Fünfzehntes Kapitel.
Auf dem Falkenstein herrschte jetzt ein betriebsamer Zustand. Der Graf hatte in seiner Kanzlei mit dringenden Verwaltungsangelegenheiten zu tun, Eike saß an seinem Gesetzbuch, und Gerlinde am Stickrahmen. Dieses Einsiedlerische der drei ritterlichen Burgbewohner war kein ganz freiwilliges; sie wurden durch die Unwirtlichkeit des Wetters genötigt, sich in ihren Gemächern zu halten, und blieben jeder für sich allein.
Der Sommer schien zu Rüste gehen zu wollen und kündigte dies den Menschen hier oben in den Bergen frühzeitiger und empfindlicher an als unten im Flachlande, wo er noch etwas länger zu verweilen gedachte. Falbe Blätter wirbelten von den Zweigen herab, herbstliche Windstöße fuhren durch den Wald, und Regenschauer prasselten aus tiefhängenden Wolken hernieder. Die Vogelstimmen waren im Gebüsch verstummt, denn die meisten der geflügelten Wanderer waren schon gen Süden gezogen. Nur eine Schar von Dohlen umkreiste, sobald es sich einmal ein wenig aufklärte, mit hellem jack jack den Bergfried, um den der Wind lauter pfiff und fauchte als unten in dem vor seinen wuchtigsten Schlägen geschützten Tale. Die Sonntage zeigten ein noch grämlicheres Gesicht als die auch schon recht verdrießlichen Werktage und wurden aus den geöffneten Schleusen des Himmels reichlich mit Wasser überschüttet. Im Walde war es überall so patschnaß, daß sich Wilfred nicht zu seinem Fuchse stehlen und auch nicht den längst geplanten Besuch bei Luitgard in der Mühle abstatten konnte. Da war es nicht zu verwundern, daß in den Mauern der Burg eine allgemeine, ansteckende Niedergeschlagenheit Platz griff.
Außer dem dunkeln Gewölk, das sich langsam über das Gebirge dahinwälzte, stiegen aber auch noch andere, bedrohlichere Schatten herauf.
Graf Hoyer hatte in Quedlinburg von der Äbtissin und vom Domherrn von Alvensleben, zu denen Nachrichten aus der Ferne schneller gelangten als zu dem einsam im Harze gelegenen Falkenstein, mancherlei erfahren, was dazu angetan war, allerorten Beunruhigung und Mißmut hervorzurufen.
Kaiser Friedrich hatte in Italien neue Kämpfe zu bestehen, die weniger mit den Waffen als mit langwierigen Verhandlungen ausgefochten werden mußten. Der dem Papste unter Mitwirkung der deutschen Fürsten aufgezwungene Friede von San Germano, wo Gregor den Kaiser auch von dem noch auf ihm lastenden Banne lösen mußte, hatte zwar den kriegerischen Unternehmungen Einhalt geboten, aber die Spannung zwischen den beiden Herren der Welt keineswegs beseitigt. Diese dauerte im geheimen fort, und jetzt fand der Kaiser wider Erwarten sogar Unterstützung bei der Geistlichkeit, die dem Papste grollte, weil er von ihren Gütern Zehnten zur Fortsetzung der Feindseligkeiten gegen den stolzen Ghibellinen einzog. Der nur äußerlich geschlossene Friede stand also auf schwachen Füßen. Der unbeugsame Hohenstaufe hatte jedoch zwei tüchtige Männer zu Beratern: seinen aus der Gelehrtenschule zu Bologna hervorgegangenen Hofrichter Petrus de Vinea und den Großmeister des deutschen Ordens Hermann von Salza. Ihren klugen und tatkräftigen Bemühungen gelang es, eine ehrenvolle und allem Anschein nach aufrichtige Versöhnung der beiden Widersacher in Anagni zuwege zu bringen, bei der kein Kardinal zugegen, sondern Hermann von Salza der einzige Zeuge sein durfte. Nun hielten es nicht nur die deutschen Fürsten für an der Zeit, ausgedehntere Territorialrechte für sich zu fordern, sondern auch die Bürgerschaften begehrten mehr Freiheit und Selbständigkeit in ihrem städtischen Regiment, wogegen sich der Kaiser nach den mit den lombardischen Städten gemachten bitteren Erfahrungen durchaus ablehnend verhielt.
