XXIX.

Graf Oswald besann sich nicht lange, was er antworten sollte, als ihm einige Tage später die unerwartete Ankunft Josts von Müllenheim gemeldet wurde, der durch Isinger anfragen ließ, ob ihm der Herr Graf eine Besprechung unter vier Augen mit Burkhard verstatten wolle.

»Führe Herrn von Müllenheim zu mir herauf,« befahl er dem Stallmeister.

»Soll ich das Löwenthor hinter ihm schließen lassen?« frug Isinger.

»Nein, ich gewähre dem Ritter freies Geleit ein und aus. Sag' ihm das!« erwiederte der Graf.

Müllenheim hatte sich in seinem Vertrauen zu Oswalds ritterlicher Gesinnung nicht getäuscht, als er sich davor sicher glaubte, daß dieser ihn als noch unbefriedeten Gegner festhalten und einlegen könnte.

Oswald empfing ihn höflich wie einen Gast mit der zuvorkommenden Anrede: »Die Erfüllung Eures Wunsches ist selbstverständlich, Herr von Müllenheim, in der Voraussetzung, daß Ihr mit Herrn von Rathsamhausen nicht neue feindliche Pläne gegen mich schmieden wollt.«

»Keineswegs will ich das, Herr Graf!« versicherte Müllenheim. »Das Gegentheil davon ist die Veranlassung meines Erscheinens hier.«

»Desto angenehmer ist mir Euer Besuch,« sprach Oswald. »Darf ich Euch zu meinem wenig umgänglichen Gefangenen führen? ich werde Euch mit ihm allein lassen.«

Müllenheim verbeugte sich dankend und sagte: »Vorher nur noch ein Wort zur Aufklärung! Wisset, Herr Graf: erst nach dem Gefecht haben wir von Eurem Vergleich mit Maximin von Rappoltstein Kunde erhalten.«

»Graf Maximin hat ihn Euch verschwiegen?« frug Oswald verwundert.

»Nicht Maximin; er hat ihn Burkhard brieflich mitgetheilt. Dieser aber hat ihn uns, seinen Bundesgenossen, verheimlicht.«

»Das ist – verzeiht! eine ganz unverantwortliche Handlungsweise,« konnte Graf Oswald nicht umhin zu bemerken.

»Der Meinung bin auch ich,« stimmte Müllenheim zu. »Alles wäre anders gekommen, wenn wir das gewußt hätten. Aber Burkhard verfolgte seine eigenen Zwecke, die er uns verbarg.«

»Und hofft Ihr ihn bekehren zu können, daß er nun einen anderen Weg einschlägt?«

Müllenheim zuckte die Achseln. »Meine Neuigkeiten werden ihm wenig gefallen.«

»Was Ihr auch mit ihm zu reden haben möget, ich wünsche Euch einen besseren Empfang bei ihm, als sich Schmasman dessen zu rühmen hatte,« sprach Oswald.

»War Schmasman hier?«

»Ja, und Herr Burkhard hat ihm die Thür gewiesen.«

»Die Thür gewiesen? Na, das sollte der Grobsack mal bei mir versuchen!« lachte Müllenheim mit drohender Geberde. In verbindlichem Tone fügte er dann hinzu: »Darf ich nun bitten, Herr Graf?«

Oswald führte den Unerschrockenen bis vor Burkhards Gemach und verabschiedete sich dort von ihm. –

»Sei mir gegrüßt, Burkhard!« sprach Müllenheim, als er eintrat.

»Jost! Gottwillkommen!« rief Burkhard, dem Freunde entgegeneilend und ihm die Hand reichend. »Als wir uns zuletzt sahen, warst Du ein Gefangener wie ich; bist Du es noch? etwa bei den Rappoltsteinern? und haben sie Dir auf Ehrenwort Urlaub gegeben, mich zu besuchen? viel Gunst und Gnade von den hochedlen Herren!«

»Ich bin frei und komme gerades Weges von Girbaden, um Dir zu sagen –«

»Daß die Fehde guten Fortgang nimmt?« unterbrach ihn Burkhard freudig. »Das hör' ich gern.«

»Hast's aber noch nicht gehört und wirst's auch nicht zu hören bekommen,« sagte Müllenheim. »Die Fehde ist aus, Burkhard.«

»Jost! – Die Fehde ist aus? was soll das heißen?« fragte Burkhard, wie durch einen kalten Wassersturz ernüchtert und den Überbringer dieser Hiobspost steif und starr anblickend.

