11. Theodor Däubler und die Schule der Abstrakten
Theodor Däubler ist im menschlichen Schnitt schon kosmisch geraten. Aber seine Monumentalität ist nicht mehr rassehaft; mit schwarzem Bart, dem riesigen Körper und den kleinen halbmondhaften, schrägen Augen langt er nach Asien wie sein Werk. Es geht da alles schon übers Europäische hinaus. Auch ist er der einzige, der neben Schickele weise genannt werden kann. Seine Blutmischung ist romanisch-italienisch, die des Schickele romanisch-fränkisch. Wir scheinen keine germanischen Geistsouveräne mehr zu haben, sind in einem Tiefstand der Rasseäußerung. Wir hätten sonst den Krieg nicht angefangen und nicht verloren. In Clémenceau, in George, in Pétain ist ein auch dem Blutfeind ins Gesicht hüpfender Überlegenheitswille. Bei Jagow, Scheidemann, Hindenburg eine platte Mittelmäßigkeit. Erst aus den Katastrophen wird die deutsche Seele, wahrscheinlich später, wenn beruhigtere Epochen uns ablösen, sternhafte Klarheiten äußern. Däubler ist eine der wenigen Figuren, die heut nicht nur genial sind, sondern eine Größe darstellen, wie sie die überlegeneren Franzosen mehr besitzen. Er ist ein Bruder des Francis Jammes, des in Deutschland fast unbekannten großen Charles Louis Philippe, aber auch einer Litaipes und der Veden. Er ist einer der von innen Leuchtenden, selbst das Dunkle und Wirre hat den einfachen Reiz. Eigentlich ist er wohl Lyriker. Über Kunst hat er das Schönste nicht nur, sondern auch Wesens-Tiefstes gesagt. Als europäischer Wanderer hat er noch für Impressionisten gekämpft, Picasso durchgesetzt, und ist erst im Kriege nach Deutschland gekommen. Man sagt, auch über Musik habe er Bedeutendes geäußert. Lange, ehe italienische Nationalisten damit energisch Schule propagierten, hat er futuristische Verse geschrieben. Seine Prosa ist von großer Bedeutung für die Entwicklung. Sie ist wie sein Vers merkwürdig undiszipliniert, an manchen Stellen läuft sie hinter ihm her, als kümmere sie ihn nicht. Dann aber macht er sie wie Schnee.
Das ist der geheimnisvollste Prozeß auf der Erde überhaupt. Im Schneien sind alle Farben, Freuden und Abenteuerlichkeiten des Erlebens immer vorhanden. Bauern und Gebirgler unterscheiden ihn auch nicht etwa weiß, sondern blau und rot. In Wahrheit ist das natürlich erst der Anfang, ihn zu begreifen. So ist das Wichtigste wohl an ihm. Man muß denken, daß er stark im Süden wandre und am besten von dort aus seine Sehnsuchtsverschwisterung mit den Sternen erreiche, und man kann nicht verfehlen, dabei von Malern reden zu müssen, um ihn deutlich zu machen. Da ist Chagall, der ja auch im slavischen Seelenlabyrinth die Südlichkeit hat. Die russische Seelenbreite hat Däubler gewiß, aber es ist nur ein Bogen. Dann hat er jene Klarheit, die schon aus dem Gefühl vom Jenseits der Gegenstände kommt, das Klee in guten Momenten erreicht. Jenes Nur-Wissen um Tiefe der Farben und der Mondbewegungen. Manchmal scheint es, als laufe die ganze Epoche dort hinaus und das dauernde Zerstören der Form lande in einer ganz abstrakten Kunst. Mir scheint das ein bedeutsamer und enger Irrtum. Denn nur ganz wenigen und innerlich erlauchten Personen ist es verliehen, über die Dinge hinaus zu sehen und die Mauer zu überblicken, hinter der das Weltgeschehen wie ein schönes und feierliches Changieren der leuchtenden und klaren Weltkörper vor sich geht. Dahin rechne ich nicht die italienischen Futuristen, aber Chagall, Klee und Däubler. Die andere Kunst wird immer auf der Erde bleiben, wo sie im Kampf mit den Gegenständen und ihrer Vergeistigung schwere Niederlagen und heftige Siege von fast gleicher Größe erreichen wird. Auf das ins grammophon- und bilderbuchhafte Treiben des Dramas, das in den Scharnieren schon knackt, geistig wohlverstanden, aber dennoch knackt wie ein Panoptikumsaffe, wird ein wilder Hereinsturz naturalistischer Gefühle folgen. Ihr habt’s zu weit geschoben schon. Das Negieren der