Fünftes Kapitel.

Des Grafen Verschwinden konnte nicht lange verschwiegen bleiben.

Vergebens erwartete Römer's Diener seinen Herrn. Die Nacht ging dahin, der Morgen kam, ohne daß der Graf erschien. Dadurch in hohem Grade beunruhigt, forschte er nach demselben umher, ohne daß man ihm irgend welche Aufklärung über dessen Verbleib geben konnte. Da der Diener Römer's Besuch im Palais nicht kannte, so gerieth er auch nicht auf den Gedanken, sich daselbst zu erkundigen; doch suchte er des Grafen Freunde auf und theilte ihnen die beunruhigende Nachricht mit. Man sah sich in Folge dessen veranlaßt, allerlei Nachforschungen nach Römer anstellen zu lassen, ohne daß dieselben irgend ein befriedigendes Resultat ergaben. Zwar hatte man den Grafen auf seinem Ausritt noch gesehen; an welchem Ort er jedoch den Abend zugebracht und weshalb er sich aus der Stadt entfernt hatte, wußte Niemand. Denn von seiner Verhaftung schien man nirgends eine Ahnung zu haben. Nachdem der Diener auch den folgenden Tag vergeblich auf die Rückkehr seines Herrn gewartet hatte, begab er sich nach der Besitzung desselben, um die Gräfin mit Allem bekannt zu machen und ihr die weiteren Maßnahmen anheim zu stellen.

Das räthselhafte Verschwinden des Grafen wurde in der Residenz, namentlich in den höheren Kreisen, vielfach besprochen. Allerlei Vermuthungen machten sich geltend, ohne daß man doch auf diejenige der gewaltsamen Verhaftung gerieth. Wie hätte das auch anders sein können? Der edle Charakter und das Leben des Grafen waren viel zu bekannt, um irgend welche bedenkliche Verwicklungen voraussetzen zu können. Und so sah man sich außer Stande, eine bestimmte Meinung darüber zu hegen oder gar auszusprechen. Eben so wenig brachten die nächsten Tage irgend welche Aufklärung. Die Anordnungen zu der Verhaftung mußten in so guter Weise getroffen worden sein, daß ein Verrath derselben unmöglich war, und selbst der Zufall schien die ursprüngliche Absicht in keiner Weise beeinträchtigt zu haben. Zu Sidonien drang das Gerücht von ihres Freundes Verschwinden erst am Abend des nächsten Tages, und zwar erhielt sie die Nachricht davon durch Frau von Techow, welche Aurelie besucht und dieser dieselbe mitgetheilt hatte. Es darf kaum bemerkt werden, in wie hohem Grade die Freundinnen dadurch bestürzt gemacht und niedergebeugt wurden.

Sidonie war verzweifelt; denn es war ihr sogleich ersichtlich, daß nicht ein Unfall etwa, noch auch die Nothwendigkeit, sondern lediglich eine geheime Gewalt des Grafen Entfernung herbeigeführt haben müßte. Denn sie wußte nur zu wohl, wie der Letztere seine Gegenwart in dieser so wichtigen Zeit für unumgänglich nothwendig erkannt hatte; er daher freiwillig den Ort nicht verlassen haben konnte. So viel es ihr die Verhältnisse gestatteten, ließ sie im Geheimen nach ihm forschen, ohne jedoch irgend etwas von Belang zu erfahren.

Man sagte ihr, daß der Fürst dieser Angelegenheit keine Bedeutung schenkte; ebenso der Prinz.

Sie schienen dieselbe lediglich als eine Privatsache zu betrachten, und so wurden daher auch nicht die geringsten Maßnahmen zur Entdeckung des Urhebers dieser That getroffen, obgleich das Ansehen des Grafen den Hof dazu wol hätte veranlassen müssen. Sidonie hatte sofort durch Aurelie Römer's Mutter mit dem Vorfall bekannt machen und ihr die Vermuthung einer geheimen Verhaftung andeuten lassen, um ihr einen Fingerzeig über die dieserhalb zu thuenden Schritte zu geben.

Ehe hierauf noch eine Antwort erfolgte, wurde sie jedoch bereits durch die bedeutsamsten Vorgänge herausgefordert.

Es waren etwa drei Tage nach des Grafen Haftnahme dahin gegangen, als Boisière bei ihr erschien und ihr im Namen des Fürsten eine Einladung zu einem Besuch um eine bestimmte Zeit überbrachte.

Mit großer Freude begrüßte sie dieselbe in der Voraussetzung, daß dadurch der peinigenden Ungewißheit, in der sie bisher gelebt und welche des Grafen Verschwinden überaus erhöht hatte, nun endlich beseitigt und zugleich das unheimliche Dunkel gelichtet werden sollte, welches über die möglichen Maßnahmen des Fürsten gebreitet war. Vor Allem jedoch beglückte sie die Hoffnung, des Freundes Schicksal zu erfahren und, falls es geboten war, für dessen Interesse wirken zu können. Bis zu der Unterredung mit dem Fürsten blieben ihr noch mehre Stunden, und sie benutzte dieselben, um sich während dessen auf die erstere vorzubereiten, wobei sie Aureliens liebevoller Rath wesentlich unterstützte.

Daß die Unterredung mit dem Fürsten für sie von hoher Bedeutung und der Gegenstand derselben ihr Interesse für Römer sein würde, war für sie keine Frage mehr. Zweifelhaft blieb es allerdings, in welcher Art der Fürst das letztere zu behandeln für gut fand, so wie, in wie weit seine Kenntniß davon reichte. Ihres Erachtens konnte er lediglich durch Zuträger irgend etwas erfahren haben, und sie erachtete den Fürsten für zu gerecht, um voraus zu setzen, daß er demselben ein besonderes Gewicht beilegen würde. Auch glaubte sie in seiner Achtung so hoch zu stehen, daß es nur ihres Erscheinens und ihrer offenen Worte bedürfte, um ihn zu der Einsicht zu leiten, wie schlecht er bedient worden sei. Diese Annahme, mehr jedoch noch das Bewußtsein ihrer Schuldlosigkeit ermuthigten sie, und als der Zeitpunkt zu dem Besuch nahte, begab sie sich mit größerer Ruhe, als sie zu besitzen gefürchtet hatte, zu dem Fürsten. Als sie bei ihm eintrat, fand sie ihn nicht anwesend, sondern er erschien erst nach mehren Augenblicken und begrüßte sie mit kalter Höflichkeit.

»Es sind,« begann er, nachdem er sich nieder gelassen hatte, in gemessenem Ton und ohne die Prinzessin anzublicken, »seit unserer letzten Unterredung über die Ihnen bekannte Angelegenheit so höchst wichtige Dinge zu meiner Kenntniß gekommen, daß ich mich mit Rücksicht darauf veranlaßt gesehen habe, Ihnen dieselben vorher mitzutheilen, bevor ich die dadurch gebotenen Schritte thue. Ich bin dazu durch das Vertrauen zu Ihrer Offenheit und Wahrheitsliebe bestimmt worden, von denen ich eine rückhaltlose Erklärung erwarte —«

»Worin Sie sich auch durchaus nicht getäuscht sehen sollen,« fiel Sidonie, durch seine gemessenen Worte verletzt, ein.

