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Der angekündigte Tod[1]
Die Erbschaft[43]
Rußland in Paris[87]
Der erste Hirsch[133]

Der angekündigte Tod.

I.

Zur hundertjährigen Jubelfeier der französischen Revolution rüstete auch Karl Faber, ein junger österreichischer Dichter, zur Reise nach Paris. Die unverstandene erste Jugendzeit war gottlob vorbei; als ein weiser Genußmensch wollte er sich an das üppige Mahl des Lebens setzen. Er hatte einen gewaltigen Appetit, einen wahren Heißhunger – Tischlein deck dich! Tischlein deck dich!

Doch da fuhr der Teufel in ihn: nicht bloß daß er es mit seinem ehrlichsten Freund, einem einflußreichen Mann, gründlich verdarb, er zerschlug sich auch mit seinen Angehörigen. Einerseits beschämt, andererseits gekränkt, wollte er sich endlich auf die Reise machen, als der Wagen, der ihn zu Bahn fuhr, mit den Rädern in der Luft auf den Pflasterstein zu liegen kam. Karl, der mit einem Beinbruch davon gekommen war, mußte seine Abfahrt von Tag zu Tag verschieben, sich vom Frühling allerlei Verlockungen ins Ohr flüstern lassen und bei offenen Thüren wie ein Gefangener brüten: Leben, bist du so? Ziehst mit der einen Hand zurück, was du mit der andern reichst, willst nur Herzweh machen, narren? Mürrisch verzichtete er auf die Freuden der Seinestadt, und sobald er wieder auf den Beinen war, machte er sich nach dem bretagnischen Küstendorf Loctudy auf, wo ein weitläufiger Schwager von ihm auf einsamer Scholle saß. Das Meer sollte den Lustreisenden schadlos halten. Paris wollte er nicht mehr sehen. Zum Glück mußte die Fahrt dort gar nicht unterbrochen werden. Hurtig, Kutscher, zum Anschluß! Allein der Zug brauste Karl vor der Nase ab. Dieser fluchte, kratzte sich hinterm Ohr, suchte aber dann, um die Zeit bis zum Abgang des nächsten Zuges tot zu schlagen, den Gelehrten Laland auf, der ihn schon längst mit offenen Armen erwartete. Er fand ihn bei Tisch im Kreis fröhlicher Gäste.

»Ein Glück,« rief der väterliche Freund, »daß Sie sich das Bein und nicht den Hals gebrochen haben!«

»Keine Furcht. Ich stehe in Teufels Schutz!«

»Der Teufel ist die Jugend!« lachte der Gelehrte; doch als Karl vom Weiterreisen sprach, verging ihm die gute Laune.

»Der Lebensdrang stürmt in Ihnen, weiß nicht, wo hinaus, und macht Sie toll!« schalt er, denn er kannte ihn nur allzu gut vom Vaterhause her. »Was suchen Sie im Mai am Meeresstrand? Hier ist Ihr Platz! Der muß kein Herz im Leibe und keinen Verstand im Kopfe haben, der es über sich bringt, Paris links liegen zu lassen!«

Alle empörten sich gegen den jungen Barbaren, alle wollten ihn in ihrer Mitte behalten. Frau Espinas, eine Schwägerin des Hausherrn, rief in ihrem Groll:

»Ich wollte, Sie wären mein Sohn, dann würde ich Ihnen die Grillen schon austreiben!«

Auch Fräulein Andrée, die jugendliche Tochter der Dame, eine feine Brünette von gleichsam geheiligtem Liebreiz, suchte mit ihren aufstrahlenden, ahnungsvollen Augen dem Ausreißer ins Gewissen zu reden. Weiß Gott, dir zu Liebe bliebe ich gern, dachte Karl – doch nein!

»Der Zufall hat mir bereits einen Streich gespielt, ich darf ihn mir nicht über den Kopf wachsen lassen,« entschied er und fuhr richtig weiter.

