Das Pferd
Ohne sich Gewalt anzutun, in freier, geordneter Haltung verließ Johannes das Haus seiner Geliebten, bei der er die erste Nacht verbracht hatte.
Wie ein Gewitter plötzlich den Unvorbereiteten in Einsamkeit überfällt. Nachdem er in Traum und Tag Jahre hindurch alle Sprüche, Wünsche, Verschwörungen vergeblich abgelebt, öffnete sich auf das Zeichen, geheimnisvoll seinem Finger entschlüpfend, der Berg Sesam.
Ihn enttäuschte fast, niederschmetterte diese Überraschung: Weder war es nötig gewesen eigenes Gewissen zu morden oder Warnungen von Vater, Mutter, Arzt und Priester zu betäuben, noch des Mädchens zu zerbrechen, ihre Natur zu zersetzen. Obwohl an ihrer Unschuld, ihrem Vorurteil nicht zu zweifeln war.
Aus Lust, Glut, Überkraft erstickte er alle Hemmungen, lösten sich alle Bildung, Geschichte, Erziehung in Atmosphäre überwältigter Liebe, der auch Dora alle Romantik willig unterwarf.
So hatte sich diese erste Nacht beiden ergeben mit der Selbstverständlichkeit einer Traumhandlung, deren Logik in Freiheit von jeder Form der Gesellschaft ruhte.
Diese Nacht ruhte die Ewigkeit. — Sie stand zwischen den Zeiten, zwischen allen Schicksalen, lautloses Intervall.
Befreit von den Menschen, gesprengt Ordnung, Gesetz, Gewalt der Eltern; es gab Sieger und Besiegte, klares Los.
Spielend gestalteten Hand und Mund mit gefährlicher Kühnheit alle Schwierigkeit, alle Eifersucht zu Bildern, ohne Bosheit heimlicher Angst seine Worte und Blicke klar einen Wald, in dem sie sich gerne verliefen.
Voll Glück verlor er Gewalt über Glieder und Gedanken, er zauberte jeden Augenblick als Vollendung des Genusses, eder das Ziel, hinter dem Abschied nichts Böses mehr enthielt.
Atemlose Stärke durchpulste ihn: Ich kann Böses tun, ich bin gütig.
So hatte er sich ihrer, die ihm schon gehörte, mit sanfter Schamlosigkeit bemächtigt, der in stummen Minuten, wenn Atem und Blick im Takt gingen, lächelndes Erstaunen den Ton eines Sommerspieles gab, das ein verstecktes Tuch oder ein Ball lustig bewegt.
Auch als der späte Tag sie in langem Schweigen ließ, das ernst und nachdenklich ihr Mund und Blick versperrte, regte sich in ihm weder Ungeduld, noch zwang er sich ab größte Zärtlichkeit.
Wie Spiegelschein blitzte ihre Trauer seinem Aug vorüber, daß ein Stich durchs Herz fast Tränen austrieb.
Hurtig kleidete er sich an und verließ sie, balancierend auf den Zehenspitzen, ohne umzublicken, vorsichtig ihren Schlaf nicht zu stören.
Sie aber schlief nicht, sie lag wach, er wußte, daß ihre Augen weit offen ihn, nur ihn schauten, daß sie sich mit Tränen füllten, weil er ging. Gleichwohl ließ sie ihn gehen, um besser weinen zu können.
Er wollte keine Tränen, keine Reue, keine Scham; er fürchtete seine Verlegenheit, daß sie dalag, und er ging. Johannes aber stand, von leichtem Schwindel gebändigt, auf der Straße, über die grauer Himmel kühlen Wind blies. Er schüttelte sich und atmete mit Wucht aufs neue. Morgenkälte schmolz Zweifel über seine Haltung schnell hinweg.
Häusern, Menschen, Fenstern, Zäunen, den kahlen Pflasterbäumen sah er streng und bissig entgegen und hindurch in fernes Land der Zukunft, das willig seinem neuen Geiste sich entschleierte. Die Schilder der Läden, Maggi, Pilo, Palmona — er wußte, was sie bedeuteten, Aufrufe, Wegweiser zum geheimnisvollen Endziel, das nur er kannte. Imaginäre Kraft seiner Augen durchbohrte Berge und Mauern, dicht, greifbar wesentlich schwante der neue Johannes über den Wolken, Hülle auf Hülle fiel in seinem Innern. Klar ward ihm Wahrheit, Kern all seiner Wege: Gleichgültig wie man lebt, wofür, welchem Beruf — den ewigen Wert seiner Existenz wird jede Form aufnehmen, jede Phase Gärung und Fruchtbarkeit kraft ihrer einzigen Art, Taten zeugen, die Europa erschüttern.