»Um so rascher und sicherer dürften wir eine Erledigung dieser Angelegenheit erzielen,« bemerkte der Fürst und fuhr alsdann nach kurzem Hüsteln fort: »Ich weiß, daß Sie von mir eine bestimmte Erklärung über das von Ihnen ausgesprochene Verlangen, sich von dem Prinzen zu trennen, erwarten. Sie hätten dieselbe bereits erhalten, wenn nicht wichtige Entdeckungen mir die Motive verrathen hätten, welche Sie zu der Trennung bestimmten.«

»Ich denke, mein Fürst, daß es deren nicht bedurfte, da ich Ihnen dieselben bereits hinreichend bezeichnet zu haben glaube,« fiel Sidonie überrascht ein.

»Allerdings sah ich mich veranlaßt, Ihren Worten zu glauben; ich bin jedoch davon zurück gekommen, nachdem ich unzweifelhafte Beweise besitze, daß nicht des Prinzen Verhalten gegen Sie, sondern die seit Jahren von Ihnen warm gepflegte Neigung für einen andern Mann Ihnen die Trennung Ihrer Ehe schon lange höchst begehrenswerth gemacht hat,« entgegnete der Fürst mit scharfem Ton, während zugleich sein stechender Blick sich forschend auf sie richtete.

Trotz der gehegten Vermuthung, ihre Liebe könnte einen Verräther gefunden haben, trafen des Fürsten Worte Sidonie dennoch tief in's Herz. Das so sorglich verhüllte süße Geheimniß ihrer Seele von ihm rücksichtslos enthüllt und obenein in solcher Weise benutzt zu sehen, erfüllte sie mit dem tiefsten Schmerz und Unmuth und machte sie zugleich im höchsten Grade bestürzt.

Keiner Erwiderung mächtig, blickte sie zu Boden, während der rasche Farbenwechsel ihres Antlitzes, der bewegte Athemzug ihre große Erregung verrieth. Der Fürst unterbrach das eingetretene Schweigen durchaus nicht, sondern fixirte sie mitleidslos, und man erkannte aus diesem Umstande, daß jedes mildere Gefühl für Sidonie in ihm erstorben war.

Diese rang nach Athem, nach einem entsprechenden Wort, um sich nicht vertheidigungslos ihrem Richter in die Hände zu geben und damit die ihr beigelegte Schuld anzuerkennen.

»Ihr Verstummen bekundet, daß man mir die Wahrheit gesagt hat,« bemerkte der Fürst nach kurzer Pause mit schneidender Schärfe.

Sidonie hatte sich gewaltsam gesammelt und entgegnete:

»Allerdings, mein Fürst, obwol nur zum Theil. Denn ich läugne nicht, schon vor meiner Vermählung mit dem Prinzen einem andern Manne mein Herz geschenkt zu haben; doch ist es eine Unwahrheit, daß lediglich diese Neigung die Motive meines Verlangens gewesen sind.«

»Sie gestehen also diese Neigung zu?« fragte der Fürst rasch.

»Gewiß, mein Fürst, und thue dies um so freimüthiger, da ich früher meinen Eltern offen meine Abneigung gegen den Prinzen zu erkennen gegeben habe und lediglich ihrem Verlangen meine Liebe opferte.«

»Sie haben diese Liebe jedoch während Ihrer Ehe gepflegt, ja Sie sind sogar, von Ihrer Leidenschaft verleitet, in den vertraulichsten Umgang mit dem Grafen getreten!«

Sidonie schaute den Fürsten überrascht, doch gesammelt an, indem sie, das Haupt schüttelnd, entgegnete:

»Das ist eine Verleumdung, mein Fürst, wenngleich ich nicht läugne, ihm meine Zuneigung bewahrt zu haben. Dieselbe war mir von um so größerem Werth, je mehr ich das Unglück meiner Ehe fühlte. In meiner Liebe zu einem edeln, würdigen Manne fand ich die Kraft, Jahre hindurch meine Leiden zu tragen, meine Ehre verletzt zu sehen und die Stunden nur an der Vermehrung neuen Kummers abzuzählen. Ich wäre längst ein Opfer dieser unheilvollen Verhältnisse geworden, hätte mich diese Liebe nicht belebt und aufrecht erhalten.«

»In der That, Prinzessin, Ihr Freimuth überrascht mich!« rief der Fürst in großer Erregung aus.

»Ich glaube es Ihnen, denn ich weiß ja, welchen Werth Sie einer aufrichtigen Neigung beizulegen für gut finden.«

»Durften Sie in solcher Weise die gegen den Prinzen zu beobachtenden Pflichten verletzen?!« fragte der Fürst.

»Verletzen?« fiel Sidonie ein. »Meine Liebe hat dieselbe in keiner Weise beeinträchtigt.«

»Wie, Sie wollen mich glauben machen, es bestände kein sträfliches Verhältniß zwischen Ihnen und dem Grafen?!«

»Wer dürfte es wagen, mir einen solchen Vorwurf zu machen?!« rief Sidonie voll Entrüstung aus.

»Ich, Ihr Fürst!« fiel dieser mit Schärfe ein, erhob und begab sich nach einem Schreibtisch, aus welchem er ein Päckchen nahm, mit welchem er zu Sidonien zurück kehrte und es ihr mit den Worten einhändigte: »Hier sind die Beweise dafür!«

Zitternd vor innerer Bewegung öffnete Sidonie dasselbe, und kaum hatte sie einen Blick auf den Inhalt gethan, so stieß sie einen Schrei jäher Ueberraschung aus; sie erblickte das ihr geraubte Portrait des Grafen und den von ihr an ihn gerichteten Brief.

»Ihr Verhalten zeigt mir zur Genüge, daß Sie diese Dinge für Ihr Eigenthum anerkennen,« bemerkte der Fürst kalt und scharf.

»Ja, mein Fürst, dieses Portrait gehört mir und diesen Brief habe ich an den Grafen geschrieben. Aber ich erkenne mit Entrüstung, daß man sich der niedrigsten Mittel bedient hat, um sich in den Besitz dieser Dinge zu setzen und daraus die Motive zu einer Anklage gegen mich zu schöpfen, da Ihnen mein Leben bisher dazu keine dargeboten hat.«

»Sie irren in der letzteren Voraussetzung; es sind Zeugen vorhanden, die Ihren vertraulichen Umgang mit dem Grafen im Bade beobachtet haben. Sie haben sich der höchsten Verletzung Ihrer Ehepflichten schuldig gemacht und so mögen Sie denn auch die Folgen Ihres Handelns tragen!«

»Ein freundschaftlicher Umgang mit einem edeln Manne sollte mir nicht gestattet, sollte eine schwere Uebertretung meiner Pflichten sein?« fragte Sidonie voll Entrüstung, indem ihr ganzer Muth in der Erkenntniß zurück gekehrt war, daß es sich für sie in diesem Moment um das Höchste, um ihre Ehre, handelte. »Wie, mein Fürst, während sich der fürstliche Gemahl nicht scheut, sich vor aller Welt eine Buhlerin zu halten, der er offen huldigt, soll es seiner Gemahlin nicht gestattet sein, sich an dem Umgange gebildeter Männer zu erfreuen? Wie, mein Fürst? Oder sollen etwa die Fürsten das Privilegium rücksichtsloser Sittenlosigkeit besitzen und sollte ihren Leidenschaften keine Schranke gesetzt sein, ihnen, welche ihrem Volk in Sitte und Leben ein Vorbild sein sollen? Und dieses Privilegium sollte so weit ausgedehnt werden, daß sie auch selbst ihren Gemahlinnen keine Berücksichtigung schenken dürfen, ja, daß es diesen trotz alledem nicht einmal gestattet sein soll, sich in einem harmlosen Umgang mit Anderen eine Freude zu suchen? Woher schöpfen denn die Fürsten diese Freiheit? Aus der Willkür und weil sie Niemand über sich wissen, während die von ihnen eingesetzten Richter doch den einfachen Bürger, der sich dergleichen Vergehen vor Sitte und Gesetz schuldig macht, verurtheilen? Was das Weib niederen Standes von ihrem Gatten verlangt und verlangen darf, sollte dennoch fürstlichen Gemahlinnen vorenthalten sein? Die Ehe sollte, mein' ich, unter allen Verhältnissen und in allen Ständen als gleich würdig betrachtet werden. Das scheinen die Fürsten jedoch anders zu beurtheilen. Fordern sie durch ein solches Verhalten nicht ihre Frauen zur Nachahmung heraus, und wenn diese erfolgt, wagen sie es obenein, über die Verleiteten zu Gericht zu sitzen, und selbst Unbedeutendes und vor dem Sittengesetz Gestattetes zu verdammen! So weit ist die Selbstsucht, so weit die Willkür ausgeschritten?!«

