Fünfzehntes Kapitel.

Hans war seelenfroh, als er den Weg von der Minneburg hinabritt. War auch nicht alles so gekommen, wie er es sich gewünscht und gedacht hatte, so konnte er doch mit diesem ersten Erfolge seiner Bemühungen um die Wiedergewinnung von Julianens Gunst vollauf zufrieden sein und glaubte sich zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Wäre er kühner gewesen, so wäre er vielleicht weiter gekommen, sagte er sich. Allein er hatte wohl gemerkt, wie Juliane vor der erinnerungsvollen Stelle am Kredenztische zurückwich. Sie wollte also nicht im Sturm genommen sein, sie wollte geworben werden, und er durfte ja wiederkommen, so oft er wollte. Das sollte sie ihm nicht zweimal sagen; das nächste Mal würde sie schon zutraulicher, schon hingebender sein. Damit tröstete er sich und freute sich darauf, seinem Bruder Bligger die völlige Versöhnung mit Juliane verkünden und ihren baldigen Besuch in Neckarsteinach anmelden zu können.

In seiner Herzensfreude stimmte er, sein Pferd bergab scharf im Zügel haltend, ein Lied an, daß es unter den Buchenwipfeln schallte und hallte. Als er aber unten im Tale angekommen und in die Landstraße einlenkend um die Ecke bog, brach er mit dem Singen jäh ab, denn er stieß fast Roß gegen Roß auf einen andern daherkommenden Reiter, in welchem er den Ritter Bruno von Bödigheim erkannte.

Beider Blicke verfinsterten sich bei der unvermuteten Begegnung, und jeder hielt sein Pferd an, ohne dem andern auch nur eine Spanne breit Platz zu machen.

»Also Ihr seid der seltene Vogel, der von der Minneburg heruntergezwitschert kommt, Herr Landschad von Steinach!« begann der Ritter höhnisch. »Das Lied hat wohl Frau Rüdt von Kollenberg ihrem Papegan so lange vorgepfiffen, bis er es endlich begriffen hat?«

»Ganz recht, Herr Bruno von Bödigheim,« entgegnete Hans; »habt Ihr auch die Worte verstanden? Sie erzählen von dem Ritter mit der stumpfen Lanze, der in die Schranken kam, als das Stechen vorüber und der Turnierdank von der schönsten Hand grade vergeben war.«

»Wen meint Ihr mit dem Ritter mit der stumpfen Lanze?« frug Bödigheim, fast berstend vor Grimm und Eifersucht.

»Den kennt Ihr nicht?« lachte Hans. »Dann reitet nur schnell hinauf und laßt Euch von Frau Rüdt einen Spiegel geben, wenn Ihr ihn sehen wollt! Den Dank freilich seht Ihr nicht mehr, den hat sich schon ein anderer geholt.«

»Rühmt Ihr Euch des Minnedankes von Frau Rüdt von Kollenberg?«

»Gegen Euch gewiß nicht!« gab ihm Hans zurück. »Aber spart die Mühe! für Euch hängt ihr Kranz viel zu hoch, und wer danach greift, dem schlag' ich den Schädel ein!«

»Landschad, wollt Ihr meine Lanze zwischen den Rippen fühlen?« knirschte Bödigheim.

»Warum nicht?« erwiderte Hans; »wenn Ihr sie glücklich hinein bekommt.«

»Wann wollt Ihr, daß ich Euch aufspieße?«

»Übermorgen, drei Stunden vor Mittag, wenn's Euch recht ist.«

»Wo?«

»An der Schmiedeschenke. Laux Rapp kann Euch dann gleich wieder zusammenflicken, wenn's noch der Mühe wert ist.«

»Bei Euch wird er das gar nicht mehr nötig haben.«

»Gewiß nicht, Bödigheim! Ihr macht keinem ein Loch ins Fell.«

Die letzten Reden und Gegenreden schrien sie sich, im Sattel rückwärts gewandt, schon aus einiger Entfernung zu, denn sie hatten sich mit Gewalt aneinander vorbeigedrängt, und jeder ritt seines Weges fürbaß. Bödigheim ritt zur Minneburg hinauf, Hans aber trabte nach Zwingenberg zu Engelhard von Hirschhorn.

