Der zweite Abschnitt
Da war Berlin, sie erkrankte an Grippe, ihre Umgebung fürchtete den schlechten Ausgang. Sie genas. In Zackstrahlen von diesem runden Verharrungspunkt ausgeschleudert, durchschwebte sie die neuen Schichtungen. Das Fräulein führte die Liste der Stunden. Die Tabellen verengten sich, gingen bis in die Nacht. Man holte sie. Sie schob sich selbst in das Drängen. Bald stand ein Defilé vor dem Haus. Mit Holl ging sie in Lewinskys Generalproben. Vom Bazartee kam sie mit Rosen, die Zofe brachte das Abendkleid ins Bad. Das Fräulein reichte die Tabelle. Sie runzelte die Braue etwas hinauf. Verreiste. Böhmer, Below traf sie bei der Holmberg, überging sie. Erlebte den Skandal, als Männer auf der Nizzapromenade sich um deren weißbemaltes Fleisch schlugen. Drei davon starben. Andere hätten sich gewälzt vor Wonne. Fuhr weiter. Drang von Schicht zu Zelle, lächelte. Es gab keine Grenze, Geld, Wille machten vor ihr alles frei, sie folgte traumhaft. Bei Utö kam von der Regatta Symes herauf, schlenkerte im Sweater auf sie zu. Sie sah zuerst vorbei, traf plötzlich seine Gestalt,
spürte in den Knien, im Auge den Schlag, erblaßte. Lief am Strand auf und ab abends, allein. Reiste zurück nach Nizza die Nacht.
Bezauberte drei Tage von neuem die Holmberg, deren Hand schmeichelnd kam, fuhr mit ihr den Korso, dessen Blumenwoge symphonisch in den Himmelrand schlug. Ihr Blick hing fest irgendwo über ihr, zog etwas daraus fest in sich Die Gräfin fragte. Sie ward scheu, umschwebte mit dem Blick ihren Kopf, wich der Hand aus, verschwand. Sah in dem Parkfest eines dekadenten Mitteldeutschen Fürsten die Megrée auf gemeißelten Beinen kommen, auf einem Wallach, zwei Messer im Mund, abspringen, den Norweger Stefan umarmen, nicht tanzen, lachend abreiten. Der mit den eisernen Backenmuskeln wandte sich ruhig um, sah, überstürzte den Blick nach Daisy. Seit dem Tag war Stefan hinter ihr her, reiste Station auf Station nach, vermochte nicht zu bitten, versuchte einen Einbruch, setzte sich selbst herab, mußte sie unter Menschen ihn hören. Seine athletische Brust zuckte zurück vor ihrem grau geworfenen Auge. Sie sah ihn kaum. Sie gab sich hin, ließ sich aufnehmen wie willenlos, von diesem bald, von jenem Hauch. Kam es vom Meer, war es gut. Kam es vom Land war es gut. Ihr Gesicht selbst war verschleiert. Es war unsichtbar, was sich vollzog. Nur war das Obere deutlich nicht das Letzte. Etwas saß darunter, fest zusammengedrängt.
Nur, je mehr sie sich dem Umstrahlenden anschloß, genoß, sog und hintertrieb, bedenkenlos die Stationen nahm, die sie umwölkten, war etwas in ihrer Hingebung, das sie dem so heftig Genahten tief entzog.
Es schwankte herauf und herab in dem Treiben, bald obere, bald untere Welt, Fahnen und Wagen, auch Meer. Sah Heringsdorf, Menschen bogen sich, verkrampften den Blick, sahen in die Sonne, neigten die Hälse, flüsterten, trieben Neugier aufs Gesicht. Durch solch gewölbte Gasse kamen Heroen: Lyonel, Böhmer, Brandt, Below. Umzischelt, vertuscht, aufgerissen. Vorbei. Sie lenkte den Blick kühl darüber, er trieb nicht ab, blieb nicht haften, kein Drang schlug dort hinaus. Sicher fast, in die Höhe gehoben, blieb er dort. Haftete. Sie spielte einen Preis im Single heraus. Das Lächeln, das sie zerstreut dem Preisrichter gab, lief durch Revuen, machte ihr Gesicht bekannt. Darauf, in Zopott, trat im Doppel Stefan gegen sie. Machte ihr Fehler hin, sie nutzte nicht aus. Schlug erstaunliche Drifs, sie bewunderte nicht. Schlug einen Ball gegen ihren Schenkel, mit einem Wehlaut sank sie zusammen. Seine Entschuldigung lenkte den Blick an ihm vorbei. Gewalt gegenüber war sie eisig verschlossen. In München schwärmte sie unter herber südlicher Sonne einen Festabend. Unter der Dielentür sah sie Caspare Symes, er sah sie nicht. Da schwankte ihr Gesicht,
an den Molen des Innern brach sich es, schäumte herum. Sie stieg hinauf. Nahm den Spiegel. Ungewisses, Zögerndes stand vor ihr, schlug dort hinaus, woher sie kam. Sie bog ihr Gesicht auf, lernte eine Bewegung, die es zurückschlug, was tastend offen stand, hinein fuhr in die Tiefe. Das Harte, Gespannte, sammelte sich dichter unter dem Schleier, ward reifer, fiel fast als Frucht schon heraus.
Sie saß im Zirkus, wo Sägemehl und Pferdeschaum schwirrte. Mit Steinen um den verhaltenen Mund neben dem französischen Botschafter. Fuhr im Auto durch Eifel und Rhön, über Matten, zu den stählern gereckten Chausseebändern des Bennetrennen. Kinder, Frauen, hinter ihr her, hinter nie Gesehnem. Offiziere ritten neben ihr im Herbst. Im Lunapark verlor sie einen Ring, lachte. „Masseldoff“, flüsterte Holl. Sie sah zurück. Die Zeit staffelte sich darunter. Es ward klar. Was war das all? Nichts. Die Männer, es beschäftigte sie nicht. Hochmut sprang um den Mund, als sie aufsah. Was blieb, kannte sie.
Noch blieb sie in der Schwebe, blieb sich gleich, hingegeben noch wie stets dem, was bereits vorbei war. Unbestimmbar so auf Straße, Wagen, Park. Verdichtet aber im Innern. Sie hörte Stimmen, vernahm Dinge, hörte Stefan, Holls Regie. Wohlig streckte sie sich darin, es ging sie nichts mehr an. In Christiansand an einer weißen Mauer entschloß sie sich plötzlich, bestimmte
die Rückkehr. An der Reede, von einem Schiff steigend, das kam, traf sie Symes. Er grüßte. Ihr Gesicht blieb kalt, wie sie es sich gelehrt. Aber Ohnmacht überfiel sie, so straff hielt sie unnatürlich die Maske. Es schlug sie den Fahrtmittag nieder, erweichte ihr Gesicht, das mit den heißen Wellen ging und kam. Gegen Abend warf sie den Aufruhr in sich nieder. Erreichte den Punkt wieder, wo ihr Blut hinhielt. Hielt die Richtung ein, verschärfte sie sogar aus Trotz über die Abschwenkung. Warf alles zurück auf das Zentrum. Der Schleier fiel ab. Das Gesicht fiel reifer heraus, suchend, ruhig, bestimmt.
In der Nacht kam sie an. Im Bett früh telephonierte sie nach Lewinsky. Er war nicht im Theater, nicht in der Wohnung. Sie hörte vom Diener, wo. Fuhr zu Guildendaal aufs Morgenfest im Park. Suchte die Wiese ab. Sah Perlhuhnhunde, des Einladers breite Glatze über Favorits, sah eine Polonaise am Teich. Darin am Ende Lewinsky. Da setzte sie sich beruhigt. Doch unterbrach ein Skandal. Es kam ein Anruf: die Megrée hatte sich erschossen. Man rottete sich zusammen. Holl eiferte gegen Stefan, hetzte fanatisch, jetzt noch in ihre tierhafte Anmut verliebt. Kam Stefan vorbei, schwiegen sie. Man hatte den Mut nicht, es ihm zu sagen. Fribaurt kniete neben ihr, erzählte den Fall das drittemal. Sie sah in den blauen Himmelausschnitt zwischen den Rotbuchen: wie
feig sie waren. Sie sah deutlicher nach Stefan. Eine Stunde blieb sie, überflog die Versammelten, hielt Zusammenhang immer mit einem Kopf. Plötzlich ging Lewinsky, sie sah den Hut in seiner Hand. Da stand sie mit einemmal leicht auf. Sie legte, schon halb herumgewandt, die Hand mit unnachahmlicher Lässigkeit auf Stefans Schulter: „Die Megrée ist tot.“ Ihr Gesicht war anders wie das, was sie sagte. Fern nach anderen Dingen gewandt, erhielt die helle Schärfe eines Vogels. Am Wagen blieb ihr Kleid etwas gerefft hängen. Man sah ihr Knie. Sie fuhr die Allee hinaus.
Sie fuhr ein paarmal, um Zeit zu gewinnen, um das Viereck, nachdem Lewinsky vor ihr ausgestiegen. Ließ halten vor ihrer Villa, ging unter Flieder auf das gelb leuchtende Haus. Im Boudoir zog sie sich um, saß noch einige Minuten am Fenster. Über dem Kiesweg pflückte sie einen Zweig, schwang ihn hin und her. Der Gaul wieherte, als sie wieder losfuhr. Sie ließ sich nicht anmelden und wurde daraufhin abgelehnt. Da gab sie die Karte ab, die Türen gingen auf, im Arbeitszimmer stand Lewinsky, an ihr vorbei, ihn verlassend, ging Stefan. Sie stand an der Portiere und brachte Lewinsky aus der Fassung. Sie hatte ihn den Morgen getroffen, sich nicht annonciert, war plötzlich da. Sein Blick strich die Wände hinauf, da hingen große Männer seiner Zeit. Seine Haare waren in
der Stirn geschnitten, er stieß mit der Zunge an, schlug die Arme über die herausfordernde Brust, um sicher zu scheinen. Er fragte, was sie will. Sie antwortet nicht, macht nur eine Bewegung, die sie ihm ganz öffnet. Erhebt ihre Stimme. Kein Mensch hat sie gehört. Sie fühlt sie schweben. Sie spricht eine halbe Stunde vor dem Gesicht, das an Höflichkeit aufrafft, was es kann. Sie fühlt die Vokale steigen, glänzen, singen. Es entspannt sich in ihr, vieles geht hinaus. Das Beste bleibt, ist gehemmt. Als sie eine halbe Stunde gesprochen hat, hebt sie das Auge auf zu ihm, erschrickt. „Es genügt nicht?“ Er spaltet den Mund nach den Seiten, schaut herauf ihre Figur, herab. Kämpft einen Augenblick mit den Kinnmuskeln. Dann schüttelt er den Kopf.
Viele Tage verließ sie das Haus nicht. Ihr Mut war so stark, daß der Mißerfolg sie nicht schlug, sie begriff ihn kaum. Er brachte sie nur deutlich zu sich, entfernte sie von dem Hin- und Herbewegen und legte sie fest. Sie sah durch das Straßenfenster, da ging gedämpft der städtische Verkehr der Grunewaldstraße, rasch, verwirrend, elegant. Sie ging zum andern, da war rauschender Park. Baumwipfel bogen sich im Wind ihr zu. Sie hob den Kopf entgegen dem Geräusch,
hob ihm die Stimme entgegen. Es klang zusammen. Belebte sie, gab ihr Resonanz, sie kettete sich daran und bekam die Leichtigkeit, die sie selbst bezauberte und hinriß. Da war sie ganz enthalten in den Lauten, wenn sie allein sich preisgab dem Gefühl, das ausfloß. Da konnte sie Sätze biegen, Wonnen rauschen lassen in blanken Diphthongen, spielen mit Worten und ungefähren Dingen, die als Sternnebel um sie waren. Beglückt trat sie zurück.
