Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Am Abend desselben Tages, an welchem Hans in der Morgenfrühe von Hause weggeritten war, traf in Neckarsteinach endlich Engelhard von Hirschhorn ein, dessen Besuch Bligger bereits seit einigen Tagen erwartete. Er kam mit seltsam lautenden Nachrichten und erzählte folgendes.
Nach seinem heftigen Auftritt mit Juliane, von dem er des näheren berichtete, hätte er seiner Tochter Sidonie geboten, nach Zwingenberg zurückzukehren, und ihr erlaubt, ihre beiden Freundinnen Hiltrud und Richilde mitzubringen. Da die Mädchen aber bis gestern abend nicht eingetroffen wären, hätte er heute morgen einen reitenden Boten nach der Minneburg geschickt, um nach dem Grunde ihres Ausbleibens zu forschen. Der Bote wäre jedoch mit der Meldung wiedergekommen, die drei Fräulein hätten die Burg gestern nach Mittag verlassen, und Frau Juliane wäre ihnen heute morgen, gleich nachdem der Sohn des Juden Isaak Zachäus bei ihr gewesen wäre, eiligst und mit allen Zeichen großer Erregung gefolgt und hätte den Burgvogt und drei Mann im Harnisch mitgenommen. Wohin die Damen geritten wären, hätte niemand sagen können. Da hätte sich Engelhard sofort aufgemacht, um zu versuchen, ob er vielleicht hier etwas über den Verbleib seiner Tochter erfahren könnte.
Bligger und seine Frau waren starr vor Staunen, und ersterer teilte nun dem Freunde mit, daß zu derselben Zeit wie die Fräulein und Juliane von der Minneburg auch Ernst und Hans von hier weggeritten wären, ohne zu sagen wohin, Hans mit Zurücklassung des Bescheides, er wäre da, wo Ernst wäre. Bligger hätte nun nicht anders geglaubt, als daß sie beide auf der Minneburg wären, und hätte an den Zweck und Erfolg dieses geheimnisvollen Rittes schon die erfreulichsten Hoffnungen geknüpft. Daß sie bis jetzt noch nicht zurück wären, hätte auch ihn schon beunruhigt, nun aber wüßte er vollends nicht, was er davon denken sollte.
»Daß sie alle sechs beieinander sind, die vier Frauenzimmer von der Minneburg und eure beiden Ausreißer von hier, ist höchst wahrscheinlich; aber wo?« sprach Engelhard.
»Wir wollen Josephine einmal ins Verhör nehmen,« sagte Bligger. »Käthe, laß sie rufen; sie soll sofort erscheinen.«
»Josephine? wer ist das?« frug Engelhard.
»Das ist der Sohn des Juden Isaak Zachäus,« lachte Bligger; »wirst ihn gleich sehen.«
Engelhard stutzte nicht wenig, als er bald darauf ein blühendes Mädchen eintreten sah. Bligger aber stellte sie sofort mit der Frage: »Josephine, wo ist Junker Ernst?« Die Angeredete schlug die Augen nieder und schwieg. »Du weißt es, Josephine! denn du warst heute morgen bei Frau Rüdt von Kollenberg auf der Minneburg. Was du ihr verraten hast, kannst du auch uns mitteilen, und ich verlange die Wahrheit!«
Josephine, in ihrem Schrecken, sich als Verräterin entlarvt zu sehen, versuchte nicht zu leugnen, sondern gestand unumwunden: »Junker Ernst hat mir anvertraut, daß er Fräulein Richilde nach dem Kloster Sinsheim entführen und sich dort mit ihr trauen lassen wollte.«
»Kreuzhageldonnerschlag!« platzte Bligger los. – »Es ist gut, wir wissen genug,« wandte er sich dann zu Josephine, die froh war, so schnell wieder loszukommen, und flugs aus dem Zimmer verschwand.