Tatsachen und Ins-Blaue-Wursteln mit reinen Vorstellungen ist eine Räterepublik von 1919. Die Bauern werden Euch mit Knüppeln erschlagen. Eine Schule der gegenstandslosen Kunst halte ich für unmöglich, aber es wird vielleicht ein starker dekorativer Stil daraus entstehen. Die Suggestivität des erregenden und harmonisch-einschlingenden Weltalls werden nur ganz wenige überirdisch schauende Künstler fertigbringen. Fast alle abstrakten Künstler sonst würden versagen, wenn man sie vor Aufgaben der Stofflichkeitsbezwingung stellte, und zwar so, daß ihnen nur offensichtlich Dilettantisches und Dünnes gelänge. Das heißt, ihr Zusammenbruch wäre kein radikaler und bestürzender, was ja für sie spräche, sondern er würde werden wie eine Entschleierung. Nun hat aber Däubler noch etwas, nämlich auch die kosmische Ruhe, das Idyllische und sich im Geistigen so zu-Hause-Fühlende, als sei das seit Jahrtausenden die Tätigkeit seiner Familie. Etwas ähnliches hat Franz Marc bei uns versucht, indem er auf die großen persischen Vorbilder kam. An geistiger Idylle haben wir ja den Schweizer Walser. Der schreibt immer wie ein Knabe, aber nicht ohne Raffinement. Walsers idyllische Welt hat auch Regenbogen, aber mehr im Sinne der naiven Kinderbücher, sie ist doch in wichtigen Momenten ins andere Jahrhundert zurückgewandt und hat bürgerlich-romantisches Blut wie der Spitzweg. Seine Abenteuerlichkeit besteht doch wesentlich darin, daß er sich abseits der Gesellschaft empfindet, er steht im Gegensatz zu ihr, aber deshalb noch lange nicht in Ninive. Wenn die Schweiz die Welt allein wäre, ließe sich diskutieren, daß er ein großer Dichter des Kosmos sei. Aber wenn Däubler erstaunt ist, ist es nicht die erzwungene Naivität des graziösen, fast rokokohaften Jünglings, sondern das Staunen der ersten Tiere, der Heiligen, des Defoe und der Erdkörper selbst, wenn es wahr ist, daß sie in einem göttlichen Atem immer schaukeln. Sein Glaube an die Erde und gerade ihre Mission und die der Menschen ist ungemein groß. Seine Prosa sagt es genau wie die Lyrik. Interessanter, als was er sagt, ist daher immer das Darumzitternde. Obs ein Bild oder eine Nacht ist, plötzlich geistert es. Natürlich hat er nie Erzählungen geschrieben oder Sachen, die vorgehn. Höchstens, daß er auf sie gleich einem Schemel steigt, um rasch da hinauf zu kommen, wohin ihn es zieht. Seine Sätze werden sofort visionär, umnebeln sich und irren im Freien. Dabei haben sie eine Zeugungskraft in sich selbst, die Däubler oft fast in Hoffmannsthalsche Nähe bringen, wo Lust und Klang sich berauschen an sich selbst. Doch er gleitet immer heraus, er ist weich und monumental, das weist ihn auch (wie die Lasker-Schüler) auf den Erdteil manchmal, der der Welt geistig näher ist als Europa, nach Asien. Suchte man ähnliches im Rein-Deutschen heut, bliebe Hans Thoma, mit guten Altmännersprüchen und der meisterlichen Gestaltung eines Stücks Deutschtum, das man Waldbach oder Mondschein nennen kann, das aber nicht in Siriusakkorde einschwingt. Tief unter Däubler. Wir sind doch sehr arm, eben weil wir, den Anschluß verloren hatten. Welche Geistriesen waren die Ottonen, war Heinrich der Vierte und Geprüfteste noch gegen diesen armen mechanisierten Ludendorff. Däublers Sprache ist eigentlich tatsächlich Schnee. Sie setzt sich aus wenigen Flocken in ein Gestöber um, Vision opalisiert sich an Vision der Farben, öfter kommt eine fabelhafte Gebirgsgegend unter fast fremder Sonne mit donnerndem Blauhimmel. Er hat in der Sprache keine logische Absicht mehr, sondern vielmehr den Willen, aus ihrer ungeheuren Vielhaftigkeit immer das Sternspiel herauskommen zu lassen, berauscht sich am Anblick und spielt damit immer weiter, bis er rasch in Seelenzustände wieder hineinschwingt. Dabei bekommt die verhüllte Farbskala immer einen dalmatinisch silbernen Schatten um die Kontur. Immer neue Landschaften der Seele fallen vor den Wortvisionen auf.