Am vierzehnten Tag fuhr sie zur Florath. Die wollte sie ablehnen, sah das gute Kupee unten stehen, ward neugierig, winkte, sie hereinzuführen. Sie lag mit gelockerten Beinen auf dem Diwan, musterte Daisy mit den runden Wolfsaugen, leckte die Lippen und führte beide Arme verführerisch nach den hell gemalten Haaren. Daisy begann, ohne sich zu setzen, sprach, nicht lang, aber eindringlich. Beim ersten Laut spürte sie, es fehle, es stoße neben hinaus, was sie wollte. Als sie ins Gesicht der Schauspielerin sah, stürzten ihr Tränen in die Augen. Alles verließ sie. Kein Mut, keine Sicherheit. Mit kindisch unsicherer Haltung raffte sie ein Taschentuch auf, das ihr gefallen, und als sie wieder stand, sagte sie nach unten hin: „Ich hatte mich nicht in der Gewalt.“ Wieder suchte sie jenen Ton, den sie seither immer besaß, der ihr eigentümlich war wie ihre Hand. Sie glaubte, sie träfe ihn, begann von ihm aus sich aufzuschwingen. Als sie unsicher ward, half
ihr der Trotz zu einer intensiven Kraft. Einmal stockte sie, sah die große Frau auf dem Diwan zusammengerollt, sie nickte ihr zu. Sie fuhr fort, schleifte es weiter und brach ab. Die Florath reckte die langen Beine, erhob sich, zog die Knie an, sagte mit ihrer schwärmerischen Stimme: „Gibt es denn nichts, was Sie sonst befriedigt . . .“, kam mit langen Schritten auf sie zu. Sie sah auf, wollte, was sich sprengte in ihr, sagen. Es kamen nur Tränen, sie stampfte ein wenig auf. Als sie den Arm der Florath im Nacken fühlte, wußte sie, daß jene sie mißverstand. Sie schwieg, verschloß in sich das Geheimnisvolle, das sie sofort wieder sicher machte. Demütigung, Verzweiflung bisher, nichts war umsonst gelebt, sie fühlte, es ward klar. Noch machte an der Tür die Florath eine Bewegung mit dem Kinn, das rätselhaft herabkam: „Die Welt ist voll Möglichkeiten, reizvollen, wenn Sie die Ihren suchen . . .“, die runden Wolfsaugen überglitten sie lächelnd, die Hand glitt über ihre Brust. Sie verneigte sich. Auf der Treppe ward sie wieder zäh wie vorher. Gelang dies auch nicht, sie spürte unbedingt, unauslöschlich die Stimme in sich An der Straßenecke stand Moki. Aus dem Laden trat Fribaurt, bedrängte, behing sie mit Geschwätz. Sie log ihm Krankheit vor, erklärte ihre Unsichtbarkeit damit, frug ihn, als er nicht wich, nach dem Diener. Er schmollte mit den Lippen, verschwand. Zu Haus fand sie einen
Brief. Er riet ihr, zu Löw zu gehen. Rivale Lewinskys. Sie wußte nicht, von wem. Der Goldfischteich glänzte aus der hellen Dämmerung. Sie biß die Lippen zusammen über den Eingriff, der in ihr Leben kam, der Garten stand geweitet wie ein Flußtal, Fischflossen glänzten manchmal weich und rasch.
Der Papagei schrie lang und heiser. Sie kraute die gesträubten Haubenfedern. Der Schnabel kreuzte sich, orangen und grün flimmerte es aus der Ecke: „Dogo . . . Dogo.“ Sie wandte sich von ihm um. Nahm ein gepreßtes Buch, schlug es auf. Neben Lewinskys gesalbter Glattheit stand das wohlwollende menschliche Gesicht Löws. Es zog sie an. Sie sah auf den Boden. Im Garten, sangen Nachtvögel herauf, schwebten ihr mit Wind Flüstern entgegen und nassem Buschzeug aus dem Blau. Sie spürte, daß der Brief sie gut leiten wollte, zog den Finger aus den Blättern, empfand im Schließen, wie es sich in ihr spannte, und daß vor diesem Kreuzweg Ja und Nein des Lebens stand. Dann hatte sie etwas plötzlich, was alles vertrieb.
Sie fuhr zu Lewinsky. Er hatte sie einmal besiegt. Zeigte, wie schön sie sei. Hinter der Höflichkeit reckte sich seine Macht. Er gab ihr ein anderes Buch. Sie wollte es zwingen. „Der Text ist nicht gut.“ Ein anderes Spiel. Sie wechselte. Sie bäumte sich auf, klar und weitschweifend zu sein. Schon kämpfte sie
gegen das Unfaßbare, da ging eine Tür hinter ihr, über den Spiegel huschte ein Schatten, eine dünne Bewegung. Es löste seine Oberfläche auf, er stand in Wellen, wurde tief und voll Horizont. Ein Springbrunn kam hereingeplätschert, ihr Mund spürte Blau und Goldregen und Baumbewegung. Es kam Geräusch der Ströme. Auf dem Ontario wogten Segel, hißten Fahnen, grüßten. Rührung und Hingabe legte sich in die Stimme, ward goldhell, posaunengroß, nun erlebte sich alles. Flog an den Drähten hinauf, sank zurück ins Blattgepischper. Trug eine Kraft, die schwoll und wuchs. Sprach zu den Tieren: Ihr Lieben. Zu den Weibern: ei welche Sonne da. Hatte den Ottawa im Traum, den Erddunst in den Nüstern der Vokale. Hatte ihr Herz. War voll. War da.
Ihr Auge frug nicht, ihr Mund hatte kein: Genügts? Lewinskys Kopf war entblättert. Macht, Höflichkeit, jede Maske war weg. Um die Lippen stand eine grausame, bebende Linie. Angst, daß ihm dies entgehe. Er versprach, was sie wolle: Erfolg, Geld, Ruhm. Der Spiegelschatten kam aus dem Polster, Stefan brachte sie an die Tür, hatte Ersticktes in der Stimme: „Erhielten Sie meinen Brief?“ Sie zögerte, sah Gesenktes an ihm, der Brief war gut. Dann hob sie schmal das Kinn: „Nein“. Er lachte heiser durch die Zähne. Ihr Blick blieb verwundert.
Dies war der Durchbruch. Die Arbeit begann.
Lewinsky zeigte klug, was ihr fehle, wie, was sie in sich trug, nur die Flamme war, die das Gerüst entzündete und in die obersten Logen der Erfolge trug. Das Gerüst war zu lernen. Sie sah ein, sie konnte noch nichts. Nun gab es nur dies. Von allem schnitt es sie ab. Keine Segelfahrten lockten, an keinem Zirkus entzündete sich die Lust nach dem Dampf der pochenden Pferdebäuche. Fort gingen die Bahnen, die Wagen. Sie blieb.
Die Brauen bogen sich vor Spannung. Das I schärfte, jagte sie in den Plafond gegen Dogo, daß er flatterte und es zurückschrie. Das A baute sie zu Brücken, weiten Wölbungen, die funkelten vor Kuppelschwung und Material. Aus dem O kamen schwingende Trommeln, ferne Gewitterstürze, die erregten. Die Leidenschaften der Wälder, das Sichsagen der Leiber brannte aus dem U. Die Diphtonge glitten dazwischen. Sie trat ans Fenster, die Hände, die Brüste am Gitter.
Ein Lehrer kam, der den ausländischen Akzent abschliff. Nach acht Tagen sagte die Zofe ihm, es sei genug. Lewinsky sandte andere. Sie verbrauchte viel und rasch. Fand sie, wo sie einhaken konnte, blieb sie zäh dabei. Das Regulieren von Zunge und Zähnen, das Siebenmaldurchsprechen der Rolle, bis die Figur sich entschälte, das Hartnäckige und Sichere, das war ihr Fall, dem blieb sie treu. Ein Lehrer wies ihr die
Bewegung im Raum, teilte ihn geometrisch, wies ihr die Plätze dekorativ. Stellte ihr die Gebärden, zog eine Kurve. Sie sah vorbei. Er stülpte den Ärmel hoch, den Arm auf zur Ekstase. Sie machte es nach mit der Linken, die Rechte gähnte. „Wozu?“, frug sie Lewinsky mit ermüdeter Schmerzlichkeit. Da brachte er Statisten, belebte mit Fleisch, mit Blut das Zimmer, suchte durch Lebendes ihre Verwöhnung zu überwinden. Er machte ein Kabinettstück, bezauberte mit seiner eigenen Regie, hetzte das Zimmer, die Luft zu Drama. Sie lächelte. Sie nahm drei Stühle. Sowie sie aus sich selbst sich bewegte, kam Leben in das Holz, ward Aufruhr und Ergebung. Sie entflammte es. Er zog beleidigt die Unterlippe ein, grinste impertinent, als sie den Rücken kehrte. Ließ sie aber tun, was sie wollte. Überzeugt selbst über seine Eitelkeit hinaus.
Einmal gönnte sie sich Erholung, als Dogo schrie, sie ihn im Hemd mit Tintenfischen fütterte auf der Veranda und die Morgenkühle ihr unter dem Leinen den Körper hinauf tastend lockte. Sie ritt mit Guildendaal und Rotbefrackten eine Allee hinauf. Die Hunde rannten Hasen nach im Gras. Von einer Pappelreihe her hob sich ein Staubkreisel, flackte über die Äcker und Weiden herbei. Als er die Allee berührte, fingen zwei Drosseln an zu schlagen, unaufhörlich. Da wandte sie um, trabte ohne Abschied herum, wie im Spiel, kam nach Haus, empfing von
rückwärts in die Einsamkeit das Durchflogene, gab sich hin an das Wehen der Gräser, das Summen, Vorbereiten und dann dem Ansprung des jungen Winds, entfachte sie. Mit glücklichen großen Augen und einer ganz beschäftigten Stirn versank sie in die Arbeit.
Besuche nahm sie nicht an. Selbst machte sie keine. Holl, da er Regie hatte, traf sie manchmal, doch wünschte sie Tips. Ging sie aus, war es mit Freude und Spannung schon auf die Rückkehr, wo die Distanz zur Arbeit sie frischer machte, angriffslustiger, heiterer im Spiel. Moki suchte ihr etwas zu überreichen, sie nahm es nicht. In einer Gartenstraße schlich ein Mann und riß an ihrem Beutel. Das kleine Messer aus dem Gürtel in der Hand, begann sie den Widerstand. Doch ließ sie fast im gleichen Augenblick den Beutel fahren, steckte das Messer ein. Sie hatte wichtigeres vor, um dies zu riskieren. Der Dieb lief. Sie kleidete sich um. Fuhr den Abend ins Theater der Florath. Die war nicht da in der ersten Szene. Im Hintergrund der Loge bereitete eine Frau sie vor, schilderte ihr Bein, ihren Busen. Ihre Laster. Da kam sie wie ein Tier, das Kleid schaukelte erregt um sie, als sei ein Abstand zwischen Haut und Kleid. Selbst im Unsichtbaren war ihr Körper entblößt. Es war, als säße ihre Seele in den Hüften. Alles strömte zusammen da, erhielt dort den Ausdruck der Verhaltenheit, der erregte bis zur Stummheit. Sie lächelte einen Mann zu Tod. Er
verschwand mit seinem blonden Bart. Später dirigierte sie sich gegen einen Slawen mit Bauernschultern, an seiner Stumpfheit blieb sie hängen. Schwebte eine Herzspanne in der Luft, das Verhüllte knisterte um sie. Sie sog die Sprache in sich hinein, hinter dem Marmor leckte schon tosend die Glut. Die aalglatte Hüfte stand fast ruhig, sie spielte mit einer Dose. Ließ sie fallen. Bäumte, brüllte wie ein Tiger.
