Särö
Es ist der dreiundzwanzigste April, St. Georgstag. Gunnaris sagt, heut stellten in Nyland und in Karelen bis gegen die Grenze nach Petersburg hin die Frommen Milch unter die heiligen Bäume und speisten Kuhzungen mit geschenktem Mehl in den Ställen.
Es schlägt Acht von der Höhe Lidingös.
Gegenüber der ersten Stockholmer Schäre gehen wir an Bord. Sirola und Vehkamäki rudern von der anderen Fjordseite herüber.
Wir gingen hundemüde gleich in die Kabinen, es ward sehr dunkel.
Ich kann nicht schlafen, horche auf das Flauschen der großen Segel und bin voll Unruhe, aber ich begreife nicht, was mich durchzieht. Nach rückwärts ist alles klar, nach dem Zukünftigen der Weg gerichtet. Ich habe vier Wochen Zeit, bis ich mit abgelaufenem Paß nach dem Balkan muß. Was kann es mir nützen, daß ich es überlege?
Ich habe auf der Brust einen Brief meines Bruders, der mir eine Dankesschuld für ihn abzutragen aufträgt und der durch viele Zensurstationen mich nach zwei Jahren in Schweden erreicht hat; ich habe eine Mission in meinem Beruf außerdem noch und liebe sodann noch Siv. Ich habe vier Wochen Zeit, bin in Eile und mache doch unbedenklich trotzdem diese riskante Exkursion. Ich weiß also genau, was ich will, wie ich immer es wußte.
In der Pupille, dem Spiegel gegenüber, ist kein Nachlassen der Energie, nur hin und wieder scheint heut zum erstenmal hinter dem hellen und herausfordernden Ton der Netzhaut ein noch tiefer im Silber des Glases liegendes Gesicht heraufzutauchen.
Doch sehe ich hart danach, bleicht es erschrocken zurück.
Es gibt nichts, was mich verwirren könnte im Umkreis, Gefahr erschreckt mich nicht. Ich höre auf zu denken und spüre, wie es irgendwo in mir bebt. Ich laufe auf und ab. Es ist heiß, ich gehe im Schlafanzug hinauf, höre die Matrosen, die an ihre Weiber denken, summen. Der Seewind macht müde, ich schlief am Geländer, bis die Möven kamen. Sirola stand schon vorne und fütterte sie und lachte, wenn sie, sausend herabgeschossen, vor ihm mit nach oben gestreckten Beinen erschreckt und gierig am selben Fleck flatterten.
Abends sahen wir Leuchtfeuer über der Ostsee und kreuzten, hörten ein Motorboot einmal, glitten durch ein Gitter von Scheinwerfern, die uns nicht ganz erreichten und kamen südlich von Abo auf das finnländische Ufer.
Das Schiff fuhr nach Helsingfors weiter.
An der St. Heinrichsquelle trafen wir Svinhufvund. Er nahm die drei anderen Finnen gleich beiseite, Gunnaris winkte mir entschuldigend mit den Augen, ich blieb eine Weile allein. Mittags erst erfuhr ich, daß deutsche Battaillone in Hangö und Lovisa gelandet seien, Helsingfors genommen und die Arbeitertruppen in Haufen erschossen hätten.
Sirola zog einen Kreis mit dem Finger.
Die Roten waren zwischen der Linie des General Mannerheim mit der weißen Garde zwischen dem bottnischen Meerbusen über Tammerfors bis zum Ladogasee und den Deutschen im Süden eingeklemmt und gegen Rußland zu im Sack.
Svinhufvund erklärte, die Luft sei rein und unschwedisch, wir bummelten in Abo, saßen im Café. Plötzlich wandte sich Gunnaris um, zog uns mit ins Innere und durch den Garten heraus. Durch die Mauer an der Ecke sahen wir schwedische bürgerliche Freischärler mit den Schafpelzuniformen in das Lokal stürzen. Wir verbargen uns.
Abends ritten wir, da die Finnen auf jeden Fall in Verbindung mit Tokoi und Haapalainen kommen wollten und ich diesen ein Papier mitgeben wollte, strammen Schritt südlich gegen die russische Grenze zu. Die Finnen hatten viel Ernst in ihren unbekümmerten Gesichtern. Die Gäule waren bös, aber wir kamen bis zu dem Gut Mommila, wo wir am Vorwerk abschnallten, im Heuhaufen etwas ruhten und in der Dunkelheit noch weiterritten.
Gegen Morgen sahen wir die Pörtten eines Dorfes. Sirola rührte an den Donnerkeil über dem Eingang und stieß mit dem Absatz die Tür auf. Dreckige Leute lagen über den Boden hin. Die Wände schwarz vor Rauch. Ein schwitzender Finne rieb sich die Augen, und als er sah, daß wir den Keil berührten, stand er, einladend, auf. Sie plauschten mit ihm, hielten die Finger auf den Mund und nickten ihm zu. Er bejahte und bürgte mit einer Bewegung für die anderen. Wir hielten uns, da die schwedischen Freischärler Gunnaris erkannt hatten, versteckt, denn wir waren ohne Zweifel signalisiert. Unser Aufenthaltsraum in der Hütte war abgesperrt, es stank entsetzlich.
Mittags kamen mit Gebrüll Wagen und Reiter, schrieen: „langen Hanf, langen Flachs“. Wir sahen durch einen Schlitz der Hütte.
Sie packten aus, hatten Schellen und tanzten und machten Ringelspiele aus Freude, daß die Roten zurückgeschlagen und in den Mausfallen abgeschossen wurden. Sie trugen, da es fast Mai, Pluderhosen, keine Röcke mehr und Strümpfe über den Schuhen.
Mit der Dämmerung rückten wir ab, trotteten in der Dunkelheit wieder hinter Svinhufvund, um Mitternacht nahm uns ein Wagen auf, der aus einem Waldpark herausgepfiffen wurde. Wir kamen bis zu einem großen Gehöft. Der Besitzer streichelte den Menschenknochen an unserem Bock. Wir kamen in die Badestube, die aus Ziegelsteinen erhitzt wurde, man sperrte uns wieder ab, ich konnte nur kurz in der Hitze bleiben, im Nebenraum waren die Weiber nackt, die zwei Männer in Hemden.
Wir fuhren im Auto weiter.
Am Kymmenefluß, nun auf den Spuren der beiden Armeen, sahen wir Hinrichtung und Brand überall. Hinter Wiborg hatten wir den Bogen um die beiden irregulären Fronten durchfahren, kamen zweimal in versprengte Rotten der Roten. Die Finnen orientierten sich, sprachen mit den Führern, wir fuhren auch bei Tag. Das Kreideland dehnte sich in Fichtenschonungen. In der Nähe einer der letzten Biegungen hielten wir und gingen, geführt von dem Lehrer Hannes Uksila, über eine Sumpfwiese, auf der einige Weiber heuten.
Andere hingen Vogelsprenkel auf. Aus dem Gebüsch trat ein Lachshändler, der auch Felle führte. Uksila rief ihn an, er schielte und knurrte.
„Beim Wort den Mann, am Horn den Ochsen“, schrie Gunnaris, der als Nordländer die feigen und erbärmlichen Tavastaländer des Südens verachtete und schlug ihm den Hut vom Kopf.
Die Perücke fiel mit, es stand ein Nordländer mit gelblichen Haaren vor uns, und die Heuerinnen und Vogelfänger hatten Gewehre auf uns gerichtet.
Vehkamäki und Sirola hatten seine Hände gefaßt und schüttelten sie mit einem Singsang des Vergnügens hin und her. Es war Oskari Tokoi, der, früher Arbeiter in Amerika, den Frontabschnitt der roten Truppen befehligt hatte. Sie traten beiseite, Gunnaris gab ihm alle Papiere, die er bei sich trug, auch die meinen.
Nachts ging Tokoi auf russische Erde über die Grenze. Wir aßen Speck, Erbsen und Aal in Essig, fuhren bis Lill Ablorfors, wurden an einer Wegscheide umringt und verhaftet.
Die Finnen Sirola, Gunnaris, Vehkamäki hatten keine Papiere, ich setzte durch meine sehr guten deutschen durch, daß der Bürgeroffizier uns in das Hauptquartier des General Mannerheim fuhr. Er schlief, als wir ankamen. Posten mit Gewehren waren in unserem Zimmer. Die Finnen schwiegen, es war mathematisch ausgemacht, was sie protokollieren lassen würden, falsche Namen, falsche Route, den Zweck.
In der Nacht wurde ich siebenundzwanzig Jahre, und jene Unruhe, die ich auf dem Schiff zuerst gespürt, stieg unbegreiflich. Ich war gewohnt, mir über jeden Zustand Klarheit zu verschaffen, ich versuchte auf und ab zu gehn, überlegte, schied aus, überging die Situation haarscharf. Aber meine Lage wiederum störte mich gar nicht und es war nichts aus dem Augenblick heraus Gewordenes, was mich an die Ränder eines unbekannten Bezirkes anstieß. Es kam wie von einer fernen, uneinziehbaren, schicksalhaften Beziehung, die stärker wurde und reifte, ohne daß ich auch nur einen Hauch zu fassen vermochte.
Was machte mir der Augenblick . . . Dieser General, der in Oesterbötten die Gegenrevolution gesammelt, die Bourgeoisie eingekleidet, der nach Wasa geflohenen Senatorenregierung den krummen Rücken gestählt und das Proletariat mit Hilfe deutscher Truppen aufgerieben hatte, war er nicht machtlos, ein Sklave des Kaiserreichs, mußte sich beugen vor meinem Passepartout der Stockholmer Gesandtschaft . . . Dies alles reizte mich nur, ich war gespannt, ihn zu sehen, das Lauern seiner Augenbrauen, das wölfische Nagen der Zähne, die übermenschlich lange, dürre, vorgebeugte Figur.
Ich ging darüber weg. Ich dachte an Siv und spürte ein glückliches Ziehen meines Blutes. Auch das konnte es nicht sein.
Aber es stieg in der Nacht in mir mit einer verzweifelten dunklen Flut und wogte in mir, als ob hinter dem Bewußtsein sich Kämpfe abspielten und Entscheidungen, die mein Leben angingen. Ich lauschte und horchte stundenlang, ganz still, aber ich faßte es nicht.
Gegen Morgen wurde ich ruhiger. Ein Offizier rief meinen Namen, ich folgte, schlenkernd, aber doch gespannt. Ich wartete zwei Stunden. Eine hohe Gestalt trat ein, ich spürte, eh ich mich umdrehte am Schatten, der über mich fiel, schon, daß es Mannerheim nicht war.
„Warum haben Sie kein Visum?“ Ich hob die Handflächen ein wenig, ließ sie auf den Schenkel langsam zurückfallen. Es war nicht nötig, die Frage idiotisch, ich sah mich im Kreis um. „Die Namen der Finnen.“ Ich gab die ausgemachten Schlagworte.
