Das Abenteuer im Schloß.

In Feldburg gab es wie in vielen andern altertümlichen Kleinstädten auch ein Schloß. Es lag, wie es sich für ein richtiges Schloß schickt, etwas höher als die andern Häuser der Stadt und war auch von einem wirklichen Fürsten und einer wirklichen Fürstin bewohnt. Meist war zwar der Fürst von Salheim nicht in Feldburg, er hatte noch andere Schlösser, und da er ein Fürst ohne Land war und in Feldburg nichts zu regieren hatte, kam er immer nur etliche Wochen im Jahr dorthin. Er kam aber gern, und die Feldburger freuten sich auch über sein Kommen, und über das Schloß freuten sie sich auch; es sah so stattlich aus, und die Fremden, die in das Städtchen kamen, sagten immer entzückt: »Nein, ist das aber malerisch!«

In Oberheudorf hatten die Kinder schon früher manchmal von dem Feldburger Schloß gehört; seit Traumfriede aber in der Stadt war, sprachen sie sehr viel davon. Das Schloß zu sehen lockte sie sehr. Muhme Lenelies sagte zwar oft: »Ach was, Schloß hin, Schloß her, meine Märchenschlösser sind schöner.«

Doch die Kinder glaubten ihr das nicht recht und gaben wohl zur Antwort: »Du sagst aber nicht, wo die liegen.« Auch der Lehrer in der Schule hatte von dem Schloß erzählt, das in der Geschichte des Herzogtums, zu dem Feldburg und Oberheudorf gehörten, eine ziemliche Rolle gespielt hatte. Ein deutscher Kaiser hatte einmal dort gewohnt, und allerlei dunkle Sagen umspielten das alte, graue Schloß.

»Warum hat uns Friede das Schloß nur nicht gezeigt? Zu dumm von ihm!« murrten die fünf ersten Stadtfahrer oft. Ihnen und den andern Kindern war es daher eine wundervolle Überraschung, als der Herr Lehrer eines Tages sagte: »Wir wollen einen Spaziergang machen, ratet wohin?«

»Nach Dachhausen,« schrieen die einen; die andern rieten: »Nach dem Kuhberger Walde.« Wo anders hin war es nämlich noch nie gegangen.

»Falsch geraten! Nach Feldburg, das Schloß ansehen.«

Ein unglaublicher Jubel erhob sich. Selbst der Lehrer erschrak, dies war ja noch ärger, als er gedacht hatte, und streng gebot er Ruhe. Da wurde es auch still im Schulzimmer, aber draußen auf der Dorfstraße ging der Lärm nachher wieder los. Die Buben und Mädel schwatzten so laut und eifrig miteinander, daß an diesem Tage sogar die Gänse, die Hauptspektakelmacher im Dorfe, eifersüchtig wurden. Eine dicke Gans schnatterte der andern zu: »Gräßlich das, man versteht ja sein eigenes Geschnatter nicht bei diesem Kindergeschrei!«

In heller Aufregung liefen die Kinder heim. »Wir gehn aufs Schloß,« schrie Heine Peterle schon zum Fenster hinein, damit es nur ja gleich alle wußten. Die erwartete Überraschung blieb leider aus, denn nur Muhme Rese saß in der Stube, und die dachte, es wäre wieder einer von des Buben Späßen. Sie brummelte nur: »Warum willste nich gleich zum Kaiser?«

Heine Peterle war entrüstet. Aufgeregt erzählte er nun ausführlich, was der Lehrer gesagt hatte. Da ließ die Muhme ihren Strickstrumpf sinken, sah den Buben nachdenklich an und sagte zuletzt: »Geh nur ja nich mit, Heine Peterle, nä, nä, tu das nich, dir passiert was, du paßt nich in en Schloß.«

Trotz dieser düstern Warnung dachte Heine Peterle gar nicht daran, daheim zu bleiben. Er gehörte ja schon zu den Großen, die mit durften, zu den »Gernegroßen«, sagte der Vater.

