6. Der neue Roman und Herr Wassermann

Tut Euch nicht dick, Freunde, die Ihr aufs Neue stolz seid. Das war erst der Durchbruch. Noch schleift Ihr die Schenkel Euch ab um den Roman. Nichts ist da, was wie ein Globus kompakt und glasig, wie ein Kuheuter am Belchen voll Saft, kühn wie ein Verführer und voll Zeitdonner und Anklage wie die Stimme Jaurès. Eingänge nach Licht sind geschlagen, die Novelle steht im besten Saft. Noch rauft Ihr um Programme und blökt um Ziele, aber das Querschnittbuch ist noch nicht geschrieben. Weltgefühl ist da, addiert man die Zähler. Es fehlt die Repräsentation. Vous êtes foutus, ein Kropf hängt die Volkstragödie an Euren Hälsen. Wo Ihr bereit steht, endlich mit schönen Netzen den Kosmos einzufangen, fehlt Euch der Tüll, und die Schwünge sind Euch nicht mehr geläufig. Am großen Start versagen Eure Gäule. Noch habt Ihr wie Besessene ums Drumherum zu kämpfen, während Ihr vergeht vor Geilheit, den Geist zu fassen. Nie hatten Eure Vorfahren Zeit. Schließlich braucht’s fünf oder sieben Generationen, bis eine Volksart nationalen Ausdruck findet. Wir wurden nach zweien jeweils von den Nachbarn wegen Ungeheuerlichkeiten erledigt oder schlugen uns nach dreien heulend, lachend selbst die Schädel ein. Als Ihr von den Terrassen Eurer Träume herunterkamt, den neuen Menschheitstag zu grüßen und empfangen, waren die Stufen zerschlagen und die Röte über den Seen kam durch den verwilderten Park nicht herauf. Eure Soldaten rühmten sich, mit Faust und Bibel im Tornister zum Krieg gezogen zu sein, welches Durcheinander, was hat beides miteinander zu tun und welche Dreistigkeit mischt hier Gott mit den Verdammten? Seht Ihr Euch um, ist Wahnsinn um einige Pyramiden gesammelt. Zwischen Balzac und Dostojewsky ist am Rhein nichts übriggeblieben. Kein deutscher Roman mischt Euer Blut mit europäischen Säften. Ihr habt da und dort ein paar Bücher (Döblins „Drei Sprünge“, Heinrich Manns „Kleine Stadt“, Hauptmanns „Quint“). Nationalistische Hybris will Euren Volksnamen degradieren, und, heulen sie deutsch, meinen sie Blöm und Herzog. Noch ist nicht ganz vergessen, wie sie im Vorzimmer des speisenden Kaisers mit Ganghofer die traurigen Siegesmärsche den kämpfenden Armeen zugetrieben. Deutsch heißt nicht annexionistisch, hat mit Talmud und Kalewala mehr zu tun als mit Generalkommando-Lyrik. Ausgleich muß einmal endlich stattfinden zwischen Eurem Charakter rein menschlichen Gefühls und dem Weltgeist, Zwiesprache zwischen Leid deutscher Kreatur und Demiurg. Das ist das einzige Alphabet göttlicher Dichtung, und nur, ob es sanfter oder wilder erschallt, ist ein Zeichen, ob’s serbische oder malayische Menschheit singt. Noch sind wir daran, Europa zu nivellieren. Man hört die russische Stimme, Dostojewskys in sich selbst verzehrte, Tankschlachten in den Nerven ausspielende, ungeheuer nach erlösendem Oben sich drängende Demut. Seine Landsleute kommen weiter in die Seele hinein, indem sie sich opfern, und die Thermopylen ihres Geistes beginnen stärker als die hellenischen Überlieferungen die Jugend zu ergreifen. Bei France und Flaubert kommt aus der souveränen Skepsis die Engelsehnsucht untadelig und elegant in der heiligen Prozessuale. Selbst die kleinsten Völker scheinen mit Schallrohren sich anzukündigen. Schweden mit Belman voran. Am Ende des Zugs für das allerkleinste mit Munch der Norweger Hamsun, neben Gorki und France der beste Mann Europas. Die deutsche volle Stimme ist nicht in dem Orchester. Einige untadelige Geister bemühen sich um Gehör, aber es scheint, sie schweben im Raum. Keiner ist da, aus dem wie aus einem apokalyptischen Maule die Musik eines Volkes bräche und stürze, und wo das deutsche Temperament, jene Mischung aus Güte, Barbarei und Hochmut, sich schrankenlos auflöste in die Einheit des Kosmos, dem sie diente und der Zeit, die sie schallend und freundlich einfügte ins Orgelgerippe ihrer Brust.

