Das Vogelschießen in Niederheudorf.

Alljährlich, so zwischen Roggenernte und Kartoffelausmachen, war in Niederheudorf Vogelschießen. Niederheudorf lag eine Stunde von Oberheudorf entfernt, weiter unten im Tal, und war ein sehr großes, stattliches Dorf. Natürlich gingen die Oberheudorfer immer zum Vogelschießen, obgleich sie sich jedesmal ärgerten, daß bei ihnen nicht auch so ein schönes Fest war. Besonders die Kinder ärgerten sich darüber; denn erstens hätten sie lieber zwei Feste gefeiert statt eins, und zweitens taten sich die Niederheudorfer Kinder immer sehr groß mit ihrem Vogelschießen. „So was habt ihr freilich nicht!“ sagten sie hochmütig. „Ihr seid ja auch bloß 'n kleines Dorf!“

„Ich tät mich schämen, wenn ich in so 'nem Dörfchen wohnte!“ rief einmal der vorlauteste Niederheudorfer Bube. Das bekam ihm aber schlecht. Heine Peterle, der blaue Friede und Schnipfelbauers Fritz brachten ihm recht handgreiflich die Meinung bei, daß Buben aus kleinen Dörfern ebenso gut, wenn nicht besser, hauen können als die großdörflichen Buben.

Trotz ihres Ärgers aber freuten sich die Oberheudorfer Kinder schon lange vorher auf das Vogelschießen, und wenn der ersehnte Tag da war, zogen sie mit Sang und Klang schon um zwölf Uhr von daheim weg, denn um ein Uhr begann das Fest. Sie kamen also sehr pünktlich. Wenn es die Väter und Mütter erlaubt hätten, dann wären sie schon früh am Morgen in Niederheudorf eingetroffen.

Wieder einmal war der Festtag gekommen, und die Sonne schien, wie sich das für einen solchen Tag schickt, warm und hell, und nicht das kleinste Regenwölkchen war am Himmel zu sehen.

Sehr vergnügt, sehr erwartungsvoll, mit Vogelschießgroschen in der Tasche, so trabte die Oberheudorfer Jugend im besten Sonntagsstaat nach Niederheudorf. Nichts störte ihre Sonntagsfreude, nicht einmal der Gedanke an ungemachte Schularbeiten, denn der Herr Lehrer hatte zum Montag nichts aufgegeben. In der allerbesten Laune betraten die Kinder den Festplatz. Der sah geradezu märchenhaft schön aus. In der Mitte stand ein Zelt, in dem gab es Bier, Semmeln und Würstchen. Rechts und links von dem Zelt waren zwei Fahnen aufgepflanzt. Die eine hatte nur ein Loch, so groß wie ein Tonnendeckel, und die andere war recht schmutzig, aber sonst waren sie sehr schön.

Für die Kinder gab es ein Karussell, ein Kasperletheater und eine Bude, in der es Papierlaternen, Pfefferkuchen, Drachen, Bonbons und dergleichen gute Dinge zu kaufen gab. Man konnte auch darum würfeln, doch da kriegte man gewöhnlich nichts.

Heine Peterle und Schulzens Jakob prügelten sich fast, weil Jakob meinte, das Karussell wäre am schönsten, und Heine Peterle mehr für das Kasperletheater eingenommen war. Aber schön war beides.

Das Karussell hatte braune und weiße Pferde, die kleine Kutschen zogen, und wenn es sich drehte, tanzten in der Mitte immer vier Puppen. Einer fehlte der Kopf, eine hatte keine Arme, und einer war das Kleid halb verbrannt und die Nase eingeschlagen, aber tanzen konnten sie doch. Das Karussell kam jedes Jahr, und die Kinder wußten schon, daß das eine Pferd eine schwache Feder hatte; setzte sich jemand darauf und ging das Karussell los, dann berührte das Pferd mit der Nase immer den Boden, und wer nicht fest saß, konnte leicht von diesem wilden Tier herunterfallen.

Als die Kinder den Festplatz betraten, kam auch gerade der Waldhüter Leberecht Sperling an, und der Karussellbesitzer drehte seine Musik auf. Dideldideldi, dideldideldi! ging es, und die Kinder liefen eilig hin, denn natürlich gefiel ihnen das Karussell besser als der immer brummige Waldhüter.

