XXVI.
Die Nachricht vom Aufbruch der Rathsamhausen'schen Streitmacht war nach den nächsten Burgen und überallhin, wo reisiges Volk lagerte, am Abend noch verbreitet worden, und in der Nacht brachte ein anderer Fahrender noch die Kunde, daß der Feind von Eichhofen auf Thannweiler zöge. Graf Wilhelm von Rappoltstein behielt also Recht mit seiner Vermuthung, daß der Zusammenstoß im Weilerthal stattfinden würde.
Zur Ausführung seines im Kriegsrath entworfenen Schlachtplanes thaten die Verbündeten nun das, was jedem als besondere Aufgabe zugewiesen war. In der Morgenfrühe rückten die Thiersteiner über Kinzheim nach Kestenholz, wo Fleckenstein, von Schlettstadt kommend, sich ihnen anschloß und sich über Scherweiler auch Kageneck und Hattstadt mit ihnen vereinigten. Diese vier stattlichen Haufen besetzten unter Fleckensteins Befehl den Ausgang des Weilerthales, gingen aber nicht weiter vor, um den Rappoltsteinern Zeit zu lassen, die Mündung des Leberthales in das Weilerthal zu erreichen, kurz nachdem der Feind diesen Punkt überschritten hatte.
Fleckenstein mußte hier, sehr gegen seinen und seiner Gefährten Wunsch, wohl eine Stunde lang unthätig halten, ehe ihm die zum Kundschaften ausgesandten Reiter das Vorrücken des Feindes meldeten, aber mit seiner Ungeduld wuchs auch seine Hoffnung, daß die Rappoltsteiner, durch diese Verzögerung begünstigt, rechtzeitig auf dem Kampfplatz erscheinen würden.
Das Thal war, sich seinem Ausgang ins Flachland nähernd, sehr breit und bot mit seinen ebenen Feldern und Wiesen Raum genug zur Entwickelung eines größeren Gefechts, dessen Beginn, nachdem sich die beiden Heerhaufen erblickt hatten, nun endlich zu gewärtigen war.
Schon von fern erkannte Fleckenstein, daß der Feind seine Reiterei als erstes Treffen vor dem Fußvolk führte, während er selber seine Mannschaft in einem einzigen Treffen aufgestellt hatte, das Fußvolk in der Mitte und die Reiterei auf beiden Flügeln, eine Anordnung, die ihm bei seinem nun erfolgenden Angriff sehr zu Statten kommen sollte.
Als sie sich nahe genug waren, stürmten die beiderseitigen Reiterschaaren gegen einander an, und die Rathsamhausen'schen wurden von den Fleckenstein'schen wie von zwei Armen umfaßt, so daß sie sich nach rechts und links wehren mußten.
Es war ein harter Anprall, den sie zu bestehen hatten, aber sie hielten ihn aus und waren nicht zum Weichen zu bringen. Die Ritter suchten die Ritter in diesem Reiterkampfe, der sich immer hitziger entspann und das Thal mit lautem Getöse von Eisenklirren, Rufen, Schnauben und Stampfen erfüllte. Nun kam auch das Fußvolk heran, und es entstand ein heftiges Scharmützel zwischen ihm und den Berittenen; alle regelrechte Schlachtordnung war aufgelöst, man schlug und stach wild auf einander los, und Blut floß auf beiden Seiten reichlich.
Burkhard spähte rachgierig nach Oswald von Thierstein aus, um sich tödtlich mit ihm zu messen, konnte ihn aber nicht entdecken, weil er sich an anderer Stelle mit Jost von Müllenheim herumschlug, bis ihm Johann von Kageneck zu Hilfe kam, so daß Müllenheim weichen mußte. Isinger hielt sich soviel wie möglich an seines Herren Seite, ward aber mehrmals von ihm abgedrängt und gerieth zuweilen in mißliche Lage, aus der er sich jedoch stets tapfer wieder heraushieb.
Das hin und her wogende Gefecht kam allmählich zum Stehen, begann sogar für die Fleckenstein'schen eine üble Wendung zu nehmen, weil diese, ohne die Rappoltsteiner, der Rathsamhausen'schen Macht nicht gewachsen waren. Plötzlich aber lichteten sich deren Reihen. Hinter ihnen erhob sich ein verworrenes Geschrei, und gleich darauf drang deutlich vernehmbar Waffenlärm daher, ein Zeichen, daß jetzt auch dort gekämpft wurde. Die Rappoltsteiner waren dem Feinde in den Rücken gefallen und griffen mit frischen Kräften in das Gefecht ein, das nun eine ganz andere Gestalt annahm und sich an zwei Stellen des Thales zugleich entfaltete. Burkhard erkannte sofort, wessen Werk diese wohlberechnete Taktik war, und jagte, eine Schaar der Seinigen mit sich fortreißend, auf die Rappoltsteiner zu.