So ließ man den mächtigen Lenker des Reiches nicht zu Atem kommen, sondern trieb ihn aus einer Bedrängnis in die andere, und Eike fürchtete, daß unter diesen schwierigen Verhältnissen auch in den deutschen Herzogtümern und Grafschaften Unruhen und Verwicklungen entstehen würden, die der Einführung und Verbreitung seines Gesetzbuches hinderlich werden könnten.
Aber das nicht allein. Erst kürzlich hatte Friedrich eine von Petrus de Vinea herrührende Verordnung bestätigt, die ein neues bürgerliches und öffentliches Recht begründen sollte und in welcher unter anderem die Unterwerfung der Geistlichen unter die weltliche Obrigkeit ausgesprochen war. Dies war ja ganz in Eikes Sinne gedacht und getan, aber nun befiel ihn die Angst, Vineas Buch könnte seinem Sachsenrecht, das er noch unter der Feder hatte, zuvorkommen, ihm den Rang ablaufen und es in das Hintertreffen verweisen.
Da galt es, alle Kräfte anspannen, damit er das rüstig fortschreitende Werk so bald wie möglich seinem Volke darbringen könnte, also arbeiten, immer nur arbeiten. Und hier in seiner stillen Klause suchte er sich vor dem von weitem zu ihm dringenden welterschütternden Lärm kämpfender Zwietracht unter den Gewalthabern oder nach Gewalt Strebenden soviel wie möglich zu verschließen.
Graf Hoyer ließ den Freund in seiner angestrengten Tätigkeit unbehelligt, weil er wußte, was diesen zu so rastlosem Fleiße spornte. Eike hatte ihm gesagt, daß es sich jetzt für ihn um einen Wettstreit mit Petrus de Vinea handele, und die Vorhaltung des Grafen, daß doch sein Rechtsbuch ein bedeutenderes und viel umfassenderes sei als das des kaiserlichen Hofrichters, konnte seine Sorgen nicht zerstreuen.
Gar nicht erbaut von Eikes Überstürzung seiner Arbeit war Gerlinde, denn nun sah sie den allstunds Ersehnten noch weniger als bisher; kaum bei Tische hielt er stand, war wortkarg und hatte den Kopf von anderen Dingen voll als von dem Verlangen, ihr seine Liebe immer wieder aufs neue zu erkennen zu geben. O dieses unselige Gesetzbuch! seufzte sie in heller Verzweiflung.
Der scheidende Sommer wehrte sich noch gegen das Vordringen des Herbstes, mußte aber seinem unablässigen Angreifer doch endlich weichen und ihm das Feld räumen. Und nun, da er im Besitze war, zeigte sich der Sieger von seiner freundlichsten Seite. Mit strahlendem Sonnenschein hielt er seinen Einzug in das eroberte Gebiet, vergoldete das Laub der Buchen, Eichen und Birken und färbte die Blättlein der Heidelbeeren purpurn, die in breiten Ansiedlungen zwischen dunkelgrünen Wachholderbüschen einen gar lieblichen Anblick boten, während rote Vogelbeeren und Hagebutten nebst blauschwarzen Schlehen sich hie und da in Baumwuchs und Strauchwerk mischten. Schneeweiße, vom Volke Altweibersommer genannte Spinnfäden schwebten durch das Tal, blieben hie und da an einem Strauche haften, bis sie sich wieder losringelten und weiter flogen, um mit ihren mehr als klafterlangen Wimpeln anderswo zu landen. Wohin ihre Reise ging, wußten die winzigen Segler, die in dem luftigen Schifflein saßen, selber nicht, denn sie mußten sich willenlos von jedem Hauche treiben lassen, weil sie kein Steuer an Bord hatten.
An einem dieser sonnigen Herbsttage langten liebe Gäste auf dem Falkenstein an. Graf Burkhard von Mansfeld und seine Schwiegertochter Irma ritten ein und brachten mit ihrem unerwarteten Erscheinen eine wohltuende Abwechselung in das Stilleben der Burg, von den Bewohnern freudig bewillkommnet.
Die Grafen Burkhard und Hoyer waren gute Freunde und ehemalige Waffenbrüder, und ein ebenso inniges Verhältnis bestand seit ihrer fast gleichzeitigen Verheiratung auch zwischen den Gräfinnen Irma und Gerlinde.
Gleich nach der Begrüßung fragte Graf Hoyer: »Warum hat euch dein Sohn nicht begleitet?«
»Alwin ist mit zwei Waldhütern den Wilderern in unseren Forsten auf der Fährte, und gerade heute hofft er sie fahen zu können,« erwiderte Graf Burkhard. »Wie steht es denn bei dir mit dem edlen Waidwerk?«
»Schlecht; ich darf nicht mehr auf die Berge steigen.«
»Rumort das Herz wieder?«
Graf Hoyer nickte und winkte dem Freunde mit der Hand, davon zu schweigen.