Die Regenwolken, die über Oberheudorf hingen, taten den Kindern den Gefallen, am Tage vorher eiligst auszureißen, und am Morgen des Festtages war der Himmel so blank geputzt, als hätten ihn die Oberheudorfer Mädel mit Sand und Seife abgescheuert.

Hatten die Kinder vor diesem Tage gefragt: »Wie kommen wir nach der Stadt?« dann hatten die Erwachsenen erwidert: »Auf Schusters Rappen, wie sonst; meint ihr, für euch würden Kutschen angespannt?«

Und dann standen zur Überraschung der Buben und Mädel am Morgen doch zwei große Leiterwagen auf dem Dorfplatz, und Friede Hopserling schmückte die Pferde gerade noch mit frischen Maiensträußen, als die Kinder angelaufen kamen. »Hurra, wir dürfen fahren,« schrieen alle.

»Nä, wer hat das gesagt?« brummte Friede Hopserling, und der Schulzenknecht, der den andern Wagen führte, rief: »Wer mitfahren will, muß 'nen Taler zahlen, billiger tu' ich's nicht.«

Aber die Kinder kletterten schon auf die Wagen hinauf, sie wußten genau, woran sie waren. Und dann kam der Herr Lehrer und setzte sich auch in den einen Wagen, und los ging die Fahrt. Die Dorfbewohner standen auf der Straße oder schauen zu den Fenstern heraus, sie winkten und nickten, und die Kinder taten, als ginge die Reise mindestens nach Amerika. Heine Peterle blies auf seiner rosenroten Flöte, Schulzens Jakob und Schnipfelbauers Fritz auf ihren Trillerpfeifen, die andern wieder sangen, und Friede Hopserling knurrte: »Die Pferde werden noch scheu werden.«

An einem sonnenhellen Frühlingstag auf einem Leiterwagen durch den Wald zu fahren, ist höchst vergnüglich, und die Oberheudorfer Buben und Mädel waren auch so lustig, wie man nur sein kann. In Wiesental, dem letzten Dorf vor Feldburg, wurde ausgestiegen. Von da aus ging es zu Fuß nach der Stadt. »Gleich zum Schloß hinauf,« gab der Lehrer den Ungeduldigen zur Antwort.

O dieser Zug durch die Stadt! Diejenigen, die schon dagewesen waren, blähten sich wie die Fröschlein auf und sagten wichtig, wenn sich die Gefährten über dies oder das wunderten: »Das ist so in der Stadt.«

»Da ist Herrn Schulz sein Ramschladen,« schrie Schulzens Jakob, und sämtliche Kinder blieben vor dem Laden stehen, preßten die Nasen an die Fensterscheibe und hatten nicht übel Lust, Herrn Schulz zu besuchen. Doch da rief Heine Peterle: »Nu kommt wieder der Wagen ohne Pferde.«

»Brrr bums,« blieb das Automobil stehen, und der Führer schalt zornig: »Ja, was soll denn das, Kinder? Runter von der Straße! Ich glaube gar, das sind wieder die dummen Buben von neulich!«

Der Lehrer hatte seine Not, ehe er es seinen Buben und Mädeln begreiflich machen konnte, daß sie immer nur auf dem schmalen gepflasterten Bürgersteig zu gehen hätten.

»Du, Mariele,« rief da Annchen Amsee, »sieh mal, hier wohnt 'n Bäcker.«

Es war die größte Bäckerei der Stadt, vor der die Kinder gerade angelangt waren: ein stattlicher Laden mit breitem Schaufenster, in dem Torten, Kuchen, Körbchen mit allerlei feinen Weißbrötchen aufgebaut waren; dahinter wieder standen lange, dunkelbraune Brote, ernsthaft wie Schildwachen.

