XII.

Graf Oswald von Thierstein war zu der Erkenntniß gekommen, daß er sich mit seinen auf Umgestaltung bestehender Verhältnisse gerichteten Plänen zu rasch und zu weit vorgewagt hatte und damit auf einen Widerstand gestoßen war, den zu überwinden er geringe Aussicht hatte.

Sein Vorhaben war gewesen, den Wildbann im Wasgau anders zu regeln, Reichsbannforste abzugrenzen, andere Brücken- und Wegezölle einzurichten, die Märkte mit höheren Abgaben zu belegen und kleineren Städten, die sie noch nicht besaßen, Marktfreiheit gegen Zahlung von Gilten und Beden zu gewähren. Die Einkünfte der Klöster wollte er heben durch Vermehrung der Frohnen und Verlängerung der Fristen für den alleinigen Verkauf von Wein, dem sogenannten Bannwein. Er wollte die Dinghöfe, eine althergebrachte, volksthümliche Gerichtsbarkeit, abschaffen und die dabei den Vorsitz führenden Hochhuber und Dinghofsmeier durch von ihm berufene Richter ersetzen, die im Namen des Kaisers Recht sprechen sollten.

Er plante das Alles jedoch nicht, um selber Vortheil und Gewinn davon zu haben, sondern dieser sollte in die Kassen des Kaisers und der Bischöfe von Basel und Straßburg fließen, welche beiden Prälaten ihm ihre Wünsche, in welcher Weise er sein ihm durch ihren Einfluß übertragenes landvogteiliches Amt zu ihren Gunsten ausnutzen sollte, sehr deutlich zu verstehen gegeben hatten. Den Dank des Kaisers erhoffte er in der Verleihung einer hohen Stellung bei Hofe.

Mit diesen Plänen, die durch vorzeitiges Aussprechen bekannt geworden waren, griff er nicht nur in die Sitten und Gewohnheiten des gemeinen Volkes, sondern auch in die Machtbefugnisse und Vorrechte der adligen Standesherren ein, und das war unter allen Umständen ein für ihn sehr gefährliches Unternehmen. Mit zweien dieser stolzen Barone, die sich unabhängig wie Reichsfürsten fühlten und gebärdeten, hatte er bereits üble Erfahrungen gemacht und sah nun ein, daß er andere Saiten aufziehen mußte, wenn er mit seinen ritterlichen Genossen in Frieden leben und sich eine geachtete und einigermaßen angenehme Stellung unter ihnen wahren wollte statt von ihnen gemieden und angefeindet zu werden.

Mit dem Mächtigsten von ihnen, dem Grafen Maximin von Rappoltstein, hatte er sich zwar nach dem zu seinen Ungunsten geendeten Rangstreit wieder vertragen, mit dem Trotzigsten aber, Herrn Burkhard von Rathsamhausen, schien ihm eine Versöhnung kaum denkbar, und er wunderte sich, daß dieser noch nicht Genugthuung für die gegen ihn verübte Thätlichkeit von ihm gefordert hatte. Bei dem Wortgefecht mit Burkhard im Rathskeller hatte er die anwesenden Herren, mit Ausnahme seines Freundes Fleckenstein und seines Bruders Wilhelm, sämmtlich auf der Seite seines Gegners gefunden und hatte sich in seiner zornigen Erregung noch obenein dazu hinreißen lassen, den Grafen Schmasman, als dieser in wohlwollendster Absicht eine Beilegung des Streites versucht hatte, scharf anzufahren und zurückzuweisen, was er seitdem schwer bereute.

Wie groß war nun Oswalds Überraschung und Freude, als er, gegen Abend in das Wohngemach seiner Gemahlin tretend, dort die soeben zum Besuch eingetroffene Rappoltstein'sche Tochter Gräfin Isabella erblickte! Also Graf Schmasman grollte ihm nicht, trug ihm sein schroffes Benehmen nicht nach, sonst hätte er seine Tochter nicht hier heraufreiten lassen. Er begrüßte Isabella auf das Zuvorkommendste, erkundigte sich nach ihren Eltern und Verwandten und erging sich in den zartesten Aufmerksamkeiten gegen sie. Dem Geschenk der Gräfin Herzelande für seine Gemahlin, dem kostbaren Gürtel, zollte er seine volle Bewunderung und gedachte mit dankbaren Worten des genußreichen Spielmannsfestes, mit keinem Wimperzucken die weniger angenehmen Erinnerungen verrathend, die ihn dabei überkamen.

