In die Wüste

„Land voraus!“

Dunkel hebt sich in der Ferne ein langgestreckter Streifen aus der See. Höhenzüge wachsen aus ihm hervor, die dunkle Farbe wird heller und geht allmählich in Gelb über. Der Wüstensand Arabiens. Zweiundachtzig Tage Seefahrt liegen hinter den „Weddigen“-Leuten, an sechstausend Seemeilen sind zurückgelegt. Alle Fährlichkeiten hat das morsche Fahrzeug glücklich überstanden: Heiße Tropensonne, die das Pech in den Decksnähten schmelzen ließ, den Mauritius-Orkan, die Windstillen. Wie ein Traum ist es ihnen, daß da, in fast greifbarer Nähe das Land liegt, nach dem sie strebten.

Näher kommt die Küste, deutlicher treten die Einzelheiten hervor. Langgezogene Dünen, hie und da niedriges Buschwerk. Einsam, verlassen scheint die Gegend. Unter Land brandet die See. Hier ist ein Anlegen zu gefährlich. Parallel zur Küste läuft „Weddigen“ eine Stunde lang westwärts. Überall glänzt drüben der gelbe Sand, über dem die heiße Sonne brütet. Zwischen zwei riesigen Dünen springt die Küste zurück. Gerade als das Schiff vor der Einbuchtung steht, hebt sich vom hellen Hintergrunde eine Gestalt ab. Ein Beduine. Ruhig, unbeweglich hält er auf seinem Hedschin (Reitkamel), nicht einen Augenblick läßt er das Fahrzeug, auf dem in diesem Moment die rote Flagge mit dem Halbmond hochgeht, aus dem Auge. Kapitänleutnant von Möller hält auf Land zu. Vorsichtig nähert sich der Schoner der Küste an einer Stelle, wo das Fehlen der Brandung günstige Gelegenheit zum Auflaufen bietet. Leise knirscht der Sand unter dem Kiel, einige kleine Rucke, das Schiff steht. Kaum hat der Kamelreiter bemerkt, daß die Fremden, deren Flagge er sofort erkannt hat, ans Land laufen, als er sein Tier in Bewegung setzt. In jagender Fahrt kommt er heran.

„Ta’al labaun!“ Schallt die Stimme des Said Achmad ihm entgegen. „Komm her!“ Ein Stutzen drüben über den wohlverstandenen Zuruf, dann wirft er die Hand hoch und kommt näher an den Strand heran. Bis auf fünfzig Meter; dann hält er. Mißtrauische Blicke schweifen aus dunklen Augen herüber, schußbereit liegt das Gewehr in der Hand. Said Achmad ist inzwischen an Land gewatet und auf den Beduinen zugegangen. Eine Viertelstunde dauert die Unterhaltung, dann kehrt er zurück, während der Reiter sein Tier wendet und zwischen den Dünen verschwindet.

Die Nachrichten, die Said bringt, sind überaus erfreulich. Die Stämme längs der Küste sind bis kurz vor Aden türkisch gesinnt. Gern wollen sie die Deutschen nach Lahadsch, wo sich General Said-Pascha, der Kommandeur der gegen Aden angesetzten türkischen Streitkräfte, befindet, bringen. Eine Stunde vergeht, dann tauchen zwischen den Dünen zahlreiche Reiter auf. Allen voran ein alter Beduine, der durch sein Äußeres schon den höheren Rang verrät. Weiße Gewänder, hohe rote Saffianstiefel: der Scheich. Bis dicht vor „Weddigen“ kommt er heran. Einige rauhe Kehllaute, das Kamel sinkt auf die Knie. Elastisch springt der Alte aus dem Sattel und nähert sich Said, der ihm entgegenkommt. Abermals eine kurze Verhandlung, dann winkt der Scheich seine Begleiter heran. Zwölf Männer sind es. Alles schlanke, sehnige Gestalten, die braunen Gesichter mit den scharfen Zügen vom weißen Burnus malerisch umrahmt. Auch die Deutschen verlassen jetzt das Schiff und v. Möller tritt auf den Scheich zu; der streckt ihm die Hand entgegen, heißt ihn Willkommen und erklärt sich gern bereit, ihn unter seinen Schutz zu nehmen und für sicheres Weitergeleiten nach Lahadsch zu sorgen. Ein Befehl an seine Leute, und sieben Hedschins werden herbeigeführt. Zum Transport des Gepäcks sind vier Lastkamele vorgesehen.