»Engelhard,« sprach er, dort angekommen, gleich nach der Begrüßung zu dem Freunde, »du mußt mir einen Gefallen tun, mußt zusehen, wie ich Bödigheim den Schädel einschlage.«

»Mit Vergnügen, Hans!« erwiderte der Ritter. »Was hat es denn gegeben zwischen euch?«

»O nicht viel, aber –,« er stockte.

»Aber, willst du sagen, es ist das einfachste Mittel, einen Nebenbuhler los zu werden. Da hast du recht,« lachte Engelhard. »Ihr traft beide auf der Minneburg zusammen?«

»Wenigstens unterhalb der Burg,« erwiderte Hans; »aber woher weißt du denn –?«

Engelhard zeigte auf des Freundes kostbare Kleidung und sagte: »Ich brauche dich ja nur anzusehen, um zu wissen, wo du herkommst. So geht man nur zum Kaiser oder zur Königin seines Herzens.«

Hans runzelte die Stirn und antwortete nicht.

»Nun, ich will doch nicht hoffen, daß du es bist, der bei Frau Juliane durch den Korb gefallen ist?« fuhr Engelhard fort.

»Nein,« lachte Hans, »wie sollte ich wohl dazu kommen?!«

»Also seid ihr einig?« frug Engelhard wieder. »Wann ist Hochzeit?«

»Mach mich nicht wild!« brauste Hans. »Wer spricht von Hochzeit?«

»Nun, nun, ich dachte nur so; ich kann's abwarten. Wann soll's denn losgehen? ich meine mit Bödigheim.«

»Übermorgen, drei Stunden vor Mittag, bei der Schmiedeschenke.«

»Donnerwetter! mit leerem Magen? aber ich komme!« sprach Engelhard.

»Mit leerem Magen,« wiederholte Hans und strich sich den seinigen. »Sage mal: habt ihr schon gegessen?«

»Er hat Hunger!« lachte Engelhard laut auf; »also sehr verliebt bist du nicht, Hans! Übrigens kommst du zur rechten Zeit; wir gehen gleich zu Tische. Meine Frau Schwiegermutter wird eine unbändige Freude haben, dich zu sehen.«

»Ach du lieber Gott!« stöhnte Hans, »an die hab' ich nicht gedacht; nun hab' ich keinen Hunger mehr.«

»Ja, das hilft nichts, Freund! die Schwiegermutter mußt du als Zukost mit hinunterwürgen; aber sei ruhig, wir spülen nachher mit ein paar guten Tropfen nach,« tröstete ihn Engelhard.

Als die beiden in das Hauptgemach zur Familie gingen, wurde Hans von der Burgfrau freundlich willkommen geheißen, und der Tisch stand gedeckt. Frau Margarethe von Handschuchsheim war nicht zugegen, und es hieß: wir müssen warten bis sie kommt; ohne sie dürfen wir nicht anfangen. Engelhard wechselte mit Hans einen verzweifelten Blick, den Frau Anna, des Ritters Gemahlin, bemerkte. »Sie ist spät aufgestanden und hat wieder ihr leidiges Kopfweh,« entschuldigte sie ihre Mutter.

»Ach ja, heut ist ja Mittwoch, da hat sie Kopfweh,« spottete Engelhard rücksichtslos. »Morgen ist sie gesund, und am Freitag kommt dann der Gliederschmerz an die Reihe.«

Frau Anna schlug die Augen nieder und seufzte leise. Hans mußte seinem knurrenden Magen Gewalt antun, während er sich mit der Schloßherrin unterhielt. Engelhard schritt, die Hände auf dem Rücken, ungeduldig auf und ab und knipste beständig mit den Fingern.

Nach geraumer Weile erschien Frau Margarethe, ein weißes Tuch um den Kopf gebunden, daß sie wie eine Nonne aussah. »Ich habe schon erfahren, welche Überraschung mir hier bevorstand,« sprach sie mit matter Stimme. »Was führt Euch denn her, Junker Hans?«

Statt des Gastes, der auf diesen seltsamen Willkomm nicht gleich eine Antwort fand, entgegnete Engelhard kurz: »Ein Geschäft, Frau Schwieger! nicht die Sehnsucht –« nach Euch, schluckte er noch glücklich herunter, aber ein Blick Margarethens sagte ihm, daß sie es verstanden hatte, was er meinte.