Mariele sah mit großen Augen drein; fast andächtig, ehrfurchtsvoll musterte sie den Laden. Das sollte eine Bäckerei sein, wie ihr Vater sie hatte? Dem kleinen Mädel kam hier plötzlich die Erkenntnis, wie klein doch das Heimatdorf war gegen Feldburg, und hatte der Lehrer nicht gesagt, Feldburg wäre eine kleine Stadt? So gab es noch größere Städte mit noch viel, viel größeren Bäckereien? Mariele seufzte so tief und schwer, daß es der Lehrer hörte. Er wandte sich um und fragte: »Was hast du denn, Mädel?«

»'s ist nich hübsch in der Stadt,« klagte Mariele angstvoll und starrte den Bäckerladen an, der ihr in seiner Größe und Pracht fast unheimlich war.

Der Oberheudorfer Lehrer kannte die Kinder gut und verstand des Marieles Schrecken. Er nahm die Kleine an der Hand, und während sie alle miteinander den Schloßberg hinaufpilgerten, zeigte er ihr allerlei, ein hübsches Haus, einen Garten, in dem allerlei Blumen blühten, er zeigte ihr, wie ein paar kleine Mädel ihre Puppen in der Sonne spazierenführten, und allmählich verlor Mariele die Angst vor der Stadt. Häuser, Bäume, Blumen, Menschen, die gab es auch in Oberheudorf, na, und wenn der Vater auch keinen großen, feinen Laden hatte, ein Bäcker war er doch, und der Herr Lehrer sagte: »Auf den großen Laden kommt es nicht an, nur darauf, ob das Brot gut ist, das einer bäckt, und das Brot deines Vaters schmeckt so gut, daß viele Stadtleute es sich kommen lassen, weil sie es besonders gern essen.«

Da wurde Mariele sehr stolz auf ihren Vater, und Feldburg mit all seinen Häusern und Läden kam ihr gar nicht mehr unheimlich vor, ja am Schloßtor schaute sie sich ganz kühn um und tuschelte Annchen Amsee zu: »Am Ende essen sie drinnen gar auch Brot vom – Vater.«

Ein paar Buben und Mädel hatten sich den ganzen Weg über nach dem Friede Heller umgeschaut. Warum der wohl nicht zu sehen war?

»Er weiß nicht, daß wir da sind,« sagten einige.

»Vielleicht hat er noch Schule,« meinte Heine Peterle nachdenklich, der dachte, in der Stadt könnte schon mal von früh bis abends Schule sein.

Als sie aber alle ans Schloßtor kamen, stand dort ein Bube und schwenkte jauchzend seine grüne Mütze: Friede war es. Er stürmte ihnen entgegen und hätte sie in der Freude seines Herzens am liebsten umarmt, den Herrn Lehrer voran. Ehe er aber noch alle recht begrüßt hatte, schrie Anton Friedlich, dessen Augen neugierig rundum gingen: »Uh je, da steht der Fürst mit 'nem großen Stock!«

»Er kommt her, er kommt her,« quiekten etliche Mädel und knicksten erschrocken bis zur Erde. Fein angetan in dunkelrotem, goldgesticktem Rock, einen Dreispitz auf dem Kopf, kam der Türhüter heran. Er wußte von dem Kommen der Oberheudorfer; der Lehrer hatte angefragt, ob er mit seinen Schulkindern an diesem Tage das Schloß besichtigen dürfe. Mit gnädigem Lächeln sah der Türhüter die Kinder an. Daß sie ihn für den Fürsten hielten, freute ihn, und er erlaubte es huldvoll, daß die Buben und Mädel ihn von allen Seiten betrachteten und um ihn herumliefen wie um einen Weihnachtsbaum. Sie hörten erst mit Bewundern und Besehen auf, als der Diener kam, der sie im Schloß herumführen sollte. »Hört nun schon auf,« mahnte der, »wenn ihr drinnen alles so genau besehen wollt wie unsern Türhüter, dann werdet ihr bis morgen früh nicht fertig. Kommt jetzt, drinnen gibt es Schöneres zu sehen.«

»Grobian,« brummte der Türhüter, der sich sehr gern bewundern ließ, aber dann sagte er auch: »Geht nur hinein!«

Es gab wirklich sehr viel in dem Schloß zu sehen: geschnitzte, vergoldete, mit Seide und Samt überzogene Sessel, Stühle, Sofas, Tische mit eingelegten, kunstvoll verzierten Platten, schimmernde Spiegel, Bilder, Vasen, kurz so viel schönen, reichen Hausrat, daß die Buben und Mädel aus dem Erstaunen und der Bewunderung gar nicht herauskamen. In einem Saal, der ganz von Gold schimmerte, mußten sie alle riesige Filzschuhe über ihre eigenen Schuhe ziehen. Der Fußboden war so fein und glänzend, so spiegelglatt, als sollte darauf gespeist werden, und der Diener mahnte: »Hier muß man vorsichtig gehen!«

Der hohe Herr.