»Wir waren nach dem Gefecht im Weilerthal Alle bei Dietrich von Lützelstein auf der Frankenburg versammelt und haben uns dort nach gründlicher Berathung dahin geeinigt, mit Rappoltstein und Thierstein Frieden zu schließen, weil eine Fortsetzung des Kampfes nicht möglich ist,« erwiederte Müllenheim ernst und bestimmt. »Ich komme nun, um Dich zu bewegen, ebenfalls Deinen Frieden mit ihnen zu machen, damit Du frei wirst.«

»Da hättest Du ruhig zu Hause bleiben können; denn das thu ich nicht,« entgegnete Burkhard hochmüthig. »O ihr Treulosen! ihr – was sag' ich? ihr –«

»Nimm kein Blatt vor den Mund! ich bin etwas gewöhnt von Dir,« sprach Müllenheim gelassen.

»Also zu Kreuze kriechen wollt ihr, euch ducken und demüthigen vor Dem hier, feig und erbärmlich!«

»Jetzt sag' ich: hüte Deine Zunge, Burkhard! feig sind wir nicht,« gab ihm Müllenheim in rasch aufwallender Erregung zur Antwort.

»Feig seid ihr!« schrie Burkhard borstig und schlug derb mit der Faust auf den Tisch, an dem sie beide saßen.

Aber Müllenheim hieb noch fester auf und schrie noch lauter: »Sind wir nicht! Du hast falsches Spiel mit uns getrieben –«

Burkhard wollte wüthend auffahren.

»– hast falsches Spiel mit uns getrieben,« wiederholte Müllenheim zornsprühend, »hast uns hinterlistig verhohlen, welchen vernünftigen und guten Vergleich Schmasman mit dem Thiersteiner abgeschlossen hat, obwohl Du es wußtest, denn Schmasman hat es Dir geschrieben. Selbst mir hast Du diese wichtige Nachricht vorenthalten, als ich noch vor Beginn der Fehde bei Dir war. Ist das freundschaftlich, ist das ehrlich gehandelt? nein! tausendmal nein!«

»Ich habe Schmasmans Brief in meinem Ärger gleich nach dem Lesen verbrannt, weiß gar nicht mehr recht, was darin gestanden hat,« erwiederte Burkhard verlegen.

»O so etwas vergißt man nicht, und Du hattest bisher kein so durchlässiges Gedächtniß,« höhnte Müllenheim. »Meinst Du, wir wüßten nicht, warum Du es uns Allen verheimlicht hast? Weil Du uns mißbrauchen wolltest für Deinen ehrgeizigen Plan. Wir sollten uns für Dich an der Schildmauer der Hohkönigsburg die Schädel einrennen, damit Du über uns hinweg hier einziehen könntest als siegreicher Feldherr und Eroberer.«

»Du hast meinen Plan gekannt und gebilligt.«

»Gebilligt? niemals! gewarnt hab' ich Dich, und nie wäre es zu dieser Fehde gekommen, wenn Du uns reinen Wein eingeschenkt hättest statt uns so schmählich zu hintergehen. Du hattest, was Du mir ebenfalls verschwiegen hast, Schmasman versichert und gelobt, keine Sonderabsichten auf die Hohkönigsburg zu haben und hattest sie doch damals schon. Wie nennst Du das? ich habe nur ein Wort dafür, – willst Du es hören?«

»Sollte Thiersteins Beleidigung gegen mich ungerächt bleiben?« erwiederte Burkhard ausweichend, weil er das Wort doch lieber nicht hören wollte.

»Steigt ihr Zwei doch auf die Gäule, legt die Lanzen auf einander ein und zerschrotet euch mit den Klingen Helm und Harnisch,« rief Müllenheim. »Ich will mit Vergnügen zusehen, wenn es zwischen euch splittert und kracht.«

Burkhard stand auf und durchmaß das geräumige Zimmer kreuz und quer mit unruhigen, hastigen Schritten. Er wußte gegen Müllenheims ihm schonungslos ins Gesicht geschleuderte Vorwürfe nichts Stichhaltiges zu seiner Entschuldigung vorzubringen und würgte an den bitteren Pillen zum Ersticken.

