8. Deutscher Casanova

Sein Werk liegt als Wrack auf dem Grund. Es wird gehoben. Seine Bedeutung ist glatt vergessen. Sie wird geweckt. Es ist sehr an der Zeit geworden. Er hieß Friederich und nannte sich Fröhlich. Er ist sich der Ironie nicht bewußt geworden.

Goethes Verwandtschaft, der Schatten des Luftschiffers Blanehard, die nahe Erinnerung Voltaires scharen sich um seine Taufe. Die Totalität ist erreicht. Die Gruppierung wird symbolisch: Größe, Schweifen, intellektuelle Geschäftigkeit machen sein Leben aus. Seine Memoiren sind für die Deutschen ein großes Ding, die arm sind an Kerlen und Erscheinungen jener weltmännischen Kühnheit, die durch Absturz und Zurückfallen nie das Trommeln des Herzens und die Schönheit der großen Welt vergessen. Er beginnt seine Tagebücher mit einem spöttischen Fresco der Frankfurter Bürgerschaft. Ähnlich endet es. Dazwischen schweifen seine Gefühle um jeden kosmischen Pol. Eine tierhaft schöne Seelenbewegung spiegelt sich, keine Konfession. Er kann nicht mehr geben, als die Zeit, die ihn trägt, ihm verleiht, und das mindeste ist immerhin doch zum wenigsten, Träger gewesen zu sein einer europäischen Idee, die Napoleon zwar mit Kanonen aber nicht ohne seelische Größe betrieb. Heut stehen organisierte Massen und Sklaven schon hinter dem Gedanken aufmarschiert. Durch ein Jahrhundert der Verkautzung blitzt ein Bild, das zwar auf Genuß ging und lebte und stritt und Welt mit Leidenschaft umspannte, mit einer Inbrunst und Hingabe, die erst große Ziele geheiligt hätten, das aber die ungeheure Bedeutung besitzt, dagewesen zu sein. Nichts gilt mehr als das. Zwischen all dem kommt ein Leben, sehr gekurvt, wie ein Ball geschleudert. Keine Zone des Abenteuerlichen bleibt entfernt, denn keine Fläche und Erhebung, an der er unbewußt sich nicht beweist. Da rollt sein Dasein dahin, er sucht ihm keinen Sinn zu geben. Es vollendet den Sinn aus sich selbst.

Es gibt für alles dieser Art nur einen Maßstab: Casanova. Der ist die weitestgespannte Leistung. Er ist Maß für Geist, Politik und Frauen. Er ist Maß für Höhe und Tiefe, universal in Geschehnis, Wissen und Gefühl. Nicht daß andere nicht besser, dringlicher, im einzelnen stärker wären. Die Welt als Ganzes hat niemand so mit Persönlichkeit umfaßt wie er. Was sonst in unseren Zeitläufen an Memoiren erscheint, ist politisch, erotisch, kitschig, konfessionell. Es ist nicht universell.

Dieser Bursche aus der Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert aber erinnert stark an Casanova, denn er hat einen ungeheuren Drang nach der Welt der Bedeutung, der Frauen und auch des Geistigen. Zwar ist er nicht so breit, härter, herber und wohl auch bürgerlicher als der Venetianer, der seine Italienischkeit dauernd zu gallizieren suchte. Auch ist er weniger launenhaft und weniger literarisch als der Deutsche Pückler.

Es ist nicht allein die schrankenlose Bekenntnishaftigkeit, nicht das völlige Fehlen bürgerlicher Scham und ihr Ersatz durch rücksichtslose Persönlichkeit, es ist nicht allein die bestürzende Fülle von Welt, Tat und Größe, auch nicht die offengelegte Kultur der Zeit, die seinen Memoiren ihren höchsten Reiz geben. Es ist vielmehr die allen guten Bekenntnisbüchern bei größter Subjektivität trotzdem eigene Bedeutung des Sekundären. Es drängt sich nicht Psychologie in jede Falte der Erzählung. Es ist nicht alles Entwicklung aus den Nerven. Die Dinge, die Sätze entstehen elementar. Es ist ein stetes Geschiebe von Oberflächen, die heftiger wirken als sublime Vertiefungsversuche. Die große Persönlichkeit des Autors erhält dadurch Kühle und Distanz.

Es wird einfach alles hingesagt, gleichgültig, was es sei. Menschen kommen, verlieren sich, sterben, Man sagt es. Dinge geschehen und wirken tödlich. Man sagt es. Man sagt es wie das Herrlichste, Furchtbarste, Intimste. Darin steht noch einmal die Unpersönlichkeit, das Registrierende, das Uninteressierte des Rokoko gegen das Schicksal auf. Die Menschen unterstehen alle noch dem Ungefähr. Sie stehen noch im Kampf mit dem Elementaren. Was wir nur noch kennen durch den kleinen Ausschnitt der Zeitungsnotizen, was sich verringert hat auf die Unfälle des städtischen Verkehrs, braust hier täglich als dumpfes Ereignis herein. Jedermann nimmt es als Schicksal. Flüsse werden überschritten, Menschen ertrinken dabei, man rechnet damit. Menschen treten auf, an deren Laune tausend Leben hängen und die der Laune nachgehen, wann es ihnen beliebt. Morde und Entführungen sind alltäglich. Bagnosklaven rudern die Schiffe, Kugeln fallen und pfeifen. Blitze schlagen in die Mündungen der Gewehre. Überall stürmt das Leben heran mit seinen primären Äußerungen.