Von Leontine war Isabella mit offenen Armen empfangen und mit hellem Jubel ans Herz gedrückt, und Gräfin Margarethe that, was sie konnte, der Freundin ihrer Tochter den Aufenthalt hier so behaglich wie möglich zu machen, so daß Isabella von ihrer Aufnahme auf der Hohkönigsburg im höchsten Maße erfreut und entzückt war.

Der Abend, wo sich auch Graf Wilhelm mit seiner Gemahlin Katharina zu ihnen gesellte, verging ihnen Allen im Fluge, und sie wußten nicht, wo die Zeit geblieben war, als der Wächter vom Bergfried herab auf seinem Horne den Gute Nacht-Gruß blies, für alle Burgbewohner die stimmungsvolle Mahnung, sich zur Ruhe zu begeben.

Da erzählte Isabella noch, auf den nahe bei einander liegenden Rappoltstein'schen Schlössern hätten vor langen, langen Jahren einmal drei Brüder Rappoltstein drei Schwestern zu Gattinnen gehabt, und die drei Frauen hätten sich täglich von Burg zu Burg einen Morgen- und Abendgruß zugeblasen. Dieser Brauch bestünde in ähnlicher Weise auch heute noch. Wenn man auf einer Burg Besuch von einer anderen wünschte oder dort seinen Besuch ansagen oder sich sonst eine kurze Mittheilung machen wollte, so geschähe dies durch Hornrufe, deren jeder nach Takt und Ton eine seit langer Zeit feststehende, verabredete Bedeutung hätte.

Dann trennte man sich, um das Haupt zum Schlummer zu betten. Leontine geleitete Isabella in das für sie bereite Gastzimmer, und die lächelnde Dimot bot ihre gefälligen Zofendienste an, die jedoch von Isabella dankend abgelehnt wurden.

Den nächsten Vormittag benutzten die beiden jungen Mädchen zu gemächlichem Lustwandeln unter traulichen Gesprächen. Sie gingen in den Baumgarten, besuchten den Marstall und seine vierfüßigen Bewohner und wanderten auch ein Stück bergab in den Wald. Darauf führte Leontine ihre Freundin auf deren Wunsch durch alle Räume des Schlosses, wo Isabella nicht müde wurde, sich an der prächtigen Ausstattung und dem kunstvoll gearbeiteten Hausrath zu weiden.

Zuletzt kamen sie in Leontinens Schlafgemach, das so schmuck und üppig eingerichtet war wie für eine Märchenprinzessin.

Nachdem sich Isabella eine Weile darin umgesehen hatte, fragte Leontine, auf das Wolfsfell zeigend, mit einem eigenthümlichen Lächeln: »Wie gefällt Dir das?«

»Gut,« erwiederte Isabella, »muß ein gewaltiger Isegrim gewesen sein.«

»Weißt Du, wer ihn geschossen hat?«

»Dein Vater?«

»Nein, Dein Bruder.«

»Mein Bruder?«

»Ja, er hat mir das Fell geschenkt, mich damit überrascht; ich fand es eines Abends hier vor dem Bett. Dimot hat es heimlich für meinen alten Luchsbalg untergeschoben, bestochen durch eine Einladung zum Tanz am Pfeifertag!«

»Davon hat mir Egenolf garnichts gesagt,« sprach Isabella. »Ach!« fuhr sie fast erschrocken fort, »ich habe Dir ja seinen Gruß noch nicht bestellt.«

»Läßt er mich grüßen?« fragte Leontine schnell mit leuchtenden Augen.

»Ja, recht herzlich soll ich Dich von ihm grüßen, und er dächte sehr viel an Dich.« Bei dieser eigenmächtigen Überschreitung von ihres Bruders Auftrag ward auch Isabella ein wenig roth.