Entsetzt, mitten in der Szene ging Daisy. Sie sah, was fehlte. Wie unheimlich jene mehr konnte wie sie. Lächelnd stumm in sich hinein, weil ihre Inbrunst größer war als die Routine der andern. Sie zog den Schluß: arbeitete heftiger, tief in die Nacht, schon gierig auf den Morgen.
Doch war die Nacht auf ihr heißes Decolleté gefallen, die Grippe in der Nacht zurückgerollt. Weinend, fiebrig, schleppte sie sich zum Diwan. Da stand die Aufgabe. Sie konnte nicht. Die Zofe schellte den Arzt herbei. Er frug nach Schmerzen, hielt an langen gepflegten Nägeln das Hörrohr ihr an die Brust. Sie delirierte: „Sie kann die Übergänge . . .“ Der Arzt neigte sich herunter: „Nehmen Sie alle zwei Stunden ein Pulver.“ Abends zur Zofe sagte sie: „Nehmen Sie drei.“
Achtundvierzig Stunden wimmerte sie, die Zofe verstand nichts. Am dritten Abend schlug sie die Augen auf, besann sich, bekam ein opaliges Licht hinein, wies
auf ein Buch. Als sie es in der Hand hatte, fiel es ihr vor Schwäche heraus. Sie sagte: „Nehmen Sie vier.“
„Es ist zu viel.“
„Ich habe Eile“
Am fünften Tag war Sonne. Am achten kam sie in den Garten. In Zweigen und Flüstern bewegten sich sanft und weich die Sätze. Die Melancholie der Boskette träumte gold umrahmt vom Mondlicht. Ihr Entzücken entlud sich unaufhörlich quellend, gleitend auf einer wundervollen Bahn, der die Nachtigallen sich anschlossen, die aus dem abgeschüttelten Schlaf sich mit aller Inbrunst entfalteten in ihrer Elegie.
Fand im Garten, wo der Kies lehmig war, Spuren. Folgte mit dem Fräulein. Sie liefen durch den Busch zum Eisengitter. Sie zog an den goldgespitzten Lanzen. Drei gaben nach, machten ein Loch. Die Lanzetten waren angeschraubt. Nachts nun, wenn sie nicht schlief, ging auf der Straße der Schritt eines Passanten ruhelos auf und ab. Der Schritt gab Regen und Wolkenwind den Rhythmus, hallte, lief ohne Pause. Wo es schwarz war und undurchsichtig hinter dem Gebüsch, erschien ihr ein kreideweißes starrendes Gesicht manchmal, doch es war in ihr, sie sah es nicht nur draußen. Bei einer Pfütze blieb sie stehen, der Regenbogen darüber entführte sie, mit geröteten Wangen wickelte sich ihr auf ein Strom von Bildern, die
zogen. Sie kehrte sich scheu ab. Holl warf das Mädchen an die Wand, stürzte herein, in jeder Hand Orchideen, verzweifelt, weil man ihn abwies. Sie öffnete die Fenster hinter ihm, das Szenenhafte nahm der Luft die Ruhe. Vaudreuil schrieb: Schlug Wechsel ihr vor, baute Pläne auf, was sie sehen, nehmen solle. Syg reiste nach Ägypten, kam an den Hafenstädten vorüber. Sie konnte mit. Es hob sich schmeichelnd vor ihr, die Schwester und der Bogen, der die Ferne einfügte in den Punkt, wo die Sehnsucht in ihr sich staute. Sie schluchzte eine Nacht. Dann war es vorbei. Sie ließ einen Hund in den Garten setzen, streichelte ihn und führte ihn am Gitter entlang. Die Spur ihrer Hände an ihm war noch nicht warm, da war er schon verschwunden. Sie empfing Lewinsky nach ihrer Krankheit erstmals, sprach nicht von dem Nächsten, der Arbeit, der Hoffnung mit ihm, sondern erzählte ihm, was all wünsche, sie zu entführen. Sein Augapfel ward grün, das Gesicht schwammig. Sie zeigte ihm die Gartenspuren. Er zuckte die Achseln: junge Leute schwärmten für sie. Er erzählte diese Geschichte, jene Geschichte. Erwärmte sich Sie sah ihm fest, forschend unter die Stirn. Dann schwamm es weiter, dies und alles. Sie warf sich der Arbeit hin.
Holte kleine Kinder, die an Konditoreien die Nase platt drückten, erfragte sie, erfüllte sie, nahm die Laute auf. Nahm von der Straße einen Bettler herauf,
setzte ihn an ihren Speisetisch, wühlte in ihm. „Warum haben Sie Furcht?“, frug sie erstaunt. Erregt mit sich selbst redend, machte der sich pulde. Sie eilte ihm verständnislos nach, er war schon fern, sprang und lief.
Um zwölf Uhr schlief sie ein. Sie hatte Begeisterung auf der Zunge. Um Fünf erwachte sie. Alles war blöd und idiotisch. Schlaff sank sie zurück. Um Acht erhob sie sich, holte Frische und Lust aus dem Muster des Teppichs, dem Ton der Tapete. Im Schwanken erfuhr sie die Grenzen, erfuhr sie den Arbeitssinn. Stellte fest, wie weit sie vorkam, wie stark manches sie zurückwarf. Sie bemühte sich und erkannte, je näher sie kam einem Ziel, wie größere dahinter standen. Ihre Kindheit kam manchmal, rührte sie zu weichen Klängen. Manchmal fehlte sie, der Ton ging leer, verpuffte. Hatte sie etwas sicher, war es schon nicht mehr von Bedeutung, denn ein anderes hemmte. Sie lernte aus jedem Erfolg erst die rastlose Verantwortung, die Verpflichtung der Erfolge, das ungeheure kreisende Räderspiel der Kräfte, die sich bedingten und steigerten in einer nicht meßbaren Form. Sie sah, daß Ziel kein Punkt war und kein Ende, sondern nur Etappe, nur Weg, nur ein Stück der endlosen Bemühung, daß die Aufgabe wachse mit der Potenz der Kraft. Am Versagen spürte sie, was es bedeute genau wie beim Erreichen: heißer, heftiger zu streben. Aber manchmal, wenn nichts den Ausdruck ihr brachte, geschah das
Wunderbare und Unerklärliche. Von dem Wind, von dem Grastau kam es. Von dem Teich stieg es auf die Veranda, vom Himmelabschnitt über der Ulme sank es blau und bebend. Da war es. Unverlangt und unerbeten. Es war da. Es umflockte sie hell, blau, klar und alles berührend, was sich danach in ihr streckte und sehnte. Das war das Äußerste und rauschte sie auf wie einen Baum.
Die Leistung atmete sich fort, ohne Gespräch, ohne Leitung. Das Geschaffene drang durch die Poren des Raums, durch die Straßen, die Stadt. Die Leistung erhielt die Ausbreitung, die Durchschlagkraft jeder Tat. Die Florath lud sie ein. Sie ging nicht. Lewinsky bat sie, sie kam. Bei Tisch warf Stefan Böhmer, der neben ihr saß, ein Billett zu. Nach drei Tagen erschoß er ihn. Das Lächeln, mit dem Böhmer das Papier geöffnet, begleitete sie einige Tage. Doch kam sie darüber, leicht, als sie sich bemühte, hinein in den Strom, der sie führte und weiterspielte. Erklomm solche Ausdehnung und Tiefe in ihm, daß Lewinsky den Schlußstrich zog. Er bereitete das erste Auftreten, legte Listen der Geladenen vor. Sie war glücklich den Tag, weich durch das Erreichte, spielte mit seinen Gästen, saß mit Holl bei Pharao, und, als sich vor Neid ihm die gebrannten Locken lösten, mit Fribaurt bei Quarante-et-un. Am Bassin traf sie auf Stefan. Er war versunken. Er hatte bis zum dreißigsten Jahr gekämpft, gelebt,
zugeschlagen. Hatte die Kinnbacken angezogen, war damit über alles getreten, hatte alles sich, jede Laune, das Verbrecherische, Wüste zugebilligt. War wie ein Eber nach ihrem Leben gesprungen. Doch dieser Zug ging in die Luft. Er traf nichts. Stand erschüttert, verzaubert vor dem Widerstand. Sein Leben fiel von der Achse, formte sich darunter um, erhielt eine neue Einstellung. Es ging ums Ganze. Sein Auge drehte sich, besann sich. Hier war die Entscheidung. Er wollte sie erzwingen. Umlagerte sie von allen Seiten, spielte jede Note, die er beherrschte, zum Erfolg. Sie sah es nicht. Sie ging an ihm vorüber am Bassin. Er holte sie ein. „Ich war der Bettler.“ Zerriß ihren Weg. Es war spielerisch, was sie unternahm. Sie gab nicht dem Elenden, half nicht dem Gestank. Sie durchforschte ihn nur und das war ihm widerlich. Sie trat zurück, wütend. Da sah sie an seiner Haltung: es war gut, was er wollte. Hinter ihm trat hervor, was er geleistet: er war das Gesicht in den Büschen, die Spur im Garten. An seinem Knie rieb sich der verschwundene Hund. Sie spürte die Kraft, die auf ihr Ziel eindrang, es formen wollte, abreißen, hinüberzwingen zu sich Es kam mit Beherrschung, gezähmt zu Güte fast, es machte sie aufsehn, bedenken, es rührte sie, sie reichte ihm zum Ausgleich etwas zurück, eine Lüge, einen Trotz: „Ich danke für Ihren Brief.“ Langsam, leis. Es beeindruckte sie tief, wie er es nahm. Aber im gleichen Augenblick war nie der
Widerstand stärker gegen das, was männlich sie hemmte, den Weg kreuzte. Sie hob sich, fast wild, übersprang es, schlug es zurück. Es blieb im Boskett, als sie darüber war. Kühle, Befreiung kam. Wie klar die Luft. Weich hingegeben, vom Erfolg und Sicherheit empfänglich und aufnehmend gemacht, sog sie Hyazinthen ein, die toll aufdufteten. Da sah sie zwischen Lampions einen Mann. Caspare Symes. Der Garten stürzte hell mit einer Flut Apfelbäume in die Nacht.
Aus ihrer Brust riß alles mit. Die Knie standen eng aneinander. Alles war Bewegung aus ihr hinaus. Nur sein dunkler Kopf kam. Sie nahm ihn auf, in die Hände, öffnete die hochmütigen Lippen. Sein Mund war schmal, weich. Sie gingen, es gab keine Leidenschaft, keinen Zorn. „Caspare“. Der Garten glättete sich in der Lichtwelle. Besinnungslos hing die Minute um sie, kam auf sie zu. Alles bot sich an, voll Glück. Die Büsche stiegen in dunkelrotem Ring bis zum Goldbogen auf. Die Äste flammten mit einem Netz von seidenen Strahlen an den Lauben. Die Schläfen lagen fest aneinander. Es kam die Obstflut. Da fielen Blüten ins Gras ohne Pause. Es war der Fall seines Bluts, das von der Ader seiner Schläfe herübersprang. Ihr Blut hörte auf und setzte in seinen Takt ein. In diesen Bogen spannte sich alles ein, das Ende sah sie nicht, aber sie spürte, daß es gegen den Rand ihres Lebens hinunter sich neigte. Aber von der anderen Seite kam
zum erstenmal wieder die Jugend herauf. Unbefangen, ganz das Ohr erfüllt, kam von fern die Lawine des Ottava und die Flöße. Der Ontario schliff sich blau mit wiegenden Segeln. Dazwischen stand die Sekunde, in der sie atmete, als sei sie dem Vergangenen zugehörig. Da fielen die Rosaenden der Blüten sanft herab, die Erde wogte mit Wurzeln innen entgegen. Und die Bäume bewegten sich nach dem Tempo ihres Atems. So war durch das Blut, das zusammen floß, diese Zeit und die andere vereinigt. Das unbefangene Glück der Kindheit zog an diesem Glück, zog es hinüber, als sei es abgeklärt, schön geworden und still. Sie schloß die Augen, ein Arm faßte fest um ihre Brust.