»Engelhard! Käthe! was sagt ihr dazu?« fuhr Bligger fort. »Nun ist's aus, alles aus. Jetzt macht euch, wenn ihr könnt, eine Vorstellung von Julianens Wut auf uns Landschaden! Erst werfen wir ihren Gatten nieder, legen ihn ein und nehmen ihm einen Wald ab. Dann schlägt Hans ihren Freier Bödigheim dreiviertel tot –«
»Das weiß sie ja noch gar nicht,« fiel Engelhard ein.
»Desto schlimmer! – Dann erfährt sie, daß wir sie mit Hans verheiraten wollen, damit sein Erbe nicht dem Hagestolzenrecht verfalle, und endlich entführt Ernst ihre einzige Tochter. Wenn da nicht die Schale ihres Zornes überläuft, so trägt sie ein Taubenherz in der Brust. Glaubt ihr, daß sie jetzt noch Lust hat, eines Landschaden Frau zu werden?«
»Ach nein,« lächelte Katharina. »Ich hätte an weniger als der Hälfte davon genug, um diese Lust zu verlieren. Ob sie nun wohl in Sinsheim ist?«
»Sicher! und Hans auch!« sagte Bligger.
»Na,« lachte Engelhard, »wenn die beiden da zusammentreffen, dann kann es gut hergehen! Da müssen wir hin, Bligger!«
»Das versteht sich!« erwiderte dieser. »Du bleibst die Nacht hier, und morgen in aller Frühe reiten wir.« –
Josephine begab sich stehenden Fußes von dem Gemach des Burgherrn zu ihrem Vater und erklärte ihm mit einem heiligen Schwur: wenn er nicht auf der Stelle mit ihr aufbräche und von hinnen zöge, so würde sie allein gehen, und er würde sie niemals wiedersehen.
Eine Stunde später schritten Isaak Zachäus und sein Sohn Joseph aus dem Tore der Mittelburg, und der Torwart, der nicht annehmen konnte, daß es ohne Wissen und Willen seines Herrn geschehe, versperrte ihnen den Weg nicht. Schweigend und kummervoll wanderten und wanderten sie ohne Rast durch die stille Mondnacht dahin, und im Neckartal sah man sie niemals wieder. –
Am nächsten Vormittag langten Bligger und Engelhard bei der Abtei Sinsheim an. Die Glocken läuteten, und Bligger erhielt auf seine Frage nach der Bedeutung der feierlichen Klänge vom Bruder Pförtner, der keinen der beiden Ritter kannte, den Bescheid: »Ein Landschad von Steinach wird mit einer Rüdt von Kollenberg getraut; sie sind schon in der Kirche.«
Die Freunde blickten sich kopfschüttelnd an. »Engelhard,« sagte Bligger, »das Raten und Prophezeien geb' ich auf. Jetzt kann kommen, was will; ich bin auf alles gefaßt.«
»So geht's mir auch,« erwiderte Engelhard, »und du kannst noch von Glück sagen, daß du, wenn auch als ungebetener Gast, zur Hochzeit deines Sohnes noch eben zurechtkommst.«
Mit leisen Schritten betraten sie die Kirche; aber auf den Anblick, der sich ihnen hier darbot, war Bligger doch nicht gefaßt gewesen.
Die Mönche waren versammelt und sangen einen lateinischen Hymnus. Am Altar, auf dem alle Kerzen brannten, im großen Ornat, angetan mit den Zeichen seiner Würde, stand der Abt, Herr Meinhard von Angeloch, und vor ihm das zum Empfange des Segens bereite Brautpaar. Aber dieses Brautpaar waren nicht Ernst und Richilde, sondern Hans und Juliane.
Beide hatten Kränze auf den Häuptern, und von Julianens Schultern wallte lang herab ein prächtiger Mantel von hellblauer Seide, mit Zobel besetzt und reich mit Gold bestickt, den Sidonie heimlich für Richildens Trauung mitgenommen hatte.