»Grüß ihn wieder!« sagte Leontine kurz und machte sich an dem Wolfsfell zu schaffen, einen der Läufe, der etwas schief lag, gerade streckend.

»Denkst Du auch zuweilen an ihn?« fragte Isabella.

»Weiß nicht. Frag' nicht so dumm!« erwiederte Leontine mit abgewandtem Gesicht. »Komm weiter!«

Isabella lächelte still vor sich hin, und sie verließen das Gemach. Draußen sagte Leontine: »Hier rechts geht es zu meines Vaters Zimmer, aber da dürfen wir Frauen nicht hinein, wenn er uns nicht rufen läßt.«

Sie gingen nun zur Gräfin Katharina. –

Graf Oswald saß in seinem Gemach und blätterte in vergilbten Schriften. Die Wände waren mit Waffen, alterthümlichen und jetzt gebräuchlichen, und mit allerlei Jagdzeug, ausgestopftem Gethier, Geweihen und Gehörnen geschmückt, und an der linken Augensprosse eines kapitalen Zwanzigenders schwebte Herrn Burkhards Eulenhut. Oswalds Bruder hatte ihn inmitten des Tumultes im Rathskeller geschickt bei Seite zu bringen gewußt und als ärgerliches Beweis- und Beutestück mit sich genommen. Nun hing er hier auf der Hohkönigsburg an dem Hirschgeweih, und Burkhard, der sich über den Verlust seiner Eule gewiß unsäglich boßte und ihren Verbleib nicht ahnte, konnte lange warten, bis er sie wiederbekam.

Etwa eine Stunde vor Mittag trat Graf Wilhelm eilend herein und rief: »Oswald, nun geht es los; rathe, wer soeben im Stallhof vom Pferde gestiegen ist!«

Oswald blickte seinen Bruder fragend an.

»Jungherr Bruno von Rathsamhausen.«

»Also endlich!« sagte Oswald und erhob sich vom Stuhle. »Na, nur zu! Aber –« fuhr er fort, nachdem er schweigend ein paar Schritte auf und ab gethan hatte, »aber den eigenen Sohn als Unterhändler oder, was wahrscheinlicher ist, als Boten mit dem Fehdebrief zu schicken ist mir auch noch nicht vorgekommen. Hast Du ihn schon gesprochen?«

»Nein, er wird wohl mit Dir unter vier Augen reden wollen.«

»Nun, ich werde ihn hier erwarten und ihm höflich begegnen; er hat mich nicht beleidigt.«

»Aber laß ihn die Eule nicht sehen, thu sie weg!« erinnerte Wilhelm.

»Da hast Du Recht, die darf er nicht sehen,« erwiederte Oswald, nahm den Filz vom Geweih und verbarg ihn.

»Ich gehe,« sprach Wilhelm, »bedarfst Du meiner, so laß mich rufen.«

Graf Wilhelm ging, und Oswald blieb allein und harrte, harrte lange auf Bruno's Anmeldung, aber vergeblich. Sollte sich Wilhelm geirrt haben? dachte er. Endlich ließ ihn seine Gemahlin bitten, zum Mittagsmahle zu kommen.

»Sind außer der Gräfin Isabella noch andere Gäste da?« frug er.

»Nur einer, Herr Graf!« erwiederte der Diener, »Jungherr Bruno von Rathsamhausen wird an der Tafel theilnehmen.«

»So! schön! ich komme sogleich.«

Der Diener verschwand. Oswald schüttelte den Kopf und sprach zu sich: »Das wird immer lustiger. Beim Wein hat die Geschichte angefangen, beim Wein wird sie fortgesetzt.«

Die Thierstein'schen Damen, die von dem bösen Streit des Grafen mit Burkhard nichts wußten, fanden Bruno's Besuch ganz in der Ordnung, da er bei dem großen Fest ihr Gast hier im Schlosse gewesen war. Mit zwiespältigem Gefühl aber vernahm Isabella seine Ankunft. Theils freute sie sich, Den wiederzusehen, den sie nur allzu gern sah, theils sagte sie sich: er kommt nur Leontinens wegen. Leontine jedoch hatte die gleiche Vermuthung in Bezug auf Isabella, und ihr, von einem ahnungsvollen Lächeln begleiteter Blick trieb der Freundin das Blut in die Wangen, denn sie las darin die Frage: ein verabredetes Stelldichein?