Sein großes Seelen-Ich, aus Wunsch und Eifersucht erblühtes, stand vor ihm auf der Straße feuchtem Pflaster. Ahnung eines reichen, unbeirrbar sieghaften, eines Condottieres, in dem aller Glanz, Esprit, Ehrgeiz und Ruhm des Jahrhunderts knirschend, reflektiert, beflügelte langsam seine Seele zu höheren, überirdischen Regionen. Häuser und Kirchen, Schlote und Fabriken, Banken, Universität; die ganze Stadt mit allen Menschen, Berufen und Geschäften, mit Gelehrsamkeit, Tugend, Dummheit und Elend wogte unkenntlich zu seinen Füßen, krauses Gewölk eines Teppichs den Augen eines Trunkenen.
Auch diese Nacht, das Mädchen, seine bürgerliche nur menschliche Natur lag „da unten“. Vergessen, überwunden, lächerlich. Denn allzulange schon hatte er gemußt: Glauben, hören, überzeugt werden von Büchern und Gegnern. Zu lange schon hatte er gebückt Predigt und Prügel von Mensch, Gott und Erfahrung, dieser Bestie hinter allem Objekt, hingenommen. Verstand fehlte nicht (hieß es), aber man muß seine Phantasie, die schlimmen Instinkte eindämmen, ausrotten, ihm einbläuen, daß nur gilt wer lernt, überall lernt, hört was gesagt wird. So war die Klugheit aller anderen ebenso Macht wie eigene Lähmung, Dummheit und Null. Die Frau war nur die Summe dieser Widerstände, das wandelnde Gleichnis seiner Unterlegenheit. Er identifizierte sie fast.
Weder hatte er gewagt, wie seine Kameraden ins Bordell zu gehn (gerne glaubte er edlere Zaubermacht dem Gelde als solch viehische Vergnügungen), noch erkühnte er sich, eine der hungrigen, wie aus Käfigen entflatterten Studentinnen zu erobern. Im Gedanken waren ihm alle unterlegen, hatte er alle besessen ohne Gewalt; sie ergaben sich seufzend dem Glück, von ihm erlöst zu werden. Die Gegner erbleichten und verwickelten sich in geistlose Tiraden.
Aber Wirklichkeit hatte ihn ernüchtert, seiner Ohnmacht ausgeliefert. Ging er auf der Straße, im Hörsaal einer Frau entgegen, überwältigte ihn aus tiefstem Dunkel aufquellende Schamröte, so daß er oft umkehrte, entfloh, fluchend seiner Feigheit. In einem Winkel dennoch trotz Hohn und Schmähung wider sich, Gelegenheit fiebernd herbei lauerte seine Kraft und Überlegenheit, Tugend und Bildung zu beweisen. Jetzt aber war das Maß endlich voll und er strömte aus, alles was ihn gebändigt, geknebelt und zum Spottbild gezwungen hatte. Spielend war ihm ein Sieg gelungen, der ihn mit einem Schlag der größten Freiheit in die Arme warf. Es war Tag, er und die Welt: Man stand endlich am rechten Fleck.
Spielend! Er pfiff es fast zwischen den Zähnen und rekelte sich in den Gelenken.
„Man kann sie nicht gerade schön nennen. Aber ihre Augen sind doch erhaben voll großen Feuers, voll Klugheit. Gott sei Dank, sie ist nicht schön, aber klug — schöne Frauen sind dumm — sonst hätte sie nicht mich gewählt, den Unscheinbaren, dem Verlegenheit Blick und Sprache verschlägt. Es stand ihr doch frei, jeden ihrer zahlreichen Freunde, einen der größer, schöner, eleganter ist als ich, zu gewinnen. Aber sie zog mich den Eleganten vor, weil sie die Klugheit der Schönheit vorzieht.“
Er kniff die Augen zusammen wie um Doras Bild besser zu sehen; prüfend zwinkerte er.
„Leider ist sie nicht auch schön; ihre Backenknochen ecken vor und die Nase krümmt sich einwärts, sie ist mager und ihrer blassen Farbe nach leidet sie insgeheim; so schulde ich ihr nichts, denn ihre Liebe zu mir beglückt sie. Die anderen! Sie werden mich beneiden, wenngleich sie über uns lächeln. Aber ich brauche nicht mehr den Erdboden anzuflehen, daß er mich verschlinge.“
Dennoch strauchelte er noch über Hoffnung und Furcht. Seine Übertreibung überlistete er mit Schlauheit. Seiner Empfindlichkeit schuf die elementare Überlegenheit älterer Semester, ihre größere Erfahrung zorniges Unbehagen. Ihr starres Lächeln, umspült vom rauhen Baß väterlicher Nachsicht, ihr Wahn der Vollendung genügte, seine Stellung zu untergraben. Und wie, wenn Dora sich Hoffnungen hingab, vor denen ihm graute, weil er sich lächerlich und brutal zugleich werden fühlte, aus Instinkt heraus, den er wie vorbestimmtes Schicksal nicht bewältigen, überspringen, fliehen konnte.
