Ein böser Tag.
»Nimm's nicht schwer, wenn dir im Anfang alles etwas fremd vorkommt,« hatte der Organist Wunderlich seinen Hausgenossen ermahnt, als er am Nachmittag nach seiner Ankunft mit ihm hinüber ins Gymnasium zur Aufnahmeprüfung ging. »Sei tapfer! Wer ein rechter Mann werden will, darf nicht gleich verzagen, wenn auch der Anfang etwas schwer ist.«
Traumfriede nahm sich die Worte zu Herzen und dachte: »Ich will schon tapfer sein.« Doch bei der Prüfung hatte er die Tapferkeit gar nicht nötig, er wußte viel und konnte gut antworten. Die Lehrer sagten, das, was er noch nicht wisse, würde er schnell nachholen. Er kam, wie es der Oberheudorfer Lehrer gesagt hatte, in die Quarta hinein, und sein Pflegevater ging gleich nach der Prüfung und kaufte ihm eine froschgrüne Mütze. Die gehörte nun einmal dazu, und als Friede sie aufsetzte, dachte er: »Ach, könnte ich doch jetzt einmal mich damit im Dorfe zeigen!«
Der erste Tag und die erste Nacht gingen vorbei. Traumfriede schlief, trotzdem es ihm am Abend seltsam bang ums Herz wurde, doch wie ein Murmeltier im fremden Hause. Und tapfer, zuversichtlich und vergnügt marschierte er am nächsten Morgen in das Gymnasium hinüber, die grüne Mütze keck auf dem blonden Kopf. Er hatte es sehr eilig gehabt, und so betrat er als einer der Ersten den weiten Schulhof. Das Haus – es war ein ehemaliges Stiftsgebäude – kam Friede überaus prächtig vor, und da die große Uhr über dem Eingang ihm zeigte, daß er noch viel Zeit hatte, so blieb er stehen und betrachtete sich fast ehrfürchtig das weitgestreckte Gebäude, zu dem eine breite Freitreppe hinaufführte. Dorthinein sollte er nun täglich gehen; statt Hirtenjunge und Allerweltshelfer in Oberheudorf war er nun ein Gymnasiast, ein Lateinschüler, und später würde er vielleicht auch ein Pfarrer, ein Doktor, ein – –
»Herrjeh, da ist ja Friede Pfennig aus Oberheudorf! Na, Friede Pfennig, wie geht es denn Muhme Lenelies?« rief es da plötzlich laut in seine stolzen Zukunftsgedanken hinein.
Verwirrt drehte sich der Bube um, er mußte sich erst besinnen, daß der Ruf ihm galt. Ein paar Jungen standen neben ihm, der längste von ihnen war der Sprecher gewesen. Er schaute Friede spöttisch an, so spöttisch und unfreundlich, daß dem plötzlich die Glut ins Gesicht stieg, was den andern zu lautem Lachen reizte: »Seht nur, wie er rot wird, der Herr Oberheudorfer! Sag mal, du hast wohl Spatzen unter deiner Mütze?« Und ehe es sich Friede versah, sauste ihm die Mütze vom Kopfe und geriet schnell unter ein paar Bubenbeine.
