XV.

In später Nacht nach jener Volksabstimmung saßen wir noch lange auf, um mit Dr. Kolb zu plaudern, denn am nächsten Morgen, Sonntag, den 2. August 2020, wollten wir Tulln verlassen und nach Tirol reisen. Es wäre zwar schon Sonntag Abends unsere vorausbezahlte Reisefrist abgelaufen, aber wir hatten, da wir doch einiges im Salzburgischen und in Tirol sehen wollten, unsere Reise um fünf Tage verlängert. Da wir auch für 3000 Mark Geschenke, darunter eine herrliche Statue von Dr. Kolb, in Bronce gegossen, bestellt hatten, die wohl schon schwimmen mochten, so war bei der Verwaltung in Salzburg auf unser dort deponirtes Guthaben von 9000 Mark dieser Betrag von 3000 Mark und ebenso das Reisegeld für fünf Tage von 250 Mark angewiesen und veranlaßt worden, daß wir unser Restconto von 5750 Mark in Bregenz, wo wir Oesterreich verlassen wollten, in Baarem oder einem Wechsel der österreichischen Staatsverwaltung sollten beheben können.

Die Einkäufe hatten wir im Prater gemacht, wo die Rotunde zu einer großen Waarenhalle war umgestaltet worden. Für Einheimische und die europäischen Staaten war dort keine Verkaufsstelle, wohl aber konnten Fremde aus Staaten, in welchen noch Geldwirthschaft bestand, dort Einkäufe machen. Nach den dort aufgegebenen Bestellungen wurden dann die Aufträge wie von einem Kaufmann ausgeführt, nachdem vorher Zahlung war geleistet worden. Oesterreich handelte damals, wie alle europäischen Staaten, in Mark Gold und die auf diese Art einlaufenden Beträge, welche alljährlich etwa 500 Millionen Mark ausmachten, wurden theils zum Ankaufe von Waaren in Amerika, China, Japan und auf englischen Gebieten verwendet, theils bestritt man davon jene Reisen in solchen Ländern, welche Oesterreicher mit staatlicher Bewilligung dorthin unternahmen. — Diese Reisen wurden meistens Technikern, Künstlern und Gelehrten ermöglicht, es hatten aber besonders verdienstvolle Männer, Erfinder, hohe Staatsbeamte und solche, die es im Tribunat mindestens zum Range eines Provinztribunen gebracht und in dieser Stellung drei Jahre ohne Vorwurf gedient hatten, Anspruch auf Reisegelder in bestimmter Höhe. Der der Staatsverwaltung für diese Zwecke ausgeworfene Credit wurde vom Volke bewilligt und wurden dabei die erfahrungsmäßigen Baareinnahmen, die Menge der Produkte, welche nach dem Auslande waren verkauft worden, der Bedarf an Waaren, die von dort bezogen werden mußten, und anderes in Betracht gezogen. Es wurde da immer ein gewisser Credit für eine Reihe von Jahren ausgeworfen, denn die alljährlichen Abstimmungen über solche Angelegenheiten schienen zu lästig und man verließ sich nicht nur auf die Tribunen, die ja in Fällen von Mißbrauch hätten Abstimmungen veranlassen können, sondern man hielt darauf, daß die Abrechnungen über Baareinnahmen und Baarausgaben allwöchentlich veröffentlicht und ausgewiesen wurde, wozu die Einnahmen verwendet wurden. Auch die Civilliste konnte ihren Antheil am Jahresprodukte innerhalb gewisser Grenzen nach dem Auslande verkaufen und entweder Waaren dafür beziehen oder Auslandsreisen davon bestreiten. Was aber letztere Aufwendung betraf, so mußte ausgewiesen werden, daß ein gewisser Betrag nicht überschritten wurde. Reisen im Unionsgebiete wurden von der Civilliste der einzelnen Länder reciproc zugestanden und der Aufwand wechselweise ausgeglichen oder richtiger, wechselseitige Gastfreundschaft geübt.

Nun wollten wir doch ein wenig nüchtern wie Kaufleute rechnen und prüfen, ob wir billig daraus gekommen wären. Mr. Forest berechnete, was uns unsere Reise in Amerika würde gekostet haben. Er bekannte, daß wir mehr als die Hälfte von dem, was wir in Oesterreich genossen, dort gar nicht würden haben finden können, das Uebrige aber berechnete er für zwei Personen, die Waaren eingeschlossen, auf 2560 Dollars oder 10746 Mk. 97 Pf., so daß uns 6496 Mk. 97 Pf. Profit erwachsen waren.

Dr. Kolb meinte, daß das eine natürliche Folge des Principes sei, nicht durch Kauf und Verkauf zu vertheilen, sondern alles direkt dem Verbrauche und Genusse zuzuführen, wodurch eine viel vollständigere Ausnützung erzielt wird und Handlungskosten erspart werden. Uebrigens sei der Oesterreicher auch gastfreundlich, er habe nichts dagegen, dem Fremden mehr zu bieten, als dieser bezahlt, da man der Meinung sei, daß der Verkehr mit Ausländern an und für sich ein Gewinn sei. Er rege den Geist an, entwickle neue Ideen und es sei auch nicht ohne Nutzen, sich im Auslande Freunde zu machen. Zudem sei der Oesterreicher mit jenen Genüssen übersättigt, die den Ausländer oft entzücken, und da nicht nur die Berufsmenschen für Zerstreuung und Unterhaltung in immer wechselnden Formen sorgen, sondern jeder, der nur die erforderliche Gabe besitzt, das seinige zur Unterhaltung beitrage, so gebe es in Oesterreich vieles, was das Volk nichts koste, im Auslande aber mit theuerem Gelde bezahlt werden müßte. Der hohe Bildungsgrad, der in Oesterreich erreicht wurde, sei die Ursache, daß man sich in diesem Lande gar nicht langweilen könne. Jeder Oesterreicher reise 14 Tage mindestens im Jahre, da man alle Feiertage abgeschafft und dafür jedem das Recht eingeräumt habe, jährlich einen 14tägigen Urlaub anzusprechen. In dieser Zeit stehe ihm das Reisen in Oesterreich frei, wenn auch der Aufenthalt in den Städten beschränkt sei. Aber es sei schon von Interesse, in anderen Provinzen sich umzusehen, andere Gewerbe, Verfahrungsweisen, Spiele und Kunstfertigkeiten kennen zu lernen. Nun kommen die Urlauber aus allen Theilen des Reiches zurück, befruchtet mit neuen Eindrücken und Erfahrungen, was den Erfindungsgeist belebe und dazu führe, daß die mannigfaltigsten Unterhaltungen und Spiele heimgebracht und wieder neues und originelles ausgeheckt werde.