»Ich höre zu meinem Bedauern, daß Ihr leidend seid, Frau von Handschuchsheim,« bemerkte Hans, um doch auch etwas zu sagen; aber es klang viel mehr ärgerlich, als bedauerlich.

»Entsetzliches Kopfweh, lieber Freund!« hauchte sie, »unerträglich, ganz unerträglich, sag' ich Euch!«

Hans ließ als versuchten Ausdruck des Beileids ein sanftes, unverständliches Gebrumm vernehmen. Darauf setzte man sich, und das Mahl begann. Doch es ging sehr schweigsam her; nur dann und wann zitterte ein Seufzer Margarethens durch die Stille. Des Ritters ältester Sohn, Friedrich, war nicht daheim; zwei andere Söhne und eine Tochter, alle jünger als Sidonie, saßen mäuschenstill, blickten scheu bald auf den Gast, bald auf ihre Großmutter und warteten bescheiden, daß ihnen die Mutter etwas von den Speisen auf die Teller legte. Frau Anna richtete zuweilen ein halblautes Wort an Hans, das dieser jedesmal freundlich, aber auch nur mit gedämpfter Stimme erwiderte.

Mit einem Male, wie um sich Luft zu machen, schrie Engelhard überlaut seinem Freund und Tischnachbar an: »Mensch! du ißt ja nicht!«

Margarethe fuhr zusammen, legte das Messer hin und griff mit der Hand nach dem Kopfe. »Aber Herr Sohn! ich bitte Euch!« sagte sie mit scharfem Tone, »nehmt doch wenigstens heut etwas Rücksicht auf meinen Zustand! sonst verlang' ich's ja nicht.«

Engelhard schwebte eine heftige Entgegnung auf der Zunge; aber er bezwang sich, leerte seinen Becher auf einen Ruck und stieß ihn auf den Tisch, daß es knallte.

Wieder zuckte Frau Margarethe zusammen; aber das Zucken kam etwas spät nach dem Knall, als hätte sie es beinahe vergessen. Dann aß sie hastig, und ihr Appetit war nicht der einer Leidenden.

Hans dachte bei sich: lieber mit einem Nebenbuhler sich schlagen, als mit einer Schwiegermutter zu Mittag essen!

Plötzlich frug Margarethe den Gast sehr lebhaft: »Junker Hans, wo habt Ihr denn den wunderschönen roten Brokat zu Eurem Wams her?«

»Von einem Speyerschen Kaufmann,« sagte Hans.

»Gekauft!?« frug sie nun mit starker Betonung.

»Und bezahlt, gnädige Frau!« erwiderte Hans ebenso nachdrücklich.

»Es ist nur gut, Hans, daß du nicht gesagt hast: genommen!« lachte der Burgherr. »Sonst wäre es mir wieder übel ergangen, denn meine Frau Schwieger ist auch darüber sehr unzufrieden mit mir, daß ich ihr so lange keinen kostbaren Kleiderstoff heimgebracht habe, der – nicht gekauft wäre.«

»Ihr müßt nicht alles für Ernst nehmen, Junker Hans, was mein Herr Schwiegersohn sagt,« lachte sie nun selber, ihres Kopfwehs gänzlich vergessen, und fuhr dann fort. »Wollt Ihr zu einem Feste, daß Ihr so prächtig gekleidet seid?«

Hans schwankte einen Augenblick, ob er die Wahrheit gestehen sollte, warum er so geschmückt war. Aber statt seiner war wieder Engelhard rasch mit einer Antwort bereit und sprach: »Nein, Frau Schwieger, er kommt von einem Feste. Die Landschaden haben sich endlich mit Frau Rüdt von Kollenberg versöhnt, und Hans kommt jetzt eben von der Minneburg, wo er Frau Juliane den verpfändeten Wald zurückgegeben hat und –, nun, wie geht es weiter, Hans?«

»Was weiter!« sagte Hans ärgerlich, »sie hat den Wald, und der Zwist ist aus.«

»Wart Ihr allein dort?« frug Margarethe lauernd. »War wohl eine recht zärtliche Versöhnung mit der schönen Juliane?«

»Schade, daß Ihr nicht dabei gewesen seid, Frau von Handschuchsheim!« erwiderte Hans gereizt. »Sonst wüßtet Ihr's und wäret nicht in Unruhe darüber.«

»Warum in Unruhe?« lachte Margarethe. »Ich gönne Euch alles, was Euer Herz begehrt, und Frau Juliane ist eine freigebige Seele; sie wird Euch den verschwenderischsten Dank nicht schuldig geblieben sein.«

»Frau Juliane ist eine Dame, der ich in meiner Gegenwart nichts Übles nachsagen lasse, gnädige Frau!« versetzte Hans mit einiger Heftigkeit.

