Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Sechs Briefe, freilich nur kurze und alle von gleichlautendem Inhalt, hatte Graf Hoyer am nächsten Morgen zu schreiben, und drei Knechte mußten satteln, um sie zu den Burgen der ihm befreundeten Grafen im Harzgau, Schwabengau und Helmgau zu bringen.

Die Mägde mußten die Gastzimmer herrichten, der Koch hatte sich eine Menge Mundvorrat, Fleisch, Geflügel und andere Lebensmittel aus Ballenstedt zu beschaffen und der Wildmeister für Rot- und Schwarzwild zu sorgen, denn die erwarteten Herren, die mehrere Tage zu bewirten waren, kamen nicht allein, sondern brachten jeder einen Gefolgsmann mit.

Die Dienstleute wunderten sich nicht wenig über die umfassenden Vorbereitungen, zu denen ihres Wissens kein Anlaß vorlag, auch kein Namens- oder Gedenktag, und Mariä Opfer war nicht ein so hohes Kirchenfest, daß man es sich üppige Gastereien kosten ließe.

Am meisten war Wilfred über die Entsendung gleich dreier reitenden Boten erstaunt, denen noch dazu größte Eile und strengste Verschwiegenheit anbefohlen war, so daß sie dem neugierigen Schreiber jede Auskunft verweigerten, wo sie die ihnen auf die Seele gebundenen Briefe abzuliefern hätten.

Was war da im Gange? eine überschwengliche Ehrung des Herrn von Repgow zur Feier der Vollendung seines Werkes? aber so weit war es ja damit noch gar nicht, wie er, der stetige Helfer daran, doch am besten beurteilen konnte. Das wäre ein ausgezahlter Lohn vor getaner Arbeit, also nicht als wahrscheinlich anzunehmen.

Dennoch blieb Wilfred dabei, daß diese geräuschvollen Veranstaltungen in irgend welchem Zusammenhange mit dem Ritter stehen mußten, als gelte es, ihm ein glänzendes Fest zu bereiten, zu dem vielleicht sogar die Äbtissin von Quedlinburg, bei der er gestern gewesen war, die Anregung gegeben hatte und zu dessen Verherrlichung der Graf nun noch andere adlige Familien brieflich aufforderte.

Dann aber war die Mühe, die er sich mit den schriftlichen Auszügen für den Abt von Gröningen gemacht hatte, umsonst gewesen. Statt der dem Gelehrten rachsüchtig eingerührten Verlegenheiten und Niederlagen sollte dieser nun eitel Lorbeeren ernten, weil der Abt die ihm gelieferten Handhaben zur Demütigung des Feindes leider und unbegreiflicherweise nicht benutzte.

Von Melissa war nichts herauszukriegen, denn die Gräfin hielt den Grund der getroffenen Anordnungen auch vor ihrer getreuen Gürtelmagd geheim, und da mußte sich Wilfred mit seinem schadhaften Gewissen zur Geduld bequemen, bis die Tatsachen selber den Schleier lüfteten, der das Nächstkünftige undurchdringlich verhüllte.

Um ihn nicht noch mehr zu beunruhigen, verschwieg ihm Melissa die von ihr gemachte Beobachtung, daß ihre Herrin sichtlich verstimmt und bedrückt sei, als wäre ihr der Empfang der zu beherbergenden Gesellschaft lästig und die von ihrem Gemahl eingeladenen Gäste unwillkommen.

Hierin täuschte sich die kleine Zofe jedoch. Die Gäste waren Gerlinde sehr willkommen bis auf den einen ungebetenen, den Domdechanten von Halberstadt. Sie wußte, was bei dieser Zusammenkunft für Eike von Repgow auf dem Spiele stand, und konnte sich der festen Zuversicht ihres Gemahls, die Gefahr mit Hilfe der anderen Harzgrafen zu beschwören, nicht sorglos anschließen. Darum schwebte sie beständig zwischen Angst und Hoffnung in der peinvollen Ungewißheit, welchen Ausgang die bevorstehenden Verhandlungen nehmen würden.