Das erstemal fuhren nur ein paar Niederheudorfer Buben, die es gar nicht erwarten konnten. Die andern Kinder standen und sahen zu; das war auch ein Vergnügen. Erst beim drittenmal, just als die erwachsenen Oberheudorfer auf dem Festplatz anlangten, kletterten Buben und Mädel auf das Karussell. Auf das braune Pferd mit der kaputten Feder aber ging kein Kind, denn keines wollte herunterfallen. Zweimal fahren kostete fünf Pfennig, und die Oberheudorfer Kinder meinten, für das teure Geld müßte man wenigstens bis zum Schluß sitzen bleiben können. „Da ist Leberecht Sperling!“ schrie Anton Friedlich plötzlich, der auf einem Schimmel saß und sich wie ein Feldmarschall vorkam.

Drohend schauten die Buben und Mädel auf den Waldhüter, der wirklich geradewegs auf das Karussell zukam. „Was will er denn? Hier ist kein Wald!“ schrie Heine Peterle patzig.

„Er will mitfahren!“ kicherte Annchen Amsee, die stolz wie eine Prinzessin in einer mit rotem Samt ausgeschlagenen Kutsche saß.

„Vielleicht setzt er sich auf den Braunen,“ rief Schnipfelbauers Fritz, und die Kinder quiekten förmlich vor Vergnügen über diesen Witz und guckten alle lachend auf den sonst so gefürchteten Waldhüter; hier auf dem Festplatz konnte er ihnen ja nichts tun.

Leberecht Sperling ärgerte sich über all die blanken, lachenden Kinderaugen, wie er sich ja über vieles ärgerte, über das andere Leute sich freuten. Als daher Schulzens Jakob schrie: „Geht's denn nicht bald los?“ da rief er wütend, als sei er der Besitzer: „Wart' es doch ab, dummer Bengel!“

„Wollen Sie mitfahren, Herr Waldhüter?“ fragte der Karussellmann höflich.

Alle braunen und blauen Buben- und Mädelaugen richteten sich empört auf Leberecht Sperling. Ob er das wohl wagte? „Das Karussell ist doch für uns!“ knurrten etliche.

„So? Meint ihr, ihr ungezogenes Volk?“ rief der Waldhüter zornig, sprang auf und kletterte richtig auf das braune Pferd, weil das der einzige freie Platz war.

Dideldideldi, dideldideldi! ging geschwind das Karussell los.

Nick! machte das braune Pferd, und Leberecht Sperling stieß mit der Nase beinahe auf den Boden.

„Ihr Diener!“ rief Friede Hopserling, der Müllerknecht, der stand und zusah; er dachte, der Waldhüter habe ihn gegrüßt.

„Dummer Müllerbursche!“ schrie der wütend und – nick! machte das braune Pferd.

„Na, wie geht's?“ fragte der Schulze, der auch herbeigekommen war und dachte, jetzt habe der Waldhüter ihn gegrüßt.

Dideldideldi, dideldideldi ging das Karussell schneller, und Friede Hopserling, der wohl gemerkt hatte, warum Leberecht Sperling nickte, verbeugte sich lachend und schrie: „Schön guten Tag, Herr Waldhüter!“

Nach und nach kamen immer mehr Zuschauer, und je schneller das Karussell ging, desto öfter nickte Leberecht Sperling auf seinem braunen Pferd. Und die Bauern und Bäuerinnen, die sich wunderten, daß der sonst so mürrische Waldhüter heute so höflich war, nickten wieder, und Mine, die Wirtsmagd, machte sogar einen tiefen Knicks.

Leberecht Sperling ärgerte sich immer mehr und schrie: „Aufhören, auf–hören!“

Dideldideldi, dideldideldi, dideldideldi! ging das Karussell schneller und schneller, und das braune Pferd hopste und nickte wie toll, und auf einmal gab es einen heftigen Stoß, und der Waldhüter flog in einem großen Bogen herunter, dem Schuster Pechdraht, der auch zusah, gerade in die Arme.

