Wie man Bilder hängt.
Im »Turmalin«, einer Geschichte, so dunkel wie der Edelstein, nach dem sie benannt ist, erzählt Adalbert Stifter von einem wunderlichen Manne, der die vier Wände seines Wohn- und Arbeitszimmers vollständig mit Bildnissen berühmter Männer behing. Es war kein Stückchen, auch nur handgroß, das von der ursprünglichen Wand zu sehen gewesen wäre. In der Sache lag System, und sie dürfte zu des seligen Biedermeiers Zeiten Schule gemacht haben. Denn als ich einmal in einem Schlosse zu Gast war, das in jenen Tagen eingerichtet wurde und die ursprüngliche Einrichtung heute noch unverändert besitzt, sah ich ganze Wände mit schmalen, einfachen Goldrahmen dicht behängt, darin Lithographien, ebenfalls Bildnisse berühmter Männer, zumeist der Kriegsgeschichte angehörig, zu sehen waren. Wie ich nachträglich hörte, hatte das Schloß einem berühmten Feldherrn zum Aufenthalte gedient.
Sitzgelegenheit in einem Salon von Architekt Georg Winkler.
Diese Anordnung erscheint mir aus zwei Gründen beachtenswert. Erstens waren es nur bedeutsame Bilder, die als Original-Lithographien einen gewissen Wert besaßen und durch ihren Inhalt ein ganz bestimmtes Verhältnis zu ihrem Besitzer ausdrückten, und zweitens war in dem Arrangement eine klare, dekorative Absicht ausgeprägt.
Ich meine aber durchaus nicht, daß man die Sache nachahmen dürfte. Sie ist nur deshalb sympathisch, weil sich in ihr überhaupt ein Gestaltungsgrundsatz geltend macht. Im Übrigen könnte man sehr viel Gegenteiliges einzuwenden haben, denn eine Sammlung von Kunstblättern gehört doch viel eher in die Mappe, die man nur in musenfreundlichen Stunden dem schönheitsuchenden Auge erschließt, und dann genügt dieses briefmarkenähnliche Aufkleben nicht mehr dem modernen Formsinn. Außerdem möchte ich der Gefahr begegnen, daß man meine Sympathie zugunsten jener wigwamartig mit Trophäen behängten Schauspielerwohnungen auslegt, wo die Wände über und über mit Photographien in protzigen Goldrahmen bepflastert sind, die das liebe Ich, von vorn und hinten gesehen und in allen möglichen und unmöglichen Lebenslagen variiert, möglichst aufdringlich zur Schau stellen. Diesem indianerhaften Zustand möchte ich nicht einmal den Schein eines freundlichen Arguments gönnen.
Einfaches Speisezimmer von Architekt Prof. Joseph Hoffmann.
Kehren wir zu Biedermeier zurück und gestehen wir, daß die alte Ordnung, wo sie noch unverfälscht in den Räumen von anno dazumal vorhanden, recht artig aussieht. Im traurigen Gegensatz zu dieser Art Bilder zu hängen, haben die Durchschnittswohnungen in den heutigen Miethäusern kein Prinzip ausgebildet. Oder doch nur eines: nämlich die Löcher in der Wand zu verdecken. Beim Beziehen einer neuen Wohnung geben diese garstigen Löcher, mit Gyps verschmiert, aus der schmierigen Wandbemalung grell hervorstechend, der ratlosen Hausfrau die einzige und getreulich befolgte Auskunft auf die Frage: »Wie sollen wir die Bilder hängen?«
Einfaches Buffet von Arch. Prof. Joseph Hoffmann.
Und sind sie glücklich gehängt, gerade dort, wo der göttliche Zufall, der für die Löcher sorgt, sie haben wollte, dann freut sich Groß und Klein über die schöne Wohnung. Ich habe nichts so himmlisch und nichts so verderblich gefunden, als diese Anspruchslosigkeit. Als ich einmal über den ordinären Schund loszog, mit dem gewöhnlich die Wände der Durchschnittswohnung angefüllt werden, schrieb mir eine Dame: »Da haben Sie sich einmal gründlich blamiert! Sie dürften ganz gut wissen, wozu die Bilder gehören! Oder ist es schöner, wenn überall die Löcher hervorschauen? Glauben Sie vielleicht, daß sich jeder Erste Beste einen Böcklin kaufen kann? u. s. w.« Die zeitgemäße Dame, die mir so temperamentvoll widersprach, ahnte wahrscheinlich gar nicht, wie sehr sie mir recht gab. Der Aufschrei war sicher ein Beweis, daß ich den Finger auf eine Wunde gelegt hatte. Ich glaube wahrlich nicht, daß in ein derartiges Milieu ein Böcklin besser passen würde, als etwa eines jener fabriksmäßigen Ölbilder, die der Rahmenhändler als Draufgabe für einen geschmacklosen und lärmenden Goldrahmen liefert. Dagegen ist um dasselbe billige Geld gute und echte Kunst zu haben.
Einfaches Wohnzimmer v. Arch. Prof. Joseph Hoffmann.