Jetzt heißt es Abschied nehmen von dem kleinen Schiff, das sie wacker bis hierher geführt hat. Schwer nur trennen sich die Blicke von dem Fahrzeug, das ihnen durch drei Monate eine Heimat war. Vor ihnen aber liegt das große Ziel. In einer Stunde ist alles, was mitgenommen werden soll, an Land und auf die Tiere geladen, der Rest der Bestände und das Schiff selbst wird dem Scheich als Geschenk überlassen.

Schwierig fällt zuerst die Einschiffung an Bord der Kamele. Es geht nicht ganz ohne erheiternde Zwischenfälle ab. Schließlich aber setzt sich die Karawane doch westwärts in Marsch in die Wüste. Ein letzter Blick noch von der Höhe einer Düne gilt „Weddigen“, dessen weißer Rumpf und dunkle Masten sich deutlich abheben, dann verschwindet er.

Die Sonne geht unter, plötzlich, ohne Übergang. Weiß schimmern die Dünen im Lichte des Mondes, wie verschneite Landschaften. Bald auf Hügel klettern die Tiere, sausen talwärts, dann wieder führt der Weg durch das Geröll eines Wadi. Grünes Gestrüpp hebt sich ab, spärliche Grasnarben, um wieder nacktem, gelbem Sande Platz zu machen. Stundenlang. Der Scheich, der an der Spitze trabt, wirft den Arm in die Höhe. Rast. Den deutschen Seeleuten, die des Kamelreitens so gänzlich ungewohnt sind, bildet die Unterbrechung, wenn sie auch nur kurz währt, eine wahre Erlösung. Kaum haben sie die müden Glieder ausgestreckt, heißt es schon wieder in kühnem Schwunge auf die Kamele hinauf und weiter, in den heranbrechenden Morgen. Furchtbar eintönig und dennoch großartig in dieser grenzenlosen Einsamkeit wirkt die Landschaft. Dünen, Sand, selten, äußerst selten nur um eine Wasserstelle Gesträuch oder kleine arabische Niederlassungen. Armselige Hütten und Zelte, vor denen Ziegen, Kamele und Hunde sich herumtreiben. In der ärgsten Mittagshitze wird gerastet. Die Wüste dörrt aus. Viel Fett haben die zweiundachtzig Tage Seefahrt den „Weddigen“-Leuten nicht gelassen, was übrig blieb, zehrt nun die heiße arabische Sonne.

Lahadsch. Weit vor Kapitänleutnant von Möller und seiner Schar ist die Kunde vom Nahen der Deutschen vor ihnen hergeeilt. Türkische Offiziere kommen ihnen entgegen und geleiten sie zum Pascha, der sie auf das herzlichste willkommen heißt und sie zu ihrer Fahrt beglückwünscht. Die türkischen Kameraden können von den Erlebnissen der sechs Deutschen nicht genug hören. Wieder und immer wieder müssen sie erzählen. Was sie ihnen an den Augen ablesen können, tun sie, noch lange bevor der Wunsch ausgesprochen ist. Wie ein Lauffeuer geht die Kunde durch die ganze Gegend, auf den Straßen werden die Alemans angehalten, begrüßt, bewundert.

Am nächsten Tage führt Said-Pascha sie mit hinaus an die Front. In harten Kämpfen haben die Türken ihre Linien näher und näher an Aden herangeschoben, den Engländern in blutigem Ringen den Küstenstreifen Hadramaut entrissen. Einen Augenblick tritt die Versuchung heran, hierzubleiben und an der Seite des Bundesgenossen zu kämpfen. Eine Granate aus englischem Geschütz heult heran, bohrt sich in den Sand, der sich in hoher Wolke erhebt und explodiert mit berstendem Krach. Der erste feindliche Gruß. Hier wird gekämpft wie im fernen Europa, im Osten und Westen, gegen den gleichen Feind. Und weiter hinaus noch, durch die grüne Nordsee pflügen die stählernen Kiele das Meer. Dort ist ihr Platz, ihr endgültiges Ziel. Nur nicht zu spät kommen zur großen Entscheidungsschlacht.

