II.
»Seid willkommen auf der Hohkönigsburg, Ihr Herren und Frauen von Rappoltstein! ich grüße Euch als meine Standesgenossen und hoffe, daß ich mich guter Nachbarschaft von Euch zu versehen habe.« Mit diesen erhobenen Hauptes und in lautem Tone gesprochenen Worten empfing Graf Oswald von Thierstein die Eintretenden und reichte jedem derselben leicht die Hand. Dann wandte er sich um, winkte und rief in das Gemach hinein: »Margarethe! Leontine!«
Die Gerufenen, seine Gemahlin und seine Tochter, kamen herbei, und ihre Begrüßung der drei Rappoltstein'schen Damen war eine sehr herzliche. Sie drückten sich alle die Hände, schauten sich theilnahmsvoll prüfend in die Augen, und die Blicke von der einen wie von der anderen Seite bezeugten ein offenbares Wohlgefallen an einander.
»Verzeiht, Frau Gräfin Rappoltstein,« begann Gräfin Margarethe, »daß ich mit meiner Tochter noch nicht bei Euch war, aber in diesen zwei Wochen wußte ich wahrlich nicht –«
»Nur keine Entschuldigung, Gräfin Margarethe!« unterbrach sie Herzelande in der gewinnendsten Weise, »auch eine Schloßherrin ist in erster Reihe Hausfrau.«
»Ich danke Euch für Eure Nachsicht und werde das Versäumte nachholen; bald, sehr bald komme ich zu Euch.«
»Und sollt auf der Ulrichsburg mit offenen Armen empfangen werden.«
»Und Ihr, Gräfin Imagina?« wandte sich die Wirthin zu der Gemahlin Kaspars, »mein Gott, wie jung noch! Ihr könntet ja meine Tochter sein.«
»Da überschätzt Ihr Euch und unterschätzt mich, Frau Gräfin,« lachte Imagina, »Euch wie eine Mutter zu verehren wäre eine Beleidigung Eurer eigenen Jugendlichkeit.«
»Eine Schmeichlerin seid Ihr also? da muß man sich ja vor Euch hüten.« Und sie lachten sich beide fröhlich ins Gesicht.
Zu Isabella hatte die Gräfin Tochter gesagt: »Laßt uns versuchen, Freundschaft mit einander zu schließen. Leontine heiße ich und Ihr Isabella, ich weiß es schon und war sehr begierig, Euch zu sehen. Wir wollen zusammen reiten; ich weiß noch gar nicht Bescheid hier, habe mich neulich schon einmal im Walde verirrt, bis ich einen Jägerknecht traf, der mich zurechtwies. Da führt Ihr mich denn die schönsten, einsamen Waldpfade durch Thäler und Schluchten, die ich so gern zu Pferde durchstreife.«
Auch Graf Wilhelm von Thierstein und seine Gemahlin waren zu den Rappoltsteinern herangetreten und hatten mit ihnen Bekanntschaft gemacht, indessen Graf Oswald mit Schmasman im Gespräch geblieben war, das sich in höflichen, aber gemessenen Formen bewegte. Jetzt aber erschienen neue Festgenossen, denen sich die Thiersteiner widmen mußten, und die Rappoltsteiner wandten sich den anderen Anwesenden zu und zerstreuten sich in den zur Verfügung stehenden Gemächern.
Alle, die als Gäste hier erschienen waren, kannten sich unter einander. Neulinge für einige Herren und die meisten Damen waren nur die Wirthe selber, die Thiersteiner, die sich unablässig durch die glänzende Gesellschaft bewegten, um mit jedem der Geladenen verbindliche Worte zu wechseln. Dabei befleißigten sich die Thierstein'schen Damen der größten Zuvorkommenheit, die überall Anklang fand und mit ungezwungener Freundlichkeit erwiedert wurde.
Graf Oswald dagegen bewahrte in seinem Auftreten und Benehmen eine gewisse Zurückhaltung, die ihm von Vielen als Überhebung ausgelegt wurde, so daß sie hin und wieder verwunderte Blicke tauschten, wenn er durch ein strenges Wesen und durch hochfahrende Äußerungen ein allzu großes Selbstbewußtsein verrieth. Doch konnte er auch von hingebender Liebenswürdigkeit sein, wenn er wollte, und immer war er dies schönen Frauen gegenüber ohne noch den Galan spielen zu wollen. Heute freilich, wo er so zu sagen eine Probe zu bestehen, vor seinen Gästen eine Prüfung abzulegen hatte, fühlte er sich ein wenig befangen, zumal er merkte, wie Aller Blicke beobachtend auf ihm ruhten, und weil sein ganzes Gehaben von dem Wunsch und dem Bestreben geleitet wurde, nicht nur einen günstigen Eindruck auf die Geladenen zu machen, sondern sich auch mit einem Schlage eine hervorragende, maßgebende Stellung unter ihnen zu erobern, denn dies war ja, wie sein kluger Stallmeister wohl durchschaut hatte, der Hauptzweck des heutigen Festes.