»Meine Mütze,« rief Friede unwillkürlich erschrocken, und weil er, der in Armut groß geworden war, das Neue stets schonte, hob er die Mütze eilig auf und sagte kläglich: »Sie ist doch ganz neu! Pfui, wie abscheulich von dir!«
»Na, seht doch den Bauernbuben an!« höhnte der lange Junge. »Geh doch, klag's der Muhme Lenelies, Friede Pfennig!«
Das war ein übler Anfang. Wenn nicht ein paar Lehrer über den Schulhof gekommen wären, hätte es sicher eine Prügelei gegeben, und als Friede ein Weilchen später in seiner neuen Klasse saß, hatte er das Gefühl, unter lauter Feinden zu sitzen. Das tuschelte und lachte um ihn herum: »Friede Pfennig aus Oberheudorf ist da, Friede Pfennig, Friede Pfennig.«
Wenn er aufsah, begegnete er lauter lustigen Spottblicken, und zuletzt wurde er ganz verwirrt und verlegen, er konnte in der Stunde nicht mehr die einfachsten Fragen beantworten. Der Klassenlehrer, Doktor Schneider, sah ihn darum nicht scheel an, er fand des Buben Verlegenheit begreiflich, er wußte ja auch, wie gut der seine Prüfung bestanden hatte. Aber Friede schämte sich doch gewaltig, und als die Stunde aus war, rannte er wie gejagt davon. Doch draußen auf dem Flur hielt ihn einer fest: »Bist du der Friede aus Oberheudorf?«
»Ja,« schrie Friede, und den sonst so sanften Jungen übermannte der Zorn. Warum neckten sie ihn nur so, war es denn eine Schande, aus Oberheudorf zu sein? »Ja, der bin ich,« schrie er noch einmal, und schwapp, schlug er dem andern die Mütze vom Kopf. »Ich kann das auch!«
Hinaus war er, die Treppe hinab, er raste über den Schulhof und kam heiß und atemlos in dem Organistenhaus an. Es hatte draußen inzwischen etwas geregnet, und auf dem Johannesplan standen kleine Pfützen. Friede hatte wenig darauf acht gegeben, er dachte auch nicht an das Schuhabputzen; tapp, tapp lief er die Treppe zu seinem Kämmerlein hinauf und warf drinnen aufschluchzend seine Bücher auf den Tisch.
Bums, da lagen die Bücher, und bums ging die Türe auf. Fräulein Wunderlich stand auf der Schwelle und rief wütend: »Ich habe dir doch gesagt, du sollst die Füße abwischen, o du böser, böser Junge, du! Wenn du es noch einmal vergißt, dann mußt du die Treppe scheuern.« Krach, flog die Türe wieder zu, und Friede starrte ganz betäubt der zornigen Dame nach. Er hörte sie unten noch ein Weilchen schelten, und bedrückt schlich er an das Fenster und sah hinaus. Sein Zimmerchen lag an der Wand des Hauses, die an den Garten des stattlichen Nachbarhauses anstieß, und Friede konnte weit hinein in diesen großen, schönen Garten sehen. In dem standen viele alte Bäume; jetzt freilich waren sie noch kahl, nur ein feines grünes Schimmern lag darüber, aber die großen Rasenflächen leuchteten schon im ersten frischen Grün, und da und dort blühten bunte Frühlingsblumen, Hyazinthen, Tulpen und Narzissen. Der Garten gefiel Traumfriede über die Maßen gut, und er sah so lange und andächtig hinein, bis er ein wenig seinen Kummer vergaß.
Etwas beruhigter ging er zum Mittagessen hinab, und da Fräulein Wunderlich nicht mehr so bitterböse aussah, wollte er sie gerade um Entschuldigung bitten, als der Herr Organist ihn etwas streng fragte: »Du, sag mal, Friede, warum bist du gleich so patzig? Dem Ulrich Sonntag hast du so heftig die Mütze vom Kopf geschlagen, daß er eine Beule an der Stirn davongetragen hat. Na, das ist ja eine schöne Aufführung für den ersten Tag! Schämst du dich nicht?«
Fragte nun jemand den Traumfriede mild, wie war das oder dies, dann sagte er stets freimütig und offen die Wahrheit, doch Strenge schüchterte ihn leicht ein, und er wußte nichts zu sagen. Herrn Wunderlichs Vorwurf und des Fräuleins Schelte verwirrten ihn namenlos; er wagte nicht aufzusehen, still und niedergeschlagen saß er da. Dem alten Herrn tat es fast leid, und freundlicher forderte er ihn auf: »Erzähle mir doch einmal, wie war es heute früh, und warum hast du gerade mit Ulrich Sonntag Streit gehabt?«
Friede wollte soeben, durch den freundlichen Ton ermuntert, antworten, wollte sagen, er wüßte gar nicht, wer dieser Ulrich Sonntag sei, als Fräulein Wunderlich empört rief: »Bewahr mich, der Junge steckt ja das Messer in den Mund!«
Erschrocken ließ Friede das Messer fallen, das rutschte aus, er wollte es halten, doch da geriet der Teller ins Schwanken, und beinahe ging es wie beim Kippelphilipp im Struwelpeter: Teller, Glas, Messer, Löffel, Brot, alles kollerte mit viel Geklirr und Gekrach auf den Fußboden.