In dem nun entstehenden, sich über einen weiten Raum ausdehnenden Getümmel begegneten sich Egenolf und Bruno und wechselten, Jeder den Anderen erkennend, eine Anzahl mustergültiger Fechterhiebe, die alle mit geschickter Deckung aufgefangen wurden. Dann nickten sie sich lachend zu und stoben auf Gegner los, die sie nicht schonen wollten. Nun konnten sie doch sagen, daß sie heldenhaft mit einander gekämpft hätten.
Burkhard bemühte sich, Alle, die ihm gefolgt waren, zu einem entschiedenen Angriff oder geschlossenen Widerstande zu sammeln, was ihm aber in dem wirren Durcheinander nicht glückte. Er konnte nur mit einer verhältnißmäßig geringen Zahl beherzter Draufgänger ein paar verzweifelte Vorstöße unternehmen, die aber stets zurückgewiesen wurden, so daß er sich nun auf verstreute Einzelgefechte beschränkte, wo er die Gelegenheit dazu ersah. Schmasman wollte er vermeiden wie dieser ihn, weil keiner von beiden sein Schwert mit dem Blute des alten Freundes färben wollte. Aber auf Wilhelm von Rappoltstein hatte er es in seinem Grimm über dessen gelungene Umgehung und verderbenbringenden Überfall desto böswilliger abgesehen. Wüthend rannte er ihn an, als er ihn erblickte, und zwischen beiden entspann sich ein erbitterter Zweikampf, aus dem Graf Wilhelm endlich als Sieger hervorging. Ein gewaltiger Schwerthieb des Letzteren durchschlug das Riemenzeug an Burkhards Panzer und drang, das Schlüsselbein brechend, ihm tief in die linke Schulter, sodaß Burkhard im Sattel wankte und kampfunfähig vom Pferde zu Boden sank.
Die Rathsamhausen'schen, von vorn und von hinten zugleich bedrängt, wurden überwältigt, zersprengt, in die Flucht getrieben, Verwundete und Todte auf dem Schlachtfelde zurücklassend. Der Kampf war zu Ende, und der ihn heraufbeschworen hatte, blieb als Gefangener in den Händen der Sieger.
Man nahm ihm den Harnisch ab und öffnete das Wams, um seine stark blutende Wunde nothdürftig zu verbinden, was Isinger mit Geschick vollbrachte. Weit mehr aber als diese Wunde schmerzte den Trotzigen die erlittene Niederlage. Er warf einen langen Blick auf Schmasman, wie wenn er sagen wollte: Hättest Du mir Wort gehalten, was Du gelobt hattest! Dann lag er, von Bruno gestützt, ganz still und gab auf keine Frage mehr Antwort. Wie innerlich gebrochen stierte er halb finster, halb träumerisch ins Leere, als wäre sein Geist mit etwas weit Abliegendem, Geheimnißvollem beschäftigt, das ihn der Gegenwart entrückte.
Für ihn selbst und seine Freunde war die Gefangennahme Burkhards ein geradezu vernichtender Schlag, für die Thierstein'schen Verbündeten dagegen ein Gewinn von so großer Bedeutung, daß er ihnen die herben Verluste, die auch sie erlitten hatten, vollständig aufwog.
Unter den wenigen Gefangenen ritterlichen Standes befand sich auch Jost von Müllenheim, der statt zu fliehen so lange bis aufs Äußerste gekämpft hatte, bis er, unentrinnbar umzingelt und leicht verwundet, sich ergeben mußte. Schmasman berieth nun mit den beiden siegreichen Feldhauptleuten, was mit den Gefangenen geschehen sollte. Sie waren alle drei abgesessen und standen etwas entfernt von der Gruppe, die den am Boden liegenden Burkhard umringte.
Graf Wilhelm von Rappoltstein drang darauf, Müllenheim nach Hohrappoltstein zu bringen und dort so lange einzusperren, bis mit sämmtlichen Besiegten Abrechnung gehalten und Friede geschlossen war.