»O davon bin ich weit entfernt, Junker Hans! Und wenn das geschähe, so hättet Ihr gewiß das beste Recht, die einsame junge Witwe in Schutz zu nehmen,« erwiderte Margarethe spöttisch.

»Unter allen Umständen würde ich das tun, gnädige Frau!« sagte Hans mit zornbebender Stimme und hochrot im Gesicht.

»Wenn sie es doch hören könnte, wie warm und liebevoll Ihr Euch ihrer annehmt!«

»Sie weiß es, auch ohne daß sie es hört!«

»Bin ich fest überzeugt, Junker Hans!«

Hansens Augen schossen Blitze auf seine streitsüchtige Gegnerin; doch er tat, was vorher Engelhard in dem gleichen Falle getan hatte. Er schwieg, leerte schnell seinen Becher und stieß ihn, ebenso wie jener, hart auf den Tisch, gleichsam als wollte er damit einen Punkt hinter diese ihm sehr peinliche Unterhaltung setzen.

Diesmal zuckte Frau Margarethe nicht, aber sie machte eine sehr höhnische Miene.

Engelhard saß und hielt sich die Hand vor den Mund, um sich so das Lachen besser verbeißen zu können, denn Hansens Zank mit seiner Schwiegermutter belustigte ihn aufs höchste. Aber er mußte noch ein bißchen hetzen. »Nimm dich in acht, Hans!« sagte er, »mit meiner Frau Schwieger ziehst du den kürzeren. Und du kannst noch von Glück sagen, daß sie heut ihr entsetzliches Gliederreißen hat, – nein, Kopfweh, wollt' ich sagen, ihr unerträgliches Kopfweh hat; sonst würdest du noch ganz anders zugedeckt. Nicht wahr, Frau Schwieger?«

»Herr Sohn!« fuhr Margarethe heftig auf, »wie könnt Ihr nur so herzlos sprechen! das soll ein Glück für den einen sein, wenn der andere leidend und elend ist? aber das sieht Euch ähnlich, Euch, der Ihr kein Mitgefühl kennt! – O Gott! es fängt schon wieder an,« unterbrach sie sich plötzlich mit kläglicher Stimme und hielt sich den Kopf. »Wie mich ein solcher Wortwechsel aufregt! und ich lebe doch so gern in Frieden mit aller Welt. Aber diese ewigen Streitigkeiten machen mich immer mürber, immer kränker und siecher, bis es einmal ganz mit mir vorbei ist.«

»Na ja, da haben wir's!« sagte Engelhard. »Siehst du, Hans, so weit hast du's nun mit deiner Zänkerei und Rechthaberei gebracht! Wenn meiner lieben Schwiegermutter nun etwas zustößt, so bist du schuld!«

»Wird wohl so schlimm nicht werden,« brummte Hans.

»Was? so schlimm nicht werden?« eiferte Margarethe. »Man sieht's, Junker Landschad, daß Ihr keine Frau und besonders keine Schwiegermutter habt –«

»Gott in allen Himmeln sei gedankt! nein!!« rief Hans mit einem Blick nach oben die Hände faltend und wie zu einem Dankgebet erhebend.

»– darum habt Ihr auch keine Ahnung von der feinfühligen, zartbesaiteten, empfindsamen und erregbaren Natur eines edlen weiblichen Wesens, –«

»– wie eine Schwiegermutter ist,« schaltete Engelhard lachend ein.

»– das ihr Männer auf Rosen betten und auf den Händen tragen, dem ihr jeden Wunsch von dem Augen ablesen, unter dessen kluge Leitung ihr euch fügen und schmiegen solltet, statt es unter einem unwürdigen Drucke zu halten, mit Widerspruch zu reizen und mit euren herrischen Launen zu quälen und zu martern. O mein Kopf! mein Kopf!«

Hans und Engelhard sahen einander an.