In ihr wogte ein heißer Kampf der Gefühle. Mit ihrem gläubigen Sinn war sie auf der Seite des Bischofs und des vornehmen Kapitulars, den er als Richter hersandte, und mit ihrem liebenden Herzen hing sie an dem Urheber des bedrohten Werkes und wünschte ihm in dem Streite mit seinen Gegnern den Sieg.

Über diesen inneren Zwiespalt ging sie ernsthaft mit sich zu Rate. Eikes Überzeugungen achtete sie aufs höchste, und bei so wesentlich voneinander abweichenden Anschauungen, wie die seinigen und die ihrigen waren, mußte einer von beiden, er oder sie, im Irrtum sein. Sie war in Ehrfurcht vor der christlichen Kirchenlehre, deren Satzungen ihr als oberstes, unumstößliches Gebot im menschlichen Leben galten, erzogen und aufgewachsen und hatte nie von anderen Rechten gehört als von den altererbten des Lehnsherrn gegen seine Lehnsleute, und nun kam ein ritterlicher Mann, der sich gegen die bisher unbestrittene geistliche Macht aufbäumte, ganz neue Begriffe von Recht und Unrecht aufbrachte und deren Anwendung in allen Verhältnissen und in allen Schichten des Volkes durchsetzen wollte. Aber – und das gereichte ihr doch wieder zur Beruhigung – er wandelte diesen viel Mut und Selbstvertrauen erfordernden Weg nicht allein, ihr Gemahl und seine gräflichen Standesgenossen schritten neben ihm, ihn mit dem Klange ihrer Namen, und, wenn nötig, mit Waffengewalt zu schützen und zu stützen.

Da mußte die in einfältige Frömmigkeit gewiegte Frau wohl an ihrem Wunderglauben irre werden und sich der besseren Einsicht welterfahrener Männer unterwerfen. Jetzt war ihr sehnlichster Wunsch, dem Lanzenstechen zwischen dem Ritter und dem Dechanten beiwohnen zu dürfen, was man ihr aber schwerlich gestatten würde. –

Von den abgeschickten Boten kehrten zwei noch an demselben Abend zurück, der dritte erst am nächsten Mittag. Sie brachten von sämtlichen Geladenen Zusagen mit Ausnahme des ältesten von ihnen, des Grafen Christian von Wernigerode, den eine Unpäßlichkeit zu kommen verhinderte.

Schon zwei Tage vor Mariä Opfer traf als erster Graf Burkhard von Mansfeld ein, und tags darauf kamen die Grafen Johann von Blankenburg und Günther von Regenstein angeritten. Diese drei Herren waren über Eikes Pläne bereits unterrichtet und mit ihm in vollem Einverständnis. Deshalb verschob man allen Meinungsaustausch bis zur Ankunft der noch fehlenden Grafen Heinrich von Hohnstein und Botho von Stolberg, die für seine Bestrebungen erst gewonnen werden mußten, was Hoyer und Burkhard auf sich nahmen.

Auch die beiden aus dem Helmgau fanden sich rechtzeitig ein, und zwar ebenso wie die übrigen Herren ohne ihre Gemahlinnen, worüber Wilfred wieder den Kopf schüttelte, darauf neugierig, ob trotzdem die Äbtissin von Quedlinburg mit einigen ihrer Stiftsdamen zu dem Festmahl erscheinen würde, das man dem Reppechower zu Ehren anrichtete.

Fünf der Harzgrafen waren nun um den sechsten, den Falkensteiner, versammelt und begaben sich, nachdem auch die zwei Letztgekommenen die Schloßherrin höflich begrüßt hatten, in Hoyers Gemach, um sofort mit ihren Besprechungen zu beginnen.