Unterwegs riß ihn ein höllisches Gerüttel aus dem Schlaf, und zugleich fühlte er sich wie von wuchtiger Hand zu Boden geschleudert. Stockfinstere Nacht umgab ihn, der Nachhall von Donner und Brausen dröhnte in seinem Hirne, und aus einer Ecke stöhnte sein Reisegefährte, ein hochstämmiger Abbé aus Guimper: »Ich sterbe, so 'was ist mir noch nicht vorgekommen!« Karl lauschte, ob es Rettung galt oder Verderben, gleichviel, er war nicht verzweifelt, nur aufgeregt, besonders aber ungeduldig. Endlich blitzte ein Licht auf, ein Bahnbeamter trat mit einer Laterne an das zertrümmerte Fenster und sagte in unwirschem Ton: »Bitte, sich zu beruhigen, es ist bloß eine Zugsentgleisung.«

Sollt' ich mir diese Reise vielleicht doch aus dem Kopf schlagen? überlegte Karl. Unsinn! widersprach er sich sofort: das wäre, als wenn man nicht einmal seinen Willen haben könnte; und war nicht eher froh, bis er in einem neu herbeigeschafften Zug seines Weges weiter fuhr.

Auf der Endstation erwartete ihn das Gefährte des Gastfreundes. Eine alterslahme Stute von kleiner Rasse bildete des Gespann; Guillot, der Knecht, ein untersetzter Bursche mit den Zügen eines Helden und dem Blick eines zahmen Tiers, nannte sie Carabine, »mein Engel, mein Liebchen!« und zerbrach auf der kurzen Fahrt den Peitschenstiel auf ihrem Rücken. Fichten mit gekrümmten Stämmen und buschigen Kronen umgeben Herrn Briacs Haus, zwischen ihrem Laub schimmerte das Meer, und die Luft war voll würzigen Salzes. Da kam auch schon der Hausherr zum Vorschein, ein herrlicher Greis, muskelstark, sturmfest, nur etwas schwach auf den Füßen. Gyp, sein weißer Hühnerhund, hinterdrein.

»Willkommen!« rief der Alte erst höflich wie einer, der sich in sein Schicksal fügt; doch der ins Haus geschneite Verwandte mit seinem kühnen, fröhlichen Gesicht, als könnte er die ganze Welt in seine Tasche stecken, gefiel ihm, und aufatmend wiederholte er: »Willkommen!«

Statt Einkehr zu halten, zog ihn Karl nach der nahen Bucht, die, von Fichten umrandet, wie ein tiefblauer See in der Sonne lag. Kleine und große Schlösser, darunter ein flammrotes mit Türmen und Zinnen, schmückten das Ufer. Er hatte sich das Meer in allen seinen Gestalten ausgemalt, nur nicht so anmutig, und hatte im Geiste alle seine Stimmen vernommen; aber Aug' in Aug' mit ihm schwieg es. Enttäuscht, voll Ungeduld starrte er es an und wollte alle Eindrücke auf einmal empfangen. Vor ihm lagen mehrere Boote vor Anker von geschmeidigem Bau, mit dünnen Masten, ähnlich den Segelbooten, auf denen er die heimatlichen Seen oft befahren. Da sah man die »Caprice«, den »Druid«, die »rote Fliege«, eine stattliche kleine Flotte, der Stolz des Hausherrn.

»Nun, wie geht's daheim?« erkundigte sich dieser.

»So, so!« sagte Karl. Ihn verlangte, schnell eine Fahrt zu wagen. Zu seinen Füßen schwamm ein kleines Floß, er sprang darauf, stemmte das Ruder auf den seichten Grund und lenkte gegen die Boote.

»Ich will nur sehen, ob ich etwas tauge!« rief er, indem er sich an Bord des »Druid« schwang. Guillot sprang zu seinen Diensten herbei, der aufs Angenehmste überraschte Alte klatschte ihm Beifall zu, und so löste er die Stricke, lüftete die Segel, zog den Anker ein und stach in See.

Ein guter Wind war gleich zur Stelle, halb schwimmend, halb fliegend ging es vorwärts an der Insel Tudy vorbei in den Ozean hinaus. Das Fahrzeug begann zu schwanken, Delphine schlugen in der Ferne Räder, und unter den buhlerischen Wellen lag die unbekannte Welt. Entzückt atmete er die Luft, die noch nicht geatmet worden war, und jauchzte:

»Wie schön bist du, Ozean! Der harte Rücken der Erde behagt mir nimmer. Du bist gewaltig und hingebend, ich liebe solche Naturen. Selbst in deinen Armen noch sehn' ich mich nach dir!«

Um ein Glücksgefühl reicher, setzte er sich an jenem Strande fest und blickte mit trunkenen Augen in die Welt. Vor ihm lag England, Amerika, und als wäre er in aller Herren Ländern erwartet, um königlich empfangen zu werden, rief er der Ferne zu: »Auch dir werde ich die Ehre erweisen, doch erst will ich hier schalten und walten!« Gleich einer dienenden Gottheit schien ihn das Meer einzuladen: Komm, du sollst meine Wunder sehn! Demütig bat das Ufer: Bleib! Und in andachtsvollen Momenten hörte er den Himmel fragen: Soll ich meine Thore öffnen?