„Ich muß auch den ersten, zarten Keim eines Anspruches in ihrem Herzen zertreten, ausjäten. Meine Pläne, seit Beginn meiner Gedanken festgelegt, dulden keine Fesselung — ich muß mich hemmungslos umhertreiben dürfen — von Pol zu Pol. Toben muß ich durch Chaos von Welten, dazu gehören Frauen, keine Frau. Und wenn sie auch“ — er schlug diesen Satan zu Boden mit der Hand wie eine Wespe, obwohl sein Herz, des braven Sohnes Herz hart aufpochte. Aber lustig förderte er seinen Schritt weiter, glücklich, daß die Ungeborenen Leichen bleiben mußten.
In solche Gedanken verstrickt hatte er sich den Straßen überantwortet. Er mußte auf die Trambahn warten, um zurückzufahren. Zufrieden und neugierig lehnte er an der Stange, die das Haltezeichen trug und schaukelte sich träge.
Da kam ein Bursche des Wegs. Der zog an einem Strick ein Pferd hinter sich her. Johannes sah, wie das Pferd daherschwebte riesengroß über dem Volk, aus einem Tunnel schwarzer Häuser aufwuchs in Wolken, Atem und Schweiß. Das Pflaster sträubte sich klirrend zwischen den Schienen, die Häuser wackelten, das Tier stieß vor, näher zu ihm, zu ihm. Von Kopf zu Fuß gefror sein Blut zu spitzem Eis, so daß er sich nicht vom Fleck rühren konnte. Der Richter nahte, der ihn wie ein Hölzlein zerbrechen, wie eine Gänseblume zertreten und fortblasen wird.
Der Bursche zerrte den Gaul mit wüsten Flüchen, sein Knüppel wirbelte. Man sah, es ging zum Schlachthof. Das Tier in diesem Wesen war uralt in einem Gestrüpp wolliger Filzhaare. Das Tier fühlte, daß es sterben sollte. Sein Gebein, sein rauhes Fell zitterte unter den Schenkeln des Unsichtbaren, den plötzlich alle sahen. So wie er abgebildet ist: „hoch zu Roß wird er reiten durch die Gassen. Sein Atem tötet, sein Blick tötet, sein Mund verschlingt“. Wild kochte Atem aus verknorpelten Nüstern, die am Straßenschmutz rochen.
Das Pferd des Todes kroch riesengroß herbei, eine Karawane des Elends, ein Begräbnis vor dem letzten Blick: Alle Leiden des Sterblichen, in dem noch Agonie wühlt, spielen sich ab vor den Fenstern, Gesichtern, Bäumen. Es humpelte jeden Schritt, setzte ihn eigens hin. Sein rechtes Hinterbein war ganz verdreht, eine barocke Säule. Nur die Spitze des Hufes schlurfte auf den Boden. Jeder Schritt auf dem nassen, rohen Pflaster biß und zerrte an Mark und Sehnen. Bei jedem Schritt sträubten sich die letzten Fransen seiner Borstenmähne voll Stroh und Spelz. Blicklos rollten durch die Gespensterhöhlen Augen, wehrlos hin und her der spitze, gramverwüstete Schädel.
In dieser Bestie aus Elend, Hunger und Müdigkeit wohnte die sanfte Seele eines sterbenden Engels.
Alle mußten ihn sehen, diesen Berg der Verzweiflung mit Flanken, die wie Blasebälge rollten. Ein Gewitter von Schlägen in Kälte, Sturm und Schnee. Jahrelang hatte es nicht mehr auf dem Boden im Stroh schlafen können, weil die Beine zu steif waren, um den großen Leib wieder aufzurichten. Nur Häcksel und feuchtes Gras lagen in dem schmutzigen Sack, den man ihm um den Kopf band.
Die Beine waren an all dem Elend schuld — sie waren von Gicht geschwollen wie rauhe Bäume, an denen noch Astknorren stecken. Die Gicht war schuld, der Fuhrknecht, der in der Kneipe soff, indes es wartete, wartete in Schlamm, im Regen, im Sturm. Die Menschen sind schuld, das Leben, Gott!
Jeder Schritt dieser blind unstet scharrenden Beine riß das Tier zusammen, schüttelte es wie ein Bündel Lumpen.
Der Schweiß des kalten Todes, dessen Nähe es nicht abschütteln konnte, sickerte aus allen Poren. Im Bogen drückte es den Leib durch. Wie eine Brücke von hier ins Jenseits, das bald ein Metzgerhammer an seiner Stirn aufschlagen würde. Vom Bauch kroch graues Weiß wie Schimmel, Todesblässe auf den Rücken. Die Rippen stießen aus der kantigen Wirbelsäule schneidend aus, als sei das Skelett notdürftig mit Haut bespannt, Trommel, auf der jetzt Tod statt Peitsche und Stiefel den Marsch nach Vorwärts hämmerte.
