Neunter Abend.
Sieh, Vater, sagt Fritz, ein Blatt Papier aus der Tasche ziehend, das habe ich heute in deinem Papierkorb gefunden. Das brauchst du wohl nicht mehr.
Dr. E.: Was steht denn darauf?
Fritz: Es ist augenscheinlich aus einem Vortrag von dir über die Stubenfliege.
Dr. E.: Ah, ich sehe. Es ist das Ende eines kleinen Aufsatzes, den ich mal für ein Weihnachtsbuch geschrieben habe. Das kannst du ruhig wegwerfen.
Die Stubenfliege. Aufgaben für den Naturforscher
Fritz: Ist es denn wirklich deine Meinung, wie da steht, daß die Naturforscher allein an der Stubenfliege noch so viel zu studieren hätten, daß es andere Tiere gar nicht zu geben brauchte? Sie würden doch noch genug zu tun haben?
Dr. E.: Natürlich ist das meine Meinung. Sonst würde ich es doch nicht geschrieben haben!
Fritz: Dann ist also die Stubenfliege ein ganz besonders rätselhaftes und interessantes Geschöpf?
Dr. E.: Nicht mehr und nicht weniger als irgendein beliebiges anderes Insekt.
Fritz: Nun, dann verstehe ich dich nicht. Ich dachte immer, diese Tiere, und namentlich solche gemeinen wie die Stubenfliege, seien schon so oft untersucht und beschrieben worden, daß gar nichts Neues mehr an ihnen zu entdecken sei. Man kennt doch gewiß ihre Lebensgeschichte ganz genau, weiß, wo sie ihre Eier ablegen, wie die Maden und Puppen aussehen, was die Fliegen fressen, wie lange sie leben und was sonst etwa noch Bemerkenswertes an ihnen zu finden ist.
Dr. E.: O ja, das weiß man, das ist in jedem Zoologiebuche zu lesen.
Fritz: Nun also —?
Dr. E.: Also schließe ich aus dem, was mein Sohn Fritz soeben gesagt hat, daß er noch genau so oberflächlich denkt wie die meisten andern Menschen, die nichts empfinden, wenn sie die Wunderwerke der Natur vor Augen haben. — Sieh, Fritz, wenn es einem Mechaniker gelingt, das ganze kunstvolle Getriebe einer Taschenuhr in den kleinen Raum einer Erbse zusammenzudrängen, so staunt alle Welt und fragt, wie es nur möglich war, so winzige Rädchen und Federchen herzustellen. Wenn aber ein unendlich kunstvolleres Getriebe, das selbständig sich nährt und wächst, das sich frei bewegt, sieht und hört, wenn, sage ich, ein solches Ding von vielleicht noch viel geringerer Größe als eine Erbse tagtäglich als lebendiger Beweis von dem über alle menschliche Kraft so unendlich erhabenen Schaffen der Natur in unserem Zimmer herumfliegt, dann findet die Menge ganz und gar nichts Außerordentliches dabei. Da hat sie alles Gefühl dafür verloren, wie groß die Fülle der Rätsel ist, die in diesem winzigen Geschöpfe der Lösung harren.
Fritz: Ja, wenn du so willst — das ist natürlich was anderes. Aber ich denke, das eigentliche Leben, ich meine den letzten, tiefsten Grund des Lebens, wird der Mensch ja doch nie völlig enträtseln können.
Dr. E.: Davon spreche ich auch gar nicht. Ich denke tatsächlich nur an solche Fragen, die von der Wissenschaft wirklich gelöst werden können und zum Teil auch gelöst sind.
Kurt: Da meinst du also den Bau der inneren Organe und die Tätigkeit, welche jedes einzelne derselben auszuüben vermag?
Dr. E.: Das ist jedenfalls eine der Aufgaben, welche die Naturforschung zu bewältigen hat. Nicht minder wichtig ist dann die weitere Frage, wie jedes dieser Organe und somit das ganze kunstvolle Getriebe des erwachsenen Tieres aus den winzigen Anfängen der Eizelle sich entwickelt, wie aus dem Ei die Made, aus dieser die Puppe und schließlich das vollkommene Insekt sich herausbildet, und welche Kräfte hierbei in Wirksamkeit treten. — Doch ich sehe, ich spreche über Dinge, von denen ihr jedenfalls noch keine klare Vorstellung habt. Wir wollen daher, wenn es euch recht ist, nur mal ein wenig näher auf das eingehen, was man äußerlich an jeder Fliege beobachten kann. Ich hoffe, ihr werdet auch hierdurch schon einen kleinen Begriff bekommen von der Mannigfaltigkeit der Aufgaben, die zu lösen sind.
