Erstes Buch.

Erstes Capitel.
Wohin?

Nichts ist geheimnißvoller, wie eine Seefahrt, bei der man das Reiseziel nicht kennt.

Da sammelten sich im Frühjahr 1798, Fahrzeuge, Piloten, Truppen, Gelehrte, in Toulon. Jeder hatte nur den Befehl empfangen, sich einzufinden, einen der allgemeinsten die es giebt. Aber vergebens zerbrach man auf Caffeehäusern, oder Lustwandlungen am Seegestade den Kopf, wohin Steuer und Seegel lenken würden. Nur dem großen Haupte war das Geheimniß bekannt. Das Ohr der Neugier hing an jedem Munde, doch die Lippen, von denen Befriedigung ertönen konnte, schwiegen.

Der Matros wünschte, es mögte nach Jamaika gehn, weil es dort den besten Rum giebt.

Dem Krieger wäre die Fahrt nach den Brittischen Küsten, die willkommenste gewesen, um seine Uniform aus dem besten Tuche der Welt gefertigt, und ihre Taschen mit Guineen gefüllt zu sehn.

Nach Peru wäre lieber der Geometer gesegelt, dort einen Meridian zu messen.

Der Mineralog sehnte sich nach Ländern voller Ur- Gang- Flötz- und vulkanischen Gebürge, um erdige, salzige, metallische und gemengte Fossilien zu sammeln, und noch neue zu entdecken.

Dem Botaniker konnte der Zug nicht weit genug gehn, denn er wollte die Mooshirse in Afrika, die Schaukelpflanze auf den Südseeinseln, den Kannenträger in Zeilon, den Asant in Persien, die Mimose in Amerika, und den Bonanapas-Giftbaum in Java suchen.

So dachte der Zoolog, denn der Macacco in Angola, wie der Ai in Guiana, der fliegende Hund in Polinesien, und Vampyr in Chili, der Springhase in der Barbarei, und die Genethkatze in Syrien, die Hyäne, der Taguar, der Löwe, Känguruh, Purna, Schakal, Zobel, Zebra, Bison, Cingalo, dann die Schwimm- Sumpf- Strausartigen- Hühnerartigen- Sperlingartigen- Rabenartigen- Spechtartigen- Geier- und Aarartigen Vögelgeschlechter, die denkwürdigen Amphibien, die Insektenheere mit und ohne Fittig, die seltsamen Conchilien, die Würmlein, Mikroscopthiere, Petrefakten, mußten sie ihm nicht von gleichem Interesse seyn? Gab es nicht viele noch unerforschte Gegenden, wo sich vielleicht, fast gewiß ein noch nie gefundenes Geschlecht ausmitteln ließ. Auch schwamm er gleich willig auf dem Oceane umher, da die Ichtyologie dort ihre reichen Entdeckungsgefilde fand.

Die Alterthumskenner sehnten sich nach Inscriptionen und Gemmen, die Architekten nach Tempelruinen, die Geographen wollten um den Erdball, die Sternkundigen weit an den Südpol, die Chemiker überall hin, um überall die Dinge mit Elementarkräften in einfache Stoffe zu zerlegen.

Wer die Begebenheiten des Herrn von Jalonski las, und guten Gedächtnisses ist, muß sich erinnern, daß Ring und Flore durch die Wirbelstrudel des Geschicks, auch nach Toulon geworfen wurden, und die Unternehmung zu theilen dachten. Sie vertrauten sich muthig dem Lebensgestirn, mogte es sie führen.

Ring machte die Bemerkung: es sei höchst befremdend, daß ein Feldherr gegen Hundert Gelehrte in seinem Gefolge zählte. Deutsche Helden hätten gegen Niemand eine größere Abneigung.


Man schiffte sich ein, lichtete die Anker, und mied den Hafen. Die blaue Küste schwand, das helle Meer küßte überall den ätherischen Saum.

Gen Südost wendet sich der Cours, die Nauten erblicken die kleinen Hierischen Eilande, bald darauf des Gebieters bergigte Heimath, dann gings an die Königsinsel vorüber, deren Herrscher den Stolz der beleidigten Republik schwer empfand.

Nach einigen Tagen nahte man den fruchtreichen Gestaden, wo des tiefen Alterthums Legende die Polyphem hausen ließ. Aus ihrer Mitte stieg der drohende Vulkan zur Höhe.

Werden wir hier landen, finden wir der Orangen die Fülle. Nein, es geht vorbei.

Sollen vielleicht die Raubstaaten Afrikas der Neufranken Besuch empfangen? Nein, dem heiterem Morgenlande zu, steuert der Pilot. Gilt vielleicht dem Großherrn in Stambul der Besuch?

Doch man stationirt vor Malta. Eine Convoy von sechzig Segeln aus Civitavecchia vereint sich mit der Flotte. Der Felsen, den Priestern von altem Adel gehörig, wird angegriffen.

Hilf Himmel, wie erschraken die Ritter da droben, als die Kanonade begann. Der warf die Pücelle, welche er eben las, in einen Winkel, jener stieß seine Mätresse unsanft von sich. Alles lief durcheinander. Man hörte Flüche in allen Zungen.

Sie hatten Recht. Eine Kanonade, lustig anzuhören im Theater oder bei Musterungen, gellt unerträglich ins Ohr, wenn die scharfgeladenen Schlünde uns zugekehrt sind.

Capitulation! ruft alles, in Bombenfesten Klüften versteckt. Die Fahne des heiligen Johann galt nicht mehr, die weiße Fahne.

O ihr Rhodiser, die ihr einst euch so tapfer wehrtet, was sagt ihr im Himmel droben, zu den Stiefenkeln? Doch tröstet euch! Der Zorn tapfrer Ahnen im Todtenreich über die untapfre Nachkommenschaft ist nicht selten.

Nach zwei Tagen waren die Unterschriften vollzogen, die Franzosen liefen in den Hafen, und organisirten das Land. Wie weinten die Kinder der Ritter!

Flore und Ring stiegen, wie der Schiffer spricht, auch an den Wall, und besahen allerhand Merkwürdigkeiten. Rings Phantasie schwebte wonnig in die Tiefen der Vorzeit zurück, als er die kirchlichen, griechischen, ja phönicischen Alterthümer erblickte, die man hier vorzeigt; Flore hätte aber lieber einen neuen Anzug aus dem Palais-Royal gesehn, und war oft der Frage nahe, welche ein naiver Knabe, den sein Hofmeister unter herrlichen Versprechungen nach Rom geleitet hatte, im Museum des Vatikans that: Est ce que je m’amuse?

Die unkriegerischen Ritter hatten, wie man weiß, ewigen Krieg beschworen, und mußten also dem Pflichteide nach, ein wenig gegen die Türken kreuzen. Da hatte man denn hie und da über Kauffahrer einen stolzen Sieg getragen, und Gefangne gemacht, die sich zur Sklaverei auf Maltha bequemen mußten. Man fand deren einige Hundert vor, und nahm sie an Bord, um ihnen die Freiheit da zu geben, wo sie ihnen nützlich seyn konnte. Nicht wenig befremdete die armen Teufel eine wohl nie erwartete Großmuth.

Unter ihnen befand sich ein junger Muselmann Namens Coraim, von freundlichem gutmüthigem Ansehn, und aufgewecktem Sinn. Er hatte in La Valette etwas italienisch und französisch reden gelernt, und unterhielt die Gesellschaft des Schiffes, auf welches er gebracht worden war, das nämliche, wo sich Ring und Flore befanden, mit mancherlei Erzählungen. Man erfuhr auch bald, daß er ein Mährchenerzähler war, deren es im ganzen Morgenlande giebt, und welche die Stelle der Bücher vertreten. In Deutschland hat bekanntlich vor einigen Jahren ein großes Genie das Wort Kindlichkeit ausgesprochen, und wie gewöhnlich, wird ein so ausgesprochenes Wort von Tausend kleinen Genies nachgesprochen. Wohlan, man könnte wohl behaupten, daß die muselmännische Kindlichkeit in dem Behagen an Mährchen, keine geringe Nahrung finde, und von da bis zu dem Vorschlag einen solchen Gebrauch auch unter uns einzuführen, ist nur ein kurzer Schritt. Auch leuchtet ein, daß eine Mährchenerzählung bequem in derselben Stunde in Hundert Ohren zu tragen ist, wogegen das Buch, wenn es nicht in vielen Abdrücken gekauft wird, eine langsame Wanderung machen muß.

Der Wind blies nicht erwünscht, die Flotte wurde ziemlich im Meere aufgehalten. Desto mehr gab es der Langeweile, und jeder suchte einen Zeitvertreib. Denn der Blick ins Meer hinaus empfindet bald Einförmigkeit.

Flore lag dann meistens den Coraim um eine Erzählung an, und fand ihn immer willfährig, es mogte Tag oder Nacht seyn. Er glich darin nicht dem Verfasser der Tausend und Einen Nacht, bei dem die anmuthige Scheherazade immer angeredet wird: Wenn sie nicht schlafen, so erzählen sie uns doch eine von ihren allerliebsten Historien. Da aber einige junge Pariser noch spät an seinem Hause vorübergingen und riefen: Herr Galland, wenn sie nicht schlafen, so erzählen sie uns doch eine von ihren allerliebsten Historien, war der Mann sehr aufgebracht.

Zweites Capitel.
Coraims Erzählung.

Nachdem der Sklave einen ziemlichen Vorrath unglaublicher Berichte erschöpft, und seiner Hörer Einbildung mit Geistern, Riesen, Zauberern, Derwischen überfüllt hatte, theilte er auch die wahre Geschichte einer schönen Europäerin mit, die sich vor einiger Zeit in Cairo zugetragen hatte.

Ein Spanier segelte von Barzellona nach Egypten, weil er zu Cairo als Consul seiner Nation wohnen sollte. Man hatte nicht Frieden mit Algier, ein Corsar griff das spanische Schiff an, und ward Sieger. Die gefangene Mannschaft wurde nach seiner Heimath geführt, und auf dem Sklavenmarkte feil geboten.

Der Spanier wäre gefaßt gewesen, da er überzeugt seyn durfte, bald von seiner reichen Familie losgekauft zu werden, aber er führte seine neunjährige Tochter mit sich, und hatte schon auf dem Raubschiffe gefleht, sie nicht von ihm zu trennen. Dies war aber umsonst gewesen, wie das Winseln der ihn umklammernden Isabelle; der Corsar hatte Weiber und Männer theilend, sie im Hafen auf zwei verschiedene Chaluppen gesetzt, die nicht weit von einander dem Strande zuruderten.

Isabelle, so kühn wie zärtlich, hatte sich aber in einem Augenblicke, wo beide Fahrzeuge fast mit den Borden zusammenstießen, aufgerafft und einen Sprung gewagt, um zu ihrem Vater zu gelangen. Indem aber waren die Boote wieder nach zwei Seiten gewichen, und die Unglückliche in die Wogen gesunken. Das Bestreben, sie zu retten, blieb unbelohnt, um so mehr, als die Dunkelheit des hereinbrechenden Abends, und die Strömung der See hinderlich waren. Der trostlose Vater hörte nichts mehr von der geliebten Isabelle.

Nach einem halben Jahre langte die Ranzionsumme an, und frei, doch traurig und gebeugt begab sich der Spanier an den Ort seiner Bestimmung. —

Sechs Jahre darauf langte eine Caravane von Fezzan zu Cairo an. Unter vielen mitgebrachten verkäuflichen Gegenständen, sah man auch den Sklavenmarkt durch diese Caravane gefüllt. Man fand dort Eunuchen und glänzende Negerinnen, mit perlweissen Zähnen. Doch vor allen fesselte ein funfzehnjähriges europäisches Mädchen, die Aufmerksamkeit der Käufer. Wuchs, Auge, Haar, alles bezauberte an ihr, wie sich von selbst versteht, und gegen die Sitte, war sie bekleidet, weil sie dem Sklavenhändler erklärt hatte, daß sie sich den ersten gelegenen Tod geben würde, wenn er sie, gleich den andern Mädchen, ohne Hülle ausstellte.

Die Beis waren grade in Krieg verwickelt, und dachten nicht an den Harem, die reichen Muselmänner versteckten ihr Geld, deshalb konnten sich Europäer auf dem Bazar einfinden.

Unter andern befand sich eben ein Italiener zu Cairo, der egyptische Seltenheiten einkaufte, Namens Signor Perotti. Alte Münzen von den Ptolemäern, kleine Götzenbilder aus der Pharaonenzeit, Steine mit Hieroglyphen, hatte er schon in Menge zusammengebracht. Schon öfter hatte er vordem eine solche Handelsreise gethan, war denn mit seinen Waaren nach Neapel, Rom und Venedig gegangen, wo er sie meistens an reiche reisende Britten, mit unerhörtem Vortheil abgesetzt hatte.

Signor Perotti erschien auch auf dem Bazar, das lüsterne Auge an den Reizen der enthüllten Mädchen zu weiden. Da er aber Isabellen sah, deren Verhüllung grade die lieblichsten Ahnungen erweckte, ward ihm der glühende Wunsch nach Besitz rege, und er fragte zitternd um den Preis. Es wurden Tausend Piaster gefordert. Viel für einen Geitzhals, doch überwand die Leidenschaft, und da der Verkäufer nichts ablassen wollte, so zahlte Signor Perotti.

Isabelle rang weinend die Hände, da sie ihren Käufer betrachtete. Sie redete ihn an, er verstand sie aber nicht. Wohl hatte sie erst gewünscht, ein Europäer mogte sie erstehn, dem sie sich entdecken, und ihn bewegen mögte, an ihre Familie zu schreiben, allein das ganze Wesen dieses Pantalons deutete ihr nichts Gutes.

Eben aber, da der Handel abgeschlossen wurde, trat auch ein junger Franzose hinzu, wurde plötzlich von des holden Mädchens Schönheit bewegt, und fragte den Welschen mit Ungestüm, ob er sie mit hohem Vortheil ihm überlassen wollte? Nein, versetzte Jener, und so ich zehntausend Piaster gewönne. Das Mädchen blickte vielsagend nach dem Franzosen, und er begriff, daß sie sich lieber in seinen Händen befinden würde. Eine Entdeckung, die das Feuer seiner Liebe natürlich noch um so mehr anfachte.

Er schlich dem Italiener nach, seine Wohnung zu erkunden, holte dann eine bedeutende Summe, und begab sich wieder zu ihm. Dieser schlug aber alles fest ab, und der Franzose ward, da er wieder erschien, nicht ins Haus gelassen.

Trostlos berathete dieser mit seinem Diener, was hier anzufangen sei.

Das Haus hatte nach morgenländischer Sitte keine Wohnzimmer vorne heraus, es bestand also nicht einmal die Hoffnung, die Schöne im Vorübergehn zu erblicken, weit weniger ihr ein Billet zuzuwenden. Ins Haus zu gelangen, das war ein Problem, welches er vollends nicht zu lösen wußte. Wie die Eifersucht ihn unter solchen Umständen quälte, fühlt auch jedermann.

Indessen hatte man sich genau um das Treiben des Signor Perotti erkundigt, und Michelet, des Franzosen verschlagener Diener, entwarf einen Plan, seinen Herrn zu dem Mädchen zu bringen, es koste was es wolle.

Er begab sich nach des Italieners Wohnung, und pochte an. Der Herr erschien vor der Thür, nachdem er das Haus vorsichtig wieder geschlossen hatte, und fragte nach des Fremden Begehren. Dieser vertraute ihm geheimnißvoll, er habe sich in eine der Pyramiden von Gizah gewagt, und sei mittelst der mühvollen Hinwegwälzung eines großen Steines tiefer eingedrungen als wohl noch jemand zuvor. Hier habe er eine kostbare ganz unversehrte Mumie gefunden, und sie bei Nacht, und unter vielen Gefahren nach Cairo geschafft. Wenn Signor Perotti Lust habe, könne er sie kaufen.

Dieser war gleich dazu geneigt, und fragte: wo er die Seltenheit sehen könne? Bei mir nicht, antwortete Michelet, da würde es Verdacht erwecken, und ich würde um die Entwendung bestraft. Da aber in eurer Wohnung kein Eingeborner lebt, so können wir dort alles ordnen, und ich bin bereit, diesen Abend die Mumie in ihrem Sarge zu euch zu bringen. Zwei vertraute Landsleute sind mir behülflich.

Der Italiener, in Hoffnung großer Vortheile, war es zufrieden, und erklärte, daß er ihn am Abend erwarten werde.

Nun ward ein Mumiensarg, deren es in Cairo viele giebt, angeschafft, und wie der Leser wohl schon erwarten mag, der junge Franzose hineingepackt. Liebe, und Intriguengeist ermannten ihn, das Abentheuer zu bestehn, und die Qual der beengten Lage zu dulden. Viele Luftlöcher sicherten ihn gegen Erstickung.

Es war Abend, Michelet und einige Bekannten trugen die Last an den Ort ihrer Bestimmung. Signor Perotti, ließ nur den Ersteren mit ein, und trug sammt ihm den schweren Sarg in eine Kammer mit Gitterfenstern. Eben sollte er nun geöffnet, und die Mumie geprüft werden, als es draußen mit großem Getöse an die Hausthür pochte. Der Italiener ging mit Michelet aus der Kammer, verschloß sie, und fragte: wer sich am Hause befände? Diener vom Bei des Quartiers, lautete die Antwort. Man mußte öffnen. Zwei Mamelucken standen da, und forderten, daß der Frank unverzüglich zu ihrem Herrn käme. Gegen solchen Befehl gilt im Morgenlande keine Einwendung, Signor Perotti beschied also den Mumienverkäufer nach einigen Stunden wieder, schärfte seinem Bedienten Wachsamkeit ein, versah die Hausthür noch mit einem überflüssigen Vorhängeschloß, und folgte den Mammelucken.

Der junge Franzos öffnete nun sein ängstliches Behälter, und stieg leise hinaus. Dunkel war die Kammer, das Fenster wohl verwahrt. Aber Liebesritter versehn sich auf solche Fälle. Eine Quantität Scheidewasser und eine scharfe Feile setzten ihn in Stand, durchs Fenster sich Raum zu verschaffen.

Freilich konnte das nicht ohne Geräusch vollzogen werden. Doch jener Bediente des Signor Perotti, der einen Sarg hatte ins Haus tragen sehn, und nun das Bewegen und Klirren vernahm, ward furchtsam, und wagte nicht nach dem Fenster zu eilen. Er wollte aus dem Hause, hinter seinen Herrn laufen, und diesem berichten, was vorging, doch die Thür war zu.

In dieser Angst schloß er das Zimmer Isabellens auf, (gegen ihn, da er alt war, argwohnte der Italiener nicht) und begehrte von ihr, sie sollte mit ihm in den Hof kommen, damit er jemand bei sich hätte, und Muth behielt.

Natürlich fragte Isabelle: was es gäbe? Entweder ward die Mumie lebendig, oder in dem Sarge steckt ein Dieb, erwiederte Antonio.

Es war, als ob Isabellen etwas ahnte, und sie ging um so williger nach, als ihr die Freiheit willkommen war, ihr Zimmer verlassen zu können, denn bisher war sie immer eng eingesperrt gewesen.

Man kam in den Hof, und hörte die Feile. Isabelle nahte dem Fenster, weil Antonio noch nicht dazu sich bewegen ließ. Der Franzose inwendig, indem er wahrnahm, daß von Außen jemand heranschlich, sah sich verrathen, und versuchte, was eine Geldsumme bewirken mögte. Er sagte leis: Hundert Piaster sind zu gewinnen, so ihr mich zu der Sklavin lasset.

