Ein kleiner Held.
Muhme Lenelies war allzeit eine flinke, fleißige Frau, immer wohlgemut und guter Dinge, und sie pflegte mitunter lachend zu sagen: „Das Kranksein lasse ich gar nicht erst zur Türe hinein!“ Aber einmal, Traumfriede war noch nicht allzu lange ihr Pflegesohn, kam doch das Kranksein unversehens zur Türe hineingerutscht, und die arme Muhme Lenelies bekam einen bösen Husten, der sie arg quälte. Weil die Muhme nun aber die besondere Gabe hatte, alle Dinge, auch die schweren und trüben, durch eine rosenrote Brille anzuschauen, so fand sie, auch das Kranksein habe seine freundlichen Lichtseiten. Sie sagte oft: „Es ist doch behaglich, daß ich bei dem bösen Sturm nicht hinausbrauche, aber am schönsten ist es doch, daß man in Krankheitstagen sieht, wie gut doch eigentlich viele Menschen sind.“
„Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus, Muhme,“ erwiderte ihr darauf einmal die Frau Lehrerin. „Wäret Ihr nicht allzeit so hilfsbereit, dann kümmerte sich just wohl niemand um Euch.“ Das mochte schon wahr sein, aber wenn es auch ehrlich verdiente Liebe und Teilnahme war, wohl tat sie der alten Frau sehr, denn obgleich sie die rosenrote Brille hatte, eine schwere Zeit war die der Krankheit doch für sie. Über nichts aber freute sie sich in diesen Tagen so sehr wie über ihres Pflegesohnes Liebe. Traumfriede tat der Muhme alles Gute an, was er ihr nur an den Augen absehen konnte; er arbeitete von früh bis abends, hielt das Häuschen schmuck und sauber, ja er suchte noch da und dort ein paar Pfennige zu verdienen, damit nicht alle mühsam erworbenen Spargroschen daraufgingen. „Wie eine Königin hab' ich's,“ sagte die Muhme mitunter zu Friede. „Ich habe einen Diener, das bist du, einen Koch, das bist du, eine Kammerzofe, das bist du, eine Magd, das bist du auch, und Hofmarschall und Mundschenk dazu, – soll einer sich so viele dienstbare Geister suchen.“ –
Der Winter war in diesem Jahre gleich mit viel Schnee und Kälte eingezogen und blieb auch ein strenger Gast. Als der Februar herankam, da lag noch so viel Schnee in Oberheudorf, als hätte der Winter erst angefangen. Acht Tage schneite es ununterbrochen. Alle Gräben und Wege verschneiten, die Berenbacher Kinder konnten nicht mehr in die Schule kommen, und eines Sonnabends mußten es die Oberheudorfer Bauernfrauen aufgeben, zum Markt zu fahren. „Man kommt nicht mehr durch,“ sagten sie.
Traumfriede erzählte dies am Freitag nachmittag seiner Pflegemutter, und Muhme Lenelies, die in ihrem Lehnstuhl am Ofen saß, seufzte ein wenig: „Ich dacht's mir balde! Na, da muß man auch zufrieden sein.“
„Muhme,“ rief Traumfriede erschrocken, „deine Tropfen sind doch alle, und wenn morgen niemand in die Stadt fährt, mußt du ja so lange noch warten?“
„Freilich, mein Junge,“ sagte die alte Frau gelassen, „die Tropfen werden mir schon fehlen, aber vielleicht geht der Husten auch ohne Tropfen weg. Schneide nicht so ein betrübtes Gesicht, man muß froh sein, wenn man eine warme Stube hat. Horch nur, wie draußen der Wind heult.“
Friede nickte stumm. Es tat ihm unendlich leid, daß die Pflegemutter keine Tropfen mehr hatte. Sicher wurde der Husten noch schlimmer. Der Doktor hatte, als er vor acht Tagen dagewesen war, ihn sehr ermahnt, an die Tropfen zu denken, und gesagt, die Krankheit könnte leicht schlimmer werden, wenn die Kranke die Tropfen nicht pünktlich einnähme.