Ja gehen, er hatte gut reden! Hopps, da lag der dicke Friede schon, und krach setzte sich Schulzens Jakob auf seinen Hosenboden. Krämers Trude zappelte ein Weilchen wie ein Fisch, dann fiel sie auch hin, und Bäckermeisters Mariele rutschte wie ein kleiner Schlitten auf ihrem Bäuchlein den halben Saal entlang. Der Führer hatte gerade mit dem Erklären beginnen wollen, als er sah, wie es um ihn herum plumpste. »Aber Kinder, was macht ihr denn?« rief er erschrocken.

Krach, da lag auch er da, so lang er war. Anton Friedlich hatte sich an seinem Bein halten wollen und ihn mit umgerissen.

»Uff!« stöhnte er. Vor lauter Überraschung wußte er nichts weiter zu sagen, nicht einmal schelten konnte er. Kaum hatte er sich aufgerichtet, da purzelte schon wieder eins hin, und ein Mädel griff angstvoll nach seinem Rockschoß.

»Aber was macht ihr denn?« schrie er nun entsetzt. »Haltet doch –« bums setzte sich vor ihm wieder ein Bube sehr unsanft auf den Hosenboden, und alles klirrte und krachte im Saal.

»Das geht nicht,« riefen der Lehrer und der Führer erschrocken wie aus einem Munde, und die Kinder klagten: »Wir können nicht in den Pantoffeln gehen.«

»Wir ziehen alle die Schuhe aus!« Annchen Amsee saß auf dem Fußboden, sie stand auch nicht auf, weil sie dachte, sie falle ja doch wieder hin. »In Strümpfen geht's, da trapsen wir auch nicht!«

»Ja, wir wollen die Schuhe ausziehen,« schrieen ihr die andern nach, und schon hatten ritsch, ratsch ein paar Mädel ihre Schuhe aufgebunden.

»Es wird wohl am besten so sein,« meinte der Herr Lehrer, und der Diener sagte seufzend und ergeben: »Meinetwegen, obgleich sonst nie jemand so in den Festsaal geht.« Eins, zwei, drei, waren alle Schuhe ausgezogen, und dann tappelten lauter rosenrote und kornblumenblaue Füße über das glatte Parkett. Die Oberheudorfer Mütter liebten nämlich die bunten Strümpfe sehr.

Aus dem Festsaal ging es in die Silberkammer, von da in das gelbe Zimmer, dann in den roten Saal, dann in die grüne Kammer; es war beinahe wie in einem Märchen. Endlich schloß der Führer eine schwere eichene Türe auf und sagte: »Das ist der Ahnensaal.« Aber erschrocken prallten die Kinder zurück, und den Mädeln wurde es himmelangst. An den Wänden hingen die lebensgroßen Bilder vieler Männer und Frauen in seltsamen Trachten. Manche von ihnen sahen recht grimmig aus, gar nicht, als hätten sie vom Anderwandhängen einen sonderlichen Spaß. Dies und das erzählte der Führer von dem und jenem: der war ein großer Held gewesen in dem langen Krieg von dreißig Jahren, und jener hatte gegen die Türken gefochten. Die eine der Schloßfrauen hatte einmal mit tapferer, mutiger List Stadt und Schloß aus großer Gefahr gerettet. Sie sah auf ihrem Bilde aber auch so stolz und feierlich aus, daß die Kinder sie sehr ehrfürchtig anschauten. Krämers Trude knickste sogar vor ihr.