»Das ist ja ein furchtbarer Junge!« rief Fräulein Wunderlich empört, und sie hätte wohl noch manches böse Wort gesagt, wenn ihr Bruder sie nicht mit ernstem Blick gebeten hätte: »Wir wollen jetzt nichts mehr sagen, Friede und ich sprechen nachher miteinander. Geh jetzt in dein Zimmer und arbeite. Bis fünf Uhr habe ich Stunden zu geben, nachher komm zu mir.«
Friede war heilfroh, daß er aufstehen durfte. Er war freilich nur halb satt, aber er hätte jetzt vor lauter Verlegenheit und Scham doch keinen Bissen mehr hinuntergebracht. Als er die Türe hinter sich schloß, hörte er gerade noch Fräulein Wunderlich triumphierend sagen: »Ich habe es gleich gewußt, so ein Junge vom Dorf paßt nicht in unser Haus.«
Traurig schlich Friede die Treppe hinauf. Heute hatte er keine Freude an dem hübschen Stübchen, selbst die neuen Bücher auf dem Tisch, an denen er sich gestern noch so gefreut hatte, lockten ihn nicht. Er setzte sich niedergeschlagen an das offene Fenster, starrte in den Nachbargarten hinunter und dachte, während ihm dicke Tränen über die Wangen liefen: »Ach, wäre ich doch wieder in Oberheudorf bei Muhme Lenelies!«
In dem großen, schönen Haus mit dem steinernen Wappen über dem Tor, das neben dem Organistenhaus lag, wohnte ein alter Herr, Professor von Spiegel. Das Haus stand schon beinahe zweihundert Jahre auf dem Johannesplan, und so lange war es auch in dem Besitz der Familie Spiegel. Wohl nie war es aber so still in dem Hause gewesen wie jetzt. Sein Besitzer hatte weder Frau noch Kinder, er war ein hochgelehrter Herr, der viel auf Reisen war und manchmal monatelang nicht in dem alten Familienhaus wohnte. Sein Gärtner und dessen Frau bewachten das Haus; kam der Professor selbst, dann bewohnte er meist nur wenige Zimmer, alle andern blieben verschlossen. Fräulein Wunderlich haßte den Nachbar, obgleich sie Nachbarskinder waren und ihr Bruder Matthias sich in seiner Jugend den besten Freund des Herrn von Spiegel genannt hatte. Die Freundschaft war entzwei gegangen durch kleine Mißverständnisse und Übelnehmereien. Die meiste Schuld daran trug Fräulein Wunderlich. Sie hatte nie zum Frieden geredet, sondern immer ein wenig gehetzt und gestichelt. Einmal hatte sie behauptet, der Nachbar sei hochmütig und habe sie nicht gegrüßt, dann wieder, man habe ihre Katze drüben im Nachbargarten vergiftet, und zuletzt war es so weit gekommen, daß die Nachbarn sich nicht mehr ansahen. Herr Matthias Wunderlich schaute freilich oft trübselig nach dem Haus hinüber und seufzte wohl: »Wäre es doch wie damals!«
Ähnlich dachte auch der alte Professor von Spiegel, als er an diesem Frühlingstag zum erstenmal wieder nach langer Abwesenheit durch seinen Garten schritt. Aufmerksam betrachtete er, wie bunt und reich der Frühling die Beete geschmückt hatte; bald blieb er vor einem Baum stehen, der ein lichtgrünes Schleierkleid trug, bald vor einem Beet, auf dem allerlei Blumen zart und lustig im Sonnenschein standen. An der Mauer des Nachbarhauses blühten noch die Veilchen, und der Professor bückte sich, um ein paar der lieblichen Dinger abzupflücken, als er Friedes bitterliches Schluchzen hörte. Die Kammer des Knaben war gerade an der Veilchenwand, und da das Organistenhaus ziemlich klein gewachsen war, konnte der alte Herr den weinenden Knaben gut sehen. »Na nu,« rief er hinauf, »wer heult denn da? Schickt sich das für einen schönen Frühlingstag, he?«
Friede hob verwirrt den Kopf und sah nun den alten Herrn an, der unten im Garten stand. Das Gesicht kam ihm bekannt vor, es war ihm, als müßte er schon einmal dies von struppigem, weißem Haar umgebene Gesicht mit den hellen Augen gesehen haben.
