Ein Schlüssel zum Himmel.

Die Mutter hatte ein Märlein erzählt, eine feine liebe Geschichte von einem Englein, das eine Erdenreise machen wollte. Heimlich hat es dem alten Petrus, wie der gerade etwas auf der blühenden Himmelswiese spazieren ging, von seinem Schlüsselbund das kleinste, goldene Schlüsselein für die allerkleinste Himmelstüre genommen, hat die aufgeschlossen und ist abwärts geflogen, der Erde zu, nach der es Sehnsucht hatte — vielleicht, weil es ihm im lichten, hohen Himmel zu friedestill war. Wer weiß es denn.

„Tun Engel denn so etwas?“ hat Heinerle, der Jüngste, gefragt.

„Ja, manchmal doch. Manchmal, aber nur sehr sehr selten, sind auch kleine Engel ein linschen unnütz. Freilich, der ausgerissene kleine Engel hat seine Strafe auch gleich bekommen, sein Schlüssel ist zu Boden gefallen, ist in Millionen Splitterchen zerschellt, von denen war jedes ein Samenkorn, daraus ist dann eine feine, zarte, goldgelbe Blume erblüht. Himmelsschlüssel heißen sie die Menschen.“

„Kann man damit den Himmel aufschließen?“

„Schon. Wenn ein Mensch hier unten stirbt und ein Engel wird, der kann sich dann oben selbst die Himmelstüre aufschließen, und Sankt Petrus lacht dann wohl und sagt: „Eia, du bist aber vorsichtig, lieber neuer Engel du, hast gleich den Schlüssel mitgebracht.““

„Hat der kleine Engel auch so wieder den Himmel aufgeschlossen?“

„Nein, nein, die Blumen erblühten erst im Frühling, und als der Engel auf die Erde kam, war es Winter. Kalter, eisiger Winter. Es ist ihm übel ergangen, dem kleinen Vorwitz. In sternenlosen Nächten, an bitterkalten Tagen ist er lange, lange auf der Erde umhergeirrt, bis er endlich dem Engel des Todes begegnete, der sich seiner erbarmte und ihn hinauf in den lichten, warmen Himmel trug. Denn zurückfliegen konnte der kleine Engel nicht mehr, seine Flügel waren zerbrochen, und traurig war er, wie es nie ein Engel im Himmel ist.“

„Hat der liebe Gott sehr gezankt?“

„Nein, nein, so sehr nicht! Er hat ein bißchen mit dem Finger gedroht und dann hat er dem kleinen Ausreißer über die Flügel gestrichen, da wurden die wieder heil. In seiner großen Güte hat der liebe Gott wohl gedacht, du kleiner Vorwitz du, du hast Strafe genug gehabt.“

Dem Heinerle war die Geschichte tief ins Herz gesunken, so wie ein Regentropfen in eine Blüte fällt. Er läuft auf die Wiese, wo die Himmelsschlüssel blühen, goldgelb und heiter, so recht frühlingsfroh.

Blau ist der Himmel, klar die Luft, eine Lerche wirbelt singend zur hellen Höhe empor, doch Heinerle hört nichts und sieht nichts, er pflückt Blumen, viele, viele und denkt an das Märlein, das ihm Wahrheit dünkt. Die gelben Blumen schließen den Himmel auf!

Wem denn?

Wer ein Engel werden will, muß sterben. Heinerle steht und denkt an das Sterben und leise Schauer durchzittern sein Herzlein.

Wer stirbt denn aber? Der alte Tischler Seifert vielleicht, gestern noch hatte es Heinerle sagen hören, er würde bald sterben.

Soll er dem die Blumen bringen? Damit er es leicht hat, in den Himmel zukommen und Sankt Petrus auch sagt: „Eia, du bist aber vorsichtig, lieber neuer Engel du!“

Ich bring' ihm die Blumen! Husch, ist der Gedanke da, und schon rennt Heinerle ins Dorf zurück. Er hat es sehr eilig, will nicht zu spät kommen mit seinen goldenen Wunderschlüsseln.