„Uff!“ machte der, denn er wäre beinahe hingefallen, dann aber preßte er den Waldhüter fest an sich und rief schmunzelnd: „Schön guten Tag, schön guten Tag! Warum denn heute so freundlich?“

Wütend riß sich Leberecht Sperling los, den allezeit lustigen Schuster konnte er am wenigsten von allen Oberheudorfern leiden. Ohne sich umzusehen, lief er davon und flüchtete in das Bier-, Würstchen- und Semmelzelt, und die Kinder bekamen ihn an diesem Tage nicht mehr zu sehen.

Sie vermißten ihn auch gar nicht in ihrem Vergnügen. Die Wogen der Freude gingen hoch an diesem Tage, und die Oberheudorfer Kinder waren so lustig, daß sie sich nicht einmal mit den Niederheudorfern über die Vorzüge ihrer Dörfer stritten.

Nachdem sie alle Karussell gefahren waren, fanden sie, es wäre gut, erst einmal die Schätze der Pfefferkuchenfrau zu betrachten. Sie liefen alle zusammen an die Bude, und es fehlte nicht viel, so hätten sie die Bude samt Pfefferkuchen und Verkäuferin umgerissen. Die Frau erhob ein Zetergeschrei, nahm einen großen Rohrstock und wehrte sehr entschieden allzu eifrige Käufer und Begucker ab.

Das war auch notwendig, denn die Oberheudorfer Kinder waren der Ansicht, daß, wenn einer für fünf Pfennig Zuckerstangen oder gar für zehn Pfennig gebrannte Mandeln kaufte, er auch vorher kosten dürfe. Aber davon wollte die Pfefferkuchenfrau nichts wissen. „Kosten kost' 'nen Fünfer,“ schrie sie und klappste den dicken Friede auf die Hand, weil der eine besonders gute Sorte Bonbons probieren wollte.

„Die ist aus der Stadt, da sind die Leute so frech!“ sagte Heine Peterle wütend, weil ihm die Frau auf seinen Einkauf für fünf Pfennig nichts zugeben wollte.

Die Mädel waren besonders fürs Zugeben eingenommen, und Tischlers Liese sagte, wenn sie mal Pfefferkuchenfrau wäre, sie würde gewiß immer zugeben. Doch die Pfefferkuchenfrau auf dem Niederheudorfer Festplatz hatte entschieden ein steinernes Herz: sie gab nichts zu, ließ nicht kosten und nicht handeln, und es dauerte daher ziemlich lange, bis die Kinder ihre Einkäufe gemacht hatten.

Im Kasperle-Theater hatte das in roten Hosen steckende Kasperle schon etliche Male gerufen: „Seid ihr alle da?“ ehe es die Antwort erhielt: „Ja, wir sind da!“

Es war ein urkomisches Kasperle, das sich da, wenn der blau und gelb gestreifte Vorhang aufgezogen wurde, mit dem Teufel, seiner Frau und all den andern Personen des Puppentheaters herumzankte. Es begrüßte die Kinder immer mit dem freundlichen Zuruf: „Na, ihr Dösköppe, wollt ihr Haue?“

„Ja,“ schrien die Kinder, denn es war nicht gefährlich, wenn Kasperle in der Luft herumfuchtelte.

„Sind die Oberheudorfer Schlingel auch da?“ fragte es dann.

„Ja, hier sind wir!“ riefen alle Oberheudorfer Buben und Mädel, sie fühlten sich durch Kasperles Nachfrage sehr geehrt.

„Potz blitz,“ quiekte Kasperle, „da muß ich losgehn. Frau, komm raus, die Oberheudorfer sind da!“

„Das ist dumm!“ rief ein Niederheudorfer Bube empört. „Wir müssen genannt werden, bei uns ist doch das Schießen!“

„Halt den Mund!“ keifte Kasperle.

Aber die gekränkten Niederheudorfer hielten nicht den Mund, und die Oberheudorfer schwiegen auch nicht still. Die Kinder standen sich eine Weile kampfbereit gegenüber, als Kasperle plötzlich rief: „Gute Nacht, ich geh' ins Bett!“

„Nein, bleib hier!“ riefen die Kinder erschrocken und vergaßen ihren Streit, und das Spiel begann.

