Der Sanitätsdackel
Der Held dieser Geschichte ist ein Privatier. Keiner von den Privatiers, die in einem Automobil elegant durch die Straßen fahren und jeden neuentdeckten unechten Raffael kaufen — o nein, ein solcher Privatier ist unser Held nicht.
Für die Automobile hat er gar nichts übrig — »mir war's genügend! Hört's mir auf mit dö Stinkdroschken, dö elendigen!« — und Gemälde interessierten ihn erst recht nicht. Nicht als ob er keines besessen hätte! Gewiß besaß er eines und das hatte er sogar eigenhändig dem Maler weggenommen, weil der Haderlump die Miete nicht bezahlen wollte.
»Wie hieß er doch gleich, der Maler? Mit »F« fing er an — wart's amal an Moment, wie hoaßt er do' glei'? — na, also halt so ein norddeutscher Kunstmaler.
Ein schönes Bildl war's, lauter echte Ölfarbe, und ein nacketes Fräulein stellte es dar. Sauber, sag i Eahna, sauber! Ja, mei Liaber, auf die nacketen Weibsbilder, da verstehen sich die Herren Kunstmaler besser als wie auf's Mietzins-Zahlen.«
Da es mir schon herausgerutscht ist, daß unser Held und Privatier Hausbesitzer ist, so will ich auch gleich sagen, wo sein Haus steht. In Schwabing. Eines von den modernen, solid gebauten Häusern: wenn einer im Parterre niest, wackeln im vierten Stock die Kronleuchter. Und wenn du einen Nagel in die Wand schlägst, kannst du das ganze Zimmer neu streichen lassen. Aber dafür ist ein Lift vorhanden, mit dem man fahren kann, wenn er nicht gerade in Reparatur ist. Er ist aber immer in Reparatur.
Halt, daß ich die Zentralheizung nicht vergesse! Das ist was Praktisches, so eine Zentralheizung: wenn du's recht gemütlich kalt haben willst, brauchst du nur den Hebel auf »Warm« zu stellen.
Dies ist also das Haus des Herrn Privatier Joseph (sprich Pepi) Bröselmeier, und mit Recht steht im Münchner Adreßbuch hinter seinem Namen das stolze Wort »Realitätenbesitzer«.
Pepi Bröselmeier ist ein vielbeneideter Mann.
Im Schweiße seines Angesichtes hat er sich durchs Leben geerbt. Als er zwanzig Jahre alt war, starb sein Vater — da hörte er auf zu arbeiten. Gerad' als er anfangen wollte! Als er das sechsundzwanzigste Jahr erreicht hatte, starb seine Mutter — da hörte er auf, seine Mitmenschen zu grüßen. Und als er in das dreiunddreißigste Jahr hineinschwebte, starb seine Tante Mali — da hörte er auf zu denken.
Die gute Tante Mali! Achtzigtausend Mark hat sie ihm hinterlassen, die alte Bisgurn, die schiache! Daß mir keiner ein schlechtes Wort über sie sagt!
Seitdem füllte Pepi Bröselmeier seine Zeit damit aus, für seine Gewichtszunahme zu sorgen und seine Mieter zu schikanieren. Auf zweiundfünfzig Lebensjahre und einen Meter siebzig Taillenweite hat er's schon gebracht.
Und kein Mensch auf Gottes schönem Erdboden imponierte ihm. Von keinem weiblichen Engel hatte er sich unterjochen lassen — »Heiraten? Daß i net rutsch'!« — höchstens zwickte er einmal väterlich eine Kellnerin dorthin, wo die Münchner Kellnerinnen vor Erfindung der Brotkarte einen Beutel voll »Hausbrot« und »Semmeln hab i net« zu tragen pflegten.
Aber doch gab es ein Wesen, dem Pepi Bröselmeier bedingungslos untertan war, und das war »Bim«, sein Dackel.