Fritz: Oh, den äußern Bau der Fliege kenne ich besser, als du glaubst! Ihr Körper zerfällt in Kopf, Brust und Hinterleib; sie hat sechs Beine wie alle Insekten —
Gebrauch der Beine. Gewicht der Fliege
Dr. E.: Schon gut, Fritz. Deine Gelehrsamkeit ist ja erstaunlich. Weißt du denn auch, wodurch die Fliege auf ihren Beinen stehen kann, obgleich keine Knochen darin sind?
Fritz: O ja. Die äußere Haut der Insekten ist hornartig; die Beine bilden also gewissermaßen feste hohle Röhren, welche den Körper tragen.
Dr. E.: Sehr schön. Und aus wieviel solchen Röhrenstücken besteht jedes Bein? Die Beine müssen doch auch gebeugt und gestreckt werden können, wenn sie zum Laufen dienen sollen.
Fritz: Ja, das habe ich auch gewußt. Es war fast, wie beim Menschenbein: Oberschenkel, Unterschenkel, Fuß, und oben, ich glaube, da waren auch noch zwei oder drei Stücke.
Dr. E.: Nun, es soll uns nicht so genau darauf ankommen. So ungefähr hast du auch das Richtige getroffen. Ich will nur noch hinzufügen, daß die Fliege alle diese Teile gegeneinander beugen und strecken kann, etwa so, wie wir den Unterschenkel gegen den Oberschenkel biegen. Eine Ausnahme macht allein das oberste Stück, das Hüftglied, welches zur Drehbewegung nach vorwärts und rückwärts befähigt ist. — Jetzt aber weiter: In welcher Weise gebraucht denn nun die Fliege ihre Beine, wenn sie umherläuft?
Fritz: Wie sie ihre Beine gebraucht? Ich denke, sie beugt und streckt sie etwa geradeso, wie wir es beim Gehen machen.
Dr. E.: Nun wohl. Wir aber haben nur zwei Beine, und die Fliege hat sechs. Es entsteht doch die Frage, in welcher Reihenfolge sie die Beine hebt, da sie sie doch nicht alle sechs mit einmal vorwärts setzen kann.
Fritz: Ja, daran habe ich noch nicht gedacht. Das kann man doch auch gar nicht untersuchen!
Dr. E.: Und warum denn nicht?
Fritz: Ich habe doch kürzlich gelesen, daß es schon sehr schwer sei, zu beobachten, wie ein Pferd seine vier Beine setzt, und daß dies erst mit Hilfe der Momentphotographien und des Kinematographen festgestellt sei. Nun ist eine Fliege so viel kleiner, und dann gar die sechs Beine —
Dr. E.: Dennoch hat man diese Aufgabe gelöst, schon lange bevor die Momentphotographien bekannt waren. Man hat einfach den Fliegen die Fußsohlen mit verschiedener Farbe betuscht und sie dann über weißes Papier laufen lassen. Aus den Fußspuren konnte man dann ohne große Mühe ersehen, in welcher Reihenfolge die Beine gebraucht werden.
Kurt: Das finde ich aber schlau! Und wie war es denn nun?
Dr. E.: Willst du nicht lieber erst einmal raten?
Kurt: Ach, da werde ich wohl vorbeischießen! Aber vielleicht ist es so, daß erst die Vorderbeine gesetzt werden, dann die Mittelbeine und dann die Hinterbeine. Ich glaube, die Raupen kriechen auch so.
Dr. E.: Mit den Raupen hast du recht; bei den Fliegen ist es jedoch ganz anders. Diese benutzen stets drei Beine als Stützpunkte, beispielsweise etwa das linke Vorder- und Hinterbein und das rechte Mittelbein, die also gewissermaßen einen Dreifuß bilden. Die drei übrigen bringen dann die Fliege in der Weise vorwärts, daß das rechte, gestreckte Vorderbein, dessen Krallen sich am Boden festgehakt haben, durch Beugen den Körper zieht, während das linke Mittelbein und das rechte Hinterbein aus der Beugestellung sich strecken und ihn somit schieben. Beim nächsten Schritt ruht das Gewicht der Fliege auf diesen drei Beinen, und die bis dahin zur Stütze dienenden treten nun in Tätigkeit. Man hat die Insekten daher in bezug auf ihren Gang wohl doppelte Dreifüße genannt.