Sie wimmerte, stieß den Fuß auf, beugte den Leib nach vorn, zog ihn zurück, drückte den Nacken ein paar mal zum Rücken. Dann riß sie sich los, öffnete die Lider, lief den Kiesweg hinauf, das Tor. Sie sprang in den Wagen, der zuerst stand. Ein lahmer Klepper. Sie weinte, brüllte in das Tuch des Kleids. Der Horizont war angefüllt von einem Donner: Caspare . . . es würde klingen bis in die letzte Süßigkeit alles, was noch kommen konnte. Sie hielt nicht an, fuhr weiter. Ihr Garten kam. Ihr Zimmer. Die Onyxschale mit den drei Kugeln, es stach stumm wie von Augen nach ihr. Der Park grollte den Wipfelwurf ihr zu: den Namen. Die Spiegel fauchten ihn ihr zu. Sie zuckte die Schenkel, legte die Stirn ans Glas. Verloren.
Bis in die Todesstunde nicht einzuholen. Sie lächelte: es war nicht gewesen, war drüben vor sich gegangen, wo alles lag, was schön war, sie befreite, die Jugend. Bis in das Ende des Haares, bis in die Höhle der Achseln empfand sie: dies war das Höchste, ihr Glück. Träumte sie es zurück, lag tausendfach Geschichtetes dazwischen. Noch unerreichbar, Arbeit und Erlösung und Bemühung lagen vor die Möglichkeit allein geschichtet. Irgendwo wie ein Lichtkegel öffnete diese Sekunde die Ruhe, das Später, oder vielmehr das Zurück, den einzigen Glückszustand, als die Ströme das Kind umrauschten. Es war so weit, daß sie die Sekunde kaum noch mit dem Bewußtsein erreichte.
Sie stellte drei Stühle auf. Gab jedem einen Partner. Erhob sich daran, aber mußte sich bald unterbrechen, denn die Tränen kamen mit einer wilden Wucht, die sie umwarf. Sie lag nur und weinte. Erst nach Stunden, gegen Morgen, gewann sie die grausame Ruhe, die nötig war zu solchem Gespräch.
Das gab Öl in die Sätze, Mark in das Wort, die große Kraft in die Bewegung. Das machte einen Boden, aus dem das Spiel der letzten Tage reif und sehr süchtig schoß. Sie probte den Tag vorher, in einer saftigen Linie lag der Akt. Sie war gefüllt mit
Zufriedenheit, ohne Triumph. Am Abend kamen ihr die Köpfe des Parketts wie ein Strudel entgegen. Sie ging vor ein Bild, vor einen Boudoirtisch, nahm die Puderquaste, ihr Körper rauschte sehnig und voll gedrängtem Saft. Als sie zu sprechen begann, verließ sie etwas.
Sie starrte in den Raum, faßte sich, sprach weiter. Sie ließ den Silberstift, das Spiel ging nun in Tragödie. Sie machte den Aufschwung. Aber unter dem, was geschah, hörte sie dumpf, daß ihr entflog, was sie suchte. Der dunkle Ton, der Erguß, das selige Gefühl des Hingegebenhabens in die Worte . . . es fehlte. Sie suchte. Fand es nicht. Die Stimme flog voll Schmerz, aber das Blut spielte nicht mit.
Sie wartete, verzweifelt. Sie zwang es. Ging auf und ab, ganz neu und unerwartet. Warf Worte ein, die der Text nicht hatte. Die Taille verjüngte sich zu einer Wildheit, die die schmächtige Szene anriß und dehnte. Die Souffleuse hustetete, verwirrt. Ihr Bein stand federnd, abgezeichnet im Kleid, ins bleiche Gesicht des Partners drang sie vor, zerstörte es. Brach mit Leidenschaft ein in das schwankende Schicksal, die die Gefühlshöhe erweiterte, ihren Ausbruch und die Dichtung abhob. Grenzenloser wurde unter ihr das Leere.
Dabei spürte sie, ihr Spiel war gut. Augen hefteten sich gefesselt daran. Atmosphäre der Erregung band sie an das Parkett. Es genügte nicht. Eine Traurigkeit,
die ihr Bewußtsein nicht traf, da es spielte, das es ahnte aber, wölkte wie unter ihren Füßen herauf. Sie brachte es fertig, nebenher zu denken, zu wünschen und herzurufen, was die Inbrunst wecken konnte. Was ihr Schönes seither gegeben, Zärtlichkeit, Pa und Syg und Brown und das Porzellanschiff. Es blieb entfernt. Ihr Gehör verdoppelte sich, sie vernahm sich selbst. Ihr Auge schärfte sich, sie sah sich spielen. Das Bewußtsein spaltete sich, war nur zur Hälfte beteiligt. Da spielte sie. Dort sah sie Köpfe, beschaute es müßig: Die Florath, vorgebeugt, der Kopf eine schamlose Entblößung. Fribaurt mit weibischem Lächeln gebannt an ihr Bein. Guildendaal, über den Favorits Froschaugen, Holls nervöse spielerische Stirn. Sie sah, sie hatte sie im Bann. Doch sie selbst, sie selbst . . . Es sank ab vor ihr, verschwand in der Tiefe. Ein Riß ging durch sie, doch sie verstand. Sie spielte die Szene zu Ende, sie steigerte sich, schmiß die Effekte, sah den Erfolg in der Pupille der Florath. Aber in einer Traurigkeit, die ihr Herz erreichte, wußte sie, es genügte nicht. Der große Ruf versagte. Es war vorbei.
Was war ihr Beifall? Erfolg? Nichts drängte sich dazu. Sie wollte, daß ihr Spiel ihr inneres Wesen erfülle. Daß sich darin restlos und ohne Sehnsuchtsrest ergieße, was sich aus ihr hob und senkte, was sie gegen das Meer getrieben und darüber geführt. Sie suchte, daß es in ihr klar werde. Nicht daß sie nach
außen Wirkungen leiste, deren Sinn sie nicht faßte. Dies war ohne Bedeutung. Es zählte nicht. Und nun begriff sie, daß nicht zu zwingen sei, was vor den Menschen sich versagte. Es war das Wunderbare, das aus der Mondnacht, am Fluß und aus den Büschen manchmal schwankte und sie erhob bis an die Spitze der Sehnsucht. So umflog es sie. Aber sie hatte keinen Teil. Was in rollenden Kreisen sehnsüchtig, lockend und treibend vor ihr sich schwemmte, das war noch nicht gefüllt. Doch dies da war nicht der Weg. Umsonst. Vorbei.
Es stürzte ab mit jähem Ruck. Wehmütig kam es, für was sie sich bemüht. Das Erwachen am Morgen, die Seligkeit des Schaffens, die Befriedigung und der Stolz. Es war noch nicht am Ende. Irgendwo lag es, noch unfaßbar. Blieb ein Zwiegespräch zwischen ihr und der Ulme. Weiter nichts. Kein Ziel, keine Erfüllung. Ein Irrtum der Weg. Verworfen. Was erfolgreich daran war, hatte für sie keinen Sinn.
So entzog sie sich dem Beifall, entriß sich den Menschen, sah Lewinskys gerötetes Gesicht, kam durch den Seiteneingang ins Vestibül, auf die Straße. Ging weiter. Menschen quollen aus Toren, Gehsteigen, Häusern. Hindurch. Sie hielt nicht. Es röchelte neben ihr. Ein Pferd. Sie strich ihm über die Stirn. Ein Licht schien grell heraus. Im Spalt saß ein
Paar, sie weinte, er senkte den Nacken. Die Steife blieb um ihren Mund. Dennoch empfand sie, daß sie mit nichts tiefer verbunden als diesen beiden. Ein Strom faßte sich an von ihr zu ihnen. Und zurück. Eine Sekunde empfand sie den Anschluß, das Mitleid, es löste sie fast aus. Doch es währte nur kurz. War noch nicht so weit. Eiskalt vor Schmerz ging sie weiter, bis an den Rand gefüllt mit sich selbst, verschlossen wieder. Sie hatte einundzwanzig Jahre, die Brust war herrlich, der Körper braun, schlank, schön. Sie begann zu laufen. Alles fiel von ihr ab. Nur der Geruch ihrer Möbel, die Wände ihres Zimmers lockten, waren da, waren ein Punkt, der stützte, wohltat, barg. Im Vestibül saß das Fräulein und stickte. Sie hielt kurz an bei der Pforte. Dann ging sie langsam auf das blonde Geschöpf zu, fiel hin, tat den Kopf in ihre Knie. Die Schultern zuckten.
Das Fräulein saß da, die Beine auseinandergerissen. Das Gesicht von nichts tief gezeichnet, blöd und sinnig, an dünner Sehnsucht erstickt. Sie war übersehen im Leben, zu einem Bündel gemacht, das Mitleid umspülte, Verachtung, kleiner Lohn. Kompost für Überfluß, häßlicher armer Lappen. Badete nicht täglich, war schlecht gekleidet, roch nach Korsett. In ihrem Gesicht entbrannte ein Staunen: „Auch sie muß weinen.“ Dumm sah sie in die Luft, stierte, faßte es nicht. Doch vom Elend einer Kreatur gereizt, gerührt,
beginnt der ganze Erdball aufzuzucken, mitzuleiden. Sie heulte nicht. Es ging in die Hände. Die strichen sehr zart über den Kopf zwischen ihren spitzen Knien. Falteten die Strähnen auseinander, legten alles von ihr selbst Vernachlässigte, Versäumte in die Bewegung, flochten Zöpfe, berührten das Haar als seis ein Kind. So kam die Liebe über sie. Die Zunge machte einen Ruck, machte den Zug der Nurse, schnalzte, wiegte die Hüften, summte: „Do . . . do . . . do . . . Daisy.“ Pfiffs auf den Zähnen. Eine Sehnsucht gebar sich riesengroß. Wollte gern ihren Backen an Daisys Wange legen. Aber rührte sich nicht, obwohls nie heißer in ihr gezündet. Wagte es nicht. Tat es nicht. Sie brachte das Mädchen hinüber, machte Licht, zog es aus, legte es ins Bett. Löschte das Licht. Morgens fuhr Daisy ans Meer.
Windstille war. An den zweitausend Metern Grundschnur fuhren Kähne raus, man zog die Angeln an, warf die Kabeljaus ins Boot. Zwei große Ewer hielten die Schleppnetze ein, ließen Bramsegel vor den Wind fallen, kamen gegen Land, hochgeschwebt. Seeschwalben überjagten Steingebröckel, zuckten am Wasser, hakten mit gebogenen Schnäbeln: griä. Jüns hielt eine geschwollene Aalmutter in der Faust, drückte den Bauch,
spritzte durch den Eiergang junge Zentimeterfische, eins nach dem andern. Sie waren durchsichtig und quallig, ein Darm ging durch und Aderfäden. Sie lachte mit ihm. Wind ging den Abend los, pfiff leis, klatschte an, strudelte schon hundert Meter hohe Pfeifen und Rollen. Krebse schoben über Miesmuschelkolonien, rolzten, ballten sich, schossen hinunter. Regenpfeifer sausten über den Sand. Hahnenfuß und Binsenkraut verschlangen sich Die feigen Sturmvögel klatschten sich an Häuser und Raine. Strandnelken und Butterloch knallten gegen Dünengras, die Weidenstümpfe. Die Wimmermöve schlägt an, der korallenrote Schnabel fliegt vor dem samtdunklen Kopf, ehs dunkelt hört sich nur noch ihr Schrein: gräik . . . gra . . . ik. Das Meer steht toll verliebt die Nacht vorm Gedün, dehnt sich und schlägt hinten am Horizont sich fest, beißt dann ans Land, türmt sich haushoch davor. Die Bäume im Binnenland liegen platt am Boden, die Amseln haben sich verkrochen in Mauslöcher und Ritzen. Die Keller stecken voll Fledermäuse. Das faulende Leberzeug der Maischollen duftet weg. Die Fenster sind geschlossen, Kugelblitze laufen über die Dünung, die weißkochend vor dem zerwühlten Meerbauch hängt. Daisy legt sich. Die Nacht spielt das Getös geil mit ihrem Bein, ihrem Ohr, treibt in ihr Blut. Die Kiesel knirschen draus ineinander.