Als er minutenlang geschwiegen hatte, fing Müllenheim wieder an: »Ich frage Dich, Burkhard, was soll aus Dir werden? Willst Du in Deinem überspannten Trotz hier verschimmeln und verfaulen statt Dir die Freiheit mit einem billigen Nachgeben zu erkaufen? Deinem alten Waffenbruder Schmasman hast Du schnöde die Thür gewiesen, die er Dir durch seine Vermittelung öffnen wollte. Wir Anderen rühren keine Hand und zäumen kein Roß mehr Deinetwegen, der Du in Deiner heillosen Verblendung und Verstocktheit dickköpfig beharrst, taub für Freundesrath und Vernunftgründe. Du bist in Thiersteins Gewalt; ich an seiner Stelle ließe Dich nicht in diesem behaglichen Gastgemach, sondern würfe Dich in das dunkelste Loch und machte Dich mit Hunger und Durst kirre, bis Du das Knie vor mir bögest und um Gnade flehtest.«

»Das thätest Du! aber Gott sei Dank weiß ich mich hier in ritterlicheren Händen als in den Deinigen,« brauste Burkhard grimmig auf.

»Ah! in ritterlichen Händen! also zu der Einsicht bist Du doch schon gekommen, daß Du hier in der Gewalt eines ritterlichen Mannes bist. Das wäre ja ein sehr erfreulicher Fortschritt Deiner mangelhaften Erkenntniß.«

»Man kann sich in seinen Feinden wie in seinen sogenannten Freunden irren,« gab ihm Burkhard bissig zum Bescheid. »Du überschüttest mich mit kränkenden Worten, willst aber keine Hand für mich rühren und läßt mich elend im Stiche.«

»Tod und Teufel! was soll ich denn machen?« wetterte Müllenheim. »Es ist doch Deine Schuld, daß Du hier festsitzest. Kann ich Dich aus dem Fenster auf meinem Rücken durch die Luft tragen? Du bist ein verlorener Mensch und kommst im Leben nicht wieder los, wenn Du nicht das Wörtlein Frieden über die Lippen bringst.«

»Eh ich das thue, will ich verrecken!« schrie Burkhard, die Fäuste ballend und nach seiner Gewohnheit mit dem Fuß auf den Boden stampfend.

»Nun, dann bin ich fertig mit Dir und gebe Dich auf,« sprach Müllenheim und erhob sich. »Ich wünsche Dir eine dauerhafte Geduld. Sollte jedoch dieser bei Dir ohnehin sehr schwache Faden einmal reißen und Dich die Laune anwandeln, Dich frei zu machen, so weißt Du, wo Du mich zu suchen hast. Auf Schloß Girbaden sehen wir uns wieder, sonst nie und nirgend mehr.«

Damit schritt er, ohne dem Zurückbleibenden die Hand zu reichen, zur Thür hinaus, die er dröhnend hinter sich zuwarf. –

»Von den Einen bestürmt, von den Anderen verlassen!« sprach Burkhard, als er wieder allein war. »Meinen Stolz soll ich verleugnen, meine Schuld soll ich bekennen. Worin besteht denn meine Schuld? eine Beleidigung rächen, meinen Nacken nicht unter das Joch beugen zu wollen, ist das ein Verbrechen, das ich zu büßen hätte? Die Hohkönigsburg! – wenn wir sie im Kampfe bezwungen hätten, warum sollte dann ich sie mir nicht nehmen eher als ein Anderer? Wir Rathsamhausen sind die Ältesten im Wasgau, mir käme sie zu. Nun wird sie niemals mein werden. Daß ich den Genossen verschwiegen habe, was ich wußte, das ist das Recht eines Jeden, der als Feldoberster allein zu gebieten und zu entscheiden hat. Und ich war der Führer der Anderen, die sich mir gesellt, sich mir untergeben hatten; ich hatte für sie zu denken, für sie zu handeln und brauchte sie in meine Maßnahmen und Pläne nicht einzuweihen. Erkaufen und erbetteln soll ich mir die Freiheit, sie wie ein Gnadengeschenk aus der Hand des Übermüthigen hinnehmen und mich auch noch dafür bedanken. Nichts in der Welt kann mich dazu bewegen, wenn es das Eine nicht thut, das Furchtbare, Grausige. Das hält mich umstrickt und läßt mich nicht los und raubt mir den Schlaf, immer und immer umschwebt es mich.« Stöhnend warf er sich in einen Sessel und verhüllte das Gesicht, als könnte er sich so vor dem Anblick von etwas Schrecklichem schützen.