»Dackel« ist eigentlich zu viel gesagt. Man nennt die Rasse richtiger und wohltönender »Promenadenmischung«. Die Füße waren ja soweit ganz echt — wenn's nur nicht gerade hätt' ein Dackel sein sollen. Wäre »Bim« der Hund eines literarisch gebildeten Menschen gewesen, so hätte er vielleicht in lyrischen Stunden vor sich hin gebellt:
Vom Mopserl hab' ich die Statur,
Vom Fox das Kokettieren,
Vom Dackerl nur die Frechnatur
Und Lust, nie zu parieren.
Ja, in Bims Stammbaum müssen schreckliche Eheirrungen vorgekommen sein! Überhaupt schon der Name Bim! Ein echter Dackel heißt nach uralter Münchner Tradition entweder »Waldl« oder »Maxl«. Aber Bim ...!
Kam Pepi Bröselmeier zum Frühschoppen in den »Franziskaner«, so sagte die Kellnerin: »Oh, dös liabe Viech! Da geh her, goldig's Mopserl!«
Kam er zum Mittagessen in's »Bürgerbräu«, so sagte die Kellnerin: »Und an extraschönen Knoch'n hab' i aa reserviert, für Eahneren Foxl!«
Und abends, am Stammtisch, im »Augustiner«, sagte die Kellnerin: »Weil's d' nur grad wieder da bist, Schnauzerl!«
Das Infamste aber war damals im Hofgarten passiert, als er seinen Hund frei herumlaufen hatte lassen — »freili, anbinden wer' i's, dös arme Dackerl!« — und einen polizeilichen Strafbefehl über drei Mark gekriegt hatte, wegen »Freilaufenlassens eines Rattenpinschers«.
Damals hatte er ein Eingesandt an die Zeitung geschickt, ein Eingesandt — na, Aufsehen hätt's gemacht, wenn sie's veröffentlicht hätten.
Aber sie haben's nicht veröffentlicht. Vielleicht weil's zu lang war. Vielleicht auch weil er den Hundeaufseher darin einen »geselchten Affen« genannt hatte.
Ha, die Redakteure! Die reinen Kunstmaler san's!
Und einen Menschen, der solchene Eingesandts schreiben konnte, tyrannisierte Bim, der Dackel, obwohl er kaum den zehnten Teil so viel wog als sein Herrle (einschließlich Hundemarke).
Denn was ist des Menschen Wille gegen den Willen eines Dackels?
Hundertmal schon hatte der Hausarzt zu Herrn Bröselmeier gesagt: »Herr Realitätenbesitzer, Sie sollten sich mehr Bewegung machen! Das viele Fett ist nicht gut für Ihr Herz, Herr Realitätenbesitzer! Mehr zu Fuß gehen sollten S' halt, Herr Realitätenbesitzer!«
»Moanen S' wirkli?« hatte Pepi gefragt. »Alsdann wer' i halt umanandlaufa wie a Heuschreck'n!« und heimlich hatte er sich gedacht: »Den Buckel steigst ma 'nauf, Medizinlackel, damischer!«
Und hatte sich auf der Trambahn ein Jahresabonnement genommen.
Aber was der Hausarzt trotz eindringlicher Ermahnung und gesalzenster Rechnungen nicht erreicht hatte, das vollbrachte Bim, der Dackel, ohne ein Wort zu reden, ohne mit seinem Mopsschwanzerl zu wackeln. Denn in der Münchner Trambahn ist das Mitnehmen von Hunden verboten, und so mußte Herrle Bröselmeier die Riesenstrecken Schwabing—Franziskaner, Franziskaner—Bürgerbräu, Bürgerbräu—Augustiner, Augustiner—Schwabing keuchend zu Fuß zurücklegen.
Ja, er mußte jeden Weg mindestens dreimal wandeln, denn Bim hatte die selbstherrliche Gewohnheit, im Zickzack zu traben. Bald interessierte ihn weit vorne irgendeine Hundesensation, und er sauste plötzlich davon, daß sein Herr unter Atembeschwerden und völlig zwecklosen »Bim, da gehst her!«-Rufen ihm nachstürzen mußte — bald fiel es Herrn Bim plötzlich ein, daß er eine Straßenecke zu beschnuppern vergessen hatte und er machte kehrt, lief dreißig Meter zurück, beschnüffelte das Eckhaus einmal, zweimal, um dann — nun ja, a Viech is halt a Viech!