Als Graf Oswald das Gespräch mit Schmasman beenden mußte, war des Letzteren erster Gedanke: wie mag wohl die Begrüßung zwischen Oswald und Burkhard ausgefallen sein? Schade, daß ich nicht früher kam, um dabei Zeuge und nöthigenfalls Vermittler sein zu können! Und er ging, um seinen alten Freund und Waffenbruder aus mancher kleinen und größeren Fehde aufzusuchen. Die Gemächer durchschreitend ward er bald hier, bald da von einem Bekannten angehalten, der ihm die Hand entgegenstreckte, und unterließ auch nicht, die Damen zu begrüßen, an denen er vorüberkam. Endlich entdeckte er Burkhard im hintersten Zimmer, in lebhafter Unterhaltung mit Rudolf von Andlau begriffen. Schmasman schüttelte beiden die Hand, hielt aber die Burkhards länger in der seinigen fest und sagte: »Freut mich, daß Du gekommen bist, alter Brummbär!«
»Danken kann ich Dir kaum dafür, daß Du mich dazu beschwatzt hast,« erwiederte Burkhard mit leichtem Stirnrunzeln. »Aber nun bin ich einmal da im Gefolge des gnädigen Herren von der Hohkönigsburg und mache gute Miene zu dem thörichten Spiel hier.«
»Die Miene, die Du machst, könnte immer noch ein wenig besser sein,« meinte Schmasman.
Rudolf von Andlau lachte: »Nehmt Euch mit ihm in Acht, Graf Rappoltstein! er hat heute wieder den rauhen Pelz an und knurrt. Sehet zu, wie Ihr ihn bändigt; ich hab's nicht fertig gebracht und überlasse ihn Euch, um Eurer Frau die Hand zu küssen.«
»Thut das, Andlau! sie wird sich freuen, Euch hier zu sehen,« rief der Graf dem Abgehenden nach.
»Nun, wie war der Willkomm, den Du bei dem Thiersteiner fandest?« fragte Burkhard sofort, als die Beiden, etwas abseits von den übrigen Gästen, mit einander allein standen.
»O – durchaus höflich und freundlich,« erwiederte Schmasman.
»Na, das dank' ihm der Teufel!« brauste Burkhard auf. »Ist das Alles, was Du darüber zu sagen hast?«
»Freilich, ein wenig herablassend kam mir die Begrüßung vor.«
»Aha!« machte Burkhard, »willst Du wissen, wie es mir vorkommt? Er empfängt seine Gäste wie ein Reichsfürst seine Vasallen empfängt. – Ja, ja!« fuhr er fort, als Schmasman darauf schwieg, »Du bist wohl eben erst angelangt und hast noch nicht bemerkt, wie hoch der Herr Graf den Kopf trägt, als wollte er über uns Alle hinwegsehen.«
»Er ist noch fremd hier und muß sich erst eingewöhnen unter uns, erst Fühlung mit uns gewinnen. Dabei müssen wir ihm behilflich sein, ihm entgegenkommen.«
»Ach was, entgegenkommen!« rief Burkhard ärgerlich. »Zahm und kirre machen müssen wir ihn und ihm die Zähne zeigen, wenn er sich aufspielen und großthun will. Gieb mal Acht darauf, wie herausfordernd er hier in der strotzenden Pracht, die ihm von Rechts wegen garnicht zukommt, unter seinen Gästen herum stolziert, Huld winkend, Gunst verheißend, Gnade spendend, als hätte er nur zu geben und wir von ihm zu empfangen.«
»Du hast eine vorgefaßte Meinung gegen ihn, zu der Dich nichts berechtigt. Ich möchte Dich an seinem Platze sehen.«
»So hochmüthig wäre ich nicht, Schmasman!«
»Nein, Du Ausbund christlicher Demuth und Duldsamkeit!« lachte Schmasman. »Grob wärst Du, wenn Dir die Nasen Deiner Gäste nicht gefielen. Ruhig! ich kann Dir das sagen, Bruder! aber ich sage Dir auch: habe nur den guten Willen, gieb Dir einmal Mühe, Dich auf einen freundlichen Fuß mit dem Thiersteiner zu stellen, dann wird es schon gehen. Ich prophezeie Dir: je öfter wir uns fortan mit Graf Oswald begegnen, je besser werden wir uns mit ihm verstehen und vertragen, denn er ist vom Scheitel bis zur Sohle ein Mann von makelloser Ehre.«
»Trage gar kein Verlangen nach öfterem Begegnen.«