Isabelle erkannte augenblicklich die Stimme des liebenswürdigen jungen Mannes wieder, der so theilnehmend herangetreten war, als sie neulich verhandelt worden. Besonnen flüsterte sie dem bebenden Diener zu: Hier ist ein Räuber, eile auf mein Zimmer, da wirst du einen Dolch finden, bringe ihn schnell hieher.

Antonio stolperte davon, kaum war er aber auf des Mädchens Zimmer angelangt, als dieses hinter ihm verriegelt wurde, denn Isabelle war nachgeeilt.

Jetzt kam sie wieder vor jenem Gitter an, und fragte: was das heimliche Beginnen deute? Der Franzos hörte die Mädchenstimme froh überrascht, und vernahm auch bald, daß die, welche sein leidenschaftlicher Ungestüm suchte, ihm nahe sei. Er malte ihr mit den glühendsten Farben, seine Liebe, und bat sie, mit ihm davon zu eilen. Eben hatte er auch einige Eisenstäbe weggebracht, und konnte sich in den Hof hinausschwingen.

In starrer Verwunderung weilte das Mädchen; ihr Abscheu vor dem Italiener siegte aber gleich über die Bedenklichkeiten, und sie fragte schon, wie eine Flucht möglich sei? Zugleich berichtete sie, daß der einzig im Hause vorhandne Diener in ihrem Zimmer verriegelt wäre.

Die Beiden hatten nun immer Spielraum gewonnen; die Treppe nach dem Dache ward gesucht, das Schloß daran mit Gewalt zerstört, und der Franzos stieg mit Isabellen hinauf. Es war platt, wie in ganz Cairo der Gebrauch besteht. Nun gab er ein Zeichen, das unten von der Gasse beantwortet wurde. Eine Strickleiter ward mit einer Stange dargereicht, der Franzos befestigte sie, und ließ mit Hülfe Michelets, Isabellen und sich hinab.

Zuvor hatte er aber noch Tausend Piaster auf den Mumiensarg gelegt, und daneben geschrieben: Französische Intrigue.

Signor Perotti war unterdessen den Mammelucken gefolgt, die ihn aber unter allerlei Vorwand auf der Gasse aufhielten. Bald gab es dies bald jenes zu sehn, und es verging um so viel mehr Zeit, da in Cairo die Straßen mit Thoren versehen sind, die erst geöffnet werden müssen. Endlich aber gingen sie nach dem großen Canal hinab, und gaben dem Signor Perotti auf, nur ihrer am Ufer droben zu harren, da sie einen ihrer Kameraden, der unten die Wache bei den Barken des Beis hätte, zu sprechen hätten. Allein sie kamen nicht zurück, und nur nach einer ungeduldig ausgeharrten Stunde, wagte der zaghafte Italiener hinabzusteigen, wo er denn keine Barke und keinen Mammelucken mehr gewahrte.

Zitternd schlich er nach des Beis ihm wohlbekannter Wohnung, allein die Dienerschaft wußte von keinem solchen Befehl, und er lief was er konnte nach Hause, denn ihm leuchtete nun wohl ein, er hätte es mit vermummten Betrügern zu thun gehabt.

Zuerst ward er die noch herabhängende Strickleiter inne. Grausenhaftes Zeichen! Im Hof rief er den Antonio vergebens, und fand ihn endlich statt Isabellen auf ihrem Zimmer. Heulend verkündigte er das Auferstehn der Mumie, und empfing Mißhandlungen seiner unvorsichtigen Furcht wegen. Endlich schlug Signor Perotti neben dem Sarge die Hände über den Kopf. Sein Schmerz war ernstlich, und die Tausend Piaster trösteten ihn nicht. Er hatte durch seinen Handel nach der Levante während zwanzig Jahren etwas namhaftes erworben, und wollte sich nun auch einmal gütlich thun.

Der junge Franzos, Coutances war sein Name, war unterdessen mit der reizenden Beute in seiner Wohnung angekommen, und Michelet bereitete ein Mahl. Der Mann besaß eben keine Reichthümer, sondern fing meistens mit aufgenommenem Capital eine Kaufmannschaft an. Die Tausend Piaster, im Rausch der Liebe hingezahlt, konnte er eigentlich nur schwer missen. Isabelle warf sich, wie sie sich allein befanden, zu seinen Füßen hin, und bat um Schonung. Zugleich sagte sie ihm: ich gehöre einem reichen Geschlechte in Spanien, und wurde von Corsaren geraubt. Suchen sie Erkundigungen einzuziehn, ob mein Vater vielleicht losgekauft, und nach Cairo gekommen ist. Wo nicht, so lassen sie uns nach Spanien reisen, und empfangen dort meine Hand mit einem ansehnlichen Vermögen. Das sei der Lohn ihrer Großmuth. Die Versicherung, daß mein Herz schon im ersten Augenblicke für sie sprach, das Vertrauen, womit ich ihnen folgte, gnüge bis dahin ihrer Liebe.

Coutances hörte ihr mit Befremdung zu, empfand Ehrfurcht für Isabellen, und schwur ihr Begehren zu heiligen. Er fragte noch: warum in Algier keine Anstalten zu ihrer Befreiung getroffen worden, und erfuhr: nachdem sie durch Fischer aus dem Meere gerettet wäre, hätten sie diese nach einem Landhause gebracht, und einer alten Dame verkauft, die große Anhänglichkeit für sie gefaßt habe, und sich durchaus nicht hätte von ihr trennen wollen. Bei einem innerlichen Kriege sei sie aber aufs Neue geraubt, und endlich in die Gewalt des Sklavenhändlers gekommen, der sie nach Cairo gebracht.

Der Geliebte ging am folgenden Morgen zu einem Bekannten, und fragte nach den Lebensumständen des spanischen Consuls. Zu seinem größtem Vergnügen hörte er, daß der Mann sich beinahe sechs Jahr in Egypten befände, und auf der Reise den Unfall erlebt habe, Algierischer Sklave geworden zu seyn. Kein Zweifel weiter. Auf der Stelle eilt er zu ihm, und theilt schon im Geiste das Entzücken Isabellens.

Vor der Hausthür steht ein Mann, den Coutances fragt: ob der Consul daheim wäre? Nein, ist die Antwort, er bringt einige Zeit in seinem Garten zu, da er an der Augenkrankheit leidet, und hier so viel Staub ist. Wißt ihr den Garten Freund? Könnt ihr mich auf der Stelle dahin führen? — Warum nicht.

Jetzt kömmt ein Diener mit zwei gesattelten Eseln die Gasse her. Sie gehören dem Consul, sagt jener Mann, besteigen wir sie, der Herr würde es übel nehmen, wenn man einem Fremden den weiten Weg zu Fuße machen ließe. Coutances läßt sich das gefallen, nimmt das eine Thier, der Andere das zweite, und so trabt man fort.

Ein kleiner artiger Garten nimmt den Franzosen auf, der nun in den Pavillon geführt wird. Die Fenster sind grün verhangen, ein Augenkranker sitzt, das Gesicht umschirmt, auf dem Sopha. Sind sie der spanische Consul, mein Herr? — Zu Dienst. — Besaßen sie eine Tochter? — O Gott, warum mahnen sie mich daran? Sie ertrank im Hafen von Algier. Sie lebt, glücklicher Vater, sie ist in Cairo!

Der rasche Ungestüm der freudigen Ankündigung bringt ihn einer Ohnmacht nahe. Coutances unterstützt ihn, muß nun erzählen, wieder erzählen, soll hin zu ihr — noch bleiben — dann wieder eilen, da der Spanier den glücklichen Moment nicht erwarten kann.

Der Franzose wird eingeladen, auch seine Wohnung in dem Garten aufzuschlagen, was ihm allerdings nicht unwillkommen ist. Der Alte drängt. Eine Sänfte soll sogleich Isabellen holen, Coutances seine Habseligkeiten ohne Zaudern mitbringen. Man giebt ihm deshalb noch einige Packesel mit, und er eilt von dannen.

Wer ist froher wie Isabelle bei so freudiger Botschaft! Sie fliegt zur Sänfte, kaum kann der Geliebte die Träger zurückhalten, die sie so heftig antreibt. Er und Michelet laden alle Sachen, so schnell es thunlich ist, auf, und folgen der Sänfte.

Man kömmt wieder in dem Garten an, Coutances führt Isabellen in den Saal, die entzückt vor dem Alten niederfällt. Indem ruft der Mann draußen, die Eseltreiber hätten einige Stücke von dem Gepäcke verloren. Coutances, der Isabellen beim Vater weiß, springt zurück, denn an dem Umstand ist ihm gelegen. Die Eseltreiber sind mit den Thieren zurückgeeilt, auch der Mann. Coutances und Michelet folgen zu Fuße, denn ihre Reitesel sind bei Seite geführt.

An einer Ecke hatte man jene im Getümmel aus dem Gesichte verloren. Höchst verdrießlicher Umstand. Man eilt aus einer Gasse in die andere. Umsonst! Man erreicht zuletzt die alte Wohnung. Da stehen die Eseltreiber mit dem Gepäcke. Es fehlt nichts wie jener Mann. Die Kerle erklären, er habe ihnen angedeutet zurückzukehren. Sonderbar! Seid ihr denn nicht im Dienste des Consuls? Nein, wir wurden gedungen.

Coutances übergiebt sie seinem Diener, und eilt wieder nach jenem Garten. Darüber aber sind bei der weiten Entfernung, und manchem hinderlichen Aufhalt, einige Stunden vergangen. Der Pavillon ist leer. Er fragt nach dem spanischen Consul. Den kennt der Wirth dieses öffentlichen Gartens nicht. Einige Unbekannte haben ihn nur auf heute gemiethet.

Er eilt zur Wohnung des Consuls in der Stadt. Der Mann, durch den er neulich in der Thür Bescheid erhielt, findet sich nicht mehr vor; dagegen erfährt er im Hause von der Dienerschaft, der Consul sei weder krank, noch in einem Garten gewesen.

Schnell fliegt der Franzos wieder zu Signor Perotti. Der ist heute ausgezogen, man weiß nicht wohin? Ein Mütterchen, die jenen von oben bis unten besieht, spricht: ja es trifft zu, und führt ihn in die Kammer wo der Mumiensarg noch steht. Er ist versiegelt, und hat auf dem Deckel eine Aufschrift an Coutances. Eröffnet findet sich darin ein Beutel mit Tausend Piastern, und auf einem Papiere die Worte: Italienische Intrigue.

Wer malt den Zorn des Betrogenen! Er konnte sich alles deuten, da Isabelle ihm gesagt hatte, sie habe dem Perotti ihre Geschichte vertrauen wollen, weil er aber das Spanische nicht verstanden, so habe sie alles zu Papier gebracht, und jener sich es wollen übersetzen lassen.

Coutances lief nun abermals zum Consul, und erbat sich abermals eine Unterredung. Nachdem es sich erwiesen hatte, daß Isabelle vollkommen wahr geredet, und Entzücken über den wahren Vater kam, berichtete er nun weiter, wie er so planmäßig durch den Italiener gefoppt sei.

Alle Mühe, die eben sowohl der Spanier wie Coutances anwandten, Signor Perotti und Isabellen zu entdecken, blieb mehrere Tage unbelohnt. Dann aber empfing der Vater durch einen Unbekannten ein Schreiben ohne Anzeige des Aufenthaltes. In demselben zeigte Perotti an, wie er durch seltsamen Zufall, Isabellen aus der Sklaverei gekauft habe. Er setzte hinzu: Die Landessitte gäbe ihm ein unbestrittenes Recht auf das Mädchen, und dies würde er auch üben, und sie auf seinen weiteren Reisen mitnehmen, ohne daß der Vater sie zu Gesicht bekäme, es sei denn, dieser wolle ihn zu seinem Eidam machen. Wäre dies etwa sein Entschluß, so mögte er ihn mittelst eines Anschlags an eine gewisse Mauer in italienischer oder französischer Sprache kund thun.

Hierdurch fand sich der alte Mann ziemlich gepreßt. Wie konnte er einem Unbekannten, von dem dazu des Franzosen Schilderung sehr unvortheilhaft war, so rasch sein einzig Kind zusagen. Gleichwohl besaß dieser dieses Kind in seiner Gewalt, und ein andres Mittel, ihn zur Auslieferung zu bewegen, entdeckte sich so leicht nicht. Doch wurde zuvor ein Anschlag versucht, in welchem der Spanier erklärte: Wenn Isabelle es zufrieden sei, würde er auch seine Einwilligung nicht zurückhalten; wäre das aber nicht, so hoffte man von dem Zartgefühl des Italieners, er werde von selbst keinen Zwang begehren, und ein reicher Lohn andrer Art wäre immer für ihn bereit. Es wurden dringende Bitten angefügt, des Vaters zärtliche Wünsche schnell zu befriedigen.

Signor Perotti wollte das aber nicht eingehn. Er verlangte in einem anderweitigen Briefe, die runde nette Erklärung. Sonst, hieß es weiter, reisete er ab, und nimmer würde der Spanier sein Kind an die Brust drücken.

Was blieb letzterm nun übrig, wie eine bestimmte Zusage? Er bat zugleich Coutances, zur Erhaltung des Friedens, sein Haus zu meiden, denn letzterer hatte in der Erzählung wohl entdeckt, wie er sich schmeichele, von Isabellen geliebt zu seyn.

Dieser schwur aber, das Mädchen um jeden Preis dem Italiener zu entwinden, denn er konnte den Gedanken nicht tragen, auf sie Verzicht zu thun. Ein Kaufmann seiner Landsmannschaft versprach ihm Gelddarlehne, um weitschichtige Anstalten zu treffen, und Michelet bot, ein anderer Scapin, allen Erfindungsgeist der List auf. Das Haus des Spaniers wurde vorerst durch tiefvermummte Beobachter von allen Seiten umlagert.

Nicht lange so kam Signor Perotti, wiewohl noch alleine, an. Er ließ sich nun noch von dem Spanier eine förmliche Handschrift aushändigen, und nach dieser neuen und festen Sicherheit versprach er das Mädchen zu bringen. Es war aber schon gegen Abend; in der Dunkelheit sollte nichts geschehn, am andern Morgen erst, setzte er hinzu, dürfte der Consul die Tochter erwarten. Eine Marter für seine väterliche Sehnsucht.

Am andern Morgen kam Signor Perotti die Gasse daher. In einer wohlverschlossenen Sänfte wurde Isabelle getragen, und um ja keinem Unfall blosgestellt zu seyn, hatte er sich von dem Bei seines Distriktes sechs Soldaten zur Wache erbeten, und diese gut bezahlt. Er traute dem Franzosen nicht, und fürchtete, dieser mögte ihm seine Beute allenfalls mit Gewalt entreissen.

Ein etwas schmaler Canal lief queer durch diese Gasse. Eben als die Sänfte auf der hölzernen Brücke angelangt war, entstand vor derselben ein dickes Gedränge von Franken und Egyptern, die über einen Kameelhandel in Zank gerathen waren. Das streitige Thier stand so, daß in der schmalen Gasse fast kein Raum mehr blieb, vorüber zu kommen, um so mehr, als so viele Menschen hinderlich waren, es in eine andere Richtung zu bringen. Dem Italiener war das aufs Aeußerste verdrießlich; er ließ die Sänfte niedersetzen, stand an einer Seite derselben, Antonio an der anderen, die Soldaten mußten einen dichten Kreis um ihn ziehn, und ins Volk rufen, damit bald Raum gemacht wurde. Bald schwand eine Viertelstunde hin. Dann aber konnte man vorwärts dringen.

Der Consul stand voller Erwartung an seiner Thür. Endlich kam die Sänfte, wurde durchs Haus in den Hof getragen, und Signor Perotti eilte aufzuschließen. Mit offnen Armen stand der Vater da, wollte nun die Langentbehrte glühend umfassen, doch die Thür öffnete sich, und zeigte eine leere Sänfte. Auf dem Sitze lagen Tausend Piaster, und ein Zettelchen, mit den Worten: Französische Intrigue.

Signor Perotti tobte wie unsinnig, der Alte sank bleich zurück. Ersterer versicherte Isabellen in den Tragsessel gehoben, mit eigner Hand die Thüren verschlossen zu haben, das wurde von Antonio, den Soldaten, und Trägern bezeugt, wie auch, daß unterwegs an keine Oeffnung derselben zu gedenken gewesen wäre.

Man lief zurück, tobte, lärmte, setzte Prämien aus, nichtig. Endlich gerieth der Consul in Zorn wider den Italiener, und verbat seine ferneren Besuche.

Nach einiger Zeit schrieb Coutances, daß er sich im Stande fühle, ihm Vaterglück zu bereiten, doch würde er denselben Punkt feststellen, der vorhin dem Italiener bewilligt sei.

Froh war der Vater, daß sein Kind sich in des Franzosen Händen befand, er schlug gern ein.

Es muß nun erzählt werden, welche Mittel Coutances angewandt hatte.

Die Späher waren dem Italiener nachgeschlichen, und hatten so seine Wohnung entdeckt. Dieser ließ sich auf keine Weise beikommen, denn hohe Mauern waren zu übersteigen, die in ein Gehöft führten, unter dessen vielen Häuschen, denn bei Nacht das rechte sich nicht erkennen ließ. Dagegen berathete man, daß ohne Zweifel am Morgen eine Sänfte für Isabellen würde gemiethet werden, und besah den Weg, der zu nehmen war. Weil nun viele Sänften an einem nahen Eckplatze standen, so begab sich Michelet mit einigen Handwerkern in Holz, während der Nacht dorthin, und an der einen wurde der Fußboden losgemacht, unten aber mit einem Schieber versehn. Zugleich wurde ein Mechanismus angebracht, nach welchem von unten ein kleiner Zettel in die Sänfte zu bringen war, des Inhalts: Isabelle mögte nichts befürchten, wenn die Sänfte still stände, und der Boden sich nach unten öffnete, sondern sich muthig der Liebe vertrauen. Ihr Vater hätte sie dem Perotti als Gattin zugesagt, besser, sie erblickte jenen um einige Tage später, wie unter einer so schnöden Bedingung.

Nun hatte man sich zu der Brücke begeben, und mit so wenigem Geräusch als möglich, eine Fallthür gezimmert, die von Außen mit Staub beworfen, aber sehr genau bezeichnet ward. Als nun die Sänfte auf der Brücke anlangte, war das hindernde Getümmel durch bestochene Leute aus dem Pöbel erregt, bereit; und der verkleidete Michelet, mit einigen Landsleuten ruhte nicht, bis die Sänfte auf den rechten Punkt gedrängt war. Da wurde es nun das Werk einiger Minuten, Isabellen durch die Fallthür in die unter der Brücke harrende Gondel, in welcher sich Coutances mit zwei Freunden befand, zu schaffen. Allerdings hatte man auch alle übrigen Sänften weggemiethet, daß nur die rechte noch für Signor Perotti übrig blieb. —

Dieser schnob nun Wuth und Rache. Nimmer schwur er, soll der Franzose das Mädchen besitzen, und sollt ich mein halbes Vermögen aufwenden. Auch er that das seinige, den Aufenthalt desselben zu erspähn, wie dieser wieder keine Maasregeln versäumte, um das Mädchen zu sichern. Er schlief keine Nacht, sondern wachte mit Michelet auf das Sorgsamste. Da ihm des Consuls Antwort, Isabellens Besitz verhießen hatte, traf er Anstalten, sie ungefährdet in das väterliche Haus zu bringen. Man baute eigens eine geräumigere Sänfte, in welche er sich neben Isabellen setzen konnte. Michelet umgab sie mit mehr als zwölf Wächtern, und so trat man den Weg durch entlegene Gassen an.

