Peters Reise in die weite Welt.
Wenn ein kleiner Peter Höslein trägt mit Taschen darin und vier Jahre alt ist, dann kann er schon in die weite Welt reisen. Nur die Unvernunft der großen Leute sieht das nicht ein.
Ach, die großen Leute! Man hat es manchmal schwer mit ihnen, wenn man selbst noch nicht zu ihnen gehört. Da sagt zum Beispiel der Vater an einem schönen lichten Sommertag ganz ungewöhnlich streng: „Peterle, wenn du wieder wie gestern die Kaninchen aus dem Stall läßt, dann gibt es Haue, merke es dir!“
Peter hat heute gar nicht an die Kaninchen gedacht, aber nun läuft er schnell zum Stall, natürlich nur, um den Kaninchen ihr Schicksal zu verkünden. Er redet mit den geliebten Schnupperchens und denkt nicht daran, die kleine Stalltüre zu öffnen. Bewahre. Wenn nur das weiße Kaninchen, sein besonderer Liebling, nicht so eindringlich bitten möchte. Peter nimmt dies beharrliche Am-Gitter-Sitzen für eine sehr flehende Bitte, und er redet dem Weißling betrübt zu: „Mußt drin bleiben!“
Aber da hopst ein gelbes heran, auch ein schwarzes nähert sich, alle sehen Peter so bittend an, und auf einmal, Peter weiß selbst nicht, wie es geschehen konnte, ist das Türlein auf, und husch, husch! laufen die Kaninchen in den Garten, in den schönen gepflegten Garten.
Wer soll sie nun wieder einfangen?
Peter weiß gleich, das kann er nicht. Vorgestern hat er die Ausreißer heulend gejagt, aber keines ergriffen, und dazu fällt ihm noch des Vaters Drohung ein. Und Vater spaßt nicht.
Peter rennt durch den Garten, dahin, dorthin. Dabei kommt er an das Ausgangstor, ein Spältchen steht es auf, man kann gut hinausschlüpfen. Ausreißen, wie die Kaninchen ausgerissen sind, in die weite Welt hinauslaufen!
Peter denkt es nicht, er fühlt es nur halb unbewußt, und plötzlich steht er draußen auf der Straße. Zum erstenmal allein. Peterle ist ein wohlbehütetes Kind, immer geht er sonst nur mit den Eltern oder mit Fräulein spazieren und immer nur in den Gängen des nahen Parkes, er kennt nur die Straße, in der seines Vaters Villa liegt, und die nachbarliche, in der die Großeltern wohnen, nicht jene Straßen, in denen die Häuser dicht gedrängt stehen, himmelhoch aufgebaut. Und doch braucht man nur ein paar Schritte zu gehen, und schon läuft so eine lange Häuserzeile dahin, eine Straße voll Leben. Wagen fahren, Menschen hasten sie entlang und Kinder spielen auf ihr, immer zu jeder Tageszeit, viele, viele Kinder.
So viele Kinder hat Peter noch gar nicht gesehen. Wenn nun einer in die weite Welt reisen will und nicht fahren kann, dann muß er laufen, und Peterle läuft, ein bißchen Angst, erwischt zu werden, ist auch dabei, also rennt er trapp trapp die Straße entlang, und so eilig hat er es, daß er eine dumme Bordschwelle nicht sieht, er stolpert und pardauz! gibt es den ersten Aufenthalt auf der Reise in die weite Welt hinaus.
Wenn Peter daheim fällt, dann heult er, bis man ihn aufhebt, ihn tröstet, ihm einen Leckerbissen verspricht, und darum heult er jetzt auch, heult jämmerlich, aber — es hebt ihn niemand auf. Nur eine dünne schrille Stimme schreit ihn an: „Biste gefall'n?“
Es ist, als ob diese Stimme den Kleinen in die Höhe zieht, er steht auf und sieht sich höchst verwundert um, da steht ein Mädel, etwas größer als er, die sieht ihn spöttisch an und fragt höhnisch: „Haste dich dreckig gemacht?“
Daß die weißen Höslein schmutzig sind, bekümmert Peter nicht weiter, denn daheim liegen noch viele saubere weiße Höslein, er sieht nur die Fragerin, wie ein Weltwunder starrt er sie an. Sie trägt ein verschlissenes Kleid, im schwarzen Wuschelkopf brennt ein rotes Bändchen und in den festen braunen Händchen hält sie eine unglaublich dicke Schnitte, deren Musbelag seine Spuren dem ganzen Gesichtchen aufgedrückt hat.