Burkhard forschte auch nicht weiter danach, sondern sagte nach einem Weilchen: »Ich mußte dich einmal wiedersehen und wollte dir auch danken für die unermeßliche Freude, die du mir bereitet hast.«
»Womit?« fragte der andere erstaunt.
»Damit, daß du mir den ehrenfesten Ritter Dowald von Ascharien zugeschickt hast.«
»Burkhard! traust du mir das zu?«
»Bewahre! er behauptet aber, du hättest ihn an mich gewiesen, weil ich einen guten Posten für ihn hätte.«
»Etwan als Kellermeister? Den alten verlotterten Säufer?«
»O er war ungewöhnlich gut ausstaffiert.«
»Das glaub' ich! mit meinem besten Rocke, den er mir ausgeführt hat,« lachte Graf Hoyer. »Er wollte von hier auf die Heimburg zum Regensteiner, der ihn dringend eingeladen hätte.«
»Eingeladen! als ob den ein vernünftiger Mensch zu sich einlüde! Drei Tage lag er bei mir auf der Bärenhaut; damit hatte ich genug von ihm und schob ihn sachte ab.«
»Wohin denn nun?«
»In die Gegend von Halberstadt und dann die Bode entlang wollte er reiten, wie er vorgab. Dort hätte er vermögende Gönner und wackere Gesellen.«
»Denen gönne ich ihn,« spottete Hoyer und fuhr dann fort: »Ich bin an dem Überfall des Aschariers zwar unschuldig, möchte mich aber doch mit einem ehrlichen Sühnetrunk vor dir reinigen. Komm mit mir zu einem guten Tropfen in mein Kämmerlein; die beiden jungen Weibsen werden uns zwei Alte nicht vermissen.«
Als sie in Hoyers Zimmer beim Weine saßen, begann der Mansfelder: »Ich habe noch einen Pfeil im Köcher. Was ist das mit dem neuen Gesetzbuch, das hier auf dem Falkenstein geschrieben wird?«
»Dacht' ich's doch!« rief Hoyer. »Dir hätt' ich heute auch ohne deine Frage alles gesagt, aber dem Dowald wollt' ich's verschweigen. Das glückte jedoch nicht; einer meiner Dienstleute, ehemals Klosterschüler in Gröningen, der dem Rechtskundigen die Abschriften besorgt, hat es dem alten Schnüffler verraten.«
»Dowald war auf den Ritter von Repgow schlecht zu sprechen.«
»Sehr begreiflich, denn mit der Aufforderung, uns abschreiben zu helfen, haben wir den Faulpelz schon am ersten Tage nach seiner Ankunft ausgeräuchert. Du wirst ja bei Tische die Bekanntschaft meines gelehrten Freundes machen; jetzt darf ich ihn von seiner Arbeit nicht aufstöbern. So höre denn!«
Nun erstattete Graf Hoyer seinem Besuche genauen Bericht, erzählte ihm, wie er den Reppechower einst zufällig im Gasthaus am Scheideweg getroffen, dieser ihm dort seine Absichten anvertraut und er ihn darauf eingeladen hätte, sein Buch auf dem Falkenstein zu schreiben. Hier hätte ihn Eike tiefer in seinen Plan eingeweiht, ihn von der Notwendigkeit einer Verbesserung der deutschen Rechtsverhältnisse überzeugt und ihm die Grundsätze, die ihn dabei leiteten, ausführlich entwickelt, was alles Graf Hoyer nun seinerseits dem ihm gegenüber Sitzenden klärlich darlegte.
Graf Burkhard folgte dem umständlichen Vortrage mit gespannter Aufmerksamkeit, und nachdem er sich über einzelne Punkte nähere Auskunft erbeten hatte, die durchaus zu seiner Befriedigung ausfiel, stimmte der von dem Ascharier ganz falsch Unterrichtete dem kühnen Plane, Rechtseinheit in ganz Sachsenland zu schaffen, freudig zu.
»Du bist also mit allem, was ich dir mitgeteilt habe, einverstanden?« fragte Hoyer.