So kam denn Isabelle zwar zu ihrem hocherfreuten Vater, und die Liebenden glaubten, in dem gutverwahrten Hause, und bei der zahlreichen Dienerschaft des Spaniers, nichts befürchten zu dürfen, demungeachtet war aber Isabelle am andern Tage wieder aus dem mit starken Gittern gesicherten Zimmer verschwunden, ohne daß jene oder die Thüren im mindesten zerstört gewesen wären. —

Land, Land, rief es hier, und die kleine Gesellschaft, die der Erzählung Coraims mit großer Theilnahme gehorcht hatte, sprang eiligst zum Verdeck hinauf. Seitdem man die Spitze der Insel Candia vor einigen Tagen erblickt hatte, und der Cours immer wieder nach Südost ging, war die Vermuthung allgemein geworden, Egypten sei das Reiseziel des französischen Heeres. Um desto reger hatte auch die Einbildungskraft gearbeitet, während der Türke erzählte.

Nun vergaß man ihn und Isabellen. Der Anblick jener weißen Küste, zog unwiderstehlich an. Von allen Seiten her schimmerten die Seegel, und die Fahrzeuge sammelten sich vor dem Thurm der Araber, unweit Alexandrien. Da man die Engländer vermuthete, nahmen die Kriegsschiffe eine Vertheidigungsstellung, während dessen bald vier bis fünftausend Mann gelandet wurden, die nach der Pompejussäule vormarschirten.

Der Feldherr, treu der Maxime des Tacitus: „Bei einer Entschließung, die erst vollführt Lob verdient, findet keine Bedenklichkeit statt!“ marschirte sogleich nach Alexandrien, nahm es mit Sturm ein, und verjagte die Mammelucken und Araber. Dadurch gewann man hinterwärts Sicherheit, und alle Truppen, und was zum Heere gehörte, konnten nun ans Land treten.

Wie war Ring bezaubert, wie er den alten urklassischen Boden unter seinen Füßen fühlte. Er erklärte Floren das Alterthum dieser Erdgegend, und bereitete sie vor, des Merkwürdigen unendlich viel zu sehen, ob sie gleich mit etwas offnen Munde dastand, und sich höher erfreute, den Meerstürmen, und den Gefahren einer immer erwarteten Seeschlacht glücklich entgangen zu seyn.

Drittes Kapitel.
Reminiscensen.

Da sind also unsre Reisenden in dem lieblichen Lande, dessen Bild schon tausend Erinnrungen weckt. Der hellsten von allen dachte Ring unter einen Dattelbaum hingestreckt nach. Es ist die Reise jener Cleopatra, die Shakespear wohl mit Unrecht eine Zigeunerin nannte, da sie von dem griechischen Königsstamme, nach Alexanders Tode gepflanzt, war. Gleichwohl beschrieb der so lebendig malende Britte, die Fahrt dem Cydnus bezaubernd:

Cydnus Wogen trugen sie, die Gondel

Brannt’ ein Feuerthron auf Lazurfluthen,

Und die Purpurwimpel Sidons hauchten

Sabas edlen Zauberduft, daß Eurus

Nur mit ihnen, nicht um Flora buhlte.

Silberruder schlugen nach dem Takte,

Süßer Flöten, die verwandten Wellen,

Deren Perlschaum ihnen tanzend folgte.

Aber sie, die Charitin Canopens,

Unter ihres Baldachins Gewölbe,

Die Anmuthge höhnte Pinsel, Lyra,

Und zur Bettlerin wird die Beschreibung;

Ein Gemäld’, ein Bildniß, dem getroffnen

Blicke, das Protogenes Cythere,

Wo Natur der Dichtung Kraft erlegen,

Selbst verdunkelte. Mit Wangengrübchen

Lächelten den Amorn gleich, zur Seite

Schöne Knaben, die mit bunten Fächern

Kühlung ihrem Rosenantlitz wehten,

Und doch nur die Glut erhöhten, Feuer

Schürten, das ihr Hauch vernichten sollte.

Gleich den Nymphen und den Töchtern Nereus

Harreten der Göttin Wink verschämte

Zarte Mägdlein, wurden reizender

Wenn sie sich vor ihr gewärtig beugten.

Eine liebliche Syrene steurte,

Leicht erblähten seidne Seegelthaue,

Vom Berühren Blumumwundner Hände,

Der geschäftgen holden Schifferinnen.

Unsichtbarer Himmelswohlgeruch,

Strömte weit auf die beblümten Ufer —

Auf sie goß die weite Stadt ihr Volk,

Die Bewunderung sank froh zu Füssen,

Und die Luft verwundete ihr Jubel,

Die, wenn sie nicht ewig Leere haßte,

Weggezogen wär aus ödem Raume,

Freudig vor Cleopatra zu staunen. —

Ha, nun tritt die Zauberin ans Land,

Und der stolze Held der sieben Hügel

Schmachtet ewig in der Feindin Kette. —

Er wurde bald unterbrochen, von dem lustigen Gewimmel rund umher. Alles drängte sich zu der nahen Pompejussäule, einer maaß, einer erklärte ihre Geschichte, ein andrer wollte hinauf, von dort weit umher die Gegend zu erspähen. Das ging aber nicht leicht, da die Steinmasse achtundachtzig Fuß hoch, und mit keiner Treppe versehn war.

Demungeachtet erzählte ein Matros, der schon ehedem Egypten besucht hatte, tranken Engländer oben eine Bowle Punsch. Zugleich theilte er mit, wie sie das, ohne ein Gerüst zu fertigen, vollbracht hätten. Man machte nämlich einen Drachen aus Papier, wie ihn die Kinder steigen lassen. An einem langen dünnen Strang wurde er hoch in die Luft gefördert, und der Wind so genommen, daß der Lenker die Säule zwischen sich und den Drachen brachte, ihn nun niedersinken ließ, worauf der Strang an dem Capital hing. Nun wurde ein dicker Schiffstau an den Strang geknüpft, hinübergezogen, worauf ein Seemann sich an das Ende band, und sich auf die Säule bringen ließ. Dieser traf nun Anstalten, eine förmliche Winde zu befestigen, und die das Seltsame liebenden Britten übten ihren Willen.

Viertes Capitel.
Alexandrien.

Nun ging es nach dieser großen Stadt mit platten Dächern und runden Moscheen. Nicht wenig waren die Bürger ob des unerwarteten Einspruches der Europäer bestürzt. Sonst hatten sie sie wohl auch in ihrer Mitte gesehn, doch in geringer Zahl, demüthig entweder auf den Handel, oder Notizen zu Reisebeschreibungen ausgehend, in morgenländische Kleider gesteckt, und den Namen Christenhund, ohne eben die Justiz zu überlaufen, hinnehmend. Nun brachten sie aber Waffen, und da ist der Europäer allen Nationen überlegen. Und das macht allein die Cultur, die zu einer glücklichen Schwäche führt, in welcher es nothwendig wird, sich so lange nach Kraft in der Kunst umzusehn, bis man sie findet.

Die Soldaten lagen in Alexandrien auf den Straßen umher, ein sehr beschwerlicher Zustand, wo man eine Hitze von 26 Graden duldet. Der Stab und die mitgenommenen Gelehrten wurden blos in die Häuser mehrerer Europäer gelegt.

Ring traf jenes Loos, und er wünschte daher sehnlich, daß man bald tiefer ins Land dringen mögte.

Eines Tages wanderte er mit Floren eine Gasse hinauf, um den großen Obelisk zu sehen. Plötzlich rief sie ein sehr wohlgekleideter junger Muselmann. Verwundert sehen sie auf, und entdecken in der schönen Kleidung den Sklaven Coraim aus Malta, der ihnen erzählte: wie er an der Küste freigelassen worden, und seinen Vater, der bei seiner Abreise ein Wasserträger gewesen, als einen Richter der höheren Klasse angetroffen hätte. Ein nicht seltener Gebrauch im Morgenlande, plötzlich aus dem Staube zu erheben, den man wenigstens bisweilen auch in der Christenheit nachahmen sollte. Es käme so der nüchterne Sinn in die hohen Regionen, der dort oft ganz ausstirbt.

Coraim blieb aber nicht bei den nackten Freudenbezeugungen stehen, sondern nöthigte sie in das elterliche Haus. Die Truppen wurden bei keinen Türken einquartirt, daher auch das Innere ihrer Haushaltung nicht gefährdet war.

Coraims Vater, indem er hörte, der Frank und die Frankin hätten seinem Sohne auf dem Schiffe Gutes erwiesen, zeigte sich sehr bereit zur Erwiederung, und ließ dabei vielen orientalischen Luxus schimmern von welchem beide nicht wenig eingenommen waren, und in manchem Stücke, den europäischen ihm nachsetzten.

Man trennte nach der Landessitte Ring und Floren. Letztre wurde in den Harem zu den Weibern des Ali (so hieß Coraims Vater) geführt.

Ring wurde zuförderst durch ein Bad gelabt, das ihm an und für sich nach vielen Beschwerden würde höchst willkommen gewesen seyn, wie vielmehr bei einem Raffinement, das London und Paris nicht kennen.

Das Badgebäude bestand aus drei hintereinandergelegenen großen Zimmern. Das erste, Burani genannt, war prachtvoll und mit Marmor gepflastert. An der Mauer lief eine Erhöhung hin, mit kostbaren Teppichen bedeckt. In der Mitte stand ein Brunnen. Die Diener luden den Gast ein, hier die Kleider abzuwerfen.

Aus diesem Zimmer oder Saale gelangte er in ein zweites, das Wustami hieß. Hier fanden sich viele Becken von Stein, rund und länglich, etwa zwei Schuh im Durchmesser, in welchen sich zwei Röhren mit messingnen Hähnen zu warmen und kaltem Wasser öffneten. Am Fuße derselben standen metallene Becher, um das Wasser auf die Badenden zu gießen. Schöne Blumen dufteten aus artig gearbeiteten Vasen.

Von diesem mittleren Gemache, wurde Ring in das innerste, das in dem Morgenlande den Namen Dschuani führt, gebracht. Es war durch eine Kuppel von oben erleuchtet. Ein dämmerndes Licht brach durch gemalte Fensterscheiben in die heitre Rotunde. Sie war geheizt, um den Badenden in Schweis zu bringen, doch merkte man das bei dem allmähligen Uebergange nicht. Auch sind die Oefen in solchen Bädern theils unter dem Fußboden angebracht, theils ihre Röhren in die Wände vertheilt. Das Thermometer pflegt etwa in dem ersten Gemache auf 60, im zweiten auf 80 und 90, und im letzten gegen 100 Grad zu stehen.

Wohlriechende Dünste umgaben ihn, während er in der wollüstigsten Hingebung auf einem Kissen ruhete. Der Badeknecht erschien nach dortigem Gebrauch, und fing seine Glieder gleichsam an, zu kneten. Nachdem sie durch dies Drücken und Streichen erweicht waren, zog jener einen wollnen Handschuh an, und reinigte die Haut völlig. Die Fußsohlen rieb er mit Bimsstein ab. Hierauf führte er Ring in ein Cabinet, goß ihm parfümirten Seifenschaum über das Haar, wickelte ihn dann in gewärmte Tücher, und führte ihn durch einen Seitengang, in welchem die Hitze nach und nach abnahm, in das erste Zimmer.

Hier fühlte er sich wie zu einem neuen Leben erwacht. Alle Sinnen schienen ihm feiner, alle Empfindungen süßer geworden.

Floren brachten junge Mädchen während der Zeit in das Weiberbad, einen sehr niedlich ausgezierten Saal, in dessen Mitte ein ziemlich großes Marmorbassin befindlich war, rund mit köstlichen Blumen und Spezereigesträuchen umstanden, deren Töpfe so in den Boden verborgen waren, daß es schien, hier wäre alles gewachsen. Kristallhelles Wasser rieselte in dem Bassin, und der Sand des Grundes schien übersilbert, wie Caligula die Gerste übergolden ließ, welche sein Leibpferd bekam. Nachdem Flore entkleidet, und mit Essenzen parfümirt war, erschienen die türkischen Weiber, alle jung, schlank und reizend, denn die älteren ziehen sich meistens von solchen Parthien zurück.

Alles stieg nun in das Bassin hinab, und kostete die Fülle der Erfrischung. Wie viel enthüllte Schönheiten! Welche Freiheit! Wie glücklich müßte sich der Mann fühlen, dem es vergönnt wäre, in das Heiligthum zu dringen! Aber nach Florens Behauptung ging es nicht ganz unschuldig zu, und sie, obwohl einst in dem berühmten Pallaste wohnhaft, den der Herzog von Orleans erbauen ließ, fand doch manche Szene anstößig.

Nachher ging es zur Tafel. Ring wurde in einen Saal des Gartenhauses gebracht, der nach Norden zu offen war, um die abkühlende Luft von daher zu genießen. Er war mit prächtigen Stoffen tapezirt. Längs den Mauern waren kleine Nischen angebracht, in denen porzellanene und silberne Gefäße standen. Auf dem Boden lagen Teppiche von Brokat. Am anderen Ende des Saales sahe man ein Kabinet, das auf mehreren Seiten offen war, in welchem zwei große Springbrunnen Kühle verbreiteten.

Der Tisch war mit Brokatstücken von mehreren Farben bedeckt. Am Ende desselben prangte ein silberner Schenkstuhl mit schönen kristallenen Flaschen und Silbergeschirr angefüllt. Sorbet fand sich hier für die Muselmänner, und Cyper und andre hitzige Weine für die Christen.

Flüssige und trockne Confituren machten das erste Gericht, als Ingwer, Muskatnüsse, Orangen in Geleen, Marzipan. In viereckigen Schüsseln von lakirtem und vergoldetem Holze, wurden diese Leckereien aufgetragen, die immer ein Dutzend kleiner Tellerchen enthielten. Jeder Gast bekam eine dieser Schüsseln vor sich zur Auswahl, und treffliche Liqueure wurden dazu herumgereicht.

Nach diesem Gerichte nahm man die Brokatdecken ab, und legte Tischtücher von feinem Musselin auf. Die Europäer bekamen Messer, Löffel und Gabel. Befremdend war es diesen (denn ohne Ring hatte Coraim noch mehrere Franzosen geladen) nun eine Menge Salate erscheinen zu sehn. Sie bestanden aus Rosinen, Aepfeln und andern Früchten von feinem Geschmack, mit Weinessig und Zucker. Rettige und Zwiebeln lagen darum, eine sonderbare Mischung, die aber gegen das Erwarten nicht widerlich schmeckte. Das Brot bestand aus ganz dünnen Reiskuchen.

Jetzt folgten zwei große silberne Schüsseln mit harten Eiern und Lämmernieren, über welche eine scharfe Sauce gegossen war. Ferner zwei andere große Schüsseln mit zwei Dutzend gebratnen Tauben, und noch zwei andre mit zwölf Schöpskeulen. Bald nachher kamen gebratene Capaunen, Fische, Eier, Geflügel, Consommees, Bouillons, Ragouts, gefüllte Gurken, in außerordentlicher Mannigfaltigkeit. Zugleich wurden vor jeden Gast zwei porzellanene Schaalen mit Sorbet gesetzt, der beinahe einen Punschgeschmack hatte.

Zuletzt kam endlich der Pilau, das bekannte morgenländische Gericht, in zehn großen Schüsseln auf mehrere Art zubereitet. Man sah weissen, rothen, gelben und veilchenblauen, mit Limonen, Zucker, Safran, Granaten, Maulbeeren, Orangen u. s. w. Während der ganzen Mahlzeit wurde eine Tafelmusick aufgeführt, die allein den Europäern nicht gefiel.

Nachdem die Tafel etwa drei Stunden angehalten hatte, und jedermann gesättigt schien, gab endlich der Wirth das Zeichen zum Aufstehen, und führte die Gäste in das luftige Nebenkabinet. Hier fanden sie ein herrliches Desert von Konfekturen, trockenen und frischen Früchten, Caviar, Pasteten u. s. w. Sie hatten unter andern fünf Sorten von Weintrauben, und Melonen von grüner, rother, gelber und blauer Farbe. Hierzu wurden süße und äußerst starke Weine gegeben, welche freilich nur allein für den Gaumen der Europäer hatten bestimmt seyn sollen, allein in der Freude nahm auch ein Moslem nach dem andern ein dargebotenes Glas. Desto munterer wurde die ganze Gesellschaft.

Zwerge, Taschenspieler und Mährchenerzähler traten nunmehr auf, die Gäste durch allerhand Spiele und Erzählungen zu belustigen. Coraim erinnerte Ring an jenen Tag, wo er ihm die Geschichte der Isabelle mitgetheilt hatte. Hier dachte Ring erst wieder daran zurück, und fragte, ob man denn keine Nachricht von dem Mädchen erhalten hätte?

Potpourri.
als Zugabe zum ersten Buche.

