In der fröhlichen Einkehr.

Ein bißchen launenhaft ist der Frühling aber doch. Einmal läßt er sich wer weiß wie sehr bitten, ehe er erscheint, das andere Jahr wieder kann er nicht schnell genug mit allen Blüten herauskommen. So ging es in diesem ersten Frühling, den die Geschwister Fröhlich in Neustadt verlebten. Kaum war Ostern vorbei, da ging auch schon das rechte Blühen an. Nicht lange dauerte es, da standen alle Obstbäume im weißen oder rosenroten Frühlingskleide da; auf den Beeten blühte es, auf den Wiesen, die Büsche bekamen dicke, dicke Knospen, und eines Tages zündeten die Kastanien ihre weißen Kerzen an, und die ersten Fliedertrauben blühten auf.

Und es war noch nicht einmal Pfingsten. Im Garten des St. Gertrudenspitals war auch an einer besonders warmen, sonnigen Stelle der erste Flieder erblüht, und unter diesem Busch saß die kleine Jantge an einem wunderlieblichen Maitag und weinte herzbrechend. Ihre Zeit im Gertudenspital war nämlich abgelaufen; die Urgroßmutter konnte die Kleine nicht länger bei sich behalten, denn das Gertrudenstift war für alte Frauen, nicht für kleine Mädchen. Der Herr Bürgermeister sagte, es sei ungesetzlich, daß Jantge noch länger bliebe, denn was der einen recht sei, sei der andern billig; schon hätten zwei Frauen darum gebeten, auch ihre Enkelkinder zu sich nehmen zu dürfen. Jantge sollte wieder in ihre eigentliche Heimat zurückgeschickt werden, dort mußte die Stadt für die Kleine sorgen. Die Zukunft lag also wie ein graues Nebelland vor ihr, nur acht Tage noch, dann sollte sie wieder zurückreisen, sollte Neustadt verlassen.

Mitten hinein in ihre traurigen Gedanken sagte auf einmal ein liebes Stimmchen: „Jantge, warum weinst du denn?“

Brigittchen war es, die die Freundin holen kam und nun betroffen deren Tränen sah. „Wir wollen spazieren gehen, alle miteinander, Herr Doktor Fröhlich und Tante Helene haben uns eingeladen,“ sagte sie, „aber wenn du weinst, Jantge — dann freue ich mich auch nicht.“ Schon tropften dem weichherzigen Brigittchen auch ein paar Tränlein aus den Veilchenaugen.

Zur rechten Zeit kam Anne-Marte und, wie meist, stand ein Lächeln auf ihrem Gesichtchen. Als sie Jantges Tränen sah, tröstete sie: „Weine nicht, Jantge, acht Tage sind ja noch schrecklich lang; inzwischen — ach vielleicht finden wir bis dahin den Schatz!“

Die Erinnerung an die lustige Geschichte vertrieb wirklich die Tränen, wie der Frühlingswind die Wolken verjagt, und wenige Minuten später trabte Jantge ganz lustig mit den Gefährtinnen dem alten Stadtturm zu; dort warteten die Geschwister Fröhlich und die drei Buben auf sie. Und unter Lachen und Scherzen ging es ins Freie, dem Walde zu. Am Waldrand, etwa anderthalb Stunden von Neustadt entfernt, lag in der Nähe eines stattlichen Bauerndorfes eine Sommerwirtschaft, „Zur fröhlichen Einkehr“ genannt. Das Haus war ursprünglich ein alter Adelshof gewesen, doch die Familie, die den Hof besessen hatte, starb aus, und so gegen Anfang des neunzehnten Jahrhunderts wurde der Hof in ein Wirtshaus verwandelt. Viel war im Lauf der Zeiten an dem Haus nicht verändert worden, und seine dicken Mauern schienen auch noch manchem Sturm trotzen zu können. Die Neustädter gingen gern in die „Fröhliche Einkehr“. An warmen Sommertagen saßen in dem von uralten Linden überschatteten Garten immer viele Gäste; man trank dort Kaffee, aß Kuchen oder Schwarzbrot mit Butter und Honig, und das Scheiden wurde den Gästen meist schwer.