»Wird schon von selber kommen; ich verlasse mich auf Dein ehrliches, ritterliches Herz, denn das ist noch das Beste an Dir.«
Burkhard blinzelte den Freund erst etwas zweifelhaft an, dann gab er ihm die Hand und sagte: »Jetzt bringe mich zu Deiner Frau, damit ich auf andere Gedanken komme. Ist das lustige Hexlein, die Imagina, auch hier?«
»Natürlich! und wenn es Einer versteht, Dir den Kopf zurechtzusetzen, so ist sie es.«
»Das weiß ich, darum fragte ich ja.«
»So komm, aber erst zu meiner Frau!«
Sie schoben sich durch die Gruppen der plaudernden Gäste, die nicht müde wurden, die glänzende Einrichtung der Gemächer zu betrachten, die schönen, figurenreichen Teppiche an den Wänden, die geschnitzten Gestühle mit bunten Kissen und Polstern, die großen Öfen mit grünen Kacheln, die messingenen Leuchterkronen, die kunstvollen Glasfenster und mehr dergleichen, was ihre Bewunderung und ihr Begehren erregte, es auf ihren Schlössern auch so haben zu können. Die Mächtigsten und Reichsten unter ihnen, die auch in Behaglichkeit und Bequemlichkeit wohnten, mußten sich wohl oder übel gestehen: so prunkvoll und üppig wie hier sah es bei ihnen zu Hause nicht aus. Während des Wiederaufbaues der Hohkönigsburg hatten sie mit fast ungläubigen Ohren schon Manches von dem Aufwand, der dabei getrieben wurde, gehört und waren daher auf allerlei Neues und Sehenswerthes gefaßt, fanden aber ihre Erwartungen durch das hier, wie Manche meinten, fast prahlerisch zur Schau Gestellte nun doch noch weit übertroffen.
Um in diese kostbar ausgestatteten Räume möglichst würdig mit ihrer äußeren Erscheinung hineinzupassen, hatten Männer wie Frauen ihre auserlesensten Festgewänder angelegt. Da war viel schillernde Farbenpracht zu sehen an den faltigen Kleidern mit langen Schleppen und großgemusterten Röcken, unter denen die spitzen Schnabelschuhe hervorlugten Um die Nacken der Frauen ringelten sich goldene Ketten mit funkelnden Steinen, auf ihren Häuptern glitzerten gold- und silberdurchwirkte Hauben und Gebinde, und frische Blumenkränze krönten die Scheitel der jungen Mädchen. Die älteren Herren trugen dunkelsammtene oder brokatene Röcke, mit Pelz verbrämt oder mit bunten Borten umsäumt, die jüngeren aber kurze, seidene Wämser mit breitem, gesticktem Brustlatz und eng anliegende, gestreifte oder geschachtete Beinkleider, kleine Barette mit Federstutzen auf dem langen, gekräuselten Haar, und am schmelzverzierten Gürtel hing der Dolch in tauschirter Scheide.
Wer von allen Frauen und Jungfrauen hier war die Schönste? Niemand that diese Frage laut, aber Jeder legte sie sich im Stillen vor und beantwortete sie sich mit dem Namen Leontine. Sie war das leibhaftige Bild von Kraft und Gesundheit, mit jedem Liebreiz blühender Jugend geschmückt und von einer bestrickenden Anmuth im Ausdruck ihrer Züge, in Haltung und Bewegung, in ihrem ganzen Wesen.
»Was habt Ihr für prachtvolles, rothblondes Haar!« sprach Imagina, als sie auf ihrem Rundgang durch die Gemächer der Thierstein'schen Tochter begegnete, die mit ihrem Wuchs die schlanke Gestalt der sie Anredenden noch eine halbe Spanne lang überragte.
»Sagt nur getrost feuerrothe Mähne!« lachte Leontine und schüttelte die wallenden Locken, die sich in kein Netz und keine Haube zwingen ließen. »Man muß wohl schon bei meiner Geburt diesen Löwenkopfputz geahnt haben und hat mir darum den Namen Leontine gegeben, der mir oder dem ich die Rechtfertigung nun schuldig war.«
»Die übrigen Attribute sind auch nicht ausgeblieben,« scherzte Imagina und entschlüpfte der Geneckten durch das Gedränge der Gäste, wobei sie dem ihr entgegenkommenden Burkhard fast in die Arme lief.