Manchmal auch überkam ihn die Philosophitis, er setzte sich mitten auf die Straße, versank in Nachdenken und war durch keinerlei Zureden zum Weitergehen zu bewegen.
Natürlich hätte Herr Bröselmeier in solchen Fällen von seinem Spazierstock mit dem Hirschgeweihgriff, der wie beinahe echt aussah, Gebrauch machen können, aber nein: »An am wehrlosen Tier wer' i mi vergreif'n, — i bin do' ka Ruß!«
So lebten Bim als Gebieter und Herr Bröselmeier als folgsamer Untergebener friedlich zusammen — bis der Weltkrieg auch diese Harmonie zweier schöner Seelen jäh zu zerstören drohte.
Der Krieg. Anfangs fand ihn Pepi Bröselmeier ganz schön. Er hielt es für ganz in der Ordnung, daß sich andere Leute totschießen ließen, damit er ruhig seinen Frühschoppen weiter trinken konnte. Er schaffte sogar für sein Haus eine Fahne an und überließ es der Hausmeisterin, sie nach Gutdünken herauszuhängen oder einzuziehen. Aber bald kamen die Beschwerden.
Mit einem Herrn im Zylinder fing es an. Der kam eines Morgens um acht Uhr, wenn ein anständiger Bürger noch im Bett liegt, und klingelte. Er müsse den Herrn sprechen.
Bim bellte, wie nur der Hund des Hausherrn bellen darf, und Herr Bröselmeier schlüpfte mißmutig in seinen Schlafrock, machte Toilette, indem er einmal schnell mit der Hand durch die Haare fuhr, schlüpfte in die Pantoffeln — »Jessas, wo hat dös Hundsviech wieda den anderen Pantoffel hi'bracht?!« — und schlürfte in den Salon, wo das nackete Fräulein hing von dem Maler, der wo mit »F« anfängt.
Und was wollte der Zylindermann? Herr Bröselmeier möchte doch in den Wohlfahrtsausschuß seines Bezirkes eintreten, der Herr Weckerlbacher sei auch drin und es sei doch ein guter Zweck und —
Er warf den Mann hinaus. »Geht nöt, geht beim besten Willen nöt! I hab koa Zeit, i bin Privatier!«
Nicht als ob unser Held ein hartes Herz gehabt hätte. Gewiß nicht. Nur keine Arbeit durfte man nicht von ihm verlangen. O, er tat auch was für die Armen! In der Zeitung in der öffentlichen Massenquittung über freiwillige Spenden, stand's deutlich zu lesen:
N. N. 100 Mk., Gott lohne es 250 Mk., Jeder nach seinen Kräften 75 Mk., Joseph Bröselmeier, Realitätenbesitzer 5 Mk., Ungenannt 100 Mk.
Die zweite Unannehmlichkeit, die ihm der Krieg bescherte, war die peinliche Erfahrung, daß mehrere Mieter um Nachlaß baten. Und da zeigte es sich, daß Pepi doch kein Unmensch war: denen, die's nötig hatten, ermäßigte er die Miete großmütig. »Ja, ja, is scho' recht! Wann Ihr Mann aus'm Krieg hoamkommt, nachher gilt aber wieder der alte Mietpreis! Nix z' danken, Frau Huber, nix z' danken!«
Die dritte Unannehmlichkeit war die Wut über den Hindenburg. Jawohl, die Wut über den Hindenburg. Ist das vielleicht ein Benehmen von diesem Mann, eine so höfliche Ansichtskart'n überhaupt nicht zu beantworten? Dem einbeinigen Hausierer im »Augustiner« hatte er die Karte abgekauft, ein Mann war drauf abgemalt, der aus dem Spundloch eines Bierfasses trank und darunter stand »Nur koa Wasser net« — und so eine Postkarte ließ der Hindenburg einfach unbeantwortet!