Engelhard rieb sich die Augen und Bligger sagte: »Engelhard, tu mir die Liebe und wecke mich! ich träume zu verrücktes Zeug.«
»Ich bin verhext,« erwiderte Engelhard.
»Sind das da Hans und Juliane, oder sind sie's nicht?«
»Gott sei mir gnädig! sie sind's!«
»Begreifst du das, Engelhard?«
»Nein, Bligger!«
»Ich auch nicht.«
Sich im Hintergrunde haltend sahen sie auch Ernst, Richilde und Sidonie in der Nähe des Altars und weiter zurück als aufmerksame Zeugen der heiligen Handlung Julianens Burgvogt Weiprecht Kleesattel mit drei Reisigen stehen. Wie einem vor ihren Augen geschehenden Wunder wohnten sie, von den Ihrigen da vorn unbemerkt und unvermutet, der Trauung bei, hörten die Rede des Abtes, seine Fragen und seinen Segen, mit dem er die Ehe des Paares schloß und weihte, und als er Amen sagte und der Gesang der Mönche wieder einsetzte, da waren Hans und Juliane vor Gott und Menschen Mann und Frau.
»Engelhard,« raunte Bligger während des Gesanges, »nun ist es wirklich erreicht, was wir gewünscht und geplant hatten, und als wir unser Spiel verloren gaben, da war es gewonnen.«
»Weißt du noch,« sprach Engelhard, »wie wir bei dir zusammen waren und uns berieten?«
»Und Ihr mich alle auslachtet? gewiß weiß ich's noch,« erwiderte Bligger. »Und wie gut war gleich mein erster Vorschlag! Hätten wir Hans nicht mit dem Angebot des Waldes zu Juliane geschickt, so hätten sie sich vielleicht im Leben nicht wiedergesehen.«
»Es ist dein Werk, Bligger! und heute wird es gekrönt. Wie wird Lauffen sich bosen, wenn er's erfährt!« flüsterte Engelhard.
»Ja, darauf freue ich mich,« hohnlachte Bligger. »Morgen reite ich auf den Dilsberg, und Lauffen soll an meinem Spott zu schlucken haben.«
»Still! sie kommen!«
Die gottesdienstliche Feier war zu Ende. Die beiden Ritter verließen die Kirche schnell und geräuschlos, um sich noch nicht sehen zu lassen, und erfuhren von den Laienbrüdern, daß sie den Abt mit seinen vornehmen Gästen bis zum Beginn des Mahles im kleinen Refektorium finden würden.
Ein seltsamer Hochzeitszug bewegte sich nun durch den Kreuzgang. Unter Vorantritt rauchfaßschwingender Chorknaben und junger Mönche mit Kreuz und Kirchenbanner kam, den Krummstab in der Hand, der Abt dahergeschritten und hinter ihm das eben verbundene Paar, gefolgt von Ernst, Richilde und Sidonie. Dann kam der Prior mit den Würdenträgern des Klosters und endlich die lange Reihe der psalmodierenden Mönche, denen sich Weiprecht Kleesattel mit seinen drei Geharnischten anschloß.
Die wenigen Bevorzugten begaben sich in das kleine Refektorium, wo das Paar ihre Glückwünsche entgegennahm. Darauf entfernte sich der Abt, um sich seiner Pontifikalkleider zu entledigen.
Jetzt traten Bligger und Engelhard herein, und wenn die beiden größten Glocken des Klosterkirchturms hereingewandelt gekommen wären, so hätte die Überraschung kaum gewaltiger sein können, als sie beim Erscheinen der beiden Ritter war.
»Bligger! Engelhard! Gottwillkommen!« rief Hans in lauter Freude und stürmte auf die beiden los. »Seht her, ich hab' eine Frau! Juliane, Juliane ist mein!«
»Glück zu, lieber Bruder!« erwiderte Bligger, »wir sahen, wie ihr getraut wurdet.«
»Aber unseren Augen wollten wir nicht trauen,« setzte Engelhard hinzu.