Polemon, ein griechischer ausschweifender Elegant, kehrte von einem Saus und Braus zurück, und ging an der ernsten Schule des Xenokrates vorüber. Die Thür stand offen, der junge Herr, glühend vom Chiosweine, den Blumenkranz in den Locken, betrat den Saal, nicht der Weisheit zu horchen, sondern ihrer zu spotten. Den Lehrer entrüste dies Betragen nicht, er umwandelte nur seinen Vortrag, und hielt, die Völlerei strafend, der Mäßigkeit eine Lobrede. So mächtig trafen seine Worte Polemons Gefühl, daß er den weichlichen Hauptschmuck von sich warf, das Antlitz beschämt in den Mantel hüllete, und völlig gebessert, das rohe Leben, von Stunde an, einstellte. — Warum sehen wir keine solche Erscheinungen mehr? Antwort: die Weisheit verschmäht Rekruten, wie sie unter uns zu werben wären. —

Wie kömmt es doch, daß die weisen Deutschen so wenig über die klugen Franzosen vermögen, und wieder die weisesten im Nord Germaniens bei weitem weniger, als die minder weisen gen Rhätium? Antwort: Die Bücher überbilden bei uns die Gebildeten, und dringen nicht bis zu den Ungebildeten hin. Die ersten sind durch das viele Wissen zum Nichtwissen gedrungen, leiden nun an einer indirekten Hirnschwäche (durch Ueberreitz) die andern machten sich mit keinem Wissen vertraut, kranken demnach an dem direkten Uebel (Reitzmangel.) Nicht also in Frankreich. Dort hielt man die Klassiker seit Hundert oder Hundertfunfzig Jahren fest. Es giebt immer wieder neue Ausgaben derselben. Einige höchst wohlfeil, auf schlechtem Papier, mit schlechten Lettern, wo ein Trauerspiel von Racine um vier fünf Sous zu geben ist, Rousseau Emil um zehn oder zwölf Sous. Alte Mütterchen sitzen in den Städten und haben dergleichen an den Ecken feil. Der Bauer nimmt gelegentlich einen Candide mit, der kleinstädtische Bürger, der schon seinen Vater über den Esprit des loix reden hörte, welcher seit Grosvaters Zeit auf dem Schranke liegt, kann ihn fast auswendig. Was seht ihr bei uns in den Zimmern geringer Leute? An der Thür den Haussegen, hinterm Ofen, neben einigen staubigen Familiengesangbüchern, Eulenspiegel oder eine Parthie in diesem Jahr gedruckter Lieder. —

Ein alter Berliner, der beim Glase Medok immer viel zuhört, und wenig spricht, wurde neulich redselig, da die Unterhaltung auf das jetzt viel abgehandelte Thema der Vaterlandsliebe kam. Seit zwanzig Jahren, hub er an, beobachtete ich zwei patriotische Männer in unserm Staate. Der eine mag X der andere Y heißen. Als 1788 das Religionsedikt erschien, besuchte Herr X, früherhin ein lustiger Dogmenspötter, sogleich die Kirchen, und hörte die Vorträge der Herren Woltersdorf, Brumbei, Ambrosius mit Andacht. Herr Y fragte aber wohl im vertraulichen Gespräch: Wo schadete denn das von Friedrich angezündete Licht, daß wir es schon wieder auslöschen wollen? — Da 1790 die friedliche Ausgleichung mit Oesterreich erfolgte, pries Herr X die lieblichen Blüthen des Oelzweigs, Herr Y aber weinte. — 1792 war Herr X heftig wider die Franzosen ergrimmt, nannte seinen Zorn Patriotismus, Herr Y fürchtete die Folgen eines solchen Krieges. — 1793 jubelte Herr X bei der Staatsvergrößerung durch Südpreußen, Herr Y rechnete bedenklich nach, wie viel mehr Land Oesterreich und Rußland gewonnen hatten, und wie viel gefährlicher nun ihre Gränzlage geworden war. — 1795 pries Herr X den Baseler Frieden, und lachte, daß Oesterreich stecken blieb. Herr Y erinnerte sich zurück, daß es früherhin bei einem ernsten Verein Deutschlands gegen Frankreich sehr schwer geworden war, etwas auszurichten, und besorgte viel von dem getrennten Bunde. — 1799 und 1800 wußte Herr X abermals viel poetisches über das friedliche System zu sagen, Herr Y aber meinte, es dürfte die höchste Zeit seyn, den militärischen Charakter in einer großen Kraftäußerung, und demjenigen Bunde, den der Augenschein empföhle, zu zeigen. Herr X war für das System der sogenannten Physiokraten, Herr Y meinte, der Ackerbau sey die Wurzel, aber doch nicht der ganze Stamm. — 1805 erhob Herr X den Grafen Haugwitz bis in die Wolken, daß er unter so kritischen Verhältnissen dennoch den Krieg zu vermeiden gewußt habe, Herr Y erkrankte vor Schmerz, daß das Schwert noch nicht ergriffen worden sei. — 1806 weissagte Herr X lauter Triumphe, Herr Y konnte seine Thränen nicht zurückhalten. Herr X las Kriegslieder vor, Herr Y entwarf Plane für den Feldzug, die der Zeit angemessen waren, und suchte ihnen, aber vergeblich, Gehör zu verschaffen. Als der Feind sich der Residenz näherte, eilte Herr X nach Königsberg, Herr Y bot sich an, als Freiwilliger die Waffen zu nehmen, und trug dann die Bürde des Kriegs gleich den andern Mitbürgern. Wer war der redlichste Patriot? fragte hier der Erzähler.

Ein Anwesender meinte: hm, man muß den Willen der Regierung vollziehn. — O das that Herr Y auch überall gewissenhaft. Hier ist von seinen Gefühlen und Ideen die Rede. — Ein Dritter rief: o wäre der brave Mann gehört worden. — Ein Vierter: Ich entscheide nicht wer der beste Patriot war, aber ich verwette Kopf und Kragen, Herr X ward korpulent und Herr Y blieb mager!

Ein Rezept zu unfehlbarer baldigen Sittenverderbniß eines Volkes ist: Leitet Kunsttheurung ein! Sie bringt große Reichthümer in wenige Hände. So werden Einige Vornehmen glänzenden Luxus zeigen. Der Mittelmann gereizt, und nicht vermögend auf rechtem Wege nachzuahmen, wird betrügen, der Arme, der das Brot nicht mehr bezahlen kann, stehlen. —

Als Eduard III von England, mit einer großen Macht in Frankreich eingedrungen war, rückte er vor Calais, welches ihm die Thore nicht öffnen wollte. Nach einer langen Belagerung, schickte er sich zum Sturme an. Nun begehrten die Einwohner zu unterhandeln, was er aber nur auf eine Bedingung eingehen wollte, über die sie noch dazu nur drei Stunden Bedenkzeit erhielten. Die Bedingung hieß: Die Stadt sollte dem Könige Sechs der vornehmsten Bürger ausliefern, ein Hemd, einen Strang um den Hals, die man sogleich an den Thoren aufknüpfen würde. Durch ein so schauderhaftes Beispiel wollte er alle Städte erschüttern, die er ohnehin im Gesichtspunkt rebellischer Unterthanen betrachtete, und sich daher herbe Strenge erlaubte.

Verzweifelnd liefen die Bürger der Stadt umher, niemand wollte eine so verhaßte Wahl treffen, als Sechs der angesehensten Männer aus eigenem Antriebe hervortraten, und sich als Opfer stellten. Dank und Freudenthränen folgten ihnen aus den heimatlichen Mauern, der schreckliche Feind konnte seine Bewunderung ihnen nicht versagen. Eduards Gemahlin erflehte ihre Gnade. —

Half, ein alter Norwegischer König, machte sich durch glückliche Züge zur See berühmt. Kein Krieger ward in seinem Heere aufgenommen, er hätte denn zuvor gültige Beweise von Kraft und Tapferkeit abgelegt. Bei ihm fanden sie nun erst eine Schule, wo alles dahin strebte, ihnen Todesverachtung zu erziehn.

Viele Jahre waren im Kriegsgetümmel dahin gewichen, und nun beschloß Half in die Heimath zurück zu segeln. Unterwegs traf ihn ein heftiger Sturm. Sein Schiff war mit Menschen überladen und drohte zu sinken. Kein anderes Mittel blieb, als einige über Bord zu werfen, um die andern zu retten. Half that also den Vorschlag, daß man loosen wollte, und schloß sich selbst nicht aus. Aber kaum hatte er ausgeredet, als sich ein jeder ohne Loos anbot. Es sprangen um die Wette so viele über Bord, bis das Fahrzeug die gehörige Leichtigkeit hatte.

Wenn man staunend diese Geschichten der Vorwelt liest und dann auf die nächsten Zeitgenossen hinblickt, scheint es, eine ganz entartete Menschheit bewohne nunmehr den Erdball. Entartet ist sie nun freilich, doch der Stoff der Kraft keinesweges erstorben. Langes Unheil des Krieges, und die Menschen werden wieder groß.

Ende des ersten Buches.

Zweites Buch.

Erstes Capitel.
Coraims weitere Erzählung.

Ring bat Coraim nunmehr, die Neugier nicht auf dem halben Wege der Geschichte stehn zu lassen. Der Türk theilte ihm also in kurzem mit, was ihm selbst weiter von der schönen Isabelle bekannt war.

Die Bestürzung in des Spaniers Hause ergriff alle. Der Vater raufte das graue Haar, Coutances schwur dem Räuber furchtbare Rache, das Gesinde weinte, da Isabelle jedermanns Liebe gewonnen hatte. Doch keiner von ihnen konnte das unbegreifliche Räthsel lösen. Jeder Eisenstab der Fenstergitter hatte die alte Festigkeit, die Thür zeigte keine Spur von gewaltsamer oder listiger Oeffnung, auf beide hatte auch um so weniger etwas unternommen werden können, als im Hofe sowohl, wie im Hausflur Wache gehalten worden war.

Untersuchung über Untersuchung. Endlich fiel es jemand bei, den Kasten einer Flötenuhr zu öffnen, die der Consul vor einiger Zeit aus Europa bekommen hatte. Ein lauter Schrei! Was ist das: Alles stürzt hinzu.

Man ward mit Schrecken inne, daß das Uhrwerk aus dem Kasten genommen war, daß sein Boden fehlte, und ein Ausbruch des Fußbodens in den Keller hinabging.

Alles eilte jetzt zu der Stiege, die in den Keller führte. Mit mühsamer bewundernswerther Kunst, waren sowohl Stützen wie andere Geräthschaften angebracht worden, um die Oeffnung in das Gewölbe zu brechen, nächstdem die Cederplatten, womit der Zimmerboden getäfelt war, zu durchschneiden, und so in den Kasten der Uhr zu gelangen. Die Hauptarbeit mußte immer bei Tage vollendet worden sein, wo Isabelle sich nicht auf diesem Zimmer befunden hatte, der Platz unter der Uhr war gewählt, daß man nicht etwa etwas von Verletzung des Bodens zu früh wahrnähme, (der, wie sich deutlich zeigte, mit breiten glühenden Messern durchschnitten war.) Das Herausnehmen des Uhrbodens und Räderwerks hatte man zum Geschäft der letzten Nacht aufgespart, dann das unglückliche Mädchen im, trauriger Weise, grade so tiefen Schlaf überfallen, durch Knebel ihren Hülferuf gehindert, und sie so in den Keller gebracht, wo sicher ein Ausweg weiter führte.

Dieser wurde auch sogleich entdeckt. Nach dem Keller des Nachbars fand sich ein gewaltsamer Durchbruch.

Indem die Versammelten wehklagten, tobten, Verwünschungen ausstießen und jeder der Meinung war, es müsse ein Schelm im Hause stecken, der Mittwisser sei, da Fremden die Gelegenheit nicht so kundig hätte sein können — vernahm man in einem Winkel ein leises schmerzliches Aechzen.

Eine Fackel in der Hand eilt Coutances nach der Stelle. Wer malt sein Erstaunen, da er — Signor Perotti erblickt!

Der Italiener liegt am Boden mit gebundenen Händen und Füßen, ein dickes Tuch in den Mund gewürgt.

Seine ersten Worte, da man ihm die Sprache befreit hat, sind: Erstecht mich! Schlagt mich todt, ich will nicht leben!

Auch Wuth und Rache erfüllen solche Forderung nicht. Wie konnte sie hier aber gehört werden, wo es vor allen Dingen ja die Entschleierung eines ganz unerklärlichen Geheimnisses galt, die von Niemand als dem Italiener erwartet werden konnte?

Du sollst meinem Zorn nicht entfliehen, rief Coutances, erst aber erkläre: wohin Isabelle kam?

Es fiel schwer, Signor Perotti zu andern Worten zu bringen, als: Ich will sterben. Er schien ganz von Verzweiflung zerrissen, durch seine peinliche körperliche Lage sowohl, als durch gequälten Seelenzustand höchst entkräftet. Er bedurfte Erfrischungen, mit Gewalt sogar ihm eingeflößt, denn er weigerte sich, sie zu nehmen.

Endlich entschloß er sich zur Erklärung. Wohl hab ich Isabellen rauben wollen, hub er an, sie ist meine Sklavin, und mir auf widerrechtlichem Wege entrissen. Ich übte daran kein Unrecht. Doch sollte sie dem Vater nicht vorenthalten bleiben. Um den Preis ihrer Hand, den er mir zusagte, der mir gebührt, um den des Franzosen Hinterlist mich bringen will, sah er sein Kind gleich wieder im Hause. Nur versichern wollte ich mich ihrer Person, um meine gerechten Bedingungen von Neuem aufstellen zu können.

Coutances machte eine Bewegung der Wuth gegen ihn, die Alonzo (der Spanier) zurückhielt, und Signor Perotti aufforderte, fortzufahren.

Es geschah. Mit großer Mühe, und mehr als Dreihundert Piastern Aufwand, setzte ich meinen Entschluß ins Werk. Bei dem nebenan wohnenden Kopten miethete ich den Keller. Der Mann, meistens nach dem Gebrauch von Cairo, in seinem Arbeitsladen vor der Thür, bemerkte nicht, was in dem Keller vorging. Meine Leute löseten aber einander ab, Tag und Nacht wurde die emsige behutsame Arbeit fortgesetzt. Ich selbst befand mich einst als verkleideter Araber in Isabellens Zimmer, wo ich Spezereien feil bot, und alles erspähte. Unvermerkt ging ich darin umher, und maß mit Schritten die Abstände, wobei ich über meine Erwartung richtig verfahren war, denn es gelang vollkommen, von unten her die Stelle der Uhr zu treffen. Im Ganzen hat mich ja mein Nebenbuhler, durch den Streich, welchen er mir auf jener Brücke spielte, selbst an diesen Gedanken gemahnt.

Weiter, weiter! rief Coutances schäumend.

Auch Isabelle mußte so fest schlummern, daß es leicht fiel, sie durch ein, übrigens in der artigsten Weise vorgehaltenes Tuch, zum Schweigen zu bewegen, und die liebenswürdige Beute wurde unter Beistand einiger Helfershelfer, glücklich in den Keller gebracht.

Welch ein Schrecken aber befiel mich, als ich nun plötzlich durch einige Unbekannte, die hinter den Waarenkisten, welche der Kopte noch im Keller liegen hatte, hervorsprangen, gepackt und gebunden in den Winkel geworfen wurde! Man ließ mich, den Hülflosen, liegen, und entfernte sich schnell mit Isabellen. Nichts anderes konnte ich denken, als dem Vater und Geliebten sei mein Beginnen kund geworden, und von ihnen nun das Gegenabentheuer bereitet. Da dies doch aber ein Irrthum zu sein scheint, so haben ohne Zweifel meine Arbeiter hie und da geplaudert; ein reicher Muselmann, durch das entworfene Bild von Isabellen hingerissen, und von der Unternehmung benachrichtigt, hat beschlossen, das schöne Mädchen dem glücklichen Entführer zu entführen. Welch ein Fall könnte noch sein? Die Arbeiter sind alle davon. Antonio bracht ich nicht mit, da er krank, und überhaupt bei solchen Gelegenheiten wenig zu brauchen ist.

Du sollst das Mädchen zur Stelle schaffen, oder es gilt dein Leben! rief Coutances.

Eile, suche, bring sie mir zurück, fiel der bekümmerte Vater ein, und mein gegebenes Versprechen sei dir gehalten.

So fürchterlich die Drohung klingt, so süß der Lohn schmeichelt, ich vermag nichts, erwiederte Perotti. Macht euch auf, selbst zu forschen, gern will ich behülflich sein. Doch was läßt sich hoffen, in der großen nicht polizeilich geordneten Stadt?

Alonzo fragte händeringend: wo denn die Arbeiter zu finden wären, die ihm geholfen hätten?

Jener zeigte den Platz an, wo er sie ausgewählt, und auf acht Tage in seinen Dienst gedungen habe, setzte aber gleich hinzu, daß er fürchte, sie würden sich jetzt nicht mehr dort sehen lassen.

Er mußte aber, von Coutances und dem Spanier begleitet, augenblicklich dahin. Man durchkroch alle Ecken, weilte eine Stunde umsonst.

Jetzt wollte man dennoch Rache an ihn nehmen, und führte ihn zu dem Bei des Bezirks. Dieser ergötzte sich höchlich, wie ihm die Klage vorgetragen wurde. Sein Urtheil fiel aber dahin aus, daß sich Coutances zu einer Abfindung wegen des erlittenen Ungemachs zu verstehen hätte; denn da er die Jungfrauräuberei begonnen, sei er auch Schuld, daß der Italiener billiger Weise gesucht habe, wieder zu seinem Eigenthum zu gelangen, und folglich auch Ursache, daß der Italiener bei dieser Gelegenheit gemißhandelt worden. Uebrigens solle man letzteren sogleich freilassen.

War Signor Perotti mit dieser Entscheidung zufrieden, so entrüstete sie die andern nicht wenig. Was war aber zu thun? Eine Instanz, an welche vom Bei zu appelliren gewesen wäre, fand sich in Cairo nicht. Man mußte sich beruhigen.

Gebeugt schlich Alonzo, der Verzweiflung nahe, Coutances davon. Der Italiener raufte die Haare, verzichtete aber mit Stolz auf die Strafsumme, welche der Richter ihm zugesprochen hatte.

Ueberall gab man Aufträge, Isabellen zu suchen, verhieß Belohnungen in öffentlichen Anschlägen, Coutances durchirrte jeden Winkel der winklichten Stadt. Alles das war aber vergeblich, und man mußte sich endlich in das Unabänderliche finden.

Der alte Vater legte aus Gram alle Amtsgeschäfte nieder, übergab sie einem andern, und zog sich in das engste Privatleben zurück. Von Cairo wollte er sich dennoch nicht entfernen, da die süße Hoffnung, seine Tochter noch einmal wieder zu erblicken, nur in seinem Grabe enden sollte. So verstrichen nun schon mehr als zwei Jahre. Der Franzos hat den Schwur, nimmer zu heirathen, wenn Isabelle nicht die seinige werden könnte, treu gehalten, führt einen kleinen Handel, und träumt seinen Lieblingsgedanken ohne Zweifel noch.

Hier war Coraims Erzählung zu Ende, wiewohl sich niemand befriedigt fand, weil man eine freudige Entwicklung des Schicksals der jedem interessant gewordenen Isabelle geahnt hatte.

Die Gesellschaft verließ nun das Haus des gastlichen Ali, und jedermann begab sich wieder an den Ort seiner Bestimmung. Flore erfuhr unterwegs von Ring das Weitere über Isabellen, denn sie war bei der Erzählung nicht gegenwärtig gewesen, und erneute den lebendigen Antheil an dem spanischen Mädchen, den sie schon auf dem Schiffe gefühlt hatte.

Es ist vergessen worden, zu sagen, daß Flore sich gewöhnlich der Mannskleider bediente, und für Rings Schreiber galt, allein da man ihr Geschlecht dennoch erkannte, so gab das zu vielem Scherz Anlaß, und sie läugnete vor der näheren Umgebung die Wahrheit nicht. In Alexandrien legte sie aber mehrmals den weiblichen Anzug an, um so ihre Neugier über die Verhältnisse mahomedanischer Weiber besser befriedigen zu können.

Es wurde nunmehr Anstalt zu einem etwas bequemeren Bivuak getroffen, und Dattelzweige beschatteten der Soldaten Hütten. Die Commissairs, zu denen Ring gehörte, traten in einen ausgedehnten Wirkungskreis und wurden zur Herbeischaffung der nöthigen Vorräthe gebraucht.

Bald trafen in Alexandrien die frohen Siegesnachrichten ein: wie die unterdessen vorgerückten Truppenabtheilungen Raschid genommen, sich Cairo bemeistert, und Murat Bei, unter Anführung ihres unbezwinglichen Helden, in der ewig denkbaren Schlacht bei den Pyramiden überwältigt hatten. Eine große That war der andern auf den Fuß gefolgt, und Schwierigkeiten, vor denen die Einbildung schon zurückbebt, waren mit Leichtigkeit hinweggeräumt worden.

Wie aber Mavor auf dem Lande lächelte, zürnte Poseidon. Er hatte das Schicksal noch Einmal für seine alten Lieblinge gewonnen.

Mehrere Couriere vom Obergeneral gesandt, waren von Beduinen in der Wüste aufgefangen worden, daher kamen dem Admiral der Flotte, nicht die nöthigen Befehle zu. Immer noch lag er mit den Kriegsschiffen auf der Rheede, die Transportfahrzeuge waren in den alten Hafen der Stadt gelaufen. Nach dem Willen des Feldherrn sollten jene nun auch in Sicherheit gebracht werden, und wäre es thunlich, der Admiral mit der Flotte nach Malta gehn.

Da er aber keine Depeschen erhielt, blieb er in der gefährlichen Stellung. Man wußte, daß eine beträchtliche, an Zahl überlegene englische Armade sich in See befand, sie war sogar vor Ankunft der Franzosen bei Alexandrien gewesen, hatte sich aber nach dem Archipel gewandt, wohin sie vermuthete, daß die Toulonner Flotte gesegelt wäre. Wo der Neufrankenheld war, da weilte auch das Glück, darum mußte seine Landung während der Abwesenheit jener Britten vor sich gehn. Doch:

Es sollen Land und Meer nicht Einem dienen!

sagt Wrangel in Wallenstein. Wie der Liebling des Glücks Lorbeern brach, wo seit Saladins Zeiten man keine europäische Waffen gefürchtet hatte, thürmte sich des Geschicks Ungewitter über die Schiffe, wenn schon kein Orkan drohte.