Und doch ist hier schon ein Wendepunkt der Zeit. Doch beginnt hier ein Ineinanderwachsen von zwei Welten. Es gibt heute noch eine wüste Seefahrt. Hunderte Menschen liegen seekrank gedrängt in engstem Raume. Die Menschen sterben in Scharen. Man wirft sie den Haien hinaus, die sie fressen. Die Matrosen aber fangen die Haie und speisen sie mit Wonne. Morgen aber ist alles schon Kultur. Theater, Seide, Geist, Parfüme wirken. Die Revolution ist schon vorüber. Noch klafft ein scharfer Riß zwischen alter Welt und neuer Welt der Organisation. Doch langsam entwickelt sich die Welt nach vorn.

In einem Frankfurter Familienhaus wird er geboren. Um 1789. In Frankfurt wird gut gespeist, gut getrunken. Das Gewoge einer Kaiserkrönung leuchtet noch einmal durch die Stadt. Seine Jugend überflutet bald Deutsches, bald Französisches. Er wächst heran, im kindlichen Herzen schon Zorn und Fehde gegen das Bürgerliche. Er kommt zur Erziehung nach Homburg. Sofort beginnt er nach Erlebnis zu suchen. Sie hetzen Säue in den Schloßgarten, werden verhaftet, schneiden der Wache die Zöpfe ab. Homburg loht vor Empörung. Nun kommt er nach Offenbach. Diese Stadt ist damals eine beliebte Niederlassung von Mystik. Ein Polenfürst und Heiliger lebt dort mit einer Sekte. Er reitet nur mit großer Leibwache aus. Tausend Magnaten aus Böhmen, Lausitz, Polen und Mähren kommen bei seinem Tode und füllen die Stadt mit Geschrei. Fröhlich eröffnet ein Liebhabertheater. Bettina Brentano ist dabei. Große Sensationen reißen ihn mit, er rückt aus nach Mainz, um die Hinrichtung des Schinderhannes zu sehen.

Hier zeigen sich schon deutlich zwei Pole seines Wesens: Theater und Frau. Man kann sagen, daß er ein unterdrückter Schauspieler gewesen sei. Als er es werden wollte, widersetzt sich die Familie, die Landgräfin in Homburg sperrt ihm die guten Häuser, denn Schauspieler werden hieß etwas sehr Gemeines sein. Fröhlich versucht es mit Gewalt, reißt aus und fährt zu Goethe nach Weimar. Zwar ist Schiller sehr freundlich, kann aber ohne Goethe nichts tun. Der aber empfängt Fröhlich steif. Frau von Staël steht neben ihm. Goethe weiß dem Jungen nichts zu sagen, schreibt aber sofort an Frau Rat, Frau Rat geht zu seiner Mutter und die Familie läßt den Ausreißer arrestieren.

In dem Knaben brennt die Lust nach Frauen. Der Knabe hat schon drei Geliebte. „Don Juan“, die „Liaisons“ und der „Faust“ sind ihm Lektüre und Inspiration. Ihm wird nun alles Weg zur Frau. Darum zog ihn auch das Theater. Alles, was er künftig nun tut, hat alle Rückwirkung, alle Bedeutung, allen letzten Sinn nur in der Richtung auf die Frau. Das Feminine wächst als Zentrum in sein Gehirn. Sein Leben gruppiert sich darum. Die Welt kristallisiert sich ihm mit allen Offenbarungen in die Frau. Wertlos ist ihm, was nicht dahin zielt. So ergibt sich für sein Leben Linie und Bestimmung. Darum wird er Offizier. Ihn lockt nicht dies Handwerk, dieser Beruf. Ihn reizt das Sekundäre. Die maßlose Weite der Welt mit allen Möglichkeiten und Ahnungen schließt sich darin für ihn auf. Als man ihm Hessen-Kasselsche Dienste offeriert, lacht er über die Parade-Zopfsoldaten. Er geht nach Mainz in französischen Dienst. Hier schlägt das Leben schon lebhaft. Er empfindet und philosophiert über den Gegensatz zwischen der leichten Lebensart dieser Stadt und der kalten Spießigkeit der Frankfurter Prozentgesichter. Er kommt in Berührung mit dem Französischen, das allen seinen Sehnsüchten entgegenkommt und ihn hebt, ihn aber mit einer so freien Lebensform belastet, daß ihm andere Milieus unerträglich werden müssen. Zuerst war sein Liebesempfinden bei allem Genuß keusch. Nun wird früh sein Urteil über Frauen bestimmter. Er sucht in der Liebe den Geist. Dirnen verachtet er. Hier ist er enger als Casanova, der in dem unscheinbarsten Mädchen die Welt sich offenbaren fühlte, der das Leben empfand im unbedeutendsten Femininen, weil das Weibliche ihm noch ungeheuerer als Fröhlich letzter Sinn und Mittelpunkt der Welt geworden war. Aber er hat mit Casanova gemein das Trösten über die Frau bei der Frau. Eine Trauer, die zur Vereinsamung führen müßte, treibt sie zu anderen Frauen, und diese saugen sofort den Schmerz ein.