Pepi Bröselmeier gab der Hausmeisterin den strengen Befehl, bei keinem der Hindenburg-Siege mehr zu flaggen. Das war seine Rache.
Nein, der Kriegszustand war nicht schön. Der Krieg wurde immer länger und die Weißwürscht' immer kürzer. Das einzig Erfreuliche war, daß sie, ganz im Anfang, den Riedingerfranz, den er schon lange nicht leiden konnte, am Stachus elendig zusammengehaut hatten, weil er irrtümlicherweise für einen Spion gehalten worden war.
Das Schlimmste aber — doch nein, das muß ich ausführlich erzählen.
»Du, Pepi, da mußt schon in dein' Beutel langen und ein Büllett kaufen,« hatte einer seiner Stammtischkumpane gesagt und ihm gleich ein Drei-Mark-Büllett hingelangt. »Es ist zum Besten von die Verwundeten! In die "Vier Jahreszeiten"! Mit einem extra-igen Programm! Also ruckst halt raus mit dei'm Taler!«
Was war da zu machen? Der Pepi ruckte den Taler heraus und ging am nächsten Abend in die »Vier Jahreszeiten«.
Alles, was wahr ist, es war ein extra-iges Programm.
Zuerst hat ein Herr Klavier gespielt, so schön wie ein Athlet hat er gespielt. Zum Sterben fad ist es dem Pepi Bröselmeier vorgekommen, und er hat sich gewundert, daß der Hausherr von den »Vier Jahreszeiten« das erlaubt hat.
Aber Prinz Ludwig Ferdinand war auch da und hat fest applaudiert. Er hat doch ein guat's Herz, der Ludwig Ferdinand. Und da haben der Pepi und die anderen Leut' auch geklatscht.
Dann ist eine Sängerin gekommen.
Sie hat zwar einen Kropf gehabt, aber jodeln hat sie doch nicht können.
Sondern er war nur zur Verzierung da, der Kropf.
Aber dann! O, das war drei Markl wert! Dann kam ein Herr und hat einen Vortrag gehalten mit Lichtbildern. Über die Sanitätshunde.
Der Pepi hat nur grad so gestaunt.
Das Herz ist ihm aufgegangen. So gescheite Hunde! Ja, sollt man's denn für möglich halten? Pepi Bröselmeier geriet in Ekstase. Das ist ja großartig mit den Sanitätshunden! Ja, dafür würde er auch was stiften! Fünf Mark, zehn Mark, — ach was, Pepi, sei kein Geizkragen: zwanzig Mark, jawohl, zwanzig Markln!
Der Pepi war ganz begeistert. Und er ist gleich Mitglied vom Verein für die Sanitätshunde geworden.
Und wie er beim Herausgehen seinen Bim an der Garderobe wieder in Empfang genommen hat, da hat er ihn noch zärtlicher angeschaut als sonst, und hat ihn liebevoll gepatscht und hat gesagt: »Ja, dö Viecherln! So a Bim is g'scheiter als wiar i!« Und da hat er recht gehabt, der Herr Realitätenbesitzer.
Aber unterwegs, auf dem Weg zum Stammtisch, fiel unserm Pepi ein Satz aus dem Vortrag ein, ein Satz, der ihn schon in den »Vier Jahreszeiten« gegiftet hatte, und seine gute Laune schmolz merklich zusammen. Was hatte der Herr Redner gesagt? »Am besten eignen sich zum Sanitätshund die deutschen Schäferhunde!«
War das nicht eine Beleidigung für seinen Bim? Glaubte der obergescheite Herr im Frack vielleicht, die Dackeln sind dümmer als wie die langhaarigen Hunde? War net übel! Ein so ein gescheites Tier als wie einen Dackel gibt es überhaupt keins mehr in dieser Zoologie!
»Gelt, Bim, du bist g'scheit?« frug Herr Bröselmeier zärtlich, aber Bim gab keine Antwort, weil er grad mal wieder auf's andere Trottoir hinübergelaufen war.
Und wenn dieser Mensch im Frack behauptete, die Schäferhunde eigneten sich am besten, so kam das einfach daher, weil er noch keinen Versuch mit einem Dackel gemacht hatte!