Er hat da einen Antipoden und einen Freund im gleichen Bezirk, sowie einen, der halb in seinem Ring, halb außer ihm liegt. Nämlich das sprengende Prinzip, das ähnliches erreicht, doch nicht mit Pendelschwingen eines alles einbeziehenden Gefühlsmeeres, sondern mit einer bombenhaften Zerschmetterung aus dem Hirn her, das ist Gottfried Benn. Er hat nur ein ganz kleines Territorium inne gegen Däubler, ist aber neben ihm in anderem Sinne gleich wichtig für die in ganz ungekannte Grenzen brandende Bedeutungsentwicklung der Prosa, die wahrlich heut fast genau so viel ausdrücken kann wie die Lyrik. Auf Vorgänge kommt es ihm nicht an, ihn sensationiert das Wort wie eine Metallkugel, in der ihm alles gespiegelt ist, was er liebt, braune Haut, Weiber, Göttliches in Überfülle. Das Zerebrale feuert ihm die Welt auseinander, fast um sich beißend, drückt er aus dem Wort die letzte Schlagkraft heraus, ein dramatischer Vorgang, ein Krampf immerhin. Sein Gesicht wird derart mit Spannung und Ladekraft überhäuft, daß es ungemein angezogene Kurven erhält. Im molluskenhaften Urnebel Däublerscher Sprache vollzieht sich der Bennsche Vorgang wie Kristallisieren, Eckenbekommen, geometrische Schlagkraft des Ewigkeitsausdrucks. Die Entschlossenheit ist ähnlich wie die von Heckel oder Kirchner, wahrscheinlich aber innerlicher und neuere Gebiete aufbrechender als die der beiden Maler. Tatsächlich wird hier explodiert und bis zum Wehtun intensiv umgedacht in gehämmerte neue Gestalt.
Genau so sicher verleugnet Franz Kafka alles, was im menschlichen Bezirk beziehungshafte Bedeutung hat, es interessiert ihn keine Minute. Logik und Psychologie und alles, was uns an menschliche Begrenztheit und Abgeschlossenheit gegenüber dem Äther erinnern könnte, ist gar nicht mehr da später. Allerdings noch am Anfang, was ihn allein von den anderen unterscheidet, denn er fängt Geschichten zu erzählen an, Handlungen und Hergänge wie die Dichter unserer Großmütter auch. Aber dann ist bis zum Gefrieren erschreckend, mit welch übersinnlicher Sicherheit und Präzision sich die Sache ins Kosmische entwickelt. Grad’ wie er die Linien durchbricht, die unsere Welt von der außenliegenden absperren, ist phänomenal. Plötzlich, wie durch Magnetisches, sind sie durch das Glas weg, was uns einschließt, und gehorchen mit gleichen Absichten ganz anderen und größeren Gesetzen. Man denkt an Jules Vernes Vorgang der Expeditierung der Menschen auf den Mars mittels des Fernrohrs, natürlich nur ein recht grober Vergleich. Jedenfalls praktiziert Kafka das Wunder tatsächlich ganz natürlich in seine Vorgänge hinein, die sich auch ganz übernatürlich auflösen. Tod, Schmerz und Lust existieren in diesen Räumen nicht mehr, da entwickelt alles sich aus den Formen eines übergeordneten tragischen Geschehens. Diese Form ist im Grunde natürlicher und bedeutender wie die Meyrinks, der sein Geisterreich immer konstruiert, immer einen Fächer aufschlägt, immer die Pose hat, daß selbst der naivste Schwung bemerkt: alleweil geht es ins Nebulose. Allerdings kommt er dann auch glatt hinein. Natürlich ist aber Kafka ein bescheidenes Talent in der Kraft seiner Äußerung, schmale Novellen und Betrachtungen machen einen recht kleinen Kreis um Prag. Aber die Eindeutigkeit ist gewiß sehr ausstrahlend.