Man konnte von den platten Häusern in Alexandrien hinaus ins Meer, und die Ordnung der Fahrzeuge übersehn. Täglich ahnte man eine große Begebenheit, doch blieb wider Vermuthen lange alles ruhig, und kein fremdes Seegel ließ sich in den egyptischen Gewässern sehn.

Aber am bedeutungsvollen 23ten Juli bemerkte man eine englische Fregatte, welche die Stellung der Flotte untersuchte, und dann wieder verschwand.

Nun konnte man desto sicherer auf einen nahen Besuch des Admiral Nelson zählen, denn jene Fregatte hatte ohne Zweifel den Gebieter aufgesucht, und den Zustand der Dinge vor Alexandrien gemeldet.

Zweites Kapitel.
Die Seeschlacht.

Am ersten August, Nachmittags, erblickte man den furchtbaren Wald besegelter Masten. Näher und immer näher trieb ein günstiger Wind die schwimmenden Kasteele. Es war vorauszusehen, daß eine Schlacht beginnen werde, und der Admiral Bruyes hielt seine Flotte in tapferer Bereitschaft.

Nirgend wirkt der Gott der Heerscharen so unwiderstehlich mit ein, wie bei den Kämpfen auf Poseidons Flur, da so viel Erfolge an dem Luftstrom hangen. Auf dem Lande, wählt sich der Feldherr lange vor dem Zusammentreffen der Streitenden, die Schlachtgegend. Klugheit kann die natürlichen Hindernisse vermeiden, und nur ihre Säumniß, läßt ihn eine Stellung eingehn, wo Gebirge, Flüsse oder Moräste ihm nachtheilig werden. Ein anderes auf der See.

Admiral Bruyes hätte von einem plötzlich eintretenden Südwinde ein unzuberechnendes Heil erfahren, er hätte den englischen Angriff gelähmt, und ihn dagegen in Stand gesetzt, mit vollkräftiger Bewegung vorwärts zu dringen. So mußte er sich gefährlich leidend verhalten, und der kühne Nelson konnte jedes beliebige Manöver vollziehn.

Wer will die despotische Gewalt der Zufälle ableugnen? Welche Gesetze befolgt der Wind? Wie viel hing hier an einer Drehung des Wimpels? Ja, langte nur ein Courier richtig an, so fanden die Britten diese Flotte nicht mehr im Meere. Sie lag in der Sicherheit des Hafens, und Landbatterien wehrten jede Annäherung zu diesem ab.

Die Engländer umsegelten die französische Flotte, und die Schlacht, die mörderische, begann.

Von allen Decken her spien die Feuerkrater ihre vernichtenden Bälle. Nichts blieben die Neufranken schuldig. Die Gestade Egyptens, die Mauern von Alexandrien und Abukir dröhnten wie vom Erdbeben bewegt, die nur leiswogende See empörte sich, wie im wilden Orkan, Gebirge von Dampf verhüllten die Atmosphäre.

Kecke Verwegenheit lenkte die Steuer, auf Nähen, wo fast kein Schuß fehlen konnte, rückten die Gallionen an einander heran. Der Konstabler keuchte bei der immer fortgesetzten Mordarbeit, nur die rothe Glut der Stücke konnte sie auf Minuten einstellen. Der Matros hing im Tauwerk, von Kugeln umsaust, und mußte auf der leichten Chaluppe ins Meer, von außen seinem Schiffe Hülfe zu leisten. Der Flintenschütz feuerte über den Bord, und harrte wuthschäumend des Befehls zum Entern. Ermuthigend, der Signale gewärtig, aufmerksam, jedem schlimmen Ereigniß kräftig zu begegnen, standen die Offiziere an ihren Posten, Hüte und Kleider durchlöchert, nicht achtend leichter Wunden, im Sterben noch gebietend, mit starrer eiserner Kälte die Britten, in heißer Glut enthusiastischer Tapferkeit, die Söhne Frankreichs.

Hier krachte ein getroffner Mast aufs hohe Verdeck nieder, und zerschellte das menschliche Gebein, dort drangen Kugeln durch die Bohlenmauern der Meerfesten, und das nachstürzende Wasser überschwemmte ihren Raum. Kein Schrecken lähmte den Seekrieger. Taue wurden gekappt, die Trümmer hinüber geschleudert, neue Seegel an den übrigen Masten emporgezogen, und das Fahrzeug wieder mächtig regiert. Pfropfen verbanden, Wunden gleich, den gefährlichen Leck, rüstig befreite die strömende Pumpe den überfüllten Bauch von den drohenden Fluten.

Hier schlug eine Kartätschenlage in das Linnen und gleich Vögeln im Strauchwerk, die des Jägers verstreutes Schrot traf, sturzten die Arbeiter aus Mastkörben, und von Strickleitern. Dort eine neue Lage, und Verwundete und Todte deckten den obern Boden. Kein Entsetzen hemmte der vorgezählten Ordnung Lauf. Auf den Wink flogen andere Söhne des Neptun wieder zur Höhe, Aerzte harrten mit eiliger Hülfe der Verwundeten; was kein Leben mehr hatte, wanderte ins feuchte Grab.

Hier warf eine Chaluppe, von einem mächtigen Steuer oder fallenden Baum berührt, um, und sendete ihre Lenker in den Meeresgrund, dort fiel ein wichtiger Befehlshaber, ein jähling Opfer der Schlacht. Keine Verwirrung im regen Gang des erhabnen Verderbens. Andere Boote senkten sich in die Wellen, der Hintermann sprang an des Entseelten Platz, und weiter kämpften die ungeheuren Kräfte.

Alles nur geringe Vorboten riesenhaft gräßlicherer Szenen. Bald eilten hie und da Fregatten und Hundertstücker, Brust an Brust zusammen, und ketteten durch Hacken und Taue die Borde aneinander. Mit Furienungestüm sprang die wilde, sich durch Schlachtruf begeisternde Mannschaft hinüber auf die feindlichen Bretter, und die enge fluchtgehemmte Metzelei wüthete ein. Es galt jede Waffe, doch gebrach in kurzer Zeit selbst dem Flintenkolben und dem Säbel Spielraum. Geballte Fäuste boxten mörderisch auf den Gegner, nervigte Arme umrankten ihn, strebten ihn ins Meer zu schleudern, ihn in des Schiffraums Balken hinab zu stürzen. In Kajüten und Magazinen dauerte das Gewürge, bis den Offizieren der Obermacht gelang, einer kleinen übrigen Zahl, noch Leben von den ergrimmten Würgern zu erflehen.

Linienschiffe hatte der Kugeln zu dichter Haufe durchwühlt. Zu Ende ging die Hülfe der Kunst, die Geistesgegenwart fand keine Rettungsmittel mehr. Durch Hundert Risse drängten sich die Wogen, gleich Wasserfällen stürzten sie in die Tiefe hinab. Umsonst der Versuch, noch zu stopfen. Die erschöpfendste Anstrengung der Pumpen verrieth ihre Ohnmacht, da in schauderhafter Langsamkeit das Gebäude sich hinabsenkte. Immer höher kam der Seerand, immer schmäler ward der Bord, eine Kanonenreihe nach der andern verbarg sich dem Auge. — Was vermag noch der Mensch? Die Chaluppen sind ausgesetzt, weggedrängt, verloren! Wären sie auch da, wie mögten sie die Hunderte auffassen, die die Hände jammernd ausstrecken? Die andern Schiffe sind in Arbeit. Rauch deckt den Zwischenraum. Auch zu spät, wenn sie schon Hülfewinkend nahten, denn der Schwere Gesetz eilt zur Vollziehung! Schon bis zum Rand ist die See gestiegen! Der Befehl hört auf, bereitet euch zum Tode, hallt des Gebieters letztes Wort. Stiere bleiche verzerrte Gesichter wenden den gräßlich trockenen Blick gen Himmel, sie verlängern ihre Gestalt, wie sie schon die Nasse fühlen; noch ein Gedanke an die Lieben daheim, eine Frage an den Tod — die Arche ist verschwunden, ihre meisten Bewohner, hie und da noch ein Kampf der Schwimmkundigen, von denen es nur Einzelnen gelingt, ein ander Fahrzeug zu erreichen.

Dort hat die Flamme die betheerten Planken, die trockenen Stangen, das dürre Werg ergriffen. Sie trotzt dem Verein zur Tilgung, bricht aus dieser, aus jener Kammer, und lodert durch die Region der Seegel empor. Schon fallen Erstickte nieder, der rauchende Gestank hemmt den Athem. Noch hoffen die gern Lebenden, Todesangst verdoppelt die Kraft. Es gelingt an einem, an dem andern Ende, die brennenden Balken loszubrechen, fortzuwälzen, zu löschen die höllische Glut. Nur nicht zum Pulvervorrath! heißt aller Gedanke. Aber zu den Kanonen dringt die Flamme an vielen Orten heran, auch dort liegt die Schwarzische Mischung Pulver, die Stücke lösen sich von selbst, ihre Kisten fahren gleich entzündeten Minen auseinander, verletzen, zerbrechen, stecken in Brand. Die Verheerung spottet endlich jeder Ermannung. Vorn, hinten, auf der Seite, überall Flammentod, die Kleider brennen schon, lieber untergegangen in dem feuchten Element, die meisten stürzen sich verzweifelt hinab, während in Pracht des Orkus, den bretternen Pallast Gluten auflösen.

Nach halb sieben Uhr hatte die Schlacht begonnen, schon währte sie anderthalb Stunden, aber trotz der so vortheilhaften Stellung der Engländer, und der nachtheiligen ihrer Feinde, war noch nichts entschieden. Doch um acht Uhr wurde der französische Admiral verwundet, und die Signale erfolgten unregelmäßiger. Noch eine Stunde des erbitterten Kampfes, und die Waage neigte sich wenig. Aber um neun Uhr ward Bruyes durch eine Kanonenkugel zerrissen, und die Unordnung im Commando begann, während dessen Nelson unverletzt blieb, und das große Werk fortregieren konnte. Hätte die Parze ihm das Loos geworfen, würde vielleicht der Ausgang ganz verändert gewesen sein. Um halb zehn Uhr genossen die Engländer den Triumph, das Admiralschiff der Franzosen in Brand gerathen, und eine Viertelstunde darauf es in die Luft fliegen zu sehn.

Dies feurige Schauspiel, das Lärmen und Prasseln in der Höhe, das Herabfallen vieler umhergeschleuderten Gegenstände, machten, daß des Streites Hitze eine Viertelstunde lang nachließ; dann erneute sich aber das rasende Getümmel bis zur Morgenröthe hin, und von dem Augenblicke an, wo Bruyes gefallen war, lächelte die Siegesgöttin der brittannischen Flagge. Neun ihrer Schiffe waren entmastet, mehrere hart beschädigt, aber die meisten französischen genommen, oder zerstört.

Beider Nationen Tapferkeit war sich gleich gewesen, Nelson hatte mehr Erfahrungsgeschicklichkeit gezeigt, wie Bruyes, aber überall hatte jenen das zufällige Glück auch wie einen erwählten Liebling umarmt. Ihm gebührt der Nachwelt Ruhm, doch dürfen jene Umstände nicht dabei verschwiegen werden, eben so wenig wie die so hartnäckige kräftige muthige Gegenwehr der Franzosen, fast zwölf Stunden lang.

Wer kann sich wohl der ernsthaftesten Bemerkungen bei dieser Schlacht enthalten?

Sie war viel mörderischer wie die von Actium, wo Cleopatra gleich davon segelte, und Antonius bald der Geliebten folgte. Jene entschied die Herrschaft der Welt unter Individuen sehr schnell, aber eine Geschichtsübersicht nach hundert Jahren wird vielleicht erst entscheiden können, ob die Schlacht bei Abukir nicht noch wichtigeren Ausschlag im Allgemeinen gab.

Nimmt man an, des Feldherrn Eilboten hätten den Seeherrn glücklich erreicht, und Bruyes die Flotte in den Hafen von Alexandrien geborgen, so gewann die egyptische Expedition ein anderes Ansehn. Die Franzosen blieben wenigstens stärker an Mannschaft und wie auch die Britten sich vor den Hafen stationirten, so konnten sie doch schwerlich durchaus hinderlich sein, daß nicht von den zahlreichen Schiffen der französischen Flotte hin und wieder bei guter Gelegenheit des Windes einige nach Frankreich ausgelaufen wären, und neue Hülfe an Truppen und Kampfmitteln zu den Ufern des Nils geschafft hätten. Das wäre um so eher der Fall gewesen, wenn Bruyes die Flotte vorerst nach Corfu oder Malta geführt hätte.

Wäre aber der Strom des Windes bei jener Schlacht den Franzosen freundlich gewesen, hätte die tödliche Kugel statt Bruyes Nelson erreicht, so liegt die Vermuthung nicht weit, daß jene den Lorbeer des Kampfes würden davon getragen haben. Dann spielten sie die Meisterrollen in den mittelländischen Gewässern, das egyptische Heer konnte leicht verdoppelt werden, Gizzar Pascha, späterhin so nachdrücklich von Sidney Smith unterstützt, wurde leicht überwunden, und die Hindernisse, welche man im Orient vorfand, verringerten sich. Die Pforte war gezwungen, einen Bund mit Frankreich einzugehen, Egypten, das reiche Land, eine Kolonie der neuen Republik, über welche sie ihr Domingo immerhin vergessen konnte.

Allein der große Mann, der die hochromantische, weitberechnete, im Charakter antiker Heldenzüge entworfene Unternehmung nach Egypten leitete, würde gehörig verstärkt, vielleicht die Angelegenheiten in Paris mit einiger Gleichgültigkeit behandelt haben, wenn sein Blick schon mehr wie einen Welttheil umfaßt. Er hätte Europens Kultur nach Afrika verpflanzt, die Zeiten der Ptolemäer in großen Unternehmungen wieder zurückgerufen, den Kanal von Suez hergestellt und den alten Handel durchs rothe Meer geleitet, den stolzen Britten in Bengalen angegriffen, ein Alexander am Ganges.

England hätte nur einen schwächeren Einfluß auf die europäischen Kabinette üben können, die Kriege wider Frankreich würden eingestellt worden seyn. Das in Gefahr schwache Direktorium hätte in unbedrängten Zeiten noch lange an der Geschäfte Spitze weilen können.

Doch die verlorene Schlacht von Abukir rief endlich den Helden zurück. Er ging nach Europa und ward Cäsar. Im Erdtheil der Kultur sollte er zuvor den Herrscherstab erheben, denn konnte er ihn mächtiger einst über die Meere tragen. Also ließ sein cäsarisch Glück die Armade von Egypten untergehn.

Ist es recht, in einem Roman von dem Helden zu reden? Wer kann aber von ihm schweigen, der die Bewunderung der Welt durch immer erneute Großthaten auf sich lenkt?

Drittes Kapitel.
Einlenken von der Abschweifung.

Die Franzosen, welche von den Häuserzinnen ihrer Brüder tragisches Loos beobachtet hatten, geriethen in tiefe Trauer, und fürchteten grauenvoll für das eigne Schicksal. Getrennt, abgeschnitten vom Vaterlande, wenige Hoffnung, neue Verbindungsmittel bald wieder erscheinen zu sehen, und in einem Lande eingeengt, wo man der Feinde viel, und der Anhänger wenige zählte, konnten ihre Aussichten wohl nicht beruhigend sein. Dazu ließ sich fürchten, daß die Engländer nunmehr auch landen und einen Angriff auf Alexandrien machen würden, während des Heeres größter Theil tiefer eingedrungen war, um die Mammelukken zu bekämpfen; mindestens konnten sie in den Hafen dringen und die dort noch liegenden Transportfahrzeuge, von großer Wichtigkeit für den Augenblick, zerstören.

Aber der heroische Geist offenbart sich am edelsten, in den feindlichsten Anfällen der Gefahr. Wenn ihn Verzweiflung umgiebt, tritt er mit neuer Thatkraft hervor, und erbaut den Rettungstempel aus Ruinen.

Der muthige Kleber ließ plötzlich am Gestade Batterien emporsteigen. Ueberall kreuzte sich ihr Feuer. Der Eingang in den Hafen ward unzugänglich, kein Landungspunkt blieb unbewacht von der zeitigen Vorkehrung, worin der denkende Held furchtsam, aber der unverständige Praler sorglos ist.

Der hohe Feldherr, nachdem er erfuhr, was vorgegangen war, rief aus: Wohlan, so sind wir denn zu desto größeren Thaten gezwungen!

Es giebt eine Menge Gründe, womit sich der Mensch über die hereingebrochenen Unglücksfälle zu trösten sucht. Aber mag sie Philosophie oder Religion liefern, Leichtsinn thut dennoch mehr. Dieser glückliche Gemüthszug ward dem Franzosen vor allen Erdensöhnen, darum ist er auch mehr wie alle geeignet, das Widerwärtige zu bestehn. —

Nach einiger Zeit brach eine Truppenabtheilung nach Cairo auf, mit der Ring und Flore zogen. Sie bedienten sich der Esel, Postkutschen kennt man in Egypten noch nicht, wo man in vielen Bequemlichkeiten des Lebens nur wenige Schritte vorrückte. Bei dem allen brachte es der Europäer im angenehm Reisen eben auch noch nicht weit. Nur in Frankreich und England giebt es erträgliche Wege, Rußland und Schweden haben mindestens Anstalten, schnell fortzukommen. Doch in späteren Jahrhunderten wird man kleine Häuschen auf Räder stellen, deren Zimmer nach Art der holländischen Gondeln eingerichtet sind, und worin man sitzen und gehn, schlafen und lesen, schreiben und Clavier spielen kann. Oefen für den Winter, und chemische Küchen dürfen nicht fehlen. Ein lebhaftes Vergnügen wohnt schon in der Vorstellung einer solchen Reise, von einigen hundert Meilen; nichts wird sie übertreffen, als die noch später angelegte Luftpost, die auch das leiseste Stuckern vermeidet.

Es ging durch die Wüste. Die Natur hat die Laune gehabt, in Egypten viele Landstriche mit einer hundertfältigen Fruchtbarkeit auszustatten, dagegen öde, ewig unwirthliche, brennende Sandmeere zwischen die kleinen Elysäen hingeschlängelt. Es scheint, sie fürchtet aus ihrem Charakter zu fallen, wenn sie des Guten zu viel thut, denn die Weltregel will des Schlechten überall daneben. Ein ganz neuer, sonderbar ergreifender Anblick, solche Wüste, dies berichten alle, welche sie sahen. So weit das Auge reicht, eine starre weiße Fläche ohne anmuthigen Wechsel der Gegenstände, ohne erquickende Vegetation, ohne Zeugen des Lebens. Tief ist der heiße Sand, und qualvoll zu durchschreiten. Stürme, dort besonders die südlichen, wirbeln oft ungeheure Staubsäulen empor, die sich, dicken Nebeln gleich, über die geängsteten Pilger breiten. Dann unterscheidet man kaum das Nächste, gleich dem Schnee des Nordens hängt der Sand an den Kleidern, dringt aber weit feiner noch durch. Man athmet Sand, genießt Sand mit den Speisen, muß unaufhörlich die Augen davon reinigen. In einigen seltenen Fällen soll er sogar Caravanen begraben haben. Peinigt nun grimmiger Durst die Pilger, und sind die auf Kameelen fortgeführten Vorräthe erschöpft, so werden sie oft grausam getäuscht, da der Wüste ferner Horizont, mittelst salpetriger Ausdünstungen das vollkommene Bild eines klaren Sees darstellt. Hoffnungsvoll eilen nun die Lechzenden weiter, träumen das süße Labsal der Erfrischung, wie sie dort schöpfen, trinken, die Schläuche wieder füllen, die Glieder im stärkenden Bade erfreuen wollen. Doch sie reisen, und reisen, und erreichen des Sees Ufer nicht. Immer in dem alten Abstand glänzen sie vor ihren Augen. Sie sind schon lange in dem vermeinten Gewässer, da Nähe die Täuschung vernichtet, und sehen es doch immer wieder vor sich, bis sie endlich die Gränze der Wüste erreicht haben, und ein wirklicher Quell, zwischen blumigen Auen ihnen rieselt.