Hier ist er sechzehn Jahre alt.

Man gibt ihm sechzig Soldaten. Deserteure, Russen, Verbrecher. Er führt sie in tollem Zug in Garnison nach Toul. Dort entwickelt sich ein Garnisonleben mit Liebe, Kaffeenächten, Duellen und Komödie. Das Milieu ist Gesellschaft und Militär, beides unsicherer Boden, von Frauenintrigen durchkreuzt. Die Männer haben alle eine Vergangenheit und pendeln zwischen Uniform und Galeere. Dann zieht er nach Avignon. Petrarcas Name deckt zahlreiche Amouren. In Tarascon liefern sie den Bürgern eine Schlacht und kommen in Garnison nach Montpellier. Fröhlich kommt in die Stadt und denkt: Frauen. Er läßt den ersten Friseur kommen, gibt ihm Gold und fragt ihn aus. Er beginnt schon mit Methode. Er lernt den Wert des Geldes kennen als Bahnbrecher zur Erlangung von Macht. Er schildert das Bagno, eine Menagerie angeketteter Verbrecher, Bischöfe, Generäle und Dichter. Dann fährt er zu den Besatzungstruppen nach Genua.

Seine Empfindung ist künstlerisch. Doch ist dies nicht wegen der Kunst als solcher, als abstrakten Genusses, so. Auch hier zielt er nach der Frau. Künstlerisches hat ihm nur Wert in Beziehung auf Empfindung und Leben. Leben heißt ihm aber: Frau. Bilder liebt er nicht. Natur, die er gut schildert, ist ihm letzten Endes gleichgültig. Er schaut sie als Hintergrund des Erlebnisses, als großen Rahmen des Abenteuers. Besucht er in neuen Städten Museen, alte Viertel, Kirchen, tut er es nur, vielleicht unbewußt, in dem Trieb, in dieser Atmosphäre der gesteigerten und erregten Menschlichkeit Weiber zu finden. Als er Canova kennen lernt, mißfällt ihm dessen monumentaler Napoleon. Aber die Figur einer Nymphe reißt ihn in alle Himmel. Durch die Frau kommt er zur Musik. Hier findet er unerschöpfliche Mittel, zurückzuwirken. Er bildet sich aus, singt, lernt Instrumente, komponiert und gibt Märsche heraus, mit denen die Garde später ins Feuer marschiert. Sein großer Trumpf ist Mozart. Überall holt er die Noten heraus und singt und die Frauen ergeben sich. Er macht Mozart zur Mode in Italien.

Aber er lernt auch sofort Italienisch. Es ist eine neue Waffe zum Triumph. Damit dringt er in das italienische Leben ein. Er kommt in die Gesellschaft, das Leben weitet sich vor ihm. Die kulturellen und sozialen Verhältnisse des Landes durcheilt er in äußerst reizvoller Schilderung. Er hat wunderbare Gaben, sich in fremde Milieus hineinzufinden. Er verkehrt bei den Doria und Spinola. Die Welt nächtlicher und mondbeschienener Polichinell- und Pierrot-Tragödien eröffnet sich. Die Damen flüstern: der französische Offizier, der den „Don Juan“ singt . . . Mit einer glänzenden und komplizierten Faschingsintrige erobert er eine große Frau, die Marchesa P. Und trotzdem diese Handlung ihn dem Tod aussetzt, trotzdem er seinen ganzen Willen, seine volle Erlebnisfähigkeit darauf gerade richtet, hat er dennoch andere Frauen nebenher.

Zum Abschied schenkt ihm die Marchesa einen Rubin. Morgens um sechs knattern die Trommeln. Sie ziehen weiter. Wasserleitungen, Mauern und Galgen bereiten Rom vor. Sie durchziehen Italien bis Neapel. Neapel wird ihm das Dorado der großen Welt. Die Eleganz des Lebens und der Theater ist fabelhaft. Die Mißstände der Regierung aber sind schlimm, da sie von schlechten Pariser Subjekten geführt wird. Der König Joseph verläßt sich auf die Minister, diese machen alle Mißgriffe der Organisation. Das Land gärt. Es gibt blutige Aufstände in Kalabrien. Die Engländer landen Truppen, die Franzosen erhalten eine Niederlage. Das Land loht ganz auf. Da siegen die Franzosen. Die Engländer schiffen sich ein und überlassen das Land seinem Schicksal. Die Weltgeschichte wiederholt sich Schlag um Schlag. Fröhlich macht bei dem ersten Rückzug einen Aufsehen erregenden Durchbruch mit wenig Leuten durch die Franktireurlandschaft. Er kämpft tollkühn, wie ein Löwe, und ganz kühl. Auf einer gewagten Streife fängt er einen falschen Fra Diavolo. Der echte wird später gefangen. In unzähligen Momenten offenbart sich in diesen Partien Einzelschicksal tragisch und elementar.