Am Südende des Saales lag neben einer Tür, die auf einen schmalen Vorsaal endete, eine kleine Nische. In der hing noch ein Bild: ein finsterer Herr in der spanischen Hoftracht des sechzehnten Jahrhunderts war es. Von ihm erzählte der Führer, er sei ein gar arger Bösewicht gewesen, er gehöre von rechtswegen gar nicht in diesen Saal, denn er sei nur ein entfernter Verwandter des Fürstenhauses. Man lasse aber sein Bild hängen, obgleich er es gar nicht um die Familie des Fürsten verdient habe. In einer wilden Sturmnacht habe er versucht, die einzige Tochter des damals regierenden Herrn zu rauben. Fahrende Spielleute hätten ihm dann aber das schöne Fräulein abgejagt, als sie im Walde nach Hilfe gerufen habe. Sie sei dann vor Schreck und Grauen in ein Kloster gegangen. Ihr Räuber aber sei landflüchtig geworden, man wisse nichts von seinem Ende.

»Huhu,« graulten sich die Mädel und sahen ordentlich ängstlich auf den finsteren Mann, just als würde der mit seinen spitzen Schnabelschuhen aus dem Bilde herausmarschieren. Heine Peterle tat einen tiefen Atemzug und sagte: »Man hätt' ihn ordentlich verdreschen müssen.«

Das Wort gefiel den Buben, und der eine sagte dies, der andere das, was sie getan hätten, wenn sie die fahrenden Leute gewesen wären.

Der Herr Lehrer war inzwischen mit dem Führer an eins der spitzbogigen Fenster des Saales getreten, und die Kinder konnten sich ungestört über den finsteren Gesellen unterhalten.

»Wie er die Augen aufreißt!« tuschelte Annchen Amsee, »puh, wie graulich!«

»Ich hätte ihn ganz gewiß gefangen und in den Turm gesteckt,« versicherte Schulzens Jakob zum drittenmal. Da trat Heine Peterle ganz dicht an das Bild heran und sagte keck: »Ich geb' ihm jetzt noch was für seine Schlechtigkeit.« Und patsch schlug er mit seiner kleinen Faust dem gemalten Mann auf den Bauch.

Die Kinder lachten, aber ihr Lachen erstarb jäh.

Himmel, was war das?

Urplötzlich verschwand das Bild und – Heine Peterle – ihr Heine Peterle mit ihm. Ein paar Sekunden lang zappelten und strampelten zwei rosenrote Beine in der Luft herum, es polterte und krachte, und dann waren gemalter Mann und Heine Peterle weg.

Die Kinder schrieen so gellend, so angsterfüllt auf, daß der Lehrer mit dem Führer so schnell herankamen, als es mit den großen Filzpantoffeln ging.

»Heine Peterle – – da – – der – – Mann, huhuhu,« kreischten die Kinder und deuteten entsetzt auf die Nische. Dort gähnte jetzt nur ein dunkles Loch.

»Er – – hat – – ihn – – ge–ge–holt,« wimmerten ein paar Mädel.

Doch plötzlich zappelte ein rosa Bein in der Luft herum, dann noch eins, und dann – – stand Heine Peterle wieder da.

Aber wie sah er nur aus! »Bube, was ist denn geschehen?« Mit einem Ruck zog ihn der Lehrer ans Licht, während der Diener noch immer sprachlos in das dunkle Loch starrte, der gemalte Mann kam nämlich nicht wieder.

»I – ich – hazieh, hazieh!« Heine Peterle nieste einmal, zweimal, immerzu, und das war kein Wunder, denn er war von oben bis unten mit Staub bedeckt, Spinnweben lagen auf dem Haar und auf seiner Jacke; er sah aus, als hätte er ein halbes Jahrhundert in einer Rumpelkammer gesessen. »Was hast du denn gemacht, was hat er denn gemacht?« fragte der Lehrer ihn und die andern. Aber selbst für ihn, der doch die Buben und Mädel wahrlich kannte, war es schwer, etwas in dem wilden Durcheinander zu verstehen, nur ein Wort vernahm er immer wieder: »Er hat ihn auf den Bauch geschlagen,« »Er hat ihn auf den Bauch geschlagen.« »Hazieh, hazieh, hazieh!« nieste Heine Peterle, er schluchzte, hustete und stöhnte endlich: »Da – – da – –«

»Was ist da?« rief der Diener aufgeregt, und der Lehrer und die Kinder alle sahen gespannt auf Heine Peterle.