In dieser Nacht heulte der Sturm so um das winzige Häuschen herum, als wollte er es nehmen und wie eine Spielzeugschachtel forttragen. Dazu peinigte die arme Muhme Lenelies der Husten heftig, und erst lange nach Mitternacht schlief sie ermattet ein. Als sie am Morgen erwachte, brannte die Lampe, im Ofen war Feuer, und das Stübchen war ganz behaglich warm. „Ei, der Friede, der Tausendsassa, hat sich aber dazugehalten,“ dachte sie und richtete sich etwas auf. Wo war denn der Bub? Sie klopfte an die Wand der Kammer, in der Friede schlief, aber alles blieb still. Sie richtete sich etwas auf, da sah sie, wie schon die Kaffeekanne auf dem Ofen stand, und auf dem Tisch an ihrem Bett stand die Tasse und ein Wecken lag daneben. „Du meine Güte,“ murmelte die Muhme, „da habe ich es richtig verschlafen, und der Bub ist schon in die Schule gegangen. Wie dunkel es aber noch ist!“
Es war in den Tagen ihrer Krankheit schon manchmal vorgekommen, daß Friede bereits in die Schule gegangen war, wenn sie aufwachte. Der Bube besorgte immer alles so leise wie ein Heinzelmännchen, und die Pflegemutter schlief oft erst gegen Morgen ein. Muhme Lenelies holte sich also ihren Kaffee herbei, trank ihn und blieb dann still in ihrem Bett liegen, denn die Brust tat ihr weh von dem Husten.
Der Sturm heulte draußen immer noch, und sehr langsam nur wurde es hell. Die Muhme, die sonst nicht ungeduldig war, dachte an diesem Tage manchmal: „Heute will es auch gar nicht Mittag werden!“ Endlich hörte sie draußen Schritte, jemand kam. Sie lauschte, – Friede war es nicht, also wohl eine Nachbarin, die nach ihr sehen kam. Gleich darauf trat auch, auf das Wetter scheltend, die Schnipfelbäuerin ein. Sie wohnte ganz nahe und hatte der Muhme schon öfters in den Tagen der Krankheit eine gute Suppe gebracht. Auch heute kam sie mit einem Topf Essen an. Sie stellte es der Kranken an das Bett, holte einen Teller herbei und sagte: „Nun eßt nur, der Friede hat mich gestern abend noch himmelhoch gebeten, Euch ja nicht zu vergessen, weil er doch heute nicht daheim ist.“
„Ei,“ rief Muhme Lenelies und vergaß vor Erstaunen fast das Dankeschön, „wo ist denn mein Friede? Kein Sterbenswörtchen hat er mir vom Fortgehen gesagt.“
„Na sehe einer den Buben an,“ sagte die Bäuerin, „ganz heimlich geht er auf Arbeit. Wo er ist, hat er mir auch nicht gesagt, aber am Samstag gibt es halt überall Arbeit, und der Friede läßt sich schon gebrauchen. 's ist recht von ihm, daß er darauf sieht, ein paar Groschen zu verdienen. Ich wollte, mein Fritz wäre nur halb so fleißig und anstellig, aber das ist ein richtiger Faulpelz. Nur wenn es gilt, dumme Streiche zu machen, da ist er dabei. Mein Mann sagt immer, ihm käme die Nichtsnutzigkeit noch mal zur Nasenspitze und zur kleinen Zehe heraus. Ja, ja, 's ist schlimm!“
Die Bäuerin seufzte tief, aber Muhme Lenelies tröstete: „Ein gutes Herz hat er aber doch, und das ist die Hauptsache. Paßt auf, er wird noch ein braver, verständiger Bube werden!“
Die Schnipfelbäuerin nickte zufrieden, sie hörte es wie alle Mütter gern, wenn jemand ihrem Buben etwas Gutes nachsagte, und daß der Fritz bei aller Naseweisheit und Frechheit, bei aller Faulheit und Dummenstreichelust eben doch ein gutes Herz hatte, das tröstete sie immer wieder. Ganz vergnügt nahm sie Abschied, versprach noch, mit der Magd einen Topf Kaffee zu schicken, und ging dann heim. Gerade vor der Haustür traf sie ihren Buben, der rief ihr gleich entgegen, da er sie aus Muhme Lenelies' Häuschen kommen sah: „Warum ist denn Traumfriede nicht in der Schule gewesen?“
„Nicht in der Schule gewesen?“ wiederholte die Schnipfelbäuerin erstaunt. „Ja in aller Welt, was macht denn der Bube? Wer nimmt denn einen Schuljungen den ganzen Tag zur Arbeit?“
„Der Herr Lehrer hat sich auch gewundert,“ sagte Fritz, der ordentlich froh war, daß sich der Lehrer einmal über etwas anderes als über seine Faulheit zu wundern hatte.