Und plötzlich durchzuckte den Herrn Realitätenbesitzer ein genialer Gedanke: Der Bim muß Sanitätshund werden! Ein Sanitätsdackel muaß er wer'n! Damit daß dös saudumme Gered' von dö Schäferhund amal an End' hat!
Wenn der Pepi Bröselmeier einmal einen Entschluß gefaßt hat, dann wird er auch ausgeführt. Und wenn sich gleich der ganze »Augustiner« auf den Kopf stellt.
»... Was hat denn das Herrle heut?« dachte sich Bim einige Tage später und beguckte verurteilend seinen Besitzer. »Was hat er denn?«
Vor ihm stand Herr Pepi, in der einen Hand eine feldgraue Soldatenmütze, die er Gott weiß wo aufgetrieben hatte, in der anderen Hand einen Mordsspaten, und lockte: »Komm her, Bim, komm schön her! Spazieren geht der gute Hund! Gassi gehn, Bim!«
Aber der gute Hund dachte sich: »Geh nur du Gassi, — i bleib z' Haus!«, watschelte an seinen Freßnapf, stärkte sich und läpperte dann am Wasserteller ein paar Tropfen.
Kopfschüttelnd sah ihm Pepi zu. »Wo er nur dös viele Wassersaufen her hat! Von mir hat a's nöt!«
Bim wartete nicht ab, bis sein Herrle dieses Rätsel gelöst hatte; er war aufs Bett gesprungen und bereitete sich auf ein Schlummerstündchen vor. Da nahm Herr Bröselmeier sein Dackerl auf den Arm und trug ihn, nebst Spaten und Soldatenmütze, die Treppe hinunter.
»Alsdann!« dachte Bim. »Wenn er mich trägt, lauf' ich mit!«
Ach, was sind Hoffnungen? Vor der Haustüre setzte Pepi den Hund auf den Boden, und nun ging es die Franz-Joseph-Straße hinunter, die Leopold-Straße, die Ludwig-Straße entlang. —
Bim stutzte zum zweiten Male. »Jetzt weiß das Herrle nicht mehr den Weg zum "Franziskaner"! Da hört sich doch alles auf! Er hat doch heut noch gar nix getrunken?«
Das Herrle war links abgebogen und pfiff und schrie: »Bim! Mit mir gehst! Bim! Ja, weshalb kommst dann nöt?«
Schließlich gab Bim als der Klügere nach und kam. Das hätte er nicht tun sollen, denn jetzt legte ihn Pepi Bröselmeier an die Leine.
Das ging nicht so leicht, wie es gesagt ist. Es war eine recht schwierige Aufgabe für den wohlbeleibten Herrn Pepi, sich bis zur Bimhöhe hinabzubeugen, und als er endlich unten angelangt war, hatte sich Bim herumgedreht — und man kann doch die Hundeleine nicht am Schwanz anknüpfen.
Aber schließlich war Bim angekettet und lief, mit sichtlichen Zeichen der Entrüstung, neben seinem Herrn her. An jeder Straßenecke blieb er stehen und gab seiner Verachtung Ausdruck.
Die Leute betrachteten schmunzelnd das Paar. Was wollte der Mann mit dem Spaten, der Soldatenmütze und dem Dackel? Aber Herr Pepi achtete nicht auf die Gaffer. Was lag dran, was die Leute (sprich »Gschwerl«) von ihm dachten, Leute, die wo nicht einmal eine Fülla (schreibe »Villa«) besaßen, viel weniger ein vierstöckiges Mietshaus mit Zentralheizung und Lift in Reparatur.
»Wissen möcht' i, wo er hi'geht?« dachte sich Bim. »Jetzt is scho bald elfi und dö Weißwürscht im "Franziskaner" wer'n kalt!«
Und bald erfuhr er das Ziel der Wanderung: die Isaranlagen, allwo Bim seine erste Unterrichtsstunde im Sanitätswesen erhalten sollte.