Kurt: Haben sie denn nicht verschiedene Gangarten, wie das Pferd, wenn es trabt oder galoppiert?
Dr. E.: Nein; es hat sich sogar herausgestellt, daß selbst die Schrittgröße immer die gleiche ist und nicht um Haaresbreite sich ändert, ganz gleichgültig, ob das Insekt gemütlich spaziert oder in wildester Flucht ist. Nur die Schnelligkeit, mit der die Beine bewegt werden, ist dann eine größere.
Hans: Weiß man denn, wie schnell eine Fliege laufen kann?
Dr. E.: Ich glaube nicht, daß man darüber schon genaue Messungen hat. Du kannst ja aber mal versuchen, ob du es nicht feststellen kannst. Wenn ich nicht irre, hausen noch ein oder zwei überwinternde Exemplare hier im Zimmer, die jetzt wohl am warmen Ofen sitzen werden. Die könntest du am Ende auf ihre Geschwindigkeit prüfen.
Hans, der an den Ofen getreten ist: Ja, eine sehe ich schon; aber sie sitzt ganz still hier an der Kachel.
Dr. E.: Wie, Hans, an jener senkrechten, glatten Kachel sollte sie sitzen?
Hans: Ja, ganz gewiß, Vater; da ist doch weiter nichts dabei!
Dr. E.: So? Willst du dich denn nicht freundlichst zu ihr setzen?
Hans: Mich zu ihr setzen? Das kann ich natürlich nicht. Ich bin ja auch keine Fliege.
Dr. E.: Nein; aber ein kleines dummes Hänschen bist du, das gar nicht einmal merkt, was eine Fliege für feine Künste kann.
Hans: O, ich weiß wohl, was du meinst. Die Fliegen klettern ja auch an der Fensterscheibe in die Höhe, was ihnen kein Mensch und auch kein Affe nachmacht. Ich dachte aber, das käme, weil die Fliegen so leicht sind.
Dr. E.: Ih, das ist wahrhaftig ein lustiger Gedanke. Wieviel wiegt denn die Fliege?
Kurt: Aber die kann man doch gar nicht wiegen, Vater.
Dr. E.: Wer hindert uns denn daran? Da wiegt man noch viel leichtere Dinge.
Kurt: Und solche Wagen sollte es wirklich geben?
Dr. E.: O, wenn du willst, kannst du auch unsere gewöhnliche Küchenwage nehmen. Man muß nur ein wenig schlau dabei zu Werke gehen.
Fritz: Ich kann es mir denken, Vater, wie es geht. Wenn eine einzelne Fliege zu leicht ist, als daß die Wage ausschlägt, so nimmt man eben eine größere Anzahl zusammen und dividiert dann das für die Gesamtheit gefundene Gewicht durch die Zahl der Fliegen. Dann hat man den Durchschnitt des Gewichtes eines einzelnen Exemplars.
Dr. E.: So war’s recht, mein Junge. Wenn es wieder mehr Fliegen gibt, könnt ihr die Wägung mal ausführen. Ich möchte doch gern wissen, ob denn die Fliege in der Fabel, welche glaubt, sie sei für die Hörner des Stieres zu schwer, wirklich so schrecklich albern war.
Kurt: Entschuldige Vater, das war keine Fliege, sondern eine Mücke. Aber dazu müßte man doch auch wissen, welche Last der Stier mit seinen Hörnern überhaupt tragen kann, und wann er anfängt, ein Gewicht auf ihnen zu spüren.
Dr. E.: Sollte er denn nicht jede, auch die allerkleinste Last spüren, wenn sie auf ihn drückt?
Fritz: Ich weiß nicht recht, Vater. Eine Fliege merken wir ja an unserer Haut, weil sie krabbelt; ob wir aber das bloße Gewicht etwa einer toten Fliege spüren, ist mir noch zweifelhaft.
Dr. E.: Nun, da habt ihr ja eine ganze Reihe sehr interessanter Fragen zu untersuchen. Zunächst werdet ihr feststellen müssen, ob es überhaupt Gewichte gibt, so klein, daß wir ihren Druck durchaus nicht merken. Dann wäre ausfindig zu machen, wie groß das Gewicht sein muß, welches auf der Haut noch eben empfunden wird, und dieses endlich wäre mit dem Gewicht einer Stubenfliege zu vergleichen. Da der Stier in seinen Hörnern voraussichtlich kein feineres Gefühl hat, als wir in unserer Hand, so würde die Frage, ob er den Druck der Fliege oder gar der Mücke überhaupt empfinden konnte, mit einiger Wahrscheinlichkeit sich lösen lassen.