Er zögerte.
Dann wies er rasch auf die Zeitung Työmies: „Waren Sie nicht mit Eero Haapalainen und Kullervo Manner als Studenten befreundet?“
Ich zuckte die Achseln.
„Zweck?“, rief er barsch, verzweifelt.
Ich war kühl und ruhig wie selten und freute mich eine Sekunde an der Klarheit und Harmonie, die mich zum erstenmal wieder erfüllte.
Ich ging bis an den Tisch und wies langsam mit dem Finger auf die Stelle, wo auf dem Passepartout in Berlin von einer gewissen Stelle gefertigt eine Passage stand. Drei Sekunden blieb es still.
Dann hoben sich seine Lider, er warf mir den Raubtierblick entgegen voll Haß, durchschaute wohl unser Spiel, war machtlos, murmelte: „Der Herr General ersucht.“ Ich trat durch eine Tür. Aber er empfing mich nicht, fuhr draußen im Auto ab.
Uns brachte man mit zwei Studentensoldaten im Auto nach Helsingfors.
Wir durften unser Schiff nicht nehmen, wurden eingeschifft, kamen bei schlechter See an den sieben Inseln Sweaborgs vorbei nach den Aalandschen Schären, hatten zwei Tage Gegenwind, kreuzten mit dem Lotsen von Ekerö zwei Tage an den Markzeigen entlang und waren am neunten Tag der Ausfahrt vor dem großen Stockholmer Hafen. Die Finnen ließen sich an den Schären aussetzen. Gunnaris schenkte mir einen Ring.
Ich schrie ihnen nach ins Boot noch einmal „Te—le—fon“ und deutete. Sie winkten, standen nickend am Ufer, sangen eine Weile, bis man sie nicht mehr sah. Gegen zehn Uhr ward die Ostsee golden. Der Hafen ein einziger Mövenschrei. Ich badete. An einem Kriegsschiff vorbei in den inneren Hafen, das leuchtende Eingeweide Stockholms.
Siv stand eine Stunde schon am Geländer, stahlschlank, nickte immerzu leise herüber. „War die Überfahrt gut?“
Ich spüre fast wie an der Haut ihres Gesichts, die sich langsam rosa färbt plötzlich, wie Finnland sich entfernt über dem Rudel der Schiffe. Selbst wie ich mich umdrehe und die Kielfahrt des Schiffes noch ölig und glänzend im Silberschaum sehe, hört alles auf, wo der Blick endet.
Wir drehen uns um, gehen Strandvägen hinauf.
Ich bin merkwürdigerweise mit einem Mal ausgelassen, wir lachen. Ich nehme Sivs Arm. Vor der Brücke stehen wir und lassen die Wachtparade passieren, hechtgraue Soldaten sehen wir mit gelben Troddeln um die Taille und Musik und den Führer, der in erhobenen Armen zwischen den Fingern einen silbernen Stab hält. Wir schauen und kommen höher auf den Skansen, wir riechen die wilden Tiere und Siv sieht mit angezogenen Nüstern die See. Ich schenke ihr die weißen Korallen, die ich mitgebracht. Siv hat den Rhythmus der Musik noch in den Knien. Wir besuchen die Renntiere, die unter Weidentroddeln ihr flaumiges Geweih blutig reiben, die Polarwölfe, die Silberfüchse, plötzlich schweift unser Blick über die vielen Fjorde bis dahin, wo die schwärmerische Luft des süßesten Frühlings mit der Herbe und dem nackten Granit der Felsen zusammenprallt.
Ich verweile eine Sekunde.
Als ich mich abwende, bin ich voll Trauer und Verzweiflung. In Djurgården schimmert dunkelgrün der Tau. Üppig schwillt über mir die blaue Fahne mit dem gelben Kreuz. In Kungsträdgården ist Musik, aus den Fischnetzen des Mälar fallen langsam die kristallenen Tropfen.
„Willst du zu Blanche?“
Ein Orchester sitzt hinter den Crèmegardinen.
„Nein.“
Wir gehen auf und ab zwischen den Bäumen und den Matrosen in der Dunkelheit und hören lang auf die Geigen, dann enden wir auf einer Bank.
Nachts wache ich auf im Hotel. Siv ist schön, bezaubernd die federnde Größe ihrer Beine, die Linien, die im Bogen weiß von den Hüftansätzen über die Brüste laufen. Ich liebe sie und sie ist mir fern.
Ich fühle nur: Auf der Ostsee fährt irgendwo ein Dampfer. Der Expreß saust durch Småland. Die Nordsee steht dunkel gegen Christiania gespannt. Der Bär im Skansen träumt durch die Gitter und die Sterne flirren darüber kalt. Ich fühle mich in der Gewalt einer Bestimmung, die mein gewohntes Erleben ablöst, unempfindlich macht mit Auge und Seele gegen die sonst geliebten Reize. Nun kommt der Morgen. Sivs Feiertag ist zu Ende.
Als sie sich erhebt, fallen die hellen Haare ihr übers Gesicht, die Frühe lehnt sich kaum vom Mälar herauf und ist fast nur Duft. Der schmale biegsame Körper bebt auf den Gardinen.
„Zwei Tage . . .“
„Siv, schöne Tage, weil ich an dich denke.“
Kopfschüttelnd: „Es wird nichts sein, denn du bist nicht da.“
Ich bleibe zurück.
Ich fühle, daß mein Leben sich ändert. Aber ich weiß nicht, warum und wie. Wie zerborsten bin ich und doch wie klar.
Am Morgen später kamen Reporter, ein Photograph. Ich empfing nicht, leugnete ab. Beim Frühstück las ich, daß die konservativen Blätter aus Liebe zu Deutschland mich deckten, „Sozialdemokraten“ griff mich und zugleich auch Mannerheim an. Um zehn Uhr rief die Gesandtschaft an. Ich dementierte. Um halb elf kam der Pressechef. Mannerheim hatte sich beschwert, ich beruhigte den Beamten, konnte es in der unbestimmten Lage, die meine Mission umzirkelte. Ich gab ihm eine gute Darstellung des Lachsfangs in einer nördlichen Schäre. Mannerheim und die Stockholmer Presse erhielten das Dementi. „Dagens Nyheter“ erlaubte sich den Scherz meiner Vielseitigkeit später. Als ich ausging, hielt vor dem Hotel ein Bursche ein tänzelndes Pferd. In der Glashalle erhob sich der Reiter, Erzbischof Sahlström, schlug mir athletenhaft auf die Schulter, ritt neben mir den Quai entlang, kreiste von Literatur zu den Gäulen in die Politik.
Ich führte den blauäugigen Fuchs noch verschlungener in die Irre.
Am Gesicht des Gesandten beim Frühstück empfand ich seinen Ärger: „Wenn wir auch keineswegs die militärischen Narren im Amt in Berlin stützen . . . müssen Sie, Herr, sich gerade fangen lassen?“ Ich hatte eine kleine grüne Bronze in der Hand, die Rodin dem Minister geschenkt hatte, ich setzte sie hin und verbeugte mich: „Die Karambolage mit dem mongolischen Ludendorffimitator, ach Gott, Exzellenz . . .“ ich erzählte ihm leis einiges, aber nicht alles, denn unser Weg ging nur ein Stück zusammen, und meiner weit über seinen hinaus. „Ich habe dem Minister des Innern zwei Lachse senden lassen, die ich offiziell vor drei Tagen im Binnenwasser fing mit einem Kompliment auf den Reichtum der schwedischen Gewässer.“ „Nach dem Dementi?“ Nicken. Die runden Augen sahen fragend aus. Ich sagte: „angenommen.“ Exzellenz trommelte mit den Fingern auf die Kniescheibe, wir gingen zu anderem über.
Es gab französische Küche, der Gesandte fing seinen übervollen Geist in den entzückendsten Anekdoten und führte die Probleme mit anziehendem Geist in die Form. Es schoß dauernd aus ihm von Aperçus, denen das Frühstück an Eleganz und Zusammenstellung entsprach. Ich hatte manchmal an dem Mittag das Gefühl, von einem Parterre meines Inneren aufs andere zu stürzen und sah andere Ebenen gleichfalls bereit. Bei Schnaps und Zigarren entwickelte ich den Plan der nächsten Woche, die Beziehungen, die ich anschneiden wollte und wie ich es zusammenzuführen gedachte.
Der Marineattaché kam dazu. Exzellenz gab ihm ein in rotes Leder elegant gebundenes Buch, das er in französischer Sprache früher über deutsche innere Politik in Paris veröffentlicht hatte, schleuderte die Augen anklagend gegen den Plafond und begleitete mich durch den Vorraum.
Ich fuhr in einer Fähre nach dem Saltsjöbadenbahnhof, wechselte die Oere in ein Kupferblech, warf die Marke in die Messingbüchse, nahm den Motor und fuhr durch die Schären nach Gunnaris. Wir verhandelten den Mittag, ich konnte ihm nur die Umrisse erklären, er dachte lange nach, grübelte und hatte plötzlich einen kühnen Plan.
Er telefonierte.
Am Abend kam Almqvist. Mit wundervollen Beinen, elegant, der beste Mann Schwedens. Er war sehr zurückhaltend. Gunnaris sprach lange auf ihn ein, Almqvist schien sehr ungehalten, daß Gunnaris ihn kompromittiert habe und Gunnaris ward verlegen, denn er glaubte nun auch, wenn auch aus Dankbarkeit und großer Freundschaft zu mir, zu weit gegangen zu sein.
Ich nahm an, daß Almqvist, der sehr viel zu verlieren hatte (ich wußte nicht, wie es damals schon in ihm aussah), mißtrauisch auf mich sei als auf einen Deutschen, wie jedermann damals in der Welt. Doch war es dies nicht. Er war zornig, daß Gunnaris einer Sache wegen, die nur entfernt ihre eigenen Ziele berührte, ihn in eine Situation warf, die den Unterschied zwischen seinem Leben und seiner Tätigkeit leicht verwischen konnte.
Ich sagte ihm daher frei und offen drei Dinge, die ihn an mich binden mußten, die ich von ihm wußte. Auch ich hatte einmal in dem Hospiz gewohnt, in dem er seine vielseitige Rolle spielte.