»Ich bitte, sich zu mäßigen!« fiel der Fürst fast drohend ein.

»Würde ich mich mäßigen, mein Fürst, so könnten Sie leicht Mißtrauen in meinen Charakter setzen, so könnten Sie leicht auf den unheilvollen Gedanken gerathen, mit einer Schuldigen zu sprechen. Doch meine Seele ist rein, keine meiner Pflichten verletzt worden, trotz meiner Liebe, trotz der Beweise derselben, die man mir in berechneter Weise geraubt hat, um daraus meine Schuld zu begründen.«

»Sie wollen dieses nicht anerkennen; ich sage Ihnen jedoch, daß eine Frau, die dergleichen hegt, die so zärtliche Briefe an einen andern Mann schreibt und diesen selbst zu einem tête-à-tête wiederholt empfängt, kein Recht besitzt, von ihrer Schuldlosigkeit zu sprechen. Dergleichen Dinge lassen auf mehr als eine platonische Liebe schließen, lassen mit Bestimmtheit behaupten, daß sie nur eine Folge zärtlichster Zuneigung und Hingabe sind. Wie viele dergleichen Beweise ihrer gegenseitigen Leidenschaft mögen noch vorhanden sein, die nicht zu meiner Kenntniß gelangt sind. — Die Liebe ist eine Leidenschaft, die sich nicht im Dulden und Verzichten glücklich fühlt, sondern nach Vereinigung drängt und dann erst ihre Befriedigung fühlt. So ist es auch bei Ihnen gewesen; aus dem Einzelnen schließt man auf das Ganze, und ich wüßte nicht, warum Sie gerade eine Ausnahme gemacht haben sollten, besonders da Sie ein solches Recht für sich in Anspruch nehmen. Vielleicht hat Sie dieser Irrthum schwach gemacht, ich will es glauben. Doch irren Sie, wenn Sie für die Frauen dieselbe Freiheit verlangen, wie sie der Mann genießt, und in diesem Irrthum beruhen Ihre Ansprüche. Die Frauen, Prinzessin, sind nur das, was sie sind, die Mittel bestimmter Zwecke; ihr Reich das Haus und die Familie; das sollen sie in Bescheidenheit anerkennen und darum auch nicht mit ungebührlichen Forderungen an den Mann herantreten. Und dieses vor Allem die Frauen der Fürsten, und wenn Sie vorhin bemerkten, daß diese die Aufgabe hätten, dem Volk vor allen Dingen als Vorbild zu gelten, so erinnere ich Sie, daß man dasselbe noch mehr von den Fürstinnen verlangen darf. Und somit, dächte ich, wäre in dieser Angelegenheit das letzte Wort gesprochen.«

»Sie irren, mein Fürst, so denke ich nicht!« fiel Sidonie in bestimmtem Ton ein.

»Was nützten alle Ihre Worte, da Sie sich von der Schuld nicht befreien können?«

»So halten Sie sich für berechtigt, aus diesen Umständen ein Vergehen zu folgern?«

»Gewiß mit allem Recht. Außer diesen Beweisen sind Zeugen vorhanden, die dasselbe bestätigen.«

»Sind sie vorhanden, so sind sie erkauft, so ist Alles ein planmäßig angelegtes Bubenstück, das darauf hinzielt, mich an meiner Ehre zu kränken. Ich glaube die Personen zu kennen, welche dasselbe eingeleitet haben; denn ich weiß, daß die Rachsucht vor keinem Mittel zurückbebt, sich Befriedigung zu verschaffen. Hüten Sie sich, mein Fürst, daß Sie nicht, indem Sie sich von derselben in ihren Maßnahmen bestimmen lassen, zu spät Ihren Irrthum erkennen.«

»Sorgen Sie nicht; das ist meine Sache! Uebrigens genügen mir diese Beweise schon.«

»Dann habe ich freilich nichts mehr zu sagen und will Ihre Beschlüsse ruhig abwarten. Doch ehe ich von Ihnen scheide, bitte ich, mir noch eine Frage zu beantworten.«

»Und welche?«

»Haben Sie den Grafen verhaften lassen?«

»Ich fühle mich nicht bewogen, Ihnen darauf zu antworten.«

»So bin ich überzeugt, daß es geschehen ist,« fiel Sidonie ein und fügte alsdann mit Nachdruck hinzu: »Wie tief beklage ich es, daß Sie sich zu so gewaltsamen Maßregeln bewogen gefunden haben; diese wären in der That nicht geboten gewesen, da der Graf weit entfernt war, sich irgend welcher Verantwortung zu entziehen. Er theilte mir mit, daß man ihn auf die ihm drohende Gefahr aufmerksam gemacht hätte, er der Warnung jedoch kein Gehör schenken würde, sondern es für Pflicht und klug erachtete, die Stadt nicht zu verlassen. Bedenken Sie das, mein Fürst, und erwägen Sie zugleich, daß, fühlte sich der Graf schuldig, er Zeit genug besaß, sich in Sicherheit zu bringen. Sie müssen mir dies zugestehen und ebenso, daß eine solche außerordentliche Maßnahme an einem Mitgliede einer der geachtetsten Familien des Landes kaum von der öffentlichen Meinung gebilligt werden dürfte, und bitte Sie, den Grafen frei zu geben, indem ich Sie nochmals versichere, daß es Ihnen nie gelingen wird, des Grafen Schuld zu begründen.«

»Daß Ihre Sorge zunächst den Mann Ihrer Liebe bedenkt, scheint mir natürlich; dies pflegt stets so zu sein. Doch bemühen Sie sich vergeblich und scheinen zu übersehen, daß meine Maßnahmen stets genau erwogen sind, und ich weit entfernt bin, über die Folgen derselben besorgt zu sein. Erinnern Sie sich dessen stets, und meine Worte mögen Ihnen zugleich sagen, daß die auch für die Folge zu treffenden Arrangements unter ähnlichen Umständen hervor gehen werden.«

»Ich will dies thun und kann es mit der ganzen Ruhe eines schuldlosen Herzens,« entgegnete Sidonie ruhig und voll Selbstgefühl. »Wenn unter solchen Verhältnissen auch unsere Unterredung ihr Ende gefunden hat, so kann ich dennoch nicht von Ihnen scheiden, mein Fürst, ohne Ihnen meine Ansichten über diese Angelegenheit auszusprechen. Ich bin überzeugt, das Opfer Ihrer Staatspolitik zu werden, trotz meiner Unschuld. Sie besitzen die Gewalt, ich keine Mittel zur Vertheidigung, da Sie mich schuldig wissen wollen

»Welche unerhörte Zumuthung!« rief der Fürst entrüstet.