Fröhlich liebt den Krieg. Seine Phantasie fliegt dem Abenteuerlichen, dessen ewige Inkarnation die Frau ist, zu. Schlacht, Blut, unstetes Streifen sind Stationen, sind Wege zu ihr. Ruhm ist ein Glanz für die Frau. Keinen liebt sie mehr, als den, den sie in Gefahr weiß. Dies kennt er all. Rinaldo, Schinderhannes, Fra Diavolo — er bewundert sie, denn er sieht hinter ihren Taten den Eindruck auf die weibliche Psyche. Deshalb bekämpft er sie, um als ihr Besieger noch strahlender zu sein. Er ist ihnen innerlich näher als irgend einer. Er bekämpft sie. Aber aus Ruhm und nicht aus Moral.

In Rom führt er sich ein mit Musik. Seine Kehle ist geschult durch den großen Kastraten Matuccio. Dort besucht er auch Angelika Kaufmann. Sie unterhält sich mit ihm über Malerei. Sie drängt vom Körperlichen weg ins Geistige, ganz allgemein. Das mißfällt ihm, denn seine Tour ist das Gegenteil. Malerei allein langweilt ihn. Darum besucht er sie nicht mehr. In Rom formt er sich ganz an der ersten Gesellschaft. Das Frankfurtische verschwindet. Hier kommt ihm dann sein größtes Erlebnis: die Liebe einer Fürstin, die einzige, die groß scheint und auch ein gewisses Nachklingen in sein Leben hineinwirft. Er durchkostet es mit höchster Glut. Wie die Maler alter und beschaulicher Zeit liebt er die Kontraste. Er verliert sich mit ihr in den Katakomben und genießt ihren ersten Kuß, den Tod schon im Gefühl. Das steigert die Süßigkeit unendlich. Doch sie werden gerettet.

In einer Laune prügelt er gelegentlich einen Bischof. Es folgt die Strafversetzung nach Genua. Bald ist er wieder nach Rom zurück. Sein Empfinden in der Liebe verfeinert sich immer stärker, er nuanciert nach Städten, entwickelt das Geistige aus der Hautfarbe und gibt eine Psychologie der Frau nach Städten. Manchmal, besonders später, doziert er über die Liebe, gibt Lehren wie Casanova. Und zwar sind dies Lehren nicht gegen die Moral, sondern für sie. Er lehrt nicht das Verführen, er zeigt lediglich lächelnd seine Karten und warnt. Er ist aber darin Sohn der Revolution, daß er nicht nur philosophiert über dieses Thema. Er besitzt. Nie steigt er zu dem Flehen um Liebe, das dem Romanen eigen ist und ihn leicht süßlich macht, herunter, nie erreicht er Liebe mit einem Glissando der Seele. Freilich läßt er alle Minen springen, aber seine Eroberung ist stets etwas Maskulines. Das Ungefähr und die Freiheit der Verhältnisse, das abendliche aufreizende Italien, das nächtlich dunkle, von Paaren durchhuschte Rom, die freien Bälle, die Begegnung von Loge zu Loge in den Theatern ermöglichen alles. Nach zwei Jahren bricht er mit dem Heer auf gegen Spanien.

Zu diesem Lande hat er Distanz. Er kennt die Sprache nicht. Er beginnt sie sofort zu lernen. Aber es geht nicht so rasch, wie die Tatsachen laufen. Er wird kontemplatorisch in der Schilderung. Was er schildert ist allgemein, nicht durchschimmernd und fein wie in Italien und Frankreich. Das kommt, er hat das Land nicht durch die Frauen gesehen.

Dafür gibt es große Gemälde der Ereignisse. Aufstand in Madrid. Das Toben der Tausende, die verbissen in die Straßen gepfercht miteinander kämpfen, Kanonen und Frauen. Er wird von Murat angeredet. Dann belagert er Saragosso. Wieder prallen Massen aufeinander. Magazine fliegen in die Luft. Generäle werden erschossen. Nachts sausen glühende Kugeln in die Stadt und in den Ebro. Stürme gehen gegen die Mauern. Rasende Priester fechten gegen sie. Man verschanzt sich hinter toten Kapuzinern und Karmelitern. Trotzdem müssen die Franzosen zurück. Dazwischen fällt ein wenig Erlebnis der Liebe auf das entzückende Intermezzo eines Nonnenklosters. Vor Barcelona wird er verwundet. Er verträgt die Luft nicht und schlägt sich durch die englische Flotte auf einer Feluke nach der französischen Küste durch. Er kehrt nach Neapel zurück. Er spricht mit Murat, als er sich zur Eroberung Capris einschifft. Später muß er in Rom den Papst Pius VII. gefangen nehmen. Sie binden ihn auf einen Stuhl und lassen ihn an Seilen auf die Straße. Er tut es mit Bedauern, obwohl er Protestant ist, denn der Mann scheint ihm vornehm. Als Depeschenoffizier reist er verkleidet nach Wien zu Napoleon. Die Wienerinnen begeistern ihn, bei Männern findet er mit Recht den Dialekt abscheulich. In Schönbrunn empfängt ihn Napoleon. Er ist steif und kühl. Fröhlich bittet um Versetzung zur Garde. Napoleon: „Nous verrons.“