Wir fuhren, eifrig redend, in der Dämmerung zurück. Ich kannte sein nach der Gesellschaft hin gekehrtes Dasein, leicht begeistert, Freund der Frauen, anständig, mit starkem Aufwand lebend. Ich suchte dies zu durchbrechen, ihn anzusaugen nach seinem Kern hin, beroch, bespielte jede Pore, es war ein stilles, langes Sichmessen. In einem kleinen französischen Restaurant neben dem Hotel Exzelsior sprachen wir, etwas zog uns unbedingt gegen alle Widerstände zueinander. Wir redeten mit einer halsbrecherischen Offenheit, in einer Stadt und einer Zeit, wo Geliebte gegeneinander stumm blieben, aus Furcht vor der verräterischen Atmosphäre. Unsere Ziele berührten sich, wir wurden, indem wir sie besprachen, ernst und niedergeschlagen. Wir speisten in der Wohnung seiner Freundin. Almqvist war bestrickend, sang, spielte zur Laute und umgab die schöne Frau mit einer hinreißenden Liebenswürdigkeit.
Den folgenden Morgen berieten wir ganz durch, mittags arbeitete ich angestrengt, zog mich in der Dämmerung um und ging zu dem Portefeuilleträger des Inneren speisen, mit dessen Schwager ich freund war. Seit der Ausbootung der Konservativen waren sie erst seit vier Wochen aus Lund heraufgekommen, waren noch ungenügend installiert, aber bereit, mir den Abend so zu beweisen, daß ich kein Stück eines gewählten schwedischen Mahles auch nur vermissen könnte. Man hielt bei den Staatsmännern Elsaß-Lothringen für die Achse der Probleme, mein Plan war anders, ich sprach nicht davon, ich zog mich um elf zurück und gab vor, sehr müd zu sein.
Ich ging über zwei Plätze. Der Mond ist tief über Stockholm geflogen, er geht über meinen Tisch am Fenster der Glasveranda im Grandhotel. Ich schaue in die Nacht und jeder Klang, jedes Instrument und jeder Gedanke kommt aus ihr verschwärmt und feuriger zurück. Aber ich denke nicht daran, spüre es kaum.
Um halb zwölf tritt an den Tisch der Türken ein bulgarisches Sujet, das irgendwie Beziehungen zur Gesandtschaft hat, aber als Türke gilt, kurz darauf der Franzose Boissont. Ich sehe nicht hin. Sie sitzen auffällig gerade, fast entfernt voneinander auf den Stühlen, reden aber mit gesenkten Kinnen, sicher fast lautlos.
Um dreiviertel zwölf kommt Siv.
Sie legt die großen, schlanken und harten Beine (wie die der Stadionsläufer) übereinander und schließt die Augen zum Gruß. Das Haar ist weißblond, mit Öl über den Kopf gescheitelt und tief in einer Schlinge in die Stirn hineingezogen, an den Ohren quillt es in kleinen Trauben herunter.
Ich bin begeistert, ich fühle über den Tisch die Frische der Haut, das Belebende dieser Gegenwart. Ich rede viel, denn ich beobachte gut. Ich schweige keine Sekunde, der Hummer ist von klarem Rot, das Fleisch gut an der Schale angesetzt, viel Saft in den Scheren. Siv neigt den Kopf zurück, saugt sie aus. Der Aufschlag ihrer Lider macht das Blau frei wie einen Strahl. Sie steckt den Kopf auf beide Hände, zieht den Mund kraus: „Was tatest du?“ Ich kann erzählen. Ich finde Siv reizend wie nie mit dem gescheitelten Haar.
Ich sehe Almqvist in der Portiere, ich fühle jeden Muskel sich spannen in meinem Körper, ich rede seit Monaten zum erstenmal laut in der Spionagezentrale des brennenden Europa. Wie leicht fällt mir zu reden: „Ich will dich an Hedin erinnern, Siv, an Sven Hedin, von dem du viele Bilder gesehen, und gelesen hast, daß er ein Land in China gefunden hat, Tibet, Siv. Mit diesem Mann war ich in Upsala, er ist ein Trottel. Die Studenten tranken die Nacht Punsch, tanzten mit eleganten Damen auf den Schultern. Um zwölf steckten sie Feuer an vor allen Küsten.“
Es interessiert Siv nicht, was ich da erzähle, sie hat die Speisekarte und liest, ich winke mit den Augen den Kellner neben sie. Siv bestellt, schöne, viele Sachen, die sie nascht und beißt: Sekt, Lachs und Mayonnaise . . . . Roti . . . . Backelse . . . . Punsch.
Nun geht Almqvist hochmütig um alle Tische herum, nähert sich dem der Bulgaren, er beginnt eine Verbeugung, ich muß wegsehn, das dunkle Auge Boissonts leuchtete gegen meines.
Ich kann mich totlachen, ich bin von einer Heiterkeit, die mich durchzittert, wenn ich mit Siv rede. Man hat die geschlossenen Fenster heruntergelassen, wir sind umhaucht von den letzten Wellen der Geierschreie der Bahnen, die aus den Fjords längs der Salzküste noch in der Mainacht schwimmen. Mir fallen Lächerlichkeiten ein, so, daß, als ich Siv zum erstenmal sah, nicht in der Nordischen Schuhkompagnie, sondern im Humlegården, wo sie aus dem Break mir hinterm Rücken des Staatsrats winkte, daß ich das Laub des Busches, an dem ich stand, mitnahm und behütete und abends beim Umsteigen verlor. Ich neige mich über den Teller, ich küsse ihr die Hand, ja ich weiß mich vor Narrheit nicht zu fassen, ich küsse Siv die Hand mitten im Lokal.
Da fällt mein Blick auf die Ministerin, und im Spiegel sehe ich gleichzeitig Almqvist bei dem türkisch-bulgarischen Tisch, sie sitzen weit auseinander und reden mit dem Kinn auf der Brust, also lautlos.
Die Minister sind also, statt in die Büros, zur Nacht dem Mond und blauen Kanälen nachgegangen. Der Burgunder hat ihnen die Politik aus dem Hirn gejagt, sie halten nicht mehr in der Bewegung der Hände das bißchen Schweden, um es trocken durch die europäischen Wasserspiele zu tragen. Nun sieht mich der Blick der Frau, zieht sich abgekühlt zurück, weil ich müd zu sein log, bleibt an Sivs Gesicht hängen und lächelt.
Ich stehe auf, ich verbeuge mich, ich bin glücklich, ich setze mich wieder, ich habe im Spiegel gesehen, daß das bulgarische Sujet aufsteht. Ich mache aus der Serviette Figuren, ich scheine betrunken, denn ich bohre einen Papierpfeil in Sivs Eis; daß sie mit der Gabel versucht mich zu stechen, das macht mich fast bersten vor Vergnügen. „Gott möge den Deutschen tausend Gefangene am Tage geben“, sagt es am Nebentisch. Ich zeige Siv den Mann, es ist ein Dichter, der Knut Hamsun den Bären schalt. Er wohnt in einem Landhaus in Sturängen, wo die Mädchen abends am Kamin singen: kom hjärtans frojd. Er haßt den Strindberg, der die Theaterstücke schrieb und die schöne Tochter hat.
Doch gähnt Siv, sie kennt die Männer nicht, der Gehrock nebenan ist ihr zu dürr. Wie kann ich Siv erheitern, wo auch die Türken durch das Vestibül vorüberwandern?
Da fällt mir eine gute Sache ein, ich habe einen Ton mit der Zunge gemacht, Siv starrt mich an, ich blinzle nach der Seite, sage ihr was ins Ohr. Da sitzt Rolf, der große Kabarettist, der Sänger des „mit swärmeri . . . i . . .“ Siv ist voll Neugier, wir starren den großen Mann an und vertiefen uns in ihn.
Dann lächle ich sanft und sage kokett, ich habe mich geirrt. Siv ist wütend, stößt den Teller über den Tisch, sie ist sehr schön in dem Augenblick, und ich kann mich nicht halten vor Vergnügen.
Plötzlich verläßt mich die Laune, ich werde kühl, gemessen. Ich hebe den Hörer ab, der Tischapparat hat gesurrt. Der Portier meldet, Tisch siebenundachtzig will mich sprechen. Almqvist sitzt allein, den Rücken zu mir, ich sehe es in dem Nickel des Hörers, es ist seine Stimme.
Schon unterbrochen.
Ich sehe auf. An seinem Tisch steht ein Fremder. Ich hänge ein. Wir sind bei Aqvavit wieder, Punsch, Kaffee und Zigaretten, Siv hat sich zurückgesetzt und betrachtet mich durch halbgeschlossene Augen, zeigt die Zahnschnur. Almqvist ist plötzlich an seinem Tisch nicht mehr da.
Der Boy bringt Telegramme, ein Billett. Ich falte es auseinander. Ich setze mich hoch, ich lasse mich einen Augenblick gehen, hineinfallen in jene Form der Bewegung, die mir frei und klar aus dem Gefühl kommt. Ich weiß, wir werden haben, was wir suchen, wir sind auf dem Weg. Da ist es. Endlich. Wir werden die Generale drücken, Zusammenhänge beweisen. Ich denke es klar und kühl und fühle mich vorn stehen, wo die Dinge sich entscheiden.
Ich bringe Siv nach Hause.
Die Lichter sind im Ausgehn und scheinen rosa aus dem blauen Wasser, das lautlos Stockholm durchströmt. Weiße Wolken ballen sich höher über Schlössern und Inseln. Sivs Arm in meinem, ihre Hand. Ich fühle den Tau der Morgendämmerung, das abenteuerliche Schwinden des Nachtwindes.
Ich liebe Siv und habe sie zehnmal belogen den Abend. Ich kenne die Menschen und habe recht gehabt.
Aber ich spüre irgendwo, welche Klüfte mich trennen, wie ich ausgesperrt bin von einer Verbindung, die, anders und tiefer als ich es fasse, die Menschen zusammenbindet. Ich denke lange darüber nach, doch es verschwimmt, während Sivs Gang und ihre leidenschaftlich kühlen Bewegungen und die herrlichen Ausfahrten unseres Rausches goldener vor mich treten.
In der Frühe fahre ich durch Schweden. Zwischen Teichen und Felsen und dunkelroten Holzhäusern zur Nordsee. Ich fahre zwölf Stunden mit vielen Menschen. Ich esse Smörgåsbord, wenn der Zug hält, an den Stationen, gehe auf der Holzdiele langsam, den Reisehut in der Stirn, zurück. Ich lese die Verlobungen Stockholms, ich kaufe das Blatt „Saisonen“ und beschaue die eleganten Frauen, döse in die Landschaft, schlafe einmal ein. Ich sehe den Kondukteur eine Fahne an der Lokomotive heraushängen: fünfundzwanzig Minuten Pause. Ich schlendre auf und ab, die Arme teils in den Taschen, teils auf dem Rücken, ich bin ein Passagier wie alle anderen, ich langweile mich mit Maß und Ruhe, ich kaufe keine Lakritzer, die man mir anbietet, ich sehe einmal, als wir wieder fahren, verwühlte Kissen, Sivs hohes reines Bein ganz ohne Flaum. Ich beginne in einem schlechten Roman zu lesen, es ist kein guter Geschmack, daß ich ihn ziehe, aber er amüsiert mich köstlich, ich versinke ganz darin. Mir gegenüber sitzt der Außenminister.