Der eifrigste Zuhörer war der dicke Friede. Mäuschenstill stand er und sperrte Augen, Mund und Ohren auf. Er vergaß vor lauter Eifer sogar das Essen, trotzdem er einen großen braunen Pfefferkuchen in der Hand hielt. Als der Vorhang zugezogen wurde, weil ein Akt des Stückes zu Ende war, sagte der dicke Friede seufzend, wie aus einem tiefen Traume erwachend: „Ich möchte auch ein Kasperle sein!“

Seine Gefährten sahen ihn verdutzt an, und Heine Peterle meinte nachdenklich: „Na, ausgelacht zu werden, ist dumm!“ Er dachte dabei an seine Erlebnisse in der Stadt.

Annchen Amsee, die auf einer Bretterplanke saß, strich sich ihr Kleid glatt und meinte: „Eine Gräfin möchte ich schon spielen!“

Der blaugelbe Vorhang teilte sich ein wenig, Kasperle steckte seine große Nase heraus und jammerte: „Oh jerum, jerum dideldum, Kasperle hat Hunger. Knurr schnurr! Hört ihr, wie mein Bäuchlein knurrt?“

Die Kinder lachten, doch der dicke Friede besann sich nicht einen Augenblick, rasch warf er Kasperle seinen schönen Pfefferkuchen zu.

„Der schmeckte dir wohl nicht?“ fragte Annchen Amsee verdutzt, und Schulzens Jakob forschte: „Dir ist wohl schlimm?“

Daß der dicke Friede freiwillig etwas Eßbares verschenken konnte, das erschien den Kindern zu verwunderlich. Doch da der Vorhang wieder aufgezogen wurde, verstummte das Gespräch, und Kasperle, der erklärte „bumssatt“ zu sein, lenkte die Aufmerksamkeit wieder auf sich.

Während die Kinder vor dem Puppentheater standen, hatten die Erwachsenen nach dem Vogel geschossen. Jeder Schuß wurde mit Beifallsrufen begleitet. Dazu erklang die Musik des Karussells. Vor dem Bier-, Würstchen- und Semmelzelt spielte ein Mann eine Ziehharmonika, und das jauchzende Gelächter der Kinder schallte über den Festplatz. Es war also ziemlich geräuschvoll, und die braven Niederheudorfer Rinder, Pferde, Schweine, kurz alles Getier, wunderte sich recht über den Lärm. Die Kettenhunde bellten, und in den Ställen brummten die Rinder, während die Hühner aufgeregt gackerten und das Eierlegen vergaßen.

Der Lärm drang bis zu einer eingezäunten Wiese, auf der mehrere junge Rinder weideten. Der Hütejunge, der aufpassen sollte, war heimlich auf den Festplatz gelaufen. Ein junger Ochse fand, daß es ganz leicht sei, die nur angelehnte Tür des Gatters aufzustoßen, und unverzagt machte er sich ebenfalls auf den Weg nach dem Festplatz. Je näher er kam, desto lauter wurde die Musik. Das ärgerte ihn, und in ziemlicher Wut kam er zu den vergnügten Leuten.

Ein wütender Ochse ist aber mitunter recht gefährlich, und bei seinem Nahen erhob die Pfefferkuchenfrau, an der er vorbeistürmte, ein lautes Geschrei. Der Ochse jedoch fand die Schätze der Pfefferkuchenfrau nicht verlockend und rannte weiter. Einige Mägde flüchteten schreiend vor ihm in das Bier-, Würstchen- und Semmelzelt. „Ein Ochse kommt, ein Ochse kommt!“ Der Waldhüter steckte vor Schreck den Senflöffel in den Mund und warf eine Wurst ins Bier, einige Frauen kletterten auf die Tische, – aber kein Ochse erschien.

Der würdigte das Zelt keines Blickes, sondern trabte im Sturmschritt auf das Puppentheater zu. Dort deklamierte Kasperle gerade:

„Mein werter Herr Teufel,
Sie sind sehr frech ohne Zweifel,
Ich reiß' Ihnen jetzt die Nase ab
Und“ – – –

Buh, buh, steckte der Ochse seinen Kopf in das Puppentheater hinein, und mit einem gellenden Schrei purzelten Kasperle, Teufel und die gefangene Prinzessin in die Tiefe.