Man hat eh’ Ihr in die Flammenwerfer geworfen wurdet, Thomas Mann Euch vorexerziert als Wahrzeichen anständigen und deutschen Gefühls. Ach, aus seiner Welt, die er vornehm baute, kam keine Erneuerung. Nach wenigen Monaten, als die Katastrophenfeuer am magischen Horizont blitzten, rückte er ab wie die Gesellschaft, die er dichterisch vertrat. Es schwindelte ihnen vor soviel neuer Grelle. Heinrich Mann, den sie Franzosen schalten, trat in einen Kreis, der sich ums deutsche Spektrum nicht mehr stritt, sondern weitläufigere Sorgen hatte. Ihr verlort damals auch Dehmel, den bewunderten Streiter von früher. Der Süddeutsche Wassermann zeigte in einem Kartenspiel historischer Gestalten, was er für deutsch hielt (Charaktere), und stellte das meiste auf jenen preußischen Drilltyp, der, mit einem Funken Geist, damals Deutsches verkörperte. Narren machen Euch aus Temperamentsfarbigkeiten ein bürgerliches Bild des Nationalcharakters. Winkt ab. Gingen die Erbauer der Dome nicht nach Frankreich und lernten fromm wie Schüler, und ist die Gotik nicht steil wie die höchste sonntägliche Inbrunst Eurer heidnisch großen Herzen? Auch Franz Marc ist deutsch wie die Idillischkeit Eurer See, auch wenn seine Seele dorther kommt, wo aus byzantinischen Sprüchen und asiatischen Legenden Eure deutschen Märchen stammen. Ihr seid Söhne der Erde, die Asien, das Euch einmal austrieb, besonders liebte, und Europa ist so nahe und klein, daß in dem schmalen germanischen Herzstück ein weiter Ton gefunden werden müßte, der Euch mit großen Traditionen vereinigt. Der Stern, den Ihr bewohnt, hat sich lebhaft gedreht. Ihr seid mitgezuckt und habt durch den Spalt gesehen. Die früheren Generationen fanden nichts, den dreihörnigen Stier zu fassen. Vor Euch aber hat sich die Sperrkette gesenkt, und manchmal erreicht Euer Blick die Formen des neuen Paradieses. Schaut rückwärts, klagt an! Schaut vorwärts und preist und stachelt nach dieser Richtung! Es kommt nicht an auf Geschwätz, die Richtung ist eindeutig, die Anspannung ist nur noch vonnöten, der heroische Angriff, Impetus zum Heulen schön und zum Zerplatzen gewaltig. Endlich sind die Barrikaden gelüftet, die Dezennien vor den Freiheitsstraßen lagen. Schaut der deutsche Mensch nun lange über so weit ins uferlos Neue wogende Chausseen, wird er beruhigter und klarer an deutsche Seelenaufgaben denken. Atmet er eine Zeitlang in die Welt statt in Divisionsverbände, spricht er in ein Publikum von Europäern statt Generälen und Standeskonventikeln, wird er aus dem Hin und Wider auch seine deutsche Sehnsuchtsstellung zur Ewigkeit und der Erde erhalten. Was seither bedrängte, fiel ab. Man hat plötzlich den verantwortungsvollen Blick Europas auf Euch gerichtet.