Der Zug ist gefüllt mit internationalen Raben, Hyänen, Wölfen. Ich bin sehr in der Lektüre, wende langsam Blatt um Blatt, ich sehe jeden, der am Kupeefenster durch den Korridor schleicht, ich sehe jeden Gedanken.
Ich bade mich in Göteborg, ich ziehe mich um, ich gehe ins Varieté. Ich gehe an einer holländischen Gracht hinauf, das Wasser riecht faulig, Jasmin ist dazwischen aufgegangen. Ich nehme in der Holzbaracke die Loge, die Almqvist mir bezeichnet hat.
Neben mir sitzt ein Kommis mit goldenem Armband, den steifen Hut im Genick starrt er offenen Mundes zur Bühne. Neben mir links ist frei. Ein Riesenorchester hat um die Beine einer Tänzerin geknallt, nun schwenkt ein gepudertes Schweinsgesicht ententistische Fahnen mit Zauberei dazwischen. Ein Feuerwerk geht hinterher los und Amerikaner kakewalken auf langen Bretterstelzen, die Musik hat ein Delirium und schmeißt das Publikum in einen Rausch. Der Kommis fühlt sich als Achse des Erdballs und gröhlt, bekommt rote Schläfen und kann kaum mehr sitzen.
Da zieht links neben mir jemand den Hut, setzt sich an die Brüstung, sieht gerade aus, nun liegt das Bild Almqvists vor ihm. „Gut“, sage ich.
Der Agent Krassin mit gelbem Gesicht und runden Augen! Er hat von Gunnaris und Almqvist Telephongespräche. Almqvist kommt in vier Tagen. Ich bin ein wenig ungeduldig. Wild riecht die Mainacht draußen. Mit einer Kapelle kommen tausend Hafenarbeiter vorbei, die rote Nelke der Jungsozialisten im Knopfloch, mit Schildern: „Friede, Klassenkampf, Brot“. Krassin zittert. Auf dem Meer Segel wie Glas. Der Marschtritt der Proletarier donnert fern schon aber deutlich. Im knallweißen Licht der Laternen stehen kleine Huren mit Zigaretten im Mund, pfeifen mit blutroten Lippen durch die Zähne.
Das Tor des Varietés klafft mit einem Tusch und Trommeln und speit den Kommis heraus, er geht steif und schwankend mit einer dicken Sau und schaut hochmütig um sich. Krassin hat den Hals eingezogen, denkt nach und geht neben mir, bescheiden, vieles wissend, ein wenig hinkend, bis zu meinem Hotel.
Am Morgen kommen drei Schweden, Ek rauh, Lilljeqvist mit faunischem Adlerkopf und Glatze, Davidson schön. Krassin kommt nicht.
Wir fahren zwei Stunden, es kommen Wiesen. Am Wald liegen sechs Villen. In der ersten Wiesenhürde üben Hindus, rösten Kaffee und rauchen. Am dritten Tor an der dritten Umzäunung legen Ek und Davidson die Oberkleidung ab, verschwinden in der Villa, kommen in einem knappen Nationalkostüm zurück und üben mit Geren und Steinen, während Lilljeqvist auf dem Buckel liegt und raucht.
Ich gehe beiseite, ziehe einen Brief und lese. Ich erröte, es wird mir warm plötzlich, ich atme rascher, schaue mich aufnehmend um. Ich schlendre weiter, Chinesen und Amerikaner rufen sich einen Slang zu, weichen mir aus, wie ich mit Händen in der Tasche herankomme. Ich gehe durch die Mädchen, die einen Reigen hin und zurück sich werfen, melodisch, mit einem Schwedisch, das ich nicht verstand, auf einen Mann zu, der vor der sechsten Villa stand.
Er war athletisch, ein Vierziger, und, wie er sich bewegte, zog er die Hüfte mit herunter. Ich ging auf ihn zu, gab ihm die Hand. „Grüße meines Bruders“, sage ich. Er hob den Kopf, der ein wenig zitterte beim Hören, nahm den Namen auf und nickte, drückte mir noch einmal die Hand.
Nach zwei Stunden, wo wir zusammen waren, wo er mir alles gezeigt, was die Sportschule seit dreihundert Jahren geleistet, erwähnte er ihn einmal, wies einen Stab, mit dem er den bekanntesten Chikagoer besiegt. Dann gingen wir hinüber, wo schwarzweißes Rindvieh mit praller, glänzender Haut uns dicht umdrängte; wir fahren mit den Händen darüber, es scheint die Sonne immerzu.
Am Abend lagen wir bei Feuern am Waldrand, tranken Kallskol aus Zitronen, Wein und Saft.
Ich muß vielerlei denken, während die Tanzenden zwischen den Lichtflammen zucken. Ich sehe die dünne Linie des frischen Monds an einer Pappel und ich muß denken, daß an diesen Bäumen die Tragödie des Bruders begann, hier sich sein Hirn wund rieb an den Büschen. Ich muß denken, daß Floda nahe liegt, daß vom Herrenhaus ihm die Rettung kommt, als er mit dem Pferd in den Wald reitet, daß der Wechsel bezahlt wird, daß alles gut scheint, aber sehr schlecht ist.
Ich liege weit zurück und sehe erschüttert und traurig, und doch davon wieder gehoben, die Nachtscheibe des Himmels sich immer weiter und tiefer über das Meer hinausschwingen.
Ich habe seit Jahren wenig gedacht an meinen Bruder, ich habe vieles zu tun, ich bin beschäftigt gewesen mit mir und tausend Dingen, ich habe nie begriffen oder versucht es zu fassen, warum er sich selbst, nachdem die Bagatelle beigelegt, hinausstieß.
Ich denke darüber nach und fasse es nicht ganz, aber es arbeitet in mir weiter, auch wenn ich nicht nachdenke, ich fühle es genau. Der Boden, den er betrat, das Laub früherer Sommer, das er berührte, verbindet mich eng mit seinem Schicksal.
Ob er barfuß durch Kalifornien läuft, auf Akkord in Steinbrüchen der Kordilleren arbeitet, wieder ohne landen zu können als Boy vorm genuesischen Hafen immerzu liegt, ich spüre sein Leben hier, ich kann ihm nicht helfen, ich bin unglücklich darüber. Ich habe manches Unrecht an ihm getan, fällt mir ein.
Am Morgen holt mich Davidson. Ich fahre froh nach Floda, ich will, kann ich nichts anderes, wenigstens diese Kleinigkeit des Dankes dem Bruder schön vollenden. Ich habe die Unruhe zurückgelassen, die die erzwungene Pause mir auferlegt. Ich fühle mich nur wohl, wenn ich in die Bogen, die ich selbst gerichtet, von Handlung zu Handlung mich spanne. Aber ich habe diesen Tag keine Unruhe, ich bin vergnügt fast, ich sitze in der Equipage und schaue auf den Buchenwald, als sei er mein.
An einer Bachecke umringen uns Damen, ich springe raus, ich weiß sofort, wohin ich mich zu wenden habe. Ich grüße die Herrin. Sie geht anmutig über den Wiesenpfad, steht vor den weißen Säulen des Herrenhauses, hebt die Hand: „Välkommen“.
Ich verneige mich.
Das Land liegt unten mit pastellener Idylle, weichem Teich und Birken. Sie sagt ein Wort: „Ebba“.
Es ist die Schwägerin. Der Gang einer Reiterin. Ich sehe ein blaues Kleid. Ich sage: „Ich freue mich. Ich bin zufrieden, Sie zu sehen.“ Die Herrin winkt, sich entschuldigend, zieht sich zurück, das Souper wird gerüstet.
Ich gehe mit Ebba weiter, immer im Kreis. Welch ein schöner Tag. Sie trägt ein blaues Kleid, geht wie eine Reiterin. Ein Kiesweg. Ein Hund. Da steht die Herrin wieder, als sei sie eine Sekunde nur weg. Sie ist in großer Toilette. Neben ihr der Gatte: „Välkommen“.
„God dag, Sir Johnson.“ Seine Hand, bescheiden bewegt, sagt Gastfreundschaft an der Pforte des Schlosses bis zum letzten. Ich danke.
Ich gehe mit Ebba weiter, immer den Kiesweg, jetzt erst bricht etwas von dem Duft um mein Hirn, jetzt höre ich ihre Stimme deutlich. Dann ist sie wieder im Nebel. Warum lähmt mich ein Schicksal, nimmt mir den Mut, mühelos kühne Sachen zu sagen. Es ist nichts von Angriff in mir. Ich senke den Kopf. Ich sage: „Als Kind hatten wir denselben Hund.“ Ich deute auf das Gras und mache mich lächerlich mit dieser Bewegung. Mein Blut kocht aus Zorn über meine Schlappheit in meinem Kopf, ich siede, es wühlt grausam in mir. Was kann ich machen, was kann ich machen? Ich weiß nichts mehr von mir. Sie schaut mich an, die Augen sind hart, die Stimme süß und weich.
Drei Minuten gehen wir wortlos. Immer den Kiesweg. Einmal gelang es mir, ich sagte leis ihren Namen vor mich hin, es ist ausgeschlossen, daß sie es hören konnte. Welche Macht das Wort Ebba, es scheint stärker als ich! Eine Wolke brach vor ihr Auge. Das Gong tönte. Ich fühle, als risse sich die Seite wund bei mir, an der sie ging, als wir umdrehten.
Ein Gesicht, ein Männergesicht steht vor mir auf: „Der Lunch.“
Sie ist ganz weiß, ihre Augen glänzen weiß, glasig, sie hebt die Hand, deutet, ich verneige mich tief: „Mein Verlobter.“
Ich verneige mich noch einmal vor Sir Johnsons Sohn. Ich denke, dies Haus ist heilig. So hatte ich vom Morgen an gedacht. Aber ich fühle, es schlägt mir die Knochen entzwei, es macht mich kaput, ganz klein.
Vor mir, an meinem Arm die Herrin, defiliert die Gesellschaft. Ich benutze die Minute für meinen Bruder, ich flüstere: „Ich bringe den Dank eines, dessen Leben Sie gut getan.“ Sie winkt gütig mit den Augen ab, ich werde ihr das nächste Mal allein erzählen, sie lächelt.
Dann geht das Essen wie ein Rad vorüber. Ich sehe das blaue Kleid nicht. Er sitzt auf derselben Reihe wie ich. Was ist aus mir geworden? Ich kenne mich nicht.
Der Kaffee wird auf der Terrasse genommen, da sitzt sie mir gegenüber, das macht mich frisch, ich rede viel und nicht zerstreut. Es ist eine halbe Stunde nur noch, man muß sie nehmen und ausfüllen so gut man kann. Vogelschreie der Bahnen ächzen aus der Dämmerung. Das Auge Ebbas geht nicht von meinem, ich fühle es, wo ich kaum mehr etwas sehe.