Bruno selber stutzte, als er, zu seiner nicht ganz freudigen Überraschung, Isabella hier vorfand, näherte sich ihr aber nach Begrüßung der Thierstein'schen Damen mit größter Artigkeit und Freundlichkeit.

Leontine war Anfangs heiter entgegenkommend ihm gegenüber und ermunterte ihn zum Gespräch, in das sie so viel wie möglich Isabella hineinzog mit der Absicht, den Beiden das von ihnen doch wohl gewünschte Vertrautwerden mit einander zu erleichtern. Sobald sie aber aus Bruno's Gebaren die Voraussetzung dieses Wunsches als einen Irrthum erkannte und es sich herausstellte, daß er sie selber wieder wie Abends in der Festhalle zu Rappoltsweiler vor Isabella auffallend bevorzugte, und vollends als sie beobachtete, daß Isabella dabei immer stiller und ernster, fast traurig wurde, durchschaute sie die Lage der Dinge und sah, daß hier zwei Herzen waren, deren Neigung nicht erwiedert wurde. Von da an benahm sie sich zurückhaltend und kühl gegen ihn, um ihn über ihre Empfindungen nicht im Unklaren zu lassen. An eine wirkliche Leidenschaft Bruno's glaubte sie nicht und gab deßhalb die Hoffnung nicht auf, das von ihr verschmähte Herz des ritterlichen jungen Helden ganz leise ihrer Freundin Isabella zuführen zu können, an deren heimlicher Liebe sie nicht mehr zweifelte.

Gräfin Margarethe, der weder die Huldigung, die Bruno Leontinen darbrachte, noch deren Ablehnung seitens ihrer Tochter entging, hielt es nicht für nöthig, ihren Gemahl früher rufen zu lassen, als bis die Mittagstafel im Nebengemach bereit stand.

Jetzt erschien Graf Oswald und begrüßte den Sohn seines Gegners mit gemessener, aber tadelloser Höflichkeit.

Bruno verneigte sich vor ihm und sprach: »Verzeiht den Überfall, Herr Graf! ich wollte Euch und Euren Damen meinen Dank aussprechen für die gastliche Aufnahme, die auch ich hier bei Euch gefunden habe. Und dann« – er stockte – »und dann führt mich auch noch ein anderer Beweggrund auf die Hohkönigsburg.«

»Ich stehe zu Diensten, Jungherr von Rathsamhausen,« sprach Oswald mit leicht umwölkter Stirn. »Wollt Euch mit mir in mein Zimmer bemühen.«

»O das eilt ja nicht, Herr Graf.«

»Wenn es auch nicht eilt, – ich würde doch vorziehen, das Geschäft, das Euch herführt, noch vor Tische zu erledigen. Wir sitzen dann freier und ruhiger beim Wein. Bitte, kommt!«

»Herr Graf,« lächelte Bruno verlegen, »in Eurem Zimmer können wir die Sache nicht abmachen, sondern – im Marstall.«

»Im Marstall?« frug Oswald, aufs Höchste erstaunt.

»Ja,« sagte Bruno, »ich habe nämlich gehört, daß Euer Stallmeister ein erfahrener Kurschmied ist und möchte ihn gern um einen guten Rath angehen wegen meines Rappen.«

»Um Euren Rappen handelt es sich? ich dachte, Ihr hättet einen Auftrag an mich von Eurem Vater.«

»Nein, Herr Graf!«

»Wirklich nicht?« fragte Oswald noch einmal.