Nun baten wir unseren Freund, uns noch näher zu erklären, weshalb die Monarchie und der Adel bei den veränderten Bedingungen, besonders nachdem es eigentlich keine internationale Politik mehr gebe, doch noch eine Existenzberechtigung hätten, und er sagte, das wolle er uns begreiflich machen. Dr. Kolb hub an: “Ich werde euch die Aufgaben der Monarchie und des Adels in unserem Lande klar machen und dabei auch meine Eigenart und was ich für meinen, erst im höheren Alter freiwillig gewählten Beruf halte, erläutern.

Monarchie und Adel sind bei uns erblich, sie sind ein Restchen aus der alten Zeit des Classenstaates, aber es sei mir erlaubt, für deren Erhaltung doch auch eine Rechtfertigung vorzubringen. Die Aufgabe des Monarchen ist zwar zum Theile auch eine praktische, der Monarch hat die wirthschaftlichen Angelegenheiten des Reiches unter Mitwirkung verantwortlicher Beamten in höchster Instanz zu leiten, auch dort, wo es sich um Ersätze von Provinz zu Provinz oder um Differenzen zwischen Nationalitäten handelt, die oberst richterliche Entscheidung zu fällen. Aber die Hauptfunction des Monarchen und die Aufgabe des Adels ist die Pflege der höchsten idealen Interessen des Volkes. Obwohl, wie wir recht gut wissen, auch die idealen Güter ihre Rückwirkung auf die ökonomische Welt haben und sie immer Ansprüche an die ökonomischen Güter machen oder materiellen Aufwand verursachen, so ist doch die ästhetische Seite des Menschenlebens dem materiellen Leben gewissermaßen entgegengesetzt; sie ist scheinbar immateriell, weil das Materielle im Verhältnisse zum Werthe, die diese Güter für den Menschen haben, unscheinbar und der materielle Nutzen des Aesthetischen nicht in die Augen springend ist. Gewiß concipirt der Dichter sein Gedicht ohne Zuhilfenahme von Materie, ausgenommen insofern das zum Denken und geistigen Schaffen unentbehrliche Organ, sein Gehirn, materiell ist. Will er das Gedicht aber verbreiten, so braucht er Feder, Papier und Tinte, dann Druckerschwärze und Arbeitskräfte, deren Erhaltung wieder materielle Mittel voraussetzt und so findet sich, daß die Kunst, will sie auf andere wirken, auch der Zufuhr materieller Hilfsmittel bedarf. Dagegen kann man nicht sagen, daß sie nicht auch an die materielle Welt das wieder reichlich zurückgibt, was diese ihr zuwendet. Genießen Millionen das, was der Dichter schafft, so belebt das wieder die Lebensfreudigkeit jener Bevölkerung, die in der materiellen Güterproduction wirken muß; die Kunst selbst kann zum Schaffen anspornen, sie zeigt, wie selbst das Handwerk durch die Kunst geadelt wird, wie das z. B. im Liede von der Glocke zum Ausdrucke kommt; sie weist auf den Verband hin, der unter allen Thätigkeiten der verschiedensten Menschen besteht, und, da die Leute, die mit der Hand schaffen, durch die Kunst auch wieder zu edleren Genüssen hingeleitet werden, so kommt sie der Oekonomie insofern zustatten, als sie von jenen gröberen Genüssen ablenkt, welche oft die Menschen erschlaffen machen, unter allen Umständen aber zur Vergeudung materieller Güter führen. Bei den Wissenschaften ist der Verband zwischen der idealen Production und der ökonomischen Welt deutlicher, bei der Kunst ist dieser Zusammenhang beinahe unmerklich und man spricht von rein idealen Gütern, obschon das auf einem Irrthume beruht; denn frei von Materie kann nichts gedacht werden. Immerhin nun ist die ästhetische Seite des menschlichen Lebens das, was am wenigsten Ansprüche an die Materie stellt und doch in der ökonomischen Welt mächtig mitwirkt und die Menschen lehrt, sich die materiellen Güter auf die zweckmäßigste Weise zu Nutzen zu machen. An meinen Statuen erfreuen sich Millionen und ich werde bald sagen können, daß es keinen Oesterreicher giebt, dem ich nicht mit meiner Kunst einige kostbare Augenblicke freudigen Genusses verschafft habe. Und gewiß ist mein Lohn größer, der darin besteht, daß ich kein Dorf in Oesterreich wüsste, wo ich nicht gefeiert würde, wenn ich meinen Fuß hinsetze, als der eines Künstlers der früheren Welt, der mit Kunsthändlern zu schachern, mit Kritikern zu verhandeln hatte, den dann ein reicher Mann mit Geld abfertigte und der oft in recht gemeiner Weise das Geld wieder anzubringen bedacht war. Meine Kunst gehört aller Welt, dafür erobere ich mir aber auch damit die ganze Welt, denn als anerkannter Künstler bin ich überall geehrt, ich reise wohin ich will, ich bin in Madrid ebenso willkommen, wie in Irkutsk, und will ich fremde Welttheile durchstreifen, so wird mir mein Vaterland die Mittel verschwenderisch anweisen, denn ich habe mit meiner Kunst vorausgezahlt und man weiß daß der Künstler schaffen muß, daß ihn sein Genius treibt und daß sich alles, was ich auf Erden sehe, wieder in Statuen umsetzen und dem Vaterlande wieder Gewinn bringen wird. Daß ich diesem Vaterlande nicht untreu werde, das bezweifelt niemand, und da die europäischen Staaten im engsten Verbande stehen, würde auch, was ich den Spaniern oder Schweden schenke, für mein Oesterreich nicht verloren sein. Der Ruhm bleibt aber doch den Meinen, denn nie wird man vergessen können, daß ich hier geboren und hier zum Künstler wurde, und wie ich längst in der Chronik von Tulbing verzeichnet stehe, wo meine Wiege stand, und in der Chronik von St. Pölten, wo ich dauernd als Kreisarzt wirkte, wird mich auch die Geschichte von Tulln erwähnen, wo ich vieler Freunde und eines Bruders wegen, der hier in Arbeit steht, seit drei Jahren am meisten weile und auch am meisten geschaffen habe.”