Kletterkunst der Fliege
Fritz: Woher kommt es denn nun, daß die Fliege an der Fensterscheibe in die Höhe klettern kann? Sie läuft ja sogar oben an der Zimmerdecke entlang, gleich als wenn alle Schwerkraft für sie aufgehoben wäre.
Dr. E.: Über diese Frage haben die Gelehrten viel hin und her gestritten. Die einen glaubten eine Art Haftscheibe an den Füßen gefunden zu haben, ähnlich wie bei den Laubfröschen, wobei das Anheften mit Hilfe des Luftdrucks geschieht. Die anderen wieder behaupteten, daß aus den feinen Borsten der Fußpolster ein klebriger Saft austrete, mit dem sich die Fliege anleime, etwa wie der Alpenjäger, von dem der kleine Walther in Schillers Tell erzählt. Die letzteren werden wohl recht behalten, denn man hat bei einiger Sorgfalt unter dem Mikroskop tatsächlich die feinen Spuren beobachten können, welche die Klebtröpfchen zurücklassen. Eine recht schwierige Aufgabe für den Chemiker wird es allerdings nun sein, die chemische Zusammensetzung dieses Stoffes ausfindig zu machen.
Kurt: Dann ist also die Fliege immer nur mit drei Füßen angeklebt, da ja die drei andern aufgehoben werden, um weiter zu laufen.
Dr. E.: Das genügt auch vollkommen. Der Versuch hat sogar ergeben, daß bei der nötigen Vorsicht schon ein einziger Fuß imstande ist, die ganze Körperlast am Glase festzuhalten. Sollte die Fliege aber auch wirklich einmal den Halt verlieren und ins Fallen geraten — das Genick würde sie sich deshalb doch schwerlich abschießen.
Kurt: Das will ich wohl glauben! Sie hat ja noch ihre Flügel!
Dr. E.: Weißt du denn, wieviel sie hat?
Kurt: Ja, zwei, wie die Vögel.
Dr. E.: Und ist es bei den andern Insekten ebenso?
Kurt: Nein, die haben vier, z. B. die Schmetterlinge und die Libellen.
Dr. E.: Seht, da stoßen wir gleich wieder auf einen Punkt, der dem Naturforscher viel Kopfzerbrechen macht. Soweit wir bis jetzt in das sehr schwierige Gebiet von dem Fluge der Tiere eingedrungen sind, scheint der Besitz von nur zwei Flügeln für das Fliegen am günstigsten. Warum nun trotzdem die Mehrzahl der Insekten mit vier Flügeln ausgerüstet ist, und warum gerade die Fliegen wieder hiervon eine Ausnahme machen, ist uns zurzeit noch fast völlig unklar. Überhaupt sind unsere Kenntnisse über den Flug der Insekten noch keineswegs abgeschlossen.
Fritz: Es scheint mir doch auch kaum möglich, hierüber irgendwelche Untersuchungen anzustellen. Wie will man denn ein Insekt im Fluge beobachten?
Dr. E.: Nun, so ganz unmöglich ist die Lösung derartiger Fragen doch nicht. Zunächst steht uns ja der ganze Muskelapparat, der die Flügel bewegt, zur genauesten anatomischen Untersuchung zur Verfügung. Aus der Größe, Lagerung und Befestigung dieser Muskeln werden wir auf deren Wirkungsweise schließen können. Andererseits geben uns Gestalt und Beschaffenheit des Flügels einen Anhalt darüber, wie der Luftstrom auf ihn einwirkt, der durch den Niederschlag erzeugt wird. Endlich aber lassen sich auch direkte Versuche anstellen, um die Zahl der Flügelschläge in einer Sekunde ausfindig zu machen oder den Weg, den die Flügelspitze hierbei beschreibt.
Kurt: Und das hat wirklich einer ausgeführt?
Schwingungszahl der Flügel. Schwingkölbchen
Dr. E.: O ja, sogar mehrere. Man hat lebende Insekten auf ganz feine Nadeln gespießt, ohne edlere Teile zu verletzen, und sie dann in der Nähe eines sich drehenden Zylinders mit berußter Oberfläche aufgestellt. Indem nun die Flügelspitze des flatternden Insekts den berußten Zylinder berührte, zeichnete sie gewissermaßen selbst den Weg auf, den sie in der Luft beschrieb. So konnte man aus der Drehungsgeschwindigkeit des Zylinders, verglichen mit den auf ihm abgezeichneten Auf- und Niederschlägen, mit Sicherheit die Zahl der Flügelschläge während einer Sekunde berechnen.