Tut Euch nicht dick. Noch schleift Ihr Euch die Schenkel um den Roman. Das muß ein Grundstock werden mit Sperma wie keiner. Was Ihr in der Weltachse jetzt einsetzt, ist Beginn. Packt Ihr’s, ist es eine triumphale Sache, mißglückt es, wart Ihr am Werk, immerhin. Es kommt darauf an, daß Männer und Kräfte da sind, die alles wie immer entscheiden, wo das Gute daneben steht. Nichts fehlt von Belang. Ihr habt die Begeisterung, die Mühe ums Handwerk, das Thema ist Euch gelegt, hinter denen eine Welt zurückkracht, vor denen eine neue urwaldsüß sich breitet. Als die Schweden in Polen einen italienischen Helm eroberten, war das ganze Weltgeschehen in ihn hineingeschrieben, und mancher Abbate hat malend die Kirchenfenster und Portale des frommen Mittelalters damit geschmückt. Malt die neue Welt hämmernd, meißelnd in die Herzen, eine Aufgabe, so Lobes und Kühnheit wert und gierig, wie selten eine von der Zeit gebotene. Es ist viel Neugier auf Euch da, und was noch nicht so weit im Vordergrund steht, wartet wie auf den Rängen, daß der Vorhang aufgeht und die krachenden Evolutionen sich vollziehen, auf denen Ihr in die parnassische Höhe mit massiven Ergriffenheiten schreitet.

Einer hat seine Hand über Euch weggestreckt, und einer der wenigen, die vor Eurer Zeit um großes Romanwerk sich bemühten, einer der vier oder fünf, hat vor Euch eine Trompete geblasen: Wassermann. Was er seither geleistet, ist großer Aufwand. Er besitzt, was bei Euch unerprobt noch, das Können, den Griff, den Griff. Zwar stammt seine Form aus impressionistischen Gefühlslagen, sein Gemälde aus einer Tradition, die beschaulich und malend das Erlebnis bewältigte. Doch war sein Geist immer auf Weites aus, zwar bürgerlich oft in Konflikten und Breiten. Doch nie ohne Lust nach Größe. Manchmal kam er herauf und schaukelte über seiner üblen Zeit. Man muß sehr genau horchen, wenn dieses Können nun Eure Themen und enthusiastischen Probleme bewältigen will, denn es ist der Verdacht, daß, wenn die Hände schon jenseits des Flusses an neuen Architekturen klug und geschickt formen, der Geist noch diesseits des Wassers ruhet und Larven sucht, um sich die Augen zu maskieren.

Hat dieser den Ehrgeiz, das Zeitbuch zu schreiben, muß es zwei Bogen haben. Der erste zeigt das Seither, das Leben, an dem er jahrelang schon malte, die Gesellschaft, das stolze und farbige Spiegeln der kapitalistischen Epoche. Das zweite muß geben was folgt, das Nachher, die neue Zeit. Das erste muß den Zusammenbruch schildern, unerbittlich sein, das Gehetz aufbrechen und das Geglänz. Der zweite muß den Schwung haben, die Forderung, den Schrei ans Schicksal. Der zweite muß die Vollendung sein, muß den Menschen zum Paradies hinentwickeln, auch in der Zeithölle das Unfehlbare, Göttliche weisen. Sonst ist das ganze Ethos Humbug. Sonst ist das Ganze Schwindel, ein Nichts. Sonst bleibt das Ganze ein kühner Ingenieurkniff, eine Brücke über Festland geschlagen, zwecklos, ein Marnesieg. Ein verantwortungsloses Kunststück. Hohl, verfehlt, verworfen eben des großen Ausmaßes halber, das es plant. Da hilft kein Können, kein Sprachglanz, kein Mal-Virtuosentum, kein Wortplätschern. Steht einer da vor dem Abgrund und schildert, während die anderen einsacken, Herrlichkeit der Blitzzüge und Luxusdampfer, ist er ein Phantast, vielleicht ein Schwätzer, aber kein Verantwortungsvoller, kein Helfer. Darauf kommt es allein an. Talent ist Vorbedingung, guter Wille selbstverständlich. Alles andere ist verbrecherisch. Wassermann macht tatsächlich den großen und staunenswert kühnen Versuch, den umfassenden deutschen Zeit-Roman zu schreiben. Er unterliegt völlig.