»Lassen Sie mich gnädigst vollenden, mein Fürst! Ich weiß, daß ich nicht mehr eine Gelegenheit finden werde, zu Ihnen also zu sprechen; darum will ich auch nicht von hier scheiden, ohne Ihnen zu erkennen zu geben, daß Ihnen sowie dem Prinzen der Verrath meiner Liebe sehr zu statten kommt. Ueber das »Wie« will ich schweigen. Ich weiß, daß es Sie sehr verletzt haben würde, wäre der Prinz genöthigt gewesen, sich als Schuldigen zu bekennen; darum auch Ihre Abneigung gegen die Trennung der Ehe. Sie sind jetzt von dieser Besorgniß befreit worden, indem Sie sich Beweise von meiner Schuld verschafften. Jetzt liegt die Sache umgekehrt, und daß Sie das nicht übel aufnehmen, haben mir Ihre Worte, noch mehr Ihre Neigung, mich als schuldig zu erkennen, verrathen.«

»Sie stellen meine Geduld in der That auf die Probe! Was berechtigt Sie zu dergleichen unerhörten Voraussetzungen?!« fiel der Fürst ein.

»Ich würde wiederholen müssen, was ich soeben gesagt habe. Wie Sie über mich und mein Verhalten denken, glaube ich zu wissen; denn ich müßte mich in Ihrem Charakter getäuscht haben, sollte ich mich irren. Ich weiß jedoch auch, daß Ihnen das Interesse des künftigen Regenten und Ihres Verwandten höher steht, als dasjenige einer Frau, die für Sie nur eben das ist, was sie ist, und die für Sie im Hinblick auf die Staatsvortheile nicht in Betracht kommt. Sie haben das soeben zu erkennen gegeben. Meine Absicht, warum ich dies Alles vor Ihnen ausspreche, ist jedoch diese, Ihnen zu zeigen, daß ich eine Intrigue durchschaut habe, der, wie ich zu meinem Bedauern soeben vernommen, auch selbst Sie trotz Ihres klaren Blicks unterliegen und — — unterliegen wollen. Sie können nun über mein Schicksal bestimmen, Sie können mich verurtheilen und den Mann meiner Liebe kränken: dies Alles wird mich jedoch nicht beugen, sondern nur die betrübende Ueberzeugung in mir befestigen, daß Sie dem Staatsinteresse mit seltener Selbstverleugnung dienen.«

»Sie haben ohne Bedacht gesprochen und nicht erwogen, daß Stolz und Ueberhebung in Ihrer Lage am wenigsten geeignet sind, dieselbe zu bessern und mich in Ihrer Beurtheilung milder zu stimmen!« fiel der Fürst, durch Sidoniens zutreffende Worte, deren Eindruck er sich nicht zu erwehren vermochte, in hohem Grade unmuthig gemacht, erregt ein.

Sidonie ließ sich dadurch jedoch nicht einschüchtern. In der Erkenntniß des zu Ihrem Verderben gesponnenen Bubenstücks und der Nothwendigkeit, auch den leisesten Schein einer Schuld von sich abzuweisen und dadurch auch zugleich die Ehre des Grafen zu retten, war ihr rasch Sammlung, Kraft und Klarheit gekommen, die sich im Lauf der Unterredung mehr und mehr steigerten und sie endlich in dieser Hinsicht mit dem Fürsten gleichstellten, ja über denselben sogar ein gewisses Uebergewicht in dem Augenblick gaben, als sie die Wirkung ihrer Worte auf ihn errieth. Es war für sie kein Zweifel mehr, daß er sich durch ihre Erkenntniß der, wie wir später erfahren werden, in der That gesponnenen geheimen Intrigue um so mehr getroffen fühlte, da er sie nicht abzuleugnen vermochte.

Dieser Umstand gewährte ihr einen nicht geringen Vortheil, und sie zögerte nicht, denselben in ihrem Sinn zu benutzen, und so entgegnete sie fest und ruhig:

»Sie nennen mich stolz und anmaßend, mein Fürst, und Sie haben ein Recht dazu; denn ich verhehle Ihnen nicht, daß ich bedacht bin, den ganzen Stolz und die ganze Entrüstung meiner gekränkten Seele zu erkennen zu geben. Daß mir dieses gelungen ist, beglückt mich; denn es erfüllt mich mit der Hoffnung, daß Sie den Schein von der Wahrheit, daß Sie die Unschuld von der Schuld, daß Sie die Berechtigung meiner reinen Zuneigung zu einem edeln Manne anerkennen werden. Ja, hoch und stolz will ich fortan mein Haupt tragen, obgleich meine Seele demüthig und geduldig ist, hoch will ich es tragen in dem Bewußtsein meiner Unschuld vor aller Welt, und ihr zeigen, daß Unschuld Muth giebt gegen jede Gewalt der Erde und sie keine Furcht kennt vor der sie bedrohenden ungerechten Strafe. Verurtheilen Sie mich; doch zwischen Ihnen und mir wird die Welt richten!«

Sie schwieg und blickte den Fürsten ruhig an. Ihre Worte und ihr Benehmen steigerten dessen Unmuth in hohem Grade und nur mühsam behauptete er sich in seiner Ruhe. Wir wissen, wie wenig er die Frauen achtete, wie es ihn verdroß, denselben irgend welche geistige und Charaktervorzüge zugestehen zu müssen; am meisten jedoch, wenn ihm dieselben in solchem Maß, wie in Sidonien, entgegen traten, und werden seine Entrüstung daher erklärlich finden. Vielleicht wäre es für die Prinzessin besser gewesen, ein weniger bestimmtes und mehr demüthiges Verhalten gegen ihn zu beobachten; es würde ihn wahrscheinlich milder gegen sie gestimmt haben, selbst wenn er sie für schuldig erkannte. Ihr Hinweis auf das Urtheil der Welt verletzte ihn jedoch so empfindlich, daß er jede Rücksicht vergaß und mit vor Unmuth bebender Stimme entgegnete:

»Gut denn, Prinzessin! Zeigen Sie der Welt und mir Ihren Stolz in der Ueberzeugung, uns dadurch zur Anerkennung Ihrer Schuldlosigkeit zu bewegen. Doch warten Sie den Erfolg ab und vergessen Sie nicht, daß auch das Verbrechen sich solcher Mittel zu ähnlichen Zwecken bedient. Eins kann ich Ihnen jedoch schon jetzt sagen, daß Ihr Verhalten mir gegenüber wirkungslos ist. Doch will ich den Kampf, den Sie mir anbieten, aufnehmen, und erinnere Sie, daß Ihre Sache nicht von mir, sondern von meinen Räthen entschieden werden wird. Sie erkennen, daß mich also keine Schuld trifft, verurtheilt man Sie. Ich kann, wie Sie meinen, getäuscht sein; warten wir ab, ob die vorliegenden Beweise und die Aussagen glaubwürdiger Zeugen geeignet sind, Ihre Schuldlosigkeit darzuthun, oder ob sich auch die Männer des Gesetzes täuschen werden.«

