz anderer Mensch. Ebenso natürlich und treffend ist nun die zweite Vergleichung. Die Taufe, der Eintritt ins Christentum, hat Ähnlichkeit mit dem Sterben und Auferstehen Jesu: Jesus starb — und stand wieder auf. Er ging aus einem unvollkommenen (nicht moralisch sondern physisch unvollkommenen) Zustande und Leben in einen weit höheren, vollkommeneren Zustand über. So geht der Getaufte aus einer mangelhaften Religion, aus einem moralisch mangelhaften Leben in ein vollkommenes, ganz Gott, der Pflicht, der Menschheit, der Ewigkeit geweihtes Leben über.“

Ebenso auch Starke: „Der Apostel siehet auf den damaligen Gebrauch, da der Täufling ins Wasser ganz untergetaucht, und nachdem er eine kleine Weile darunter gelassen, wieder herausgezogen wurde. — Es hat dann die Taufe das Bild und die Kraft nicht nur des Todes sondern auch des Begräbnisses Christi: daß, wie der Herr mit dem Begräbnis den Fluch, welcher auf ihm lag, abgetan hat, auch wir seines Begräbnisses teilhaftig würden, wenn wir unter das Wasser als in ein Grab gestoßen und damit bedecket werden.“[110]

Tholuck bemerkt in seiner „Auslegung des Briefes Pauli an die Römer“: „Der Apostel hatte gesagt, schon gleich der bei der Annahme des Christentums stattfindende Ritus der Taufe zeuge davon, daß der Christ geistig den Tod Christi in sich nachbilden wolle. Es stellt sich nun seinem Blicke die leicht auffallende Bemerkung dar, daß das Taufsymbol selbst als eine Abbildung des Todes Christi angesehen werden könne, und so stellt er in diesem Verse den der Taufe übergebenen Christen als einen gleichsam mit seinem Erlöser Begrabenen dar. Hatte nun Paulus die sinnbildliche Bedeutung der Taufe und des Todes Christi so weit durchgeführt, so lag es nahe, daß er auch dem Wiederaussteigen aus der Taufe und der Auferstehung Christi eine sinnbildliche Bedeutung beilegte, wie er hier tut. Auch an einer andern Stelle finden wir dieselbe symbolische Deutung. Kol. 2, 12. Zum Verständnis der sinnbildlichen Behandlung der Taufe ist übrigens auf den bekannten Umstand aufmerksam zu machen, daß die Täuflinge der ersten Kirche unter- und wieder aufgetaucht wurden, welchem Gebrauche auch die ersten Christen nach Anleitung des Apostels symbolische Beziehung gaben.“

Und Dr. Adolf Jülicher schreibt: „Den Brauch, die Christus-Gläubigen durch eine feierliche Handlung, die Taufe, in die christliche Gemeinde aufzunehmen, hat Paulus von der Urgemeinde übernommen; die Betreffenden wurden in fließendem Wasser untergetaucht.... Der äußerlich in Wasser eingetauchte, in den Namen Christi oder in Christum selber hineingetaucht erschien, in ihn versank, zum Glied an seinem reinen Leibe gemacht wurde.... Paulus sieht also in der Taufhandlung, bei der der Täufling für eine Weile ganz unter dem Wasser verschwindet, eine Nachbildung des Sterbens, wie in dem Wiederemportauchen aus der Flut eine Nachbildung der Auferstehung.“[111]

Äußerst belehrend sind noch die Ausführungen von Dr. Whitby, einem der hervorragendsten Gelehrten der anglikanischen Kirche: „Da es hier in Röm. 6, 4 und Kol. 2, 12 so ausdrücklich erklärt ist, daß wir mit Christo begraben werden durch die Taufe, wenn man uns in das Wasser versenkt, da der Grund, warum wir seinem Tode ähnlich werden sollen, indem wir der Sünde sterben, daher genommen ist, da ferner dieses Untertauchen von allen Christen dreizehn Jahrhunderte lang treu beobachtet und von unserer Kirche (der bischöflichen von England) angenommen worden ist, und da die Umwandlung dieses Gebrauches in Besprengen ohne irgend eine Erlaubnis des Urhebers dieser Verordnung oder Gestattung eines Konziliums der Kirche stattgefunden hat und von der römischen Kirche noch hervorgehoben wird, um die Verweigerung des Kelches für die Laien zu rechtfertigen, so wäre es sehr wünschenswert, daß der ursprüngliche Gebrauch wieder in allgemeine Aufnahme käme und die Besprengung, wie vormals, nur bei Kranken oder in Todesgefahr gestattet würde.“[112]

Wir sind nun mit unserer Untersuchung der in Frage kommenden Bibelstellen, welche ein Zeugnis von der richtigen Art und Weise der Ausführung der Taufe oder der Bedeutung derselben abwerfen, zu Ende gekommen. Jeder wahrheitsliebende Leser muß zu der Überzeugung gekommen sein, daß in den Tagen Christi und der apostolischen Zeit, also bis in die Mitte der zweiten Hälfte des 1. Jahrh., von einer Besprengung oder Begießung der Täuflinge auch nicht die leiseste Spur zu finden ist, sondern daß die Taufe stets durch völliges Untertauchen ins Wasser vollzogen wurde.