Die Kinder kannten das Wirtshaus alle, nur Jantge noch nicht, und unterwegs erzählte ihr Brigittchen, wie schön es dort sei. „Jetzt im Frühling muß es besonders schön sein,“ sagte Fräulein Helene, „ich habe es nur im Winter gesehen, und da war es eigentlich ein trauriges Haus; die beiden Kinder der Wirtsleute lagen schwerkrank, hoffentlich sind sie gesund geworden!“

„Wer hat dich, du schöner Wald,“ sangen jetzt die Buben mit heller Stimme, die am Anfang des Zuges marschierten und zuerst den Wald betraten.

Hurra, da war der Wald! Wie schön sah er im Frühlingsschmuck aus; lichtgrüner Buchenwald drängte sich zwischen dunklen Tannenwald. An manchen Stellen liefen die Buchen wie vorwitzige Kinder in den Tannenwald hinein, und da und dort standen auch Eichen. Die hatten erst winzige, rotgoldene Blättchen, ja, wunderlich genug sah es aus, mitunter hielten sie noch zähe die Reste ihres vorjährigen Laubes fest.

„Wir wollen Maiblumen suchen,“ baten die Mädels, aber Doktor Fröhlich sagte: „Spart das lieber für den Heimweg auf, wir bringen sonst alle Blumen verwelkt nach Hause!“

„Mädels müssen doch immer Blumen suchen,“ brummte Wendelin etwas verächtlich.

„Warum auch nicht!“ sagte Fräulein Helene lachend. „Übrigens sind Maiblumen meine Lieblingsblumen, nur schade, daß sie giftig sind!“

„Giftig?“ rief Brigittchen ganz erstaunt.

„Ja,“ erwiderte Doktor Fröhlich, „das stimmt. Die Wurzeln sind giftig, aber eine hübsche Blume ist sie darum doch, man braucht sie ja nicht zu essen. Der Sage nach war die Maiblume der Göttin Ostara geweiht, und bei den Maifesten unserer Vorfahren war die Maiblume der beliebteste Schmuck.“

Den Mädels zuckte es ordentlich in den Händen, sie hätten gar zu gern mit Pflücken begonnen, denn an manchen Stellen standen die Maiblumen ganz dicht, und süß stieg ihr Duft zu den Wandernden auf. Überhaupt gab es viel zu sehen und zu hören im Walde. Ein sanftes Rauschen und Raunen ging durch die Wipfel der Bäume, und es zwitscherte und sang laut und leise, das Pochen des Spechtes ertönte, und plötzlich ließ auch der Kuckuck seine Stimme hören. Mal hier, mal dort, aber vergebens suchten ihn die Kinder, er war nirgends zu sehen.

„Wie viele Tage bleibe ich noch hier?“ fragte Jantge, als der Kuckuck ein Weilchen geschwiegen hatte. Da begann er zu schreien; er rief und rief ohne aufzuhören; erst zählten die Kinder, aber dann rief es von da und dort, von überall her „Kuckuck, Kuckuck“, und Brigittchen flüsterte geheimnisvoll: „Jantge bleibt immer hier!“

Es schien wirklich so zu sein, denn der Kuckuck rief noch, als die Wanderer schon die grauen Mauern und das rote Dach der „Fröhlichen Einkehr“ durch die Bäume schimmern sahen.

Auf einmal spürten es alle, daß sie hungrig und durstig waren, und selten kamen wohl Gäste mit einem solchen Jubelgeschrei in einem Gasthaus an. Im Garten war Platz in Hülle und Fülle, es saß nämlich niemand drin, und die Kinder konnten zu ihrer Lust alle Tische durchprobieren; ein Platz erschien ihnen immer verlockender als der andere.