»Hazieh – – da – hazieh – – ist – hazieh – – 'n Loch!«

»Schafskopf,« schrie ihn der Diener an, »das sehen wir doch.« Auf einmal schlug er sich vor den Kopf. »Ich hab's: die geheime Türe ist das, die geheime Türe nach dem verborgenen Gang, nach der unser Fürst schon lange sucht. Das Bild ist die Türe.« Er raste an die große Haupttüre des Saales, an der ein Klingelzug hing, und läutete Sturm. Laut, dringlich schallte es durch das Schloß, und von allen Seiten eilten Diener herbei. Endlich kam auch der Kastellan, der in Abwesenheit des Fürsten das Schloß verwaltete. Lampen wurden gebracht und die geheimnisvolle Öffnung untersucht; eine ganz schmale, enge abwärtsführende Treppe wurde sichtbar.

»Es ist wirklich der geheime Gang,« sagte der Kastellan erstaunt. »Unser Fürst hat schon von einem Baumeister nach ihm suchen lassen, der aber nichts gefunden hat. Man vermutet nämlich irgendwo ein Gelaß, in dem wichtige Familienurkunden liegen sollen, aber bei einem Brande sind auch die Baupläne des Schlosses mit vernichtet worden. Der Großvater unseres jetzigen Fürsten hat den Gang noch gekannt, er starb aber unerwartet, und so erfuhr sein Sohn das Geheimnis nicht. Wie wird sich unser Fürst über die Entdeckung freuen!«

»Das ist dein Glück,« sagte der Lehrer sehr ernst zu Heine Peterle, »in fremden Schlössern haut man nämlich nicht mit der Faust nach den Bildern.«

»Nein,« meinte der Kastellan, »das tut man freilich nicht. Eigentlich ist's auch strafbar. Heute mag es freilich hingehen; hier ist mal eine Dummheit gut ausgegangen.«

»Er wollte den Räuber doch nur hauen, weil der so böse war,« flüsterte Annchen Amsee, um ihren Freund zu entschuldigen. Der wischte, pustete und nieste noch immer ganz furchtbar und konnte noch immer nicht viel sagen.

»Ach, darum also!« Der Lehrer, der Kastellan und der Führer riefen es wie aus einem Munde; sie sahen einander an und lächelten, lachten und fanden blitzschnell ein jauchzendes Echo bei den Kindern. Die waren ja heilfroh! Das ernste Gesicht des Lehrers hatte ihnen doch bisher die rechte Freude an der Entdeckung getrübt, aber jetzt kamen sie sich gleich ungeheuer wichtig vor, und ein paar der kecksten Buben tuschelten: »Da haben wir was Feines gemacht!« Himmelgern wären nun natürlich die Buben die Treppe hinuntergeklettert – den Mädeln war es zu unheimlich – aber das gab es nicht. Der Herr Kastellan zog den gemalten Bösewicht, der hinter die Wand gerutscht war, wieder hervor, und schnapp, war das dunkle Treppengelaß wieder verschwunden.

»Gut, mein Junge,« sagte der Kastellan, »daß du nicht größer und nicht kleiner bist; hast gerade auf die rechte Stelle gehauen. Hier am Degenknauf des finstern Herrn sitzt ein Knopf; durch einen Druck darauf kann man anscheinend die geheime Pforte öffnen.« Er drückte, er drückte noch einmal, aber – – keine Türe sprang auf. »Na, was ist denn das?« rief er verwundert. »Herr Lehrer, versuchen Sie es doch einmal!«

Der Lehrer trat heran, er drückte auch, aber das Bild blieb unbeweglich an seinem Platze, und seine finsteren Augen starrten die Kinder an.