Von einer hellen Flamme ist der Tag aufgerissen.
Es ist der Wind, der blau, böig, bleibt. Es gibt Lärm, Stimmrufen. Ein Schellfischkahn, der getrieben, will beilegen. Es gelingt nicht. Sie stehen mit hochgekrämpten Hosen bis an die Hoden im Wasser, schreien und hantieren und es wird nichts draus. Sie kämpft sich durch den Wind gegen das Meer runter. Sie kommt durchs Getümpel noch geschützt, muß aber Schuhe, Strümpfe zurücklassen. An den Erlen hängt das Wassermerk fest, Berle und Hahnenfuß liegt klatschnaß. Im flachen Sand faßt der Wind sie, reißt unter die Röcke, nimmt sie vor, gattet sich an sie, schont den Busen nicht. Sie läuft gerötet durch die Tümpel. Taufrösche verschwinden schweigend, murren, grunzen hinterher. Feuerkröten wie aus einer Glasglocke donnern: ku . . . uh, lassen die angewachsene kreisrunde Zunge auf dem Paukenfell schlagen. Wasserläufer gleiten wie auf der Eisbahn über die Pfützen, in denen Flohkrebse, Steinsack, Laich liegt. Sie steigt, hält sich an Gras, versinkt im Sand, hält sich an Hahnenkamm, gelber Stranddistel. Wie sie den Kopf über den Damm hebt, kocht das Meer, rast drauf besinnungslos unter ganz blauem Himmel. Sie steigt gänzlich hinauf, bekommt einen Windschlag, springt hoch, lacht, fällt um, rollt zurück. Triebsand rutscht nach, verschüttet Knoblauchkröten unten, die wie Katzen jammern, sehr bunt waren. Eine Möve ist vom Sturm erschlagen worden. Zwölf Federn am Schwanz, die
Brust pelzig im Gefieder. Der Wind hält durch, kommt jetzt vom Land, stößt das brüllende Wasser zurück.
Jüns wirft eine Muschel hin. Sie haben in dem Fischhaufen, Makrelen, Goldbutten, Affheringen, Schollen Aufruhr bemerkt, einen Seewolf mit grünlichen Jungen im Tang entdeckt. Voll rasender Wut wirft er sich, mit dem Schwanz hauend, herüber, beißt knackend die Muschel auf. Die Fischhaufen laufen schwammig aus, kriechen zum Strand und blenden mit den Schollenflecken. Die Milcher strotzen von Samen, die Weiber haben den Bauch voll Eier. Das Schellfischfleisch ist heller und weißer als das Fettbraun der Dorsche. Frauen heben den aufgestülpten Arm aus den Bütten. Kinder schmeißen die Körper in Kästen, hängen die Eingeweide an Angeln, fangen unter Wasser andere damit. Der Wind läßt nicht nach. Die Seeschwalben taumeln in Rudeln hoch. Der Strand ist freigeblasen.
Die Männer stechen draus Butten, Jungens hüpfen von Tümpel zu Tümpel und sammeln auf. Im Sand ist in der Ebbe viel geblieben. Froschkraut tastet wieder nach Grund, zuckt die Wurzeln zum Boden. Sattelmuscheln liegen fest, Wandermuscheln und wie Eier Steinbohrer. Das Wasser hat sich so gesenkt, daß die Pfahlgruppen von Ellern mit unsichtbaren Gärten auftauchen, von Miesmuscheln im Gezweig bedeckt. Schon fahren Kähne, die die Bäume aufzuziehen. Ein Taschenkrebs hängt an einem Rogen, schmaust, die
Asseln zappeln da und dort. Das Riedohr stellt sich. Dahinter brummen die Kühe, die Körbe voll Kabeljauköpfen aufgeschüttet riechen, kauen und fressen. Schon stehen Segel drauf, Leberblumen fachen sich an, werden hell, trocken und sinken zurück. Sie geht nun durch Tang, Linsen. Seegras dörrt losgerissen unter der weiß und hoch stehenden Sonne. Sie kommt um die Düne. Nun hat sie weißen Sand unterm Fuß, der braunrosa sich eindrückt. Moosenten fallen hinter ihr ab. Auf den Granitklippen stehen blau und rot Gerüste. An Schwänzen hängen Fische in Bündeln daran, klinkern singend im Wind. Sie kommt an die Nehrung, muß steigen, fällt. Der kleine Schmerz macht sie irgendwie verrückt. Sie macht die Arme weit auf, preßt sie an die Seiten. Lachmöwen gauzen los. Eine Sturzentenschnur, blaugrün und weiß rauscht auf, zischt noch fern: rädzsch — — — räb . . . wek. Da steht alles voll Tümpeln. Im Schlick lauern eingebuddelte Klieschen auf die Flut. Die flachen Bäuche wackeln im Flugsand. Die nach oben verschmitzt stehenden Augen zucken mit der Stikhaut, verschleiert. Sie kniet, schaut hinein: sie sind grau. Ihr Auge fällt in sie zurück. Sie hält das Tuch darüber: sie sind weiß. Die Uhr: sie sind gold. Hinter ihr gehen Raben herunter, hacken sie auf. Landkrabben nehmen Deckung, graben sich im Sand vor, greifen mit den Klauen die Sandhupfer. Sie lacht. Ein Faß steht da und Jüns mit Merlans,
weißblitzenden Bäuchen. Hinter der Bucht liegen Raubschwalben, wie nachts, betäubt vom Wind mit ausgebreiteten Flügeln im erwärmten Sand. Nun stoßen sie hoch. Alles schwebt nachher, auch das Wasser schwebt in der Sonne, die es wie von unten her hochschaukelt und hält. Es wird groß und unermeßlich am Knick. Wie sie es so sieht, zum erstenmal wieder, ist sie klar und frisch. Gleichgewicht durchbricht ihren Aderngang, die Enttäuschung ist weg, der Wind war an ihr, hat in den Saft gegriffen. Die Warzen tun ihr weh. Sie neigt plötzlich sich zurück. Was an Hals zum Vorschein kommt, ist heller wie all andere Haut an ihr. Sie faßt hinter sich einen Baum. Der Rücken lehnt daran. Schon tritt der Saft, der nach oben rauscht, in ihr Blut. Die Hüften fangen an, eine Bewegung zu bekommen, werden entdeckt, glühen etwas. An der Schlankheit des Baums wie an einem Tierrücken gleitet sie ab in den Sand, die Knie geöffnet. Die Sonne schlägt ihr in den Leib. Die Schenkel biegen sich lang und schön, als schliefe sie. Sie zittert, etwas ist freier geworden, entschwebt, durchbrochen am Horizont. Himmel und Meer haben sich vereinigt, wölben sich herüber. Sie springt auf und lacht, die Haut ist glatter geworden, das Auge von innen her feucht.
Sie fährt zurück, findet den Wagen nicht, nimmt die Tram, steigt aus, um den Rest zu Fuß zu gehen.
Auf diesem Stück Trottoir sieht sie von einer Menschenmenge vorbeigespült, in ihr langsam wandelnd, Caspare Symes. Sie bleibt angedonnert, wiegt den Kopf hin und her, als sei sie alt geworden. Dann reckt sie sich, fährt um, ihm nach. Sucht ihn zu erreichen. Sie bohrt sich durch, hört Schelte, Wut, sieht den Schirm, den eine Frau nach ihr sticht. Sie kommt näher, kann seine Schulter fassen. Alles an ihr ist durchblutet, entfacht. Da läßt sie die Hand sinken. Es fehlt ihr die Kraft mit einemmal, ihre Bewegung wird armselig, er aber wächst und steigt maßlos, daß sie erblaßt. Sie findet den Mut nicht, jetzt das zu fordern, was sie überging, als sie noch erstrebte, was sie nun abgeworfen. Es geht süß durch sie hin, während sie stehen bleibt. Sie tut eine große Tat, indem sie sich nicht rührt, fühlt sie im Blut; was sie opfert, erhebt sie. Sie nimmt etwas auf sich, während ihr Auge dunkel wird. Sie bleibt immer stehen, sieht ihn zum letztenmal für immer, weiß daß dies das Höchste ist. Er biegt um einen Wagen, betrachtet einen Erker, geht über die Straße, ist verdeckt. Taucht auf zwischen hellen Mützen, dann dreht er ab. Mit einer unnachahmlichen Bewegung des Halses zieht sie die Linie nach, als er um die Ecke geht. Dann ist es vorbei.
Sie stellte den Fuß in die Schnur des Vogelbauer und hörte zu. Zuckte die Achseln. Sie wollte nicht. Als Lewinsky sie bedrängte, drehte sie um, ihre Ringe klirrten. Die Karte der Florath wies sie ab. Sollte sie am Neid der Wolfsaugen sehen, wie sehr diese sie fürchtete? Vom Tisch entfernten sich Bücher und Rollen. Mit diesem Tag verschwand das all. Einen Augenblick kreuzten sich ihre Blicke mit denen des Fräulein. Ein rascher Blick suchte in ihren Wärme, klatschte ab. Daisys Augen wurden schmaler, visierten die Schleife ihres Schuhs. Dann frug sie, das Fräulein stammelte. Ging hinaus, kam wieder, legte ein Blatt auf den Tisch. Es war Dienstag. Daisy schrieb einen Brief. Dann legte sie das Blatt der Gouvernante beiseite, hob es wieder, als röche sie daran. Ging hinaus in den Garten. Donnerstag früh kam Le Beau. Am Abend besuchte er sie wieder. Als er ging, löste sich ein Schatten im Garten, er pfiff. Der Schatten bewegte sich hinter ihm. Freitag brachte er sie aus dem Theater, half beim Aussteigen, steckte den Schlüssel ins Gartentor. Als sie sich umdrehte im weißen bauschigen Mantel, küßte er sie mitten in die Brust. Er machte dabei einen kleinen Schrei, sein langer, katzenhaft geschnellter Körper riß ihren mit allen Muskeln in seinen hinein. Der Nebel dampfte um sie, abenteuerlich durchschwammen Gebüsche den Laternenschein des Wagens. Langsam und wild wogte ihr
Leib gegen seinen, sie seufzte, schrie ein wenig, aber heiser. Auf dem Parkweg lag Dunkel. „Ich bekam heute deinen Brief“, flüsterte Le Beau. Sie verstand ihn nicht. Er war durch Zufall gekommen . . . Er wies auf den Schatten, Moki. Er hatte ihn hergegeben, selbst Fribaurt, sich schüttelnd zwar, aber er war so nie ohne Tip von ihr. Sie schloß die Lider, sah doppelt, schwankte, warf sich über ihn, zog mit den zarten Schultern den Kopf herunter, fand seinen Mund, öffnete ihn.