Fritz: Weiß man denn, wie groß diese Zahl für unsere Stubenfliege ist?
Dr. E.: Selbstverständlich. Sie beträgt etwa 330 in einer Sekunde, während der bummelige Kohlweißling in derselben Zeit nur neun macht. Übrigens kann man bei der Stubenfliege noch auf einem andern Wege zu dem gleichen Ergebnis gelangen. Man braucht nur eine Stimmgabel zur Hand zu nehmen.
Fritz: Eine Stimmgabel? Da bin ich doch neugierig.
Dr. E.: O, die Sache ist ganz einfach. Man weiß, daß der summende Ton, den die Fliege während des Fluges hören läßt, durch die Schwingungen der Flügel hervorgebracht wird. Stellen wir nun die Höhe dieses Tones mit Hilfe einer Stimmgabel fest — es ist das eingestrichene e oder f unseres Klaviers —, so können wir aus der bekannten Schwingungszahl dieses Tones ohne weiteres auf die Zahl der Flügelschläge schließen, welche denselben hervorbringen.
Fritz: Dann kann man ja mit Leichtigkeit auch bei allen andern Insekten, welche im Fluge summen, diese Zahlen ermitteln.
Dr. E.: Gewiß. Man muß sich nur dabei vor Täuschungen hüten. Bekanntlich bringen die Insekten vielfach auch noch andere Töne hervor, die mit der Flugbewegung gar nichts zu tun haben.
Kurt: Und wie machen sie das?
Dr. E.: Durch Ausstoßen der Luft aus den Atemlöchern der Brust. Wir wollen nicht weiter darauf eingehen, da es sich hierbei um Organe handelt, die äußerlich kaum sichtbar sind. Erwähnen nur möchte ich, daß diese eigentliche Stimme meist vom Flügelton völlig übertönt wird. Will man sie hören, so muß man der Fliege die Flügel festhalten. Man vernimmt dann ein ganz hohes Singen.
Fritz: Sag’ mal, Vater, führen nicht auch die sogenannten Schwingkölbchen ganz ähnliche Bewegungen aus wie die Flügel?
Dr. E.: Ja, soviel ich weiß, schwingen sie mit der gleichen Geschwindigkeit.
Hans: Was sind denn das, „Schwingkölbchen“?
Dr. E.: Das sind ein Paar dünne Stielchen, vorn mit einer knopfförmigen Verdickung, die etwa wie kleine Trommelstöcke aussehen und den letzten Rest der den Fliegen verlorengegangenen Hinterflügel darstellen.
Kurt: Ich meine, bei den großen Schnaken oder Kriebelmücken sind sie sehr lang und deutlich.
Dr. E.: Ganz recht. Bei unserer Stubenfliege sind sie von einer kleinen Schuppe bedeckt, die man erst abheben muß, wenn man sie sehen will.
Kurt: Wozu dienen denn diese merkwürdigen Trommelstöcke?
Dr. E.: Das ist keine so leichte Frage. Als man vor einer Reihe von Jahren vorn am Kopf derselben und auch am Grunde ihres Stielchens höchst merkwürdige sogenannte „Nervenstifte“ gefunden hatte, die auf eine Sinneswahrnehmung hindeuten, da war alle Welt darüber einig, daß nun endlich das lange gesuchte Gehörorgan der Fliege gefunden sei. Neuere Untersuchungen und Experimente führten dann freilich wieder zu einem ganz andern Ergebnis. Danach sind die Schwingkölbchen gewissermaßen die Lenkstangen, mit deren Hilfe das Insekt die Schwenkungen beim Fluge ausführt. Von einem Gehörorgane kann aus verschiedenen Gründen gar nicht die Rede sein.
Fritz: Hat man denn nun dafür ein anderes Gehörorgan gefunden?
Geruchs- und Gehörorgane der Fliege
Dr. E.: Wie es scheint, ja, und zwar an denjenigen Gebilden, welche schon die Zoologen des vorigen Jahrhunderts häufig als die Ohren der Insekten bezeichneten, an den Fühlern.
Kurt: Ei, das wundert mich. Ich dachte immer, die Fühlhörner wären bloß zum Fühlen da.