Als die Möglichkeit, in einer Mission nach Paris zu kommen, am Horizont auftaucht, verdoppelt er sich. Er fährt dann darauf hin, wie zu einem Magnet, der ihn an sich reißt, reist Tag und Nacht, sieht kein Bett. Am ersten Tag fährt er die ganze Stadt ab, um sie gleich voll zu umfassen. Dann ißt er um vierzig Francs zu Nacht und schläft sehr lange, um in den kommenden Wochen die Stadt im einzelnen zu durchtosen. Er kommt wieder hier in die große Welt. Salons und Foyers nehmen ihn auf. Er arrangiert ein Trauermahl, das Paris skandalisiert und Napoleon erzürnt, das Huysmans in seinem Roman „A rebours“ siebzig Jahre später glatt kopiert, das ähnlich De la Reynière schon vor der Revolution gegeben hatte und das schon in den Orgien des Roms der kaiserlichen Dekadenz Mode war. Das noch nicht modernisierte Paris schildert er berauschend mit Gassen und Pomp und seiner ganzen unaussprechlichen Süßigkeit. Er genießt es mit Massen und Festen und Illuminationen, wo Seiltänzer zwischen Raketen über dem Marsfeld schweben, er erlebt den Brand bei Napoleons Hochzeit und erklimmt den höchsten Triumph seines Daseins: liebt und besitzt Pauline, Napoleons Schwester. Sie gibt sich ihm in einer blauen Grotte, wo sie ihn erwartet. Allein er hat sie nicht erobert. Ihre Augen haben zuerst mit Wohlgefallen auf ihm geruht. Deshalb verläßt er sie bald. Aber er bekommt Einblick in die intimsten und privatesten Dinge des Reiches. Beim Abschied verschafft ihm Pauline eine Stelle bei der Garde Murats. Er kehrt zurück. Im Liebhabertheater führt er von sich selbst übertragen „Fiesko“ auf, Kotzebue und Zschokke. Bald kreuzen sich aber seine Liebeswege mit denen seines Königs. Murat läßt ihn fallen und sendet ihn nach Korfu.

Fröhlich liebt alles Wesen der Welt, nur nicht wie Voltaire le genre ennuyeux. Er arrangiert sofort Theater. Er schreibt ein Stück, in dem eine lange Versenkung vorkommt, um eine bewachte Schauspielerin sehen zu können. Er entführt aus Langeweile für alle seine Kameraden Griechinnen. Komplizierte Liebesintrigen folgen Schlag auf Schlag. Als Einwohner ärmlich verkleidet besucht er, den Homer in der Hand, die Insel des Odysseus, auf der achtflügelige Windmühlen wehen. Er kehrt zwischen zischenden Kugeln zurück. Er kommandiert eine Expedition nach Albanien, wo die Einwohner das Niegesehene europäischer Soldaten wie Zentralafrikaner umstaunen. Ihr Diktator Ali schenkt ihm vier Frauen, er gibt sie an seine Unteroffiziere weiter. Den Sommer tanzen sie, machen Feuerwerk, trinken und essen Langusten. Die Engländer blockieren die Insel dicht. Eines Tages kommt die Nachricht von Napoleons Fall, die Engländer übernehmen die Insel, die französische Besatzung schifft sich nach Frankreich ein. Als sie Elba passieren, steht Napoleon am Strand. Die Besatzung meutert schier. In Marseille hat er scharfe Quarantäne, weil durch dies Einfalltor die Pest aus der Levante sich auf Südfrankreich stürzt. Paris, von Emigranten, die zurückkehrten, überschwemmt, enttäuscht ihn. Er kehrt über Straßburg zurück. Auf den Hügeln der Bergstraße brennen Feuer zum Jahrestag der Leipziger Schlacht, Darmstadt durchfährt er, begreiflicherweise ohne Aufenthalt, kommt nach Frankfurt und nimmt preußischen Dienst.

Die Kurve der Bewegung neigt sich. Die Entwicklung stülpt sich um und geht nach rückwärts. Es war ein leichtes gewesen, sich aus der beschränkten Existenz der Jugend ins Weite zu verlieren. Von Frankfurt aus Europa zu durchschweifen, dies wollte nur heißen: Anspannung und Verbreiterung der Kräfte. Aus der Welt in das Begrenzte der scharfen Disziplin und der Sachlichkeit zurückzukehren, war schwerer. Es schien ihm grenzenlos einfältig. In der Kolberger Garnison lebt er fast blinden Auges für seinen Zustand und ist nur drauf aus, viele Weiber zu haben. Es ist ihm Rettung und Opiat für die beispiellose Nüchternheit dieses Daseins. Sein Verhältnis zur Frau verdoppelt sich. Die Weiber sind ihm näher gerückt, die einzige Berührung mit Welt. Seine Haltung zu ihnen wird summarischer. Er lockt nicht mehr im einzelnen Reize heraus, nimmt nicht mehr, immer wieder überrascht und erstaunt, das Plötzliche. Er instrumentiert jetzt seine Nerven und sein Gefühl. Das Tempo hat den Schlußfinish der Verzweiflung. Der erste große Schwung endet hier, vom festen gleitenden Boden weg, ins Uferlose aufgebogen. Er zerkracht. Er kann nicht stets, nicht jeden Tag an Brot und Zopf und makabrer Imbezilheit sich reiben, nicht jede Geste gleich an Wand und Mauer führen. Wie Casanova in England scheitert, kommt er in Preußen auf den Hund. Hier ist nicht mehr romanisches Land, wo Persönlichkeit, wo stolze Arrivierte alles sind. Hier ist eine Maschinerie trostloser Nichtigkeit, hier endet Welt allwege an Straße, Bach und Mauer. Und nie gabs Geist außerhalb des Reglements. Die Souslieutenants haben begonnen, einen Staat und ein Reich mit subalterner Ameisenhaftigkeit zu bauen, das von Mittelmäßigkeiten getragen, Idee und Geist verachtete und das Achtzehnhundertsiebenzig ironisch bestätigt, Neunzehnhundertachtzehn mit apokalyptischem Gelächter zurückgetrommelt ward in die Hundehütte, aus der es kam. Sogar die Opposition, die bei den Romanen das Heroische ist und von Ruhm und Leuchtkraft umgeben ist, ward hier ein Zustand, den Polizeibefehle richteten und den die gute Gesellschaft (während die Salons in Frankreich sie führten) verachtete wie Diebstahl, schlechten Anzug und Armut. Sein Widerstand, durch den er seither auffiel, der anzog und ihn hochtrieb, wird abgestoßen, in die Ecke verwiesen. Festung auf Festung. Er nimmt Abschied und reist.