»Wirklich nicht, Herr Graf! ich bedaure, aber mein Vater weiß garnicht von meinem Besuch hier. Ich bin schon zwei Tage von Hause fort, hörte erst unterwegs von Eurem trefflichen Stallmeister und entschloß mich schnell, hierher zu reiten, auf Eure gütige Nachsicht hoffend.«

»Ihr seid mir willkommen, Jungherr!« sprach Oswald, der mit seiner Verwunderung kaum noch an sich halten konnte. »Wilhelm,« rief er dem eben mit seiner Gemahlin eintretenden Bruder zu, »Jungherr Bruno von Rathsamhausen kommt zu dem Zwecke, sich bei unserem weit und breit berühmten Isinger weisen Rath für eine Pferdekur zu holen.«

Graf Wilhelm blickte verdutzt vom Einen zum Andern, ob er denn recht gehört hätte, und mußte seine Gedanken erst wieder sammeln, ehe er Bruno die Hand reichen und sprechen konnte: »Da kommt Ihr vor die rechte Schmiede, Jungherr!«

Gräfin Katharina fügte, als sich Bruno ihr nahte, hinzu: »Der Isinger weiß für Alles Rath, und nicht bloß bei Thieren. Auch mir hat er schon einmal ein Tränklein gebraut, das mich von einem quälenden Husten befreite.«

»Und jetzt kommt zu Tische!« sagte Oswald, »der Stallmeister läuft uns nicht fort.«

Man begab sich zu Tische, und Jeder nahm den Platz ein, den ihm die Wirthin bestimmte.

Bruno saß den beiden jungen Gräfinnen gegenüber und kam im Verlauf des Mahles immer gründlicher zu der Einsicht, daß er sich auf Leontinens Gunst keine Hoffnung machen durfte. Sie sprach wenig mit ihm und gab ihm nur kurze Antworten, wenn sie auch aus Rücksicht auf Isabella nicht unfreundlich gegen ihn war. Dagegen nahm Isabella's anmuthiges, liebenswürdiges Wesen den sich damit Tröstenden mehr und mehr gefangen, und wenn er ihr beim Reden in die Augen sah, so traf ihn daraus ein warmer Strahl, der ihm zu Herzen drang. Er war keineswegs eine flatterhafte Schmetterlingsnatur, die sich von einem Blüthenkelche schnell zum andern schwingt, aber eine Wandlung, ihm selbst noch unbewußt, ging doch in ihm vor; er fühlte sich mit einem Male zu Isabella hingezogen, obwohl sie nichts that, ihn an sich zu fesseln.

Nach Aufhebung der Tafel schlug Graf Oswald seinem Gast einen Rundgang innerhalb der Umwallung vor und verfolgte damit einen ganz bestimmten Plan. Er wollte dem Rathsamhausen auf Schritt und Tritt die Stärke der neu erbauten Burg zeigen, damit dieser sich von ihrer Uneinnehmbarkeit überzeugen und seinem Vater darüber berichten sollte. So führte er ihn denn von Werk zu Werk, von Thurm zu Thurm und erklärte ihm den für die Vertheidigung wohlbedachten Zweck jeder einzelnen Anlage, so daß Bruno am Schluß der langen Wanderung freiwillig gestand, eine so stark befestigte Burg noch nie gesehen zu haben.

Der Graf nahm das mit Befriedigung auf, aber seltsam war ihm doch zu Muthe, wie er hier dem Sohne des Mannes, von dem er nur Feindschaft, Angriff und Kampf zu erwarten hatte, so gastfreundliche Ehren erwies. Was wird Burkhard sagen, dachte er, wenn ihm Bruno von der Aufnahme erzählt, die er ohne Wissen und Willen des Vaters in den Mauern der Hohkönigsburg und an dem Tische des gehaßten Burgherrn gefunden hat! Aber er ließ seinen Gast von diesen Betrachtungen nichts merken und sprach: »Nun kommt zu unserem vielgewandten Kurschmied!«

Sie gingen zum Marstall und trafen den Stallmeister in der Schmiede allein. Bruno klagte ihm die Leiden seines schwarzen Lieblings daheim im Stalle und bat um Angabe eines Heilmittels.

Isinger stellte eine Reihe von Fragen an Bruno über die Dauer der Unpäßlichkeit, über deren äußere Kennzeichen, über Fütterung und Freßlust des Thieres und mehr dergleichen, konnte aber aus Bruno's Antworten nicht recht klug werden und kam zu der Überzeugung, daß die Sache unmöglich von der Bedeutung sein könnte, um dieserhalb, zur Einholung seines geschätzten Gutachtens einen Ritt nach der Hohkönigsburg zu unternehmen. Ein paar Tage Schonung würden genügen, das Unwohlsein des geliebten Rappen zu verflüchtigen.