Aus dem Hause kam eine blasse Frau; sie trug ein schwarzes Kleid und sah gar nicht frühlingslustig aus. Still nahm sie die Bestellung entgegen, und traurig glitten ihre Blicke über die heitere Kinderschar hin. „Es ist die Wirtin,“ sagte Helene Fröhlich halblaut zu ihrem Bruder, „ihr scheint ein Kind gestorben zu sein damals — oder beide!“

Die Geschwister schwiegen und dachten an die traurige Frau; die Kinder hatten gar nicht auf das Gespräch gehört, die tollten lachend durch den Garten. Nur Jantge saß still am Tisch, und sie dachte auch mitleidig an die Frau, der wohl ein Kind gestorben war.

Ein Viertelstündchen könnte es dauern, bis der Kaffee fertig sei, hatte die Wirtin gesagt, und die Kinder meinten, sie wollten unterdes die Schaukel versuchen und sich den Hof mit den Ställen ansehen. Sie versprachen brav zu sein, und so durften sie gehen, während die Geschwister unter der Linde sitzen blieben. Die Kinder liefen hierhin und dorthin, die einen wollten dies sehen, die andern das. „Komm mit,“ rief Brigittchen Jantge zu, und Wendelin schrie: „Ich zeig’ dir den Ziegenstall!“

Jantge überlegte ein Weilchen, und dann stand sie mit einem Male allein da. Sie ging zum Garten hinaus, aber statt auf den Hof, kam sie an den Waldrand, an dem sie einige Schritte entlang ging. Da blieb sie plötzlich lauschend stehen: „Was mochte das für ein Vogel sein, der so hübsch pfiff?“

Leise ging sie weiter, da sah sie unter einer großen Buche einen Knaben sitzen, der auf einer Flöte aus Rohr blies; es klang fein und melodisch wie Vogelsang. Jantge lauschte andächtig; das war hübsch, der pfeifende Knabe hier in dem schönen Walde. Wie gut es der hatte. Ihr fiel wieder ihr Kummer ein, den sie bei dem fröhlichen Wandern fast vergessen hatte. Sie dachte daran, daß sie bald von Neustadt fort müßte, und geschwind kamen ihr die Tränlein wieder, die Brigittchens sanftes Zureden und Anne-Martes Lachen getrocknet hatten.

Erschrocken hielt der Knabe in seinem Blasen inne, wer weinte denn da? Verwundert sah er auf das kleine, blonde Mädchen mit dem seltsamen, weißen Häubchen, das wie aus der Erde gewachsen neben ihm stand und weinte.

„Wer bist du, und warum weinst du denn?“ fragte er.

Leise weinend gab Jantge Antwort.

Der Bube hätte das fremde Kind gern getröstet, aber er war ein scheuer, kleiner Bursch, ihm fiel nichts ein, was er sagen konnte, und unwillkürlich nahm er seine Flöte und blies darauf, so schön er es konnte.

Wirklich versiegten auch Jantges Tränen, sie setzte sich neben den Buben und lauschte andächtig dem Spiel; lange, lange hätte sie so sitzen mögen.

Inzwischen hatte aber die Wirtin der „Fröhlichen Einkehr“ den Kaffee gebracht, und Fräulein Helene rief nach den Kindern. Die kamen auch schnell herbei, nur Jantge fehlte; wo war sie denn? Man rief und suchte; hell tönten die Kinderstimmen durch die Stille, Frau Vogeler, die Wirtin, kam auch und half suchen, und sie war es, die Jantge fand.

Die Kleine saß noch immer still neben dem Buben und lauschte dessen Flötenspiel, sie hatte das Rufen gar nicht gehört. Sie schrak zusammen, als die ernste Frau im schwarzen Kleid sie bei ihrem Namen rief.