Er schien nur noch der Begeisterung fähig. Wie bewunderte er den Alten, der geduldig seine Jahre zählte, sich von früh bis Abend abmühte, seine Schiffe in guten Stand zu setzen, Netze und Stiefel für den eigenen Gebrauch zu verfertigen, und der auch seinen Sarg schon zurechtgezimmert hatte. Wie köstlich mundeten ihm die frischgebackenen Sardinen, zubereitet von Guillot, dem Knecht, Kammerdiener und Koch in einer Person. Still und herrlich lebte es sich in dem alten Haus ohne Hausfrau mit seinem Drunter und Drüber. Stand auch im Gewächshaus alter Trödel, und stieß auch der Pferdestall an die Gemächer, so war doch selbst der Stall von Rosen umblüht, und unter dem morschen Balkon girrten Tauben.

Das kniehohe Farrenkraut auf den steinigen Feldern sah er für einen üppigen Garten an, und die Kohlmeise, die im Feigenbusch unter seinen Fenstern sang, für einen Künstler, ein Genie. Von Zufriedenheit überwältigt, wollte er hier sein bestes Buch schreiben, eine philosophische Abhandlung über das Glück der Kreaturen, und weil er sich in Geldverlegenheit befand, kündigte er das kaum begonnene Werk auch schon seinem Verleger an. Mit Papier und Stift versehen, schiffte er in der Bucht umher, durchstreifte die bald felsigen, bald sanften, muschelbestreuten Ufer oder harrte dort, den Himmel über seinem Haupt und zu seinen Füßen, im Sand ruhend, der Flut. Bereitwillig stürzten die Wellen herbei: Wir kommen! warte! weich nicht von der Stelle! Allein er dachte: So ist's nicht gemeint, schöne Nixe, damit hat's noch gute Weile, und brachte sich in Sicherheit.

Nur die Arbeit wollte ihm nicht gelingen, die Gegenwart erfüllte sein Herz, die Einbildungskraft erschlaffte, und mit den inneren Stürmen verstummte auch das Talent. Das Glück macht mich dumm. Kann man dem Glück etwas verargen? dachte er. Doch als der Verleger zur Antwort gab, er müßte sein neues Buch ablehnen, weil sein altes keinen geschäftlichen Erfolg erzielt, bekam er vom Glück eine andere Meinung: Freund, Familie, Erwerb – alles war dahin! Ihm blieb nichts als das nackte Leben und der tolle Mut. Warum sich eine Laune versagen? Und über Hals und Kopf stürzte er sich in ein wildes Seemannsleben.

Er zählte nicht auf den Morgen, sein Treiben gefiel ihm, drum nur zu! nur zu! Auf dem schnellsten, unsichersten Fahrzeug versuchte er Wind und Wetter. Wenn die Wogen aufwärts strebten, die Wolken herabsanken und der Sturm beide vereinte, that er die Sinne auf, als gälte es, zu genießen. Im Kampfe gegen die Elemente stand er allein, ein Individuum, selbst ein Element. Wüte, Ozean, erhitz' mir das Blut! Welch ein Ozean! Welch ein Himmel! War das ihr wahres Gesicht? Oben zuckte der Feuertod, unten harrte der nasse Tod, ein ganzes Heer von Toden erstand auf zur Feier der herrlichsten Naturerscheinung.