Ihre Pupille und meine Pupille sind aufeinander gestellt.
Havannas werden gereicht. Das Glas färbt sich dunkel. Ich bin berauscht, als ob ich Wein in mir hätte, ich habe einen guten Tag plötzlich, ich wende mich nach allen Seiten, und wie ein Karussell windet sich alles um mich. Ich habe so leicht zu reden, „Dozent Lilljeqvist“ sage ich, „Sie tun unrecht, Baron Prittwitz, der die Ehre hat, uns zu vertreten, ist Pazifist, wenn auch aus bon sens, und hat gegen den Willen Wilhelm II. gearbeitet, der Ihr Land in den Krieg kommandierte. Als er zu Ihrem früheren konservativen Premier kam, Wallenberg, dem schlausten Krämer . . . nein“, ich wende mich ganz herum, „nein, Sir Johnson, ein erschossener Steuermann ist ein Zufall, aber Sie haben recht: die Tötung jedes Menschen ist ein ungeheuerliches Verbrechen. Aber kalkulieren Sie damit nicht in Politik. Tod ist nicht Zähler, nicht Nenner. Was tat Ihre Regierung denn, die keine andere schöne Wendung sah, als daß sie zwei Tage die ganze schwedische Presse mit Geheul gegen Deutschland vorließ und dann zurückpfiff. Und Wallenberg, die Augen schmunzelnd, errechnete, daß mit hunderttausend Kronen Entschädigung und dreitausend Pension die Steuermannswitwe eine glänzende Lotterienummer gezogen und etwas verändert die ganze Presse der gleichen Meinung war. Das ist Verbrechen, Sir . . . Dank für das Feuer Sverker Ek . . . .“
Ich setze mich tiefer zurück, mache mich breit, ich habe im Feuer vieles gesehen, ich rede immerzu: „Hören Sie, wie anekdotisch dieses Regime arbeitet, bei uns und bei Ihnen, es ist das gleiche furchtbare System: Als der Gesandte frug, als Ludendorff ihn zwang: ob wir Munition bringen dürften nach Finnland durch die schwedische Sperrzone, sagte da Wallenberg nicht, kühl und kaufmännisch in den Bart — daß einmal ein Mann gekommen sei und gefragt habe, ob er rauchen dürfe und man habe gesagt: nein. Der aber wies auf Reste von Zigarren, worauf er die Antwort hört: das taten solche, die nicht frugen. Man verständigte sich unter Lachen. Stellte ein schwedisches Torpedo zurecht, ließ die Munitionskolonne beschießen, drei Tage die Presse heulen, dann war es vorüber.
Deutschland gab eine Million Weißwein dafür frei. — — — O Malte Davidson, dreißigtausend Tonnen Schmalz für den Hunger in Deutschland, das kam, weil eben der Gesandte Euch und sich elastisch hielt im Zusammenprall solchen Schicksals. Ohne ihn säßen Sie in Sibirien, ich weiß, er wand Ihrem König manchmal den Entschluß zu den Kanonen aus dem Hirn. Nicht, weil er es verfluchte, daß Menschen sich töten, aber weil er aus dem neutralen Lande Essen wollte für die skrophulösen Kinder . . .
„Nein Sir“, ich lächle, „der Wutschrei des Polizisten am Brandenburger Tor über Ihren Chauffeur ohne Mütze, das ist nicht das Deutschland unserer Gesinnung. Aber trotzdem, ich neide Sie nicht, nicht Ihre jungen Männer, so sehr ich den Frieden begeistert grüße, der Ihr Land beglückt. Sir Johnson“, sage ich und ich spreche mehr aus, als ich sonst je wage, „Sir Johnson“, sage ich betont und staune über den Klang, denn ich hätte nie selbst zu Siv so offen und frei in diesem Lande gesprochen, ich, der ich nie von Plänen spreche und mit ihnen die anderen anfalle wie ein Weih mit dem Vorstoß . . . „was ist Krieg Ihrer Jugend, Sir Johnson? Ein Trog, an dem sie fraß und fett ward. Gulasch nennen sie selbst den neuen Reichtum, der in falschen Konservenbüchsen kam. Fühlt sie sich nicht krank, ihre Jugend, Ek und Davidson, vor dem kochenden Gold, das ihre Leidenschaften, ihre Begeisterungen frißt? Wo habt Ihr jenes Stolzeste, das manche andere und mehr gequälte Jugend mit einem siegreichen Lächeln als Trotz und Auflehnung entgegenträgt? Eure Besten leiden daran, Weiber, Pelze, reiche Schiffe zu haben, aber kein anklagendes Echo Eurer Seele im Ohr der Menschheit. Sie haben in Schweden keine große Politik getrieben. Blieb Ihr Land neutral, Sir, war es Vorsicht von uns und von Euren Aktionären, nicht Haß gegen die Gewalt. Zweitausend Kilometer Etappenstraße nach Rußland, das wog Euch Erschreckten mehr als humane Überlegung . . . . Im Museum liegt Euer Imperialismus, Karls Standarten, Wasas Helm, ungefährlich als Rausch für Eure romantischen Jünglinge. Aber Ihr lerntet nur Vorsicht, noch nicht das letzte. Eure Gelehrten sinnen und rechnen, machen ballistische Kurven, um auszurechnen, wer Euren größten Krieger, Karl XII. schmale Abenteurerstirn, erschoß, die Feinde draußen, die kriegsmüden Schweden innen? Die Narren. Der Friede erschoß ihn. Verstehen Sie mich wohl gut, Sir Johnson?“
Ich breche ab. Bis an den Rand der letzten Minute habe ich geredet, es ist mir frei geworden, ich habe einen Zweck gehabt zu reden. Nichts ging verloren, es ist, als kenne ich das Dunkel, als verstünde ich es besser mit den Sinnen plötzlich wie den Tag.
Schwätzend, wie ein Seiltänzer bebend, die letzte Sekunde.
Ich erbleiche plötzlich.
Sie kann nicht gehen. Sie läuft schon hin, reißt ab, ich stehe auf.
Auf strahlender Diele stehen alle im Halbkreis. „Es lebe das Deutschland Ihrer Gesinnung.“ Ich verbeuge mich ein wenig vor Sir Johnson, ich verbeuge mich noch einmal tief. Ich bin mir nicht ganz im klaren, was ich tun soll, wo ich bin, ich verliere alles aus dem Auge, ich weiß nichts anderes, mich zu retten, daß ich mich noch einmal verbeuge.
Die Herrin hat den Arm auf Ebbas Schultern.
Die anderen Gäste verneigen sich.
„Gnädige Frau, ich werde den Tag nicht vergessen.“ „Farväl,“ sagt sie und nickt mit den Augen.
Nun wage ich Ebba anzusehen, ganz kurz.
Meine Augen beginnen zu brennen vor Schmerz. Die Zähne in den Lippen. Ich verbeuge mich, schaue nicht wieder auf, ich erreiche nur ihren Mund mit dem Blick, er ist weiß, zuckt einmal.
Ich folge dem Diener zum Wagen. Im Spiegel der Bahn sehe ich mein Gesicht. Welch ein fremdes Gesicht. Stürbe ich jetzt, wie schön diese Wollust.
Ich gehe gleich zu Bett im Hotel. Ich weiß noch: morgen fahre ich zu Almqvists Schwester. Nach Särö. Dann schlafe ich ein. Ich weiß nicht, wie ich schlief, ich schlief wohl sehr fest.
Das Telephon weckte mich, ich lief ins Badezimmer vor Verwirrung, dann legte ich mich nieder.
Ich nahm den Hörer vom Tisch, ich hebe ihn an mein Gesicht. „How do you do?“
„Falsch verbunden.“
Ich hänge ein. Es schellt von neuem.
„C’est le portier qui parle.“
Ich fluche, ich rufe ins Telefon, er möge verplatzen.
Eine andere Stimme kommt, aus Nebel süß und weich: „Kan jag få tala med Nr. 417?“ Ich streckte mich lang aus im Bett. Ich zitterte am Körper. Ich bin Nr. 417.
Ich will die Stimme noch einmal hören, ehe ich sie für immer verliere.
Sie wiederholt. Ich genieße es lange. Dann antworte ich; wie klanglos meine Stimme. Ich antworte nur, was sie sagt: „Ja, Fröken Ebba, ich vergesse die Bücher nicht zu senden, ich küsse die Hände.“ Da geht die Leere ins Telefon. Doch sie ist noch da, ich weiß, ich spüre es. Ich sehe sie dastehn mit dem weißen Gesicht, erfroren am Mund, und lauschen.
Doch ich darf nichts anderes sagen, ich muß es fallen lassen, wenn es mich auch vernichtet. Ich habe stets gedacht, dies sei ein heiliges Haus. Ich will keine Verwirrung in diesem Haus.
Wie unglücklich bin ich und schwach. Und doch wie getröstet. „Ich küsse die Hände, auf Wiedersehen!“ rufe ich steif und hänge ein. Ich kann es nicht hören, wenn sie den Gruß wiederholt. Ich richte mich auf unter der Badedusche, hebe die Arme, die Muskeln wiegend im Strahl — und breche zusammen: welches Glück, diese Stimme.
Erst nach dem Mittagessen kam ich in Särö an.
Vor dem hellen Sandstrand stand die Nordsee. Dann machte der Basalt eine Welle, die Häuser trug. Davor brannten mit schmalem Rasen die tausend Obstbäume. Ich ging durch den verschneiten Geruch.
Auf der Terrasse kam Almqvists Schwester auf mich zu. Ich trat betreten einen Schritt zurück. Sie lächelte mit einer sich nicht entäußernden Bewegung, ihre Schönheit streng bei sich behaltend. Ich saß auf der Klippenbalustrade vor dem kleinen Schloß. Ich frug nach ihrem Bruder, sie wußte keinen genauen Termin, noch ohne Nachricht. Sie hob die Schultern ein wenig, ich mußte warten. Ich unterließ nicht, ihr meine Bewunderung für solche Schönheit schweigend zu bezeugen.
Aber es war ein Raum zwischen uns, ich durchbrach ihn nicht, ich hatte einen Schmerz in der Brust, der mich peinigte bei jedem Wort und mich wegzog, wenn ich die schmetternde Süße der Apfelbäume vor dem aufgestählten Dunkel der Nordsee empfand. „Sie haben recht,“ sage ich hin, „Ihre Bürger sind Hunde wie alle, gnädige Frau“ und ich lächle schief und trotzig, aber ich will es nicht wissen, was geht es mich an, was liegt mir daran, daß ich ihren Vornamen gern wüßte.