Der Knabe ließ still seine Flöte sinken; traurig fragte er die Kleine: „Mußt du schon fort?“

Da tönten schon ganz nahe Wendelins und Anne-Martes Stimmen: „Jantge, Jantge, wo bist du?“

„Hier!“ rief Jantge. Sie sprang eilig auf und wollte davonlaufen, aber dann kehrte sie plötzlich um, eilte auf den fremden Buben zu und flüsterte errötend: „Ich danke schön!“ Und weg war sie.

Frau Vogeler aber ging mit dem Knaben Hand in Hand still dem Hause zu. Als sie beide durch den Garten schritten, sagte Jantge, die schon im fröhlichen Kreise unter der Linde saß: „Das ist der Junge, der so schön gespielt hat!“

„Dann ist wohl das Töchterchen der Frau gestorben,“ sagte Fräulein Helene sinnend. „Arme Mutter!“

„Du mußt den Ziegenbock sehen,“ rief Severin, für den das Schönste an der „Fröhlichen Einkehr“ der schwarze Ziegenbock war. Er ärgerte sich ordentlich, daß die Kleine immer von dem fremden Jungen und seinem Blasen sprach. Kaum hatte er den letzten Bissen gegessen, da rief er auch schon wieder: „Komm Jantge, ich zeig’ dir den Ziegenbock!“

„Aber bleibt nicht lange,“ ermahnte Fräulein Helene.

„Wir wollen auch mit,“ riefen die andern, und heidi setzten sich alle in Bewegung, um das Wunder des Hofes, den Ziegenbock, anzuschauen. Es war dies freilich leichter vorgenommen als ausgeführt; weder auf dem Hof noch im Stall war der Ziegenbock zu sehen. Daß solche Tiere mitunter auch im Garten spazieren gehen, daran dachten die Kinder nicht, und betrübt kehrten sie wieder um.

Und gerade als Jantge an der Türe des Gemüsegartens vorbeiging, kam Herr Ziegenbock heraus. Ob er sich über das kleine Mädchen erschrocken hatte, ob er sich über ihr lustiges Springen ärgerte, wer konnte das wissen, jedenfalls benahm sich der Ziegenbock so unnütz und abscheulich, daß Severin ihn seitdem viel weniger bewunderte.

Mit gesenktem Kopf lief er auf Jantge zu, und ehe die Kleine wußte, wie ihr geschah, flog sie in einem weiten Bogen kopfüber in das Gras.

Wer sich nun erschrak, das war der Ziegenbock. Die Kinder brüllten so kräftig los, daß der schwarze Unhold entsetzt entfloh; bis in seinen Stall hinein lief er, dort blieb er mucksstill vor Schreck stehen.

„Jantge ist tot,“ jammerte Brigittchen. „Jantge, Jantge, der Ziegenbock, der Ziegenbock!“ gellte es heulend und klagend durcheinander.

Aus dem Garten kamen die Geschwister Fröhlich angerannt, aus dem Hause die Wirtin, eine Magd und der kleine Junge, und alle riefen sie: „Was ist geschehen, was ist geschehen? Jantge, was fehlt dir?“

„Gar nichts,“ sagte die Kleine auf einmal ganz freundlich und stand auf. Sie hatte sich nur ein bißchen erschrocken, sonst tat ihr nicht eine Fingerspitze weh.

„Aber dein Kleid!“ rief Anne-Marte.

Das sah nun freilich bös aus; das Röckchen war zerrissen, die weiße Bluse beschmutzt. „Es ist mein allerbestes,“ klagte Jantge, „wenn das Urgroßmutter sieht!“

„Sei nicht traurig,“ tröstete Fräulein Helene, „wir werden schon Rat schaffen. Schlimm ist nur, daß deine Kleider ganz naß sind; o weh, du bist ja gerade in eine Pfütze gefallen!“

„Ich kann dem Kind ein Kleid leihen,“ sagte da Frau Vogeler leise und traurig. „Ich hab’ genug Sachen von meiner Marie. Komm mit hinein, Kleine, und weine nicht um deine Sachen.“

Fräulein Helene folgte mit Jantge der Wirtin, die andern blieben draußen und besprachen voller Eifer und mit viel Geschrei den Fall Ziegenbock und Jantge.