Dr. E.: Wenn man einen Heuspringer, eine Küchenschabe oder eine Schlupfwespe beobachtet, so kann man gewiß leicht zu dieser Ansicht kommen, denn man sieht es ja deutlich genug, wie diese Tiere mit ihren Fühlern alles betasten. Man muß sich aber hüten, dies nun so ohne weiteres auf alle übrigen Insekten zu übertragen. Bei vielen von ihnen ist ein Tasten mit den Fühlern kaum wahrzunehmen. Dagegen scheint es sicher, daß in den Fühlern ganz allgemein die Geruchsorgane und sehr häufig, wie bei unserer Fliege, auch die Gehörorgane stecken.
Fritz: Aber wie hat man denn das ausfindig gemacht?
Dr. E.: Schwer genug ist es den Naturforschern geworden, und wohl an hundert gelehrte Abhandlungen sind über diese Fragen veröffentlicht. Im allgemeinen will ich dir nur sagen, daß beide Wege eingeschlagen sind, die zum Ziele führen konnten: Die gründliche mikroskopische Untersuchung des feinern Baues der Fühler auf der einen Seite, die Anstellung scharfsinniger Experimente auf der anderen.
Fritz: Und durch solche Versuche will man feststellen, ob ein Insekt riechen kann?
Dr. E.: Daß es überhaupt riechen kann, braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden. Ich erinnere euch nur an die Aasfliegen und Mistkäfer, die ihre Nahrung ja auf große Entfernung hin wittern. Die Versuche sollten vielmehr dartun, wo denn dieser Sinn seinen Sitz hat. Schon am Ende des achtzehnten Jahrhunderts hat ein Hamburger Arzt — Lehmann hieß er — in dieser Richtung sehr drollige Experimente angestellt. Er nahm eine Flasche und bohrte seitlich ein Loch hinein, durch welches er den Hinterleib des zu untersuchenden Insektes in das Innere steckte. Wenn er nun durch den Hals den Dampf von Schwefel, gebrannten Federn, Asa foetida oder dgl. in die Flasche leitete, so fingen die eingeklemmten Tiere an zu zappeln, und er glaubte dadurch bewiesen zu haben, daß der Geruchssinn in den Atemlöchern des Hinterleibes seinen Sitz habe, da ja der Vorderkörper außerhalb der Flasche in frischer Luft sich befand.
Kurt: Aber läßt sich denn gegen diesen Beweis etwas einwenden? Es ist doch klar, daß die Tiere zappelten, weil sie eine Empfindung von den schlechten Stoffen hatten, die in ihre Atemlöcher drangen.
Dr. E.: Das letztere läßt sich schwerlich bestreiten. Daß diese Empfindung jedoch mit dem Riechen gar nichts zu tun zu haben braucht, ist leicht einzusehen. Denke nur daran, daß es auch uns ungemütlich wird, und daß wir anfangen zu husten, wenn etwa Schwefeldampf in unsere Lungen gerät. Wir könnten dann mit demselben Rechte behaupten, der Sitz unseres Geruchssinnes sei in den Lungen.
Kurt: Alle Wetter! Das ist wahr! Da muß man ja riesig vorsichtig sein, damit man nicht ganz was Falsches rauskriegt. Wie hat man’s denn nun noch weiter versucht?
Dr. E.: Auf sehr verschiedene Weise. Man hat z. B. die Fühler abgeschnitten oder lackiert und dann beobachtet, ob das Insekt die versteckte Nahrung noch finden konnte. Kurz und gut, sowohl diese Versuche, wie vor allem die Beschaffenheit der vielen Nervenendigungen in der Oberhaut der Fühler machen es im hohen Grade wahrscheinlich, daß hier der Sitz des Geruchssinnes ist.
Fritz: Und das Gehörorgan, von dem du vorhin sprachst?
Dr. E.: Das steckt in dem zweituntersten Fühlergliede. Die Schallwellen der Luft versetzen zunächst die Borsten des Fühlerendes in Schwingungen, die sich dann auf die zarte Gelenkhaut zwischen dem zweiten und dritten Fühlergliede fortpflanzen. An ihr sind zahlreiche Nervenstiftchen befestigt, welche den Sinneseindruck weiter zum Gehirn leiten.
Kurt: Ich hätte doch gewiß nicht gedacht, daß so eine Stubenfliege ordentliche, erkennbare Organe für das Riechen und Hören hat. Kennt man denn vielleicht auch Geschmacksorgane?