Ungern nur läßt Said-Pascha sie ziehen, nur zu gut versteht er aber, welche Gefühle es sind, die die deutschen Seeleute vorwärtstreiben, der Heimat zu. Alles, was in seinen Kräften steht, ihnen den Weg zu erleichtern, geschieht, und sein Offizierkorps wetteifert mit ihm. Nach wenigen Tagen ist alles bereit, Maultiere, Proviant, Führer und Begleitmannschaften. Am 18. März setzt sich nach feierlicher Verabschiedung der Zug in Bewegung. Das Ziel ist Sana, die Hauptstadt des Jemen. Über das fast zweitausend Meter hohe Engrisgebirge windet sich der Pfad. Kahl und öde ist das Gestein, verwittert und ausgedörrt. Ein Flimmern und Flirren geht unter dem glühenden Sonnenbrande von ihm aus, daß sich die Augen geblendet schließen. Selten nur zeigen sich in geschützten Tälern spärlicher Pflanzenwuchs und armselige Hütten. Wenige Städte nur werden berührt. Dala, Kataba, Djerim, Dhamar. Auch hier hat sich die Nachricht von der Ankunft der Deutschen verbreitet. Schneller als der Telegraph haben die arabischen Reiter die Kunde durchs Land getragen. Überall ist die Aufnahme gleich begeistert, liebevoll. Seit dem Einmarsch der „Ayesha“-Mannschaft in Sana sind Deutsche keine Fremden mehr in diesen Gegenden. Noch heute sprechen die Leute von den Tapferen, die weit über See herkamen und durch die Wüste drangen, nur um am Kampfe gegen die Inglisi teilnehmen zu dürfen. Siebzehn Tage dauert der Marsch. Sind hundert Kilometer gemacht, das Doppelte, das Zehnfache? Keiner kümmert sich mehr darum. Der eine Gedanke nur beseelt sie, wenn sie todmüde von den Kamelen sinken: Vorwärts, vorwärts, weit noch ist das Ziel. Unerhört ist die Anstrengung für die Leute. Immer wieder aber werden die Zähne zusammengebissen. Nur kein Aufenthalt. Steil schießt der Pfad hinab, mühsam windet er sich zum Passe empor und wieder ein Tal dahinter, eine neue Höhe, die es zu nehmen gilt, kein Ende fast. Dann, als die Kräfte zu versiegen drohen, liegt auf der Hochebene Sana vor ihnen. Weit dehnt sich das fruchtbare Land. Dorf neben Dorf ragt aus Bäumen und Gärten hervor, in der Mitte zieht sich die festungsartig von Mauern umgebene Stadt.

Eine dichte Staubwolke wälzt sich auf der breiten Straße. Waffen blitzen, Klänge von Musik flattern, zerrissen vom Winde, heran. In feierlichem Aufzuge holen die türkischen Offiziere die deutschen Kameraden ein. Eine halbe Stunde noch, dann sind sie angelangt. Die Musik spielt „Deutschland, Deutschland über alles“, die Soldaten präsentieren. Rührend ist die Liebe, die von Möller und seinen Leuten entgegengebracht wird. Dicht gedrängt stehen die Einheimischen, rufen, winken, jubeln.