Ring und Flore unterhielten sich viel über ihre Zukunft und die Schicksale, welche sie erwarten dürften. Jener freute sich auf alle die hohen Seltenheiten, die es weiterhin zu sehen gäbe, sprach mit Begeisterung von den alten Königsgräbern, von Thebens Ruinen, die er in Kupfer gesehen, von denen er im Strabo und Herodot gelesen hatte; diese fürchtete die Wuth der Mammelukken, und bezeugte, wie Lessings Just, kein Verlangen, sich von einem Säbel den Kopf spalten zu lassen, wäre er auch mit Diamanten besetzt. Jener meinte, es würde ihm willkommen sein, lebenslang in dem warmen Klima zu wohnen, diese wünschte nur Gelderwerb im Handel, um einst in Frankreich im Wohlstande zu frieren.

Sie gelangten nach einer vierzigstündigen Reise zu jenen zauberischen Gefilden bei Raschid, im Contrast gegen die durchwanderte Oede, um so reicher an entzückender Anmuth. Die Reisfluren wogten üppig, die Reihne dufteten von Blumen, Jasminen rankten sich am Wege hin, die Häuser der Dörfer waren durch Akazien, Datteln und Sykomoren verdeckt, nur die Tempelartigen Moscheen ragten aus dem frischen Grün empor. Die Gärten prangten mit Orangen- Feigen- und Granatbäumen. Fette Heerden weideten im hohen Gras und auf dem majestätischen Nyl wimmelte es von bunten Fahrzeugen. Ueberall rege Geschäftigkeit.

In Raschid ergötzte Floren ein egyptischer Postmeister höchlich. Der Mann hatte einige kleine Briefe zur Bestellung nach mehreren Orten empfangen, und nun stieg er auf seinen Taubenboden, hing verschiedenen der geflügelten Boten die Papierchen um den Hals, und ließ sie durch die Luft ihre Straße ziehn. Es langten auch einige andere an, die Billetdoux, oder was es sein mogte, überbrachten. Warum sucht man das nicht auch in Europa nachzuahmen? Die Geschwindigkeit der Beförderung ist doch angenehm.

Jetzt schifften sich die Reisenden auf dem Nil ein, und fuhren mit einem günstigen Winde gegen den eben nicht reissenden Strom. Flore hatte viel von den Krokodilen im Nil gehört, und wagte daher keinen Finger ins Wasser zu stecken, aus Furcht, eine dieser Rieseneidechsen mögte Appetit darnach verspüren. Man beruhigte sie aber durch den Bericht, daß seit dem Gebrauch des Feuergewehrs die Krokodile sich immer höher hinauf nach Oberegypten zurückgezogen hätten, wie sich überhaupt die gefährlichen Thiere des Landes immer mehr verminderten.

Ein befremdendes Schauspiel zog aller Augen auf sich. Viele Wasservögel schwammen ruhig auf der Fläche dahin. Nicht weit von ihnen wurde man aber mehrere große Kürbisse gewahr, die in den Strom geworfen zu sein schienen. Mancher Vogel nahte unbesorgt der Frucht. Eh man sichs aber versah war er gepackt. In den Kürbissen steckten nemlich Menschenköpfe, die Tauchern gehörten, welche sich dieses listigen Mittels bedienten, die Thiere unter dem Wasser an den Beinen zu erhaschen.

Schöne Landschaft im morgenländischen Charakter zu beiden Seiten der Ufer. Angebaute Terrassen, Kanäle zum Bewässern gegraben, viel Spuren des Fleisses aus dem hohen Alterthum, und merkwürdige Ruinen. Ueberall hing das Auge des Reisenden an ihm neuen Gegenständen.

Doch die Menschen waren zurückstossend. Schmutzige sonnenverbrannte Bauern, arabischer Herkunft, schwärzliche Kopten mit mißgestalteten Gesichtern und struppig krausem Haar. Der Stolz des Europäers regt sich auf, je weiter er gegen Süden reist, weil sich ihm die Bemerkung immerhin lebendiger wieder aufdrängt: nur im Norden habe die Natur menschliche Schönheit erzogen. Das erkennt auch der reiche Afrikaner an, und läßt Mädchen in Georgien und Cirkassien kaufen. Bei dem allen ist dem wahren Neger, eine Schönheit eigner Art nicht streitig zu machen; und in den indischen Kolonien (auch wohl zu London und Paris) zeigt der Weissen Lüsternheit ebenfalls eine Vorliebe gegen eine Haut, welche Poesie mit dem Ebenholz gleichen kann; doch was zwischen den Extremen liegt, kann nur dem rohen eingebornen Sinn gefallen.

Unter der Fortsetzung dieser Fahrt entdeckte man die Pyramiden von Gizah, wiewohl in einer Entfernung mehrerer Meilen. Bergen gleich ragten die Steinmassen empor. Die Sehnsucht, sie in der Nähe zu betrachten, konnte aber noch keine Befriedigung finden.

Endlich erreichte man Cairo, die größte der Städte in Afrika, es sei denn, daß dieses Welttheils noch unbekannte Mitte Oerter von weiterem Umfange birgt.

Viertes Kapitel.
Cairo.

Zu Bulak stieg man aus. Es ist eine an den Stromhafen gebaute Vorstadt. Schöner, könnte sie vielleicht mit den Umgebungen des alten Pyräus bei Athen verglichen werden, doch in der vorhandenen Häßlichkeit gebührt ihr eine solche Ehre nicht. Dagegen mögte das Gewühl vom Pyräus nach der Hauptstadt Griechenlands, wenn schon anständiger, doch nicht so bunt und mannigfach gewesen sein, wie das, was man auf dem Wege von Bulak nach Cairo antrifft, am meisten in der Art, wie unsere Reisenden es sahen.

Erst im Hafen ein Wald von Masten, schon lange zuvor erblickt, und von den Domen und Minarets des afrikanischen Paris überragt. Dann die zerstreuten Hütten, zwischen den Werften, Plätze mit Schiffbauholz, Waarenvorräthe und auf nebenliegenden Ebenen die bunten Gezelte der Araber. Handelsthätigkeit überall. Auf den Häusern dichte Schwärme Tauben, das am meisten geschätzte, und am zahlreichsten gehaltene Hausthier, die unaufhörlich ab und zuflattern, am Boden eben solche Haufen von Gabelgeiern und Krähen, die bald sich auf, bald niederschwingen, bei der wenigen Verfolgung die ihnen widerfährt, höchst dreist sind, und die Luft mit ihrem Geschrei füllen. Ebenfalls Tausende von Hunden, die in allen großen Städten des Orients, wie man zu reden pflegt, auf ihre eigene Hand leben, und von den, gegen Thiere sanftmüthigen Muselmännern, keine Störung fürchten dürfen. Nun ein unabläßiges Wogen zur Stadt und von der Stadt her, ein Drängen, Stossen, Zanken, Waaren schleppen, Kameeltreiben, Eselführen, Reiten auf stattlichen Barbarhengsten, Platzmachen durch stolze Diener der Polizei, mit langen Stöcken — die Menschenmenge, zusammengesetzt aus Türken, Kopten, Griechen, Syrern, Arabern, Negern, Juden, und Europäern, die unter den gegenwärtigen Umständen in ihrer Tracht erscheinen konnten, und das Schauspiel noch bunter ausschmückten. Und nun unter all dem Gewimmel hier einen französischen Grenadierkapitän, dort eine reitende Jägerpatroll, hier eine vorbeiziehende Infanteriewache, den wirbelnden Tambour an der Spitze, dort einen Ingenieur, der die Straßen aufnimmt, ein anderer der den Strom nivellirt, wieder ein Gelehrter, der die Inschrift eines alten Steines prüft, ein zweiter, der den Fang der Nilfischer naturhistorisch untersucht, ein dritter, der mit einer egiptischen Bajadere (die so zahlreich vorhanden sind, wie zu Wien auf dem Graben oder zu Hamburg auf dem Jungfernsteig die europäischen) scherzt — und jedermann muß bekennen, daß das Bild davon schon sehr anziehend ist, und daß ein ähnlicher Anblick durch ganz Europa vergebens gesucht wird. Weite Reisen müssen aber auch entschädigen, wer würde sich sonst zu ihren Beschwerlichkeiten verstehn wollen.

Wo möglich fand man dies Gewühl in den Hauptstraßen von Cairo noch vermehrt, wiewohl andere Gegenden der Stadt öde und menschenleer erschienen. Sie hatte überhaupt durch die Ankunft der Franzosen manches an ihrem eigenthümlichen Glanz und ihrer Menschenzahl eingebüßt. Jener bestand in der üppigen Pracht der Beis und ihrer hohen Beamten, diese in den Mammelukken, welche sich im Gefolge ihrer Herren entfernten, und wider die Europäer in den Streit zogen.

Jetzt wurde Cairo nach allen Richtungen durcheilt, um die Merkwürdigkeiten in Augenschein zu nehmen. Die Freiheit, mit welcher das jetzt geschehen konnte, war seit Jahrhunderten keinem Franken geworden. Denn vor Ankunft des europäischen Heeres waren sie großen Beschränkungen und quälenden Demüthigungen blosgestellt. Sie mußten morgenländische Kleidungen tragen, doch mit einem Abzeichen, welches in den Augen des Pöbels Verächtlichkeit hatte. Jedem Mammelukken, Priester oder Beamten, waren sie schuldig, eine tiefe Ehrenbezeugung zu machen, indem sie von den Eseln stiegen, sich neigten, und die Hand auf die Brust legten. Selten würdigte man diese Höflichkeit eines Dankes. Wurde sie vergessen, so brachten sie unsanfte Stockschläge der begleitenden Diener in Erinnrung, wobei gar nicht die Frage war: ob der Europäer vom ältesten Adel stammte, oder nicht? In entferntern Quartieren lief man leicht Gefahr, ermordet oder geplündert zu werden. Durch willkührliche Abgaben, Avanien genannt, mußten Sicherheit und Befugniß zum Handel von den oft wechselnden Herrschern, immer wieder aufs Neue erkauft werden. Man mögte glauben, unter solchen Umständen hätte jeder Europäer einen so gehässigen Aufenthalt geflohn, allein was thut die Liebe zum Gewinn nicht? Man konnte in einem Jahre oder in noch kürzerer Zeit dort reich werden. Man durfte nur Marseiller Tücher und Turbane, schweizerische Uhren, englische Eisenwaaren und dergleichen dahin bringen, nun für den gelöseten Preis Moccakaffee einhandeln, und das Glück haben, daß das Schiff, worauf sich die Ladung befand, seinen Hafen erreichte. Und welch einen freundlichen Wink giebt der Reichthum nicht? Man frage die allerehrenvollsten armen Männer, ob sie sich, wenn sie reich zu werden hoffen dürfen nicht der Gefahr einiger türkischen Stockschläge preisgeben wollen, und sie werden sogleich zu erwägen anfangen, daß in dem morgenländischen Stock die Beschimpfung nicht liegt, die der mystische europäische in sich enthält.

Ring, der Berlin, Manheim, Carlsruhe gesehen hatte, fand die Gassen in Cairo unleidlich, in ihrer engen finsteren Krümme, und verwünschte besonders die quer über, von Haus zu Haus gelegten Bretter, die vollends jeden architektonischen Prospekt hemmten. Flore aber war seiner Meinung nicht. Sie behauptete, der allgemeine Baldachin sei da vortrefflich, wo eine unmäßige Sonnenhitze dadurch abgehalten wird, und eine herrliche Facade bratend anzuschaun, mache ihr nicht das mindeste Vergnügen. Wie billig verwies er ihren geringen ästhetischen Sinn.

Diese Ueberdachung der Straßen findet sich auch in Tripolis, Algier u. s. w. und man muß doch eingestehn, daß, wie sehr die Bewohner dieser Städte uns in Erfindung anderer Bequemlichkeiten nachstehn, sie hier doch auf eine fielen, die wieder manche der unsrigen überwiegt. In Europa, besonders in seiner nordischen Hälfte drückt zwar die Hitze nur während einer kurzen Zeit, aber wären solche Hülfsmittel gegen unsere häufigen Regen, gegen unsern Schnee nicht willkommen? Einen hohen Grad von Vollkommenheit würden sie erreichen, wenn sie, (bei nicht zu breiten und mit Häusern von gleicher Höhe besetzten Straßen) Zugbrücken gleich, von den Dächern gegen einander herabgelassen werden könnten, unter der Neigung eines erhöhten Winkels, und mit Röhren zum Abzuge des Wassers versehn. Dichtigkeit und Zusammenpassen aller wäre eine unerlässige Bedingung. So könnten sie wider Sonnenhitze und nasse Witterung wohlthätig seyn, und bei sonst angenehmer Luft aufgezogen werden. Einige Fenster müßten die zu große Dunkelheit mindern. Sollten die Plätze auch den Nutzen theilen, so könnte es freilich nicht anders geschehn, als mittelst gewaltiger Schirme an hohen Masten. Eine ausschweifende Einbildungskraft hat sich sogar für Zeiten des größeren Unternehmungsgeistes die Möglichkeit eines Regen- und Wärmeschirms gedacht, der ganz Paris decken und nach Belieben entfaltet und zugefügt werden könnte; auch die Höhe des Thurms berechnet, woran er zu befestigen wäre, die Natur der Mittelstäbe erträumt (durch Hängewerke aneinander befestigt, durch Taue von der Thurmspitze aus getragen, von Mastbäumen gefertigt) und des Zeuges, (einem Gewebe von Strängen nach Bedürfniß mit Harz getränkt).

Doch Scherz bei Seite! So viel wir uns auf den Vorsprung in Wissenschaften und Künsten zu Gute thun, so giebts doch in Europa keine Stadt, der nur eine mäßige Bewunderung zu schenken ist, wenn man zugleich an das, zu erhabenen Conceptionen so aufgelegte und im Ausführen so beharrliche Alterthum zurückdenkt. Kleinlichen Flitterstaat zeigen unsere Hauptstädte gegen die Pracht von Theben, Memphis, Palmyra, Babilon, oder des römischen Roms. Stände Semiramis wieder auf, sie würde die Peterskirche im päbstlichen Rom allenfalls noch werth halten, wie ein kleiner Lustpavillon in einem ihrer Gärten zu stehn, viel weiter würde sich ihre Achtung nicht erstrecken. Wem fällt es denn wohl ein, einen Thurm aufzurichten, wie der Tempel des Bel in Babilon, einer war. Wer will Gärten in der Höhe schweben lassen, wer Schiffe zwischen den Schenkeln einer Bildsäule durchführen wem sind Strecken von zwanzig Meilen, durch Berge, die es zu trennen gilt, nicht zu weit, um nur besseres Wasser daherzuleiten?

Wir erschrecken vor den Gedanken, Hunderttausende von Arbeitern bei einem Bau anzustellen[1], wüßten nicht die Menschen, die Summen aufzutreiben. Dagegen erschlugen wir seit mehreren Jahrhunderten, oft um die albernsten Zwecke Hunderttausende in Kriegen, und manches Volk hob dieserhalb schon der Kindeskinder Einkünfte, wälzte den noch späteren Enkeln Schulden auf. Erst wenn die irreligiösen unnützen Fehden werden geendet haben, wenn die Christenheit einen Staat bildet, und eine Völkerjustiz der Völker Zwiste entscheidet, wird die Zeit nahen, wo auch die gegenwärtige Menschheit der folgenden in wahrhaft hohen Denkmälern sich verkündigen kann.

In Einzelheiten legten wir allerdings vor den Ahnen große Strecken Weges zurück. Jene Memphis, jene Babilon entbehrten an ihren Marmortempeln und Pallästen der Glasfenster. Metastasio, indem er den Garten von Schönbrunn besang, wollte poetisch komplimentiren, und verglich ihn mit dem des Alkynous. Das war aber eine ziemlich prosaische Herabsetzung, denn bei aller prachtvollen Beschreibung des Homer[2], tauschte doch kaum ein wohlhabender Pachter mit dem seinigen. Allein desto wundervoller, wenn jetzt der Geist des Großen einmal große Kräfte zu einem solchen Zweck vereinen wird. Man kann fragen: aber wozu das am Ende? Darauf weiß ich keine Antwort. Denn wollt ich sagen: Damit der Eindruck die Gemüther erhebe, so kann man das gewaltig zu Boden schlage, da in einer Stadt, welche das neue Palmyra genannt wird, und für die jetzigen Zeiten, doch schon ein Erhebliches an architektonischen Prospekten Tempeln, Pallästen, zeigt, die Gemüther — — — — — doch Stille Stille!


[1] Da Salomo seinen Tempel bauen wollte, sandte er Achtzigtausend Zimmerer nach dem Libanon, Zedern zu bereiten, und Siebenzigtausend Steinhauer aus, (1. B. der Könige Kap. 5. V. 15-18) was freilich um so unglaublicher klingt, als hernach (1. B. der Könige Kap. 6) gemeldet wird, der Tempel sey nur sechzig Ellen lang, zwanzig breit, und dreißig hoch gewesen.

[2]

Außer dem Hof erstreckt ein Garten sich, nahe der Pforte;

Einen Huf ins Geviert’, und rings umläuft ihn die Mauer.

Dort sind ragende Bäume gepflanzt mit laubigen Wipfeln,

Voll der balsamischen Birne, der süßen Feig und Granate,

Auch gelbgrüner Oliven, und wohlgesprenkelter Aepfel.

Diese tragen beständig im Jahr, nie mangelnd des Obstes,

Nicht im Sommer, noch Winter, vom athmenden Weste gefächelt

Knospen sie hier und blühen, dort zeitigen schwellende Früchte.

Birn reift auf Birn, es röthen sich Aepfel auf Aepfel;

Traub auf Traube verdunkelt, und Feigen schrumpfen auf Feigen.

Dort auch prangt ein Gefilde von edlem Weine beschattet,

Einige Trauben umher auf der Ebene hingeleitet,

Dorren am Sonnenstrahl; und andere schneidet der Winzer.

Andere keltert man schon; hier stehn die Herlinge in Reihen;

Hier entblühn sie zuerst; hier bräunen sich leise die Beeren,

Reich an Gewächs, und stets von Blumen umduftet.

Auch sind dort zwo Quellen, die eine fließt durch den Garten,

Schlängelnd umher, und die andere ergießt sich unter des Hofes

Schwell’ an dem hohen Pallast, woher sich schöpfen die Bürger.

Odyssee 2ter Gesang. V. 112—131.

nach Voß Uebersetzung.

Fünftes Kapitel.
Fortsetzung.