»Na, was guckste mich denn an, Junge, als wäre ich aus einem Märchenbuch herausgepurzelt?« rief Professor von Spiegel und zwinkerte lustig mit den Augen. »Ich bin kein Mittagsgespenst, kein Kinderschreck, kein Bubenfresser. Aber nun sag du mir mal, woher du kommst, und warum du so weinst, als wolltest du den Johannesplan unter Wasser setzen. Bei Wunderlichs gibt es doch sonst keine heulenden Buben, he?«
»Ich bin aus Oberheudorf,« stammelte Friede, »ich soll hier aufs Gymnasium gehen.«
»So, aus Oberheudorf? Na, das ist dort eine nette Sorte Buben und Mädels.«
Der alte Herr lachte leise und behaglich, und Friede dachte wieder: »Aber den kennst du doch!« Da fragte schon der Fremde in sein Überlegen hinein: »Du kennst mich wohl nicht mehr, oder warst du nicht dabei, wie wir voriges Jahr bei euch ein Hünengrab öffneten, he?«
»Ich weiß, ach, ich weiß!« rief Friede, und ein heller Schein lief über sein Gesicht. Ach, das war ja einer der Herren, die an einem Sommertag in Oberheudorf gewesen, das Hünengrab erforscht und seinen Lieblingsplatz dadurch zerstört hatten. Just dieser hatte dann am meisten darüber gelacht, daß die Mädels die ausgegrabenen Sachen alle hatten schön blank putzen wollen.
»Komm mal zu mir herunter, dich muß ich mir näher ansehen,« sagte der alte Herr fröhlich, und als sich Friede zweifelnd umsah, holte er selbst eine lange Leiter herbei und schob sie unter Friedes Fenster. »Da ist die Treppe, nun komm!«
Friede dachte in diesem Augenblick gar nicht an Fräulein Wunderlichs strenges Verbot, jeden Verkehr mit dem Nachbarhause zu vermeiden, er war zu froh, mit jemand von Oberheudorf sprechen zu können; eins, zwei, drei war er unten neben dem alten Herrn, der ihm freundlich die Hand entgegenstreckte. »Na, grüß dich Gott, Oberheudorfer Bube du, und nun komm, setz dich neben mich und erzähle mir, wie du aus deinem hübschen Oberheudorf heraus und gerade zu den Wunderlichs gekommen bist.«
Bei dieser gütigen Frage verlor Friede alle Befangenheit, und ein großes Vertrauen zu dem Herrn, der seine Heimat so gut kannte, erfüllte gleich sein Herz, und es wurde ihm gar nicht schwer, dem Fremden alle seine Schicksale zu erzählen, von der Heimat, und wie er hierher gekommen war, von der gestrigen Ankunft und dem bösen Schulanfang heute, von Fräulein Wunderlichs Zorn und – da stockte er und wurde blutrot.
»Na und weiter? Immer ehrlich gesagt, was man denkt,« ermunterte der Professor.
»Ich – – – ich sollte doch mit niemand von den Nachbarn sprechen,« stammelte Friede, dem plötzlich das Verbot einfiel.
»So, das sieht ja dem wunderlichen Fräulein Wunderlich ähnlich,« rief Herr von Spiegel grimmig lachend. »Sieh mal einer an, nicht einmal reden soll man mit mir! Sag einmal, Bub, spricht es sich nicht ganz gut mit mir?«
Friede lachte, nickte und erwiderte treuherzig: »Ja.« Er blieb auch sitzen und gab fröhlich und willig Antwort, denn der Professor fragte gar viel nach dem Heimatsdorf und seinen Bewohnern, und darüber vergaßen die beiden ungleichen Kameraden wieder Fräulein Wunderlichs Verbot.