»Halt, Frauchen Imagina!« rief er, »hier kommt Ihr nicht vorbei, und auf Euch fahnde ich gerade.«
»Auf mich? was wollt Ihr von mir?« entgegnete sie schnippisch.
»Ihr sollt mir das kleine, weiche Pfötchen geben.«
Sie schlug ein: »Da! was nun noch?«
»Weiter nichts; ich hab Euch so lange nicht gesehen; habt Ihr mich auch noch ein bischen lieb?«
»Ich Euch? nein! nicht im Mindesten, hab Euch in meinem Leben noch nicht lieb gehabt.«
»Ach! warum denn nicht?«
»Ihr seid mir zu rauh und stachlicht. Ich möchte nichts im Bösen mit Euch zu schaffen haben.«
»Im Bösen, da habt Ihr Recht; aufrichtig seid Ihr wenigstens, Gräfin Imagina!« sagte Burkhard mit einem stechenden Blick. »Aber es ist ja garnicht Euer Ernst.«
»Mit Euch spaß' ich nicht, denn ich traue Euch nicht, nicht über den Weg trau ich Euch; Ihr seid gefährlich, man muß sich mit Euch hüten und fürsehen, die tiefe Falte da zwischen Euren Brauen –«
»Streicht sie weg, wischt sie mir aus, Imagina!«
»Von der Stirn kann man sie verbannen, aber im Herzen bleibt sie Euch doch. Was habt Ihr wieder heute? Euch bohrt und boßt etwas.«
»Soll ich's Euch sagen? Euch in die kleinen, rosigen Mauseohren flüstern?«
»Wenn Ihr nicht beißen und nicht allzusehr schreien wollt.«
»Könnt Ihr schweigen, Imagina?«
»Ich?! oh! Herr Burkhard!«
»So kommt her! – Ich gönne dem Thiersteiner die stolze Burg nicht.«
Sie lachte: »Und das soll ein Geheimniß sein? Das weiß ich schon lange.«
»So?« er starrte sie verblüfft an, »woher denn?«
»Von Euch selbst, wenn Ihr's mir auch nicht gesagt habt. Schon als sie noch daran bauten, ärgerte Euch jeder Stein, mit dem sie Mauern und Thürme erhöhten. Ihr solltet Euch so gierigen Neides schämen, Herr Burkhard!«
Er stampfte mit dem Fuß. »Daß Dich das Wetter!« knirschte er. »Sagt das Schmasman auch?«
»Nein, der denkt viel zu gut von Euch.«
»Seht Ihr? der kennt mich.«
»Nein, der kennt Euch leider nicht, aber ich, ich kenne Euch.«
»Und denkt schlecht von mir?«
»Ja! ganz schlecht, grundschlecht, nun wißt Ihr's. Empfehle mich Euer Gnaden!« und fort war sie.
»Racker!« brummte Burkhard, »verflucht schlaue Kröte, und dabei so hübsch, so niederträchtig hübsch!«
Die Gäste waren vollzählig versammelt bis auf Egenolf, nach dem schon Dieser und Jener gefragt hatte. Junker Bruno von Rathsamhausen erhielt auf seine Erkundigung nach dem Freunde von dessen Vater den Bescheid: »Ich wundere mich ebenso wie Du über das lange Ausbleiben meines Sohnes. Er war in den letzten Tagen ganz versessen auf die Jagd, und ich fange allmählich an zu fürchten, daß ihm ein Unfall zugestoßen ist; sonst müßte er schon hier sein.«
»Nein, Herr Graf!« sagte Bruno, »das fürchte ich nicht, dazu ist Egenolf ein zu tüchtiger Waidmann.«
»Hast Recht, Bruno!« erwiederte Schmasman, »also warten wir's ab, bis es ihm gefällt, sich einzustellen.«
Jetzt ertönte der Klang einer Glocke zum Zeichen, daß die Messe, die der Abt von St. Pilt in der Schloßkapelle feiern wollte, ihren Anfang nehmen sollte, und die Gesellschaft schickte sich an, sich in das nahebei belegene Sanctuarium zu begeben. Da jedoch die Kapelle nicht sämmtliche Anwesende aufnehmen konnte, blieben die jüngeren nebst einigen älteren Herren, die sich aus der Feierlichkeit nicht viel machten, in den Gemächern zurück, und bald hörten sie dort den Gesang der Chorherren, dem sie schweigsam und mehr oder weniger andächtig lauschten.