Was werden die Kritiker des Morgenblattes sagen, die sublimen Männer, welche nur eine mäßige Zahl von Alltagsköpfen in ihre Mitte treten ließen, daß dies Buch bis hieher noch so wenig That, so viel Betrachtung enthielt, daß die Kunst auszustellen, zu spannen, einzuleiten, mit so weniger Sorge gepflegt wurde? Geduld! es wird der Handlung Fülle erscheinen, ja der Verfasser wird es dahin bringen, daß man sich noch über Quantität und Qualität der Handlung ereifern soll.

Unser Paar lebte nun eine gute Zeit wohlbehalten in Cairo. Ring hatte seine Geschäfte beim Commissariat zu versehen, Flore, die immer wieder Mannskleider trug, suchte hie und da einen erlaubten Gewinn zu erzielen. Nach ihrer bekannten Aufgewecktheit, Gefügigkeit, nach ihrem schnellen Auffassungsvermögen, lernte sie bald etwas von der Einwohner Sprache, und verstand es auch, sich zu ihren sittlichen Ansichten zu bequemen. Daneben hatte sie bald eine Kenntniß von Dingen, nach denen die französischen Gelehrten begierig waren, als da sind aufgefundene alte Münzen, Mumienfragmente und andere Seltenheiten. Oft schwatzte sie dergleichen den Egyptern um ein Geringes ab, und veräußerte es gut. Gegenstände der Lieferung, die ihr Mann aufzutreiben hatte, schaffte sie so herbei, daß ein billiger und nicht unbeträchtlicher Vortheil daran hing. So gedieh es den beiden Leuten, doch sey es zu Florens Ehre gesagt, sie trieb es in allen Ehren.

Weltbekannt ist, wie viele treffliche Einrichtungen von den Franzosen in Egipten gemacht wurden. Man untersagte den Sklavenhandel, stiftete überall eine geordnete Polizei. Eine Versammlung der Scheiks aus verschiedenen Provinzen wurde zu Cairo ausgeschrieben, wo man die Verbesserungen der Gesetzpflege und Finanzverwaltung berathete. Den bürgerlichen Gewerben und dem Ackerbau ward der nöthige Schutz, und die Egypter hätten sich nur auf ihren wahren Vortheil verstehn müssen, um sich auf immer von der rohen Mammelukkentirannei befreit zu sehn.

Allein sie begriffen diesen Vortheil nicht, und unterstützten die gute Sache nur mit halben Willen. Englischer Einfluß, die Schritte, welche die Pforte gethan hatte, und Sinn für die alten Gewohnheiten verkehrten diese Gemüther, und während die französischen Waffen gegen alles, was in den Provinzen noch Widerstand leistete, glücklich waren, zettelte sich in der Hauptstadt ein gefährlicher Aufruhr an.

Sechstes Kapitel.
Aufruhr.

Ring hatte die Pyramiden von Gizah immer noch nicht in der Nähe gesehn. Allein war keine Wallfahrt dahin zu unternehmen, da Räuber in der Gegend umherschwärmten, die des Landes kundig, zu viele Schlupfwinkel fanden, um den Truppen erreichbar zu seyn. Nur mit Bedeckung waren Offiziere und Gelehrten dahin gegangen, Ring hatte aber dann immer der Zeit ermangelt. Nun fand sich eine Gelegenheit, er konnte einige Tage abkommen, und wollte nicht säumen, den Gipfel der Spitzsäulen zu erklimmen, und die alten Pharaonskammern zu durchspähn.

Flore aber hatte keine Lust ihn zu begleiten, ohnehin war sie eben in einer Handelsverrichtung begriffen, und blieb in Cairo zurück.

Grade nun begab sich aber jener bekannte fürchterliche Aufruhr vom 21. Oktober, dessen Plan ziemlich von weitem angelegt zu seyn schien, da an dem nämlichen Tage auch Bewegungen in Alexandrien, und selbst vor dem Hafen dieser Stadt, sichtbar wurden. Wie einst in Warschau, war es darauf angelegt, alle fremde Truppen zu morden, die Franzosen entgingen aber durch größere Wachsamkeit dem Geschick der Russen.

Früh um acht Uhr sah man verschiedene Volkshaufen, deren Vorhaben nicht zweideutig schien. Der General Dupuis, Befehlshaber zu Cairo begab sich nach dem Platze Berquetfil, die Empörer durch gütige Mahnung zu zerstreuen, wurde aber mit seinen wenigen Begleitern getödtet. Nun griffen die Franzosen zu den Waffen, pflanzten Kanonen in den Straßen auf, und brachten die Aufrührer bald dahin, daß sie sich in die Moscheen retteten, und dort verschanzen mußten. Ihnen wurde auf die Bedingung Gnade zugesagt, daß sie ihre Oberhäupter auslieferten. Bei ihrer trotzigen Weigerung war ihre Strafe angemessen. Sie lernten die Macht europäischer Kriegsführung kennen, und um so befestigter ward der letzteren Gewalt.

Gleichwohl waren in den Häusern und einzeln auf den Gassen viele Franzosen umgebracht worden. Einige Gefangenen schleppten fliehende Araber mit aus der Stadt fort. Ein solches Schicksal erfuhr auch die gute Flore. Neugier anfangs, und hernach der Vorsatz, bei einer Truppenabtheilung Sicherheit zu suchen, hatten sie aus ihrer Wohnung getrieben. Nun sprengten aber einige Reuter vorüber, von welchen der Vorderste eine Lanze, wiewohl ohne Erfolg nach ihr warf, mehrere andere Fehlschüsse mit Pistolen nach ihr thaten, der Hinterste sie aber um den schlanken Leib ergriff, sie vor sich auf das Pferd hob, und so mit der Beute davon eilte.

Wie die tödtlich Erschrockene flehte, es war umsonst; auch die Hoffnung, Franzosen würden dem Zuge begegnen, und sie befreien, blieb eitel. Immer im vollen Sprunge eilten die Reuter durch abgelegene Gegenden, und durch Lücken der verfallnen Stadtmauer ins Freie.

Man kann sich den Zustand der Armen denken. Der Sitz auf dem Halse des Gaules höchst unsanft, und am wenigsten freundlich, die Erwartung der Dinge, die da kommen sollten.

Sie verstand so viel von der Sprache, um ihre wiederholten Bitten um Freiheit vorzutragen, und auch die Reden der wilden Muselmänner deuten zu können; auf jene wurde aber nicht gemerkt, und diese weissagten nichts Gutes.

Eine Strecke von etwa dreitausend Schritten von den letzten Häusern der Vorstadt hielten die Reuter an, und beratheten hinter Buschwerk, das sie versteckte. Sie wollten Nachricht abwarten, ob der Versuch, die Franken umzubringen, nicht etwa noch eine günstige Wendung genommen habe, in diesem Fall waren sie entschlossen, wieder nach Cairo zurückzukehren. Sonst hielten sie eine Flucht ins innere Land nöthig, um der Rache zu entweichen.

Gleich fragten aber die Uebrigen den Ali (so hieß der Entführer Florens) was er doch mit dem Franken beginnen wolle? Zwei oder drei alte Männer wollten ihn niedergestoßen wissen, zuckten auch schon die Lanzen, einige jüngere traten aber mit lüsternem Blick näher, wehrten ab, und liebkoseten Floren.

Das letzte wollte Ali nicht dulden, und man gerieth in einen hitzigen Streit. Da aber eben wieder zwei Araber daher sprengten, mit der Verkündigung, alles sei für die Aufrührer verloren, und die Franken Sieger, dachte man nur an eine weitere Flucht; die Arme wurde abermals auf das Pferd geschwungen, und es ging im schnellsten Galopp querfeldein.

Nur am späten Abend, wie die Thiere vor Ermüdung nicht weiter konnten, wurde Halt gemacht, und der alte Streit erneuete sich augenblicklich, und mit größerer Frechheit, da weniger Furcht die Unholde plagte. Flore wurde dem Ali streitig gemacht, der ihren Besitz lebhaft vertheidigte, die Alten schrien: was sie vorhätten, sey gegen den Koran, und bald fiel man mit Säbeln und Dolchen übereinander her.

Während dieses Getümmels benutzte Flore einen günstigen Augenblick, und sprang davon. Die Dunkelheit unterstützte ihr Beginnen, sie erreichte ein Gebüsch voller felsigten Schlüfte, wo sie hoffen durfte, nicht so leicht entdeckt zu werden. Zwar hörte sie bald, daß die Araber wieder aufgesessen waren, und sie mit vielem Geschrei nach allen Richtungen aufsuchten, allein in ihre Nähe kamen sie nicht, und bald vernahm sie kein Geräusch mehr.

Tiefe Nacht brach herein, und schien die Furcht vor den Arabern verschwunden, so kam bald eine andere über sie, die vor den Thieren der Wildniß. Sie kroch also, so tief es immer möglich war, in eine Höhle, und erwartete dort schlaflos den Morgen.

Die einzige Hoffnung, welche ihr aufging, war, vielleicht auf Franzosen oder gutsinnige Griechen zu treffen, die sie wieder nach Cairo bringen konnten, und dadurch einigermaßen beseelt, wagte sie sich aus ihrem Schlupfwinkel hervor.

Siebentes Kapitel.
Eitle Wünsche.

Wie sie aus dem Dattelhölzchen trat, erblickte sie auf einer Seite grauenvolle unabsehliche Wüste, auf der anderen zwar angebauet Land, doch kein Dorf, noch weniger Menschen, an welche sie es hätte unternehmen mögen, sich zu wenden. Indessen konnte sie nicht bleiben wo sie war, schon überaus entkräftet, würde sie bald dem Hunger erlegen haben. Sie schritt also in das angebaute Land, traf auch bald eine Quelle, ihren Durst zu löschen, und fand Früchte mancher Art, um den Hunger zu sättigen.

Bald sah sie die Moschee eines geringen Städtchens, und weiterhin mehrere Dörfer. Unschlüssig, ob sie sich hier oder dorthin wenden sollte, bestieg sie eben einen Hügel, der eine weitere Aussicht darbot, und entdeckte, daß der Nil etwa eine Meile davon, seine majestätischen Fluthen vorüberwälzte. Gleich war nun der Entschluß genommen, so unbemerkt als möglich seinen Ufern zu nahn, weil es bei weitem nicht so glaublich war, in jenen geringen Ortschaften Truppen zu finden, wie dort.

Nicht ohne Gefahr setzte sie ihren Weg fort, und stieß auf manche Arbeiter im Felde, deren Ansehen bösartig genug war. Doch ihre freundliche Natur, die mit zutraulichem Gruß an ihnen hinging, machte, daß jene nicht zu der Besonnenheit gelangten, ihr Leid zuzufügen. Eine köstliche Himmelsgabe, die freundliche Natur. Sie entwindet ohne Mühe Verlegenheiten, ist eine der ersten Lebensadressen an das Glück. Unter den Emporkömmlingen sieht man wenig herbe Gesichter, und ein lebensmüder Soldat, der einstmals ein Verbrechen beschloß, um den Tod zu leiden, setzte den schon gespannten Hahn wieder in Ruh, weil der erste Vorübergehende ihm einen heitern guten Tag bot, und tödtete dagegen den zweiten.

Endlich kam Flore an dem Nil an. Aus den umherliegenden Hütten hatten sich viele Mädchen versammelt, hier Linnen zu reinigen. Nach Landessitte war ihr leichtes Gewand bis zum Gürtel aufgeschürzt, dagegen das Gesicht schamhaft verdeckt. Ein seltsamer Kontrast gegen europäische Meinungen. Flore nahte lachend, und erkundigte sich, ob keine französische Soldaten hier herum gesehn worden. Die Mädchen sagten aus: eben wären deren wohl Hundert des Weges gezogen, die Getreide eintrieben. Flore sah noch in der Entfernung den Staub, und eilte, alle Kräfte anzustrengen, um das Kommando zu erreichen.

Es war aber ziemlich weit voraus, Flore sehr ermüdet. Sie keuchte athemlos, doch spornte sie die Hoffnung der Sicherheit, der Gelegenheit wieder nach Cairo zu ihrem Gatten zu kehren. Denn wenn gleich das Commando von der Hauptstadt gekommen schien, da es seinen Weg in der Richtung nach Oberegypten südlich fortsetzte, so ließ sich doch erwarten, es würde nach vollzogenem Auftrag wieder dahingehn. Hätte sie nun keinen Abweg eingeschlagen, so würde der erste sie gewiß an ihr Ziel geleitet haben. Und vielleicht rasteten auch die Soldaten bald einmal, desto eher wurden sie eingeholt.

Doch die Abwege! Wären sie nicht auf dem Erdboden! Und die falschen Lockungen! Wohnte uns nicht eine so leichte Neigung bei, ihnen zu folgen! Flore blickte von Ungefähr — ein Ungefähr, an welchem ach! so Viel hing, nach dem Strome. Sie gewahrte ein Fahrzeug, das ihn hinaufsegelte. An der Spitze saß ein Mann in französischer Soldatenuniform, die Kokarde am Hut. Sehr natürlich war der Gedanke, daß sie vielleicht auf dieser Barke auch Sicherheit finden könne, und die Sehnsucht, ein wenig Schutz gegen die Sonnenhitze, die in Egyptenland auch im Oktober drückend genug ist, zu finden, gab jenem Gedanken destomehr Lebhaftigkeit. Ich will den Landsleuten winken, dachte sie, daß sie ans Ufer steuern, um mich aufzunehmen. Vielleicht gehören sie selbst zu dem Commando, bringen etwa Lebensmittel nach. Desto eher wird mein Wunsch erreicht.

Sie nahm ein weisses Tuch heraus, und gab Zeichen. Bald wurden sie verstanden, das Fahrzeug nahte, und legte an. Froh saß die Wartende am Strande. Der Mann in der Uniform steigt aus. Mit Schrecken sieht Flore ein schwarzbraunes Gesicht, und morgenländische Unterkleider. Der Hut ist auf einen häßlichen geschornen Kopf gedrückt. Nun will sie fliehn, der Schwarzbraune hat sie aber bereits mit starkem Arm ergriffen, und sie wird in die Barke getragen, wo einige Ruderknechte, und lumpigte bewaffnete Kerle sie mit wildem Lachen empfangen.

Die Eigenthümer waren Flußräuber, deren es auf dem Nil viele giebt, und welche die neue Polizei bei aller Wachsamkeit noch nicht hatte vertilgen können. Von einem ermordeten Europäer waren jene Kleider genommen, und das Oberhaupt der Bösewichter hatte sie angelegt, um Fremde, die man etwa plündern konnte, sicher zu machen.

Man durchsuchte ihre Taschen nach Geld. Es fand sich wenig. Nun ward sie entkleidet, um zu untersuchen, ob irgendwo Goldstücke eingenäht wären. Man fand deren nicht, aber entdeckte mit großer Befremdung und üppigem Jubel ihr Geschlecht. Flore stockt, wenn sie hier weiter zu erzählen pflegt, und es ist daher billig, daß auch manches übergangen werde. Die Hauptsache ist, daß sie mit fort mußte, und die bittere Kränkung erfuhr, den Truppenhaufen bald darauf am Ufer gelagert zu sehn, während die Räuber auf der Mitte des Stromes vorübersegelten. Man hatte ihr die Hände gebunden und den Mund verstopft, so lange die Soldaten sichtbar waren, damit sie auf keine Art ihre Gegenwart ankündigen konnte.

Dann wurde sie aber von dieser Unbequemlichkeit befreit, und die Räuber wiesen sie an, ihnen das Essen zu bereiten. Die Nothwendigkeit gebot, sie mußte aus dem Mehlvorrath egyptische Polenta fertigen, und die gefangenen Nilfische auf dem kleinen Heerd der Barke rösten.

Achtes Kapitel.
Fernere Abentheuer mit den Flußräubern.

Daß Flehen und Weinen umsonst war, ergiebt sich von selbst. Auch blieb es ohne Wirkung, daß Flore dem Gesindel eine Loskaufungssumme verhieß, wenn man sie nach Cairo bringen wollte. Sie fand keinen Glauben, und die Räuber, denen ihre Kost schmeckte, gewöhnten sich nur mehr an sie.

So mußte Flore sie auf ihren ruchlosen Zügen begleiten, und Zeugin mancher Unthat sein. Schlau wußten sie drohenden Gefahren zu begegnen, denn erblickten sie etwa von Weitem ein Fahrzeug, worauf bewaffnete Mannschaft seyn konnte, so gab es entweder eine Bucht, oder einen Kanal, wo sie sich verbargen, oder sie fischten ruhig in einiger Entfernung und wurden dann nicht gestört. Schiffe aber, die ihnen nur geringen Widerstand leisten konnten, griffen sie mit schneller Gewalt an, oder überlisteten. In aller Hast wurde dann das Eigenthum geraubt, und nicht selten die Besitzer ermordet. Bis ein guter Vorrath von Beute gesammelt war, blieben sie immer auf der Mitte des Stroms. Hatten sie aber Raub genug erlangt, begaben sie sich nach Scheik Abade, ihren Schlupfwinkel, wo sie die Gegenstände bis auf thunliche Veräußerungen einscharrten.

Nachdem Flore etwa acht Tage bei ihnen gewesen war, geschah eine solche Landung. In den Hütten des Oertleins hauseten ihre Gefährten und Weiber. Zwischen den weitläuftigen Ruinen umher, den Ueberbleibseln der alten Stadt Antinoe, wurden die Gruben ausgehöhlt. Flore sah es mit an, daß unter andern hier reicher Schmuck, und eine gute Zahl von Goldstücken, verborgen wurden. Sie hatte, da sonst sich keine Hülfe darbot, gute Miene zum bösen Spiel gemacht, und sich mit verstelltem Wohlbehagen, in den Willen des Taugenichtse gefügt, auch erklärt: sie wünsche für ihr ganzes Leben kein glücklicher Loos. Das hatte ihr den besondern Schutz des Oberhauptes erworben, doch gab man nichtsdestoweniger genaue Acht auf sie, und benahm ihr jede Möglichkeit der Flucht. Bei Tage mußte sie unter strenger Aufsicht arbeiten, bei Nacht wurde sie zu den Weibern gesperrt.

Bald schifften sich die Räuber wieder ein, und Flore war ihre Begleiterin. Man schwamm mehrere Wochen auf dem Nil herum, war aber diesmal nicht so glücklich wie vorher, und es herrschte dieserhalb großer Unwille auf dem Fahrzeuge. Flore suchte ihn möglichst zu bekämpfen, indem sie sich die Bereitung der Polenta, und das Braten der Fische noch sorgsamer angelegen seyn ließ. Desto mehr gewann sie die Herzen. Jeder Sterbliche, wäre es der roheste, entartetste, ist auf irgend eine Weise einzunehmen.

Die Mehlkiste war aber ziemlich aufgezehrt, es mangelte an Hanfgetränk, womit der Pöbel in jenen Gegenden sich zu berauschen pflegt, man beschloß also, nach dem Raubneste zurückzukehren, um neue Vorräthe zu holen.

Etwa eine Meile war die Barke noch davon entfernt, als die Nacht hereinbrach. Der Wind blies zudem nicht günstig, der Morgen sollte daher erwartet werden, die Reise zu vollenden. Wie gewöhnlich wurde der Anker mitten im Strome geworfen, die Unholde legten sich bis auf Einen schlafen, der Wache hielt.

Flore hatte sich auch unter dem Mattenbaldachin hingestreckt, aber kein Schlummer wollte sie erquicken. Sie dachte ernsthafter als je dem traurigen Geschicke nach, das sie in eine so verwünschte Innung geführt hatte, und die entsetzliche Aussicht, vielleicht nimmer von hinnen zu kommen, brachte sie der Verzweiflung nahe. Denn wie man denken mag, hatte sich ihre Einbildungskraft fast mit nichts, als den Mitteln in Freiheit zu kommen, beschäftigt. Doch unüberwindlich erschienen ihr die Hindernisse, da die Räuber verschlagen genug waren, sich vor jeder obrigkeitlichen Hand verborgen zu halten.