»Ihre Räthe werden mich verdammen; ich weiß es. Denn da Sie es wollen, so habe ich keine Schonung zu erwarten. Ich bin zu stolz und mir keines Vergehens bewußt, und werde mich zu keiner Vertheidigung verstehen. Ich halte eine solche meiner fürstlichen Würde nicht entsprechend und überflüssig. Nur zu Ihnen, als meinem Fürsten, als dem Verwandten meines Gemahls, den ich beleidigt haben soll, glaube ich sprechen zu müssen, und das um so mehr, da ich Sie vor einer compromittirenden Ungerechtigkeit bewahren will und weil es meine Pflicht ist, Ihnen meine Gesinnungen ohne Rückhalt zu offenbaren.« Und dem Fürsten näher tretend und ihn fest anschauend, fuhr sie mit gehobener Stimme fort: »Man sagt, Sie besäßen einen scharfen, die Gedanken der Menschen leicht ergründenden Blick, wenden Sie denselben auf mich, mein Fürst, forschen Sie in meiner Seele und fragen Sie sich alsdann, ob ein Antlitz wie das meine ein Vergehen verbirgt. Die Kunst der Täuschung liegt mir, wie Sie wissen, fern; Sie haben mir das bereits zugegeben. Wagen Sie daher in dem Vertrauen zu Ihrer scharfen Urtheilskraft die Probe; ich denke, wenn Sie sich nicht täuschen wollen, werden Sie die Wahrheit leicht erkennen müssen

Ihre Bitte war jedoch vergebens und der Fürst weit entfernt, dieselbe zu erfüllen. Stets in solcher eindringlichen Weise herausgefordert, mehrte sich sein Unmuth nur noch, da er nicht in seiner gewöhnten Weise die Angelegenheit kategorisch zu erledigen vermochte, sondern sich gezwungen sah, Sidoniens Angriffe abzuwehren. Statt also ihrem Verlangen nachzugeben, verharrte er in seiner Lage und entgegnete:

»Sie irren in der ausgesprochenen Voraussetzung. Ich traue Ihnen wie allen Frauen die Kunst der Verstellung zu, sobald sie dazu herausgefordert werden, und somit verzichte ich auf eine so zweifelhafte Probe. Die entsprechenden Verhandlungen meiner Räthe werden mich überdies aller weiteren Einmischung in diese Angelegenheit überheben, die mir doppelt verletzend ist, da ich sie der Welt nicht ganz vorenthalten kann, obgleich man dabei mit aller Discretion zu Werke gehen soll. Und somit, Prinzessin, halte ich unsere Sache für erledigt und bestimme hiemit, sich bis zum Austrag derselben nicht aus der Residenz zu entfernen, noch sich irgend zu bemühen, den Aufenthalt des Grafen zu erforschen, oder etwa mit ihm in Correspondenz zu treten. Jeder Ihrer Briefe wird zu meiner Kenntniß gelangen und dürfte Ihnen daher keinen Vortheil bringen. Das bedenken Sie!«

Sidonie, durch seine scharfen Worte tief verletzt, trat von ihm zurück, blickte ihn einen Augenblick an und entgegnete alsdann:

»Es war mein Wunsch, mich nach dem bereits besuchten Badeort zu begeben, um mich meiner peinigenden Lage zu entziehen; ich will eine solche Bitte jetzt jedoch nicht aussprechen, da Ihre Worte mir jeden Muth dazu genommen haben. Ich kann nicht von Ihnen scheiden, ohne Ihnen den tiefen Schmerz auszudrücken, den Ihre Strenge in mir erzeugt hat. Ich habe offen und ohne jeden Rückhalt zu Ihnen gesprochen, wie es mir mein gekränktes Gefühl gebot; ich glaubte nicht zu meinem Fürsten, sondern zu meinem Vater zu sprechen, und that dies in der Täuschung, daß Ihr Herz mir ein wenig Achtung und Liebe bewahrt hätte. Ich erkenne zu meinem innigsten Bedauern, wie unstatthaft diese Voraussetzung war und daß Sie in mir nicht mehr die Fürstin, nicht die zu achtende Frau, sondern nur noch die Verbrecherin sehen. Das schmerzt mich tief; denn ich ahnte nicht, diese Stätte mit einem so verletzenden Bewußtsein verlassen zu müssen. Doch ich erkenne, daß es nicht anders sein soll, und so sage ich Ihnen, mein Fürst, mit der Bitte Lebewohl, Ihre Gedanken auf mein offen vor Ihnen liegendes Leben zu richten und dasselbe in Ruhe zu prüfen. Finden Sie alsdann noch Veranlassung, den in Ihren Händen sich befindenden Beweisen und Ihren Zuträgern Glauben zu schenken, so habe ich nichts mehr zu sagen und nur noch meine früheren Worte zu wiederholen, daß zwischen uns, mein Fürst, trotz Ihrer Räthe, die Welt richten wird!«

Sie verneigte sich voll Würde und verließ festen Schrittes das Gemach.

»Unerhört, unerhört!« rief der Fürst entrüstet, nachdem er sich allein sah und rasch auf und ab schritt. »Ich glaubte leichtes Spiel mit ihr zu haben und erkenne nun, wie sehr ich mich täuschte! Welch ein fester, unerschrockener Charakter in diesem zarten Körper! Ich meinte, sie würde diese Schwelle gebrochen von Schuldbewußtsein verlassen, und sie schreitet nun stolz und sicher wie die Gekränkte in dem Gefühl des errungenen Uebergewichts über mich, ihren Fürsten! Das ist unerträglich, unerhört! Sie hat mir in die Seele gesehen; ich darf nicht daran zweifeln. Sie ist klug, ihr Blick scharf und nur schwer verbirgt sich vor ihr der geheime Gedanke. Doch mag das Alles sein; es soll meinen Willen nicht ändern und die Sache ihren Gang haben. Sie darf den Triumph nicht genießen, über mich gesiegt zu haben. Ich würde anders mit ihr verfahren sein, und es wäre mir lieb gewesen, hätte ich es thun können; nun darf ich es nicht mehr, jetzt will ich es nicht, und das Aeußerste soll und muß geschehen.«

Die Folge wird zeigen, in welcher Art er seinen Vorsatz ausführte.

Kaum dürfte es nothwendig sein, zu bemerken, daß sich Sidoniens Voraussetzungen hinsichts der zu ihrem Verderben gesponnenen Intrigue durchaus bestätigten, und eben so wenig dürfte der eigentliche Urheber derselben bezeichnet werden müssen, da die plötzliche Begnadigung des Baron Mühlfels ihn bereits verrathen hat.

Er war es in der That.

Hören wir nun, welcher Mittel er sich bediente, um seinen Zweck zu erreichen.

Wir haben erfahren, daß er mit dem Versprechen von dem Prinzen schied, ihm die gewünschte Genugthuung zu verschaffen, ebenso wissen wir, daß er ein ähnliches, jedoch noch lebhafteres Verlangen hegte, sich an der Prinzessin zu rächen, vor Allem jedoch, in Gnaden aus seiner Verbannung wieder an den Hof zurück berufen zu werden. Eine gewöhnliche Begnadigung, ohne daß Sidonie in der empfindlichsten Weise gekränkt und er dadurch als schuldlos hingestellt wurde, würde ihm jedoch nicht genügt haben, und so mußte er auf Mittel sinnen, sich einen solchen Erfolg zu sichern. So war er unablässig bemüht, einen Plan zu diesem Zweck zu ersinnen, ohne daß ihm dies jedoch gelang. Erst als die Nachricht von Sidoniens Reise in das Bad zu ihm gelangte, gewann derselbe einen bestimmten Haltpunkt. Es war ihm bekannt, daß Römer's Besitzung nur wenige Stunden von dem Curort entfernt war, und er hielt sich daher überzeugt, daß lediglich dieser Umstand die Prinzessin zu der Wahl des Ortes veranlaßt haben könnte.