Zwecklos zuerst noch, allein mit Kunst. In Polen sieht er melancholisch, da er die Sprache noch nicht ganz beherrscht, den Hintergrund lockender Erlebnisse sich verdunkeln. Die Frauen weichen schattenhaft zurück. Er neigt sich. Der Horizont des Daseins wird ungewisser, hie und da nur belichtet. In Berlin widert das Preußische ihn so, daß es ihn aktiv macht. Er kommt zur Satire. In Magdeburg lernt er Carnot kennen, ehemaligen Direktor der Republik. Im Scherz animiert der ihn, die Geschichte der Revolution zu schreiben. Noch lacht der andere, sieht Reisen und Abenteuer abgespiegelt im Abendhimmel.

Dann faßt ihn der Plan, läßt ihn nicht wieder los. Er kommt zum Schreiben. Grillparzer, den sehr zu Unrecht die Deutschen für einen bedeutenden Dichter halten, meinte, Außenseiter der Gesellschaft seien zu Landsknechten früher, jetzt zur Literatur gelaufen. Irgendwie wird es in höherer Sphäre in anderem Sinne aber in völliger Dreiheit wahr. Er geht in die deutsche Opposition und das heißt in ein Leben der Verachtung, der Reibung mit den minimalen Hirnen, ins Elend. Das Bürgerliche kreist ihn ein. In Frankfurt, Offenbach, Köln ediert er Zeitschriften, attaquiert und kämpft. Er frondiert, verpufft sich im Kleinen. Die Tragik nähert sich stärker. Seine Memoiren sind ein Spiegel, in dem er Vergangenes in allen metallenen Farben zurückgestrahlt sieht. Um ihn herum ist die kleine Meute, in deren Radius er sich verstrickt hat, die er reizt und die ihn hetzt. Regierung, Senat, Frankfurt, Gericht, Verleger, alles ist von dem Geist der kalten Schulter beseelt, die ihm gegenüber bleibt und nicht wankt, ihn ignoriert und verhöhnt, und an der seine Briefe und Beschwerden abprallen, nutzlos, vertan. Die Ohnmacht, allein einer Welt kleinbürgerlicher Miasmen gegenüberzustehn, hebt seinen Mut, überspitzt sein Selbstvertrauen. Er schildert sich, wie alle Verzweifelten, denen Mut aus eigener Überschätzung kommt, da in Verwechselung der Kräfte sie sich für die Idee selbst halten, von der sie nur gestreifte und versprengte Schildhalter sind: „Voll Feuer, Geist und Leben, von sehr interessantem Äußeren, wohlgewachsen, voller Talent und Kenntnisse, ein Todfeind aller Vorurteile, sehr galant, ein trefflicher Reiter, ebenso guter Tänzer als Schütze und Fechtmeister, der Liebling der Damen.“ Er hatte keinen Wert darauf gelegt, als Vorkämpfer einer Richtung, einer Herzenssache sich zu präsentieren. Ihm war Europa Gleitbahn und Lebensnotwendigkeit, Spiel des Hirns. Er wollte nach oben und vorwärts, hatte die Sehnsucht nach Welt und gut zu leben. Aber vom Dienen im Sinn der Idee wußte er nichts. Er versteht nicht darum zu leiden. Er begehrt es, wie eine Frau, die er haben, aber nicht durch Bemühung der Seele leidend erringen will. Er kennt nur die Tuschs und die Clairons. Irgendwo hinter der forcierten Eleganz steckt der arme Schlucker. Mit Prinzessinnen ging es. Mit den Bürgern ist das Leben aus und vertan.

