XXIII.
Als Herrn Burkhard die Flucht Loders gemeldet wurde, wollte er Anfangs gar nicht daran glauben und gerieth, als er es doch wohl oder übel mußte, in eine unbändige Wuth, von der er nur nicht wußte, an wem er sie austoben sollte. Der Schließer schwor bei allen Heiligen, die Thür heute Morgen fest verschlossen und unversehrt, das Gemach aber leer gefunden zu haben. Auf welche Weise war der so sicher Verwahrte nun entkommen? Aus dem Fenster konnte er nicht gesprungen sein, denn das Jeratheusgemach lag in so bedeutender Höhe über dem Erdboden, daß ein Sprung in die Tiefe dem ihn Wagenden unfehlbar den Tod bringen mußte. Der Reisige, der in der Nacht die Wache gehabt, wurde einem scharfen Verhör unterzogen, behauptete jedoch, auf seinen fleißigen Rundgängen nicht das Geringste von dem Ausbrechen des Gefangenen wahrgenommen zu haben. Trotzdem wurde er drei Tage lang in den Thurm gesperrt. An den Weg durch den Kamin dachte Niemand.
Burkhard stand vor einem Räthsel, und je länger er vergeblich über dessen Lösung tüftelte, desto mehr boßte er sich über die unbegreifliche Thatsache. Endlich kam er auf die naheliegende Vermuthung, daß seine lieben Rappoltsteiner bei der Befreiung ihres verhätschelten Günstlings die Hand im Spiele gehabt hätten. Aber wie? Der Schließer ließ sich nicht bestechen. Sollte sich Jemand bei Nacht in seine Kammer geschlichen, dem Schlafenden den Schlüssel zum Jeratheusgemach entwandt und nachher unbemerkt wiedergebracht haben? Das konnte dann nur Einer gethan haben, der im Schlosse wohnte. Und nun stieg dem Ergrimmten mit einem Mal ein dringender Verdacht auf seinen Sohn Bruno, den vertrauten Freund Egenolfs von Rappoltstein, auf. Sofort ließ er ihn zu sich bescheiden.
Aber Bruno war nicht daheim, war weggeritten, wie der Diener berichtete.
Weggeritten? – Aha! – »Sobald mein Sohn zurückkehrt, will ich ihn sprechen,« befahl er.
Sein Verdacht wurde damit zur Gewißheit: Bruno, von Egenolf dazu angestiftet, hatte Loder durch heimliche Aneignung des Schlüssels befreit und gab ihm nun zu Pferde das Geleit, bis der Flüchtige in Sicherheit war. Das sollte dem Aufsässigen, der mit seinen Feinden unter einer Decke zu stecken schien, übel bekommen.
Burkhard mußte geraume Zeit warten, bis Bruno vor ihm erschien, was ihn in eine immer gereiztere Stimmung versetzte. Er nahm sich vor, ihm die That auf den Kopf schuld zu geben, ihn damit zu überrumpeln und dermaßen zu verwirren, daß er nicht leugnen konnte.
So empfing er ihn denn mit der zornig barschen Frage: »Wohin hast Du Loder gebracht?«
»Wohin ich Loder gebracht habe? – Die Frage versteh ich nicht, Vater; was ist denn mit Loder?« erwiederte Bruno verblüfft.
»Thu nur nicht so, als wüßtest Du nicht, daß Loder auf und davon ist. Du hast ihm ausgeholfen,« fuhr Burkhard auf den Sohn los.
»Loder auf und davon? und ich ihm ausgeholfen?« Bruno schüttelte den Kopf und blickte seinen Vater verwundert, fast mißtrauisch an, als dächte er Gott weiß was von ihm.
»Leugne nicht! es nützt Dir nichts,« schrie Burkhard, kirschroth im Gesicht.
»Vater, ich höre in diesem Augenblick das erste Wort davon, daß Loder entflohen ist.« Bruno sagte das mit einer so unschuldigen Miene und einem so unbefangenen Tone, daß Burkhard stutzig und zweifelhaft wurde.
»Du kommst von einem Ritt nach Hause,« hub er nach einem kurzen Schweigen wieder an. »Wo warst Du?«
»Ich habe einen Ausritt in die Umgegend von Ottrott und Sanct Nabor gemacht.«
»Und hast von Loder nichts gesehen und gehört?«
»Nicht die Spur, Vater! ich versichere es Euch,« erwiederte Bruno noch immer ruhig. Aber trotz seiner heimlichen Freude über Loders Befreiung ward ihm schwül zu Muthe, denn ihm bangte vor dem weiteren Forschen seines Vaters nach dem Zweck und Ziel seines Rittes. Daß er mit Egenolf zusammengewesen war, durfte jener nicht erfahren.