Nichts hätte ihm erwünschter kommen können; denn er setzte nun mit Bestimmtheit voraus, daß Sidonie die gewährte Freiheit zu einem lebhaften Umgange mit dem Grafen benutzen würde und dieser Umstand seiner Absicht sehr zu statten kommen müßte. Schon war er Willens, sich durch des Prinzen Einfluß einen Urlaub zu verschaffen und nach dem Badeort zu begeben, um daselbst in seinem Sinn zu wirken; er gab dies Vornehmen jedoch in der naheliegenden Voraussetzung auf, dadurch seinen Zweck nur schwer oder vielleicht gar nicht erreichen zu können, da Sidonien seine Anwesenheit bald bekannt und sie daher zur Vorsicht veranlaßt werden würde.

Darum entwarf er einen andern Plan, der ihm sicherer däuchte.

Er hatte in seinem neuen Aufenthalt den Kapitän von Bieberstein kennen gelernt und in demselben einen für seine Zwecke sehr geeigneten Charakter gefunden, er gedachte diesen nun in seinem Sinn zu benutzen.

Er weihte den Kapitän in seine Absichten ein, ohne ihm jedoch sein eigenes Interesse dabei zu verrathen, sondern gab als Grund der ersteren an, daß es sich in diesem Fall lediglich darum handelte, einen lebhaften Wunsch des Prinzen zu erfüllen. Er deutete ihm die großen Vortheile an, welche ihm dadurch im Fall des Gelingens von dem künftigen Regenten zu Theil werden müßten, und wußte durch seine klug berechneten Worte den Kapitän bald für sich zu gewinnen.

Die Aussicht, sich den Prinzen verbinden zu können, war dem Kapitän viel zu verlockend, um irgend welchem Bedenken Raum zu gestatten. Der Plan des Barons war nun folgender: Bieberstein sollte sich unter dem Vorwande von Kränklichkeit nach dem von Sidonien besuchten Bade begeben und die Letztere im Geheimen beobachten. Da weder die Prinzessin noch Römer ihn kannten, so vermochte er dies in vollstem Maße zu thun. Er sollte dabei zugleich bemüht sein, sich irgend welche Beweise von dem bestehenden Liebesverhältniß zwischen dem Grafen und der Prinzessin zu verschaffen. Die Art und Weise, in welcher dies geschehen könnte, überließ ihm Mühlfels.

Reich mit Mitteln versehen, traf der Kapitän in dem Curort ein, und ganz erfüllt von dem erhaltenen, so gewinnbringenden Auftrag, unterzog er sich demselben mit dem höchsten Eifer. Er hatte bald erlauscht, daß sich Sidonie viel auf dem Balkon ihres Hôtels aufhielt, und beobachtete sie aus dem nahe gelegenen Garten, in welchem seine Wohnung lag, die er sich als ganz besonders für seinen Zweck geeignet besorgt hatte. So gelang es ihm, nicht nur des Grafen Besuche bei Sidonien zu entdecken, sondern er bemerkte auch, daß sie sich bisweilen mit dem innigen Betrachten eines Medaillons beschäftigte. Durch Mühlfels in die Verhältnisse eingeweiht, glaubte er sich in der Annahme nicht zu täuschen, daß das letztere vielleicht des Grafen Portrait wäre. Gelang es ihm, sich in den Besitz desselben zu setzen, und sah er sich in seiner Voraussetzung nicht getäuscht, so war seiner Ansicht nach auch in Verbindung mit den von ihm gemachten Beobachtungen der Zweck erreicht. Es fragte sich jedoch, durch welche Mittel er sich das Medaillon aneignen könnte. Die Sache war im höchsten Grad schwierig und verlangte große Vorsicht, damit sein Spiel nicht verrathen wurde. Nur Jemand aus der näheren Umgebung der Prinzessin vermochte den zum Raub geeigneten Augenblick zu erlauschen und den letzteren auszuführen. Wer von den Dienern würde sich jedoch dazu gewinnen lassen; das fragte sich Bieberstein. Die Prinzessin sollte, wie er vernommen hatte, sich der ergebensten Dienerschaft erfreuen; es war also wenig Aussicht zur Erfüllung seines Wunsches vorhanden. Dennoch meinte er den Versuch dazu machen zu müssen. Er war erfahren genug, um zu wissen, daß dem Gelde selbst die treuesten Diener nicht zu widerstehen vermögen, besonders wenn ihre Dienste mit keiner Gefahr für sie verbunden, sondern obenein von hoher Stelle aus noch belohnt werden würden.

Der Zufall führte ihm bald einen der Diener in den Weg, und er zögerte nicht, diesen Umstand in seinem Sinn zu benutzen. Er prüfte mit der ihm eigenen Schlauheit sofort den Charakter des anscheinend gewandten Mannes und erkannte zu seiner angenehmen Ueberraschung, in demselben vielleicht das gewünschte Werkzeug seines Vorhabens gefunden zu haben. Er hatte sich in der That nicht getäuscht, und in nicht langer Zeit gelang es der Ueberredungskunst und seinen reichen Mitteln, den Diener seinen Absichten willfährig zu machen. Derselbe mußte ihm fortan alle irgend wichtigen Vorgänge, vor Allem jedoch die Besuche des Grafen und deren Dauer sofort mittheilen und zugleich sein Augenmerk auf das Entwenden des Medaillons richten. Die plötzliche Erkrankung des Kindes und die dabei obwaltenden, bereits näher bezeichneten Umstände erleichterten das Vergehen in hohem Grade. Denn nur der Zufall ließ den stets spionirenden Diener das Portrait entdecken. Er hatte sich nämlich kurz vorher, geschützt von der Dunkelheit, im Garten in der Nähe des Balkons aufgehalten und dabei Gelegenheit gefunden, Sidonie im Betrachten des Medaillons zu beobachten, und dieser Umstand im Verein mit den übrigen Verhältnissen ihm den Raub der Cassette sehr erleichtert. Wie fern lag Sidonien die Ahnung, in solcher Weise beobachtet zu werden; in der Ueberzeugung, auf dem Balkon vor jedem Lauscher gesichert zu sein, fiel es ihr nicht ein, irgend wie Vorsicht ausüben zu müssen. Um den Verdacht von sich und den Leuten der Prinzessin abzulenken, hatte der Diener die Lichte brennen lassen, damit vorausgesetzt würde, man habe von dem Garten aus die Cassette entwendet.

Alles Weitere ist uns in dieser Beziehung bekannt, und wir dürfen kaum hinzufügen, wie reich der Kapitän den Diener belohnte, nachdem er das gewünschte Medaillon wirklich gefunden hatte.