»Das glaub' ich euch!« lachte Hans. »Auf den Gedanken bist du nie gekommen, Bligger!«
»Nein, niemals!« sagte Bligger, sich auf die Lippen beißend. »Liebe Frau Schwägerin,« wandte er sich nun zu Juliane, »nehmt in Huld und Gnade den herzlichen Glückwunsch dessen, den Ihr irriger Weise so lange für Euren schlimmsten Feind gehalten habt! Niemand außer euch beiden kann sich mehr über eure Heirat freuen, als der, der jetzt in tiefster Ergebenheit diese schöne Hand an seine Lippen führt.«
»Wohlan, Herr Schwager! so wollen wir denn um Hansens willen hiermit unsern Frieden machen und fürder gute Freundschaft miteinander halten,« gab sie ihm froh und versöhnlich zur Antwort und drückte ihm die Hand dabei.
»Wir auch, Juliane?« frug Engelhard hinzutretend.
»Wir auch, du heimtückischer Mensch!« erwiderte sie. »Warum hast du mir denn nicht gesagt, daß sich Hans für mich geschlagen hat?«
»Lieber Gott!« entgegnete er, »dir das zu sagen, war ja der Zweck meines Besuches; aber Haß allem, was Landschaden heißt! war deine Losung, und ich kam –«
»Du warst ihr Anwalt,« unterbrach sie ihn, »wolltest die Mohren weiß waschen und spieltest den Unwissenden und Unschuldigen gegen mich.«
»Nein, ich kam nur –«
»Du wandtest dich um meine Fragen herum wie ein Aal,« fuhr sie fort, »und als ich dich immer enger und enger umspann, zogst du den Kopf aus der Schlinge und ranntest davon.«
»Ich komme wieder nicht zu Worte!« rief er händeringend aus und war mit ein paar Schritten neben seiner Tochter. »Du Wildfang mußt natürlich bei allen dummen Streichen dabei sein,« redete er sie an.
»Bloß dabei sein, Vater?« lächelte Sidonie.
Bligger, die Braut seines Sohnes an der Hand, sagte: »Ja, Mädchen, mit dir im Bunde will ich den Teufel mit der Hexe von Endor verheiraten.«
»Dabei würden wir uns die Finger verbrennen, Ohm Bligger, denn wir müßten dazu in die Hölle,« lachte Sidonie.
Jetzt erschien der Abt wieder und begrüßte die neuhinzugekommenen Gäste aufs freundlichste. Gleich darauf meldete der Bruder Schaffner, daß alles bereit sei, und unter Führung der würdigen, wuchtig und gemessen voranschreitenden Brüder Rucho und Trotto wandelte man paarweise in den Speisesaal.
Die Tafel war diesmal im großen Refektorium gedeckt, denn auf Hansens und Julianens Wunsch sollten alle Brüder des Klosters an dem Hochzeitsmahl teilnehmen, und der Abt hatte den Mönchen Dispens gegeben, daß sie essen und trinken, reden und scherzen konnten, soviel sie wollten. Der Abt sprach ein Tischgebet und dann nahm man Platz, Herr Meinhard zwischen dem Ehepaar und dem Brautpaar, ihm gegenüber Sidonie zwischen Bligger und Engelhard, die Küchenmeister und Kellermeister zur Seite hatten.
Es ging sehr fröhlich her. Die sich folgenden Gerichte waren vortrefflich zubereitet, und der große Freudenbringer Wein tat seine Schuldigkeit, entflammte die Herzen und löste die Zungen, so daß in der hohen, weiten Halle ein beständiges Surren und Brausen vieler lustig durcheinanderschwirrender Stimmen ertönte. Bligger bedauerte, daß die Seinigen nicht alle zugegen wären, denn er fühlte sich, als feierte er hier einen ruhmvollen Sieg, dessen Errungenschaft er mit stolzem Behagen genießen wollte.