Es soll die große Welt zuerst gegeben werden. Der Aufwand ist bedeutend. Zwanzig, vierzig Menschen, ebensoviel Schicksale gleiten durcheinander. Das Technische ist vorzüglich, die Kuppelungen, die Konstruktion außerordentlich, die Linien gebrochen, weitergeführt, in langen Atmungen hingestreckt. Jede Vorbedingung die des großen Künstlers. Das Ausmaß ist Dostojewsky. Der Gehalt: Belletristik. Der Russe stürzt in solch weit abgestecktes Terrain ein mit einer Psychologie, die wild wie ein Tier, explosiv, aus dem Chaos unzähmbarer Kraft der russischen Seele nicht nach außen, sondern nach innen sich zerfetzt. Wassermann hat keine elementare Bindung in den Boden hinein. Er hat Gemischtes, Jüdisches, Deutsches, Österreichisches, Ästhetisches, also viel Vorbereitung für eine Kunst schöner Spiegelungen und idealer Seelenzerlegung, aber nicht das heisere, rauhe Seelenhurra der Naturkraft. Er hat Hirn, und zwar mehr als Blut. Das ist schon eine Inkonsequenz im schöpferischen Menschen. Er hat geschickte Hand, geniale Konstruktion, die wechselnden Schicksale laufen wie Springnummern des Automaten — aber er hat nicht Dynamik, die unabwendbare Schicksale schleudert. So wird sein erster Romanteil Konstatierung und lediglich Schilderung, und es mag wahr sein, daß keiner das Jahrzehnt vor den Kriegen so groß und elegant, in solchem Fresko und mit solcher Leidenschaftlichkeit gemalt hat. Damals lebte man wohl, um zu reisen, schlief lange, um gut zu dinieren, nahm Kunst wie Parfüm, Politik wie Poker, lebte einsam, unbeteiligt an der Menschheit. Unendlich einsam im Reichtum und abgeschlossen durch Genuß. Ahnte vielleicht, die Nase zuhaltend, den Vulkan unter sich am üblen Geruch aus dem Inneren der Dampfer, aber übertäubte das Grollen der sozialen Welle, die Weltwende bedeutete, indem man sie ignorierte. Wurde vielleicht im besten Falle hypnotisch angezogen, ging hin und sah es, stieg vielleicht hinunter. Aber was war das? Mischung aus Sensation und Magie des Schicksals. Neugier und Blutdünne. Weiter nichts. Aber Thema und Ergebnis des Wassermannschen Romans.