Das Fräulein hatte unterdessen viel an ihren kleinen Hausgenossen gedacht. Etwas bereute sie beim Nachdenken ihre Strenge schon, und wäre ihr Friede jetzt in den Weg gekommen, dann hätte er wohl ein freundliches, mildes Wort gehört. Inzwischen klingelte es an der Türe, und Marianne Sonntag kam zur Geigenstunde. Fräulein Wunderlich öffnete selbst und sprach ein paar Worte mit dem Mädel, das ihres Bruders Lieblingsschülerin war. Dabei fiel ihr wieder ein, daß Friede am Morgen mit Ulrich Sonntag Streit gehabt hatte, und sie forschte: »Sag mal, Kind, was hat denn dein Bruder unserm Pflegling getan?«
»Er ihm?« rief das Füchslein und wurde rot vor Ärger. »O pfui, Fräulein Wunderlich, dieser Junge aus Oberheudorf ist abscheulich! Ulli wollte mit ihm sprechen, da hat er gleich losgehauen – – so – –,« und krach schlug sie mit ihrer Notenmappe auf einen Stuhl, »so war's!«
»Aber Mädchen, nicht so wild!« mahnte Fräulein Wunderlich und seufzte: »Ja, ja, ich glaube, wir haben uns einen bösen Knaben in das Haus genommen, ich fürchte sehr, es wird viel Ärger geben. Nun geh also in deine Stunde, Kind!«
Marianne schlüpfte in das Musikzimmer, Fräulein Wunderlich aber stieg die Treppe hinauf, um einmal nach ihrem schlimmen Kostgänger zu sehen. Zu ihrem Erstaunen fand sie oben das Zimmer leer und das Fenster weit offen. »Er ist ausgerissen,« dachte sie erschrocken, »ich habe ihn aus dem Hause getrieben.« Aber da hörte sie auf einmal Stimmen aus dem Nachbargarten heraufschallen, und nun – was war das? – – – ein höchst vergnügtes Bubenlachen erklang da unten. Geschwind lief sie ans Fenster und bog sich weit hinaus. Das war doch toll! Da saß dieser abscheuliche Bengel und schwatzte mit dem verhaßten Nachbar, als wäre der sein allerbester Freund! Ein heftiger Zorn erfaßte Fräulein Wunderlich, und sie wollte schon laut ihren Pflegling anschreien; auf einmal hielt sie inne, kehrte in das Zimmer zurück und begann sehr geschwind Friedes Sachen zusammenzupacken. Der Junge mußte ihr aus dem Hause, gleich, auf der Stelle! Husch, husch ging es, Bücher, Wäsche, den neuen Sonntagsanzug, alles tat sie in den Sack. Dann schloß sie ganz leise das Fenster, eilte hinab und rief ihre Magd. »Marie, nimm die Sachen, trag sie hinüber zum Herrn Professor von Spiegel und sage, dies wären die Sachen von dem Oberheudorfer Jungen, der möchte sehen, wo er bleiben kann, wir hätten keinen Platz in unserm Hause für so rüpelige Jungens, die zum Fenster hinausklettern.«
Marie sah ihre Herrin ein wenig zweifelnd an; es schien ihr doch ein bißchen eilig mit dem Hinauswerfen zu gehen, und sie dachte: »Wenn doch der Herr das hörte!«
Doch der hörte nichts, Marianne Sonntag stand drinnen in seinem Zimmer und geigte so fein und lieblich, als wäre sie gar nicht das wilde Füchslein. Auch als Marie draußen etwas laut polterte und rief, daß es durch den ganzen Flur hallte: »Soll ich's wirklich bestellen, daß der Friede nicht mehr zurückkommen darf?« hörten die beiden drinnen es immer noch nicht, und brummend zog das Mädchen ab.
Friede saß noch immer auf der Bank neben dem Professor, als Marie vorn am Tor stark die Glocke zog. Weil sie sich ärgerte, tat sie es besonders laut, und weil die Botschaft, die sie ausrichten sollte, ihr selbst zu hart vorkam, schrie sie den armen Friede heftig an, als sie ihn erblickte, und ihre Stimme klang rauh, denn die Tränen saßen ihr in der Kehle. »Da! – Nu ist's wohl am besten, du gehst jetzt wieder nach Oberheudorf zurück.«
Erst begriff Friede gar nichts. Er starrte die Magd ganz fassungslos an, und der liefen in hellem Mitgefühl die Tränen aus den Augen. »'s ist wahr, wahrhaftig wahr, du armer Junge,« schluchzte sie, »rausgeworfen bist du, ritsch, ratsch rausgeworfen. Aber ich gehe auch, in so 'nem Haus bleibe ich nicht, fällt mir nicht ein.« Damit lief sie weg, sie konnte das bleiche, verstörte Gesicht des armen Jungen gar nicht ansehen.