„Na, der Friede wird schon kommen, und so arg böse wird der Herr Lehrer nicht auf ihn sein,“ meinte die Bäuerin und ging in das Haus, und da es Mittagszeit war, folgte Fritz ungerufen. Er hatte in der Rechenstunde von sechs Exempeln sechs falsch gerechnet und in der Schreibstunde drei Kleckse und dreiundzwanzig Fehler in zwanzig Wörtern gemacht, davon bekommt einer schon Hunger.
Während alle Oberheudorfer Buben und Mädel vergnügt ihr Mittagbrot verzehrten und Muhme Lenelies still in ihrem Stübchen lag und mit Mimi, ihrer Amsel, und Schnurpsel, dem Kater, zusah, wie draußen die weißen Flocken in der Luft herumwirbelten, war Traumfriede weit, weit von Oberheudorf entfernt. Lange vor Tagesanbruch war er mit seinem Laternchen ausgezogen. Trotz haushoher Schneewälle, trotz Sturm und Kälte wollte er doch nach der Stadt wandern, um für seine Pflegemutter die Hustentropfen zu holen. Heimlich war er gegangen; er wußte, Muhme Lenelies würde sich um ihn sorgen, und die Sorge wollte er ihr ersparen. Es bedrückte ihn freilich schwer, daß er nicht in der Schule sein konnte, aber er dachte: „Wenn ich nachher den Herrn Lehrer bitte, wird er es mir schon verzeihen; ich mußte doch gehen.“ Tapfer schritt er aus. Es war, als er fortging, noch so dunkel, daß er kaum den Weg erkennen konnte. Dazu lag der Schnee so hoch, daß er oft bis an den Hals einsank. Bis Niederheudorf ging es noch, da war am Tage vorher der Weg gebahnt worden, als Friede aber nachher in den Wald einbog, wurde das Vorwärtskommen immer schwerer, und er blieb manchmal fast verzagt stehen. Aber der Gedanke, Muhme Lenelies würde vielleicht kränker werden, wenn er die Tropfen nicht brächte, trieb ihn immer wieder vorwärts. Nach und nach dämmerte der Tag herauf, und als er aus dem Walde wieder heraustrat, da lag das weite Land im blassen Morgenschein still und weiß vor ihm. Es sah so schön aus, daß er darüber beinahe alle Beschwerden des Weges vergaß. Er blies hurtig sein Laternlein aus und stapfte unverzagt weiter. Nach vielstündiger Wanderung erreichte er endlich die kleine Stadt, in der die Apotheke war. Er fand sie bald, trat ein und verlangte die Hustentropfen für Muhme Lenelies. Dabei wunderte er sich selbst über seinen Mut; ganz vergnügt dachte er: „Na, Heine Peterle sollte sehen, wie ich mich zurecht finde.“ Heine Peterle konnte die Stadt nicht leiden, warum, ist schon in einem andern Buche erzählt worden, aber auch die übrigen Oberheudorfer Buben und Mädel wollten nicht viel von der Stadt wissen. Sie kannten sie nämlich gar nicht; wenn mal eins mitgenommen wurde, das war dann immer eine besondere Sache. Zum Vergnügen fuhren die Oberheudorfer nicht in die Stadt, nur zum Kauf und Verkauf. Meist waren da, wenn sie von Oberheudorf abfuhren, die Wagen voll und für Kindervolk kein Platz mehr. Auch Friede war noch nie mit in der Stadt gewesen, es gefiel ihm aber ganz gut darin, und die Leute, die er nach der Apotheke fragte, gaben ihm auch freundlich Auskunft. Der Apotheker freilich war nicht nett, der verlangte ein Rezept, und als Friede verlegen sagte, er hätte keins, wollte er ihm die Tropfen nicht geben. Der Bube, der müde und hungrig war, stand ganz verdattert da. Ein alter Herr neben ihm sah es und fragte mitleidig, für wen er die Tropfen wollte. Friede gab Auskunft, treuherzig erzählte er alles, und der alte Herr riet ihm, er sollte doch zu Doktor Treumann gehen, der wohne ganz in der Nähe und würde ihm sicher die Tropfen noch einmal verschreiben. Das tat denn Friede auch. Der Doktor, der just fortgehen wollte, war sehr erstaunt, den Buben zu sehen. Der freundliche Arzt kam nicht allzu oft nach Oberheudorf, denn viel Kranke gab es nicht im Dorf, er kannte trotzdem alle Leute dort, und die alte Muhme Lenelies mochte er besonders gern leiden. Er wußte aber auch, wie weit es bis Oberheudorf war, und wie schwer es sich bei solchem Schneewetter ging. „Junge,“ rief er ganz erstaunt, „bist du denn zu Fuß gekommen?“
Traumfriede auf dem Wege zur Apotheke.