Bieberstein meldete dem Baron sofort das so höchst wichtige Resultat seiner Bemühungen und fragte bei ihm zugleich an, ob er sich dadurch befriedigt fühle; ehe er jedoch noch eine Antwort erhielt, wurde der nämliche Diener mit dem Ueberbringen des Briefes an den Grafen beauftragt. Neben dem Portrait konnte ein Brief von Sidonien an den Grafen das bedeutsamste Beweisstück von ihrem Verhältniß bieten, und der Kapitän hatte daher in dieser Erkenntniß den Diener, der, wie wir erfahren haben, die Briefe an den Grafen besorgte, sogleich angewiesen, ihm dieselben, bevor er sie ablieferte, einzuhändigen, damit er sie durchsehen und das Weitere darüber bestimmen könnte. Die bisherigen Briefe waren alle von Aurelien gewesen und ohne jede Bedeutung; das letzte Schreiben an den Grafen enthielt jedoch Sidoniens Worte, und so sah der Kapitän seine Mühe reich belohnt. Daß der Diener verschwand und nicht entdeckt werden konnte, war ein berechnetes Spiel, um den Raub zu verbergen und den Ersteren sicher zu stellen. Ueberdies wußte man nicht, ob der Fürst die dabei angewandten Mittel gebilligt haben würde, falls ihn die Prinzessin künftighin damit bekannt machte, was nicht gut ausbleiben konnte. Darum mußte der Diener sich nach seiner fern gelegenen Heimath begeben, und that dies um so lieber, da er nicht nur sehr reich beschenkt, sondern ihm auch für die Folgezeit eine sehr einträgliche Stelle in der Umgebung des Prinzen zugesichert worden war.

In welcher Weise der Kapitän überdies bemüht war, sich mit dem Grafen bekannt zu machen und sich in sein Vertrauen zu stehlen, haben wir bereits früher erfahren. Mit diesen Beweisen kehrte er zu Mühlfels zurück und wurde später von diesem angewiesen, die ersteren dem Prinzen im Geheimen zu überbringen.

Dieser war im hohen Grade erfreut darüber, erachtete es jedoch für besser, wenn dem Fürsten der Ueberbringer so wie die nähern Umstände zu dem Allen verschwiegen blieben, und sprach den Wunsch aus, ihm die Sachen auf der in den nächsten Tagen stattfindenden Redoute und zwar in Gegenwart des Fürsten als Maske zu überreichen. Das Weitere ist uns bekannt, so wie auch die unheilvollen dadurch hervor gerufenen Wirkungen.

Der Fürst war, wie wir erfahren haben, durch die Anklage der Prinzessin und die ihm übergebenen Beweisstücke für ihre Liebe in hohem Grade überrascht worden; denn er hatte bis zu diesem Augenblick die Untreue der Prinzessin für unmöglich erachtet; jetzt freilich war das anders. Dergleichen schlagende Beweise gestatteten keinen Zweifel mehr, und, unterstützt von seinen Ansichten über Frauentugend und -Sittlichkeit, erkannte er zu seinem nicht geringen Unmuth, von der anscheinend so einfachen Prinzessin durchaus getäuscht worden zu sein. Er gab sich dieser Ueberzeugung um so mehr und lieber hin, da er in der Prinzessin Schuld zugleich ein geeignetes Mittel erkannte, die Ehre des Prinzen zu retten.

Wir sehen, daß Sidoniens Voraussetzungen in dieser Beziehung durchaus begründet waren. Wenn sich vielleicht auch in dem Fürsten bisweilen einige Bedenken über die Angelegenheit erhoben und er eine im Geheimen wohl berechnete Intrigue ahnte, so übte das doch keinen solchen Einfluß auf ihn, um die ihm gebotenen Mittel abzuweisen. Im Gegentheil, Sidonie würde, so sagte er sich, auf ihrem Verlangen beharrt haben, die Trennung konnte also nicht umgangen werden, und so war er in hohem Grade erfreut, die Beweise von ihrer Schuld zu besitzen und der ganzen Angelegenheit eine so willkommene Wendung geben zu können.

Auf des Prinzen Wunsch erfolgte sofort Mühlfels' Begnadigung, nachdem der Erstere dem Fürsten die Vermuthung mitgetheilt, daß wahrscheinlich lediglich durch den Baron die Angelegenheit in solcher Weise arrangirt und zu ihrer Kenntniß gelangt wäre. Ueberdies ließ diese Annahme auch erwarten, daß Mühlfels vielleicht noch weitere Aufklärungen über diese Angelegenheit geben würde; um so mehr Grund für den Fürsten, den Baron sofort kommen zu lassen, der seiner Ansicht nach durch der Prinzessin begründete Schuld gerechtfertigt war, jedenfalls vor der Welt in solcher Weise gerechtfertigt wurde.

Denn nachdem der Fürst entschlossen war, die sich ihm darbietenden Vortheile in seinem Sinn zu benutzen, konnte es ihm nur erwünscht sein, auch selbst durch dergleichen Handlungen die Ueberzeugung von Sidoniens Schuld zu erkennen zu geben. An dem auf Sidoniens Unterredung mit dem Fürsten folgenden Tage fand eine Berathung des Letzteren und des Prinzen mit den Ministern statt, in Folge dessen eine Anklage gegen die Prinzessin erhoben und die weiteren Maßnahmen darin getroffen wurden.

Die Empfindungen, mit welchen die Letztere nach ihrem Palais zurückkehrte, dürften wol kaum näher zu bezeichnen sein. Aurelie, die in der ängstlichsten Spannung der Freundin Rückkehr geharrt hatte, empfing sie mit besorgten Blicken. Der Ausdruck in Sidoniens Antlitz verrieth ihr die Bedeutsamkeit der stattgefundenen Unterredung, und um so erwartungsvoller sah sie daher deren Mittheilung entgegen.

»Es ist Alles verrathen,« sprach Sidonie, als sie sich mit Aurelien allein befand; »Alles, Alles, und meine reine Liebe in den Schmutz der Gemeinheit getreten.«

»Verhüte der Himmel, daß Du die Wahrheit sprichst!« rief Aurelie erschreckt.

»Es ist so, wie ich sagte, und der Fürst hat sich, wie ich erkannt, nicht eben gesträubt, diesem Bubenstück Glauben und Beifall zu schenken. Die Cassette und unsere Briefe sind geraubt worden, um Beweise für meine Schuld zu erhalten, und mit diesen Beweisen ist mir der Fürst entgegen getreten und wie mir schien in der gewissen Voraussetzung, mich zum sofortigen Geständniß zu veranlassen. Er irrte sich jedoch.«

»Was konntest Du ihm sagen?«

»Die Wahrheit, meine theure Freundin, und ich habe es gethan.«

»So bist Du verloren!«

»Ich weiß, daß ich es bin, und um so sicherer, da man mich verderben will; doch durfte ich nicht anders.«

»Und glaubt der Fürst nicht an Deine Schuldlosigkeit?«

»Er will es nicht, da sein Staatsinteresse es ihm verbietet.«

»Du überzeugtest Dich davon?«

»Ich habe in seiner kalten, selbstsuchtsvollen Seele gelesen, trotzdem daß er sie mit dem ganzen Nymbus fürstlicher Gewalt und Hoheit, mit der ganzen Ueberlegenheit des geistvollen, in seinen Urtheilen unfehlbaren Mannes umgab, und daß ich mich trotz alledem nicht abhalten ließ, ihm seine eigenen Gedanken zu entziffern, daß ich mich erkühnte, mich in meinen Urtheilen ihm gleich zu stellen, ja sogar ein Uebergewicht über ihn gewann, entrüstete diesen an tyrannischen Gehorsam gewöhnten Mann so sehr, daß er sich endlich hinter seine Räthe flüchtete, um sich vor meinen Angriffen zu schützen.«

»O, mein Gott, was hast Du gethan!« rief Aurelie in großer Besorgniß aus, die Freundin mitleidsvoll betrachtend.