»Hast Du unterwegs einen Bekannten getroffen? – ich meine zufällig, vielleicht einen unserer Freunde oder –«
Aber ehe Burkhard seine Frage vollenden konnte, kam dem nun wirklich in Verlegenheit Gerathenden eine unverhoffte Rettung, die ihn der Antwort überhob.
Die Thür ward aufgestoßen, und der Ritter Jost von Müllenheim trat unangemeldet und geräuschvoll herein. Er war mit seiner knochigen Gestalt fast einen Kopf größer als der untersetzte, stiernackige Burkhard, auf den er gleich zusprang. »Hallo, Burkhard, da bin ich!« rief er, dem Freunde kräftig die Hand schüttelnd, »gieb mir einen Schluck von Deinem Ottrotter Rothen, ich hab's nöthig und hab's auch verdient um Dich. Du weißt, was ich einen Schluck nenne.«
»Ich schaff' Euch ein Krüglein, Herr Pathe!« sprach Bruno, froh, mit so guter Gelegenheit seinem Vater entschlüpfen zu können.
»Thu das, mein Söhnlein! aber das Krüglein kann auch ein Krug sein,« rief Jost dem Enteilenden nach, »ich bin seit Sonnenaufgang im Sattel.«
»Ich habe heute noch keine Sonne gesehen,« sagte Burkhard in schlechter Laune. »Wo kommst Du denn her?«
»Von Girbaden, aber auf Umwegen,« erwiederte Müllenheim. »Zu Nacht war ich auf Burg Landsberg bei Henning. Dietrich von Lützelstein von der Frankenburg und Eckbrecht von Dürkheim waren bei ihm, und da ließen sie mich gestern Abend nicht mehr los von dem Faß neuen Geisberger, das sie angezapft hatten.«
»Also davon der Durst,« brummte Burkhard.
»Deine Freude über mein Kommen scheint mäßig,« bemerkte Müllenheim. »Was hast Du denn?«
»Blitzblauen Ärger hab' ich. Mir ist diese Nacht Einer ausgekommen, den zu halten mir viel werth war, der Pfeiferkönig.«
»Den Pfeiferkönig hattest Du eingelegt?«
»Ja; er brachte mir ein Geschreibsel von Schmasman, ich sollte mit dem Thiersteiner Frieden machen,« sagte Burkhard höhnisch. »Dabei kam es heraus, daß der Schuft, der Loder, mein Gespräch mit Dir über die Hohkönigsburg erlauscht und seinem gnädigsten Herren Wort für Wort überliefert hat. Zum Dank dafür ließ ich ihn einsperren, um ihn als Geißel gegen die Rappoltsteiner gebrauchen zu können, aber der Kerl ist mir entwischt; wie, das weiß der leibhaftige Satan, der dabei geholfen haben muß.« Darauf erzählte er seinem Gaste die Geschichte mit dem untergeschobenen Altweiberohr, worüber Müllenheim in ein schütterndes Lachen ausbrach.
»Du lachst,« sprach Burkhard stirnrunzelnd, »und auf der Ulrichsburg werden sie noch mehr lachen, wenn sie sehen, daß es nur eine List von mir war, weil ich wußte, daß es Schmasman nicht darauf ankommen lassen würde, seinen geliebten Pfeiferkönig dem Gehängtwerden auszusetzen, womit ich ihm bei der ersten Feindseligkeit gegen mich gedroht hatte. Der Loder war mir eine sichere Bürgschaft, so lange ich ihn als Geißel in meiner Gewalt hatte.«
»Geißel, Geißel gegen Rappoltstein! was soll denn das bedeuten?« fragte Müllenheim ungeduldig.
»Schmasmans Sohn heirathet die Rothe auf der Hohkönigsburg,« platzte Burkhard grimmig heraus.
»Was? Du hast wohl das Zipperlein zur Abwechselung einmal im Hirn statt wie sonst in den Zehen,« lachte Müllenheim wieder hell auf.
»Jawohl! der Schlag könnte Einen dabei rühren,« knirschte Burkhard in stickender Wuth. »Aber wahr ist's, und das Übrige kannst Du Dir an Deinen fünf Fingern abzählen.« Von dem auf der Hohkönigsburg abgeschlossenen, allen Streit beilegenden Vertrage der beiden Väter des jungen Paares, über den ihm Schmasman in seinem Briefe ausführlich berichtet hatte, sagte er dem Freunde kein Wort.
»Schockschwerenoth! das ist eine verteufelte Geschichte,« rief Müllenheim und that zur Stärkung auf den Schrecken einen tiefen Zug von dem Ottrotter, den er vor sich stehen hatte. Dann strich er sich ein paarmal seinen langen Schnurrbart und sagte: »Da wirst Du Dir wohl den Zahn auf die Hohkönigsburg ausziehen lassen müssen.«
»Fällt mir im Traume nicht ein; auf der Hohkönigsburg sollen sie nicht Hochzeit feiern,« fuhr Burkhard auf. »Vorausgesetzt, daß ihr, Du und die Anderen, nicht auch von mir abfallt wie Schmasman, der Verräther,« fügte er mit einem lauernden Blick hinzu.