„Ja,“ sagte Friede treuherzig, „die Pferde kommen doch nicht mehr durch, sonst hätte die Schnipfelbäuerin die Tropfen mitgebracht.“
„Na, das ist gut,“ rief Doktor Treumann, „die Pferde können nicht mehr durchkommen, und so ein Dreikäsehoch läuft den Weg, noch dazu in der Dunkelheit. Aber Junge, Junge, wie konnte deine Pflegemutter nur so unvernünftig sein und dich gehen lassen!“
Verlegen bekannte Friede, daß er heimlich davongelaufen sei, weil die Muhme ihn sonst nicht hätte gehen lassen. „Und sie muß doch ihre Tropfen haben,“ flüsterte er.
Der Arzt strich ihm sacht über den Kopf. „Du bist ein braver Bursche,“ sagte er ernst, „aber ich habe Angst um dich, du wirst nicht heim kommen. Bergauf brauchst du noch mehr Zeit, das ist noch schwerer; ich fürchte, das wird zu viel für deine Kräfte sein.“
„Ach nä,“ rief Friede vergnügt und mutig, „es geht schon, ich bin gar nicht müde!“
Der Arzt überdachte die Sache. Er selbst mußte eilig fort zu einem Schwerkranken, er hatte kaum Zeit, etwas für den Buben zu sorgen. Kam der nun heute nicht heim, dann ängstigte sich Muhme Lenelies vielleicht so, daß sie noch kränker wurde. Die Tropfen brauchte sie, ein Bote, der den Weg machte, würde sich schwer finden, also mußte Friede schon wieder zurückwandern. Er ließ dem Buben heißen Kaffee geben, dazu Butterschnitten, und dann ermahnte er ihn: „Du darfst dich aber nicht ausruhen wollen unterwegs, und wenn du noch so müde bist, sonst schläfst du ein und erfrierst. Gib mir die Hand darauf, Junge, daß du dich nicht hinsetzt!“
Friede gab dem gütigen Mann die Hand, und der mahnte noch einmal: „Denk an dein Versprechen! Sein Wort muß man halten; ein Feigling, wer es nicht tut.“ –
Nach einer Stunde trabte Friede gut ausgeruht und satt, die Tropfen in der Tasche und noch ein Paketchen vom Arzt, das er dem Lehrer abgeben sollte, wieder der Heimat zu. Anfangs ging es leicht, bald aber merkte er, daß Doktor Treumann recht gehabt hatte damit, daß der Heimweg schwerer sein würde. An manchen Stellen mußte er durch den Schnee krabbeln wie eine Maus durch einen vollen Mehlsack. Mitunter stand er minutenlang still und meinte vor Müdigkeit umsinken zu müssen, dann trieb ihn aber immer wieder der Gedanke an sein Versprechen vorwärts. Er hatte sein Wort gegeben, das mußte er halten, und Muhme Lenelies mußte ihre Tropfen haben, sonst wurde sie kränker.
Immer wieder raffte er sich auf und trabte weiter. Einmal versank er so im Schnee, daß er sich nur an dem tief herniederhängenden Ast einer Tanne wieder emporziehen konnte. Dazu brauste der Wind und trieb ihm die Flocken in das Gesicht; das stach wie mit Nadeln, und mitunter konnte er gar nichts sehen.
Als er endlich den Wald erreicht hatte, überfiel ihn eine solche Mattigkeit, daß er stehen blieb und sich an eine Tanne lehnte; so müde war er, ach so müde. Da war es ihm plötzlich, als rufe jemand laut neben ihm: „Sein Wort muß man halten; ein Feigling wer es nicht tut!“ Da raffte er sich wieder auf, um mit zitternden Händen sein Laternchen anzuzünden, denn schon war es dunkel geworden. Der Wind blies es ihm immer wieder aus, von den sorgsam mitgenommenen Streichhölzern verlöschte eins nach dem andern, endlich das vorletzte zündete das Lichtlein an. Friede nahm das letzte Stück Brot, das er noch in der Tasche hatte, aß es auf und wurde nun wieder etwas munter.