»Was hat euch denn in aller Welt so schnell zusammengeführt?« frug er herausfordernd das ihm gegenübersitzende Paar.
»Das Recht der Hagestolze nicht, Herr Schwager!« erwiderte Juliane schlagfertig.
»Was wollt ihr nur mit eurem Recht der Hagestolze? davon habe ich in meinem Leben noch nichts gehört,« wandte sich Hans an Bligger und Engelhard.
»Frage die nicht, Schatz!« riet ihm Juliane. »Die sagen dir's doch nicht.«
Bligger ward es in Voraussicht des nun Kommenden gewitterschwül, und er verwünschte im stillen seine unbedachte Frage.
»Das jus misogamorum,« ließ sich der Abt vernehmen, »ist eine so heilsame institutio, daß es verdiente, in das corpus juris canonici aufgenommen zu werden, denn Kirchen und Klöster verdanken ihm manches wackere Junggesellenerbe.«
»Aha! Bligger, hörst du's?« bemerkte Engelhard. »Was sagte mein Bruder Otto?«
Bligger blinzelte ihm lebhaft zu, daß er doch nur schweigen sollte.
»Jus misogamorum?« sprach Hans. »Ihr macht mich immer neugieriger.«
»Ich habe dir's ja schon erklärt, Liebster! daran laß dir genügen,« schnitt Juliane die weiteren Erörterungen darüber ab. Und sich wieder Bligger zukehrend sprach sie lächelnd: »Ich will Euch aber Eure Frage beantworten, lieber Schwager! Hans hat mich, wie er behauptet, nur darum geheiratet, um Ernst vor einer mit ihm zusammenhausenden Schwiegermutter zu bewahren.«
»Hans!« rief Engelhard, »das ist eine edle Tat, die Ernst dir nie vergessen darf.«
»Also darum!« lachte Bligger, durch Julianens geschicktes Ablenken von dem gefährlichen Gegenstande sehr angenehm berührt, »ja, die Furcht vor Schwiegermüttern lag von Jugend auf wie ein Alp auf seiner Junggesellenseele.«
»Jetzt sollt ihr aber auch erfahren, warum ich ihn geheiratet habe,« fuhr Juliane fort. »Ein Jude hat mir das Horoskop gestellt und mir aus den Sternen geweissagt: ich müßte meiner Tochter zuvörderst einen Stiefvater und dann erst einen Gatten geben; sonst geschähe ein Unglück. Was sollte ich nun machen? ich mußte Hals über Kopf heiraten, nur damit auch meine Tochter heiraten kann. Und weil gerade kein besserer da war, nahm ich diesen hier,« schloß sie, Hansens Arm zärtlich an sich drückend, unter allgemeiner Heiterkeit.
»Weil kein besserer da war! – vielen Dank, Juliane!« lachte Hans und schmunzelte vergnügt dabei.
»Das für die Schwiegermutter, Hans!« neckte Juliane.
»Und was hat Euch der Sterndeuter sonst noch prophezeit?« frug Bligger.
»Das wißt Ihr, glaub' ich, besser als ich, Schwager Bligger!« erwiderte sie mit einem durchdringenden Blick.
»Meint Ihr?« lächelte er verschmitzt.
»Schickt mir den Juden noch einmal,« sagte sie, »daß ich ihn hängen lasse!«
»Das hätt' ich schon selber getan,« lachte Bligger, »wenn er Euch das Horoskop nicht richtig gestellt hätte.«
»Aber nach Ohm Hansens Horoskop sollte er ja sein Glück einmal im Kloster finden,« sprach Ernst.