Der Professor war nicht minder erschrocken als Friede. Gleich fiel's ihm ein, daran bist du schuld, du hättest den Buben nicht herunterrufen sollen, und dann überkam ihn ein heftiger Zorn auf das hartherzige Fräulein. »Bleib hier, ich geh' hinüber,« sagte er rasch, »ich werde dem Fräulein Wunderlich ordentlich meine Meinung sagen.«
»Mit Verlaub, gnädiger Herr, das täte ich nicht gleich!« Der Gärtner und Hausverwalter, der Marie die Türe geöffnet hatte, stand bescheiden vor seinem Herrn und fuhr treuherzig fort: »Jetzt raucht der Ärger drüben und hier noch zu sehr, und es könnte leicht ein Feuer geben. Wär's nicht besser, der Junge da bliebe noch ein Weilchen hier? Vermute, der Herr Organist wird bald selbst kommen, jetzt wird er den Weg schon finden, und das wäre mir eine rechte Herzensfreude.«
»Ist recht,« rief der Professor, »das war ein guter Rat, und am besten wär's jetzt, einen ordentlichen Kaffee zu trinken. Komm, Friede von Oberheudorf, du bist mein Gast, jetzt sollst du mal Stadtkuchen schmecken. Sieh nicht so unglücklich aus, armer Kerl, es wird alles wieder gut werden.« Und als er sah, wie Friede sich tapfer die Tränen verbiß, strich er ihm gütig über den blonden Krauskopf. »Ich verlasse dich nicht, ich bleibe dein Freund.«
Im Organistenhaus war des Füchsleins Stunde zu Ende. Die Kleine packte ihre Noten ein, so langsam und nachdenklich, daß Herr Wunderlich lächelnd fragte: »Na, Mädel, was gibt's, was hast du noch auf dem Herzen?«
»Ich möchte den Oberheudorfer Jungen sehen,« platzte Marianne heraus, »er soll zwar gräßlich sein, aber – – aber – –«
»Ich bin doch zu neugierig auf ihn,« vollendete der Organist. »So schlimm ist es gar nicht mit ihm, er ist ganz brav, und ich rufe ihn gerne; er fühlt sich gewiß recht einsam und schwatzt vielleicht eher mit dir als mit uns.«
Und dann kam es heraus: Friede war nicht mehr im Hause, Fräulein Wunderlich hatte ihn hinausgeworfen. Ihr Bruder wurde ganz blaß vor Schreck. Ein anvertrautes Kind am ersten Tage aus dem Hause weisen, das war ihm doch zu viel. »Ich muß ihn holen,« rief er und nahm geschwind seinen Hut.
»Nein, nein,« jammerte seine Schwester, »ich nehme ihn nicht wieder, nie wieder, und du darfst nicht zu dem Professor hinüber gehen, ich leide es nicht!«
Herr Wunderlich antwortete gar nicht, er sah seine Schwester nur ernst und tieftraurig an, und das zornige Fräulein fühlte beschämt, welch großes Unrecht sie begangen hatte. Weil sie das aber nicht eingestehen wollte fing sie an jämmerlich zu weinen und zu klagen, sie schrie, stöhnte, rang die Hände und tat, als sei ihr das allergrößte Herzeleid geschehen. Ihr Bruder beachtete dies gar nicht, er nahm Marianne Sonntag bei der Hand und verließ mit ihr das Haus. Draußen sagte er betrübt: »Geh nach Hause, mein Kind, und denke nicht zu schlecht von dem armen Jungen und gib ihm ein freundliches Wort, wenn du ihn siehst.« Er nickte dem Füchslein noch einmal zu und zog dann die Glocke am Nachbarhaus, zum erstenmal wieder seit vielen Jahren.
