In neuerer Zeit.
Auch in neuerer Zeit, d. h. von der Reformation des 16. Jahrh. bis auf die Gegenwart, finden wir bezeichnende Beweise für die Ausübung der Untertauchung.
Dr. M. Luther schreibt: „Ich wünschte, daß solche, die getauft werden sollen, vollständig in Wasser getaucht würden, gemäß der Bedeutung des Wortes und dem Grundgedanken der heiligen Handlung; nicht weil ich es für nötig halte, sondern weil es schön wäre, wenn wir ein ganzes und vollkommenes Zeichen für eine so große Sache hätten; wie es auch ohne Zweifel von Christo eingesetzt wurde.“ Demgemäß gibt er auch in seinem „Taufbüchlein“ von 1523 sowie auch in der neuen Umarbeitung desselben vom Jahre 1524 dem Geistlichen die Anweisung: „Da nehme er das Kind und tauche es in die Taufe.“[143]
An Heinrich Genesius, Pfarrer zu Ichtershausen, schrieb Luther 1530, wie eine Jüdin soll getauft werden, folgendes: „In Betreff der Taufe des jüdischen Mädchens bin ich mit euch derselben Meinung, daß es ganz mit Leintüchern bedeckt getauft werde, und zwar in der Weise, in welcher man sich in unsern Bädern der Leintücher bedienet, die man „Badetuch“ heißt. Darum wäre dies mein Rat, daß sie in einer großen, weiten Wanne voll Wasser stehend und mit einem Leintuch verhüllt, ehrbarlich mit Wasser übergossen würde, oder auch, wenn sie bis an den Hals im Wasser sitzend, mit demselben Tuch bekleidet, mit dem Haupte durch dreimalige Eintauchung untergetaucht würde.“[144]
Einen weiteren bezeichnenden Beweis finden wir in der mailändischen Kirche, trotzdem sie sich in Roms Nachbarschaft befand. Dr. Brenner führt darüber aus: „Es verdient daher als eine höchst merkwürdige Erscheinung in der liturgischen Welt erwähnt zu werden, daß noch am Ende dieser Periode (des 16. Jahrh.) der hl. Karl Borromeo (Erzbischof von Mailand, gest. 1584) das Untertauchen für die mailändische Kirche auf immer festsetzt.“[145]
In einer Schrift von dem berühmten Arzt John Floyer, betitelt: „On cold bathing“ (vom kalten Bad) ist auf Seite 50 zu lesen: „Die englische Kirche hat das Untertauchen bis zum Anfang des 17. Jahrh. beibehalten, von der Zeit aber in die Besprengung (adspersion) verwandelt, weil man befürchtete,“ — man achte bitte hier auf den Grund der Abänderung der alten Taufweise — „das kalte Wasser sei der Gesundheit schädlich“.[146] Floyer tritt dieser Annahme entschieden entgegen, indem er auf Seite 11 und 51 in seiner erwähnten Schrift bemerkt: „Wir müssen es für eine törichte Verweichlichung in unserem Zeitalter halten, daß man das Untertauchen und kalte Baden für einen gefährlichen Gebrauch hält. Wir müssen doch zugeben, daß der, der unsern Leib bereitet hat, niemals uns irgend etwas befehlen wird, was unserer Gesundheit schädlich wäre; sondern im Gegenteil am besten weiß, was der Erhaltung derselben am dienlichsten ist, und oft in einem Gebote für das Wohl unserer Seele sorgt.“ Dr. Wall setzt sogar fest, daß die englische Kirche den Gebrauch des Besprengens „erst nach dem Verfall des Papsttums annahm“.[147]
Die morgenländische Kirche hat die alte ursprüngliche Sitte des Untertauchens unverändert bis auf den heutigen Tag beibehalten und erklärt sie für so wesentlich, „daß sie die nach abendländischer Weise (durch Besprengung) erteilte Taufe für keine gültige anerkennt und daher häufig den Taufakt wiederholen will. Man nennt die Abendländer spottweise besprengte Christen, und verlangt die Wiedertaufe derselben, wenn sie zur orthodoxen Kirche übertreten wollen.“[148]
Ein Taufbassin aus dem Anfang des 17. Jahrh. in Rynsburg bei Leyden.