Nachts sah sie, im Traum, einen Mann. Der kam aus einer engelhaften Beleuchtung. Trat heraus, machte eine Bewegung, die ihr wehtat, aus dem Herz was herausriß. Es ward leer in ihr, Traurigkeit schwemmte sich hoch. Sie fing im Schlaf an zu weinen. Er sah sie zornig an, sie ertrug diesen Blick nicht. Er sah aus gleich einem Skandinaven, gescheitelt, blond, mit einer jungen gefurchten Stirn. Es fehlte nicht viel, er ähnelte Symes. Das machte ihr sofort Ruhe, sie schlief weiter, wachte aber über Tränen auf. Le Beau lag neben ihr. Ihre Hand an seinem Mund. Er streichelte ihr Knie, den Muskel des Schenkels, der sich straffte, als sie das Bein aufstellte. Er küßte ihre lange braune Hand. Küßte jeden Zwischenraum der Finger, hing an jeder Hautphase, sog sie an, als stürbe er mit ihr, löste sich kaum von der Pore hier, der Pore da. Küßte Kreise um die Gelenke, legte den
Knöchel wunderbar damit frei, umflutete ihn mit den Lippen, empfing ihn dann im Mund köstlich und rasend erregt. Wo sie Flaum hatte, blieb er, es strich seine Haut, er atmete schwer, flocht ihn um den Finger. Über den Leib glitt die Hand hoch, machte die Schwebung mit, die unerklärlich schön hinauflief, blieb an den zärtlichen Hügeln. Berührte wirbelnd mit dem kleinen Finger die Warze, sie spürte die Zunge. Das Zittern nahm ihr den Atem, sie stieß die Luft fest aus, und nun kam ihr Leib an seinen, entgegengeflogen, die aufgelösten Gelenke suchten Schutz an seinen. Ihr Blick brach, sie sah nur noch sein Bild unter dem Lid. „Sprich“, flüsterte sie. Es war zuviel. Er schwieg. Die Lippen trafen sich, bleich, wortlos. Sein Körper, ohne viel Fleisch und groß hingelegt, wie ein Römer, spielte auch in der Ekstase achtungsvoll mit, ward lasterhaft und verehrte zugleich. Die Küsse reizten sie langsam, wie er sie setzte. Sie verlor die Besinnung, blieb länger unter dem Bewußtsein, als er wollte, er küßte sie wieder heraus, preßte den Zahn in die Weiche, sog und fuhr mit der Hand die Rückenwirbel herab. Sie stürzte höher ins Unerträgliche: „Mehr“. Sein Kopf glühte zwischen ihren Knien. Seine Hände suchten ihren Rücken herunter, hielten das schmale Becken hoch. Ihre Haut ward nicht feucht, glättete sich unter den Umarmungen, dehnte sich so, daß er daran glitt wie an einer Frucht. Sie wimmerte nur noch, die Lenden
zuckten. Da nahm er die Sehnsucht von ihr. Sie lag dann still, nur manchmal erschüttert von Schauern, die abflogen. Das Silber der Bürsten, der Draht der Ampel kamen in die Glückseligkeit. Die Vögel der Tapete musizierten paradiesisch durch die Seide, sie lächelte, drehte seinen Kopf dahin und streckte Wange an Wange, die Hände danach aus. Er flocht seine Kragenspange in ihren Flaum. Langsam begann er entzückte Dinge. Sagte über ihre Brust Vergleiche. Die schwarze kleine Warze der braunen Brust entflammte ihn wieder. Sie lauschte atemlos. Er erbebte unter seinen Worten, seine Hände entzündeten sich daran. So nahm er ihr Kinn, ihr Knie und genoß es mit den Augen, mit den Fingern. Durch die Dämmerung griff er aus der Schale eine der drei Kugeln, rollte sie über die Wade, die Bucht an der Lende, zwischen der Brust bis an das Ohr. Von da führte er es an den Mund, sie schluckte die Kugel. Er grub sie mit der Zunge heraus, küßte sie, steckte sie in die Tasche seines Pyjama. Der Wind warf die Gardine ein wenig auf, der Wind kam herein, malte dunkle rote Schatten auf die Bronzehaut. Sie erzitterte. Die Frauen ihres Geschlechts hatten die Steine alle vor ihr getragen, es gab eine Lücke im Hirn. Da kam seine Hand, suchte, liebkoste. Sie fiel zurück, stöhnend. Die Hand gewöhnte sich an eine Stelle des Fußes, strich weiter, blieb in der Mitte des Körpers. Die
schlanken Hüften erbebten, hoben sich ein wenig. Ihm entgegen. Die Welle ging über sie.
Ein einzelner Baum stand wie Glas im Sternlicht, dann aber schwellte eine helle Flut heran. Sie zog den Kimono um den Hals fest. Die Terrasse bog sich mit den Stufen entgegen, krampfte sich unter dem Licht, was herauftrieb. Nun fiel das Tor zu. Sie schwenkte die Ampel noch einmal. Ging zurück, warf ihm eine Klavierwelle nach.
Die Sonne ging höher. Die Untergrundbahn rollte durch schmale Korridore. Sie empfand Le Beau durch die Körper, die sich zwischen sie keilten. Die Schienen gleißten stahlweiß, verschwanden. Die Türen knallten. Die Körper standen reglos aneinander gebäumt. Da sah sie in Stefans Gesicht. Er grüßte mit den Augen. Sie hörte seine rauhe Stimme gedämpft reden, aber es war zu weit, sie verstand sie nicht. Rückte gequält den Kopf zur Seite. Wie ein Vogel. Magnetisch wie eine Viper holte er ihn herum. Er hatte einen Koffer, einen Mantel, die Stirn flackerte. Er machte Zeichen. Sie verstand sie nicht. Die Station kam. Nun wuchs sein Kinn, strebte auf sie zu. Es gab keine Hemmung, der Gartenabend hatte ihr Leben irgendwie gebunden, aneinandergelegt. „Geben Sie . . . Geld.“ Sie nestelte an der Tasche, drängte sie gegen ihn, er faßte sie. Der Wagen hielt an, Er brach sich die Schulter frei, der Ruck warf ihn brutal
herüber. Nahm es mit allem auf. Ein Mann stand noch zwischen ihnen. Rasch: „Leben Sie wohl!“ Sie ward verwirrt über ihre Kühnheit. Im Vorübergehen hörte sie seine Stimme, aber entfernt: „Es geht eben schlecht. Ich sehe Sie wieder.“ Als der Zug anfuhr, sah sie durch die Scheibe, daß er, draus auf dem Perron vorwärts strebend, bleich war. Er sauste ab. Hinunter. Le Beau riß es hoch zu ihr. Sie zuckte ein wenig die Achseln. Ihr Ohr vergaß aber nicht, was der andere gesagt, ihr Auge nicht, wie entfärbt er war. Dann drehte sie sich herum, glitt auf Claudius zu, es war leer geworden.
Er brachte ihr Katzen, sie behielt eine. Sie spielte mit ihr im Garten. Zog einen Strich, rief, sie sprangen beide über das Hyazinthenbeet. Drüben, im Sprung, fing sie das Tier wieder auf. Es legte sich an ihre linke Brust, hielt sich mit den Pfoten am Schlüsselbein und reckte sich in die Kurve der Weiche. „Anjá“, rief sie, fuhr mit der Hand blitzschnell gegen den Strich durch das elektrisch aufschäumende Fell. Das Tier bäumte den Rücken, daß Vorder- und Hinterfüße nebeneinander standen, sah in die Luft, mit gerecktem Schweif. Laue Schatten lagen um die rostbraun fallende Sonne, Raben standen zwischen unruhvoll blauen Wolken.
Anjá sprang auf die Schulter, von dort in einen Baum. Gegen jeden außer Daisy ward sie feindlich. Sie tauchte auf, sprang, man sah sie nicht. Steckte
den Kopf in den Lichtschein um ihr Haar, legte die Schnauze auf den Brustansatz. Aus dem Horizont kamen schwarze Punkte, ruderten herauf, begannen rauh zu schreien. Daisy gähnte, hielt Anjá nieder, daß sie nicht fauche, die auf ihrer Hüfte sonnte. Le Beau stand vor ihnen. Ein Hauch schoß in ihre Haut. Sie sprang auf, gab ihm rasch die Katze hinüber, gab ihm das Warme, das das Tier von ihrer Lende noch an sich trug. Die Nüstern schwebten nach außen. Anjá sprang zurück. Sie sah sie bös an, warf sie zurück an Le Beaus Brust. Das laue faule Treiben der Natur um sie, das scholl und geschah und sie umkreiste, schwang ab. In den Kreis war Blut getreten, ihre Schulter hing untrennbar an der Le Beaus.
Mittags querte sie einen Platz, kein Mensch ging durch die Glut, dünne Bäume wagten keinen Schatten, ausgedörrt, elend, daß Hunde nicht einmal sie näßten. Der Kies und Sand flimmerte trocken und müd. Plötzlich sah sie eine Figur, ein Gesicht. Es schien auf sie zuzugehen, ja fast in sie hinein. Sie wich aus. Sah sich um, in der Mitte des Platzes ging eine Frau, sonst niemand, da kam der Mann wieder auf sie zu aus der anderen Richtung, ging an ihr vorbei. Sie sah ihm nach. Langsam, den Kopf gesenkt, schritt er auf die Bäume zu, er hatte sie nicht gesehen. Es war das Gesicht des Traums. Ihre Augen drückten sie, als seien sie von Blut überfüllt. Sie stieß den
dünnen Stock in den Sand und sah rasch auf. Der Mann war echt. Ihr Schreck hatte ihr eine Vision gegeben. Sie zuckte die Achseln, spürte die Müdigkeit, die voll und groß abschwemmt, von der Nacht her. Schlief ein den Abend, aber im Augenblick, wo der Schlaf den Halbtraum abtrennt und hinunterreißt, standen die Augen des Skandinaven über ihr, quälten sie.
In der Dämmerung wachte sie auf. Die Vorhänge bogen sich auseinander. Le Beaus Kopf, sein Knie standen in der Morgenleuchte, er lachte, sprang herein. Er näherte sich ihrem Bett. Sie zitterte unter der frischen Luft. Er kam geschmeidig über den Teppich. Sie zog die Beine herauf bis unter die Brust. Aus seinem Mund kam so viel Frische und um die Raubtierzähne lag das Rosa des Fleisches so fruchtreif, duftend und voll schönem Saft, daß sie daran alles vergaß. Er hob sie mit den Kissen auf, schwebte sie schaukelnd hin und her, setzte sie auf den Diwan: „Sie werden auf die Zofe verzichten müssen.“ Er schloß das Strumpfband an ihr Korsett.
„Was ist?“, frug Daisy, in Strümpfen und einem Beinkleid, das großfaltig mit dünnen zahlreichen Plissees ihre schmalen Hüften umzischte. Sie bürstete das Haar zurück, die Muskeln liefen aus dem Arm in den Rücken mit einer Kraft und Grazie wie Meer. Er hob den Mund in die freie Achselhöhle.
„Auch auf das Bad.“ Er lächelte und stieß den Löffel in den Schuh. Er pfiff leise vor sich hin, suchte im Boudoir den kleinen Koffer, wählte in ihren Strümpfen, Dessous, warf zwei Necessaires hinein. Der Geruch der aufgewühlten Sachen erfüllte das Zimmer. „Wohin?“, frug sie ratlos, von innen lachend. Er schob Schubladen zu mit dem Knie, besah sich im Spiegel, riß sie an sich: „Du wirst es jede halbe Stunde dem Chauffeur sagen.“ Alles gepackt. Er gab den Koffer durchs Fenster. Eine Hand faßte ihn draußen, während Daisy die Nägel einrieb. Vögel schlugen herein, immer lauter, zogen sich an Rufen höher, immer andere fielen ein, kreisten auf. Büsche dufteten herüber, herein mit einer Gewalt und Hingabe, daß sie stehen blieb, ergriffen, gehalten. Sie sah um auf der Terrasse, das Gitter, die Päonien. Sie faßte den Schaukelstuhl. Verweilte auf dem Tisch, dem Springbrunn, der Flosse eines Goldfischs. Le Beaus Arme faßten unter ihre Kniekehlen, der Schwung in die Luft riß sie los. Nun fing er an zu laufen, schrie wieder etwas, mit großen Sätzen, sprang in den Wagen. Unter den tutenden Raubvogelrufen der Hupe brach wie ein gläsernes Gebäude die Stille, das Haus, der Park mit einem Ruck entzwei.