Ich muß jetzt leider einen Punkt berühren, dem ich bisher ängstlich aus dem Wege gegangen bin, um nicht in den Ruf eines erotischen Schriftstellers zu kommen: Bims Liebesleben in der Natur. Tja, das ist ein heikler Punkt. Bim verschwendete seine Gunstbezeigungen nicht nur an die Hündinnen der zwanzig Rassen, von denen er abstammte, nein, dieser Wüstling wagte es, jedes Hundefräulein, das seine Bahn kreuzte, kurzweg anzusprechen und ihr in der Hundesprache verführerische Galanterien zuzuflüstern. »Fräulein Bernhardinerin sehen heute wieder entzückend aus!« »Gnädigste Möpsin werden mit jedem Wurf schlanker!« »Fräulein Windhund tragen ein todschickes Halsband! Wohl Familienerbstück?«
Auch angesichts dieser Künste konnte Herr Pepi mit Recht sagen: »Wo er dös nur grad her hat? Also von mir hat a's nöt!«
Sofort beim Eintritt in die Isarauen fiel nun dem Don Juan Bim eine braune Dackelin auf, eine Dackelin ... ich sage nur das eine Wort »preisgekrönt«.
Aber die Dackelin wurde an der Leine geführt, Bim wurde an der Leine geführt — nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was sie litten.
Es war ein heller, sonniger Herbsttag und immer wieder frug Herr Pepi seinen Dackel: »Hörst, wie d' Amseln pfeif'n? Hörst as?« und immer wieder antwortete Bim in Gedanken: »Heut hat's ihn derwischt! Ganz narret is er heut! Hat er vielleicht 'denkt, dö Amseln wern miauen?«
An einer Bank in den Anlagen, dicht am Ufer der seichten Isar, band Herr Bröselmeier seinen Hund fest, hielt ihm die Soldatenmütze unter die Nase und schmeichelte:
»Da, riech, Bim! Schön Witterung nehma muaß's Hunderl! Dö Mütz'n sucha muaß das g'scheite Dackerl! Ja! Gelt, du bist g'scheit?«
Bim warf einen scheelen Blick auf die Mütze. »Vollständig dari-dari is er heut!« dachte er. »Was geht mi dö Mütz'n o'!«
Und während Bim Betrachtungen darüber anstellte, daß jetzt die Weißwürst sicher längst gar geworden seien, schaufelte der Herr Realitätenbesitzer schwitzend eine Grube. Wohl zehnmal hielt er stöhnend in der Arbeit inne, wischte sich den Schweiß von der Stirne und brummte: »Und dös soll g'sund san, hat der Dokta g'sagt! — Aber jetzt wird si's bald weis'n, ob dö Dackeln Sanitäter san oder nöt!«
Endlich war die Grube brauchbar. Er legte die Mütze hinein und schaufelte locker Erde darüber. »Wird's scho' finden, mein Bim! Feit si' nix!«
Als er sich der Bank wieder zuwandte, fand er dort einen freundlichen Herrn, der behaglich die Hände auf dem Rücken gefaltet hatte, und mit Bim scherzte.
»A hübsch's Mopserl ham S' da!« meinte der Herr.
»Dös is koa Mopserl!« fertigte ihn Pepi kurz ab. »Wann dös a Mopserl is, san Sie a Rindviech!«
Mit diesen liebenswürdigen Worten band er den »guten Hund« los, klatschte in die Hände und schrie: »Wo is 's Mützerl? Wo is? Suach, Bim!«
Bim schaute ihn groß an. Bei dieser Hitze Mützen suchen, das fehlte ihm grad noch!
»Suach, Bim, suach!«
Der fremde Herr lachte, und der Pepi Bröselmeier ärgerte sich. »Kriagst a Zuckerl, Bim! A extragroßes Zuckerl! — Wo hat's Herrle s' Mützerl hi'toa?«
Der Bim wußte ganz genau, wo das Herrle das Mützerl hingetan hatte. Er hatte ja alles mit angesehen. Aber so dumm sein wird er und sie ausgraben! Das wär' das Neueste, daß er gehorchen tät! Nein, nein, das führte der Bim nicht ein. Er sprang an seinem Herrn empor, lief in die Anlagen und fraß Gras.