Diesem Vorschlage trat auch Friedrich von Fleckenstein bei, indem er seine Zustimmung damit begründete, daß man schneller zum Friedensschluß gelangen würde, wenn man die beiden bedeutendsten und gefährlichsten Gegner in Haft nähme, denn daß Burkhard, der Anstifter und unablässige Hetzer der Fehde, festgesetzt werden mußte, war außer Frage.
Schmasman aber widersprach der Einlegung des mächtigen Schloßherren von Girbaden, darauf hinweisend, daß Müllenheim der Einzige wäre, der bei Burkhard zuweilen Gehör fände und deßhalb bei den Verhandlungen mit dem Störrigen als Vermittler wirken könnte. Nur sein ritterliches Selbstgefühl, das sich gegen die Ansprüche des Grafen Thierstein kräftig auflehnte, und seine Anhänglichkeit an Burkhard hätten ihn vermocht, sich an der Fehde zu betheiligen und des Freundes ehrgeizigen Plänen Vorschub und Beistand zu leisten. Daß er nun auch gegen die Rappoltsteiner kämpfen mußte, wäre nicht sein Wunsch und Wille, sondern die natürliche Folge der inzwischen eingetretenen Ereignisse gewesen, welche die Rappoltsteiner zu Verbündeten Thiersteins gemacht hatten.
Das Alles hielt Schmasman den beiden Anderen in nachdrücklicher Weise vor und setzte es durch, daß wie die übrigen Gefangenen, sammt Burkhards Sohn Bruno, auch Müllenheim freigelassen und ihm nicht einmal Rüstung, Waffen und Pferd abgenommen wurde.
Bis auf Bruno, der seinen schwer verwundeten Vater noch nicht verlassen wollte, verabschiedeten sie sich alle von Burkhard, dem sie Worte des Trostes, einige von ihnen auch solche der Hoffnung auf einen günstigen Fortgang der Fehde zuflüsterten, und folgten dann ihren geschlagenen Genossen das Weilerthal hinauf nach.
Bevor Müllenheim abritt, zog ihn Schmasman, der den äußerlich Derben und Rauhen als einen rechtschaffenen, klugen und besonnenen Mann schätzte, noch in ein längeres Gespräch ohne Zeugen. Er verständigte ihn, da jener zu seinem größten Erstaunen noch gar nichts davon wußte, über seinen mit Oswald von Thierstein geschlossenen Vertrag, den er Burkhard brieflich und seinen Verbündeten mündlich mitgetheilt hätte und der von den letzteren allseitig gutgeheißen worden wäre. Müllenheim billigte die getroffenen Vereinbarungen durchweg als die auch ihm willkommene, beste Schlichtung des leidigen Streites. »Hätt' ich das nur früher gewußt!« rief er aus, »Burkhard hat mir kein Wort davon gesagt, aber jetzt weiß ich auch, was ich zu thun habe.«
Dann schüttelten sie sich die Hände und schieden von einander, nun nicht mehr Feinde. Müllenheim schwang sich in den Sattel und trabte den Seinigen nach.
Für Burkhard wurde auf dem Untergestell eines eroberten Wurfgeschützes, auf dem er gefahren werden konnte, ein Lager hergerichtet, und Niemand erhob Widerspruch gegen das Verlangen des Grafen Oswald von Thierstein, ihn unter Isingers Obhut auf die Hohkönigsburg zu bringen. Als Burkhard dies hörte, flog ein unwilliges Zucken über sein Gesicht. Auf die Hohkönigsburg sollte er! Das war von Allem das Schwerste, was er bei seinem tiefen Falle zu tragen hatte, doch er schwieg.
Bruno richtete an den Grafen Oswald die Frage: »Wollt Ihr mir gestatten, Herr Graf, meinen Vater bis auf die Hohkönigsburg zu begleiten?«
»Sehr gern, Jungherr Bruno!« erwiederte Graf Oswald, »und ein Reitender soll sogleich den Klosterarzt von St. Pilt aufs Schloß bestellen.«
»Ich danke Euch, Herr Graf!« sagte Bruno. »Nachdem ich meinen Vater hinaufgebracht, werde ich heimreiten, um meine Mutter zu beruhigen.«
Als sich der Zug mit dem Verwundeten unter Bedeckung von Reisigen in Bewegung setzte, trat Egenolf noch an Bruno heran und sprach leise zu ihm: »Ich werde thun, was ich kann, Bruno, daß die alte Freundschaft unserer Väter wieder lebendig werde.« Ein stummer Handdruck Bruno's dankte ihm.