Für die Hängung der Bilder ist entscheidend, daß nicht die Wand die Hauptsache und das Bild der bloße hinzutretende Schmuck, sondern daß die Wand bloß Hintergrund und das Bild die Beseelung und Belebung der Fläche ist. Der Kunstfreund, der von diesem Grundsatze ausgeht, wird bei der Hängung seiner Bilder nicht leicht einen Mißgriff tun. Er wird die Wand als Hintergrund behandeln und sie daher so anspruchslos halten, als immerhin möglich. Die beliebten Tapetenblumen können der Bildwirkung immer nur schädlich sein. Er wird seine Wände entweder weißen lassen, was am schönsten ist, oder er wird sie in einfachen, ruhigen Farben halten und sich auf die ruhige Tonwirkung beschränken, die allerdings ein feines Farbengefühl bedingt. Und er wird staunen, welche Macht die sparsam verteilten Originalblätter der Reproduktionskunst auf diesem Hintergrund gewinnen können. Sparsam verteilt und in menschlich dimensionierter Höhe müssen sie gehalten sein, denn sie sollen die Wandflächen gliedern und mit ihrem Inhalt deutlich zu dem Beschauer sprechen.
Hier wäre es am Platze, ein Wort über den Rahmen zu sagen. Der Rahmen hat die Bedeutung einer Grenze, die die Welt des Bildes von der Umgebung abschließt. Er soll das Bild heben und daher selbst einfach und anspruchslos sein. Um das Bild zu heben, hat man außer Gold auch sonstige Farben versucht, die gute Wirkung haben, wobei freilich als Grundsatz zu beachten ist, daß es eine Farbe sei, die im Bilde nicht vorkommt und einen komplementären Gegensatz bildet. Der Form nach werden immer die geraden Leisten am besten sein; vor den verzierten Rahmen, die auf den Namen »Kunsthändler-Rahmen« lauten, ist durchaus zu warnen. Es wird oft die Frage aufgeworfen, ob man den weißen Rand an reproduzierten Blättern stehen lassen soll. Bei Radierungen, die den Plattenrand haben, ist der weiße Rand sicherlich von großer Berechtigung, in allen Fällen aber ist er an und für sich schon ein Rahmen. Man muß sich in diesem Falle begnügen, einen ganz schmalen, einfachen Holzrahmen herumzulegen, der ganz gut weiß sein kann, ja man braucht nur einen schmalen Streifen Papier um den Glasplattenrand umzukleben, um des vorteilhaftesten Aussehens gewiss zu sein.
Einfaches Wohnzimmer von Architekt Prof. Joseph Hoffmann.
Ich denke hiebei immer zuerst an die kleinere Wohnung in den Miethäusern, wo ja die Misère am größten ist und oft mit geringen Mitteln eine gewisse Schönheit erzielt werden könnte. Große Wohnungsverhältnisse, in Einzelwohnhäusern und Villen, wo der Luxus für einen ziemlichen Aufwand, wenn nicht notwendigerweise für Geschmack — o, im Gegenteil! — sorgt, kommen für uns zunächst nur in bedauernder Hinsicht in Betracht, daß sie kaum mehr, wie in früheren Zeiten, das große Wandbild aufweisen, das in Hallen, Loggien etc. seinen rechten Platz fände, und solche Wände, wenn das Bild etwa nach Art der alten Gobelins oder mit dem Geiste eines Puvis de Chavannes gemalt wäre, mit der bezaubernden und ungestörten Harmonie edler Linien und großer einfacher Farbenklänge erfüllen müßte. Solche Heimstätten müssten die eigentliche Pflegestätte des großen Ölbildes und der Wandmalerei sein.
Bücherschrank v. Arch. Georg Winkler.
Tischchen von Architekt Max Benirschke.
Für die Durchschnittswohnung muß die Reproduktionskunst in den meisten Fällen genügen, wenn überhaupt auf Kunst Wert gelegt wird. Wird nach den gegebenen Anhaltspunkten verfahren, dann kann sich an den Wänden eine ungeahnte Schönheit entfalten. Um die Kunstwerke mit größerer Geschlossenheit zu vereinigen, wird in manchen Wohnungen in der Augenhöhe eine Holzverkleidung geführt mit regelmäßigen, rahmenartigen Ausschnitten, darin die Kunstblätter hinter Glas stehen und beliebig je nach dem Inhalt der Mappe ausgewechselt werden können. Der Kunstfreund ist solcherart stets im gegenwärtigen Genuß seiner Sammlung und kann den Turnus wechseln, so oft es ihm beliebt, von der feinen dekorativen Wirkung dieses Arrangements ganz zu schweigen. Ob man nun auf die eine oder andere Art vorgeht, dafür sich immer neue und interessante Gestaltungsmöglichkeiten in unseren modernen Ausstellungen lernen lassen, man wird sich bald auf einem höheren Niveau demselben Ideal nahe finden, das schon unseren Großvätern erstrebenswert schien, man wird nämlich ein ganz bestimmtes Verhältnis zu dem Bilderbesitze mit einer klaren dekorativen Absicht zu verbinden wissen. Diese feine Lehre liegt im dunklen »Turmalin« und in manchem alten Räume, darin die Ahnenstimme lebt.
Die bildmäßig dekorative Verwendung anderer Materialien, wie etwa getriebene Paneele in Messing, Kupfer oder Silber, die Kachelschnitte, Mörtelschnitte, Mosaikbilder, Email und Perlmutter etc., die in die Mauer eingelassen werden, kann nur im eigenen Wohnhaus in Betracht kommen, wo der Kunst ein viel größerer Spielraum gegeben ist.
Salonecke von Arch. Karl Bräuer.