Seiferts Johann ist alt und arm, und alle Not des Lebens ist über ihm gewesen, und er ist durch viele dunkle Täler geschritten. Davon weiß Heinerle nichts, er weiß noch nicht, was es heißt, alt, arm und einsam sein. Für ihn hat der alte Mann in Lust und Freude gelebt, denn dem muß es doch gut gehen, der eine Katze und vier Vögel hat, die sich mitsammen vertragen. So etwas Wunderbares.

Ob er wohl die Katze und die Vögel mit in den Himmel nimmt? — Wer weiß das alles!

Er will den Alten fragen, aber als er eintritt in die niedrige, dumpfe Stube, erhält er keine Antwort mehr. Der Tischler Johann Seifert steht schon auf der Schwelle des großen, unbekannten Landes, ein paar Atemzüge noch und er ist drüben. Alles Klingen und Lärmen der Erdenwelt ist schon für ihn verstummt, und Fragen sind ihm nicht mehr Fragen.

Heinerle erschrickt vor dem Alten. Wie sonderbar der aussieht! Er wirft hastig die Blumen auf das schmutzige, zerwühlte Lager und rennt wieder hinaus, von der Furcht gejagt. Doch an der Türe bleibt er stehen, dreht sich noch einmal um und ruft mit angstgedämpfter Stimme: „Vergiß die Himmelsschlüssel nicht, da — damit du gleich rein kannst.“

Die Türe klappt. Heinerle steht draußen im Sonnenschein.

Niemand erfährt etwas von seinem Gang. Der Tag wird müde und läßt sich von der Nacht in die Arme nehmen. Ein neuer steigt herauf, und an ihm hört Heinerle sagen: Der alte Seifert wäre tot.

Ein Nachbar redet es im Flur des Hauses, er lacht dazu, und Frau Mädler, die Wirtschafterin, sagt: „Na, schade ist's nicht um den alten Lump. Einer weniger von der Sorte, das ist gut.“

„Er ist jetzt im Himmel“, sagt Heinerle auf einmal ernsthaft.

„Der und im Himmel!“ Der Nachbar lacht grob. „Der hat da drin nichts zu suchen, den lassen sie gar nicht ein.“

„Doch — er hat ja einen Schlüssel!“ Heinerle hätte gern erzählt, wie der alte Seifert in den Himmel gekommen ist, aber vor dem lauten ungläubigen Lachen der andern läuft er davon. Er flüchtet zur Mutter und vertraut der sein großes Geheimnis an. Und die Mutter glaubt auch, daß sich Seiferts Johann nun den Himmel aufgeschlossen hat, sie zweifelt nicht, sie lächelt nicht, sie hält ihren kleinen Jungen fest im Arm, und ihr Blick taucht tief in den seinen.

„Ist er jetzt — schon oben?“ Heinerle hält den Atem an, so sehr erregt ihn selbst die Frage.

„Gewiß, jetzt ist er schon beim lieben Gott.“

Heinerle lächelt glückselig. Er träumt dem Engel nach, der zum Himmel emporgeflogen ist und der hier auf Erden der alte Tischler Johann Seifert war, von dem die Leute reden, er sei ein Lump gewesen.

Die Mutter sinnt ernst der Zukunft entgegen. Wird ihrem Kind auch einmal das goldene Schlüsselein zum Himmel des Glaubens in tausend Splitter zerschellen, wird er sich auch die lichten Flügel seiner reinen kleinen Seele zerbrechen? Nein, nein, ruft es in ihr, ich will wachsam sein immerzu und ihm selbst eine Türe der Erkenntnis nach der anderen öffnen, sacht und vorsichtig, damit seine Seele nicht Schaden leide.

Ein schweres Werk. Wird es gelingen? Wer weiß es denn?

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