„Willste mal beißen?“
Peter ißt zu Hause nicht alles, was man ihm reicht, aber in die dicke Schnitte beißt er herzhaft hinein, und während er kaut und schluckt und auch ein Musbärtlein bekommt, sagt die Spenderin: „Ich heiße Mine, wie heiste denn?“
Peter gurgelt seinen Namen heraus, und die Freundschaft ist geschlossen. Mine pflegt schnell Freundschaften zu schließen, und weil weder Guste noch Marie, Liese, Otto, Fritze und Paul just auf der Straße sind, um mit ihr zu spielen, kommt ihr der kleine Weltreisende gerade recht. Sie fragt: „Wo kommste denn her?“
Peter weiß nicht, wo seines Vaters Haus liegt, er ahnt aber dumpf, Mine würde Verständnis haben für seine Reise in die weite Welt. Er erzählt. Nicht ganz so zungenschnell, wie Mine redet, aber die versteht ihn gut, sie nickt und antwortet beifällig: „Wenn ich Haue kriegen soll, reiß ich immer aus. Vater haut so sehr. Woll'n mer Himmel und Hölle spielen?“
Peter kennt das Spiel nicht, und Mine nennt ihn ohne viel Umstände dumm, sie sieht ihn etwas verächtlich an, aber sein weißer Anzug, seine wohlgepflegte Niedlichkeit versöhnen sie doch wieder, und sie nimmt den kleinen Ausreißer gnädig als Lehrling an. Und dann kommen Guste und Marie, Fritz und Paul gesellen sich dazu, und alle blicken halb mißtrauisch, halb verlegen den „feinen Neuen“ an. Doch Mine erklärt, und das Zauberwort: „Er ist ausgerissen“ befördert das Vertrauen; Peter darf mittun.
Sie spielen auf der Straße. Peter hat es noch nicht geahnt, welche wunderbaren Spiele es gibt. Himmel und Hölle ist bald abgetan, Feuerwehr wird gespielt und Schutzmann. Paul mimt zur johlenden Freude der anderen einen Betrunkenen, so wie gestern einer auf der Straße herumgetorkelt ist. Er schimpft wie der Betrunkene, stößt Worte aus, die Peter noch nie gehört hat, aber die er sich flinker merkt als die Verslein in seinen Bilderbüchern, die Fräulein ihm manchmal vorsagt. Fritz ist ein sehr schneidiger Schutzmann, die Mädels kreischen, und Peter kreischt mit. Er findet das Spiel so köstlich wie noch keins zuvor, und er vergißt darüber den Garten, die entlaufenen Kaninchen, alles; er ist draußen in der weiten, unbekannten Welt, und er genießt sein erstes Abenteuer mit vollen Zügen. —
In Peters Elternhaus ist die Sorge wach geworden.
Fräulein hat des Kleinen Verschwinden zuerst entdeckt. Sie meint, er habe sich versteckt, und sie sucht ihn, erst lässig mal seinen Namen rufend, dann besorgter, aufgeregter; sie läuft mit ihrer Angst zu den anderen Hausbewohnern und zuletzt sind alle auf der Suche nach dem Ausreißer. Sie rennen auf die Straße, fragen da und dort, niemand hat Peter gesehen, und die Mutter weint verzweifelt; sie sieht ihr Kind bereits überfahren, verschleppt, sie ruft nach ihrem Mann, nach der Polizei. Der Fernsprecher klingelt, und als die Aufregung auf das höchste gestiegen ist, erscheint Fräulein mit dem heulenden widerborstigen Peter. Er sieht schmutzig und erhitzt aus, daß er seine Weltreise so schnell aufgeben mußte, bereitet ihm offenbar wenig Vergnügen.
Mit Straßenkindern hat er gespielt. Unglaublich!
Die Mutter ist entsetzt, Fräulein ist entsetzt, und die Mädchen stellen sich an, als wäre ein goldenes Krönlein in einen tiefen Brunnen gefallen.
Der Vater lacht. Doch er ist ein Mann der Tat und vergißt nicht, sein väterliches Wort einzulösen. Diesmal hilft kein Bitten der Mutter, nicht Fräuleins Tränenströme. Vater und Sohn reden eindringlich und recht unangenehm miteinander, und zuletzt sagt der Vater stolz auf seine Erziehungskunst: „So, das Ausreißen habe ich ihm gründlich ausgetrieben.“
Nach drei Tagen ist Peter wieder verschwunden.
Diesmal ist es kein unbewußtes Hineintappen in die weite Welt mehr, heimlich und bedacht ist er entschlüpft; denn die Straße mit Mine und ihren Spielgenossen erscheint ihm lockender als der große, stille Garten; in ihm brennt die Sehnsucht, einer unter anderen zu sein. Fräulein hat die Flucht entdeckt, und sie holt ihn diesmal zurück, ohne erst das Haus zusammenzuschreien, nur der Mutter wird der neue Streich verraten, und die beiden Frauen reden eindringlich auf Peter ein; seine Sünde wird ihm wortreich vorgehalten, und als die Mutter meint, es sei genug, redet Fräulein noch weiter.
Peter schielt sie bockig an, und auf einmal sagt der wohlerzogene kleine Junge, der nach seiner Eltern Willen aufwachsen soll, behütet von allem Häßlichen, Unreinen der Welt, trotzig zu Fräulein: „Du Luder!“
So sagt Mine, und Mine ist für ihn Lust, Spiel, Lachen; sie ist ihm das bunte, wechselreiche Leben, und was Mine sagt, ist fein, hat Geltung für ihn.
Am nächsten Tag versucht Peter es wieder, auszureißen. Die Sehnsucht nach dem Draußen, nach den andern verläßt ihn nicht mehr.