»Nun, hat er es etwa nicht im Kloster gefunden?« sagte Sidonie. »Da sitzt es ja leibhaftig neben ihm und lächelt ihn an wie lauter Sonnenschein.«
Unter so heiteren Gesprächen verlief das üppige Mahl und dauerte stundenlang. Am Schlusse ward dem Kellermeister eine mächtige Silberkanne samt zwölf vergoldeten Pokalen gebracht. Es war ein hochedler, alter Firnewein, den Trotto eigenhändig mit andachtsvoller Feierlichkeit einschenkte und den an der Ehrentafel Sitzenden darreichte, indem er sprach: »Junker Hans und gnädige Frau, hier das Allerbeste, was wir im Keller haben! wohl bekomm's!«
Man roch, man kostete, man schlürfte und schmeckte. »Köstlich! – herrlich! – wunderbar! – Gott segne den Berg, auf dem er gewachsen! – und den Küfer im Grabe! – und das Faß im Keller! – und jeden Trinker, der ihn zu würdigen weiß!« So kam es rechts und links von den Lippen der Schwelgenden.
»Schwägerin Juliane!« sagte Bligger, »diesen Minnesegen dir zum Heile! Aus alter Liebe und jungem Haß möge neues Glück erblühen!«
»Dein Wohl, Bligger!« erwiderte sie, »und meinen Dank! Du weißt, wofür!«
Sie nickten sich lächelnd zu und tranken und reichten sich die Hände.
Bald darauf hob der Abt die Tafel mit einem Dankgebet auf, und Bligger drängte zur Heimkehr. »Fliegt zu Neste, ihr Glücklichen!« sprach er zu Hans und Juliane. »Bis zur Schmiedeschenke geleiten wir euch; dann scheiden wir und ihr beiden reitet allein zur Minneburg.«
»Du kommst mit uns nach Zwingenberg, Richilde!« sagte Sidonie.
»Ja, gern!« rief Richilde.
»Und ich?« frug Ernst.
»Du kannst sie da besuchen, sooft du willst,« tröstete ihn Sidonie.
Ehe sie aufbrachen, machten Hans und Juliane dem Kloster eine ansehnliche Schenkung, die Bligger noch um ein beträchtliches vermehrte. »Es ist wegen des jus misogamorum, hochwürdiger Herr!« flüsterte er bei der Verschreibung dem Abte mit feinem Spotte zu. »Seht es als ein lindes Wundpflaster, als ein dürftig Bruchteil eines Euch leider entschlüpften Junggesellenerbes an.«
Dann nahmen die Gäste herzlichen Abschied von ihren Wirten, stiegen sämtlich zu Pferde und ritten mit Weiprecht Kleesattel und den Knechten davon. Ein Knecht aber wurde nach der Minneburg vorausgeschickt, damit man dort auf die Ankunft der Vermählten vorbereitet war. »Und niemand soll den Herrn noch Junker Hans nennen, sondern Herr Ritter!« schärfte Juliane dem Boten ein. –
An der Schmiedeschenke machte Laux Rapp mit Frau und Tochter große Augen, als sie den fröhlichen Reiterzug erblickten, der zu kurzer Rast vor ihrer Tür anhielt.
»Hab' ich's nicht gesagt?« sprach der Schmied, als er erfuhr, was sich begeben hatte. »Ich habe es den beiden Herren angesehen was sie vorhatten, als sie in ihren Staatswämsern nach der Minneburg ritten. Es war aber auch Zeit, Junker Hans, –«
»Ritter Hans!« unterbrach ihn Sidonie.
»Also nun Ritter Hans! Ihr wißt doch? Je länger Junggesell', desto länger in der Höll'.«
»Vorläufig bin ich im siebenten Himmel, Laux!« erwiderte Hans.
»Mögt Ihr immer darin bleiben!« wünschte der Schmied, »und Ihr werdet ja, denn Ihr habt ja einen Engel an der Seite.«
»Danke Laux!« lachte Juliane.