»Das werden wir nicht, aber eine schwere Sache wird's, Burkhard,« erwiederte Müllenheim ernst und machte ein sehr besorgliches Gesicht dabei.
»Wenn ihr mir Treu und Glauben haltet, hat's keine Noth,« sagte Burkhard beruhigt. »Wie weit seid ihr mit euren Rüstungen?«
»Darum komme ich ja her, Dir darüber zu berichten,« sprach Müllenheim. »Wir sind alle zum Ausrücken bereit und warten nur auf Deinen Ruf. Wo sollen wir uns sammeln?«
»Nun, hier bei uns und in Klingenthal, Ottrott, Sanct Nabor, wo ihr Platz findet. Aber bist Du der Anderen auch wirklich ganz sicher, Jost?« fragte Burkhard noch einmal.
»Wie meiner selbst, Burkhard!« betheuerte Müllenheim. »Hättest mal Deinen Schwager Schaffried von Leiningen, bei dem ich vor zwei Tagen auf der Dagsburg war, und die Drei auf Schloß Landsberg hören sollen, wie sie über den Landvogt herzogen, den uns der Kaiser hier auf den Hals geschickt hat, als hätte er im ganzen deutschen Reiche keinen hochmüthigeren finden können. Sie wußten freilich ebenso wenig wie ich etwas von der Heirathsabrede und dem sich doch wahrscheinlich daraus ergebenden Bündniß zwischen Rappoltstein und Thierstein. Die Beiden zusammen mit ihren Freunden sind sehr stark, Burkhard!« fügte er mit erhobenem Finger warnend hinzu, »und gegen ihre vereinten Kräfte die Hohkönigsburg zu stürmen –«
»Wär' ein hartes Stück Arbeit, willst Du sagen; da hast Du Recht,« fiel Burkhard ein. »Mein Sohn ist ohne mein Wissen vor einiger Zeit einmal oben gewesen. Ich vermuthe, der Hansnarr hat sich dort einen Korb von der Rothen geholt. Bei der Gelegenheit hat ihn Thierstein aus freien Stücken und wahrscheinlich mit bewußter Absicht auf der ganzen Burg herumgeführt und ihm alle Werke gezeigt, die so gewaltig sein sollen, daß sie Bruno für unnehmbar hält.«
»Und doch willst Du sie berennen?«
»Nein, den Gedanken hab' ich aufgegeben. Wir müssen den Thierstein herauslocken und ihn mit seinen Verbündeten zur Feldschlacht zwingen.«
»Wie willst Du das anfangen?«
»Wir fallen in Rappoltstein'sches Gebiet ein und rauben, brennen und sengen so lange, bis sie uns entgegenkommen und sich uns zum offenen Kampfe stellen. Da sind wir ihnen gewachsen, hoff' ich, und haben wir sie geschlagen, so wird die Hohkönigsburg der Siegespreis, ohne den wir das Schwert nicht wieder einstecken,« sprach Burkhard mit einer bewunderungswürdigen Zuversicht.
Müllenheim wiegte nachdenklich das Haupt und sagte: »Es wäre vergeblich, Dir jetzt noch abzurathen, sonst thät' ich's; denn Hoffnung auf gut Gelingen hab' ich nicht, aber Du hast mein Wort, und ich lasse Dich nicht im Stich. Die Unsrigen sind alle wagemuthige Kampfhähne und freuen sich auf die Fehde wie die Mädels auf die Kirchweih, denn es ist ihnen schon viel zu lange Ruh und Frieden im Lande gewesen. Also nur drauf und dran und nicht mehr zögern damit!«
»Ist auch meine Meinung,« stimmte Burkhard zufrieden bei. »Ich will nur noch ein wenig kundschaften lassen, wie weit sie da drüben sind; dann schicke ich euch Allen schnell Botschaft, daß ihr kommen sollt.«
»Gut! laß uns nicht zu lange warten,« sagte Müllenheim und erhob sich. »Für heute lebewohl und auf Wiedersehen in Helm und Harnisch!«
»Wo willst Du von hieraus hin?«
»Heim nach Schloß Girbaden.«
»So begleit' ich Dich bis Klingenthal,« sprach Burkhard. »Ich habe dort in verstecktem Bau ein schlaues Füchslein sitzen, dessen Lichtern und Lauschern ich beim Spüren vertrauen kann.«
Er rief den Diener herbei und befahl ihm, satteln zu lassen. Bald darauf ritten die Beiden von Schloß Rathsamhausen selbander hindann.