Aber ich frage nicht danach. Daß sie in Norwegen skiert mit Meir Elisha, meinem Partner. O, was liegt mir daran. Ich bin da, um auf Nachricht von Almqvist zu lauern, es ist keine da. Ich sitze und rede und höre nichts wie ein phantastisch Knirschen eines Rockes immer im Ohr.
Auf der Klippe gegenüber stehen Kinder, rufen „Mur“.
Sie steht auf, nimmt die grün-weiß-orange-schwarze Decke von dem Teetisch, winkt hoch damit. Die Kinder jauchzen, kriechen wie Ziegen weiter mit den kleinen Spitzenhosen.
Auf der geschorenen Steppe ins Land hinein spielen Engländer Golf. Weiße Männer liegen unten in den Segelyachten. Ich stehe auf, lege die Hand über die Augen und sehe lang in die gläserne Bläue. Ich vergesse, wo ich bin, ich drehe mich um: „Ich sah Ihr Stadthaus, gnädige Frau; darf ich es sagen, die holländische Backsteinrenaissance hat eine asketische Linie, die ich wenig ertrüge, nie eine Frau damit umgäbe.“ Ihr kristallenes blaues Auge umfährt mich ohne Ironie, sieht über mich weg.
Ich empfinde, daß alle lügen, daß sie nicht die marmorne schönste Frau Bohusläns ist; welche Narrheit, sondern, daß sie noch nicht gelebt hat und ihre Gefühle lawinenhaft hinter dem Herzschlag liegen.
Aber im Augenblick darauf schon sehe ich das Meer wieder, sie ist aufgestanden, an die Mauer getreten, was kümmert mich diese Frau, die Ruhe macht mich glücklich, überempfindsam, die Segel meiner Seele sind groß und weit gebauscht. Welcher Friede, ich will es sagen, es gelingt mir, fast werde ich mitteilsam, ein Schwätzer, ich schüttle mich und lache in mich hinein.
Die Obstbäume brennen ihr Weiß gegen die besonnte Felswand und schwingen sich selig über das im Kreis gerundete Meer. In der abgeebbten Seitenbucht liegen Völker von Möven mit ausgebreiteten Flügeln im Sand. Wir sitzen und reden und warten auf Almqvist, ich erschrecke, muß lachen, die Teetasse fiel zu Boden.
Ich muß lachen, ohne es zu zeigen (wie kühl und höflich ist mein Gesicht), ich sitze mit der schönsten Frau Westschwedens über den wiegenden Rahen ihrer drei Segelboote, und ich sehe über ihr hinter den Schaumriffen genau von den in der Brise schaukelnden Kirschästen bis zu der Spitze des Granitbergs immer eine Reiterin durch die Luft hinschreiten.
Die Kinder kommen rufend, werfen sich ihr an die Brust. Wie schön ich mit Kindern spielen kann, die ich sonst nie sah. Bin ich sechzehn Jahre? O, wie fühle ich mich von mir selbst verlassen. Sogar den Bärentanz vermag ich auf der Mauer ihnen vorzuzeigen; wie sie heulen vor Wonne. In welchen Korridor entfernter Jugendlichkeit habe ich mich mit Geschwärm und Verlieben und Spielerei schrecklich zurückverirrt? Wie weit lag das hinter mir.
Ich balle die Faust in der Tasche, ich kann ja doch nichts tun gegen die süße Gewalt, die mich von allem reißt, mich hier einen Fremden und Kranken und Unbeteiligten sein läßt, o Gott, wie schön ist die Gewalt dieses Schmerzes, den ich hasse.
Ich balle die Faust in der Tasche und greife das farbige Tuch, mit dem sie den Kindern winkte, das die Kleinen mir hineinbugsierten. Nun gut, es soll drinnen bleiben, wir lachen, ich küsse die Hand, die es mir schenkt.
Vom Bahnhof herauf läuft ein Auto.
Almqvist.
Ich gebe ihm die Hand.
Ich stehe mitten in den Dingen, dressiere die Drähte von Plänen und Absichten und Zielen bewußt und klar.
Ich schlafe traumlos und gut. Ich habe mich völlig, nichts irrt ab.
Wir fahren in der Frühe nach Göteborg, nehmen den Russen auf, steigen in den Dampfer.
Der Hafen ist stundenlang, die Schiffe haben sich in Herden hineingelagert. Als wir den äußersten Ring am Mittag passieren, zeigt Krassin auf eine der vielen flachen Granitinseln. Aus Stollen sausen elektrische Fahrstühle mit Batterien hoch, schießen, sausen tief unter das Meer zurück.
Ich lache: „Entwickelt die Erde sich weiter in explosive Kurven, wird man in zwei Jahren dies von Withe Chapel oder vom Grunewald aus beschießen.“
Da werde ich verhaftet.
In der Kajüte verhört mich der Kapitän. Er ist zu dumm, die Vorzüglichkeit meiner Papiere zu kapieren. Ich kümmre mich nicht um den Ochsen, stehe wütend an der Wand. Die ganze Mission steht auf der Wippe. In diesem Augenblick finde ich mich klar zurück, abgeschnitten liegt das Nebelhafte von mir, ich strecke mich, bin wieder ein Kerl, kühn am Kopf, fühle die Muskeln um den Rumpf herum sich dehnen, ich trete vor.
Da klopft es, herein mit der Lässigkeit des Befehlenden kommt Almqvist. Der Kapitän erhebt sich sofort, das feige Schwein. Der Zwischenfall wird wie eine Kartenpartie erledigt. Zur Entschuldigung wird Kaffeefrühkost auf dem Kapitänsverdeck aufgetragen.
Im Kreis der Offiziere, fettem Fisch und Aquavit fliegen die nackten Ursteine vorbei, manche haben Häuser blau und rot, andere fahren vorbei mit singenden trocknen Fischen an Drahtseilen klappernd. Das Nackte der Steine verblaßt in gespenstische Blasen, das Panische stützt von ihnen gegen den von Wasserzartgrün und Segel musikalisch tief gefüllten Horizont. Die Eidern stehen mit Geschrei darin. Aus einem Kessel von Granit, der sich öffnet, schießt schräg zwischen den moosgrünen glatten Felsen ein dicker, geschwängerter Segler mit viereckig braunem Tuch, die Metallhörner tuten.
Um fünf Uhr legen wir an bei Marstrand.
Von unserem Hotel sehen wir vier Seiten Himmel, überall See. Zwei Tage studieren wir mit den Gläsern die Gruppen, die Gewohnheiten, die Lagermulden, die Badeplätze, Frauenbeine, Männerkostüme. Almqvist spricht mit vielerlei Menschen, läuft in den Garten, macht lange Gänge, schreit zum Fenster hinaus: „Halo . . . så ni säger,“ schickt den Hausburschen in die kegelhaft gestellte Spielzeugstadt unter uns, läßt Zigaretten holen, setzt den Panama auf, geht zum westlichen Strand. Manchmal mit Damen, oft allein, einmal in einem Rudel Männer. Ich sehe, die Arme zum Fenster hinaushängend, wie Damen ihm zuwinken, wie er vor sich hinschaut, grüßt, in Häuser hineinblickt, kleine Gärten durchquert.
Er erfährt sicher vieles, wenn er sich so bekümmert, er erzählt nichts, bringt Blumen mit, empfängt allerlei Subjekte.
Im Osten sehen wir einen großen Klüngel immer am Meer, der seltsame Formen annimmt. Trennen sich Teile davon ab, verlieren die andern nie die Verbindung mit ihnen, die Figur der Ansammlung läuft aus wie Tinte, verzogen wie Rosagummi.
Oft schaue ich nach Norden. Nicht, als ob ich da etwas sähe. Es ist die Richtung nur, in die ich mich wende. Ich liebe es nicht, wenn ich mich dabei erwische, ich bin sehr verschlossen dann sicher im Gesicht.
Auch sehe ich gar nichts wie Netze und Schären. An der grünen Wildheit der Riffe aber, wenn mein Blick damit zusammenprallt, könnte ein Herz wohl aufschrein. Ich glaube es bestimmt.
Mittwochs kamen die Schweden, hörnerschlank, blondgescheitelt. Almqvist besprach lange jedes Detail mit ihnen. Ich rührte mich nicht sonderlich bei den Vorbereitungen, prüfte die Klaviatur nur manchmal, ich hatte das Ganze zu überschauen, ich maß meinen Puls nicht wie Sverker Ek, ich war wie immer in den drängenden Stunden der Gefahr fast unbeteiligt, als stünde nicht ein Ruhm ungekannter Größe und Bedeutung auf dem Spiel.
Ich sprach mit Almqvist lange über diese Frage, die endlose Lüge der Geschichte, die uns idiotische Führer und geschickte Taktiker als Helden ewig exerzierte, wo wir aus der Gegenwart im Einblick in alle Verhältnisse dies Prisma von kleinster Menschlichkeit und Kohl und Lüge und dümmster Brutalität zu jeden Vergleichen an der Hand hatten und an den Märtyrern und Tapferen eigenwilligerer Ziele ganz anderes Heldentum beobachten konnten.
„Es ist Zeit, es ist Zeit,“ sagte Almqvist, als er die Fernrohre vom Hausdach richtete, „mit einem Stierstoß das Epaulettengenie aus der Historie zu stürzen und die Heiligenscheine steigen zu lassen.“ Er lachte höhnisch, wir hatten am Ostufer den Bienenschwarm Männer in den Gläsern. Wir kannten jeden einzelnen, die Beziehung jedes einzelnen zu irgend einer Gesandtschaft und amüsierten uns über das Schachspiel, das sie miteinander aufführten.
Um elf Uhr gingen die weißen Hosen des Außenministers vorüber. In Badekostüm und Tenniskleidern begann die Börse. Alle heben die Nasen nach seinen politischen Vapeurs, die nach seiner Entfernung bis zu seinem Abendbummel, wie Rauchschwaden der U-Boote nach dem Tauchen, den ganzen Tag geballt zurückbleiben. Die Spionagezentrale des Stockholmer Grand-Hotel, die ihm hierher gefolgt ist, schwitzt, nachrichtgeil, vermanscht die Atmosphäre zu Meldung, sie langweilen sich und spielen sich weiter die seit zwei Jahren vorgespielte Rolle vor, der eine Davoser, der andere staatenlos, der andere Neutraler, refraktär, krank, desertiert. Sie fluchen auf den Außenminister, daß er die Klippe als Bad nahm, sehnen sich nach den Bars Stockholms, nach Royal, Hasselbacken, Rosenbad, nach Autos, Kokotten, Telefonen.
Sie haben die Nordsee peinlich in den Nüstern, es spielt sich schlechter vor der wilden Kulisse. Sie kennen jeder einander genau, jeden Atemzug, alle Vergangenheit, sie lügen sich täglich an und glauben sich täglich neu, sie sterben vor Gähnen darüber. Hätten sie wenigstens Frauen, es sind keine Mondänen da.