Drinnen aber, in einem großen, altmodisch eingerichteten Zimmer, das ein wenig dämmerig war von dem Schatten, den die alten Linden über die Fenster warfen, öffnete Frau Vogeler eine alte Truhe. Sie nahm ein blaues Kleid daraus, das mußte Jantge anziehen, und es sah aus, als wäre es eigens für sie gemacht. So ein wunderfeines Kleid hatte Jantge noch nie besessen, wie eine Prinzessin kam sie sich darin vor und staunend beguckte sie sich. Aus den Augen der Wirtin aber rannen Tränen, schwere Tränen, und Fräulein Helene, die dies sah, flüsterte liebevoll: „Arme Frau“. Dann sagte sie freundlich: „Geh nun hinaus, Jantge, aber nimm das Kleid in acht!“

Und wieder sagte Jantge, wie vorher bei dem Spiel des Knaben, ein wenig verlegen zu der Frau: „Ich danke schön!“ Dann ging sie hinaus, und draußen vor der Türe stand der kleine Flötenspieler und sah sie an und sagte: „Du siehst wie Marie aus!“

„War Marie deine Schwester?“ fragte Jantge.

Der Bube nickte; dann murmelte er: „Ich heiße Karl!“

„Komm mit, Karl,“ bat Jantge, und ganz zutraulich ging der Kleine mit ihr und saß dann unter den andern Kindern, denen Doktor Fröhlich etwas von der Linde erzählte. Er sagte, daß diese ein uralter heiliger Baum sei, der einst der Göttin Frigga oder Freia geweiht war. Kaiser Karl der Große habe einst überall in seinen Landen Linden anpflanzen lassen, und seitdem sei die Linde eigentlich so recht der Schutz- und Schirmbaum des deutschen Hauses geworden.

„Erzählen Sie uns eine richtige Lindengeschichte,“ baten die Mädels, doch da kam schon Fräulein Helene mit der Wirtin aus dem Hause, es war Zeit, den Heimweg anzutreten.

„Komm’ bald wieder,“ bat Karl, als Jantge von ihm Abschied nahm.

„Ich kann nicht, ich gehe weit fort,“ sagte die Kleine. „Aber das Kleid!“ rief sie plötzlich erschrocken.

„Ich hole es mir ab,“ sagte Frau Vogeler und strich sanft über Jantges rosige Wangen. „Ich komme in den nächsten Tagen in die Stadt, dann bringe ich dir dein Kleid wieder, es soll bis dahin rein und heil sein!“

„Auf Wiederseh’n, auf Wiederseh’n!“ riefen die andern Kinder fröhlich, nur Jantge schwieg, sie wußte, sie kam so bald nicht wieder in die „Fröhliche Einkehr“.

Und nun ging es heimwärts durch den Wald. Die Sonne malte große, lichte Tupfen auf den Waldboden, als dächte sie, es wären noch nicht genug Blumen da. Dabei gab es so viel Maiblumen, daß selbst Wendelin fand, es sei doch ganz hübsch, einen Blumenstrauß zu pflücken.

Alle suchten mit großem Eifer, nur Jantge ging immer vorsichtig am Wegrand, damit das geborgte Kleid keinen Schaden nahm.

„Ich krieg’ die meisten!“ rief Anne-Marte. Sie hatte ihren Hut abgenommen und sammelte da hinein hurtig wie ein Vögelein, das Körner pickt.

„Tu dich nur nicht so!“ riefen Jörgel und Severin.