»Man muß hauen, aber feste,« sagte Heine Peterle plötzlich, der nun endlich das Niesen eingestellt hatte.

Der Kastellan folgte dem Rat, er schlug einmal, zweimal, aber erst beim drittenmal spazierte der finstere Bösewicht davon. »Potzwetter, so eine Oberheudorfer Bubenfaust kann aber kräftig dreinschlagen,« rief der Kastellan. »Gut, daß es nicht etwas anderes war.«

Der Herr Lehrer war auch sehr froh darüber, und er war es recht zufrieden, als er mit seiner Schar wieder auf dem Schloßhof stand. Dort hinaus brachten auf des Kastellans Befehl die Diener ein paar Tische und Stühle, und die Kinder durften unter den uralten Linden des schönen Hofes ihre mitgebrachten Butterbrote verzehren. »Vielleicht gibt's Schokolade,« sagte Schulzens Jakob und dachte an Fräulein Wunderlich, doch darin irrte er sich. Die Limonade, die die Schloßköchin den Kindern schickte, schmeckte ihnen aber auch sehr gut, und es wurde eine fröhliche Schmauserei.

Nachher gab es noch die Waffenkammer zu sehen, in der so viele alte Ritterrüstungen, Hellebarden, Schwerter und andere Waffen und Geräte hingen, daß die Buben sich am liebsten alle in eisengepanzerte Ritter verwandelt hätten. Darüber war die Zeit schnell vergangen, und die Sonne dachte schon etwas an den Heimweg und an das Zubettgehen. Zeit war es also auch für die Oberheudorfer, daran zu denken, obgleich sie alle sich noch sehr gern die Stadt angesehen hätten.

»Friedes Schule wollen wir sehen,« bettelten ein paar Buben. Friede erschrak. Ganz jäh kam ihm der Gedanke an den Spott der stolzen Gymnasiasten. Was würden die sagen, wenn sie die Oberheudorfer, seine Heimatgenossen, sehen würden? Gleich schämte er sich aber wieder: mochten sie doch lachen, was kümmerte es ihn!

Ob der Lehrer etwas von den Gedanken ahnte? Er sagte so freundlich und gütig, wie er immer zu Friede sprach: »Es wird zu spät werden und ist auch ein großer Umweg, über den Johannesplan zu gehen!«

Doch da bat Friede heiß und dringlich: »Ach bitte, bitte, ich möchte allen so gern das Gymnasium zeigen.« Er wollte es beweisen, daß er sich der lieben Heimatgenossen nicht schämte, weil sie anders in Art und Wesen waren als die Buben und Mädel in der Stadt, und so bat er noch einmal: »Bitte, bitte, wir wollen alle über den Johannesplan gehen.«

Der Lehrer sah seinen einstigen Schüler prüfend an, dann strich er ihm über die heiße Wange und sagte froh: »Bist doch noch mein alter Friede, doch heute ist es wirklich zu spät, wir müssen uns sputen, um zu unseren Wagen zu kommen. Ein anderes Mal dann. Komm aber mit, begleite uns noch ein Stück heimwärts.«

Friede tat es, und er tat es gern. So vergnügt, als gehöre er noch ganz zu ihnen, lief er mit den Heimatgenossen durch Feldburgs Straßen bis dahin, wo er vor einiger Zeit Doktor Treumann getroffen hatte. Hier nahm er Abschied. »Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen in den Sommerferien,« hieß es.

»Wir kommen dir entgegen,« versprachen die Freunde.

»Wir auch,« riefen die Mädel, »und – –«

»Macht Schluß, es ist Zeit!« mahnte der Lehrer und schob ein paar Kinder vorwärts.