Die Schweden klatschen in die Hände vor Vergnügen, wenn das Spiel im Sand, von uns vorhergesagt, nach den jeweiligen Berichten der Zeitungen, mechanischer als ein Flohzirkus funktioniert.
Das Eigentliche vollzieht sich allerdings nur deutlich für den Kenner: wie zwei sich bewegen oder beobachten, am Lauern, am Ansprechen. Oben in der Wirklichkeit sind alles nur Ausländer, die sich sonnen. Alles elegante Gentlemans, die baden und höflich sind und die Formen der Welt respektieren, im Kopf ein Nichts an Hirn, im Bauch Hunger und Trieb.
Unter dieser Oberfläche geschieht das eigentliche Techtelmechtel:
Ein portugiesischer Gestus trifft einen wienerischen, sie feilschen zusammen: Zigaretten am Balkan, Orangenladungen in Lissabon, die Finger spreizen sich. Da sagt ein amerikanischer Mund, steif gezogen, Höfliches, reicht ein Streichholz und ist verbindlich . . . während im Untergrund das Herz anschreit: „Du Sau der tyska legatione . . . Amerikahund.“ Beider Augen messen sich: wieviel Ladungen Munition im Monat der eine Blick . . . wieweit die Ernährungsfrage im Herbst der andere. In beiden Brusttaschen Banknotenbüschel! Ein bulgarischer Kalkül stellt einem englischen ein Bein, lockt ihn in die Falle, bekommt steife Prügel, saust heraus, blamiert . . . oben sind die Köpfe der beiden unberührt, der eine überschlägt, daß er durch die Blamage tausend Pfund verloren, der andere, wie er den abgeblitzten sich zu Diensten fängt.
Alle Köpfe haben einen Zug Gier nach Geld, das ist das Gemeinsame.
Eine türkische Stellung wird beim Zeitunglesen verschachert gegen eine Nachricht vom Zentrum Lenins. Am Telegraphenamt sind alle bestochen. Abschriften sämtlicher Telegramme zirkulieren jeden Tag, alle Chiffern sind bekannt, harmlose Telegramme sind die beliebtesten, da sie drei Deutungen haben. Zwischendurch Poker, Bar . . . bac . . . ma tante . . . vingt et un . . . die Karten fluschen.
Abends ist mancher plötzlich reich, nicht an der Roulette, das Spiel von Ehrgeiz und Bedeutung geht über dem gesellschaftlichen. Da klotzen die Köpfe brutaler, stierer sich ins Weiße: Kanonenpräzisionen, Abordnung von Führern, ein auslaufendes Kriegsschiff, Flammenwerfermodelle, Atmosphäre des Eßdrucks gehn als Tip.
Da sitzen die bluffigsten Karten. Zwei Jahre noch Kriegsgewißheit (wie stehn die Nerven drüben, Freund?) und Industrien schnellen göttlich hoch. Zusammenbruch pleite, aber welche Chance bei Voraussicht. Eine Offensivmöglichkeit wird einem schwarzblauen eleganten Conte abgeknöpft, auf zehntausend Tote kalkuliert, Zurückschrecken, auf siebentausend falsch frisiert, das zieht, in den Kabel gegeben, den Toten zu einer Mark, am Abend als Gewißheit weiterverkauft gegen Fettrationsnachweis, Kupferlösungstabellen, Salvarsanschmuggel.
Äußerlich schlenkern sie die Arme, schleichen sich gegenseitig unauffällig nach, wünschen sich die Pest in den Schlund, lächeln süß, duellieren sich selten, innerlich lauern sie, sind angespannt, aufgezogen, Federn, Pistolendrücker, Minenexplodeure.
Am Abend gehen die weißen Hosen des Außenministers am Strand zurück. Die Blutbörse reguliert sich neu. Die Spionagezentrale sucht die Telegrammzellen auf. Über Lissabon, London, Berlin, Washington, Wien, Paris, Mailand, Pest geht ein Nachrichtregen nieder. Sieben Armeen kämpfen weiter, Tag um Tag, gut informiert, aufs beste bedient. — — —
Wir scherzen, lachen, zeigen uns dies und jenes, der Tag ist hell, wird immer weicher. Die Fernrohre kreuzen sich, sehen aus wie Maschinengewehre, wir trainieren unser Handwerk, wir sind sehr vergnügt, machen Skizzen und Notizen. „Siebentausend Moslemin,“ knirscht Ek ironisch. „Viva el Peru“ rufen wir und machen sie nach. Wir singen, weil es so schön ist: „Happy day, ha—a—a—ppy day — —. When Jesus washed my sins away.“
Lilljeqvist hat eine Segelmütze auf der Glatze, wir sind in bester Stimmung, unter Scherzen geht der Morgen hin. Ein heller Tag. Auf der westlichen Klippe gehen wir ins Meer, zweihundert Meter weiter schießt der Halbbogen der Fjords wieder heraus, da gehen die Frauen ins Meer, kupfern gewölbte Schatten liegen vor einer Schäre, der Wind hat nachgelassen, traumhaft abgebogen stehen Segel vor dem sinkenden Kreis des Horizonts.
Almqvist hat die Unterredung durchbrochen, das Genießende und Schöne ist aus seinem Gesicht verschwunden, er ist verzweifelt, er geht auf und ab, die Frauen schauen herüber, er wendet sich an uns alle, das Meer, die atemblaue Seligkeit der Luft:
„Ha,“ sagt Almqvist, „was Jaurès, was Pétain, was das ganze Schachspiel . . . Bagatellen für Affen. Die Erde ist in den Äquator der Abrechnung eingelaufen, was? Die Fahrt in das Dunkel hat begonnen, die Kugel knallt in das Chaos. Ha . . . wie hängen die Dummen noch ungelöst an ihren Bettwärmern, ihren Seelenkitzeln, ihren Kompromissen. Der Bruch geht verflucht durchs Ganze. Schöner Tag, Ek, süße Bläue, Krassin!
Aus für uns.
Die Lichter sind ins Dunkle geflaggt. Ha . . . und keiner sieht in verlogenen Räuschen von heute schon den Schluß. Unerbittlichkeit, i . . . i, Nachdenken Ek. Nichts wird hinübergerettet. Die Weiber mit kostbaren Dessous, die lachend vor Spiegeln stehen, von Steinen voll gepflegte Hände, Salbenhaut, die in Kissen feucht wird. Autofahren, sanfter Luxus, der reizvoll die zarte Erdoberfläche malt . . . betrügt Euch nicht. Der Zeitbulle rennt sich seit vier Jahren die Hörner ein, auch die Gazellen werden damit verrecken müssen. Putzt die Lampen auf für andere Jagd. Ob die Zeithörner blasen oder Frauenbeine spielen, erschöpft für diesmal die Frage für das Säkulum. Im Katastrophenschacht der Sternbilder, in den wir einfahren, ist der Ernst und die Grausamkeit verdammt en vogue.
Ha . . . süßer Tag, Ek, milchweiße Silberränder in der Luft, man wird den Schönheitszauber mit Keulen zerschlagen. Ob ich ihn geliebt? Wie habe ich ihn genossen. Einmal wird Schönheit die zackige, rohe Erde erlösen. Nichts ist das aber vorderhand für uns.
Wir werden keine Freudelagerfeuer des Sommers an dunklen Julifjorden entflammen. Städte werden zum Osiris gefeuert und der Mond auf Leichenhügel geknallt. Schwelgerische Sternnächte werden ohne Regatten rauschen, Ebenen nicht mehr verzücken, Meere nicht zu Begeisterung schlagen, Seen zu keinen Frauenräuschen treiben, dampfende Schneefelder unter flamingoner Röte nur im Traum noch schweben . . . aufgespreizt dagegen, mit gußeisernen Kolben wird dem Zeitauge das Plasma ausgeschlagen. Tritt in den Brustkorb dem schloddrigen Gerippe. Knackt die Schulterblätter der duftenden, innen verwesten Kokotte. Ab mit dem Geschrei der greisen Äffin Europa. Die Erde hat . . . hat ein elefantisches Toben angenommen.
„Nach uns erst, Ek, werden die Nymphen wieder steigen, wir sind leider bei der Reinigung und der apokalyptischen Dusche.“
Er hört nicht auf zu lachen, seine eleganten Hände pressen sich immer wieder auf die Knie, der Oberkörper schüttelt sich, er kann sich nicht fassen. Er bekommt langsam sein Gesicht wieder, die Maske wächst ihm vom Kinn zu den Augen.
Ich sehe durch sein Lachen den Krampf, wie sein wundervolles Leben sich ablöst von dem Leichten der Zeit, dem es anhing mit allen bei diesen Gaben und solchen Fasern lebenden Gefühlen. Ich fühle den schicksalshaften Tenor seines Blutes, etwas steigt, begreift in mir eine Sekunde das Ganze, dann vergesse ich es wieder, sehe nur das Nahe, spüre mich feig und kneifend, aber hell und voll Ehrgeiz zusammen, ich kann es nicht ändern, ich kann ja nicht tauschen, ich höre nichts als immer in jeder Sekunde durch den Granit den Herzschlag des Meeres herauf mit einem einzigen Klang: Ebba.
Alles erfüllt es, alles beglückt.
Ich habe die Bücher nicht einmal gesandt, ich kann ihren Namen nicht nennen beim Händler, ich kann ihn nicht aussprechen, es ist schon so fast zu viel. Sie wird am Fenster stehn irgendwo, ich sehe es deutlich, sie wird am Fenster stehen und warten. Keine, keine Verwirrung in diesem Haus.
Ich wende mich ab, ich wende mich von ihr, was soll ich mit diesen Gedanken? Ich schelte mich feig, ich strenge mich an, Almqvist zu erreichen, ich will seine Klarheit, ich winde mich darum, sie zu fassen, aber, ach Gott, warum sehe ich immer die Frau da am Fenster?
Ich kann noch nicht. Ich bin noch nicht so weit.
Wir gehen über den Steinhügel der Insel. Kanonendonner gespenstisch im Kattegatt. Ein Fischerboot saust unter englischer Mine vor den Schären in die Luft. Die Bojen läuten. Leuchtfeuer taumeln durch die mit weißen Sternen durchzischte Luft. Der Mittag wellt dunkler gegen das Moos, die Möven rennen tief nach dem Wasser zu.
Almqvist legt den Finger an den Mund.
Die Schweden schwenken ab, mit den Händen deuten sie noch einmal nach verschiedenen Stellen, beschreiben einen Bogen, verziehen den Mund, lachen, entfernen sich, Steine nach Vögeln werfend.
Ich liege auf dem Hausdach.