„Pfui, seid ihr abscheulich!“ rief Anne-Marte entrüstet und drehte sich um. Es hielt jemand ihren Hut fest, und sie dachte nicht anders, als es sei dies einer der Buben. Ärgerlich riß sie den Hut fort, und in weitem Bogen flogen die Maiglöckchen heraus, der Hut aber hing an einem weit vorstehenden, knorrigen Eichenast.

„Der hat dir die Blumen nicht gegönnt,“ neckte Doktor Fröhlich. „Sieh mal, wie er aussieht, wie ein richtiges, verhutzeltes Waldmännchen!“

„Es ist abscheulich,“ murrte Anne-Marte, doch schon kam Brigittchen herbei und tröstete: „Ich helf’ dir jetzt suchen.“ „Ich auch!“ rief Jantge.

Und geschwind bekam Anne-Marte wieder einen großen Strauß zusammen. Es war aber auch Zeit, denn schon lichtete sich der Wald, und im Abendsonnenschein lagen Wiesen, Felder und dahinter die Stadt vor den Heimkehrenden. Mit Singen zogen sie alle lustig am alten Wartturm vorbei. Klaus Hippel schwenkte einen Pantoffel zum Fenster heraus über das schwebende Blumenbrettlein hinweg und begrüßte die Wanderer.

„Mutter Paulinchen soll Maiblumen haben,“ sagten die Mädels, und geschwind gab jedes etwas von seinem Strauß; Brigittchen trug den Strauß hinauf, und lachend rief die Pantoffelmacherin den andern ihren Dank aus dem Fenster zu.

„Wenn Pfingsten schönes Wetter ist, dann gehen wir wieder spazieren, wer mitkommen will, ist eingeladen,“ sagte Doktor Fröhlich beim Abschied.

„Ach, Pfingsten muß ja schönes Wetter sein!“ riefen die Mädels und Buben, und dann liefen sie alle mit Schöndank und Gutenacht nach Hause. —

Drei Tage später saß Jantge wieder im Sonnenschein unter dem blühenden Fliederstrauch. Diesmal weinte sie zwar nicht, aber hell und froh wie Maienwetter war ihr Gesichtchen auch nicht. Sie strickte emsig ein paar Pulswärmer, dies sollte ihr Abschiedsgeschenk für die Urgroßmutter werden, denn diese fror trotz aller Maiensonne noch tüchtig. Fräulein Helene hatte der Kleinen die Wolle geschenkt und die Arbeit angefangen, und Jantge strickte, als säße die alte Dorothee daneben und strickte mit ihr Hund und Hase.

In ihrem Eifer merkte Jantge gar nicht, daß jemand auf sie zukam. Erst als ein dunkler Schatten auf ihre Arbeit fiel, sah sie auf. Vor ihr standen Frau Vogeler und Karl aus der „Fröhlichen Einkehr“.

Sie hatte gewußt, daß Frau Vogeler kommen würde, aber nun diese vor ihr stand, war es der Kleinen doch eine große Überraschung, und sie wußte nichts zu sagen als: „Es ist nichts an das Kleid gekommen!“

Da lächelte Frau Vogeler ein wenig; dabei sah sie so lieb und gütig aus, daß Jantge jede Scheu vor ihr verlor. „Ich will zu deiner Großmutter, Kind,“ sagte die Frau, „Karl mag unterdessen bei dir bleiben, er hat sich sehr gefreut, daß er dich besuchen darf.“ —

Während die Mutter in das Haus ging, erzählte Karl seiner neuen Freundin von der Fahrt nach der Stadt, von daheim, und daß er neulich den schwarzen Ziegenbock ausgescholten hätte.

Sie schwatzten beide miteinander wie die allerbesten, allerältesten Freunde, und die Zeit lief ihnen dahin, als hätte sie Siebenmeilenstiefel an.