“Aber das allein ist nicht der Nutzen, den meine Kunst schafft, daß sie Unzähligen Freude macht. Ich begeistere mit meinen Werken für die plastische Schönheit, ich entwickle den Sinn für die Schönheit des Menschenleibes und predige allerorten die Lehre, daß am Menschen nur schön ist, was gesund ist, was kräftig ist und dem Wetter ebenso, wie den Unbilden des Lebens trotzen kann. Ich trage durch Kunstwerke und Lehre dazu bei, eine rechte Freude an schönen Menschenkindern wachzurufen, und so ist es dahin gekommen, daß jene, denen die Ehe versagt ist, sich damit getrösten, daß es eine für alle heilsame Enthaltsamkeit ist, die von ihnen gefordert wird, und daß jene, die in der Ehe leben, sich wie Priester betrachten, die an dem ungeheueren Werke mitarbeiten, eine Menschheit fortzuerhalten, die sich die Erde vollkommen unterwirft und einst alle Gottheitsideale in sich verkörpern wird. Wie das neunzehnte Jahrhundert die innerliche Einheit der Naturkräfte feststellte, haben wir zur Evidenz gebracht, daß die Ideen des Guten, Wahren und Schönen in ihrem Wesen nur ein Gesetz sind und das Gute nichts anderes ist, als das im menschheitlichen Sinne Zweckmäßige oder Oekonomische. Was einst nur wenige träumten, erfüllt jetzt ganz die Phantasie aller. Nicht müde werden unsere Jugendbildner, die Worte des Jesaias einzuprägen:

‘Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde und dessen, was vorher war, wird man nicht gedenken, noch wird es kommen in den Sinn.’

‘Dann wird kein Kind sein, das nur Tage lebt, kein Greis, der seine Zeit nicht erfüllt; denn ein Knabe wird nur nach hundert Jahren sterben und ein Sünder von hundert Jahren verflucht werden.’

‘Sie werden Häuser bauen und bewohnen und Weinberge pflanzen und die Früchte davon genießen.’

‘Sie werden nicht bauen und ein anderer bewohnen, nicht pflanzen und ein anderer davon essen, denn die Tage meines Volkes werden sein wie die Tage des Baumes, und die Werke ihrer Hände werden ein hohes Alter erreichen.’

Meine Auserwählten sollen nicht vergebens arbeiten, noch Kinder zeugen mit Schrecken.[H]

Und auch Petrus hat als das Werk des Zimmermannes von Nazareth uns bezeichnet:

‘Wir erwarten nach seiner Verheißung eine neue Erde, in welcher Gerechtigkeit wohnt.’[I]

Das alles haben wir, wenn nicht vollendet, doch vorbereitet und ich als Künstler gebe meinen Segen dazu; auch die menschliche Gesellschaft ringt nach jenen idealen Formen des Gleichgewichtes und der vollendeten Harmonie, nach denen jeder Künstler auf seinem Gebiete strebt. Ich in meinen gemeiselten Liedern vom schönsten Weibe, das, um schön zu sein, in allen Theilen jene herrliche Ebenmäßigkeit zeigen muß, die doch auch überall wieder, wenn wir es nüchtern betrachten, nur der Ausdruck für die größte Zweckmäßigkeit ist.

So nun ist die ganze Welt materiell und die ganze Welt, anders betrachtet, ideal. Kein Gebilde ohne Materie, keine Materie, die nicht in einem Gebilde gefangen säße. Allein unsere Arbeitstheilung bringt es mit sich, daß vielen auf dem Gebiete des Idealen das Schaffen, allen aber auf diesem Gebiete das Genießen und Empfangen zufällt.