In der nächsten Nacht schlief er fast gar nicht. Er hatte gegen Abend von seiner Gemahlin einen Brief erhalten, worin ihn Frau Stephania mit den innigsten Worten und Vorstellungen anflehte, doch nachzugeben und Frieden zu schließen, damit er frei würde und wieder zu ihr käme. Sie verginge in Ängsten um ihn; auch Bruno und die in der Lützelburg sorgten sich seinetwegen, selbst das Burggesinde, vom Ersten bis zum Letzten, früge in treuer Anhänglichkeit fast täglich, wie es mit ihm stünde, wann er denn zurückkehrte.

»Auch das noch!« seufzte Burkhard, als er den Brief gelesen hatte. »Armes Weib! sie jammert mich. Unter heißen Thränen hat sie das geschrieben, da sind die Tropfen. Und ich kann nicht, ich kann nicht! ich bringe es nicht über mich, den einzigen Schritt zu thun, der mir die Freiheit wiedergiebt, die Freiheit, nach der ich mich sehne, nach der mein Herz dürstet und schreit wie der Hirsch im Walde.«

So blieb denn Alles beim Alten, und Schmasman hatte Recht, als er zu Oswald gesagt hatte: »Nicht Freund, nicht Bruder, nicht Weib und Kind können den Trotz dieses Unbeugsamen brechen.« –

Pater Eusebius kam jetzt nur noch jeden dritten Tag. Heute war der zweite nach seinem letzten Besuch, morgen also mußte er wieder kommen.

Er erschien auch zur gewohnten Zeit, prüfte die verharschende Wunde nur flüchtig und sagte dann: »Herr von Rathsamhausen, ich brauche nun nicht mehr zu kommen, denn ich kann Euch nichts mehr nützen. Eure völlige Heilung wird die allgütige Mutter Natur besorgen auch ohne meine jetzt überflüssige Hilfe. Nur Schonung ist noch nöthig, die ich Euch dringend empfehle.«

»So nehmet meinen Dank, ehrwürdiger Pater,« sprach Burkhard, »nur den aufrichtigen, mündlichen Dank eines armen Gefangenen, der nichts hat als Worte. Ihr habt mich sorglich gepflegt, und ich will es Eurem Kloster entgelten, sobald ich frei werde, oder auch schon früher durch die Meinigen daheim.«

Aber Eusebius ging noch nicht, und Burkhard merkte ihm an, daß er noch etwas auf dem Herzen hatte. »Herr von Rathsamhausen,« begann er in seiner sanften Weise, »ehe ich von Euch scheide, habe ich Euch noch etwas zu sagen, etwas, womit ich Euch, so lange Ihr zu leiden hattet, nicht beschweren wollte. Ich bin nicht bloß Arzt, ich bin auch ein Diener der heiligen Kirche, des Glaubens und der christlichen Liebe. Ich bitt' Euch, höret mich ruhig an, edler Herr,« fuhr er fort, als Burkhard bei dieser Einleitung die Stirne krauste. »Ich will hier nicht als Euer Beichtiger auftreten, der ich nicht bin, will nicht rechten mit Euch, nicht mit Strafen des Himmels und der Hölle drohen. Denket, ein alter Freund spräche zu Euch, dem Eurer Seele Heil am Herzen liegt. Macht Frieden, Herr! Frieden mit Euch, mein' ich, gebt Euch selber den Frieden zurück, den Ihr – ich weiß es – schwer entbehrt. Ich frage nicht nach Eurem Streite mit anderen ritterlichen Herren, alles Weltliche liegt mir fern. Ist Euch Unrecht geschehen, so suchet Euer Recht auf gütlichen Wegen, und könnt Ihr es nicht finden, so laßt Den da oben richten und schlichten.«

»Ihr meint es gut, Eusebius,« erwiederte Burkhard, »aber sparet die Mühe, Ihr könnt mir auch hierbei nicht nützen und helfen. Nicht das Kreuz, nur das Schwert kann mich erlösen und mir den Weg in die Freiheit bahnen.«