Ebenso ist es mit Paul Adler. Diese Dichter all haben ja nicht die Absicht und wahrscheinlich keineswegs die Gestaltungskraft, das Bild einer Epoche und eines Volkslebens aufzubauen wie Dickens, Voltaire, Balzac, Zola. In diesem Sinn kommen sie überhaupt nicht in Frage und können so gar nicht angeschaut werden. Es fällt eher in Philosophisches statt in soziale Strukturen, was sie erstreben, und viel mehr ins Abseitige, aber ungeheuer erweiternde, Material, geistiges Fundament und Bedeutung Schaffendes als in Kunst allein oder Architektur der Geistesbogen. Wenn Däubler im Nebel der Adria einen Raben schreiend auffliegen sieht, bestürzt ihn der Ton so, daß ihm das Gefühl gibt, dies sei der erste menschliche Ton. Er schaut im Sanskrit nach, da stimmt der Laut. Auf solchen Bögen läuft hier alles; von den ersten Ursprüngen des Existierens bis in die letzten Geahntheiten der Menschenkugel. Alle Grenzen sind durchbrochen, die eine Handlung, einen Zeitkatafalk bauen könnten. Stürzen die Dämme des hochgelegenen Festlands ein, wird Meer Afrika, Asien, Australien, Amerika, Europa, die Pole und alle Inseln überschwemmen. Das wird vielleicht eine Sensation ungemeinen Grades sein. Die Südseeflecken, Palau und Otaheiti werden wie Monde in dem brausenden Nebel zittern, vielleicht wird eine Stadt, Moskau oder Theben, zehn Meter unter der Oberfläche silbern, die Dschungeln, der Bois de Boulogne und der Lunapark mit dem Hradschin und Pekingzentrum auf Mondregenbögen flackern. Es wird ein gewaltiges Ahnen großer Zusammenhänge des Weltgeschehens da sein. In dieser Verbreiterung, die nicht Chaos ist, sondern nur Überwinden der menschlichen Gebundenheiten, vollzieht sich diese Kunst. Bei Paul Adler sind die letzten Konsequenzen gezogen. Er hat einen archimedischen Punkt außerhalb des Sterns gefunden. Von dort aus setzt er sich die Erinnerung des menschlichen Gestirns neu und besser zusammen. Raum und Zeit hebt er auf und schiebt alle Ebenen ineinander, die sehr sauber und abgestaubt auf der reinlich-bürgerlichen Erde übereinanderstanden. Was früher dämmrig war, ist ihm das Chaos der Gebundenheiten, Verwirrungen und Tierheiten. Daraus entwickelt er aus Räumen mystischer Verwandlungsfähigkeit sich ins Gottsucherische hinan. Samten und goldweich seine Sprache. Unergründlich die glanzvoll gedämpfte Biegung der Bilder. In Graves und Largos ergeht die Zwiesprache mit der Schöpfung und aus paradiesisch umnachtetem Raum singen Steine, reden die Pferde. Keine Verwüstung geschieht hier, nur ein Durcheinanderhäufen, damit das harmoniesuchende Menschliche tiefer steigen und höher gleiten kann.
Das ist ein entzückendes Spiel, das der Geist sich mit dem Kosmos gestattet. Manchmal gelingt es dem einen oder anderen, mit einem Traum wie mit einem Tritt die Erde bei Seite zu schieben, dann sieht er das Aquarium des Geschehens in rätselhafter Schönheit. Es wird nicht ganz gelingen vorderhand, solang der Stern noch so unvollkommen, die Menschen so irregeleitet und die Führer so kleinköpfig sind, die Erde selbst zu ignorieren. Wir anderen sind magisch an sie gebannt, müssen ihre Schmerzen durch Bauch und Herz mitschreien, ihr Weggehen mitwandeln, die Not und das Leid unserer Erdenjahre erdulden, mitleiden und gestalten und unser Durchgemachtes aufbauen zu dem Monument, das, einmal an Schmerzen und Sühnen übergroß geworden, den Weg uns ins Kosmische gestattet. Nicht aus dem Spiel des Geistes kommen wir hinter die Mauer, wo Kometen laufen und Raum und Zeit in schöne Farbdunkeleien eingestürzt sind, sondern vorderhand durch die Streiterei und das Aufunsnehmen der Welt. Wir müssen hindurch uns bohren und können uns nicht, schöne Verantwortungslose, hinübersehnen oder sie bei Seite schieben in einer erstaunten Stunde. Zentaurisch sind wir am Leib der Zeit festgewachsen. Das ist Weg und Ziel der Generationen. Das andere ist ein Spiel von Größe, aber ein Spiel nebenan. Es ist sehr wichtig, weil es uns unerschöpfliche Neuatmungen, Aussichten, Farben, Pollen, Fabeltiere, zeigt und zuträgt. Manchmal sehen wir, die wir uns Tausende von Jahren noch mühen müssen, wichtiger als die anderen, wie Däubler dann, der Genosse der großen Indier und Chinesen, von einem Baum aus Sterne wie Uhren reguliert und überwandert ist von Monden, viel größer geworden wie die Sterne all um ihn, später aufstehend und wie in einem Regen zwischen ihnen urwärts fortwandern.