Die Monarchie und der Adel nun sollen vorzüglich das Aesthetische im Leben nach ihrem Vermögen im Gange erhalten und insbesondere in den geselligen Formen zur möglichsten Vollendung bringen. Sie sind gewissermaßen von Geburt dazu berufen, dem Volke als Festordner zu dienen, zu jenen schönen Formen des Verkehres unter den Menschen anzuleiten, die zur Tradition werden müssen, die aber niemals zur Geltung gelangen, wo nicht ein edles Gleichheitsgefühl sich Bahn gebrochen hat. Die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, wie sie Freund Zwirner, von dem ich vieles lernte, bereits ganz festgestellt hat, zeigt uns, wie die Monarchie sich damals verwandelte. — Zu Ende des achtzehnten Jahrhundertes waren der König von Frankreich und die Königin aus dem Hause der Habsburger auf dem Schaffotte hingerichtet worden. Ein armer Lieutenant erklomm in wenigen Jahren den Thron von Frankreich und wurde der mächtigste Monarch, vor dem die Fürsten zitterten und dessen Wagen gewissermaßen deutsche Fürsten nachliefen wie Schuljungen. Es gab da etwas zu lernen. Dieser Kaiser konnte nicht mit seiner Umgebung verkehren, wie ein Monarch alten Schlages. Als er einmal seinem Secretär Bourienne läutete, erklärte dieser, man könne ihm nicht wie einem Lakaien klingeln, und der Titan mußte die Zurechtweisung sich gefallen lassen. Die Monarchen wurden höflich. Während der König von Spanien noch im 18. Jahrhunderte, wenn seine Höflinge vor ihm kniebeugend defilirten, auf dem Throne saß, die Nase zum Himmel gereckt, um dieses Gewürm nicht zu sehen, verheirathete sich Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine deutsche Prinzessin mit einem Arzte, der dritte deutsche Kaiser redete seine Garden mit den Worten: ‘Guten Morgen, Kameraden!’ an und ließ sich die Antwort gefallen: ‘Guten Morgen, Majestät!’ und man veränderte die Formen des Verkehrs sichtlich nach der Richtung, die einen völligen Umschwung im socialen Leben vorbereitete. Zwirner fand in einem Bande der ‘Neuen freien Presse’ aus dem Jahre 1890 einen Bericht, den ich euch hier vorlese:

‘Die englischen Zeitungen berichten eine Anzahl hübscher Züge aus dem Leben des kürzlich verstorbenen Cardinals Newman, dessen Leiche morgen Dienstag den 19. d. M. in Birmingham feierlich beigesetzt werden wird. Binnen kurzem sollen seine Briefe veröffentlicht werden. — Interessant ist seine in den Ansprachen an die Katholiken von Dublin abgegebene Definition eines Gentleman.’

‘Ein Gentleman, sagte Cardinal Newman, ist einer, welcher niemandem einen Schmerz verursacht. Der wahre Gentleman vermeidet alles, was seiner Umgebung mißliebig sein oder was auch nur einen Mißton hervorbringen könnte. Er weiß es so einzurichten, daß die Meinungen nicht aufeinanderplatzen, die Gefühle nicht verletzt werden, kein Verdacht ausgesprochen wird, daß kein Gegenstand berührt wird, der bei dem einen oder dem anderen Trauer oder verletztes Ehrgefühl wachrufen könnte. Er hat das Auge auf jeden einzelnen gerichtet, er ist zärtlich mit den Schüchternen, mitleidvoll gegen die Lächerlichen, er weiß sich immer zu erinnern, mit wem er spricht, über den Dienst, den er jemandem erweist, kommt er leicht hinweg, von sich spricht er nur, wenn er dazu gezwungen wird. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, sich so gegen einen Feind zu benehmen, als sollte er dereinst sein Freund werden. Er muß nicht immer richtige Ansichten haben, aber ungerecht ist er nie. Auch wenn er selbst ungläubig ist, wird er den Glauben anderer weder verhöhnen, noch bekämpfen. Er wird alle Religionen toleriren, nicht nur, weil ihn die Philosophie Unparteilichkeit gelehrt hat, sondern auch, weil er das milde, beinahe weibliche Gefühl besitzt, welches eine der schönsten Errungenschaften der Cultur ist.’

Da uns diese Skizze vorgelesen wurde, gedachte ich des Kaisers Rudolf in Lacroma. Der erste Gentleman in Oesterreich war dieser Fürst. Wie erhob er alle zu sich, wie lehrte er alle unbemerkt Unschickliches vermeiden, wie wußte er den gewagten Versuch, zu dem sich Anselma verleiten ließ, vor übler Nachrede sicherzustellen, und wie blieb er, nur noch primus inter pares, so ganz Kaiser.”

Dr. Kolb fuhr nun fort: “Diese Formen nun hatte der bessere Theil der Aristokratie im neunzehnten Jahrhunderte angenommen und so hatte sich die herrschsüchtigste und roheste Kaste in ein Element der Versöhnlichkeit verwandelt, und der Aristokrat von wirklich guter Erziehung war im socialen Leben gewiß von Nutzen. Freilich haben diese Leute oft das, was sie im Stillen doch nur für Herablassung halten mochten, dahin aufgefaßt, der Aristokrat müsse sich mit den Gemeinen gemein machen, und sie suchten nicht das auf, worin der Mensch dem Menschen gleicht, das Recht und die Würde, die ihm die Natur mitgibt, sondern die Degradation, die zwar dem Einzelnen nicht anzurechnen, die ein Erzeugniß der herrschenden Mißstände ist, der gegenüber man duldsam sein muß, an der man aber darum nicht Antheil nehmen darf. Es gab hohe Aristokraten überall, welche die gemeinsten Dirnen zu sich riefen und dem Bänkelsänger um der Rohheit wegen Gehör schenkten, die ihr Gefallen erweckte. Von dieser Versunkenheit mußte der Adel wieder gereinigt, darüber aufgeklärt werden, daß er zu dienen hat, wie jeder andere Stand, aber es wurde auch anerkannt, daß er im Vereine mit der Dynastie eine bevorzugte und erbliche Stellung einnehmen könne, wenn er sich vom wirthschaftlichen Getriebe und von der Ausbeutung des arbeitenden Volkes ganz frei macht, sich auf vom Volke ausgeworfene Mittel beschränkt und selbe nicht für eine exclusive, volksfeindliche Gesellschaft, sondern im Interesse des gesammten Volkes verausgabt, und zwar wesentlich in dem Sinne, daß die Kunst und die Geselligkeit in ihrer edelsten Form gepflegt werden. Man findet, daß zum mindesten die Pflege einer verfeinerten Geselligkeit und die Veranstaltung von Festen im großen Style am besten solchen Menschen anvertraut werden kann, welche, von Jugend auf dazu bestimmt und erzogen, eine gewisse Tradition dafür mitbringen und auch in ihrer äußeren Erscheinung einen gewissen Adel ausgeprägt zeigen. Das hat es möglich gemacht, daß wir Adel und Monarchie beibehalten konnten, und wir haben uns so zusammengewöhnt, daß wir nicht glauben, es werde je ein Antrag auf Abschaffung der Monarchie oder des Adels die erforderliche Stimmenzahl finden. Uebrigens ist die Zahl der adeligen Familien klein und daß man dem Monarchen und dem Adel die richtige Stellung anwies und ihnen im Gesammtleben des Volkes einen Platz vorbehalten konnte, erleichterte den Sieg der neuen Ideen. Denn zur Zeit der Geburtswehen, die diesem Umschwunge vorhergingen, hatte der alte Adel seinen Glanz und Reichthum neben einer täglich wachsenden plebejischen Plutokratie kaum mehr behaupten können und nur durch den Uebergang in das Lager der Reformer konnten die Aristokraten diesem Aufwuchern neben sich Einhalt gebieten und wieder zu einer bevorzugten Stellung gelangen. Uebrigens ist es ein verfassungsmäßiger Grundsatz, daß die Töchter der adeligen Geschlechter sich nicht innerhalb dieser nicht zahlreichen Familien vermählen, und daß diese daher sich immer frisches Blut aus dem Volke holen. Auch findet eine Art von Auslese innerhalb der männlichen Glieder dieser Häuser insofern statt, als mißgebildete Söhne den Adel nicht fortpflanzen.”