Lachend schlug er sein Leben in die Schanze, kämpfte darum wie um seine Ehre, und selbst ein jähzorniger Patron, sah er der Verwüstung achtungsvoll zu. Die Klippen bei Lesconil waren vollends gefahrvoll. Wohlan, auf nach der Felsenküste Lesconils! Die Fischer von L'ile Tudy wurden seine Genossen, Tage und Nächte verbrachte er mit ihnen auf dem Fischfang und schlief nie getroster, als am Bord ihrer Barke. Nur daß nachts einmal der Sturm losbrach und trotz seiner und seiner Kameraden mannhaften Verteidigung das Boot umschlug. Karl hatte einen Schiffsjungen erfaßt, dessen erste Seefahrt das war, und hielt ihn mit sich über Wasser, indem er sich gleich den anderen am Schiffsbein festklammerte – stunden- und stundenlang. Das Meer hatte sich ausgetobt, der Morgen brach an. Hoffnungslos, doch erwartungsvoll starrten die Schiffbrüchigen in den öden Raum. Ihre Hände zitterten nicht, sie tauschten mit einander kein Wort, keinen Blick, und selbst der Knabe in Karls Armen zeigte Mannesmut. Wie erschien diesem plötzlich das träge, genußsüchtige Treiben seiner Landsleute daheim nichtssagend und närrisch! Endlich hatten die Lootsen von Beg-Mell Hilfe herbeigeschafft. Doch war das nicht sein einziges Abenteuer.

Als er von Benodet, wohin er auf der »roten Fliege«, einem morschen Boot, gesegelt war, wieder aufbrechen wollte, machte ihn ein dortiger Schiffskapitän auf das aufsteigende Gewölk aufmerksam. Soeben hatte dieser beim heißen Grog den Untergang dreier stark bemannter Fischerboote bei St. Malo berichtet und riet ihm eindringlich, über Nacht zu bleiben. Doch redete er tauben Ohren. »Ich liebe die Bequemlichkeit!« rief Karl und stieß wohlgemut ab.

Doch bevor er die Bucht verließ, blieb sein Boot an einer Klippe hängen. Umsonst versuchte er, es flott zu machen. Der Felsen schien ihn mit aller Gewalt zurückhalten zu wollen. Warum nicht gar! Er warf den Anker aus, kletterte über die von der Ebbe bloßgelegten Felsen ans Ufer und holte einen Matrosen herbei, mit dessen Hilfe es ihm endlich gelang, ins Fahrwasser zu kommen. Es hätte ihm können teuer zu stehen kommen!

Auf hoher See ereilte ihn das Wetter. Das Boot tanzte, der Mast bog sich und krachte. Karl verlor die Steuerung, und der Sturm entriß die durchtränkten Taue seinen unsicheren Händen. Zum erstenmal verließ ihn seine Seemannsweisheit, und der betrunkene Matrose bot ihm schlechten Beistand. Bei einem Haar wären sie umgekommen, als plötzlich der Wind das Schiff erfaßte und, gutmütig keifend, es nach Benodet zurücktrieb. Schon strahlte der Leuchtturm in die Finsternis. Auf der Landungsbrücke stand der Schiffskapitän.

»Ich hab' schon das Kreuz über Sie gemacht!« lautete sein Gruß. »Sie hatten zu viel Segel. Was wagen Sie sich auf die See, wenn Sie nichts vom Handwerk verstehen?«

Doch Karl kannte keine Gewissensbisse. Eine junge englische Malerin, deren Bekanntschaft er beim Schein des St. Petrifeuers im Kreise einer Bauersfamilie gemacht hatte, bat er um ein Stelldichein in Pen-Mark auf der »Felsenplatte der Opfer«, wo laut Inschrift Frau Goëllec mit ihren beiden Töchtern von einer Welle lautlos, spurlos weggeschwemmt worden war vor den Augen des Gatten und Vaters, des Präfekten von Finistère. Selbst unter diesem bleiernen Himmel, wo die Felsenriffe in Gestalt von reißenden Tigern und Löwen in die Höhe ragten, angesichts dieses bösen Meeres und des steinigen, mit faulem Tang bedeckten Strandes, wo Geister zerschellter Schiffe und ertrunkener Seelen zu wehklagen schienen, und wo selbst die Rettungsboje und der Leuchtturm, wahre Sehenswürdigkeiten in ihrer Art, den Eindruck drohender Verwüstung erhöhten, verlor Karl seinen Humor nicht. Er war ein Naturanbeter; sorglos sein hieß bei ihm fromm sein, und da seine hübsche Begleiterin etwas eingeschüchtert schien, predigte er ihr Moral:

»Seien wir zärtlich, seien wir tapfer! Es gilt, das Leben zu nützen und sterben zu wissen. Alles zu seiner Zeit!«