Dies alles Zeug, was da lebt, genießt und glücklich ist, soll ein Querschnitt sein, aber nur Vorbereitung für das Kommende. Jedoch, es wird wohl gegen die Konstruktion, aber nicht gegen das Herz des Autors Hauptsache. Da steht mit Kainz und Saharet und Heymel und vielen lebenden, nur wenig cachierten Typen die vorkriegerische Welt jener etwas fauligen Gesellschaft, die Geld und Stellung und gepflegtes Fleisch bis zu einer Sterilität und äußerlich raffinierten Kultur gebracht hat, die beim ersten Ruck zusammenflog. Da stehen wundervolle, von großer Künstlerschaft zeugende Kapitel. Doch nicht jener Sproß des Reichtums, der sich umwendet und in die andere Welt der stinkenden Löcher geht, wie es die Lineatur des Romans verlangt, entwickelt sich hier, spielt hier Flöte und Klavier seines Schicksalsmarsches. Was gekonnt und vollendet ist, ist das eigentlich Nebensächliche, ist die große Tänzerin, ist der Gourmet Crammon. Das ist mit Liebe und mit oft klassischer Zartheit gemalt. Aber wo sind die Ergebnisse? Angedeutet vielleicht, ein Wind wird wohl gehört, der Laternen dieses Festes ausbläst. Aber wo bleibt die Verantwortung, wo der Dichter, der anklagt? Nichts. Nur im einzelnen, bei diesem, bei jenem, wird eine Folgerung gezogen. Im Großen versagt das alles, hat keinen typischen Wert. Hier liegt schon die Tragik. Das Weltbild versagt. Das Ziel kann nicht werden, da der Dichter verstrickt ist. Es kann sein, daß irgendeiner, der diese Welt haßt, ihre Weiber, ihre Genüsse aber bis zum Exzeß liebt und braucht, menschlich vielleicht zu schwach ist, zu entsagen, aber darunter leidet und in der Sache und in der Wahrheit seine Anklage darum um so heftiger schleudert. Aber wem diese Welt so maßlos imponiert, wer so innerlich fasziniert ist von ihr wie Wassermann, kommt nicht frei. Der zieht keine Schlüsse. Der kommt nicht zu Summen. Der macht keinen Strich. Der hat in keiner Weise jene Radikalität der Wahrheit, die künstlerisch allein Wertvolles hinsetzt. Der malt und zeichnet immer noch auf der Oberfläche, während in der Tiefe die Entwicklung sich schon vollzog. Das ist aber ohne Bedeutung. Die Zeit schildert nur der, welcher aus dem Alten das Neue herausentwickelt. Wir haben keine Lust, zuzuhören, wenn um eine Sache herumgeredet wird. Es fehlt uns die Geduld zu Umwegen ohne Ergebnis. Das Motto ist nicht: ich weiß — sondern: ich kreuzige mich. Die Fahne weht nicht: ich komme dahin — sondern: ich erkenne, erreiche oder gehe ein. Alles andere ist mißverstanden, wird überhört oder verflucht.

Dieser Held, der aus der schrankenlosen Fülle kommt, marschiert wohl auch in die Armut. Er geht in sie hinunter wie in einen Stollen. Er hält sich in ihr auf. Er befindet sich in ihr. Sein Zustand ist in ihr. Weiter kann man es nicht ausdrücken. Er ist so steril, daß er einfach hingeht. Genau wie er am Ende aus ihr herausgehen, sich aus ihr entfernen, sie verlassen könnte. Es wäre weiter nichts Erregendes. Es wäre eine Veränderung. Man flöge vielleicht bis dahin auf den großen Bären oder entdeckte ein Fischvolk unter Ceylon. Größer ist die seelische Temperatur beim Überschreiten des sozialen Äquators wirklich nicht bei ihm. Er tut das seiner Kaste Unerhörteste mit einem kindlichen Mißverstehen jedes sozialen Instinkts. Er kommt nicht unter Zuchthäusler, Huren, Verbrecher aus dem luziferischen Sturz her, sondern auf Grund einer Hypnose, einer Konstruktion. Er hält sich unter ihnen nur passiv auf. Er hat eine scheinbar sehr mystische Kraft, daß sich (groß angelegt, aber schlecht entwickelt) Übeltuende zum Guten entwickeln. Aber genügt das? Wo ist das Seelenfazit? Sammelt er die Elenden, schart sie um sich, klagt ihnen die Anklage vor gegen die Gesellschaft, organisiert er sie? Er lächelt. Er lebt unter ihnen. Aber das ist nur ein Affront gegen seines Vaters Millionen. Lange noch keine Tat. Knirscht er, leidet er unter dem Elend der Menschen? Er ist nicht ohne Güte, aber das kann auch bis zur Blüte kultivierter gesellschaftlicher Anstand sein. Das Ganze ist unsicher, unerlösend, ohne Absicht, ohne Bestimmung, ohne Ziel.