»Vollkommen.«
»Das ist mir viel wert, denn ich nehme Verbindlichkeit und Bürgschaft für das Buch auf mich,« erklärte Hoyer, »und man kann nicht wissen, ob man nach der Veröffentlichung so durchgreifender Änderung in unserem Gerichtswesen, die vielleicht manchem Widerspruch im Lande begegnen wird, nicht einmal einen starken Rückhalt gegen gehässige Angriffe braucht.«
»Sie werden nicht ausbleiben,« versetzte Burkhard. »Auf mich kannst du zählen, ich halte treu zu dir und dem mutigen Gesetzgeber. Hast du schon mit Hohnstein darüber gesprochen?«
»Nein.«
»Oder mit dem Blankenburger?«
»Auch nicht.«
»Wie ich die beiden kenne, werden sie sich gewiß uns anschließen, und von dem gesunden Sinn unserer anderen Standesgenossen in den Harzer Grafschaften erwarte ich das gleiche. Du aber wirst einst stolz darauf sein, Hoyer, daß diese patriotische Tat von deiner Burg Falkenstein abgegangen ist.«
»Ich hoffe es, Burkhard!«
»Gott segne das Werk!« sagte der Mansfelder, und sie schüttelten sich die Hände und tranken auf gutes Gelingen.
Den beiden Freundinnen war es ganz recht, daß die Herren sie allein gelassen hatten, denn sie sahen sich selten und hatten nun den Wunsch, sich wieder einmal gründlich untereinander auszusprechen.
Auch Gräfin Irma war ein hübsche Frau, schlank, mit blondem Haar, graublauen, lustigen Augen und von zarter Gesichtsfarbe. Sie hatte, obwohl Mutter von zwei Kindern, nicht die liebreizende Fülle wie Gerlinde, die dennoch einen jugendlicheren Eindruck machte als die um zwei Jahre Jüngere. Die Blonde und die Schwarze bildeten einen anmutigen Gegensatz zwischen der norddeutschen und der südländischen Rasse, und auch in ihrem Wesen zeigte sich ein beträchtlicher Unterschied. Irma war leichtlebig, flink und beweglich, während Gerlinde die äußerlich gelassenere, innerlich aber tiefer angelegte, leidenschaftlichere Natur war.
Fröhlich plaudernd wandelten sie aus dem Empfangsraum nach dem Gemach der Burgherrin. Hier aber, schon beim Öffnen der Tür, bekam Gerlinde einen Schreck und wollte über die Schwelle vorauseilen, um in dem Zimmer schnell etwas zu verdecken, was die Eintretende nicht sehen sollte. Zu spät; Irma schritt sofort auf den Stickrahmen zu, der am Fenster stand und von dem die gerade daran beschäftigt Gewesene bei der Meldung des überraschenden Besuches aufgesprungen war ohne an die Beseitigung der heimlichen Arbeit zu denken.
»Ei wie schön!« rief Irma, »was soll das werden? wohl ein Kursît? und wie kunstvoll ist das beinah fertige Wappen, bei dessen Ausführung ich dich gestört habe, denn die Nadel steckt noch darin. Aber das ist nicht das gräflich Falkensteinsche; ist es das deines fränkischen Geschlechts?«
»Nein, es ist das Wappen des Herrn von Repgow,« gab Gerlinde verlegen zur Antwort.
»Ach, das ist euer Gast, der das Buch hier schreibt. Ja, reitet denn der noch in die Schranken? ist er denn nicht ein Rechtsgelehrter, ein alter Herr, bei dem von Turnier und Lanzenrennen keine Rede mehr sein kann?«
»Da irrst du, es ist kein alter Herr,« lächelte Gerlinde. »Im Gegenteil, er ist noch jung, ein stattlicher, streitbarer Ritter, der zu Fuß und zu Pferd, mit dem Schwert und mit der Feder seinen Mann steht. Sieh ihn nur erst und dann urteile selbst!«
Das in den Rahmen Gespannte war allerdings ein Kursît von blauer Seide, d. h. ein kurzer, ärmelloser Wappenrock, wie ihn die Schildbürtigen bei festlichen Aufzügen oder Turnieren über dem Harnisch zu tragen pflegten.