Einmal hat er noch Erfolg, Glanz der Liebe kommt aus großer Welt. Der Park von Ludwigsburg biegt sich um nächtliche Zusammenkunft. Man redet von Entführung, London, Heirat, er glaubt es vielleicht, aber im Grunde will er es nicht. Zwar packt er das Erlebnis mit aller Gier, es verbindet ihn noch einmal mit jener Sphäre, als er italienische Fürstinnen hatte und schwärmerisch Don Juan sang. Er ist zu sehr schon zugedeckt von seinem neuen Milieu, er sieht die Liebe nur als unverhoffte letzte Frucht. Nun ist der Horizont leer geworden, die Frauen sind ganz tief und verblaßt hinausgetreten. Es bleiben Arbeiten, Kämpfe, rastloses, zweckhaftes Mühen um Gewinn, Leben, Geld. Doch vergißt er die Freiheit nicht. Sie ist mit langsamer Schönheit irgendwie vor alles andere getreten. Doch er liebt sie wie eine Courtisane, nicht wie eine Heilige. Er hat sie im Blut, sie hat ihn infiziert. Sie hat ihn wie Pauline. Aber er hat nicht den unsäglich mühsamen Weg gemacht, um sie ganz zu begreifen und so tief lieben zu können, daß er stürbe für sie.

Er hatte auch bei den Weibern nicht den Elan, sich in der Liebe für die Ewigkeit so hoch zu recken. Er ist Abreke, Abenteurer, Jeu-Genie. Um den Augenblick der Liebe zu fassen, setzt er lächelnd das Leben ein. Ein ganzes Leben Liebe ist ihm tötliche Angst. Er ist ein Impressionist im Leben, eine schöne und oft sehr farbige Angelegenheit, aber auf der Ebene der Herumgeworfenen, Eitlen und Nur-Talente. Wo er aufhört, fängt der große Erotiker erst an. Viele Frauen zu haben ist ein Talent der Oberfläche, der Verführung und der Kraft, zu gefallen. Aus ihnen herauszuholen, was an Fiktivem und Echtem in ihnen ist, an das zitternde Menschliche zu geraten, ist schon Genie. Es fehlt ihm im ganzen Leben, was Casanova hatte: die große Inbrunst, die Lust zur langen Liebe. Nie wird dem Venetianer ein Weib leid. Sie bieten ihm noch Möglichkeiten, wenn das Leben ihn von ihnen reißt. Es fehlt dem Deutschen auch Liebe solcher Frauen, die, auch wenn sie sich trennen, immer Daheim, Hafen und Rückkehr ihm sind und die seine Berührung wie göttliche Auszeichnung durch ihr an Glanz nicht armes Leben tragen. Seine Frauen sind ausgezeichnet, innig, aber einmalig und ohne Echo für das Weitere. Es mangelt ihm das Lauschen, lange Kosten, die tiefe genießende Süßigkeit des Venetianers. Ihm schien das Weib der Mittelpunkt der Welt. Aber er sucht nur und geht weiter. Casanova aber sucht in ihr, wenn er sie hat, alle Endlichkeiten des Kosmos bis zur Unendlichkeit.

Doch er hat seine Zeit in sich, seine Sehnsucht bleibt ihr treu. Seine Tagebücher hat er abwechselnd, durcheinander deutsch, italienisch, französisch geführt. Das Werk, das er aufbaut, hat immer als Titel: Welt, Enzyklopädien, Zeitschriften, Welttheater. Immer will er das Ganze fassen. Je härter ihn die Umgebung bedrängt, um so weiter will er hinaus. Politische Phantasierereien lassen ihn den Globus immer dichter zusammenziehen, das Deutschland, das vor der Revolution noch fünfzehnhundert Regenten „beherrschten“, wird immer einheitlicher. Er ist gegen das Soziale, weil er die darauf folgenden Tyranneien fürchtet. Er ist Aristokrat, aber er haßt Feudalismus, weil er die Freiheit liebt. Er baut an lenkbaren Luftschiffen, an Unterwassertorpedos, er möchte gern den Meergrund und die Planetenhöhe einbeziehen. Er kämpft seinen kleinen Kampf mit aller Tapferkeit und als Seigneur, der nur selten zeigt, daß diese Rolle nur die Verlegenheit der Situation ihm gegeben. Daß er viel lieber um Throne und Feldherrn und große Städte mit Macht und Ruhm sein Leben herumbewege, als zu schreien und fechten, mit einem Gegner, den er so tief verachtet. Und manchmal, sehr selten, ist in seiner Allüre der Ton des Ausgetriebenen, des Neidischen, des Hundes, der seine Tätigkeit auch verachtet, aber in der Welt, wie sie hinter Napoleon sich schloß, keine andere Wegfahrt sieht, als den Widerspruch, die Pasquille, das Buch des Protestes. Seine spielerische Klugheit führt in politischen Dingen ihn bald auf den Grund der Probleme, er ist nicht sehr engagiert und sieht daher klarer. Er ist für die Revolte der Herzen, wohin die Resignation an den Revolutionen bald die Engagierten führt. Doch ist es Kalkulation, nicht Glaube. Er weiß, daß INRI nicht nur das Schild des Nazareners war, sondern das Anagramm der napoleonischen Idee war und dem französischen Imperator die südliche Königswürde der Italer zufügte und das europäische Mittelterrain bedeutete, und daß es aus damit sei für lange Zeit. Daß er Napoleon bekämpfte, beweist gerade in seiner Feurigkeit nur, wie sehr sein Herz an den Dingen dieses Zeichens hing.

Deutschland ist kein Land zum Sterben. Ganz in ihm zu leben haben trotz oder wegen ihrer Liebe zu ihm seine besten Kreaturen nicht vermocht. Aus der Dumpfheit des Rheinlandes kommt er nach Paris. In Ingouville sieht er: der Himmel ist unendlich, die Terrassen der Villen und Lichter senken sich. Die Seine hat blau den Ozean erreicht. Die Natur hat eine große Melodie angeschlagen. Sie ist aus seinem Leben hinausgetreten und küßt den noch einmal, den das Sterben wohl nicht drückt.