Die beste Unterkunft, die die Stadt überhaupt aufzuweisen hat, muß herhalten. Zum erstenmal wieder schlafen die Deutschen in wirklichen, bequemen Betten, empfängt sie eine festliche Tafel, und sie lassen sich nicht lange nötigen. Zusehends verschwinden die Berge von Pilaw, mehr und mehr büßt der halbe Hammel, der auf dem Tische steht, seine Form ein. Dann kommt des Beste und Nötigste, sie schlafen. Tief, traumlos, bis in den hellen Tag hinein. Zwar sind die Glieder noch immer etwas steif von den Anstrengungen der letzten Tage, der Geist aber ist erfrischt, rege, plant bereits für die Zukunft. Eine herbe Enttäuschung bereitet von Möller der Bescheid, den er hier erhält, als er um Tiere für den Weiterritt zur nächsten Bahnstation bittet. Kamele, Pferde und Maultiere stehen ihm zur Verfügung, soviel er deren nur haben will. Die Schwierigkeiten des Landmarsches sind aber so groß, daß er, will er überhaupt heimkommen, sich entschließen muß, nach Hodeida zu gehen. Dort wird sich für alles Rat schaffen lassen. Überall stößt er auf das Andenken der „Ayesha“-Leute, die hier vierzehn Tage weilten; alles weiß von ihnen zu erzählen und zu berichten. Freudig, stolz, als sei es eine große Ehre, die ihnen widerfuhr, als Deutsche unter ihnen weilten. Auch denen ist es ähnlich gegangen: sie kamen von der Küste, um über Sana nach Hause zu gelangen, auch sie mußten zurück ans Meer. Zu ihrem Glück! Auf dem Landwege hätten sie nie das Ziel erreicht. Gebirge, Wüste, räuberische Beduinen waren Hindernisse, die sich kaum von einer so kleinen Schar überwinden ließen, und ebenso ist es jetzt. Halb getröstet befiehlt Kapitänleutnant von Möller also für den nächsten Tag den Aufbruch nach Hodeida. War der Marsch durch das öde Gebirgsland eine schwere Arbeit, so ähnelt er jetzt mehr einer Erholung. Eine schöne, neu angelegte breite Straße führt über bewaldete Berge hinweg, über fruchtbare Hochebenen. In den Tälern liegen Steinhäuser kleiner arabischer Siedelungen, von den Gipfeln grüßen einsame Burgen. In einem Han, einer kleinen Etappenstation am Wege, wird die erste und zweite Nachtruhe gehalten, dann geht es weiter nach Menacha. Auch hier holt die Garnison sie wieder ein, finden sie beste und liebevollste Aufnahme. Zwei Tagesmärsche, dann senkt sich das Bergland, und in der Ferne tauchen die langgestreckten Dünen des Wüstenstreifens auf, der sich zwischen Meer und Gebirge hinzieht.

Bis hierher ist der Weg auf Maultieren zurückgelegt worden. Jetzt heißt es auf die Kamele hinauf, die schon bereitstehen. Wieder breitet sich im Mondschein weißschimmernd die Wüste mit ihren seltsamen Formen. Dort scheint in tiefem Schnee ein Dörfchen zu liegen, hier erheben sich ganze Städte .... bis ein Tier strauchelt oder durch ängstlichen Satz zur Seite unsanft in die Wirklichkeit zurückruft. Kein Weg, nirgends ein Anhalt. Dennoch leitet der Führer sie schnurgerade. In der Ferne taucht in verschwommenen Umrissen eine Gestalt auf. Riesengroß und phantastisch erscheint sie im unsicheren Lichte. Ein Beduine. Der Soldat an der Spitze faßt nach seinem Gewehr, entsichert es, macht sich, wie seine Kameraden, die den Deutschen als Geleitmannschaft mitgegeben sind, schußfertig. Wie ein Phantom ist inzwischen der Kamelreiter in der Ferne wieder verschwunden, und einsam und öde liegt die Wüste.

Der Mond verschwindet, die Dämmerung lichtet sich. Deutlicher tritt der helle Sand, über den die Tiere in langem Trabe hinwegjagen, hervor. Die Sonne. Mit einem Schlage ändert sich das ganze Bild; Leben und Bewegung kommen hinein. Ein Flimmern und Gleißen, daß die Augen sich geblendet schließen. In rötlichem Glanze strahlt der gelbe Sand. An einer Wasserstelle ragt ein einsamer Tamarindenbaum, mehrere Zelte dicht daneben. Dunkle Uniformen tauchen auf, Gewehre funkeln in der Sonne. Soldaten sind es, die der Oberst von Hodeida von Möller bis hierher entgegengesandt hat. Der Kommandant, ein türkischer Hauptmann, tritt auf den Kapitänleutnant, den er an der hohen Gestalt bereits erkannt hat, zu und begrüßt ihn. Zusammen mit den Türken wird dann der Weg fortgesetzt. Sonst wird um die Mittagsstunde gerastet, heute denkt niemand mehr an eine Unterbrechung. Vier Stunden noch, dann liegt Hodeida vor ihnen, die See, dann geht es weiter, wieder ein Stück der Heimat näher.

Seit Kapitänleutnant von Möller und seine Begleiter bei Lahadsch gelandet sind, jagen die Eindrücke einander. Fremdes Land, wenn auch den Verbündeten gehörig, fremde Völker, fremde Sitten. In atemloser Schnelligkeit gleitet das alles an ihnen vorüber, kaum erfaßt und schon wieder in weiter Ferne zurückliegend. Anforderungen werden an den Körper gestellt, wie sie kaum erdacht werden können. Und immer schneller, hastiger wird die Jagd. Ganz im Unterbewußtsein, kaum empfunden, steckt riesengroß die Sehnsucht, die Heimat zu erreichen. Und mit jeder Meile noch wächst sie, peitscht, treibt vorwärts. Nur kein unnützer Aufenthalt! Immer länger werden die Tage, immer wahrscheinlicher wird es, daß bald, bald der Entscheidungstag in der Nordsee anbricht. Und noch sind sechs Männer, auf die das Vaterland rechnen kann, ferne, in der Wüste. Jeder Tag unnützer Muße ist vielleicht unwiederbringlicher Verlust. Und so treibt von Möller, treibt jeder einzelne seiner Begleiter.

