Das Mädchenzimmer.

Die Stellung der Frau im heutigen Leben ist ein Kampf, ihr Kampf ist ein Suchen. Ihr Streben ist Gleichberechtigung mit dem Manne in sozialen, beruflichen und politischen Dingen. Auf allen Gebieten wetteifert sie mit ihm als ebenbürtige Genossin — oder Rivalin. Das spürt man schon im Mädchenzimmer. Die Nervositäten des Tages vibrieren bis in die Stille des jungfräulichen Gemaches. Der Studiengang ist von fast männlicher Strenge und Härte, auf den künftigen Struggle for life vorbereitend. Und dennoch liegt über den Dingen ein milder Abglanz weiblicher Grazie, die die Frau auch in den Härten des Berufes als unschätzbares Gut bewahren will. Die Zwittererscheinungen des dritten Geschlechts gehören einer kurzen Uebergangsperiode an und sind mit dem Fluche der Lächerlichkeit beladen von der Bildfläche verbannt. Das Mädchenzimmer vor fünfzig Jahren ist gegen das heutige eine friedvolle Welt. Das war damals ein liebliches Hindämmern an Bändern und Kram, bis der Großvater kam und die Großmutter nahm. Vielleicht gleicht das heutige Mädchenzimmer dem damaligen sehr stark an äußerlichen Stimmungselementen, aber innerlich ist es von ganz anderem Leben erfüllt. Eine satte, lavendelschwere Luft lag in dem Raum, wo durch weiße Gardinen der Tag hell herein schien, der Schreibtisch mit den dicken zylindrischen Füßen barg Schleifen und Andenken, himmelblaue Vergißmeinnichtlyrik auf antikisierenden Wunschkarten gedruckt, ein Päckchen Briefe voll lispelnder Ach!, in steifer Schrift geschrieben, abgestandene Parfums entsendend, wie ein altes leeres Flacon, und aus dem spindeldürren Spinet entstiegen in dünnen gebrechlichen Tönen Mozarts graziöse Menuetts, Schuberts kindlich fröhliche Weisen, während durch die Straßen die sentimentalen Klänge zogen: »wann’s Mailüfterl säuselt...« Die Lavendelstimmung ist heute auch aus dem Mädchenzimmer entschwunden. Im Notenständer neben dem Klavier finden wir Richard Wagner, Hugo Wolf, Richard Strauß, Schubert und Beethoven sind geblieben. Auf dem Tische häufen sich Bücher, sogar Zeitschriften, Maeterlincks »Leben der Bienen« liegt da; es liegt nicht nur da, es wird auch gelesen. Was unter dem Titel »Mädchenliteratur« einstens beliebtes Lesefutter war, ist nicht vorzufinden. Das Nähtischchen im Fenster mit dem Strickkörbchen im Fuße ist ebenfalls verschwunden, es ist samt der »Mädchenlekture« in der Rumpelkammer der Vergangenheit begraben. Blumen stehen am Fenster, wie es auch einst war, Rosen im Glas und, wenn es die Jahrzeit will, auch weiße Lilien. Das ganze Gemach ist darauf gestimmt, eine Symphonie in Weiß. Das Bett steht unsichtbar hinter den weißen Vorhängen, die vom Plafond heruntergehen und tagsüber zugezogen sind. Weiße feine Vorhänge, seitlich zu öffnen, verhüllen das Fenster, weiß sind Decke und Wände, durch die bandartig ein Fries geht, und an den Wänden hängen, in schmalen, glatten Rahmen Reproduktionen nach Burne Jones, trauernde Frauengestalten mit keuschem Leib und sehnsüchtigen Blicken, »love in ruins« und andere schmachtende Legenden, die der knospenhaft unerschlossenen Gestalten präraffaelitischer Meister, die nun seit einigen Jahren modern sind. Schmalhüftige hochgezogene Möbel stehen herum, fußfrei, so daß man unten bis zur Wand blickt, was den Raum größer erscheinen läßt, ein weiter Bücherschrank, zierliche Schränkchen und Stühle, ein Toilettetisch mit fazettiertem Glas ohne Rahmen und mit Laden, die Toiletteartikel darin zu versperren, im übrigen alles blitzblank und sauber anzusehen, hie und da ein erlesenes Stück eigenen Kunstfleißes, ein Tischläufer, eine Schutzdecke, sauber ausgenäht, mit modernem Muster. Der Bodenbelag ist einfärbig ohne Dessin, oder fast ohne solchen, graublau im Ton und die Möbel sind lackirt. Blau steht zu weiß sehr schön. Dunkles Rot kann auch verwendet werden. Hellgelbes Kirschholz ist von bezwingender Anmut. Ein solches Gemach wirkt schon durch die Farbe wie ein Frühling. Stehen ein paar feine Gläser am Schränkchen, einige kleine Kunstgegenstände gut verteilt, Vasen, Porzellan aus Kopenhagen, blank und schimmernd, dann mutet es an wie ein Festtag im Mai.