»Ja, ja!« sagte Engelhard, »nun hast du's auch einmal gehört; ich kann's auswendig.«

»Und ich vergeß' es in meinem Leben nicht wieder,« sprach Hans.

Frau Anna, die in der tödlichsten Verlegenheit gesessen und stumm auf ihren Teller geblickt hatte, gab jetzt ihrer Mutter einen leisen Wink.

»Was willst du?« frug diese laut. »Meinst wohl, ich soll klein beigeben und das Feld räumen? fällt mir nicht ein! Schenkt mir ein, Herr Sohn! Der Wein ist gut und stärkt und hebt mir die Kräfte und alle Lebensgeister –«

Und dann geht es wieder los mit noch verstärkten Kräften, dachte Hans.

»– und wir können uns ja auch wieder versöhnen, wie wir es schon so manches Mal getan haben, lieber Herr Sohn.«

»Jawohl, liebe Frau Schwieger!« rief Engelhard lustig, füllte ihren Becher und stieß mit ihr an, und die anderen folgten dem Beispiel der beiden.

Als Margarethe dem Junker Hans ihren Becher entgegenhielt, sagte sie: »Jetzt trinke ich auf das Wohl der schönen Frau Juliane Rüdt von Kollenberg, und wer es gut mit ihr meint, der trinkt mit.«

»Da bin ich allemal dabei,« sprach Hans und stürzte seinen Becher voll Wein in einem Zuge hinunter.

»Aha!« machte Engelhard, »Hans, das war gründlich!«

Hans nickte ihm mit einem flammenden Blicke zu, und es kam ihm vom Herzen, als er sprach: »Ja, das sollt' es auch!«

Allmählich, während eines harmloseren Gesprächs, an dem sich nun auch Frau Anna beteiligte, wurde Frau Margarethe von Handschuchsheim immer stiller und stiller; die Augenlider wurden ihr schwer, und sie fing an, mit dem Kopfe zu nicken. Als sie sich ihrer Schläfrigkeit bewußt wurde, stand sie auf und sagte: »Ich muß ein wenig der Ruhe pflegen; die Notwehr gegen euch zänkische Männer hat mich etwas angegriffen; kein Wunder, wenn man mit einem Landschaden streiten muß, einem Meister im Schachspiel, bei welchem der Ritter auch die Dame auf jedem Felde schlagen darf wider alle Sitte und Höflichkeit im Leben.« Diesen kleinen Hieb mußte sie dem Gaste doch noch versetzen. Dann aber bot sie ihm die Hand und fuhr fort: »Lebt wohl, Junker Hans: Werden wir uns bald einmal wiedersehen?«

Wenn's auf mich ankäme, in diesem Leben nicht mehr! dachte Hans, sagte jedoch: »Gewiß, gnädige Frau! sobald wie irgend möglich werde ich mir diese große Freude wieder zu verschaffen suchen.«

Darauf verließ Margarethe das Gemach, begleitet von ihrer Tochter und deren Kindern. Die Männer blieben allein und tranken weiter.

Kaum hatte sich die Tür hinter jenen geschlossen, als Hans seinen vollen Becher wiederum auf einen Zug leerte und dem Trunke ein langgedehntes, befreiendes Ah! folgen ließ.

»Ist sie runter?« lächelte Engelhard; er meinte die Schwiegermutter.

»Noch nicht ganz,« lachte Hans, »aber sie rutscht schon.«

»Sie hat nur eine böse Zunge, nicht eigentlich ein böses Herz,« erklärte nun Engelhard. »Wenn man sich an ihre Art gewöhnt hat und auch gegen sie kein Blatt vor den Mund nimmt, so ist zur Not schon mit ihr auszukommen.«

»Der Teufel mag sich an eine Schwiegermutter gewöhnen!« fuhr Hans heraus, »ich käme mit der Frau nicht aus.«

»Weg damit!« sprach Engelhard, »trink! und laß uns von etwas anderem reden. Erzähle mir von der Minneburg.«

»Da ist nichts zu erzählen,« gab Hans kurz zur Antwort.