Hodeida. Eine arabische Stadt, buntes Leben, Freunde, Bitten um ein Boot, das sie weiterbringen kann, Wahl der Begleiter und endlich die Stunde, in der es wieder weitergeht. Hat der Aufenthalt lange gedauert, zwei Tage, zehn, vierzehn? Weiter, nur weiter! — — —

Vom niedrigen Sambuk aus sind die flachen Dächer Hodeidas noch eben zu sehen, dann beim Runden der nächsten Huck verschwinden auch sie. Nach kurzem Aufenthalt in Hodeida hat von Möller mit seinen Begleitern einen Sambuk, eines der Segelfahrzeuge, die dem Verkehr der Anwohner des Roten Meeres dienen, zur Verfügung gestellt erhalten. Der geringe Tiefgang ermöglicht ein Fahren unmittelbar unter der Küste, zum Teil zwischen den vorgelagerten Inseln und Riffen hindurch, wohin selbst kleine Kanonenboote nicht zu folgen vermögen. Bis Djidda soll die Fahrt gehen, dann quer durch die Wüste zur Hedschasbahn.

Die Seefahrt ist nicht ganz einfach. Dicht unter der Wasseroberfläche verborgen liegen zahlreiche Riffe und Klippen. Noch gefährlicher aber sind die feindlichen, im Roten Meer kreuzenden Kriegsschiffe, die die Küste ständig unter scharfer Bewachung halten.

Ohne Zwischenfälle verläuft der Tag. Glühendheiß brennt die Sonne herunter, ununterbrochen gleitet an Steuerbord die trostlose Wüstenlandschaft vorbei. Einzelne kleine Inselchen und Korallenriffe werden umfahren. Nichts zeigt sich auf dem Wasser. Ganz fern nur verweht der Rauch eines auf die Insel Perim zusteuernden Dampfers. Die Nacht kommt, erfrischende Brise setzt mit der Dunkelheit ein. Sie verleiht dem Sambuk gute Fahrt, verlangt aber auch schärfsten Ausguck nach der Brandung, um ein Auflaufen zu vermeiden. Mitternacht. Eben wird die Wache übergeben: „Nichts in Sicht“, als plötzlich aus dem Dunkel ein greller Lichtkegel über das Wasser schießt. Ein feindliches Bewachungsschiff. Im Nu ist das Segel herunter, und regungslos, hinter einem Riff verborgen, liegt der Sambuk. Näher flutet das Licht, zittert bald hierhin, bald dorthin, gleitet heran. Entdeckt! Sekunden höchster Spannung vergehen, dann sucht der Lichtkegel wieder weiter, um schließlich ganz zu erlöschen. Gleichförmig vergehen die Tage. Hie und da streifen an Land Beduinen bis an die Küste heran. Sie verschwinden aber, als sie nur ein einheimisches Fahrzeug, das nicht weiter verdächtig ist, erblicken.

Nur noch fünfzig Meilen trennen die kleine Schar von Konfuda, als mehrere feindliche Wachschiffe in bedrohliche Nähe kommen. Mit hoher Fahrt braust eines der niedrigen Kanonenboote bis auf etwa drei Seemeilen heran, stoppt. Von der Brücke spähen mit Kiekern und Doppelgläsern bewaffnete Augen nach dem Sambuk, der ruhig weitergleitet, aber auf alle Fälle gerüstet, dicht unter Land fährt. Drüben rührt sich nichts; wahrscheinlich ist ihnen das Fahrzeug nicht verdächtig und daß Araber, für die man sie augenscheinlich hält, auf ein Signal eingehen, kann nicht erwartet werden. Vielleicht auch trösten sie sich damit, daß weiter nördlich andere Kanonenboote stehen. Dort gibt es keine Riffe, die, wie hier, eine unmittelbare Durchsuchung hindern.