Wir waren mit diesen Erklärungen ziemlich zufriedengestellt, wenn auch ein Amerikaner von Monarchie und Adel nichts wissen will, und wir erkundigten uns, wie man es in Oesterreich mit Schwachen, Kranken und Krüppeln halte.

“Habt ihr nicht in der Schuhmacherwerkstätte jenen verstümmelten Mann gesehen,” sagte Dr. Kolb, “der auf einem eigens für ihn gebauten Stuhle sitzt und eine Nähmaschine bedient, die durch den Motor betrieben wird? Denn beide Beine sind ihm hoch über den Knieen von einer Maschine weggerissen worden. Er arbeitet genau und unermüdlich und stellt seinen Mann, er sagt, er wolle seine Zeche selbst bestreiten. Unmerklich kommt ihm alles heran, was er braucht und die fertige Arbeit verschwindet, denn andere thun für ihn, was er nicht selbst besorgen kann, weil er keine Beine hat. Ehe er sich's versieht, hat ihn jemand auf die Schulter genommen, wenn es zur Arbeit oder zur Mahlzeit geht. Immer ist jemand in der Nähe wachsam, seine Wünsche zu errathen oder ihm, was er nöthig hat, zu besorgen, und so geht's zu Tische und dann im Rollstuhle wohin es ihn gelüstet. Man setzt ihn in seinen eigenen Schwimmsattel, wenn er baden geht. Doch ist er niemand zur Last, denn tausend Arme und Hände sind's, die ihm dienen. Man liest ihm von den Augen ab, was er will, und man weiß, daß er immer dabei zu sein verlangt, wenn die Mädels und Burschen tanzen, denn er sagt, er habe sich so in die anderen hineindenken gelernt, daß er meine, er selber tanze wie toll, wenn es sich im Wirbel um ihn dreht.”

“Was ihr aber nicht gesehen habt, das will ich euch jetzt verrathen. Er hat auch sein Weib, sein eigenes liebes Weib. Es ist das jene Stepperin, die mehr noch als alle anderen die Augen auf ihm hat, die sich nicht am meisten an ihn herandrängt, aber gewiß immer einspringt, wenn der Arme plötzlich durch Zufall irgendwo allein bleibt, die ihm die besten Bissen zuträgt und mit der größten Fröhlichkeit um ihn herum sich zu schaffen macht, als gäbe es kein größeres Glück, als die Beine an den Mann gebracht zu haben. Sie war in jungen Jahren schwächlich und sollte nicht heirathen und war recht verdrossen. Da erholte sie sich, ihre Lunge kräftigte sich, sie wurde das Bild der Gesundheit und als man sie jetzt unter die künftigen Ehefrauen einreihen wollte und ihr die Zöpfe wachsen ließ, trotzte sie und schnitt sich die Haare immer wieder ab. Man meinte, sie entsage aller Liebe und wolle der Gesellschaft nicht die Kränkung vergeben, daß man sie zurückgesetzt hatte. Da brachte man den blutenden Mann aus dem Maschinensaale, auch verstümmelt und halb, wie das Weib, das den Mann nicht haben soll, den es liebt, und Kinder zeugen und in den Armen geliebter Menschen sterben. Während der langen Leiden, die der Operation nachfolgten, pflegte sie den Armen in den Stunden, die ihr die Arbeit freigab. Sie kam anfangs häufig, dann immer öfter, schließlich wich sie nicht von seinem Bette und fing an, mit ihm zu scherzen und zu lachen, daß er alles Unglücks vergaß und ein lustiger Mann wurde, der derjenigen spottete, die Beine brauchen, um sich durch's Leben zu helfen. Sie war die erste, die ihn im Rollstuhle ins Freie brachte, aber sie machte doch auch anderen Mädchen gerne Platz, damit es dem Verstümmelten nicht an Freundinnen gebräche. Wir Communisten wollen uns nicht immer nur an einen hängen wir wollen alles besitzen und alle zu Freunden haben. Und so hielt sie sich in der Reserve und lehrte alle, wie sie es ihm am besten machen konnten. Und da der arme Jakob nicht der Welt nachlaufen konnte, wie wir alle, lief die Welt dem Jakob nach und er wurde der fröhlichste Mensch in Tulln, dem es an nichts gebrach und der nur wünschen durfte, auf einen hohen Berg zu gelangen, um sicher zu sein, dahin gebracht zu werden.”