»Höre, Hans,« begann nun Engelhard, »wir waren immer treue Kumpane, haben manchen Ritt zusammen gemacht und manchen Trunk miteinander getan; jetzt sage mir einmal offen und ehrlich: wie stehst du mit Juliane?«

Hans wurde wieder rot wie ein Schulknabe, rückte auf seinem Stuhle hin und her, und es wurde ihm sichtlich schwer, dem Freunde darauf eine Antwort zu geben. Endlich sagte er: »Wie soll ich mit ihr stehen? erst waren wir gute Freunde, dann haben wir uns drei Jahre lang nicht gesehen, und jetzt sind wir auf dem besten Wege, wieder gute Freunde zu werden.«

»Du solltest sie heiraten, Hans,« sprach Engelhard nun rund heraus.

»Fängst du schon wieder damit an?!« brauste Hans auf. »Das tue ich nicht!«

»Von der Freundschaft zur Liebe ist zwischen Leuten, wie ihr seid, nur ein Schritt.«

»Den zu tun ich mich wohl hüten werde!« knurrte Hans.

»Aber du kriegst ja doch bei ihr keine Schwiegermutter mit.«

»Wenn auch. Ich will nicht heiraten, niemals, niemals, will keine Ketten tragen, will mich nicht ducken und bücken, nicht leiten und lenken lassen, will bleiben, was ich bin, einsam und allein, frei und ungebunden! Nun weißt du's, hättest es schon längst wissen können, und wenn du mich damit nicht in Ruhe läßt, so reiße ich das Fenster auf und schreie in den Hof hinab, daß sie mir meinen Rappen satteln, weil ich hier oben zu schlecht behandelt würde. Sela!«

Engelhard schüttelte den Kopf und schwieg; er dachte an Bliggers Heiratsplan und an das Recht der Hagestolze.

Sie leerten noch gemächlich und in guter Freundschaft den erst vor kurzem gefüllten Krug; dann verabschiedete sich Hans, wobei ihm Engelhard noch einmal versprach, übermorgen pünktlich zur Stelle zu sein. –

Zu derselben Zeit, da Hans auf der Burg Zwingenberg saß, ritt sein Gegner von der Minneburg aus nach dem Dilsberge zum Grafen Philipp von Lauffen mit der Absicht, diesen um den gleichen Dienst zu ersuchen wie Hans Landschad seinen Freund Engelhard von Hirschhorn.

»Etwas Gutes weissagt dies Gesicht nicht,« sprach Graf Philipp, als Bödigheim bei ihm eintrat.

»Wie man's nimmt,« erwiderte der so Begrüßte. »Schlagt Ihr nicht auch gern Euren besten Feind tot?«

»Bödigheim! wen habt Ihr erschlagen?« frug der Graf erschrocken.

»Noch ist's nicht soweit, aber übermorgen hoffe ich so glücklich zu sein,« gab Bödigheim bissig zur Antwort.

»Wen?« frug Lauffen noch einmal, »doch nicht Hans Landschad?«

»Keinen anderen!«

»Das wäre ein recht dummer Streich,« versetzte der Graf. »Wenn Ihr ihm jetzt den Hals brecht,« fuhr er fort, als Bödigheim ihn finster und verwundert anblickte, »so beerben ihn seine Brüder. Wartet, bis er fünfzig Jahr, drei Monat und zwei Tage alt ist, dann beerben wir ihn, das heißt der Pfalzgraf, und Ihr bekommt das Lehen.«

»Bis dahin hat er Weib und Kind,« knirschte der andere.

»Was sagt Ihr?« fuhr Graf Philipp auf.

»Ich komme von der Minneburg,« ließ sich Bödigheim erregt aus, »habe in aller ritterlicher Form und Höflichkeit um die Rüdt geworben und bin abgewiesen, abgewiesen wie ein Bettler oder wie ein Feind vor aufgezogener Brücke.«

»Weil sie den Landschaden nimmt?«

»Mir ist's kein Zweifel,« erwiderte der Verschmähte. »Als ich in der Bitterkeit meines Mißgeschicks seiner erwähnte, fuhr sie auf mich los, als hätte ich ihr an die Krone gestoßen, als wäre sie schon seine Verlobte und in Liebe zu ihm entbrannt.«

»Und da habt Ihr ihn gefordert?«

»Das hatte ich schon vorher getan.«

»Schon vorher? sehr fürsorglich, Bödigheim!« lachte der Graf.