Das sagte der schlaue Stallmeister aber nicht; von seiner Kur sollte der Kranke gesund werden. Er setzte daher eine bedenkliche Miene auf und sann über den schweren Fall nach. Ihm kam der Gedanke, ob vielleicht sein alter Freund Hans Loder hier die Hand im Spiele und ihm den Jungherrn auf den Hals geschickt hatte, um seine vielgepriesene Heilkunst auf die Probe zu stellen, oder ob Hans den leichtgläubigen Jungherrn selber zum Narren haben wollte, bei welchem Possen Isinger natürlich gern half.

Er that sehr wichtig und erklärte: »Euer Rappe ist dämpfig und herzschlächtig, Herr, aber dem ist beizukommen, wenn die richtigen Mittel dagegen angewandt werden.« Nun mischte er aus seinem Vorrath siebenerlei getrocknete Kräuter zu einem Häufchen zusammen, übergab dies Bruno und sagte: »Aus diesen heilkräftigen Kräutern müßt Ihr mit Wasser, Branntwein und Honig zu gleichen Theilen einen Sud bereiten lassen; aber es gehört noch etwas dazu, was ich augenblicklich nicht habe, nämlich Herz und Galle von einem Raben, die mit hineingekocht werden müssen. Nun, Ihr schießt Euch einen, und dann ist der Trank bald hergestellt, von dem Ihr dem Rappen täglich drei Löffel voll einschütten laßt. Nun weiß ich aber noch ein Geheimmittel, das unfehlbar wirkt. Um es Euch mittheilen zu können, muß ich jedoch den Herrn Grafen bitten, uns allein zu lassen, denn nur Der darf es hören, der es gebrauchen will, sonst hilft es nicht.«

»Ich gehe schon,« sprach Graf Oswald und entfernte sich mit verhaltenem Lachen aus der Schmiede, denn er ahnte, daß jetzt der Schalk, der seinem durchtriebenen Stallmeister im Nacken saß, hervorkommen und dem Jungherren eine gehörige Nase drehen würde.

»Also, Jungherr,« fuhr Isinger nun fort, »Ihr müßt Euren Rappen täglich dreimal, Morgens, Mittags und Abends, mit einem rothen Frieslappen aus dem Rock eines Gehenkten abreiben, aber Niemand darf es sehen oder davon wissen.«

»Ja, um Gottes willen! wo soll ich denn den schauerlichen Lappen hernehmen?« fragte Bruno fast entsetzt. »Muß ich etwa zu dem Zweck erst einen armen Sünder an die Herberge zu den drei Säulen liefern?«

»Nicht nöthig; im Henkerlehen findet Ihr dergleichen.«

»Im Henkerlehen?«

»Ja; das Henkerlehen, müßt Ihr wissen, ist ein einträglicher Hof bei Oberehnheim, und sein Lehensträger hat die Verpflichtung, die Kosten der in Barr, Oberehnheim und Rosheim stattfindenden Hinrichtungen zu bestreiten, wogegen ihm die Kleider der Gehenkten, Geköpften und Geräderten als Eigenthum zufallen.«

»Eine recht erbauliche Erbschaft!« lachte Bruno.

»O, sie bringt dem Manne viel ein; derlei Dinge werden stark begehrt und theuer bezahlt, denn in den Kleidern und einzelnen Gliedern von Gerichteten stecken Zauberkräfte,« flüsterte Isinger.

»Nun, ich werde sehen, ob ich mir das Zaubermittel beschaffen kann. Nehmt einstweilen meinen Dank, Herr Stallmeister!« sagte Bruno und drückte dem gewitzten Kurschmied ein paar Geldstücke in die Hand.

Als Oswald und Bruno in den Palas zurückkehrten, fanden sie dort nur die Gräfin Margarethe mit den beiden jungen Damen.

»Hat Euch unser kluger Thierarzt gut berathen?« fragte Margarethe.