“Und nun brach sich der Trotz der schönen Anna. Jetzt ist der Mann hergestellt und versorgt, jetzt soll er auch sein Weib haben. Nicht nach den Gesetzen der Gesellschaft, nein, ihr eigenes Gesetz wollte sie machen, der gerade sollte glücklicher werden, als alle anderen; das jetzt in Schönheit, Gesundheit und Fröhlichkeit strahlende Weib sollte er besitzen, gerade der sollte jetzt vor allen begünstigt sein und sie erklärte ihm, er müsse ihr Mann werden. “So wie ich es will, Jakob, ich will es so, gerade du sollst ein Liebesglück genießen, wie ein Olympier; nimm mich und ich werde es niemals in meinem Leben bereuen.” Und er nahm sie guten Muths, er vertraute, daß sie ihm, was sie ihm in dieser Stunde bot, niemals wieder rauben würde. Und so geschah es; sie sind ein glückliches Paar und niemals sah man sie verdrießlich oder besorgt, eifersüchtig oder gleichgültig. Der Fremde sieht es kaum, daß die zwei Mann und Weib sind. Es hat sie niemand getraut und sie haben keine Kinder, aber sie hängen so fest zusammen, als wären sie nur ein Leib. — Man machte mit ihnen auch eine Ausnahme. Es ist Liebesleuten, die nicht gesetzlich verheirathet sind, sonst das Zusammenwohnen nicht gestattet. Auch nächtliche Zusammenkünfte werden strenge geahndet. Aber in diesem Falle, wo so viele Gründe der Billigkeit zusammentrafen und wo es sich um die Pflege eines Mannes handelte, der auf die Hilfe anderer angewiesen war, gestattete man, was sonst verpönt war. Die Gesellschaft hatte ja auch auf einen Mann Rücksicht zu nehmen, der in der Arbeit war verstümmelt worden.”

“So verstehen wir die Nächstenliebe und so weiß sich der, dem die gesellschaftliche Ordnung nicht ganz gerecht werden kann, sein eigenes Glück zu zimmern. Wüchsen dem Jakob die Beine, es wäre vielleicht aus mit seinem und seiner Anna Glücke. Und nun, Freunde, hören wir Dr. Leete und Mr. Forest.”

“Dr. Leete hat dich, lieber West, wie folgt belehrt:”

“Ich muß auch noch erwähnen, sagte er, daß wir für diejenigen, welche in geistiger oder körperlicher Hinsicht zu schwach sind, als daß sie billigerweise in das Hauptheer der Arbeiter eingereiht werden könnten, eine besondere Classe haben, die außer Zusammenhang mit den anderen ist, eine Art Invalidencorps, dessen Mitgliedern leichtere, ihren Kräften angemessene Arten von Arbeiten zugewiesen werden. Alle unsere geistig oder körperlich Kranken, alle unsere Taubstummen, Lahmen, Blinden und Krüppel und selbst unsere Irrsinnigen gehören zu diesem Invalidencorps und tragen dessen Abzeichen. Die Stärksten unter ihnen leisten oft beinahe die volle Mannesarbeit, die Schwächsten natürlich nichts, aber keiner, der irgend etwas thun kann, will die Arbeit ganz aufgeben. In ihren lichten Augenblicken beeifern sich sogar unsere Irren, zu thun, was sie können.”

“Die Idee des Invalidencorps ist wirklich gut,” sagte ich. “Selbst ein Barbar aus dem neunzehnten Jahrhunderte muß das einsehen. Sie ist eine sehr schöne Art, die Mildthätigkeit zu verhüllen, und muß für die Gefühle der die Gaben Empfangenden sehr wohlthuend sein.” — “Mildthätigkeit!” wiederholte Dr. Leete. — “Meinten Sie, daß wir die Classe der Untauglichen, von der wir sprechen, als Gegenstände der Mildthätigkeit ansehen?”[J]

“Wie hölzern ist die Versorgung der Untauglichen aufgefaßt, wie grausam, alle Krüppel zu einem besonderen Corps mit besonderen Abzeichen zusammenzuthun, und wo bleibt da das wahre Mitgefühl, wenn man die Leute nur eben abfüttert, wie abgerackerte Hausthiere? — Und was sagtest du, lieber Forest?”

“Nun hat ohne Zweifel,” fuhr Forest mit großem Nachdrucke fort, “jedermann ein natürliches Recht auf die Früchte seiner Thätigkeit. Wir nehmen aber dem tüchtigen Arbeiter des ersten Grades einen Theil seiner Arbeitserzeugnisse fort, um sie einem faulen Kerl aus der sechsten Abtheilung zu geben. Das ist natürlich offenbare Räuberei, die sich nicht einmal unter dem schäbigen Mäntelchen eines “Regierungsgrundsatzes” verbirgt; denn durch die Einteilung der Arbeiter in sechs Abtheilungen wegen verschiedener Befähigung erkennen wir ja ausdrücklich an, daß es mit der Gleichheit nichts ist! Demnach werden alle diejenigen, welche diese Beraubung der Fleißigen zu Gunsten der Faulen nicht als Handlung höchster Staatsweisheit bewundern mögen, als Feinde der besten Gesellschaftsordnung verdammt, von welcher die Geschichte der Menschheit uns meldet?”[K]

“Schäme dich, lieber Freund, dieser Anwandlung von Brutalität! Unter uns ist keiner, der nicht morgen in die Lage des armen Jakob gerathen kann. Ueberall kommen wir mit Maschinen in Berührung, die Eisenbahn schleppt uns mit großer Sicherheit herum, aber wir haben doch alljährlich über hundert Eisenbahnunfälle und die Statistik beweist, daß alle Jahre einer unserer Mitbürger die zwei Beine geradeso verliert, wie unser Jakob. Der Kaiser ist so wenig sicher davor, wie der Tischler, der mit den besonders bösen Holzbearbeitungsmaschinen zu thun hat, oder ein Eisenbahnbediensteter. Was wir diesen Armen thun, thun wir uns selbst, wir wissen, daß der Oesterreicher glücklich ist, wenn er auch zum Krüppel wird. Und wir wissen noch etwas, daß, so groß auch das Glück ist, das uns die Gesellschaft als solche sichert, immer noch das beste das ist, was ein liebendes Herz allein uns sein und uns allein bieten will.”