Die Veranlassung zu dieser eilig anberaumten Tagung kannten sie alle schon aus Hoyers Einladungsschreiben, und dieser hielt nun seinen Gästen einen klaren, fließenden Vortrag über die für Volk und Vaterland unschätzbar hohe Bedeutung der in Rede stehenden gesetzgeberischen Arbeit, dem die Hörer mit gefesselter Aufmerksamkeit folgten. Dann machte er ihnen Mitteilung von dem sich dagegen erhebenden Widerspruch der Geistlichkeit, der unzweifelhaft aus dem Munde des morgen eintreffenden Domdechanten von Halberstadt einen vom Bischof genau vorgezeichneten Ausdruck finden dürfte.

An den mit allseitigem Beifall belohnten und auf fruchtbaren Boden gefallenen Vortrag knüpfte sich eine Reihe besonders von den beiden Helmgauern gestellter, die verschiedenen Rechtsgebiete berührender und ins einzelne gehender Fragen, auf die Eike oder auch die Grafen Hoyer und Burkhard mehr oder minder ausführlichen Bescheid gaben.

Heinrich von Hohnstein, eine reckenhafte Gestalt mit markigen, gebräunten Zügen, der man den heißspornigen Kampfhahn und wetterharten Pirschgänger auf den ersten Blick ansah, erkundigte sich nach der Behandlung des Forst- und Wildbannes in dem Gesetzbuch, und als ihm Eike befriedigende Auskunft über Hegung und Schonung und über den Schutz gegen Wild- und Holzdiebe erteilte, lachte er dröhnend auf: »Dann habt Ihr mich schon mit Leib und Seele im Sack und könnt von mir verlangen, was Ihr wollt. Um all das andere Zeug scher' ich mich den Teufel, das fegt Ihr besser auf einen Haufen als ich, Ritter von Repgow!«

Graf Botho von Stolberg, ein bedachtsamer, kirchenfreundlicher Herr, äußerte sich dahin, daß man doch auf die Stellung der Geistlichen im Reich und im Volke gebührliche Rücksicht nehmen und ihnen hie und da des lieben Friedens willen ein wenig durch die Finger sehen müsse.

»Was? des lieben Friedens willen, Botho?« fuhr der Hohnsteiner wild auf. »Halten denn die Pfaffen Frieden oder stiften sie Haß, Verfolgung und Zwietracht? Was fragen die nach Kaiser und Reich, nach Volk und Vaterland! Herrschen und gebieten wollen sie und wie Tyrannen schalten und walten. Ihre die Wahrheit verdrehenden Hetz- und Schimpfworte, mit denen sie wie mit Pflastersteinen um sich werfen, klingen weiß Gott! nicht nach Frieden, und wo es gilt, ihrem frechen Hochmut den Garaus zu machen, da schlag' ich wuchtig mit drein!«

Darüber kam es zu scharfen Auseinandersetzungen. Der Stolberger verteidigte den Klerus, aber die anderen pflichteten dem Hohnsteiner bei, trieben den Grafen Botho ungestüm in die Enge und redeten, oft alle zugleich, so lange auf ihn ein, bis er endlich keine stichhaltigen Gegenvorstellungen mehr vorzubringen wußte. Den Grafen Günther von Regenstein, der auch ein rascher Draufgänger war, suchte sein Freund Johann von Blankenburg zu zügeln, und den Hohnsteiner zu besänftigen hatte Graf Hoyer viel Mühe.

Diesen ermahnte Graf Burkhard von Mansfeld, sich nicht zu große Anstrengungen beim Sprechen zuzumuten. Er riet, die Verhandlungen für heute abzubrechen und erst in Gegenwart des Domdechanten weiterzuführen, dem gegenüber er auf festen Zusammenhalt und volle Einstimmigkeit der Anwesenden hoffe.

Damit waren alle einverstanden. Die wenigen noch nicht ganz ausgeglichenen, aber leicht überbrückbaren Spaltungen in der Erörterung von Nebendingen wurden beiseite gelassen, und keiner der über die Grundzüge der neuen Rechtsordnung schon so gut wie Geeinigten trug dem andern ein derbes Wort nach, das ihm in der Hitze des Gefechts ungewollt entschlüpft war.