Johannes konnte den Anblick kaum mehr ertragen — ihm ward übel vor Entsetzen. Hier belangte ihn ganz persönlich ein Unbekanntes — Verbrechen, Mord, Lüge, Verführung; Kinderchen sah er vor seinen blutbespritzten Händen fliehen, Mädchen errötend umbrechen vor seinen gierigen Lippen, Eltern weinten um ihn, fluchten ihm; Fremdes ging ihn plötzlich heftig an, dringend, unaufschiebbar, es trat ihm auf die Fersen, seit langem, seit jeher — jetzt erst erkannte er.
Und sah neue entsetzliche Einzelheiten, die seine Augen anzogen, hielten, ihn wehrlos machten.
Man hatte dem Pferde die Hufeisen abgerissen und an den Eisenhändler um zwei Groschen verkauft. Es schlich auf seinen stumpfen Hufen zum Tod wie ein Schwindsüchtiger auf Pantoffeln, lautlos, ohne das Klappern der Eisen, das auch den alten Gaul noch heroisch scheinen läßt.
Und er hielt vor Johannes, der Reiter hielt den Gaul vor ihm.
Seine Augen begegneten den toten Augenquallen des Tieres. Er mußte den Blick senken, er unterlag, er erlosch und ward zerknittert, fortgeschmissen wie ein Zeitungsblatt. Wollust, zertreten zu werden!
Das Tier aber folgte dem Ruck des Strickes, der um seinen langen Hals geknotet war. Die Borsten aus seinem Schweifbesen spreizten sich wie Schwungfedern zwischen den flachen Mühlsteinen seiner Hinterbatzen. Johannes sah dem hinkenden Gespenst, diesem Galgengerüst des Todes, nach, bis es um die Ecke taumelte, in die Straße versank wie in einen Schlund, der es verdauen würde gleich allen anderen Elenden und Geschlagenen.
Er wandte sich um und seine Blässe spiegelten die Gesichter der Umstehenden, seine Pein drückte auch sie nieder, seine Scham bäumte auch diese dürren Herzen. Es war, als sei Christus zum Kreuzberg geführt, alle wußten darum, alle entschuldigten sich, auch er machte sich davon, aber wo er auch hielt, das Pferd wippte neben ihm, klappte sein ledernes rindiges Maul auf, bleckte die großen Gelbstummel seiner Zähne. Es grinste und fletschte, sabberte lange Fäden Saftes, es leierte die Sprache des langen sicheren Todes, die er erlernen mußte. Sie hatte ihn aufgeschrien, geweckt aus romantischen Mördereien.
Auftauchend aus Gassen und Hinterhäusern trotteten Menschentiere um seine Füße, die Brüder jenes Pferdes. Es sah die Zeichen der Familie auf den Gesichtern, die vorübertanzten. Durch Kleider und Haut mußte sein Blick. Not, Haß, Gier in jeder Falte, knarrten aus Stiefeln, husteten aus morschen Lungen. Die Buckel krümmten sich, schief drehte sich der Hals, das Becken quoll und pries sich an, Beine knickten ein vor Hunger, aus Augen funkelten trübe noch die Tränen durchwachter Nächte.
Wie ein Bad ergoß sich Betäubung über ihn und er zählte seine Schritte, um nicht hinzustürzen: Nieder mit mir! Er ging mit, er gehörte zur Bande. Auch er trug die Zeichen des Aussatzes, auch seine Seele, heimlich wundgescheuert, war beschmutzt und erniedrigt. Einst sog er wie Haschisch Jugend, Stolz berauschte ihn. Das Morphium seiner Träume vergiftete jeden Schmerz, jede Wahrheit, jede Gerechtigkeit: Krasse Gesundheit wiegte ihn in Schlaf.
Er vergaß das Kolleg, seine Stube, Bücher und Zukunft. Er sah mit den Augen des Pferdes, trabend durch die große Stadt: In Schwefelrauch chaotisches Panorama von Armut, Verfolgung, Dummheit, Vergeblichkeit. Er wehrte sich nicht mehr, es war sinnlos. Sinnlos alles, was sich sträubt, vergeblich trachten zu entkommen. Er pilgerte. Gegen den Abend der wie Sonnenfinsternis trübe von Schnee und Qualm über Dächer und Fassaden troff, schleppte er sich zurück. Seine müden gepeitschten Knochen hielt nur mehr diese Hoffnung: „Auf die Knie vor ihr!“ dröhnte sie durch seinen gelähmten Schädel. Seine Lippen murmelten ihren Namen, als er die Treppe emporstieg und demütig anläutete.