“Aber auch der Faule, von dem die Parasiten des neunzehnten Jahrhundertes mit so großer Verachtung sprachen, ist nicht mehr schuldig, als der Krüppel. Die moralische Welt ist genau so an die strengsten Gesetze gebunden, wie die materielle. Was immer an uns schlecht ist, ist uns von Geburt aus mitgegeben oder durch die Erziehung erworben. Keiner von uns thut, was seine Laune ist, sondern er thut, was er nicht lassen kann. Alle Eigenschaften der Menschen so auszunützen, daß sie der Gesellschaft doch wieder zum Vortheile gereichen, das ist die Aufgabe der Verwaltung. Wo sie das aber nicht kann, müssen wir unserer Mitbürger Gebrechen tragen lernen, wie die üble Ausdünstung eines Kranken. Wir fahren dabei auch am besten, wir bringen keine Opfer, wenn wir alle versorgen.”

“Läßt sich die moralische Krankheit heilen, wozu wir ja auch ein System von Disciplinarstrafen anwenden können und in früheren Zeiten oft angewendet haben, dann werden wir nicht anstehen, es zu thun, aber da wir moralische Krankheiten genau so wie physische ansehen und angeborene den erworbenen gleichstellen, so lassen wir niemand zu Grunde gehen und die Gesellschaft hat davon nur Vortheil. Wenn aber jemand fände, das sei ungerecht oder Räuberei, wie du das bezeichnest, so hüten wir uns, ihm Gewalt anzuthun.”

“Nun, wie verfahrt ihr dann?” frug Mr. Forest.

“Wir erlauben ihm wie jedem anderen auszuwandern, aber wir vertreiben ihn nicht gegen seinen Willen aus dem Lande. Wir geben ihm auch, wenn er es wünscht, seinen Theil am Volksvermögen ein und einhalbmal heraus, nach seiner Wahl Grund und Boden, Wohnung oder Baumaterialien, Werkzeuge und Sämereien, und dann lassen wir ihn, indem wir ihn von unseren räuberischen Vertheilungen ausschließen, machen was er will, er behält seine Producte und wir die unseren. Er bleibt auf seinem Besitze und wir betreten ihn nicht.”

Dr. Kolb lächelte ironisch und Mr. Forest schwieg.

“Und jetzt noch eine Reminiscenz aus dem 19. Jahrhunderte. Wir lesen in dem Jahrgange der “Heimat” vom Jahre 1891 die folgende kleine Mahnung aus der Feder der damals viel gefeierten Dichterin Karoline Bruch-Sinn:”

“Wie lassen wir doch unsere Mitmenschen verkümmern! Ich hatte in der Stadt zu thun und nahm den Weg durch die Währingerstraße, durch ein Gewühl von Wagen, Reitern und Fußgängern. Da, was humpelt über den Weg? Ich war starr — und nun laß dir beschreiben, lieber Leser, wie es unseren Brüdern geht. Dort drüben vom anatomischen Institutsgebäude herüber schwang sich ein armer Schelm. Der starke knochige Mann, er mochte 30 Jahre zählen, schmutzig und verrissen, hatte keine Beine. Kaum drei Zoll lang waren die Stümpfe, die über den Rumpf hinabhingen. Und der Arme hatte es eilig, er lief wie ein Wiesel; ja er lief, glaub' es mir, lieber Leser! Die Hände hinter sich in den Straßenkoth gestemmt, schleudert der Unselige seinen Rumpf nach vorne, zieht die Arme wieder nach und schlendert den unförmlichen Sack, auf dem ein leibhaftiger Menschenkopf sitzt, weiter so fort, und jetzt geht es quer über die Straße vor den Passanten vorbei, jetzt entgeht er einer Escadron Cavallerie, dort streift ihn der Huf eines Tramwaypferdes, dann hätte ihn fast ein Karrenrad gefaßt und jetzt ist er herüber und wirft sich vor meinen Füßen auf das Trottoir, um weiter zu eilen gegen die Nußdorferstraße, wohin ich ihm entsetzt folge. Er kann nicht achten, wohin er seine Hände setzt, jetzt in eine Kothpfütze, dann auf die scharfen Schienen, hier in den Pferdemist, dort in den Auswurf eines Kranken. Und das ist ein Mensch, wie wir. Ich muß wissen, was ihm geschehen. Endlich bei einem elenden Häuserreste der Sechsschimmelgasse hält er vor einer Thüre, ein zänkisches Weib öffnet und mit den Worten: “Da kommt das Scheusal” läßt sie ihn in ihre Wohnung ein.”

“Und der Mensch hat gearbeitet sein Leben lang, ist von einer Maschine erfaßt und verstümmelt worden und war unglücklich, daß man ihn an seinen Wunden nicht sterben ließ. Eine Wohlthat wäre es ihm gewesen, hätte man ihn mitleidig verbluten lassen. Nein, die medicinische Wissenschaft hatte ihn nöthig, die Klinik requirirte ihn als “Lehrmittel”, man heilte ihn, damit man am Armen lerne, wie man den Reichen gesund machen kann, und dann warf man ihn auf die Straße und die Unfallskasse bezahlte ihm zu wenig zum leben und zuviel zum sterben. Und nun ist er sich zum Eckel, den Seinigen zur Last. Wir aber sitzen auf den Stühlen, die er gemacht hat, und recken die Glieder, ohne zu denken, wie er sich durch's Leben schleppen muß.”

“Und Freunde, was hat die Dichterin damit gutes gethan? Nichts, denn wir lesen in der folgenden Nummer der “Heimat,” daß die Erzählung der mitfühlenden Frau confiscirt worden war.”