Rüssel der Fliege. Facettenauge
Dr. E.: Freilich. Die sitzen als kleine Nervenstiftchen auf den fleischigen Lippenpolstern des Rüssels.
Kurt: Wo sind denn diese Lippenpolster?
Dr. E.: Ah, ich merke, daß du dir noch niemals diesen interessanten Apparat angesehen hast, mit dem die Fliege ihre Nahrung einsaugt. Das sollten wir gleich einmal machen. Lege doch einige Stückchen Zucker hier auf den Tisch; vielleicht tun uns unsere Fliegen den Gefallen und stellen sich zu Gaste ein.
Fritz: Ich habe mir den Rüssel wohl schon angesehen. Er sieht aus wie ein geknietes Rohr, das abwärts gerichtet ist. Am Ende bildet er eine breite Fläche, mit der die Fliege überall hintupft; das werden wohl die Lippenpolster sein, die du meinst.
Dr. E.: Ja, das sind sie. In einer Rinne des geknieten Rüssels liegt nun das ungemein zarte eigentliche Saugrohr, das vorn bis zu den Polstern reicht, und durch welches die flüssige Nahrung in den Schlund und in den Magen steigt. — Doch seht, da ist schon eine unserer Fliegen; gleich wird sie über den Zucker herfallen.
Kurt: Wahrhaftig. Nun tupft sie mit dem fleischigen Polster immer drauflos. Das sieht ja famos aus, wie sie mit ihrem Rüssel hantiert.
Dr. E.: Ja, das ist ein recht verzwicktes Ding, und es sollte uns schwer werden, ein Modell zu bauen, welches alle diese mannigfachen Bewegungen nachmachen könnte.
Hans: Aber, Papa, ich denke, die Fliege kann nur Flüssiges zu sich nehmen, und hier frißt sie Zucker!
Dr. E.: Ei, ei, Hansel, das war wieder eine von deinen berühmten Fragen. Über dieses große Rätsel können sich mal deine Brüder den Kopf zerbrechen.
Fritz: Der Zucker wird wohl ein wenig feucht sein, daß sie ihn aufsaugen kann?
Dr. E.: Meinst du? Das glaube ich kaum; sie betupft ja auch Brotkrumen.
Kurt: Vielleicht spuckt sie den Zucker vorher an, daß er flüssig wird.
Dr. E.: Bravo, Kurt! Du hast’s in der Tat getroffen. An der Spitze des dünnen Saugrohrs mündet gleichzeitig auch ein haarfeines Speichelrohr, durch welches je nach Belieben der Fliege — denn das Rohr hat ein Ventil zum Öffnen und Schließen — ein Tröpfchen Speichel vorn an der Spitze des Rüssels heraustritt.
Fritz: Aber wenn das auf den Zucker kommt, so wird es doch in diesen einziehen. Überhaupt weiß ich immer noch nicht, was dann die breite Tupffläche soll. Von dieser kann doch keine Flüssigkeit in das feine Saugrohr eintreten.
Dr. E.: Nun, wir werden gleich sehen. — So, da habe ich sie glücklich erwischt. Hier, Fritz, hast du meine Lupe, und jetzt betrachte einmal die Tupffläche.
Fritz: Ih, die ist ja auf der ganzen Fläche naß, wie mit Wasser überzogen!
Dr. E.: Stimmt genau! Und der Grund hiervon ist eine höchst wunderbare Vorrichtung auf dieser Tupffläche, die wir allerdings nur mit dem Mikroskop deutlich erkennen können. Von der Mitte der beiden Polster nämlich, dort, wo das feine Saug- und Speichelrohr zwischen ihnen mündet, verlaufen über die ganze Fläche hin bis zum Rande strahlig gestellte feine Rinnen mit schmalem Längsspalt. Der Speicheltropfen, der aus dem Saugrohr heraustritt, verteilt sich daher sofort mittels dieser Rinnen über die ganze Fläche und haftet in feiner Schicht so fest auf derselben, daß er vom Zucker nicht aufgesogen wird. So löst sich denn der Zucker in diesem Speichel, die Lösung dringt durch die schmale Längsspalte in das Innere der Rinnen und wird von diesen aus durch das in ihrem Ausstrahlungspunkt gelegene Saugrohr in den Magen gesogen. Die Fliege macht sich also richtiges Zuckerwasser und trinkt es dann. —
Kurt: Es war doch wirklich merkwürdig, wie schnell der Zucker von unserer Fliege bemerkt wurde, beinah’, als wenn sie ihn gerochen hätte.