Das Theater wackelte.

Der Ochse und die Kinder brüllten. Der Budenbesitzer flüchtete – es war eine heillose Verwirrung.

Der dicke Friede war unsanft aus seinem Entzücken gerissen worden, und wütend über die unerwartete Störung sprang er auf, nahm eine Latte, die nicht weit von ihm lag, rannte auf den Ochsen los und schlug diesen auf die Nase. „Raus!“ rief er, „hast hier nichts zu suchen! Raus, raus!“

Der Ochse sah ganz verdutzt auf den kleinen zornigen Bengel, der krebsrot vor Wut war, machte noch einmal „buh“ und trabte dann wirklich davon. Ehe er ein Unheil anrichten konnte, wurde er eingefangen und in seinen Stall zurückgeführt.

Der dicke Friede, der durch seinen Mut eine große Gefahr beseitigt hatte, kehrte gelassen auf seinen Platz zurück und rief, als sei nichts geschehen: „Weiter!“

Kasperle lag freilich noch ganz matt da, und es dauerte eine ganze Weile, bis er sich erholt hatte und sich weiter mit dem Teufel zanken konnte, dann aber konnte das Spiel ohne Unterbrechung zu Ende geführt werden.

Friede bekam dann von seinem Vater zur Belohnung für seinen Mut noch einen Vogelschießgroschen, mit dem er zur Pfefferkuchenfrau eilte, denn auf einmal fühlte er wieder ein Loch in seinem Magen, in das gerade ein Pfefferkuchen hineinpaßte.

All die laute, jubelnde Festesfreude konnte die Sonne nicht am Zubettgehen hindern. Rutsch! fiel sie hinter rosenroten Wölkchen herunter, und die Dämmerung kam. Auf dem Festplatz erhob sich lautes Wehklagen. Alle Oberheudorfer Kinder fanden, es sei noch ganz hell, obgleich die Mütter ihre Buben und Mädel kaum noch voneinander unterscheiden konnten. So zog Schulzen Jakobs Mutter Anton Friedlich an den Ohren, weil sie dachte, er sei es gewesen, der allen mitgebrachten Kuchen aufgegessen hatte, und die Waldbäuerin schalt Krämers Trude aus ob des zerrissenen Kleides, aber da Trude ihr Kleid auch zerrissen hatte, schwieg sie still, während Anton schrecklich brüllte.

Alles Wehklagen half aber nichts, die Kinder mußten heimziehen. Jedes zündete seine Laterne an. Da gab es rote, blaue, grüne oder papageienbunte Laternen, und die Niederheudorfer Kinder beneideten die Oberheudorfer beinahe um den Heimweg.

„Ihr könntet auch mal was haben, damit wir von euch mit Laternen wegziehen könnten,“ riefen einige Niederheudorfer Buben.

Schnipfelbauers Fritz, der größte Naseweis im Umkreis von zehn Meilen, rief schnell: „Ei, dann kommt doch in vierzehn Tagen, da gibt's ein großes Kinderfest bei uns. Gelle, Anton?“

Und Anton Friedlich, der auch immer zu einem dummen Streich aufgelegt war, sagte: „Freilich, freilich! Ja, wißt ihr denn das noch nicht? Kommt nur alle!“

Bumbum, bumbum! schlug Schulzens Jakob auf seine Trommel, das war das Zeichen zum Abmarsch, und singend zogen die Oberheudorfer von dannen. „Wir kommen,“ brüllten ihnen die Niederheudorfer Buben nach, und Fritz und Anton riefen keck: „Auf Wiedersehen!“

Der Heimweg war so schön wie der Tag; kein mißgünstiger Platzregen löschte die Laternen aus, und einige brannten sogar bis Oberheudorf. Viel Licht, um ins Bett zu gehen, brauchte an diesem Abend keines von den Kindern. Sie fielen fast in die Betten, so müde waren sie, und schliefen so fest, daß man das ganze Dorf hätte wegtragen können, ohne daß sie es gemerkt hätten.

Am nächsten Tage redeten sie nur von dem Fest. Jeder hatte noch etwas zu erzählen, und am liebsten wären sie alle am Nachmittag wieder nach Niederheudorf gezogen.