Friede war schon wieder ein paar Schritte zurückgelaufen, als er noch einmal innehielt und den Gefährten nachrief: »Heine Peterle, wenn etwas von dem geheimen Gang in der Zeitung steht, schreibe ich es dir.«

»In der Zeitung stehen!« Heine Peterle wußte plötzlich nicht, sollte er vor- oder rückwärts laufen, sollte er einen Luftsprung machen oder einen Purzelbaum schießen. Er drehte sich rundum und brachte den ganzen Zug auseinander, und es hätte wohl eine schlimme Verwirrung gegeben, wenn der Lehrer Heine Peterle nicht an der Hand gefaßt und gesagt hätte: »Wir zwei gehen mal miteinander. Nun vorwärts rasch, sonst fährt Friede Hopserling fort!«

Das half, nun liefen sie alle, so rasch sie konnten, und erreichten bald Wiesental, wo die Wagen schon warteten.

Von der Rückfahrt ist nur zu sagen, daß sie sehr lustig war. Es wurde viel gelacht, geschwatzt und gesungen, und die treuen Wächter des Dorfes, die Hofhunde, hörten die Stimmen der Heimkehrenden zuerst und grüßten sie durch ein langanhaltendes Gebell.

»Auf der Dorfstraße wird nicht mehr gestanden und geschwatzt,« gebot der Herr Lehrer, »Abschied nehmen ist nicht nötig, morgen seht ihr euch ja wieder.«

Heine Peterle hatte es am eiligsten, aber auch die anderen folgten alle brav dem Befehl. Heine Peterle mußte doch den Eltern und Muhme Rese sein Abenteuer erzählen, das preßte ihm fast das Herz ab. Mit noch mehr Gepolter und Lärm und noch ungestümer als sonst stürzte er daheim in das Wohnzimmer, in dem sein Vater just die Zeitung las. Der fuhr erschrocken empor.

»Vater, ich komm' auch nein,« schrie Heine Peterle und tippte mit seinem Finger gleich ein Loch durch die Zeitung, »wegen dem Gang im Schloß, wo der Räuber davor stand, und – –«

»Bewahr mich!« rief der Bauer. »Frau, der Bube ist ja woll übergeschnappt. Leg ihn rasch ins Bett und tu ihm ein kaltes Tuch auf den Kopf!«

»Nä,« schrie Heine Peterle angstvoll, »ich hab doch – –«

»Ins Bett,« befahl der Bauer, »er hat Fieber.«

»Je, je, je,« jammerte Muhme Rese, »er wird krank, ich koch'n Fliedertee.«

»Nä!« Heine Peterle sträubte sich, denn seine Mutter wollte ihn in die Schlafkammer führen. »Komm nun, komm, schlaf dich aus!« tröstete sie.

Aber Heine Peterle mochte gar nicht schlafen, er wollte erzählen, und hastig schwatzte er alles durcheinander heraus, und Vater und Mutter sahen sich besorgt an, und die Mutter sagte: »Er hat wahrhaftig Fieber!«

»'n kaltes Tuch auf den Kopf und ins Bett, basta,« befahl der Bauer. Da half kein Widerstreben mehr. Heine Peterle wurde ins Bett gesteckt, und die Mutter legte ihm ein kaltes Tuch auf den Kopf, und Muhme Rese brachte Fliedertee.

Aber der Bube, als er sah, daß doch niemand seine schöne Geschichte hören wollte, schrie: »Ich hab' Hunger.«

»Man muß'n ja nich aufregen,« tuschelte Muhme Rese ängstlich und schlurfte, so schnell sie konnte, in die Vorratskammer und holte viele Butterschnitten und frischen Sonntagskuchen dazu. Heine Peterle aß sehr brummig und schweigend alles auf, und je mehr er aß, desto beruhigter sah die Mutter drein. Nur Muhme Rese schüttelte noch immer ängstlich den Kopf und sagte wieder und wieder: »Wärste doch nicht mitgegangen! Ich hab's gleich gesagt, im Schloß passiert nischte nischt Gutes. Nu haste so'ne Geschichte im Kopp!«

Schluck! tat Heine Peterle, und der letzte Bissen war hinunter. Er schüttelte energisch den nassen Umschlag von der Stirn, streckte sich aus, sagte sehr vergnügt: »Und 's ist doch wahr, un vielleicht kommt's in die Zeitung.« Dann schlief er bums ein.

»Ein sonderbarer Bube!« seufzte Muhme Rese.