Die gleichen Erwägungen aber sind es, die auf dem Sambuk angestellt werden, als weit voraus Rauchwolken auftauchen. Die Sache wird brenzlich. Jetzt heißt es an Land gehen. Südlich Konfuda landet Kapitänleutnant von Möller am Nachmittag in der Nähe eines kleinen Küstenplatzes. Dank seiner arabischen Begleitung sind bald Kamele zur Stelle, auf denen der Weitermarsch angetreten wird. Drei Tage später, am 28. April, reiten sie ungefährdet in die Stadt ein, und ebenso heil kommen sie nach einem weiteren Kamelritt, der sie über vierhundert Kilometer führt, am 16. Mai nach Djidda, dem Sitze eines türkischen Oberkommandos.

Hier aber scheint die Reise ein Ende finden zu sollen. Schon in Friedenszeiten sind die in der Umgebung hausenden Wüstenstämme ihres religiösen Fanatismus wegen berüchtigt. Dazu kommt noch, daß sie ganz im Solde der Engländer stehen, die sie mit modernen Handwaffen ausgerüstet haben. Über fünfhundert Kilometer führt der Weg zur Bahn durch ihr Gebiet. Ohne überaus starke Deckungsmannschaften, die gerade jetzt nicht abkömmlich sind, ist das Unternehmen mehr als gefährlich. In überzeugender Weise versucht der Oberkommandierende von Möller von seinem Vorhaben abzubringen, hält ihm immer wieder das Tollkühne seiner Absichten vor. Umsonst ......

Die Kamele stehen bereit, ein arabischer Soldat und ein Basch Tschausch, die als Führer dienen sollen, warten auf den Befehl zum Abmarsch. Noch einmal tritt der Kommandeur an von Möller heran.

„Herr Kapitänleutnant, ich habe leider nicht die Macht, Sie an Ihrem Vorhaben zu hindern, aber bitten kann ich Sie wieder und wieder, bleiben Sie hier. Sie wissen nicht, wie gefährlich der Weg ist, den Sie gehen wollen, wie verhetzt die Beduinen, die seit langem schon nur englisches Gold kennen. Denken Sie an die „Ayesha“-Leute!“ Eindringlich spricht der türkische Offizier auf den Deutschen ein, dessen hohe Gestalt ihn weit überragt. Einen Augenblick scheint es wie ein Zögern über das dunkelbraune, hager gewordene Gesicht von Möllers zu gehen, dann lächelt er: „Wenn Sie nun wüßten, Ihr Vaterland braucht Sie, über kurz oder lang kommt es zu einer großen, vielleicht zur Entscheidungsschlacht, in der jedermann nötig ist, würden Sie zögern, weil es gefährlich ist?“ Nicht einen Augenblick besinnt sich der Angeredete. „Ich würde gehen. Trotzdem möchte ich Sie warnen und bitten, bleiben Sie, tun Sie es nicht. Freilich, Sie sind ja fest entschlossen! So wünsche ich Ihnen nur, Ihr Gott möge mit Ihnen sein und Sie glücklich nach dem ersehnten Ziele geleiten.“

Ein fester Händedruck, dann wendet sich Kapitänleutnant von Möller an seine Begleiter, die mit ihm so manche Gefahr bestanden haben und die wie er bereit sind, neue aufzusuchen, um heim, in den Krieg zu kommen.

Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. In gleichmäßigem Schritt geht es durch die Straßen in die Wüste hinaus, die im Scheine der untergehenden Sonne blutigrot leuchtet .... Jetzt winden sie sich zwischen zwei Dünen hindurch, überschreiten den Wadi, sind draußen .... Kleiner und kleiner werden die Gestalten ... bläuliche Nebel fallen ein ... ein weißer Burnus leuchtet ... der letzte Sonnenstrahl blitzt auf einem Gewehrlauf .... Wie Pünktchen noch sind sie zu erkennen ... dann verschwinden sie dort, wo der gelbe Sand in die violetten Abendschatten übergeht .. fern ... in der Wüste ...........

Telegramm des syrischen Armeekorps vom 3. Juni 1916:

Wir haben zu unserem Bedauern erfahren, daß Kapitänleutnant von Möller und seine Begleiter neun Stunden von Djidda entfernt von Arabern ermordet wurden.

Verlag August Scherl G. m. b. H., Berlin

Deutsche Taten zur See

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Verlag August Scherl G. m. b. H., Berlin

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