Längst waren im Zimmer die Kerzen angezündet, und schon vor einer halben Stunde hatte Folkmar den Kopf zur Tür hineingesteckt und dem Schloßherrn zugewinkt, daß es Essenszeit wäre. Das war jedoch in dem eifrigen Reden und Streiten von niemand beachtet worden.

Jetzt erschien unerwartet Gräfin Gerlinde, was allgemeine Verwunderung und Freude erregte und dem bereits erklärten Burgfrieden eine gewisse Weihe gab. Die ritterlichen Herren erhoben sich und vernahmen aus dem Munde ihrer verehrten Wirtin die anmutig einladende Mitteilung, daß der Tisch gedeckt sei.

»Halali!« rief Heinrich von Hohnstein in singendem Ton. »Verzeiht, Frau Gräfin! wir konnten mit meinem alten Freunde Stolberg nicht fertig werden; er will den Papst entthronen und allen Geistlichen vom Bischof bis zum letzten Leutpriester den Brotkorb höher hängen. Mich dauerten die armen Unterdrückten, schwer Verkannten, und ich trat mit ein paar begütigenden Worten entschieden für sie ein. So ist uns die Zeit im Fluge vergangen, aber jetzt sind wir einig und ganz zu Euren Befehlen, holdeste aller Frauen!«

Da lachten sie alle, auch Botho von Stolberg und Gerlinde, die den bitteren Spott des unbändigen Raufboldes deutlich herausfühlte.

Graf Burkhard von Mansfeld bot der Gräfin den Arm und führte sie in den Speisesaal, wo er an der Tafel zu ihrer Linken Platz nahm, während Graf Hohnstein ihr Nachbar zur Rechten wurde. Eike wußte es einzurichten, daß er neben dem Grafen von Stolberg zu sitzen kam, den er gern noch ein wenig zu seinen Gunsten bearbeiten wollte.

Es ging bei Tische sehr lustig her. Heute waren sie ja noch unter sich, ohne den Domdechanten, und dachten nicht daran, wie das morgen und übermorgen werden würde, wenn die Schlacht zwischen geistlicher Willkür und weltlicher Rechtsordnung geschlagen war.

Die Herren erzählten sich Jagdabenteuer, Fehdegeschichten und Reiterstücklein, sprachen von Pferden und Hunden und auch wohl von Frauenschönheit und Minne.

Graf Hohnstein war an der Seite der Gräfin von sprudelnder Laune, doch sie hielt ihn in Schach, daß er nicht zu weit über die Stränge schlug, wobei ihr Graf Burkhard redlich half. Übrigens gewährte sie ihm große Nachsicht und konnte über seine tollen Späße herzlich lachen.

Eike führte mit dem Stolberger Grafen ein halblautes Gespräch und schien sich in der Tat mit dem ernsten Manne leidlich zu verständigen. Gerlinde horchte hin und warf zuweilen ein ermunterndes Wort dazwischen, um ihn auf heitere Dinge abzulenken. Dann lächelte er ihr freundlich zu, ließ sich aber in seinem Bestreben, den Grafen für sich zu gewinnen, nicht stören.

Die beiden Grafen von Blankenburg und Regenstein plauderten miteinander über Forst- und Feldwirtschaft und ergötzten sich an den drolligen Einfällen des Hohnsteiners und den schlagfertigen Erwiderungen des Mansfelder Grafen.

Nur Graf Hoyer war schweigsam. Ihn beschäftigte fortwährend die ziemlich stürmisch verlaufenene Beratung, denn er fühlte sich verantwortlich für alles, was sich in den nächsten Tagen hier auf seiner Burg entrollen und entladen würde.

Erst zu später Nachtstunde hob Gerlinde die Tafel auf, und damit endete das für alle Gäste erfreuliche Mahl.