Er stapfte weiter. Immer dichter fiel der Schnee. Der Sturm hatte sich ganz gelegt, und es war eine tiefe, tiefe Stille ringsum. Friedes Laternchen schwankte hin und her. Der Bube war so matt, daß ihm jeder Schritt eine schwere Arbeit schien. Immer wieder blieb er stehen, immer wieder meinte er vor Müdigkeit fast umsinken zu müssen, aber immer wieder trieb ihn der Gedanke an Muhme Lenelies und an sein gegebenes Wort empor.
Endlich, endlich sah er Lichter durch die Dunkelheit schimmern. „Niederheudorf,“ dachte er wie erlöst, „da kann ich mich ausruhen, jemand nimmt mich schon auf.“ Aber wie endlos sich der Weg noch dehnte! Noch immer kein Haus, noch immer kein Mensch zu sehen! Weiter mußte er wandern, immer weiter!
Und wieder lehnte sich Friede an einen Baum. Er fühlte, wie seine letzte Kraft schwand, aber die Tropfen, sein Wort! Taumelnd tat er einen Schritt vorwärts, da packte ihn plötzlich eine kräftige Hand, und eine laute, schnarrende Stimme rief: „Zum Donnerwetter noch einmal, wer treibt sich denn hier herum?“
„Muhme Lenelies muß ihre Tropfen haben,“ stammelte Friede halb bewußtlos vor Mattigkeit. „Ihre Tropfen – ihre Tropfen – ich mein Wort – – weiter – weiter!“
„Na das ist ja eine nette Bescherung!“ brummte Leberecht Sperling, der Waldhüter, er war der Sprecher, und hob den Knaben auf. „Sieh mal einer an, der Traumfriede ist's. Du, Bube,“ schrie er, „wo kommst du denn her?“
„Aus – der – Stadt,“ lallte Friede.
„Bei dem Wetter? Bist du verrückt?“ schrie der Waldhüter. „Bist du etwa hin und zurück gegangen?“
„Ja,“ murmelte der Bube schlaftrunken, „die Tropfen, – Muhme Lenelies braucht sie doch!“
„So eine unvernünftige Kreatur,“ schalt Leberecht Sperling, „läuft in die Stadt bei dem Wetter! Verwichsen müßte man so einen Buben! Na, ich sag's ja, nichts als Dummheiten machen die Buben, dumm, dumm, ausnehmend dumm!“
Von diesem Schimpfen hörte Friede nichts mehr, er lag auf des Waldhüters Arm, und der trug den Buben so sorgsam, als wäre er dessen Mutter, durch den Schnee. Die bösen Worte meinte Leberecht Sperling nicht böse, je weicher es ihm ums Herz war, desto mehr schalt er, das war so seine Art, und wenn er alle Oberheudorfer Kinder für ausnehmend ungezogen erklärte, so hatte er sie im Grunde doch eigentlich alle lieb – freilich sie merkten das nur selten.