Am Nachmittag wollte des dicken Friede Mutter im Baumgarten Wäsche abnehmen. „Lina,“ rief sie der Magd zu, „hier fehlt doch eine von meinen bunten Nachtjacken und ein Käsebeutel. Wo mag denn das nur sein?“

„Kann sein, der Wind hat's über den Zaun geweht,“ sagte die Magd und begann zu suchen. Auf einmal kam sie zitternd angelaufen. „Frau,“ schrie sie, „Frau, unser Friede ist toll geworden!“

„Was schreist du denn so?“ fragte der Bauer, der zum Fenster heraussah.

„Unser Friede ist toll geworden!“ jammerte die Magd und lief zum Garten hinaus, und Bauer und Bäuerin rannten hinter ihr her.

Sie kamen an einen Holzschuppen, da stand der dicke Friede auf einem umgestülpten Wagen. Er hatte die bunte Nachtjacke seiner Mutter an und den Käsesack auf dem Kopf. Er zappelte mit Armen und Beinen, einmal hopste er wie ein Frosch, dann wieder wand er sich wie ein Regenwurm. Dazu schnitt er die gräßlichsten Gesichter und quiekte wie eine Maus, die in der Mausefalle sitzt.

„Du lieber Himmel!“ schrie die Bäuerin händeringend. „Was soll denn das sein?“

Friede sah entsetzt auf die unerwarteten Zuschauer und verschwand plötzlich hinter dem Wagen. Sein Vater aber zog ihn rasch hervor und fragte sehr nachdrücklich: „Gleich sagst mir, was das für Dummheiten sind!“

„Er ist toll geworden,“ jammerte die Magd, „meine Güte, der arme Bub!“

„Ich – ich bin nicht toll, ich – ich möcht' 'n Kasperle werden,“ rief Friede schluchzend.

„Ein Kasperle?“ Der Bauer lachte laut auf. „Ich meine, du brauchst keins zu werden, du bist schon eins!“

„Die gute Jacke ist ganz voll Wagenschmiere,“ klagte die Bäuerin und drehte ihren Buben um und um.

Lina, die nun sah, daß Friede nicht toll war, hatte alle Angst verloren, riß dem zukünftigen Kasperle die seltsame Mütze vom Kopf und eiferte: „Der Käsesack hat 'n Loch!“

Friede wurde die Sache unheimlich, er ließ sein Kasperlegewand in den Händen der Mutter und nahm schleunigst Reißaus; er ließ sich erst wieder sehen, als das Abendbrot auf dem Tische stand.

Am nächsten Tage kam zum Oberheudorfer Schulzen ein Bote vom Niederheudorfer Schulzen, um zu fragen, ob das mit dem Fest in vierzehn Tagen seine Richtigkeit habe. Die Niederheudorfer würden gern kommen und freuten sich schon darauf, auch einmal in Oberheudorf ein Fest mitzufeiern.

Der Schulze wurde fuchswild; er hielt die Sache für Spott und fuhr den Boten scharf an. Der überbrachte die grobe Antwort des Schulzen den Niederheudorfern, und sämtliche Dorfleute gerieten in helle Entrüstung. Gleich wurde eine noch gröbere Antwort nach Oberheudorf gesandt. Es hätte eine schlimme Geschichte daraus werden können, wenn der Pfarrer nicht herausbekommen hätte, wer die Einladung ausgesprochen hatte. Schnipfelbauers Fritz und Anton Friedlich wurden zum Schulzen beschieden, und sehr kleinlaut verließen sie nachher das Amtszimmer. Es half ihnen nichts, sie mußten eines Nachmittags nach Niederheudorf wandern und dort um Verzeihung bitten.

Es war kein leichter Gang, und Schnipfelbauers Fritz sagte heulend: „Ich geh nie wieder zum Vogelschießen!“

„Ich auch nicht,“ murrte Anton Friedlich.

Weil sie aber in Niederheudorf besser empfangen wurden, als sie gefürchtet hatten, meinten sie auf dem Heimweg, nächstes Jahr gingen sie doch wieder. Sie sollen es auch getan haben.