Sie schwankte, schmiegte sich in die Atmosphäre, reckte sich, faßte Fuß. Wirkung ging von ihr aus. Ihre Wünsche erfüllten sich, eh sie sie dachte. Die Inbrunst einer Blutwelle hüllte sie ein, verließ sie nie. So stieß sie an alles, durch die Wolke verhüllt. Die Lippen hochrot, die Finger voll Gestein, fuhr sie auf der Rue de Rivoli. Sie hatte den Hauterfolg. Trotz dunkler Tönung war sie durchsichtiger als die französische, schimmerte weiß auf Silber. Zwischen alten Tapeten, in Musik, bei den gepflegtesten Frauen fiel ihre Bewegung, selbst wenn sie den Finger nur hob, den Fuß umrückte, wild heraus, schlug ein, machte sie zur Mitte, lenkte das andere ab, schob alles gegen sie. Es verwirrte am Anfang sie etwas. Doch schloß die Welle sie ab. Sie hatte nur Klang und Richtung nach Einem. Es genügte. Gab der große Schneider, während Ballen vor ihr sich häuften . . . Manekins paradierten, um ihren ermüdeten Blick zu erfrischen, durchs Fenster im Parkschatten das Bild eines tanzenden Balletts, erstaunte sie nichts mehr, es glitt ab. Vorüber strich es, neigten sich Akteure bedeutenden Namens, Dichter ihr, selbst d’Annunzios Nelke. Es ging durch sie, wenn Frauen heiße Blicke warfen. Es blieb nur Kälte und Hochmut, lehnten die Herren an der Brüstung, sagten Eitelkeiten in die Loge, hatten aber hinter dem Blick, flüsterten innen kaum verhehlt: bichette, loulou, ma crotte en or. Le Beau umspannte ihren Horizont
mit hartnäckiger Leidenschaft, erfüllte das Erdenkbarste für ihren Körper, jede Möglichkeit ihrem Geist. Zofen im Korridor, Wagen, Diener standen dressiert auf ihren Blick, ihre Hand, ihre Haut. Seine Nerven lauerten auf die Ahnung eines Wechsels, heut stürzte er in die bunte Pfauflamme der Folies Bergères, morgen sah sie steifstes klassisches Theater, am Abend fuhren sie vorn auf dem Seinedampfer in Geruch von Bäumen und Wassernacht. Stieß etwas aus ihr gegen die Welt, stieß es auf Le Beau. Es gab keine unvereinigte Sekunde. Im Musée Cluny begeisterte sie sich an alten Spitzen. Sie besaß sie am folgenden Morgen.
Sie kleidete sich an im Boudoir: „Es reizt mich nicht, wenn Sie Ihr Vermögen verschwenden . . . noch weniger aber, wenn Sie sich exponieren. Polizei ist mir widerlich.“ Er erbleichte ein wenig. „Es geschieht nicht Ihretwegen“, sagte er höflich. „Es ist eine Leidenschaft.“
Er griff in die Tasche, sein großer Körper funkelte in drei Spiegeln, das rote Haar war ein wenig in die Stirn gestrichen. Er gab ihr Briefe an sie, die auf verdächtige Weise kamen. Sie legte sie ihm vor, zurück, errötet vor Zorn, der seidene Unterrock umglockte sie, als sie sich bog. Er lachte. Das Haus ward Mitte von Versuchung. Sie gaben sich Handikap darum. Wo Daisy auftauchte, geschah
ein Start. Breschen wurden versucht, leichte Minen gelegt. Le Beau suchte man zu übersehen. Er lächelte. Sie spürte es kaum. Ward es aufdringlich, schürzte sie den Mund ein wenig, ging darüber. Ihre Wirkung ward aufreizend; tauchte sie auf, war sie Zentrum, schloß um den Kreis, sich angliedernd, immer weiteres Herströmen. Vor der Oper fuhr mit rascher Biegung vor ihren Wagen ein fremder. Hände streckten sich ihr entgegen. Le Beau riß sie zurück. Nun trug er eine Falte, spürte Gefahr, streckte sich in eine wunderbare Abwehr. Es begeisterte sie, wie er Witterung nahm, ohne daß sie begriff, was vorging. Sie ruhte nur nach ihm hin. Als er bei ihr war, nachts, rief er etwas, sprang hoch und schoß durch das Fenster. Am Nachmittag, als er den Korridor querte, fing ein Diener an zu zittern, verbarg etwas, sank gegen die Wand. Er untersuchte nichts, hatte genug. Wartete nicht mehr.
Er löschte alle Lichter, ließ die Bedienung für den Abend ausgehn, veränderte sich, gab Daisy die Kleider einer kleinen Mimi, sich selbst die abgelegte Eleganz eines Alphonse. Durch den Garten aus dem Haus, im Boulevard tauchten sie unter. Wagen rollten, sie sprangen heraus, nahmen andere. Straßen schäumten auf, fielen donnernd zurück, Schatten bog sie in Parkviertel, Schleifen von Laternenstraßen schwangen vor ihnen stumm hinaus gegen das Ende. Sie griff nach
seiner Hand, begriff plötzlich, wie es um sie herum sich sammelte. Nichts Freund war, nur Jagd. Aus der Weite, dem rotumhängten Horizont sammelte sich alles in sie zurück, verweilte eine Minute und schenkte sich ihm ganz hinein, wie nie. Als Reisende aus Tiflis bewohnten sie den Mont Martre, als kleine Juden zogen sie zur Concorde. Ein chilenischer Politiker führte im lateinischen Viertel sein Knie unterm Tisch an ihren Schenkel, zog es rasch zurück, winkte mit den Brauen, flüsterte mit seinem Nachbar. Um ihn lag eine Sinnlichkeit aufgespart, wie nur Weiber sie dicht an die Haut, an den Atem gebunden tragen. Erstaunt, abgelenkt einen Augenblick streifte sie ihn. Da öffnete sich der Mund, bebte mit den Lippen: „Zwei Uhr.“ Das Blut wallte in ihren Hals, in ihren Kopf.
Nachts klirrte die Klinke, Le Beau ging dem Geräusch nach, auf nackten Sohlen entflog ein Umriß. Sie lockte ihn zurück. Aber er folgte, hatte endlich eine Spur, setzte auf diese Nummer, lief einer Figur nach im spitzen Hut, die am Boulevard bald hochschwamm, bald untertauchte. Daisy wachte. Schon drang das Licht vom Haus ab, ergriff in einer weichen Spirale Notre Dame. Die silberne Brust schwankte, die Rippen starr gebläht wie von Glas trieb die Kathedrale in die Mondwelle, glänzte mit Porzellan aus allen Fenstern und schwebte. Bald auch waren die Türme eingelullt. Das Licht stieg weiter, ergriff die
Seine, das breite Flußband schwang am Horizont hinauf und Kähne liefen gegen die Sternbilder hin. Dann fiel das Licht in einen Park und hatte es mit den Bäumen, fiel kurz darauf gegen das Haus. Es ward fast weiß. Die Gurte der Balkone herunter von einem entfernten Haus her, wo die Linien der Eisenschnüre schon fast zusammentrafen in einem spitzen Winkel, kam ein weißer Ballen, geschnellt, gesprungen. Es schlug zwei Uhr. Er tauchte in Mauerschatten, schwang ins Licht, überkletterte Barrikaden, klammerte sich an die Hausfront. Das Licht hob ihn, spülte ihn herüber, er war am dritten Haus. Von unten stieg es herauf, der Schritt Le Beaus hielt vor der Tür. Er kam, die Stirn mit der Hand umklammert. Ein Sandsack hatte ihn in einer Torflucht, in die er folgte, zusammengeschlagen. Nach der Ohnmacht kehrte er sofort zurück, sie hatte nur zwei Sekunden gedauert, denn im Augenblick des Schlags wußte er, er müsse zurück. „Du mußtest zurück,“ flüsterte sie mit geschlossenen Augen, die Angst um ihn stieß sie gegen ihn hin. Sie umschloß seinen Nacken, trat mit ihm auf den Balkon, flüsterte seinen Namen in die Nacht, besinnungslos: „Chéri . . . doudou . . .“, umwärmte ihn mit ihrem Körper, liebkoste sein Ohr, seinen Mund.
Ein weißer Ballen bäumte zurück am Nachbarbalkon. Durch die halboffenen Lider sah sie gehetzt vom Teufel eine Figur im Nachtweiß zurückfliehen.
Zerrissen in der Balkonecke lag ein Tuch, von Speichel feucht. Sie trug es hinein.
Sie konzentrierte alles auf Flucht. Er widerstand, schon halb in neuer Ohnmacht. Die Zähne entblösten sich gierig, er war im Kampf, blieb auf dem Posten. Sie streichelte ihn: er stand nicht auf. Sie frug, was er mehr liebe, seine Eitelkeit gegen Gefahr oder sie, Daisy. Schmollte mit dem Mund und lächelte, und lauschte, während sie überredete, auf jedes Geräusch. Sein Blick fiel in den Spiegel, blieb am Bild seiner Kopfkompresse, schüttelte fiebrig den Kopf. Sie bat. Sie befahl. Unter dem Ton zuckte er zusammen, durchschaute den Klang, wehrte ab: „Kein Mitleid“. Je tapfrer er sich wehrte, wuchs in ihr das feste Ziel: ihn in Sicherheit zu wissen, das andere all war Abgrund. Sie drehte den Plan um, kam mit List, während er fasziniert vor sich hinsah. Sie lockte ihn weg von seiner Fechterei. Sprach von seinem Haus, dem Park, den Zimmern. Sprach, wie alles zerfließe, die Jagd ihr Ruhe nehme und Freude, wie sie in Sehnsucht ihr Leben sich anders gedacht. Wo sie froh gewesen, ihm entgegengereist, sei dort gewesen. Sie sah in ihren Schoß. Er nickte langsam, schwer überzeugt.
Sie wartete eine Stunde, verriet ihre Erfolgfreude nicht. In seinem Haus war wenigstens ein Wechsel des Orts, parierte Gefahr. Sie fuhren dann Place
St. Michel, nahmen den Métro, erreichten Mont Parnasse, fuhren umsteigend zur Etoile, nahmen einen antrabenden Fiaker, stiegen irgendwo aus in einer Gasse, deren Dunkel sie selbst unbekannt umschwirrte, liefen, an den Händen gefaßt, in den Schattenbogen, drangen in ihn ein so tief, daß hinter ihnen nichts blieb, alles zurückfiel, nicht die Idee einer Verfolgung in der Luft hing. Vor einer Taverne standen Wagen. Bis dorthin hielt Le Beau sich. Vorm Einsteigen schwankte er wieder. Sie legte, während die Gassen, Straßen zurückblieben, in das Schwindelgewoge um ihn den Körper, die Hand in sein Gesicht, ihren Mund an sein Ohr: „Ich bin bei dir.“ Voll, scharf umrissen kam sein Gesicht ihrem entgegen.