Dr. E.: Soviel ich weiß, riecht der Zucker überhaupt nicht. Und da sie ihn auch nicht gehört haben kann, so bleibt wohl nichts weiter übrig, als daß sie ihn gesehen hat. Groß genug sind ja ihre Augen dazu.
Fritz: O, von denen habe ich schon viel gelesen. Das sind diese seltsamen Facettenaugen, die auf der Fläche wie lauter kleine Sechsecke aussehen. Jedes Sechseck stellt ein Auge für sich dar, so daß die Fliege viele hundert Bilder von jedem Gegenstand mit einmal sieht.
Dr. E.: Es ist sehr nett von dir, Fritz, daß du diesen altberühmten Streit über das Sehen der Insekten nunmehr zum Austrag gebracht hast. Ich darf wohl annehmen, daß deine so sicher vorgetragene Behauptung auf gründlichen Untersuchungen beruht?
Fritz: Da habe ich also wohl eine große Dummheit gesagt?
Dr. E.: Nun, das gerade nicht. Aber die ganze Frage nach den Leistungen des Facettenauges ist gerade jetzt, nachdem in den letzten Jahren sehr umfassende und sorgfältige Studien über den Bau des Insektenauges gemacht sind, so wenig entschieden, daß es mir Spaß machte, dich so klug darüber reden zu hören. Noch heute stehen sich zwei Ansichten unvermittelt gegenüber, von denen die eine, zuerst von dem berühmten Johannes Müller begründete, behauptet, daß jede Facette nur einen einzigen Lichtpunkt auf die Netzhaut im Innern des Auges werfe, während die andere durch jede Facette ein ganzes Bild des betreffenden Gegenstandes auf der Netzhaut entstehen läßt. Beide Ansichten lassen sich verteidigen, und ihr habt hier so recht ein Beispiel, wie die Erforschung einer Lebenserscheinung oft um so schwieriger zu werden scheint, je eingehender man dieselbe studiert hat.
Kurt: Aber man muß doch beurteilen können, ob die Fliege gut oder schlecht sieht.
Dr. E.: Selbst das ist keine so leichte Sache. Versuche hierüber sind natürlich angestellt, und zwar in großer Zahl. Man kennt für verschiedene Insekten annähernd die Entfernungen, in welchen sie Gegenstände von bestimmter Größe und Farbe wahrnehmen, man weiß, daß sie sich manchmal irren, und daß sie bewegte Körper leichter sehen als ruhende. Ein sicheres Urteil aber darüber, mit welcher Klarheit irgendein Gegenstand den Tieren zum Bewußtsein kommt, ob scharf und deutlich, ob verschwommen und nur in groben Umrissen, das weiß zurzeit niemand zu sagen.
Fritz: Ist es nicht merkwürdig, daß die Fliege ihre Augen nicht bewegen kann?
Dr. E.: Ja, das ist wieder ein Punkt, der beweist, wie anders das Sehen bei den Insekten eingerichtet sein muß als bei uns. Wenn wir etwas genau betrachten wollen, drehen wir das Auge so, daß das Bild des Gegenstandes auf den Punkt des deutlichsten Sehens, auf den sogenannten „gelben Fleck“ in der Netzhaut fällt. Für die Insektenaugen werden wir wohl annehmen müssen, daß bei jeder der vielen Facetten eines Auges die Lichtpunkte eines Gegenstandes mit gleicher Deutlichkeit von der hinter der Facette liegenden kleinen Netzhaut aufgefangen werden. Da nun jedes Gesamtauge annähernd eine Halbkugel darstellt, so würde das Tier in der Tat nach allen Seiten hin gleich gut sehen können.
Fritz: Und Einrichtungen für das Nah- und Fernsehen gibt es auch nicht?
Dr. E.: Die scheinen durch den höchst eigenartigen Bau der Netzhaut selbst gegeben zu sein. Zudem haben viele Insekten, und so auch unsere Stubenfliege, noch eine zweite Sorte von Augen vorn an der Stirn, die sogenannten Punktaugen. Von diesen behaupten einige Forscher, daß sie zur Betrachtung ganz naher Gegenstände geeignet wären. — Doch nun wollen wir es für heute genug sein lassen. Ich denke, das wenige, was wir von unserer Hausgenossin besprechen konnten, wird schon genügt haben, um euch ein bißchen mehr Achtung vor diesem Kunstwerk der Natur einzuflößen.
Kopf und Fuß der Stubenfliege.