Als es dunkel wurde und Friede immer noch nicht kam, begann Muhme Lenelies sich zu ängstigen. Schnurpsel mochte noch so schnurren und Mimi noch so viel im Zimmer herumhüpfen, der alten Frau erschien es heute doch bedrückend einsam. Sie atmete auf, als endlich draußen Schritte erklangen. Es war Heine Peterles Mutter, die kam, und nach einem Weilchen erschien auch die Frau Lehrerin. Von den beiden nun erfuhr Muhme Lenelies, daß Friede an dem Tage gar nicht in der Schule gewesen war. „Ich denke mir, der Bube ist zum Schulzen nach Niederheudorf gegangen,“ sagte Heine Peterles Mutter, „dort sind zwei Mägde krank, und weil doch nächstens Hochzeit ist, haben sie alle Hände voll zu tun.“
Muhme Lenelies schüttelte den Kopf, nein, das glaubte sie nicht, darum hätte Friede nicht die Schule versäumt. Ihr wurde es auf einmal so bang zumute, und angstvoll rief sie: „Meinem Buben ist etwas passiert, ein Unglück ist geschehen!“
Die Frauen suchten sie zu beruhigen, aber ihnen kam die Sache jetzt selbst seltsam vor. „Ja, wenn's mein Heine Peterle gewesen wäre,“ murmelte dessen Mutter, „der brächte es schon fertig, mal hinter die Schule zu gehen.“
Da erklangen draußen schwere Tritte und eine laute Stimme, Leberecht Sperling riß die Türe auf und setzte Friede mit einem Ruck mitten ins Zimmer. „Da ist er,“ rief der Waldhüter. „So ein dummer Purzel läuft bei dem Wetter in die Stadt!“ Friede riß krampfhaft seine Augen auf, sah sich verdutzt in dem hellen Zimmer um und murmelte halb im Traum: „Die Tropfen – ich darf nicht ausruhen – mein Versprechen! Ich –“
„Bube, mein Bube,“ rief Muhme Lenelies, „du warst in der Stadt?“
„Ja, da war er,“ sagte Leberecht Sperling, „und jetzt geht er ins Bett. Der schläft ja schon wie ein Hase mit offenen Augen!“ Er nahm dem Buben seinen Korb ab, zog ihm ritsch, ratsch die Stiefel aus, die Frauen halfen Jacke und Höslein herunterziehen, und weil der ganze kleine Kerl kalt wie ein Eiszapfen war, wickelten sie ihn in eine wollene Decke, dann legten sie ihn ins Bett. Schon halb schlafend trank Friede noch den heißen Kaffee, den die Frau Lehrerin ihm reichte; von allem dem, was um ihn herum gesprochen wurde, hörte er aber gar nichts mehr. Er hörte nicht, daß Muhme Lenelies unter Tränen rief: „Gott sei Dank, daß mein Goldjunge wieder da ist,“ und daß Leberecht Sperling schalt und die beiden Frauen ihn lobten, er schlief und träumte wundervolle Dinge. Er ging im Traum an der weißen Hand der Schneekönigin, die führte ihn in einen glitzernden, funkelnden Palast, und lächelnd nahm sie einen köstlichen Pelz und legte ihn über seine Knie: „Damit du nicht frierst.“ Wie weich und warm der Pelz war! Friede strich ihn sacht und wußte nicht, daß Schnurpsel, der Kater, der sich auf seine Füße gelegt hatte, der köstliche Pelz der Schneekönigin war.
Um Mitternacht legte sich der Wind, es hörte auf zu schneien, und am nächsten Morgen schien hell die Sonne auf Oberheudorf herab. Sie schien dem Traumfriede so lange auf die Nase, bis der Bube erwachte.
Muhme Lenelies stand vor seinem Bett. Sie hatte eine große Kaffeekanne in der Hand und sah aus, als hätte sie sich ein bißchen mit Sonnenschein gewaschen. „Muhme,“ stammelte Friede verwirrt, „bist du denn gesund?“
„Na, so ziemlich,“ rief die alte Frau. „Die Tropfen haben mir gut getan, mein Goldjunge. Paß auf, nun reißt das Kranksein aus!“
So wurde es auch, das Kranksein riß wirklich aus. Als nach einiger Zeit, als der Schnee nicht mehr haushoch lag und die Wege versperrte, Doktor Treumann nach Oberheudorf kam, da fand er Muhme Lenelies recht munter und vergnügt. „Ei, da scheint ja mal wieder der Arzt überflüssig zu sein,“ sagte er lachend.
Muhme Lenelies nickte: „Ihre Tropfen waren gut, aber ich glaube, Herr Doktor, daß mein Friede den schweren Weg für mich gemacht hat, das hat mir noch mehr geholfen. Freude ist allemal gesund!“
„Ja, Freude ist gesund,“ sagte auch der Arzt, „und Euer Friede, Muhme Lenelies, das ist ein Staatsjunge. Paßt auf, der sorgt noch oft für Freude in Euerm Leben!“
Im Dorfe sagte dies noch mancher Bauer und manche Bäuerin, und Friede bekam jetzt jeden Tag so viele freundliche Blicke und Worte wie früher, als er noch beim Kohlbauern gewesen war, im ganzen Jahr nicht. Über nichts aber freute er sich mehr als über Muhme Lenelies' Genesung und über den Herrn Lehrer, denn der hatte gar nicht über den versäumten Schultag gescholten, kein Wort hatte er gesagt, nur den Traumfriede sehr, sehr gütig angeschaut.