Die Liebe zu Ring erwachte unter diesen Umständen desto lebhafter. Was mag er thun, der Gute? Wie bestürzt wird er gewesen sein, da er seine Flore bei der Rückkehr von jener Reise nicht mehr gefunden hat! Ich seh ihn erbleichen, wüthen, suchend umher irren, den Freunden klagen, sich abhärmen. Aber wenn der erste Sturm des Grams vorüber ist, wird er mich nicht todt, wenigstens verloren achten? Ach, und dann giebts andere Mädchen. Er liebt das Sonderbare. Schon um deswillen kann eine Coptin, eine Griechin, eine Araberin — o ich mögte in Wahnsinn sinken, bei der Reihe von Vorstellungen, die dieser folgt! Nein es gelte das Leben, die nächste Gelegenheit, und wäre sie noch so dornenvoll, werde muthig ergriffen! Schon manches führt ich Unternehmende aus, wovor das Alltagsweib schaudern würde, sollte mir denn keine glückliche Flucht aus Diebeshänden gelingen?

Indem sie sich auf diese Weise mit düsteren Vorstellungen quälte, und so gern die Gewölke, die das Innere ihrer Seele trübten, durch einen freudigen Hoffnungsstrahl erhellen wollte, blickte sie unter dem Ueberhang nach dem Wächter hin, der zu ihrer Befremdung fest eingeschlafen schien. Auch die übrigen Räuber schnarchten.

Es war grade in der Regenzeit, und das Getöse, indem das Wasser auf die Decke, auf die Bretter und in die Wogen niederschlug, vermehrte sich eben, da sich dichtere Ströme niedergossen.

Hinter der Barke war ein kleiner leichter Floß angebunden, der nur aus einer Bohle bestand, welche durch zwei Reihen ausgehöhlter Kürbisse gehalten wurde, eine Erfindung, auf welche der Occident noch nicht fiel.

Dem Wetterleuchten in der Ferne gleich, stieg Floren ein rascher heller Gedanke auf, dem sie aber aus heftiger Furcht kaum Raum zu geben wagte. Diese Furcht kämpfte mit jenem Gedanken ziemlich lange, endlich aber verlor sie ihr Spiel, und Flore ermannte sich zu seiner Verfolgung.

„Wie wenn ich beim Geräusch des Regens, mich aufmachte, mich auf das Floß niederließ; schwerlich würde der Araber erwachen. Unbemerkt knüpfte ich den leichten Kahn los, und ruderte mich zum Strande.“

„Aber wenn er nun erwachte, dann fiel ich ohne Zweifel ein Todesopfer des Jähzorns!“

„Das Erwachen steht dahin, mein jetziges Leben ist nicht viel besser, wie Tod, an die Freiheit muß man es kühn setzen.“

„Gleichwohl, wenn ich nun das Land erreicht habe, was wird dann aus mir werden? Ich bin ohne Geld, ohne Freund, nach dieser entlegenen Gegend kommen meine Landsleute selten, was hier herum wohnt, haßt alles, was nicht an Mahomed glaubt, tödlich. Ich werde immer dem Verderben nicht entrinnen.“

„Geld wirkt viel, ich wüßte wohl Geld zu finden, und ein Raub an Räubern verübt, die mir Freiheit und Wohlfahrt entrissen, kann kein Verbrechen sein. Aber man wird mir folgen, dort mich vielleicht am ersten aufsuchen, da den Buben ihr Schatz am Herzen liegt, und sie bald argwöhnen könnten — — aber ists am Ende Frevel, Mörder zu morden? Zur Rettung des eigenen Lebens sie zu morden? Wie manchen Schuldlosen sah ich nicht schon von ihren Dolchen getroffen, sinken? — Aber ohnmächtige Thörin, was sinnst du über das Unmögliche?“

Sie sann gleichwohl länger und länger. Endlich stand der Entschluß fest vor ihr da, zu ihrer Rettung das Ungeheure zu wagen, führe es auch wohin es wolle.

Sie empfahl sich den freundlichen Gestirnen, und stand auf. Leise tappte sie nach dem Steuer zu, hob eine Flinte, einen Mannsanzug, und einen Bohrer von beträchtlicher Größe, deren Plätze sie in der Dunkelheit zu finden wußte, so behutsam als es thunlich war, auf, und ließ sie auf das Floß nieder. Nun folgte sie selbst nach, mit einem Ruder versehn.

Wie gewaltig pochte ihr Herz da draußen, und da beim ersten Schritt in die Gefahr, oft eine Anwandlung von Kleinmuth und Reue über das Herz kömmt, so fehlte nicht viel, sie wäre wieder in die Barke zurückgestiegen.

Doch wurde die Bangigkeit niedergekämpft, und verwegen setzte die Französin den Bohrer an, das Räuberschiff leck zu machen. Auf diese Art nur konnte sie sich bei ihrem Vorhaben der nächsten Verfolgung entziehen.

Sie setzte das Instrument unter dem Wasser an, und arbeitete frisch. Nach einer Viertelstunde fühlte sie, daß die Bohle durchdrungen sei, und ging an eine zweite Oeffnung. Diese wurde aber nicht vollendet, da das Sinken des Fahrzeuges den Fleck, wo sie angefangen hatte, schon zu tief niederdrückte. O bange Augenblicke! Sie mußte immer erwarten, daß die einlaufende Nässe die Schlafenden wecken würde. Dennoch bohrte sie noch an einer höheren Stelle mit aller Macht, und konnte bald das ganze Werkzeug durchschieben. Jetzt erst schnitt sie den Strang ihres Bootes los, entfernte sich aber aus guten Gründen nicht von der Barke.

Was sie befürchtet hatte, geschah gleich darauf. Mehrere der Buben schrien zugleich auf, und mahnten den Wächter, das Regenwasser auszuschöpfen. Denn nur daran dachten sie. Dieser taumelte schlaftrunken umher, die Schaufel zu suchen, plätscherte aber schon sehr tief. Nun mehrte sich aber die Kraft des Sinkens jähling, und nur zwei waren im Stande, sich noch unter der Decke hervorzuarbeiten. Die andern erhuben ein gräßliches Geschrei, das aber schon nach einigen Augenblicken verstummte, denn sie waren mit dem Fahrzeuge schon unter dem Wasser. Jene zwei, gute Schwimmer, wollten sich ans Ufer retten, aber Flore ruderte behende hinzu, gewahrte im ersten Grauen des Morgenscheins ihre Köpfe, und schlug mit desto geringerer Schonung mit der Flintenkolbe auf sie zu, als sie diese Bösewichter vorzüglich unter der Menge haßte. Denn sie hatten noch einige Tage zuvor einen coptischen Christen, blos aus Grimm, weil sie nichts zu rauben bei ihm fanden, mit Marterstreichen umgebracht.

Sie riefen kaum noch ein Allah Kerim, da gingen sie unter in ihr feuchtes Grab, und über Floren kam ein Gefühl, wie es Ulysses gehabt haben mag, da keiner seiner übermüthigen Nebenbuhler mehr athmete.

Noch blieb sie eine Weile an der Stelle, durch den ein wenig hervorragenden Mast der Barke bezeichnet, aus Sorge, es mögte einer noch aus der Tiefe hervortauchen. Sie nahm aber nichts wahr, und begriff auch, daß jeder, der nicht bei Zeiten sich unter der Matte hervor hatte machen können, nothwendig umgekommen sein müsse.

Jetzt fuhr sie dem Strande zu, küßte ihn unter frommen Empfindungen, und dachte nun erst schaudernd zurück, an die grausenhaft kekke That.

Achtes Kapitel.
Reichthum.

Vernunft und Kühnheit, sind eine nervenschwache Matrone und ein junger Alcid. Was jene mit allen Berechnungen verloren geben würde, er wagt es, triumphirt — wenn nämlich das Glück zur Seite stehn will. Im Frühling der Jahre straucheln wir oft, es geschieht mancher Fall, der noch im Alter schmerzt, bei dem allen aber setzen wir in dieser Periode Dinge ins Werk, vor denen die bedächtige Verstandesreife feig erzittern muß. Und dennoch gelangen sie. Warum trennen wir uns denn späterhin von dem kekken frischen Lebensmuth? Er, gepaart mit dem Vortheil der Erfahrung, müßte uns ja durchaus die Gipfel der Wohlfahrt erreichen lassen. Auch sehen wir, daß der klug gewordene Mann mit ersparter Jünglingskühnheit oft hoch steht. Mit ersparter, recht! die Mehrheit hat sie vergeudet, und hinkt hernach feig umher. — Zur Geschichte:

Die Heldin legte am Ufer das türkische Gewand an, und eilte, die Flinte im Arm, dem Raubneste zu. Noch schlief dort alles in den Hütten, und unbemerkt konnte sie dem Platze nahen, wo das Oberhaupt der Flußräuber neulich seine Kostbarkeiten verscharrt hatte. Da sie jedoch eines Spatens ermangelte, und es ihr sauer ankam, die über die Stelle gewälzten Steine wegzuschaffen, so verging viele Zeit, der Morgen war in aller Fülle da, und man sah hie und dort Einwohner des Ortes umhergehn. Da schrieb die Nothwendigkeit vor, von der begonnenen Arbeit zu lassen, und Flore verbarg sich zwischen dem Gemäuer eines alten Jupitertempels, entschlossen, nur erst in der folgenden Nacht wieder hervorzutreten.

Eine schauderhafte Einsamkeit! Unaufhörlich schwebte die Phantasie zurück, und sah immer aufs Neue jene Barke sinken. Mit Recht oder ohne Recht, Flore zitterte, nunmehr eine Mörderin zu sein. Gleichwohl ließ sich das Geschehene nicht mehr ändern, sie mußte die Gewissenssprache nun wieder stumm zu kämpfen suchen. So sind fast immer im Menschen zwei streitende Stimmen laut, und sie zu versöhnen, ist eigentlich die moralische Lebenskunst.

Der Abend nahete endlich, und Echo gab des Schakals trauriges Geheul von den Trümmerwänden zurück. Flore mußte nun wieder an ihre Arbeit. Auch der Mangel an Nahrung mahnte sie, bald sich in den Besitz von Geld zu setzen.

Mit den Händen grub sie den Sand auf, nachdem die Felsstücke sie nicht mehr hinderten, und zog bald mit vieler Mühe eine Kiste zur Höhe. Sie war bald geöffnet, und volle Beutel mit Goldstücken, mehrere Schachteln mit Korallen, Perlen und Edelsteinen gefüllt, standen der Abentheurerin zu Gebot. Ach, dies wohlbehalten in Cairo, in Paris! dachte sie.

Sie konnte aus Ermattung und Furcht wenig tragen, und hätte doch gern viel mitgenommen. Doch theilte sie weislich ein. In den Turban wurden Juweelen verborgen, der Gürtel enthielt eine starke Wulst Dukaten, sie vergaß die Taschen nicht. So ging sie doch mit einem ziemlichen Reichthum von dannen, nachdem sie das Uebrige von Schätzen an einen andern Ort bewahrt und ein Zeichen, mittelst in eine gewisse Figur gelegter Steine, gemacht hatte. Vielleicht, dachte sie, giebt es einst Gelegenheit, den Rest abzuholen.

Noch in der Nacht wanderte sie von dannen, denn um alles in der Welt durfte sie den Bewohnern von Scheik Abade nicht sichtbar werden. Sie tappte im Dunkel zwischen die Ruinen hin, stieß bald an einen zerbrochenen Obelisk, der im Sande lag, bald fand sie ihren Weg durch aufgethürmte Säulenstücke gehemmt. Der Vorwelt Geist redete sie schaurig aus den Trümmern an, das Geheul von wilden Thieren, die es in der Gegend gab, sträubten ihr das Haar. Das Bild der untergegangenen Unholde war nicht vom Gedankenspiel zu trennen. Aber die Nothwendigkeit, die ja auch den entschiedensten Feigling beherzt machen kann, wenn sie nur hinter ihn eine noch größere Gefahr stellt, wie vorne zu bekämpfen ist, beflügelte ihre Tritte durch Nacht und Graus.

Wäre sie geschichtskundig gewesen, so hätte sie sich die Langeweile durch Bemerkungen über die Ruinen der verheerten Stadt tödten können. Wären sie gleich nicht so tief und sinnig, und dazu so weitschweifig ausgefallen, wie jene, welche von Palmyras Resten umgeben der König aller Ketzer, Volney, zusammenstellte, so hätten sie doch ein eigenes Interesse haben können.

Die Ruinen von Antinoe! Welch ein Stoff zu der mannigfachesten Verarbeitung, für den Historiker, den Moralisten, den Dichter! Hadrian, dessen Tugenden in Frieden und Krieg den Ruhm ganz und gar nicht müßig ließen, besaß — — übrigens aber — einen jungen Freund, Antinous genannt, dessen Bildsäulen uns noch bis auf diese artistische Stunde, so der menschlichen Schönheit Ideal versinnlichen, wie die des Apollon, Göttlichkeit aussprechen. Der Kaiser befand sich eben in Egypten, und — was ihm die allerneusten Philosophen nicht verübeln können, da sie es selbst geschmackvoll finden, zur Veränderung einmal wieder abergläubisch zu sein, — fand für gut, die Wahrsager des Landes, deren Weisheit im Ruf stand, über die Zukunft seines Lebens zu fragen, was nun freilich in unsrer Zeit nicht geschieht. Die Antwort klang: dem Weltherrscher drohe nahe schlimme Gefahr. Nur wenn sich Jemand, der ihm theuer sei, der ihn liebe, für ihn den Opfertod wählte, würde sich das Schicksal versöhnen. Große Bestürzung, Wehklage und Trauer am Hofe und im Heere. Es gab Tausende, die recht gern patriotisch schrieben, patriotisch redeten, wenn sich die Aussicht öffnete, das Vaterland würde sie lohnen; eben so viele waren bereit das Knie zu beugen, dem Kaiser zu klatschen, wenn er im Theater erschien, weil sie hofften, diese Zeichen hoher Anhänglichkeit würden gelegentlich zu Ehrenämtern oder Landgütern helfen; doch ein Opfertod schien ihnen zu sehr im Charakter der ersten fabelhaft romantischen Zeiten Roms zu sein, als daß Männer, die aufgeklärt über Jupiter lachten, noch hätten daran denken können. Demungeachtet war jeder bereit, dem, der sich dennoch entschließen wollte, ein Erbtheil von Unsterblichkeit zuzugestehn. Ueberhaupt giebt es kein besser Mittel, das Verdienst anerkannt zu machen, hätte man zuvor auch dem Neide und der Afterrede unterlegen, als daß man stirbt.

Der schöne hochherzige Antinous bot sich allein dar. Daß sein Imperator — und Freund sich die edle Großmuth (oder den edlen Großmuth, da man gar nicht einsieht, weshalb das Prädikat Groß den männlichen Muth in den Harem stoßen soll, um so mehr als Kleinmuth bei dem alten Geschlechte bleibt) gefallen ließ, mag ein andrer Lobredner erheben. Genug Antinous stürzte sich von einer Felsenzinne in den Nil, und die Propheten erklärten das Unheil abgewendet. Hoch wurde nun aber der Liebling und Retter geehrt. An der Stelle baute Hadrian eine große, mit allem Kostbaren, was die Kunst aufbringen kann, geschmückte Stadt, und nannte sie Antinoe. Tempel wurden erhöht, die Bildsäulen des schönen Selbstmörders geheiligt. Opfer und jährliche Spiele wurden angeordnet, der Kaiser schrieb den Cultus seiner Verehrung in den kleinsten Umständen vor. So lohnte die Vorzeit.

Schlimm daß ein gehäßiger Nebenbegriff einen sonst schönen historischen Moment, so in Schatten setzt. Kann denn aber der Nebenbegriff nicht ein Kind der Verläumdung sein? Dann gäbe es einen gar artigen Stoff zum Trauerspiele mehr.

Ende des zweiten Buchs.

Zweiter Potpourri.

Antinous,
Trauerspiel in einem Akt.

Personen.

Hadrian, Kaiser.
Antinous, sein Liebling.
Ein Krieger.
Ein Höfling.
Ein Diener.
Egyptische Priester und Volk.

Die Scene in Egypten in einem Garten am Nil.

Erster Auftritt.

Hadrian. Antinous.

(kommen Arm in Arm durch den Garten.)

Hadrian.

Laß in die holde Einsamkeit mich retten,

Vor kniender Völker huldigendem Gruß

Und Jubelruf, der mir das Ohr betäubt.

Hier darf ich nicht durch Kränze Pfad mir bahnen,

Nicht Lied und Blume sinken lastend nieder,

Doch in des Freundes Arme sinkt der Freund.

Antinous.

O bin ichs werth? Erwählt aus Millionen

Hob der Quiriten hoher Cäsar mich,

Der neben Jupiter den Erdkreis lenkt —

Hadrian.

Auch du, auch du? Entweihn soll diese Lippe,

So zart wie Sidons purpurnes Gewebe,

So strahlend wie der Morgenhelle Licht,

Der ecklen Schmeichelei verworfne Rede?

Im Staube laß den Sklavenchor ertönen,

Wohl ziemet er Prometheus niedrer Brut,

Du stammst von Göttern, die Gestalt verkündet

Der seligen Olimpier Geschlecht;

Doch mehr des Herzens reine Himmelsschöne,

Wenn dich der Sterbliche zu sich erhöht,

Was thut er, als im Göttlichen sich ehren.

Antinous.

Erhabener, es ist dein Machtgebot,

Und so erkühn ich mich, der Ehrfurcht

Und der Bewunderung Hymnos zu verschweigen.

Hadrian.

Mein Machtgebot? Und nicht die innre Stimme?

Dir unter Allen will ich nicht befehlen,

Frei mag ich Dich von des Gesetzes Banden,

Sei wie Otan der Perser, was du willst.

Nur laß mich dann, ein Gut, ein Gut erflehen,

Das mein gehört, und nicht dem Diadem.

Antinous.

Ich bin Dein Freund, Dein Freund, o Hadrian.

Hadrian.

Nun endlich —

Tönt mir des Wortes schöne Melodie.

Und lohnen will ich dir des Glückes Wonne,

Wie es dem edlen Tugendsinn gebührt.

Den Feldherrn, der Trophäen mir erhöhet,

Trägt der Triumph zum Capitolium,

Den treuen Bundgenossen schmücken Kronen,

Du sollst das Recht der Bitte bei mir üben

Für den Verbrecher, für verwaiste Frauen

Und vaterlose Kinder — O, das macht Dich froh!

Antinous.

Wie aber deut ich Dir des Wunsches Kraft,

Des Strebens Feuer dieser Göttermilde,

Mich aus der Ferne nur zu würdigen,

Ein armer Jüngling, den nicht Weisheit schmückt,

Im Rathe Deine Winke vorzutragen,

Den nicht des Feldherrn Genius erhebt,

Noch unbekannte Völker zu besiegen

Nichts nenn ich mein, als wie ein dürftig Leben,

Viel zu gering, wie Dir ein werthes Opfer.

Hadrian.

Schon die Gefühle wägen jede That.

Mein bleibe, bis der Parze Faden bricht;

Die Barke des letheischen Piloten

Soll dann vereint die stillen Schatten tragen,

Zusammen gehn wir Minos dunkle Straße.