Kinderschlafzimmer von Arch. Leopold Bauer.

Badezimmer von Arch. Max Benirschke.

Kinderarbeitszimmer von Arch. Leopold Bauer.

Mädchenzimmer-Ecke von Arch. Max Benirschke.

Mädchenzimmer von Arch. Alois Hollmann.

Toilette von Arch. Karl Bräuer.

Solcherart erscheint das Mädchenzimmer als ein Spiegel der Persönlichkeit, die darin lebt.

Und nicht nur der Persönlichkeit, sondern auch ihrer Zeit. Was die Ideale, Wünsche und Hoffnungen der Gegenwart sind, kann und soll man ja auch an diesem Ort verspüren. Die Zeiten sind jedenfalls vorbei, wo die Mädchenerziehung kein anderes Ziel kannte, als unter die Haube zu kommen. Nichtsdestoweniger ist es sehr erfreulich, wenn sich im heutigen Mädchenzimmer auch ein Kochbuch vorfindet. Die genaue Kenntnis des Hauswesens auf Grund eigener Betätigung ist auch für jede gebildete Dame eine selbstverständliche Voraussetzung. Die Vorbereitung auf irgend einen selbständigen Beruf und auf das Leben, das draußen harrt, soll unter allen Umständen auch der Entwicklung häuslicher Tugenden Raum gewähren. Was immer die Zukunft erheischen möge, das Leben dürfte in diesen Raum nichts hereintragen, was irgendwie geschmackswidrig, schmutzig und anstößig ist. Man muß nicht hausbacken und prüde sein, aber man muß in allen Fällen auf seelische Hygiene bedacht sein, sowohl im Umgang mit Menschen, als mit Büchern und Dingen. Im allgemeinen dürfte das Mädchenzimmer in allen Verhältnissen den oben geschilderten Charakter empfangen, bald einfacher, bald reicher ausgestattet, je nach den persönlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten. Seine besondere Prägung wird es natürlich von dem Geiste erhalten, der darin haust. Die Wohnungspsychologie kann nicht leicht Fehlschlüsse ziehen. Man wird es auf den ersten Blick erkennen, ob die Inwohnerin Kunstgewerblerin, Beamtin oder Studentin ist. Die Individualität soll ja in den Dingen der Häuslichkeit am stärksten sprechen. Reinheit und Nettigkeit machen hier, wie überall den Hauptschmuck aus. Die Grazien werden sicherlich auch das Gemach erfüllen, wenn sie die Inwohnerin mit ihren Gaben beglückt haben, was natürlich nicht zu bezweifeln ist. Wenn auch die junge Dame ein angehendes »Fräulein Doktor« ist, braucht ihre Stube nicht auszusehen wie eine Studentenbude. Es ist eine bedenkliche Atmosphäre, wo Parfum mit Zigarettenqualm vermischt ist.

Mädchenzimmer von Arch. Maurice Herrgesell.