So steht auch die Form in Schwankung. Manche Partien sind expressionistisch, rattern herunter, schmeißen das Psychologische heraus. Verstehen aber nicht, im Gedrängten das Seelische elementar zu heben, sondern müssen das ausgestoßene Psychologische in langen Psychologieblasen wiederbringen. Manchmal geht es dann statt ins Übersinnliche ins Medizinische; Wissenschaft und Hysterie stellen sich, als ginge es nun an Gottes Vaterbrust. So kommt man aber nicht hin. Und dann hat der an Glanz und elegante Kurvenführung gewöhnte Stil gar kein Organ für die Kaschemme. Stilisiert geht es nicht. In unheilvoller Instinktlosigkeit wird es naturalistisch versucht. Das wird dann komisch, denn das wird toll Literatur, und diese Gespräche zwischen Lustmörder und Held sind in ihrer monumental gedachten Dialektfresserei, ihrem naturalistischen Geschwafel genau so verlogen und unecht wie die Tiraden der Profilromantiker. Für solche Dinge hat Wassermann gar kein Gefühl. Elend ist es noch lange nicht, wenn eine Hure berlinisch redet, oder wenn der Held das kostbarste Perlenband (das seiner Mutter) der Luetikerin, mit der er platonisch lebt, in den Schoß gibt. Elend ist das zitternde, nackte Leben, das nach oben will, wo Gerechtigkeit aufsteht und das Leidende anspannt, daß es groß wird in dieser Dehnung. Elend ist nicht eine Malerei von Dreck. So ist das Ganze: verfehlt, falsch gesehen, vorbeiverstanden, unerlöst. Dies alles spricht gegen die Einordnung dieses Versuchs in den Rang des Ziels, das es anstrebt. Lediglich dagegen. Man soll nicht verblendet sein und das Nichterfülltsein auf das Können des Autors zurückfallen lassen. Wer viel riskiert, setzt andere Maße voraus, höheres Gericht als dieser und jener Miesnick, der sein kleines Thema wacker herunterspielt.

Als Könner ist Wassermann einer der ersten Autoren der Zeit. Auf drei Seiten des Buchs gibt er oft mehr an grader Schönheit, da, wo er kontemplatorisch wird, ein Einzelschicksal wendet, meist mehr wie andre, die an sicherer Stelle segeln, im ganzen Werk. Auch der problematische Torso des „Christian Wahnschaffe“ verdient jeden, der ihm naht. Die blühende Fülle der Figuren gibt ihm Niveau von selten erreichter Breite.

Wir sind konsequent und wollen das Loyale. Im Schätzen und Anerkennen liegt aber nicht die letzte Liebe. Das Maul der Zeit ist grausam, und das Gewissen der weichenden Minute hat Gorgonisches im Ausdruck. Die Umkehrung wird symbolisch. Vor den Forderungen dieser Jahre bricht der Kern zusammen: es ist zu wenig. Mit diesen Sätzen, solchem Bau erreicht er nicht das obere Gerüst. Gespanntere Schenkel, wildere Kehlen erstürmen nur die Höhen des neuen Tons. Der Dichter bleibt geschätzt und ihm jeder Respekt. Aber die Hand soll drüben bleiben und den Vorhang nicht aufzureißen suchen, der sich eines Tages weit aufschlägt aus eigenem Schwung. Die Hand soll jene Epoche weiter malen, in der ihre Triumphe und Süßigkeiten liegen. Denn schöpferische Stärke ist gebannt an ihren mystischen Untergrund und gehorcht nicht wie Pferd und Autorad dem Hirn und der Klugheit. Von jener Insel, die schon hinter uns liegt und schwankt, wird kein neues Weltbild geschaut und geformt.

Erreicht Ihr es nicht, Freunde, fehlte Euch Kraft und Fülle, aber nicht die Berufung. Eure Torsos werden aber dann heller und reiner vom Geist heraus marmorn strahlen. Irgendwie wird der Boden, auf dem sie stehen, ihnen huldvoll und gnädig sein.