Hier mögen noch Dr. Walls wichtige Ausführungen bezüglich dieses Punktes Platz finden: „Die griechische Kirche in allen ihren Zweigen tauft durch Untertauchen, und so tun alle andern Christen in der Welt außer den lateinischen. Alle christlichen Völker, welche vormals der Autorität des Bischofs von Rom sich unterworfen haben, taufen gewöhnlich ihre Kinder durch Begießen oder Besprengen... Alle andern Christen aber in der Welt, welche nie des Papstes angemaßte Herrschaft anerkannt haben, tauchen nach der ursprünglichen Weise unter. Und wenn wir die Erde nach ihren Hauptteilen betrachten, so gehören alle Christen in Asien, alle in Afrika und der dritte Teil derselben in Europa zu der letzteren Gattung, unter welchem dritten Teile die Christenheit in Griechenland, Bosnien, Serbien, Bulgarien, in der Walachei und Moldau, in Rußland usw. verstanden werden. Die Christen im letztgenannten Reiche möchten besonders, mehr als in irgend einem andern, wenn die Kälte eine Entschuldigung darböte, die Erlassung von diesem Gebrauche in Anspruch nehmen. Außerdem gibt es in Amerika allein 7000 christliche Gemeinden, die die Taufe nach dem Worte Gottes durch Untertauchen vollziehen.“[149]
Gleich im Anfang des 17. und den darauffolgenden Jahrhunderten traten in Deutschland, Holland, England, Nordamerika, Schweden, Norwegen, Dänemark, Frankreich, Rußland, Österreich-Ungarn, Italien und der Schweiz Männer auf, die durch Antrieb und Erleuchtung des Geistes Gottes die Bibel durchforschten und dadurch zu der Erkenntnis kamen, daß sich im Worte Gottes für die von der Kirche ausgeübte Sitte des Besprengens weder ein Gebot noch ein Beispiel vorfindet. Sie verwarfen deshalb die Taufe durch Begießung und Besprengung als schriftwidrig und erkannten, daß die Untertauchung die allein schriftgemäße Taufe sei. Der Ruhm, zu dieser Zeit diese alte von Christo befohlene Form der Taufe erkannt und zuerst eingeführt und verbreitet zu haben, gebührt unseres Wissens nach den Rynsburgern, einer im Jahre 1620 in Holland entstandenen christlichen Richtung, die man spottweise auf holländisch „Dompelaers“ (Eintaucher) nannte. In Rynsburg bei Leyden hatten sie ein großes Taufbassin, in dem sie tauften. Jahrhunderte hindurch stand es als Denkmal da und legte Zeugnis davon ab, was an dem Orte einst geschah. Erst vor nicht so langer Zeit wurde dieses wichtige historische Taufbassin abgebrochen.
Ebenso gab es unter der reformierenden Partei der englischen Kirche, den Puritanern, ernste und nach der reinen Lehre des Evangeliums suchende Christen. Viele unter ihnen erkannten die Taufe der Erwachsenen und machten sich durch die Verbreitung derselben, die trotz viel Widerstand und Verfolgung geschah, verdient. Darunter ist besonders Richard Blount und Samuel Blacklock zu nennen. Sie waren es nämlich, die zuerst in London wirkten, und wie von baptistischer Seite aus berichtet wird, bestanden bereits im Jahre 1643 daselbst sieben „Gemeinden getaufter Gläubigen“[150]; so nannten sie sich zu der Zeit. Heute ist diese Gemeinschaft unter dem Namen „Baptisten“ bekannt, und man findet sie schon in aller Herren Länder.
Auch wir, die wir uns nicht schämen, „Siebenten-Tags-Adventisten“ zu heißen, üben die Taufpraxis durch Untertauchung aus. Zu Hunderten senden wir unsere Missionare in alle Länder aus, um das Evangelium vom Reich, den vollen Ratschluß unseres Gottes, zu allen Sprachen, Zungen und Völkern bis zu den Enden der Erde zu tragen. Nicht nur in Deutschland allein, sondern in Nord-, Süd- und Mittelamerika, im fernen Australien, auf den Inseln des Stillen Ozeans, in Persien, in Syrien, im kalten Sibirien und Kleinasien, ebenso im Innern von China, in Korea, in Japan und Indien, ja selbst im Herzen von Afrika stehen unsere Missionare und verkünden die Heilsbotschaft von dem rettenden Sünderheiland, ihnen zu sagen, daß auch sie „alle Gerechtigkeit zu erfüllen“ haben, um gerettet zu werden. Tausende und Abertausende werden zu Gott, ihrem Heilande, bekehrt und lassen sich darauf willig in den Wasserfluten durch die Taufe begraben, als Zeichen, daß sie von nun an dieser Welt abgestorben sind und allein für Gott in einem neuen, ihm völlig geweihten und geheiligten Leben wandeln wollen.
Eine Taufszene in Afrika.
Wir sind nun das Altertum, Mittelalter sowie die neuere Zeit bis auf die Gegenwart durchgegangen. Durch die Verhandlungen der Konzilien und Rituale waren wir imstande, unumstößliche Beweise zu erbringen, daß dreizehnhundert Jahre lang die Taufe fast durchweg auf die ursprüngliche Weise, d. h. durch Untertauchung verrichtet worden ist; ja selbst nach dem 13. Jahrh. lassen sich trotz der allgemeinen Einführung der Besprengung bis auf den heutigen Tag ununterbrochene Spuren nachweisen, daß es ganze Kirchen und verschiedene Gemeinschaften gab, die die Taufe nach Christi Gebot zur Ausführung brachten.