»Ich that, was ich thun mußte. Meine so tief gekränkte Ehre, die namenlose Ungerechtigkeit und vor Allem jedoch die verletzende Art, mit der mich der Fürst empfing und behandelte, riefen meine ganze Empörung wach, und so war es eine Ehrenpflicht, ihm dieselbe zu zeigen, um den Charakter meiner Schuldlosigkeit zu behaupten. O, meine Aurelie, Du hättest in meiner Stelle ebenso gehandelt und hättest es auch nicht anders gekonnt. In solcher Weise herausgefordert, wirst Du zu solchem Verhalten genöthigt.«

»So hast Du auch keine Nachsicht von dem Fürsten zu erwarten,« fiel Aurelie bewegt ein.

»Ich bin davon überzeugt,« entgegnete Sidonie ruhig und starr vor sich hinblickend.

»Doch meintest Du, ihn zur Anerkennung Deiner Unschuld genöthigt zu haben.«

»Daß ich schuldlos bin, weiß er; doch wenn ich auch über ihn siegte, so kehre ich doch als ein zu Tode getroffener Sieger zurück, über welchen meine Feinde bald frohlocken werden, da sie, wie der Fürst, mein Verderben wollen und es auch erreichen werden.«

»So wäre vielleicht doch noch nicht jede Hoffnung verloren,« bemerkte Aurelie.

Sidonie schüttelte das Haupt und entgegnete verzichtend:

»Eine innere Stimme sagt mir, daß ich der Politik des Fürsten zum Opfer fallen muß und darauf die Intrigue angelegt worden ist. Höre das Nähere derselben und Du wirst mir Recht geben und meine Besorgniß theilen.« Und sie erzählte Aurelien darauf alle Einzelnheiten der stattgefundenen Unterredung, und diese sah sich, gleich Sidonien in Folge dessen genöthigt, anzuerkennen, worauf es in diesem Fall abgesehen war und daß nur der Prinz und Mühlfels die Anstifter der Uebelthat sein konnten. Jetzt auch vermochten sie sich das räthselhafte Verschwinden der Cassette und des Dieners zu erklären, jetzt aber auch erkannten sie, mit welcher Schlauheit und Berechnung man zu Werke gegangen war, um in den Besitz der Mittel zu ihren übeln Zwecken zu gelangen.

»Du erkennst, meine theure Aurelie,« fuhr Sidonie fort, »daß ich unter den obwaltenden Umständen auf keine Schonung zu hoffen habe und mich daher an den Gedanken gewöhnen muß, Alles, was die Gewalt über mich zu verhängen für gut findet, über mich ergehen zu lassen. Wie soll ich mich anders vertheidigen, als ich es bereits gethan? Ich weiß es nicht. Von meinem Bruder habe ich keinen Beistand zu erwarten; vielmehr fürchte ich, er wird des Fürsten Meinung über mich theilen und mir daher nur noch mehr zürnen. Wer würde es sonst noch wagen, gegen den Fürsten und für mich aufzutreten? Niemand; denn Alle fürchten sich, den allmächtigen Regenten zu erzürnen. Mag denn geschehen, was da will; ich bin auf Alles gefaßt.«

Also sprach Sidonie in der richtigen Erkenntniß ihrer Lage.

»O, daß selbst das reinste Gefühl vor der Verunglimpfung nicht mehr gesichert ist!« rief Aurelie in schmerzlicher Entrüstung.

»Wie kann Dich das überraschen im Hinblick auf die sittenlose Welt, in der wir leben?« fragte Sidonie. »Wie sollten diese Menschen an eine edle, reine Liebe glauben, deren sie selbst nicht fähig sind? Sie beurtheilen mich nach sich, wie das stets ist. Wäre ich wie sie, würde mich kein Vorwurf treffen; meine Schuld besteht in der Anmaßung, besser sein zu wollen, wie sie. O, jetzt ist mir mancherlei klar geworden, was ich früher nicht verstanden habe!«

Sidonie schwieg und blickte schmerzvoll vor sich hin; ihre Gedanken flohen trotz aller Bedrängniß zu dem Manne ihrer Liebe, dessen Aufenthalt und Lage ihr unbekannt war.

»O,« fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, »ich würde Alles, Alles leichter ertragen, quälte mich nicht der Gedanke, den edeln Grafen so tief verletzt zu wissen, zu wissen, daß ich ihn in mein Unglück hinein gezogen habe! Wie unendlich tief wird er leiden, seine Ehre also gekränkt zu sehen, er, auf dessen Charakter kein Makel haftet! Doch eine Hoffnung beseelt mich und läßt mich erwarten, daß die Gräfin Römer sich bei dem Fürsten für ihren Sohn verwenden und vielleicht dadurch seine entehrende Lage abgekürzt werden wird. Wie sehr wird die gute Frau gleich ihm leiden, und wie wenig angenehm wird ihr die Erinnerung an die Urheberin ihres Kummers sein!« —

»So gestand der Fürst des Grafen Verhaftung zu?«

»Er that es in seiner Art, ohne doch auf meine Bitte, den Grafen frei zu geben, zu achten, und wurde in hohem Grad ungehalten, als ich ihn erinnerte, sich dadurch zu compromittiren.«

»Seine Eitelkeit ertödet jedes bessere Gefühl in ihm.«

»So ist es in der That. Der Zweck, den er sich vorausgesetzt, der zu erzielende willkommene Vortheil geht ihm über Mitleid und Gerechtigkeit, und indem er über uns Strafen verhängt, will er unsere Schuld begründen und sie vor aller Welt darlegen. Das, ich bin überzeugt, ist seine Politik und dazu sind ihm alle Mittel recht.«

»Trotz alledem dürfen wir uns nicht geduldig den Verhältnissen hingeben und müssen auf Mittel sinnen, durch welche Deine Schuldlosigkeit erwiesen wird.«

»Wen könnte ich anrufen? Unter den Fürsten habe ich Niemand, der sich meiner annehmen würde, besonders da ich meine Liebe eingestanden habe. Ueberdies bin ich eine Gefangene.«

»Wie?!« fragte Aurelie erschreckt.

»Ich darf auf Befehl des Fürsten die Stadt nicht verlassen, und ebenso wird jeder meiner Briefe durch seine Hände gehen.«

»O, schrecklich, schrecklich!« rief Aurelie und fügte alsdann hinzu: »Doch mag das Alles sein, so bin ich doch frei und kann für Dich wirken.«

»Was vermöchtest Du, meine Gute? Wohin könntest Du Dich wenden, ohne von des Fürsten Gewalt ereilt zu werden und Deine Mühen wirkungslos gemacht zu sehen? Wir müssen das Alles aufgeben, da es fruchtlos wäre, und abwarten, welche Schritte der Fürst thun wird und welches Urtheil seine Räthe über mich fällen. Ich besitze nur ein Mittel, das meine Ehre retten kann, und das ist meine Schuldlosigkeit; vertrauen wir dieser.«

Weinend umarmten sich die Freundinnen und knüpften, nachdem sie sich wieder gesammelt hatten, neue Betrachtungen und Erwägungen über Sidoniens Lage an. Und während dessen neigte sich der Tag, es nahte der traurige Abend und die ruhelose Nacht, ohne daß Trost in ihre Herzen kam; vielmehr erfüllte Sidonie immer mehr die Ueberzeugung, das Uebelste noch nicht erduldet zu haben.

Wie sehr hätte es sie beglückt, wenigstens der Nähe dieser ihr so übelgesinnten Menschen entfliehen und in stiller Abgeschiedenheit das über sie verhängte Loos erwarten zu können; doch auch dieser Trost war ihr versagt; denn sie war ja eine Gefangene.