Der Alte schüttelte langsam das geschorene Haupt und den wallenden Bart. »Weiset mich nicht ab, lieber Herr!« hub er von Neuem an. »Ich möchte Euch den Stachel aus der Brust ziehen und alle Feindschaft, die Ihr dort heget, mit der Wurzel ausreuten. Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, hat ein weiser, ein göttlicher Mund gesprochen, und Der uns diese Lehre hinterlassen, hat sie mit seinem Blute besiegelt. Thut nach seinem Gebote, Herr, eh es zu spät ist, damit Ihr es in Eurem letzten Stündlein nicht zu bereuen habet, damit Eure Seele nicht schuldbeladen von hinnen scheidet und Ihr nicht unversöhnt mit Euren Widersachern hinüber fahret ins Jenseits, wo man nichts weiß von Kampf und Zwietracht, wo ein ewiger, seliger Friede waltet. Wer aber hier nicht Frieden hält und Frieden stiftet, der findet auch da drüben keinen, und die Ewigkeit ist lang, ach! endlos lang. Bedenket, Herr, jeden Tag könnt Ihr abberufen werden aus diesem Erdenleben, und Eure Rechnung hienieden muß beglichen, Euer Gewissen muß rein sein, wenn der Tod kommt und Euch seine kühle Hand aufs Herz legt, daß es still steht und aufhört zu schlagen, zu hoffen, zu fürchten und zu hassen. Macht Euch den Abschied vom Irdischen einmal leicht, Herr! ich sage Euch, ein unbußfertiger Tod ist ein schrecklicher Tod; graut Euch davor nicht? Und dann, – was soll werden mit Euch, wenn dereinst die Posaunen erschallen und die Todten auferstehen zum jüngsten Gericht?«

»Mach' ein Ende, Mönch!« rief Burkhard angstvoll aus, »Du marterst mich mit Deinen Litaneien, und ich will noch nicht sterben.«

»Ich gehe, Herr,« sprach Eusebius. »Der allmächtige Gott erleuchte Euren Sinn und lenke Euer Herz, er sei Euch gnädig in Zeit und Ewigkeit!« Und nach dem Zeichen des Segens verließ er den Zerknirschten.

Burkhard saß, den Arm auf den Tisch gestützt und die Stirn in die Hand gelegt. »Liebet eure Feinde!« murmelte er, »unser Heiland hat es gesagt, aber noch hab' ich Keinen gekannt, der das vermocht hätte. Wie soll ich es anfangen, der sein Leben lang auf einen Schlag immer zwei zurückgegeben hat? Ich kann für meine Feinde nicht flehen: Herr vergieb ihnen! weil ich ihnen selber nicht vergebe und auch von ihnen keine Vergebung verlange. Wenn der Tod kommt, – ja, der läßt sich nicht die Thüre weisen, der packt und schüttelt die Armesünderseele mit seinen Schauern und Schrecken, daß sie zittert und bebt. Sollte das Scheiden leichter sein, wenn man mit aller Welt in Frieden dahingeht? Wer giebt mir Antwort darauf? Ich habe dem Tode oft genug ins Auge gesehen, draußen im Feld, hab' ihn nie gefürchtet, bin ihm hoch zu Rosse, das Schwert in der Faust, entgegengestürmt im fröhlichen Reitergefecht. Aber im Bette, wenn man machtlos liegt wie gefesselt und fühlt, daß er kommt, daß er jeden Tag, jede Stunde einen Schritt näher heranschleicht, Einen abzuholen ins Dunkle, Unbekannte, in ein unverbürgtes Jenseits, von dem kein Mensch weiß, was seiner dort wartet, – davor hab' ich Angst, Angst wie das Kind vor der Ruthe. Wenn ich mir die von der Seele herunterbeten, mich von ihr loshandeln könnte, kein Preis wäre mir zu hoch dafür.«

Immer einsamer ward es um den Gefangenen. Seine Freunde Jost und Schmasman, die er hart vor den Kopf gestoßen hatte, kamen nicht wieder. Der gute Pater Eusebius, der sich stets eine Weile freundlich mit ihm unterhalten hatte, blieb von jetzt an auch weg. Nun sah er Niemand mehr außer dem Thierstein'schen Burgmann, der ihn bediente. Tag und Nacht war er allein in den geschlossenen vier Wänden, allein mit dem bohrenden Groll über sein Schicksal, der nagenden Sorge um seine Zukunft und der brennenden Sehnsucht nach der Freiheit. Diese Drei sogen an seinem Lebensmark wie eine zehrende Krankheit und brachten den an rastlose Bewegung und unbeschränkte Bethätigung seiner Kraft und seiner leidenschaftlichen Gemüthsart Gewöhnten, nun aber zum trost- und hoffnungslosen Ausharren Verdammten an den Rand der Verzweiflung. Legte er sich Abends zur Ruhe nieder, so fand er sie doch nicht. Die Augen konnte er wohl schließen, aber die Gedanken aus seinem zerwühlten Gehirn nicht aussperren. Immer klangen ihm die mahnenden Worte des Paters Eusebius vom letzten Stündlein und vom jüngsten Gericht in den Ohren. Kein Anderer hatte ihm so ans Herz gegriffen wie dieser frommgläubige Mönch.