Der fremde Mann lachte aus Leibeskräften.
»Da is gor nix zum Lachen!« schrie der Pepi und wurde jetzt ernstlich wild. »Was verstengan Sie vom Hundsdressieren! Genga S' hoam und belästingen S' dö Leut' nöt, Sö Hammel, Sö ganz ausg'schamter! — Und du, Bim, Hundsviech, miserabliches, hörst jetz glei' auf mit dera Spinatfresserei!! Suachst jetz glei' 's Mützerl, Bankert, ölendiger! — Da gehst her oder i hau dir dös Mordstrum Spaten um deine scheinheilingen Ohrwascheln! — Herrgottsakrament überananda, willst jetzt parier'n oder nöt?!«
Der Bim wollte nöt.
Wie er das Herrle so schimpfen hörte, sagte er sich: »Jetz is die Tollwut bei eahm aus'brocha!« setzte sich in Galopp und lief in die Isar.
Und was sah sein beglücktes Auge da?
Susanna im Bade!
Da schwamm sie, die herrliche Dackelin, und warf ihm einen Blick zu — einen Blick ...!! »Ewig dein!«
Und sie schwammen um die Wette, isarabwärts, nach der Eisenbahnbrücke zu — und in den Isaranlagen stand ein Mann und brüllte: »Bim! Biiiiiiim!« Und immer aufgeregter und beinahe weinerlich: »Bim! I tua dir ja nix!« und zuletzt ganz verzweifelnd: »Bim — guat's Hunderl — komm doch bloß, i gib dir 's Zuckerl! Wann's d' nur grad kommst!!«
Aber nicht der Bim kam, sondern der fremde Herr trat näher, nahm die Hände vom Rücken, in denen jetzt die grüne Mütze sichtbar ward, die ihn als Anlagenaufseher legitimierte, und sprach gewichtig: »Nämlich, wie hoaßen S' dann nachher?«
»Dös is a Gemeinheit!« schrie der Pepi. »Dös is a ganz a hinterlistige Zwiespältigkeit is das!«
»Nehma S' Eahna fei' in Obacht!« drohte das städtische Amtsorgan. »Sonst mach i Eahna z'wegn Amtsbeleidingung kriminalisch, mei Liaba!«
»Und derweil versauft der Bim!« jammerte Pepi Bröselmeier und wollte davonlaufen. Aber der Aufseher hielt ihn am Ärmel fest und donnerte: »Da bleib'n S'!! Im Namen dös Gösätzes!«
Und weil der Pepi nix mit dem Namen dös Gösätzes zu tun haben wollte, blieb er halt da. Und sein Name wurde aufgeschrieben und sein Stand und die Wohnung und sein halber Stammbaum dazu, weil wir ordnungsliebende Behörden haben.
Noch eine geschlagene halbe Stunde ist der Pepi nachher in den Isaranlagen umhergeirrt und hat den Bim gesucht und sich einen riesigen Durst angeschrieen.
Und hätt' sich doch diese Mühe sparen können!
Denn wie er zerschmettert, den Spaten unter'm Arm, im »Bürgerbräu« ankam, da empfing ihn die Kellnerin mit den Worten: »Grad is Ihr Foxl kemma!«
Richtig, da saß er unter dem Stammtisch, nagte an einem Knochen und zwinkerte seinem Herrle einen Blick zu, der ungefähr besagte:
»Bist jetz wieda so weit, daß ma mit dir verkehr'n ko'?«
Und drei Minuten später saß Bim auf Herrles Schoß und hörte herablassend dessen Bitte um Verzeihung an: »Brauchst koa Sanitätsdackel wer'n, Bim! Naa, naa, dös überlass'n ma dö spinneten Schäferhund'! Weil's d' nur grad wieda da bist!«
Und zwei Tage später war auch ein polizeilicher Strafbefehl »grad wieda da«. — Wegen »vorschriftswidriger Verwüstung der städtischen Isaranlagen und wiederholtem Freilaufenlassen eines Zwergpudels«.