»Wenn die Kur so gut anschlägt, wie die Mittel dazu absonderlich sind, so kann ich zufrieden sein,« lächelte Bruno.

»Danach darf man nicht fragen, Grete! das sind tiefsinnige Geheimnisse; ich habe auch nicht hören dürfen, welchen wunderbaren Zauber Isinger unserem jungen Freunde für seinen herzschlächtigen Rappen empfohlen hat,« sprach Oswald mit kaum verhohlenem Spott und wandte sich dann zu Bruno: »Was meint Ihr, Jungherr, wollen wir uns ans Brett setzen und Schachzabel spielen?«

»Mit Vergnügen, Herr Graf!« erwiederte Bruno, »aber ein guter Spieler bin ich nicht.«

»Ich auch nicht,« sagte der Graf und holte das Brettspiel herbei.

»Und was fangen dann wir an?« war Margarethens Frage. »Halt! ich weiß es. Eure liebe Mutter hat mir erzählt, Isabella, Ihr sänget zur Harfe. Gönnt uns den Genuß, Euch zu hören! In meinen jungen Jahren habe ich diese Kunst auch geübt und werde Euch meine Harfe bringen lassen.« Damit ging sie hinaus ohne Isabella's Einwilligung abzuwarten, die nun den Anderen gegenüber mit schüchternen Worten erfolgte.

»Ich fürchte, wir werden ein schweres Spiel auf dem Brett haben, wenn Euer holder Gesang uns die Gedanken verwirrt,« sprach Oswald. »Schachzabel und Harfenspiel vertragen sich nicht gut mit einander; wir sollten uns die Ohren verstopfen vor Euren Sirenenklängen.«

Als die Gräfin mit einer die Harfe tragenden Zofe zurückkam, nahmen die drei Damen in einiger Entfernung vom Schachtische Platz, und Margarethe sagte: »Ich werde sie Euch erst stimmen, liebe Isabella.«

Während dies geschah, setzten sich die Herren zu ihrem Brett, und zwar Bruno so, daß er, ohne sich wenden zu müssen, Isabella sehen konnte.

Das Spiel auf dem Brett und das Spiel auf der Harfe begann.

Mit süßem Wohllaut sang Isabella ihre Lieder, und die Hörer waren entzückt von ihrer schönen Stimme und ihrem meisterlichen Vortrag zum Klange der Saiten, die sie mit ihren schlanken Händen vollkommen beherrschte. In den Pausen, die sie zwischen den einzelnen Liedern machte, mußte sie den begeisterten Beifall des kleinen Kreises hinnehmen mit der stets wiederholten Bitte um mehr, immer mehr.

Auf dem Schlachtfelde aber, wo die weißen Truppen gegen die schwarzen kämpften, sah es wunderlich aus, und die beiden Könige kamen sich wie verlassen und verrathen von ihren Vasallen vor; so schlecht waren sie noch nie vertheidigt und beschützt, aber auch noch nie so ungeschickt angegriffen worden. Besonders Bruno's Heer erlitt empfindliche Verluste, und ein Held und Hauptmann der Seinigen fiel nach dem andern, obwohl das Gefecht sehr langsam von Statten ging und Oswald großmüthig genug war, seinen Gegner auf manchen verhängnißvollen Fehler aufmerksam zu machen, ehe der zerstreute Spieler den falschen Zug vollendete. Bruno blickte zu wenig auf das Brett und zuviel nach der lieblichen Sängerin, und als er nach einer Stunde die Schlacht verloren hatte, da war er ein doppelt Besiegter und so unrettbar verstrickt wie sein gefangener König.

Isabella sang und spielte noch weiter, und beim letzten Liede, das sie zu hören gab, ließ sie die Saiten der Harfe mächtig rauschen und stürmen, und aus ihrem Munde klangen die Töne und Worte wie lauter Herzensjubel glücklicher Liebe.

Dann vertrieb man sich die Zeit mit anderen Unterhaltungen, bis die Nacht herniedersank und die Sterne über der Hohkönigsburg aufzogen, und als der Thürmer wieder sein Gute Nacht vom Bergfried herab ertönen ließ, ging man froh und zufrieden mit dem verlebten Tage zur Ruhe.