Irma hatte, die Stickerei betrachtend, Gerlindes Verlegenheit nicht bemerkt. Jetzt horchte sie jedoch auf und fragte, nachdem beide auf der Wolfsfellbank Platz genommen hatten: »Ist dieser Herr von Repgow dir ein willkommener Gast?«
»Anfangs war er mir das nicht, und es wurde mir nicht leicht, mich mit ihm zu vertragen,« erwiderte Gerlinde. »Er huldigt kirchenfeindlichen Grundsätzen, die er auch in seinem Gesetzbuch zur Geltung bringt und über die wir mehr als einmal hart aneinander geraten sind. Aber als ich ihn allmählich näher kennen lernte, flößte er mir immer mehr Vertrauen, immer größere Achtung ein, die sich bald zu dem Gefühl der Bewunderung steigerte. Ich versichere dir, Irma, noch niemals ist mir ein Mann begegnet, bei dem Ritterlichkeit und Gelehrsamkeit, ernster Sinn und froher Lebensmut so herrlich vereint waren wie bei Herrn Eike von Repgow.«
»Du singst sein Lob in hohen Tönen,« warf Irma ein.
»Muß ich auch,« rief Gerlinde, »und es reicht noch lange nicht an das heran, was er wirklich ist. Wenn du ihn voll Begeisterung von seinem umfassenden Werke reden hörtest, würde er dir als ein sieghafter Held erscheinen, der sich mit seiner Willenskraft die halbe Welt erobern könnte.«
Aus der Maßen erstaunt über die schwärmerischen Worte der Freundin fragte Irma: »Ja, sage mir, Gerlinde, – liebst du ihn denn?«
»Ja! ich liebe ihn,« bekannte Gerlinde errötend, doch frei und stolz.
»Weiß er das?«
»Ja!«
»Und – liebt er dich wieder?«
»Ich glaube es, aber – –«
»Nun? was aber? sprich weiter! weshalb der bange Seufzer?«
»Wir sollen unserem Glück entsagen, verlangt er,« gestand Gerlinde.
»Verlangt er, dein turnierfähiger Gast, der willensstarke Held?« lachte Irma hell heraus. »Du, auf diesen geharnischten Büßer mit der Dornenkrone der Entsagung in den Locken bin ich neugierig.«
»Seine Liebe ist eine so selbstlose, daß er mir um meiner Herzensruhe willen das Opfer strenger Zurückhaltung bringt.«
»Ein seltsames Mittel, Herzensruhe zu schaffen und Sehnsucht zu stillen,« spöttelte die Mansfelderin. »Von stummer Verehrung wird ein hungriges Herz nicht satt. Hauche dem Marmorbilde warmes Leben ein, daß es aus seiner Starrheit erwacht und von dem hohen Sockel unbeweglicher Tugend mit offenen Armen herabsteigt. Frauen wie wir vermögen über die Männer alles, was wir wollen.«
»Ich darf aber nichts wollen und wagen, was wider Gottes Gebot wäre. Die heilige Jungfrau würde zürnend ihr Angesicht von mir abkehren, und ich wäre eine Verlorene.«
»Du sollst dich nicht verlieren, sollst deinem Herrn Gemahl nicht Hals über Kopf untreu werden,« sprach Irma. »Aber,« fuhr sie fort, »in eurem trübseligen Eulennest hier, wo hinreichend dafür gesorgt ist, daß die Bäume der Lustbarkeit nicht in den Himmel wachsen, darfst du dir wohl einmal ein kurzweiliges Minnespiel erlauben, daß deiner unsterblichen Seele keinen Schaden zufügen wird. Wenn dein nachsichtiger Gewissenspfleger, der Abt von Gröningen, im blütenprangenden Wonnemond wiederkommt, dir die Beichte abzunehmen, wird er dich für das Beten von drei Rosenkränzen gern von dem fröhlichen Sündenfall absolvieren.«
»Irma!« begehrte Gerlinde empört gegen die Spötterin auf, »wenn du das ein kurzweiliges Minnespiel nennen kannst, so begreifst du den furchtbaren Ernst meiner Lage nicht, in der ich mich verzweifelnd abquäle, in der ich mit mir ringe und kämpfe, daß es fast über meine Kräfte geht. Ich ertrag' es nicht länger, und –« Stürzende Tränen erstickten ihre Stimme.
Nun endlich sah die leichtherzige, aber keineswegs gefühllose Freundin, daß es sich hier doch um eine echte, große Liebe handelte, eine Angelegenheit so verhängnisvoller Art, daß guter Rat dabei teuer war. Sie zog die Weinende in ihre Arme und redete ihr tröstlich zu: »Ruhig, Linde, ruhig! ihr werdet euch beide schon auf den richtigen Fuß miteinander zu stellen wissen. Suche eine offene, trauliche Aussprache mit dem Ritter, damit ihr eine Form des Umganges findet, an dem ihr eure Freude haben könnt. Ich kann mir denken, was du dagegen einzuwenden hast, aber jetzt nichts mehr davon! Du bist schon aufgeregt genug. Komm hinaus ins Freie, laß dir vom frischen Herbstwind die heißen Wangen kühlen und schöpfe Atem, gewinne Ruhe. Komm! wir gehen auf den Altan.«
Das taten sie. Auf dem Altan sagte Gerlinde: »Hier war es, wo uns Eike von Repgow zuerst Plan und Inhalt seines Buches offenbarte; nie vergesse ich jenen Frühlingsabend.«
Dann standen sie an der Brüstung und schauten sinnend in das friedliche Tal hinab. Was der Wind Gerlinde in die Ohren raunte, verriet sie nicht.