Wir gingen einige Zeit schweigend unseres Weges, denn längst hatten wir uns aufgemacht und den Park von Tulln verlassen, um die herrliche Nacht einem Spaziergange in die Wälder zu widmen, wobei wir unvermerkt gar weit gewandert waren. Wir hatten Tulbing schon hinter uns und stiegen die Anhöhe hinan, als wir am Fuße des Tulbinger Kogels laut singen und scherzen hörten, und da eben der Mond sein mildes Licht zu verbreiten anfing, folgten wir dem Rathe des Dr. Kolb und erstiegen die Höhe dieses Berges. Es mochte etwa halb zwei Uhr morgens sein, als wir aus dem Walde in eine Lichtung heraustraten, auf der heiters Leben herrschte. Es war ein Zeltlager errichtet worden und etwa hundert junge Leute beiderlei Geschlechtes aus verschiedenen Dörfern der Nachbarschaft hatten sich hier zusammengethan, um einen Theil der Nacht bei Spiel und Tanz zu verbringen und den Morgen zu erwarten, dann aber ein wenig auszuruhen und erst gegen Mittag etwa das Lager wieder abzubrechen. Pferde weideten am Rande des Gehölzes, welche die Zelte, Decken und Kissen heraufgebracht hatten, und es fehlte auch nicht an Erfrischungen und Proviant.

Eine Weile sahen wir dem fröhlichen Treiben zu und lauschten den Wechselgesängen, die Jünglinge und Mädchen bei solchen Gelegenheiten erschallen lassen, und erfuhren von Dr. Kolb, daß solche fröhliche Gelage sehr beliebt seien und man dazu gerne die Nacht von Samstag auf den Sonntag benütze, weil an diesem die Arbeit ruht. Die Zelte rührten meist von der ehemaligen Heeresausrüstung her und dienten jetzt hauptsächlich für die Beherbergung der Arbeiter, welche bei Flußregulierungen, Kanal- oder Straßenbauten oder bei Erbauung neuer Ansiedlungen beschäftigt wären, deren jährlich in Oesterreich über zweihundert errichtet werden müssen, um für die nachwachsende Bevölkerung Wohnungen zu schaffen.

Man schlug uns vor, uns an den Spielen zu betheiligen und den Aufgang der Sonne, die dort über der Burg Kreuzenstein heraufkomme, abzuwarten, und da wir die für den nächsten Morgen beschlossene Abreise vorschützten, beredete man uns, diesen Gedanken fahren zu lassen und noch einen Tag zuzugeben, da wir durch nichts gebunden seien.

Die frische Morgenluft war so verlockend, daß wir uns überreden ließen und den Rest der Nacht mit den Anderen verjubelten. Dr. Kolb aber war etwas ermüdet und legte sich in einem Zelte schlafen.

Man schlug Pfänderspiele vor und die Burschen waren nicht eifersüchtig, wenn die Amerikaner ihre Pfänder ziemlich oft mit einem Kusse auslösen mußten. So gingen etwa zwei Stunden herum, als der Mond zu erblassen anfing, die Sterne erloschen und nun auch wir die lärmende Unterhaltung einstellten. Es bildeten sich Gruppen und mancher, der liebte, legte seinem Mädchen den Arm um den Nacken. Alles sah nach Osten, nicht mit abergläubischen Geberden, aber in feierlicher Erwartung des Naturschauspieles, das sich vorbereitete. — Auch Dr. Kolb kroch aus seinem Zelte und einzelne Schläfer wurden aufgeweckt, denn um diese Zeit wollte keiner fehlen. Die Vögel, die schon längst den Wald mit Gezwitscher und Gesängen erfüllt hatten, verstummten jetzt auch und ein frisches Lüftchen strich über unsere Köpfe hin. Der Himmel war schon hell, aber zu unseren Füßen lag das Thal im Morgengrauen und die fernen Berge hoben sich dunkel vom Himmel ab.

Die leuchtenden Wölkchen am östlichen Horizonte glitzerten, von der noch verborgenen Sonne beschienen, in blendendem Licht. Sie drängten sich der Sonne entgegen, wie die Höflinge erwartungsvoll an der Thüre des Erscheinens ihres Königs gewärtig sind.

Jetzt erstrahlte eine Bergspitze um die andere, die höchste voran, in hellem Morgenroth, das sich leuchtend von dem Gewoge dunkler Bergreihen abhob. Noch einige Secunden und aufschwebte die mächtige Feuerkugel, die bald darauf frei am Himmel thronte. Ein lautes Freudengeschrei begrüßte sie, die, wie die Erde, das gemeinsame Erbtheil aller ist, und wußte man doch, daß viele, viele Tausende auf allen Bergen Oesterreichs und weit hinaus über die Grenzen des Reiches jetzt desselben Schauspieles froh wurden. Nichts belebt die Liebe zur Natur so mächtig, als die Ruhe und Sorglosigkeit, welche das Leben des Communisten begleitet. Das war die Frühmesse im Tullner Gebiete.

Und jetzt war überall Tag und die Sonne spiegelte sich in der Donau dort unten. Der Hahn, der auch eine Zeit geschwiegen, rief jetzt, als verkündete er die Beendigung dieser wahrhaft ergebenden Feier, sein kräftiges: “Ite, missa est” und der Ruf pflanzte sich von Dorf zu Dorf, so weit man hören konnte, fort. Und so war es fünf Uhr geworden; jetzt erschollen die Gongs in den Dörfern, alle Schläfer zu wecken, und bald sah man dort, weit unten, die Menschen sich regen, ab und zu auch hörte man sie rufen.

Aber in Königstetten sahen wir deutlich unter den Linden ein weißes Morgenkleid flattern und wir priesen den glücklich, dem eine andere Sonne aufgegangen war, die nicht jedem dasselbe bedeutet.

Nun legten sich die anderen zur Ruhe und wir traten mit Dr. Kolb den Rückweg an.