Dort hat er seine Memoiren geschrieben. Da kam es ihm herauf aus Welle und Mondbogen: die Welt. Man hat das Werk in viele Sprachen übersetzt. Die Deutschen hatten das Dokument bald vergessen, wie sie Pückler versäumten, aber Ebers und Freytag wie Gebäck und Bier konsumieren. Sie sind kein weltmännisches Volk und berauschen sich eher am barbarischen Spiegel sentimentaler Urvergangenheit als an den Momenten ihrer Geschichte, wo Weltwende fiel und Schicksal zwischen den Zeilen der Passion gewittrig sich ballte. Dem Geist der Kriegervereine und Kaiser-Geburtstagsfeiern ist Denken und Zusammenhang eine Pest. Sie haben auch Casanova als Erotiker abgetan, der doch ein geistvolles Zentrum der Welt war, und, nur wissend, wie sehr aus den primitiven, das heißt den erotischen Wurzeln Menschen, Völker und Schicksale sich entscheiden, sein Weltbild wachsen ließ vom Phallischen in den Geist. Sein Ausmaß ist riesiger wie das des Deutschen. Den hat die Vorsehung nie so fessellos gepackt wie den, der als Besitzer des Alphabetes sich Marquis de Seintgalt nannte. Der Deutsche hat als Offizier eine Kaste, einen Ausschnitt. Von da aus erlebte er, von da aus schlug ihn die Welt. Den Venetianer aber wirft das Schicksal an jeden Strand und an jede Hölle. Er erfährt Höheres, aber auch jede Tiefe des Daseins. Sein Fall ist furchtbarer, sein Aufstieg illuminanter. Der ganz große Schicksalsausschlag fehlt dem Deutschen. So fehlt auch seinem Ende die große Tragik Casanovas, der, wie der Prinz von Ligne sagt, zahnlos und alt, ein Spott der Domestiken ward, ein Hürchen in Venedig aushielt und an jenem Petrolfeuer sich zurückerinnernd fabelhafter Erlebniswürfe, wie glühender keinem Menschen vor ihm sie gelangen, den Prunk und die Grazie und die Weisheit seiner Memoiren schrieb. Dies ist Schicksal.

Es hatte ihn ganz umgeschmissen, aber er griff um so höher hinauf. Der Deutsche blieb in der Mittellage. Nicht so maßlos repräsentativ wie Seintgalt. Aber, endlich auf das Maß seines Anspruchs gebracht: wundervolle Haut, abgeschöpft von seiner Zeit. Er wollte nichts, aber die Zeit bewies sich gerade darum in ihm. Sein Kampf vom Augenblick an, wo er ins Bürgerliche desertierte, ist nicht Tragödie, sondern Marsch in die Spirale, ins Enge und ins Unwesentliche. Nur blieb er auch hierbei seinem Blut treu, schrieb den Deutschen in ihre minderwertige Memoirenliteratur ein Oeuvre erster Form und blieb zwischen Händlern und Spießern ein Funke größeren Lichts. Es fehlte dies und dies und dies zu Größe. Er hatte die europäische Einstellung. Aber nicht den Charakter. Er hatte die Sehnsucht dumpf danach. Aber nicht die unerbittliche Richtung. Hätte er an Revolutionen geglaubt, er hätte ganz richtig von den Franken sie erwartet, denn die Unfähigkeit der Deutschen gerade hierzu kannte er deutlicher wie ein anderer. Aber er hätte sie des Glanzes und der freiheitlichen Geste halber nur von dieser Seite gewünscht und nicht gedacht, daß wohl die Explosion vom Westen, der Geist aber vom Osten kommen könne. Dahinaus war er verschlossen. Nicht aus Leichtsinn. Eher aus Courtoisie. Aber im ganzen darum: man war noch nicht so weit. Einem Panter, einer Antilope gleich, die nicht wissen, wo Hottentottisches gegen Suaheli sich grenzt, glitt sein Geistiges durch europäischen Bezirk. Es blieb, an Terrain und geringes Feld der Zäune gebunden, nichts anderes später als in Melancholie oder Verachtung zu krepieren. Es hat das letzte an sich genommen und einen tapferen Kampf mit den Stäben geführt. Das Meer mit den Schiffen unter Le Havre wird ihn erlösend, wird Befreiung gewesen sein. Sein Zirkel kreist nicht gerade die Senkrechte einer Zeit ab, und um Polhöhe zu schweifen war in Wirklichkeit nicht lange seine Mission. In ihm, dem von allen Leidenschaften und Talenten der Epoche Gefüllten, läuft das unterirdische Sehnsuchtsströmen der Vereinigung und Weite, das alle großen Herzen getrieben hat und in dem seine Zeit ihn aufweist, lässig und richtungslos wie eine Glaskugel, die ihr Strahl hebt und senkt. Mehr wollte sie damals nicht. Die spielerische Grazie hat ihr wohl genügt. Ein Pedant möchte nur verurteilen, wo die Wichtigkeit allein im Anschauen besteht.