Statt Eike durch Folkmar zum Mittagessen rufen zu lassen, holten ihn die beiden Grafen selber aus seinem Zimmer dazu ab.
Schon über diese ihm erwiesene Ehre war er hoch erfreut, noch weit mehr aber über die ihm vom Grafen von Mansfeld zuteil werdende Anerkennung seines unbeirrten Strebens, Rechtseinheit im Sachsenlande zu schaffen.
»Kann ich Euch bei Eurer schwierigen Arbeit einen Dienst oder irgend welche Hilfe leisten, Herr von Repgow, so bitte ich, über mich zu verfügen,« schloß Graf Burkhard seine Begrüßung, während er Eikes Hand fest in der seinen hielt.
»Ich danke Euch, Herr Graf!« erwiderte Eike. »Euer Einverständnis mit meinem Unternehmen ist mir eine große Genugtuung.«
Graf Hoyer aber sagte: »Welch eine Schicksalsgunst ist es für mich, Eike, daß wir uns im Gasthaus am Scheideweg getroffen haben! du machst den Falkenstein zu einem über das ganze Reich hin leuchtenden Gipfel der Gerechtigkeit, wie sich mein Jugendfreund vorhin mir gegenüber so ungefähr ausdrückte, und dabei weiß er noch gar nicht, wie sehr du mir und meiner Frau das Leben durch deine Gegenwart verschönst und erheiterst. Am liebsten ließe ich dich nie wieder fort von hier.«
Eike schwieg. Was hätte er auch auf diese Worte erwidern sollen?
Dann gingen sie zusammen nach dem Speisesaal, wo die beiden Frauen ihrer bereits harrten.
Gräfin Irma unterzog den Burggast, der ihr nach Gerlindes Eröffnungen kein gleichgültiger Fremder mehr war, einer scharfen Prüfung, deren Befund wohl ein durchaus wohlgefälliger sein mußte, denn sie war sehr freundlich zu dem ihr ritterlich begegnenden Mann. Bei Tische knüpfte sie mehrmals ein Gespräch mit ihm an, aber zu einem längeren Austausch kamen sie nicht, weil die Grafen immer wieder von dem Gesetzbuch anfingen und die alten verworrenen Rechtsbräuche mit den neuen, von Eike angebahnten verglichen, von denen er manche dem Mansfelder noch näher erläutern mußte.
Unterdessen beobachtete Irma insgeheim ihre Freundin, deren Augen beständig an Eikes Lippen hingen, die sich aber in ihrer nachwirkenden Erregung an der allgemeinen Unterhaltung nur wenig beteiligte, obwohl Irma sie durch geschickt eingestreute Scherze von ihrem Leid abzulenken suchte.
Graf Hoyer wurde nicht müde, seinen jungen Freund zu rühmen und seiner noch in der Zukunft ruhenden Verdienste wegen zu feiern, wobei Graf Burkhard kräftig in dasselbe Horn stieß. Irma wechselte einen flüchtigen Blick mit Gerlinde, der sie den inneren, kaum zu bemeisternden Jubel vom erglühenden Gesichte las.
In vorgerückter Nachmittagstunde brach Graf Burkhard mit seiner lustigen Schwiegertochter auf, und als Gerlinde dieser den Mantel um die Schultern legte, fragte sie leise: »Nun? was sagst du?«
Irma flüsterte ihr eilig zu: »Du hast recht, er ist ein ganzer Mann und deiner Liebe wert; darum bleibe ich dabei, daß du sobald wie möglich eine Unterredung mit ihm herbeiführst. Ihr müßt euch über euer Verhalten untereinander klar werden und einen Entschluß fassen; so geht's nicht weiter.«
Von den Falkensteinern und Eike auf den Burghof begleitet verabschiedeten sich die Mansfelder mit vielen Händeschütteln von ihren Gastfreunden, stiegen zu Pferde und ritten ab.