Inzwischen saß drinnen im Spittelstübchen Frau Vogeler neben der Urgroßmutter und erzählte der Alten von ihrem Kind, das im Winter gestorben war. Die kleine, verwaiste Jantge, die draußen unter dem Fliederbusch mit Karl schwatzte, wußte nicht, daß in dieser Stunde für sie wie eine Wunderblume ein großes, großes Glück aufblühte. Der alten Urgroßmutter aber rannen heiße Freudentränen über die Wangen: „Meine Jantge soll eine Heimat haben, ganz in meiner Nähe, welch’ Glück!“ sagte sie.

„Du sollst zu deiner Urgroßmutter kommen, Jantge,“ rief Trine Tillmann in das fröhliche Plaudern der Kinder hinein. „Nä, guck mal, was hast du denn da for’n Jungen? Der ist ja wohl reinweg vom Himmel runter gefallen, nä, so was!“

Die Kinder lachten über die Verwunderung der Alten, und lachend kamen beide in das Zimmer der Urgroßmutter. Da hörte Jantge denn von dem großen Glück, das ihr widerfahren sollte. In der „Fröhlichen Einkehr“ sollte sie eine Heimat finden. Die Wirtsleute wollten sie zu sich nehmen, und sie sollte des kleinen Karl Schwester werden. Helene Fröhlich hatte von Jantges Armut und Verlassenheit gesprochen, als Frau Vogeler ihr von ihrem toten Töchterchen erzählte. „Das Fräulein Fröhlich ist eine, die gern alle Menschen froh machen möchte,“ sagte die Frau dankbar, „na, meinst du, Jantge, ob du bei uns auch froh sein wirst?“

Da jubelte Jantge auf, und Karl jubelte mit, es war ihnen beiden, als ständen sie mitten unterm brennenden Weihnachtsbaum. Die Urgroßmutter und die Mutter nickten: „So war es gut.“

Ein Viertelstündchen später lief Jantge mit ihrem neuen Bruder zu Fröhlichs, zu Anne-Marte und Jörgel, zu Brigittchen und den Bäckerbuben, um Abschied zu nehmen, denn sie sollte gleich mit in die neue Heimat kommen. „Es ist ja nicht weit,“ sagten die Kinder tröstend zu einander, „wir besuchen dich bald.“ „Zu Pfingsten,“ rief Severin, dem es gar nicht gefiel, daß Jantge fort sollte.

„Wenn es nicht regnet,“ sagte Martin, der dabei stand.

„Pfingsten regnet’s nie,“ brummte Wendelin, und recht laut und patzig schrie er Jantge noch über den ganzen Kirchplatz nach: „Pfingsten auf Wiedersehen!“

„Wenn’s nicht regnet,“ sagte Martin und lachte sich eins.

Durch den Wald, durch den sie neulich gewandert war, fuhr Jantge am Nachmittag der neuen Heimat entgegen. Ihr kleines Herz war voll Dankbarkeit und Freude, und Frau Vogeler dachte, als sie die strahlenden Blauaugen sah: „Es ist gut, daß ich das Kind in unser Haus geholt habe!“

Vor der „Fröhlichen Einkehr“ stand der Wirt und rief den Ankommenden einen heiteren Gruß entgegen. Als er Jantge aus dem Wagen hob, schaute er ihr prüfend in das Gesicht, und dann rief auch er: „Frau, es ist gut, daß du das Kind geholt hast. Willkommen daheim, mein Mädel, Gott segne deinen Eingang!“

Der kleinen Jantge war es zu Mute wie einem Vöglein, das sein Nest verloren hatte, und das eine liebe, weiche Hand sacht wieder in ein Nestlein legt, eins, in das warm die Sonne hineinscheint. Nach acht Tagen sagten alle Leute im Hause „unsre Jantge!“ Die Kleine selbst dachte, wie Klaus Hippel von seinem Turm, daß es wohl auf der weiten Welt keinen schöneren Ort geben könnte als das alte Haus am Waldrand.

Und daß sie es noch heute findet, kann jeder sehen, der Einkehr hält in der „Fröhlichen Einkehr“.