»Der Herr Organist ist da,« sagte nach einem Weilchen die Gärtnersfrau mit strahlendem Gesicht zu dem Professor, der mit seinem sehr niedergeschlagenen Gast am Kaffeetisch saß, »er ist doch gekommen!«
Der Professor sprang auf. »Bleib, Junge,« rief er, »daß der Matthias Wunderlich zu mir kommt, freut mich. Vielleicht hast du mir Glück gebracht, Friede von Oberheudorf, und ich gewinne einen alten Freund wieder.«
Friede mußte lange, lange warten, ehe sein Gastfreund zurückkehrte. Herr Wunderlich kam mit ihm, und die beiden alten Herren sahen aus, als hätten sie sich recht tüchtig mit Frühlingssonnenschein eingerieben, so glänzten ihre Gesichter und so strahlten ihre Augen. Das Wiedersehen nach langen Jahren war auch ein Wiederfinden geworden; sie hatten sich ausgesprochen und hatten dabei entdeckt, daß sie beide im Herzen noch die gleiche Freundschaft hegten.
»Deine Schwester versöhnen wir auch noch,« sagte der Professor heiter, »der Junge, den sie so geschwind aus dem Haus gestoßen, soll uns helfen. Laß ihn vorläufig bei mir, ich bleibe den Sommer über hier und will ihn behalten, bis deine Schwester ihn selbst zurückholt.«
Der Organist schüttelte trübe den Kopf. »Sie ist sehr böse auf ihn.«
»Sie hat aber doch ein gutes Herz, ich weiß es, ich weiß, wie viel Gutes sie in aller Stille tut, und ich glaube bestimmt, der Junge ist uns dreien zur Versöhnung gekommen.«
Friede war es wohl zufrieden, daß er unter des Professors Schutz in dem schönen Hause bleiben sollte, und weil Herr Wunderlich gar nicht schalt, sondern gütig und väterlich mit ihm sprach, hellte sich sein Gesicht auf. Er versprach, tapfer zu sein und brav in die Schule zu gehen, seine Pflicht zu tun und seinem Beschützer Freude zu machen. »Ich schreibe selbst an deine Muhme oder fahre nächste Woche einmal hinaus nach Oberheudorf, damit die alte Frau sich nicht sorgt,« versprach der Professor. »Hast du ihr schon geschrieben?«
Friede schüttelte den Kopf. »Ich soll erst in vierzehn Tagen schreiben, früher nicht; Muhme Lenelies meinte, sonst würde ich mit dem Heimweh zu schwer fertig!«
»Deine Muhme hat recht, und nun sieh zu, daß du ihr in vierzehn Tagen einen guten, fröhlichen Brief schreiben kannst. So viel wie an diesem ersten Tag wirst du wohl nicht jeden Tag erleben.«
So blieb Traumfriede in dem großen Haus mit dem steinernen Wappen über dem Tor. Frau Emma, die Hausverwalterin, richtete ihm ein freundliches Zimmer ein, von dessen Fenstern aus er gerade das Organistenhaus sehen konnte und die Veilchenwand, an der er hinabgestiegen war.
Friede kam sich an diesem Abend wie einer der verwunschenen, verfolgten und verspotteten Prinzen vor, von denen es in Muhme Lenelies' Märchen wimmelte. Aber er schlief auch hier gut und wanderte am nächsten Morgen wieder mutiger in die Schule, doch bedrückt kehrte er heim. Er hatte so fremd unter seinen Mitschülern gesessen wie am vergangenen Tage, und wieder hatten sie ihn mit spottenden Worten und höhnischen Sticheleien gekränkt. Ein Gymnasiast zu sein, war doch viel schwerer, als in die Oberheudorfer Schule zu gehen. Und weil die Sehnsucht in ihm klopfte und pochte und er so viel an Oberheudorf denken mußte, setzte er sich hin und schrieb an Heine Peterle einen Brief. An die Freunde zu schreiben hatte ihm die Muhme ja nicht verboten, und sicher würden diese warten, und gewiß würden sie sich sehr freuen. Ach, es gab ja so viele Gründe, einen Brief zu schreiben!