»Komm her, Susanne!« rief Bligger, »hier hast du statt des versprochenen einen Goldguldens deren zwei in deinen Mahlschatz! für jedes Paar einen.«
Das Mädchen dankte überfroh und sagte: »Fräulein Sidonie, wie steht's mit Eurem Herzen?«
»Ist noch zu haben,« antwortete Sidonie, »aber es will's keiner. Weißt du was, Susanne? Hier kreuzen sich viele Wege; sage jedem ledigen Mann, der vorüberkommt, auf Zwingenberg am Neckar säße eine verwunschene Jungfrau, die auf einen Freier wartete, und wer sie erlöste, der könnte sieben Tage in der Woche lachen.«
»Vorwärts! weiter!« mahnte Bligger. »Lebt wohl! und besucht uns bald auf der Mittelburg. Soll ich dir etwas schicken, Hans?«
»Ja,« sagte Hans, »die Harfe unseres Ahnherrn.«
»Sollst sie morgen haben,« erwiderte Bligger, »daß du deiner Liebsten klimpern und singen kannst, tandaradei!«
Man nahm Abschied voneinander und trennte sich. Bligger und Ernst schwenkten linksab nach Neckarsteinach, der eine voll hoher Genugtuung über das Erreichte, der andere voll freudiger Hoffnung auf kommende Zeit. Engelhard zog mit Sidonien und Richilden nach Zwingenberg, und Hans und Juliane ritten nach ihrem stolzen Schlosse, der talüberschauenden, waldumrauschten Minneburg.
In tiefer Dämmerung langten sie dort an. Oben im Palasgemach traten sie in den Erker, und Hans umschlang sein Weib und sprach: »Geliebte meiner Jugend, endlich bist du mein!«
»Juliane Landschad von Steinach!« jubelte sie und warf sich freudebebend an ihres Gatten Brust.
»Hans,« sprach sie dann, »ich will kein Geheimnis vor dir haben. Weißt du, was uns zusammengeführt hat? – das Recht der Hagestolze.«
»Kommst du wieder mit diesem stachligen Rätselwort!« rief er lachend. »Willst du mir nicht endlich sagen, was dahinter steckt?«
»Ja, Liebster! jetzt aus meinem Munde sollst du alles erfahren,« erwiderte sie. »Komm, setze dich, wo du schon manchmal gesessen hast.«
Und nun erklärte sie ihm den Wortlaut und die Bedeutung dieses seltsamen Rechtes, erzählte ihm von dem Plane, den daraufhin seine Brüder und Freunde gegen sie beide geschmiedet hätten, und wie sie nach erhaltener Kunde davon ihn im Verdacht der Mitschuld gehabt und gehaßt hätte, – »gehaßt,« lächelte sie, »ach! und zugleich so grenzenlos geliebt, wie ich es mir selber nicht eingestehen mochte!«
Hans hatte sie mit steigender Verwunderung angehört. Nun sprach er grollend: »Ein Meisterstreich von Keckheit und Hinterlist meiner Brüder und Freunde! Wehe ihnen, hätt' ich davon Wind bekommen!«
»Nein, Hans!« erwiderte sie, »wir sind ihnen Dank schuldig. Ohne Bliggers kühnen Griff in unser Schicksal wärst du vielleicht nie wieder durch das Tor der Minneburg geritten.«
»Juliane!« rief er, »hätt' ich dich nicht geliebt, – mit ihrem Recht der Hagestolze hätten sie mich nun und nimmermehr zum Heiraten gebracht!«
Liebeglühend sanken sie sich in die Arme, und vom dunkelnden Himmel herab leuchteten dem seligen Paare glückverheißende Sterne.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Auf dem Buchcover wurde der Titel aus der Titelseite ergänzt, das bearbeitete Cover steht unter der Public-Domain-Lizenz.
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die Abbildungen wurden dem zugehörigen Absatz zugeordnet und die Seitenreferenzen entfernt.
Korrekturen:
S. 24: den → dem
hatte nur [dem] Namen nach, aber nicht
S. 146: mußt → muß
so [muß] ich dir wohl oder übel mehr vertrauen