III.

Wir wollen nun mit wenigen Worten der beiden nächsten Tage gedenken, wo wir uns mehr überlassen waren, weil Zwirner sehr hart arbeiten mußte. Wir fuhren den nächsten Tag auf den Kahlenberg, wohin die Eisenbahn und eine Zahnradbahn, die vor 150 Jahren erbaut, seither aber sehr verbessert worden war, führt und von wo wir zuerst Wien, mit viel weniger Thürmen, als im 19. Jahrhundert, geschmückt und nicht erweitert, wie man damals dachte, sondern eher zusammengerückt — so lehrten Bilder an den Wänden des Speisesaales — sahen, und wir waren verwundert, überall Grünes zwischen die Häusergruppen gemengt zu sehen, mehr als das sonst in einer Großstadt der Fall ist. Von einer großen Terrasse sahen wir hinab auf die schimmernde Stadt und die umliegenden Weingärten, links die Donau mit dem fruchtbaren Marchfelde und blauen Gebirgen in weiter Ferne und rechts, vom Bergrücken ausgehend, auf dem wir standen, wohl in zwanzig Farbentönen, immer duftiger und blauer werdend, abgestuft, ein herrliches Gewoge bewaldeter Berge, die, zu immer mächtigerer Höhe ansteigend, sich bis weit nach Süden hinziehen, wo der berühmte Schneeberg deutlich sichtbar ist. Es sind weitläufige Wohngebäude und Wirthschaften auf dem Kahlenberge zu sehen; eine alte Kirche, die da gestanden haben soll, ist nicht mehr erhalten und führen Waldwege im Bogen nach einer zweiten Bergkuppe, zwischen uns und der Donau gelegen, welche Leopoldsberg genannt wird und auch bewohnt ist. Die Wohnhäuser dienen alten Leuten, die Gefallen daran haben, Winter und Sommer zum Aufenthalte und werden oft Tausende von Besuchern hinaufgeführt, die sich einige Stunden erlustigen, auch wohl bis spät in die Nacht bleiben und nicht selten im großen Saale sich mit Musik und Tanz vergnügen, wie auch sehr oft Männergesang ertönt, zur Uebung oder zur eigenen Lust oder um fremde Besucher zu ehren, die sich eben in Wien befinden und eine Einladung auf diesen Berg annehmen. Daß alles für Staatsrechnung geht, ist selbstverständlich.

Die weiten Wälder, von Wiesen unterbrochen, bieten Tausenden genußreiche Gelegenheit, sich zu ergehen und dem Ballspiel, Cricket oder Lawn tennis zu huldigen, wozu die Erfordernisse reichlich vorhanden sind. Es ist ein Aussichtsthurm hier und in einer Stunde etwa kann man auf herrlichen Wegen den Hermannskogel erreichen, auf welchem auch ein uralter Thurm steht, dessen Entstehungsgeschichte der Castellan erzählt. Wir legitimirten uns in der Wirthschaft auf dem Kahlenberge mit der Anweisung des Tullner Beamten und wurden mit allem versorgt. Wir ließen Zwirner telephonisch benachrichtigen, daß wir gleich nach dem Mittagstisch nach Payerbach fahren wollten, um die herrliche Nacht auf dem Schneeberg zu verbringen. Man versah uns, als wir aufbrachen, mit einer Tasche, in der wir die nöthigsten Reiseerfordernisse und Mundvorrath mitnahmen, und wurden ersucht, Tasche und Reiserequisiten in Tulln abzugeben, von wo sie wieder gelegentlich zurückgebracht würden.

Ein Amerikaner, den wir zufällig trafen, schloß sich an und über die Zahnradbahn, Franz-Josefs-Bahn und Südbahn kamen wir um zehn Uhr nach Payerbach, wanderten im Mondschein nach Reichenau und von da auf den Schneeberg, wo wir ein wenig ruhten und zum Aufgang der Sonne geweckt wurden. Mit vielen anderen Besuchern genossen wir das erhebende Naturschauspiel, ruhten dann wieder und kamen gegen Mittag nach Payerbach, um direkt in den Prater zu fahren. Dort kamen wir eben gegen Ende des Wettrennens an, das ebenso verlief, wie anderwärts und zu anderer Zeit, nur durfte nicht gewettet werden und die zahllosen Frauen und Mädchen waren nicht demi-reputation.

Nun waren wir doch froh, zu unserem verspäteten Mittagessen zu kommen, das uns angewiesen war, denn unser Mundvorrath war verbraucht und wir wollten nicht, was wir recht wohl hätten thun können, uns in einen beliebigen Speisesaal begeben, da wir Abweisung fürchteten. Recht müde kamen wir gegen neun Uhr nach Tulln und ließen uns das Abendbrot schmecken. Zwirner gab uns das Versprechen, die Rückstellung der Reiseeffekten zu veranlassen, was ja sehr leicht sei, da kaum ein Tag vergehe, daß nicht jemand mindestens nach Nußdorf ginge, und von dort nähmen dergleichen die Schaffner der Zahnradbahn mit.

Wir wunderten uns, daß da Ordnung möglich sei, und Zwirner sagte, wenn die Sachen in drei Tagen nicht kämen, würde man gewiß nach Tulln telephoniren, und wo könnte denn ein Reisender die Sachen, welche offenbar nicht ihm gehören, hinschaffen? Sie würden ihm abgenommen werden und sicher immer wieder an ihren Ort kommen, denn die Centralstellen vermitteln alle Anfragen und Communicationen.

Zwirner erklärte uns das Fernsprechwesen. Es seien schon ursprünglich alle Ortschaften mit den Bezirksvororten, diese mit den Kreisvororten und diese mit den Provinzstädten durch Fernsprechleitungen verbunden worden. In Wien liefen alle Leitungen zusammen und die Kreisstädte hätten auch telegraphische Verbindung mit den Provinzstädten und diese mit Wien. Die Leitung führe überall von Kanzlei zu Kanzlei, könne aber auch von den Einzelnen benützt werden. Eigenes Bedienungspersonal sei nicht nothwendig, da die Telephone überall dort angebracht seien, wo das Anrufen von irgend jemand gehört werden muß.