Über die Dienertreppe stieg sie zum zweitenmal ins Haus des, der sie zuerst aufgebrochen. Ihr Blut suchte ihn sofort. Hier lebten sie nun. Niemand wußte es, es drang nicht nach außen. Ein alter Arzt behandelte ihn von der Erschütterung. Sie wartete, bis dies vorüber war, dann lockte sie jeder Platz, selbst der fernste, denn dort war Sicherheit. Aber als selbst der Siebzigjährige beim Untersuchen eine Schmeichelei hatte für ihren Arm, brach sie in Weinen aus, verließ das Zimmer, warf sich auf ihren Diwan, schloß ab, öffnete nicht vorm Abend. Maß sich die Schuld zu, ihrer Haut, dem Wuchs, dem Duft ihres Haares, daß Le Beau leide. Denn um ihretwillen zog er sich
Feinde, erlitt er Angriff. Sie spürte, so lange sie da sei, schiebe sich dies und dies zwischen ihn und sie und bohre ihn weg, weil sie auffiel, weil sie reizte. Er aber trat ein, faßte das überall an, sagte: „Liebe ich das nicht, warum verletzt du es?“
Sie traten in die Parklauben, der Sommerduft strich darin herum, sie blieb stehen, an der Stirn getroffen, machte die Augen zu, küßte ihn besinnungslos. Gewärtig eines Überfalls hielt sie den Kuß an bis zum Ersticken, sah lauschende Köpfe aus dem Rosenbeet kommen, Leitern nachts gegen die Wand sich stellen. Von der Silberkugel zwischen den Staketen, wogte aus der Metalltiefe Zwielichtiges, Schatten, gedämpftes Ungeheures heran, gegen sie. Dies drängte ihr Leben zusammen, zielte es in einer unbekannten Verdichtung gegen ihn allein. Bleich vor Erregung strömte sie ihre Seele mit der Zunge in seinen Mund. Dachte nicht, selbst nie im Halbtraum, der fremde, sehnsüchtige Glieder formt, an andere Männer, ja haßte sie, wurden sie aufdringlich deutlich in der Phantasie. Die geschmeidige Stoßkraft seines Körpers gab ihr jede Seligkeit, die ihr Körper verlangte. Er trieb sie höher noch, als sie vermochte, schleifte sie in die letzte Wollust, schon besinnungslos. Oft lag sie über seinem Gesicht nachts, bog die Haare ihm aus der Stirn, lauschte, ob sie sein Traum sei. Legte die Hand auf sein Herz und zog mit dem Finger ihren Namen auf die Haut
der Grube. Ging er von ihr, nur in das nächste Zimmer, war ihr, es sei für immer. An ihrer Angst wuchs ihre Liebe höher, weiter, als sie von ihm empfand. Er gesundete, war gefährdeter, je mehr er sich bewegte. Mit jedem Tag ward ihr Auge größer, erwartender, eingestellter auf Unheil. Er aber blieb gleich, umschürfte ihr Fleisch mit Witterung, griff an, quälte sie, liebte sie ohne Änderung, ein Marder, ein edles Tier, voll Geist, der nie die Beherrschung verlor, nie mit ihr sich traf in einer Höhe, die nur die übersinnliche wahnsinnige Angst ihrer Seele erreichte. Da blieb das Männliche zurück, sank zurück, wenn er sich ihr ergossen, flog nicht zu dem erlösenden Wort, das ihr Mut gab jenseits der Umschlingung der Körper. Während sie sich noch auftat, ihm entgegenatmete, durch seine Umarmung das Hemmungslose durchbrach und aufgeschleudert flog in eine leiblose Ergriffenheit, spürte sie unter wütenden Küssen das Zurückgleitende, Fremde an ihm, das, was sich nicht gab: den Mann. Sie schlug verschleiert die schräg gebrochenen Augen auf: „Du mußt mich mehr lieben.“ Schmeichelnd umwand sein Körper sie wieder, sein Geist begleitete seine Hände, gab ihnen Linde und glatte Bewegung, sagte ihr Worte der Liebe, toll, ausschweifender, als ihr Hirn es träumte, machte sie hingeflossen, in jeder Blutfaser geöffnet nach seinem Angriff — er trieb sie in den Abgrund, erhob sie aus den kleinen Seufzern
und Stammeln zu Geschrei, bis ihr Kopf besinnungslos ward . . . aber erwachend spürte sie unsinnige Angst um ihn, daß sein Herz das letzte Zerschmelzen kühle, und empfand verzweifelt, was er nicht zu geben vermochte, was fehlte, und daß sie ihn darum auch lieben mußte, mehr als er sie.
Nachts kam er spät zurück. Zwei Arme fielen in der Pergola um seinen Nacken, eine Stimme, die kaum sprechen konnte, flüsterte seinen Namen. Zugleich strömte der Weiße-Flieder-Duft mit einem Hauch herunter, Dolden bebten am Parktor nieder und berührten ihre Gesichter. „Lieber“, atmete sie. Er hob ihr Gesicht ins Helle. Da hing es, nur sammelnd und aufnehmend, was sie erwartete, was auch kam. In den Tränen, die es übergossen, sah er mehr, als was sie bot. Es leuchtete tief in der Stunde und seinem guten Willen kam es entgegen herauf und er spürte ihr Warten, ihre Angst, die sie verschwieg. Sie hatte die halbe Nacht am Tor gewartet. In eins zerflossen gingen sie hinein. Weich von den Tränen und gerührt von seiner Milde mahnte sie sein Versprechen zum erstenmal die Nacht. Er spürte, wie schwer es ihr ward. Stand auf, hingegeben an solche Innigkeit, schob den Hochmut beiseite, brachte aus dem Nachtblau gelb aufflimmernd vom Fenster den Globus, legte ihn in ihren Schoß, brachte den lauen Blütenwind mit in ihr Bett: „Was willst du?“, frug er und bot ihr jeden Fleck, den sie
benennen wollte mit dem Fingernagel. Dorthin führen sie morgen. Schon der Sonnenaufgang hieß Abreise, schon der Mittag Sicherheit. Ihre Liebe stieg aufs Äußerste. Sie verschmähte es.
Sie wählte nicht, nahm nicht. Sie schenkte ihm ihre Angst. Verzichtete auf die Ruhe, um zu leiden für ihre Liebe. Es war das Höchste. Unverlierbar nahm ihn ihr Auge; als sie ihm die Kugel zurückgab: „Ich will es nicht“, sagte sie, ihre Stimme trug keinen Laut mehr vor Verwebtheit. Legte sich zurück, unter ihm kaum mehr lebend, der über sie kam mit ungekannter Leidenschaft und grausamen Lippen. Was blieb noch, konnte noch kommen? Entzücken selbst der Tod.
Tage, Wochen kamen, gingen in der Erwartung. Sie lauerte auf eine Gefahr, die nicht kam. Manchmal glaubte sie sie nah, gewiß, schon im Vorsaal. Das stieg und fiel mit den Graden der Hingebung, die sie dem Mann verband. Manchmal, wenn sie ihm ferner war in ihrer Blutwoche, vergaß sie es, schrak aber dann zurück. Da die Wochen aber leer waren, ermüdete sich die Spannung, ihre Augen wurden beruhigter, matter. Menschen streiften das Haus, sie mischten sich an die ersten Vorposten heran, es ging ohne Zwischenfall. Ihr Name mit seinem hatte schon Patina in der Verschmelzung, keinen hörte man allein. Man achtete, nahm hin, was hier fest vereint schien, etwas resigniert, ein wenig gelangweilt. Es war ihnen fern schon,
gegründet, kein Raub mehr. Nichts geschah. Kein Schrei, keine Hand gehoben zu ihrer Entführung. Niemand warf sich in Abenteuer. Die Lust umschlich sie kühl. Sie ermüdete mit einemmal. Aber Le Beau federte die Sicherheit erst recht, gab ihm knabenhafte Wildheit. Das Raubtierhafte, das verteidigte und lauerte, spielte nun mit dem Gefühl, tollte darin, daß er sie hatte. Allein der Bogen der Angst war zusammengewachsen mit ihrer Liebe. Es löste sich nicht ohne Lockerung auf dem Grund des Gefühls.
Sie ging spazieren, allein, ruderte einmal am Bois, ritt hin und wieder. Als ihre Schenkel den Gaul erstmals fühlten, traf sich ihr Herzschlag mit Entferntem, sie, wußte nicht mit was, war es ein Schwan im Uferduft, eine Mispel in der Pappelkrone, ein Auto, das den Horizont anrannte. Sie kam anders zurück. Als sie die Bibliothek kreuzte, wich ein bohnender Arbeiter aus, glitt ab, stürzte hinter ihr aufs Parkett, wobei er sich an ihrem Ärmel instinktiv hielt. Aufschreiend blieb sie zitternd an der Wand. Am Mittag in der Sonne lachte sie über die plötzliche Furcht, aber die komische Bewegung der Abwehr, die sie gesehen, verbreitete sich, machte sie düster, schweigsam. Ihre Liebe gliederte sich darin. Der Überschwang kehrte zurück. Der Schwung dämpfte sich. Was sie aus der innersten Tiefe gehoben, gefürchtet, die Angst und die Sorge, standen allein, kühl entfernt, die äußerste Spitze
des, was sie durchlebt, war nichts, ein Betrug. Sie tötete diesen Gedanken und lächelte. Aber wartete nicht mehr in die Ferne, zitterte nicht mehr um ihn, wenn er ging und kam. Ein Gleichgewicht kam. Sie reisten.
Er frug nach Plänen, Wünschen, lauschte auf Ungesagtes, was ihr selbst nicht bewußt war, verwöhnte sie namenlos. Dirigierte die Reise, zeigte ihr kaleidoskopisch, kennerisch, abwechselnd, Wirkungen vertauschend, untermalend das Hauchdünne, verwischend das Grobe, die Schichtung der Welt, die man einsog, bewunderte, genoß. Suchte nach Flüssen, die im Rauschen ihr genehm, Wälder, deren Schattenfall ihrer Lunge lieb waren, Ebenen, die das Auto kielte, Gebirg, in dem der Aufschwung mit dem Tagaufgang über die Jacken rann. Doch einte die Landschaft sie nicht noch tiefer, die Bilder glitten harmonisch. Wo aber die Kontraste stiegen und rasten, gab es keinen Brennpunkt, in den ihr Gefühl zusammenfloß, sondern sie jagten auseinander, so dies und so das. An einem Abend sahen sie eine italienische Oper. In der Nacht sah Daisy Le Beau im hellen Licht neben sich.
Seine Beine wie aus Bronze spielten den Rumpf hinauf, der den Fechter zeigte, zusammengerissener und stählerner in der Spannung wie in den Marmorsälen die Ringer. Sein kluger Kopf war voll Geist, auch wenn die Lider sich schlossen. Sie sah es klar, zum erstenmal. Denn es trat in sie in dieser Nacht, zu sehen ohne Rausch und ohne Haß.
Das Licht flimmerte kühl, und es banden sich die Enden der großen Kantilenen der Sängerin an das Ende ihres erwachten Bewußtseins, und an der Höhe der Kantilenen ermaß sie die Höhe des, was sie erstrebt, erglüht, als ihre Stimme noch das Ziel war und ihre kindliche Sehnsucht glaubte, dort sei der Ruf. Sie drehte um. Sie sah den Körper neben sich, edel und schön wie wenige, auch liebte sie ihn. Sie fühlte alles, was von ihm zu ihr gekommen, Begeisterung, Hingabe und Wollust, aber es blieb unten. Genügte es? War es so viel, daß es sie erfüllte? Es war, was ein Mann an Liebe ihr geben konnte, fast mehr. Aber sie spürte wie Ziehendes, sie Beschwingendes und Reißendes die Spitze des abends eingeatmeten Gefühls über sich schweben, sah alles sich hinneigen nach der Höhe, erblaßt fiel ihr Kopf zurück. Die lange Strecke, die lag, zwischen dem, was sie erträumt und dem was sie erreicht und besaß, traf sie vernichtend. Lange lag sie kalt, halb schlafend. Ein Gesicht tauchte auf, sie lächelte, es verblaßte wieder. Lange lag sie gewiegt von Dingen, die sie streiften, nie entfachten. Aber im langen Wachen erkannte sie unerbittlich, wie leer ihr Zustand schwebe und daß dies nicht sie erfülle, und wie unendlich überlegen ihr Gefühl schon dem Augenblick geworden, in dem sie war.