»Als ich zur Minneburg hinaufritt, kam der Landschad gerade herunter und prahlte mit seinem Glück und höhnte mich.«

»Und übermorgen wollt Ihr Euch mit ihm raufen?«

»Ja, übermorgen vormittag bei der Schmiedeschenke, und ich bitte Euch, Lauffen, daß Ihr dabei mein Zeuge seid. Ihr habt mir's versprochen, mir zu Diensten zu sein, wenn ich Eurer bedürfte.«

»Hm!« machte der Graf, »ich will mich Euch nicht versagen, Bödigheim; aber lieb ist mir's nicht, meinen Nachbarn, den Landschaden gegenüber. Tut mir wenigstens den Gefallen und schlagt ihn nicht ganz tot, wischt ihm eins aus, daß er auf ein paar Wochen genug hat, damit wir Zeit gewinnen. Kommt Zeit, kommt Rat.«

»Doch! ganz tot, mausetot schlage ich ihn, den Tölpel, den Bären!« schnob der Ergrimmte.

Der Graf schwieg ein Weilchen; dann sagte er: »Bödigheim, weiß Frau Rüdt etwas vom Hagestolzenrecht?«

Der Ritter zuckte die Achseln. »Ich war drauf und dran, sie danach zu fragen und sie darüber aufzuklären; aber Ihr hattet mir ja die Zunge gebunden.«

»Ich weiß, ich weiß,« erwiderte der Graf. »Aber unter diesen Umständen wäre es doch gut, wenn sie erführe, warum Hans Landschad sie eigentlich heiraten will oder heiraten soll.«

»Ich kann es ihr jetzt nicht mehr sagen.«

»Ihr nicht; aber ist nicht Eure Schwester, Frau von Erlickheim, mit der Rüdt befreundet?«

»Ich glaube wohl,« sprach Bödigheim; »ich überschreite die Schwelle meines Schwagers nicht.«

»Das wäre ja auch nicht nötig; Ihr könnt ja Eurer Schwester schreiben.«

»Meint Ihr?« erwiderte der andere. »Übrigens habe ich Grund zu vermuten, daß Elisabeth von der Sache weiß. Sie sandte mir kürzlich einen Wink, ich sollte mich sputen, mit Julianen ins reine zu kommen; ein anderer würbe um sie.«

»Und doch habt Ihr, von Eurer Schwester und mir zur Eile getrieben, so lange gezögert und gezaudert, bis Euch nun der andere zuvorgekommen ist? Unbegreiflich, unverantwortlich, Bödigheim!«

»Ich sehe es ein und bereue es, aber jetzt ist es zu spät.«

»Vielleicht noch nicht. Gleich setzt Euch und schreibt! Dort ist alles, was Ihr braucht; ich bestelle inzwischen einen Boten.«

So geschah es. Bödigheim schrieb einen Brief an seine Schwester, sie möchte Frau Rüdt von Kollenberg über das Recht der Hagestolze aufklären, und daß Hans Landschad sie nur darum heiraten wollte. Auch daß er mit seiner Werbung von Juliane rund abgewiesen war, teilte er der Schwester mit. Graf Philipp aber befahl einem Knechte, sich zu einem Botenritt nach Burg Stolzeneck bereitzumachen. –

Als Hans gegen Abend heimkehrte und seinem Bruder Bligger meldete, daß Juliane den Wald mit allem Dank angenommen hätte und bald selber zur Versöhnungsfeier nach Neckarsteinach kommen wollte, war Bligger hocherfreut, nahm jedoch den arglosen Friedensvermittler noch in ein scharfes Verhör über seine heutige Unterhaltung mit Juliane und der letzteren Benehmen gegen ihn. Er erfuhr zwar nicht alles, doch immerhin genug von dem, was er zu hören wünschte.

Hans erzählte ihm dann auch, daß er bei Engelhard von Hirschhorn gewesen wäre, damit Bligger nicht denken sollte, er hätte den ganzen Tag bei Juliane auf der Minneburg gesessen.

Den Anlaß aber seines Besuches auf Zwingenberg, die Begegnung mit Bruno von Bödigheim und die Herausforderung zum Zweikampf, verschwieg er dem Bruder.

Nachdem ihn Hans verlassen hatte, suchte Bligger gleich seine Gattin auf, traf sie jedoch nicht allein und raunte ihr deshalb nur vergnügt und voller Hoffnung zu: »Käthe! Hans ist zurück; es geht alles nach Wunsch!«