Mit dem schärfsten Rohr beschaue ich die Sammlung am Ostufer, dann schleiche ich nach, ich komme hinter einem Felsen her, erwische den Rücken einer alten Badekabine, deren Dach schräg auffährt, ich drücke mich platt an. Unter mir bewegt sich das Gekribbel, alle starren ins Land hinein.
Ich sehe Almqvist kommen, er schlenkert mit den Knien, bewegt die Schultern lässig, den Mund gespitzt, der Panama schaukelt in seiner Hand.
Unter mir macht Boissant zwei Winke, in der allgemeinen Verwirrung entfernen sich die Türken mit dem Bulgaren. Boissant bleibt breitspurig stehen, die Hände in den Hosentaschen, die pomadisierten Haare in die Stirn gebürstet. Plötzlich, je näher Almqvist kommt, begrüßt er ihn zuerst mit einigen Schritten auf ihn zu, und als die anderen nachdrängen, wird er immer kleiner, unansehnlicher, das brutale Gesicht wird säuerlich weich, die verdellerte Stirn mit den schrägen Augen versinkt in Falten und einen weinerlichen Buckel, er benutzt die erste Möglichkeit, mit den beiden Alliierten ganz allein zu sein, versucht aus dem Nadelkissen der Spionenschwärme herauszuglitschen, verschwindet nach der Klippe zu . . . . geht in unsere Falle.
Ich bekomme Klopfen im Hals, seine Entfernung wird bemerkt, Blicke kreuzen vieldeutig in der Richtung, der Wiener Beauftragte murmelt „ja schaugts“, schon heben sich die Beine, manche springen auf.
Da nimmt Almqvist die Sekunde, gestaltete sie mit seiner Verführerischkeit, es erweckt keinen Trotz, mit dem ganzen Zauber seines Wesens zieht er unwiderstehlich die Geliebte eines englischen Geschäftsträgers gegen seine Hüfte:
„Frauen“, sagt er erstaunt. Sein Rücken lehnte gegen einen Strandkorb: „Sie haben wenig Frauen, meine Herren“, sagt er spielerisch und zieht sie in seinen Tonfall und ich zittere unter seinem Tonfall, weil ich darunter sein anderes Gesicht immer erblicke. „Sie haben die kleinen Hasen mit Recht vergessen, die kurzbeinigen, mit denen man spielt, die man nicht liebt. Welch allersüßestes Kompott von anderen Frauen könnten Sie auf der Klippe servieren.“
„Dinieren Sie“, ruft mit steifem Blick der Engländer.
„Frauen“, sagt Almqvist. „Französinnen, da geht eine Welle von der Gosse bis zu den royalistischen Dessous. Ich diniere voll Vergnügen. Gekrümmter Bizeps: man hat sie alle. Sapristi. Schönes Geflügel, doch man fängts nur vom Blut aus. Nimmt man sie als Weib, vom Weibsenhaften her, hat man jede. Dann können Sie vornehmen, was Sie wollen, und jede Académie des Dames bei jedem Essen mit ihnen vollführen. Die Wege sind egal, solang sie so erfochten werden. Verlieren Sie die Luftschicht, arbeiten Sie mit Gedanken und Tricks, ist es aus. Narren glauben nur, Liebe sei nicht Talent, weil Frauen manchmal auf Idioten reagieren. Verhängnisvoller Irrtum, die Idioten waren einfach die Begabteren. Wüßten die Schreiber sehr erlauchter Bücher, die oft mit unmöglichen Weibern leben, wieviel trächtige Instinkte es bedarf, welche Wollustbarometer, welches Training und welche Disziplin, wie man führen, folgen, verlocken, zurückbleiben, lange zögern muß, dabei immer in Siedenähe der Seelenatmosphäre der Frau, wie man vorstoßen, mit Maß überwältigen, göttlich disponieren muß . . . . . . um nur das anonyme Straßenmädchen Chichette, die kleine Bürgerstochter Anna zu verführen . . ha . . . . . . . diese Schreiber, deren ich das größte Amüsement bei ihren Büchern habe, stiegen von ihrem Hochmut sehr rasch zu den Sansculotten und fühlten sich den dem Blute viel näheren Abenteurern wahrhaft gegenüber als Nichts und Null. Französinnen. Ich diniere als Hors d’oevre, Dessert und Entremet. Diese Frau ist ein Meer, der begabte Mann kann sich Legion der Vielfalt aus ihnen machen, ein gutes Material des Weiblichen, wo aus der Stimmung der Sekunde das Entsprechende grilliert wird. Doch man muß gestalterische Phantasie und viel Einfluß haben, Rezepte aus dem Augenblick saugen und die Soßen genial verrühren können. Der Unbegabte nur, meine Herren, geht an die Frau wie an ein Schiff, liest den Namen, betritt es, und es ist ihm gleich, oder er nimmt es für seinen Verdienst zufrieden, heißt es nun Lutetia 4, ist’s Demut, ist’s Glückliche Meerfahrt. Beschränktheit und Trottelei. Casanova beherrschte als letzter Souverän das weibliche Alphabet, gab seinen Frauen den Namen, den er beliebte und den Charakter, den er vorzog. Er verstand auch, was aus der Französin leicht, bei anderen sehr schwer, aus Hüllen von Schmutz und Silberfuchspelzen, aus Palais und Hafen und Kulisse, Gesellschaft und Gosse jenes Blasse, ein wenig Stöhnende herauszuholen, immer wohl das Gleiche, aber jedes anders überspielt, anders gestaltet: das Weibliche, la femmelle, was man lächelnd, aber nie ohne zu erbleichen, auf dem Grunde des Frauenhaften suchte.“
Er hat den Blick fest in dem des Engländers.
„Dinieren Sie,“ sagte der Engländer mit steifem Blick.
„Ich diniere voll Vergnügen“, sagt Almqvist. „Ich ziehe es vor, Norwegerinnen mir zu dispensieren, schlimme Knöchel. Däninnen Austern, feine Hüften, keine große Sache, oft grau im Teint, Salzwasser, man muß Zitrone hinzutun. Schwedinnen haben Rasse und Charme wie die Französinnen, sie kommen ihnen am nächsten, sind sogar besser gepflegt, nicht mit Puder und Rotstift, sondern von Gymnastik, mit ganz famosen Beinen und Aprikosenteint. Es geht nur ein paar Jahre, dann erkaltet ihr Arom. Immerhin werden sie komplizierter, weil sie ohne die französischen Retuschen, Parfüme und Toilettekünste arbeiten. Denn ihr Falschheitsattribut ist also mehr im Inneren, sozusagen Seele, während bei den Weibern der Boulevards und Impasse, ungreifbar jedoch zu dressieren, auf Busenwarze, Fußzehe, Bauchlinie das Seelenhafte sich herrlich vollzieht. Der Liebhaber und Amateur kann der Skandinavin daher nicht in Reinkultur der prallen Männlichkeit kommen, es braucht etwas Hirn, ein wenig Intellekt. Schon braucht es grobe Mittel, dem Amateur wahrlich Verächtliches: Logik, Strafe, Züchtigung. Wüßten die Frauen, die, statt groß und frei sich zu geben, dumme Seelenkulissen dazwischen bauen, wie der seelenvolle Mann gleich Mondschein ihre prüden Bewegungen widerlich findet, sie kaprizierten sich weniger auf „Werben“, „Sicherringenlassen“, auf Seelenpflaumen als überraschendes Zwischengericht und Intellektkrebse zwischen Salat und Huhn. Während sie glauben, raffiniert zu sein, machen sie nur abscheuliche Rezepte, rühren Ei und Öl und Preißelbeeren an einen und denselben Fisch. Das fabelhafteste Menu ist das natürlichste, ohne Hemmungen, aber mit der Lust am Speisen. Seele kommt dann von selbst nicht als Eis, aber als Atmosphäre, denn wo wäre Seele nicht, wo Harmonie sich löst. Rutscht der Frau unseres Jahrhunderts und unserer irrsinnigen Erziehung, meine Herren, die Welt ins Hirn, so können nur Dressuren sie sanft machen zu Beefsteaks der Liebe. Ich kenne die europäischen Küchen allesamt, die Art des Klopfens ist überall dieselbe, (lediglich die Nomaden Ungarns belieben Fleisch manchmal noch unter den Sattel zu legen). Man treibt das Hirn ihnen so aus, sie erkennen unter Schmerzen das Schöpferische des Mannes, werden seltsam anschmiegbar für ein paar Stunden. In Esprit sich und die Liebe verwickelnd, sind sie von Stimme und Gebärden Hyänen, aber mit welcher Grazie spielt nach der Prozedur des Dressierens man mit süßen Katzen. Dabei sind die Intellektuellen ohne jede von ihnen so erstrebte Dämonie, sie sind nur komisch, meistens bös, nie gefährlich. Dazu sind sie zu dumm, weil ihr ganzer Apparat ja männliche Kopie ist, ihr Bestreben männlichen Geist mit maskulinen Mitteln zu imitieren, und sie dabei die typische männliche Dummheit gegen die verstrickendere ihrer reinen Weiblichkeit eintauschen. Arme Dinger, sie würden nie Schnaps trinken und Pfeifen rauchen, weil die Männer in Scharen Wettlauf von ihnen weg begännen, aber in den Regionen des sogenannten Geistes sind sie instinktlos wie kein Tier. Was Sie dumme Ziege nennen, kann mir Kosmos und Schicksal sein, Bestimmung und Verhängnis, kann in manchen Momenten mich um den Finger wickeln, wie einen Wurm. Ich fliehe, weil ich gebildet bin und Frauennähe brauche, geistvolle Frauen. Die Dame mit Literatur verräuchert, Kunst weich kauend, geht trotz bestem Magen auf die Darmnerven, macht totkrank bei halbstündigem Tee. Mit einem Barmädchen Lilly fuhr ich bis Kairo. Daher sind die Asiaten und Afrikaner so herrlich. Haben Sie schon einmal mit Abessinierinnen gefrühstückt, Palaumädchen zwischen den Wellen der Brandung nachts Melonen essen sehen? Das ist pikanteste Küche: Milch, Honig, Traube und Kokos und Ziegenlende. Haben Sie Negerinnen auf Gäulen durchs Gras reiten sehen, das sind die schönsten Frauen, gelehrig wie Papageien fahren schnatternd den Fluß mit einem herunter, während im Wald es schreit und dröhnt. Auch ist ihr Odeur extravagant, wenn man nicht den Schlag von Kapstadt nimmt, der ist Bruch. Aber nicht jeder verträgt diese Atmosphäre, man ist bei uns zu festgelegt auf gebadetes Fleisch, statt das Wechselspiel von Haut und Luft zu bewundern. Doch muß ich eine Warnung hinzufügen, sich nicht zu sehr der Biskuitschönheit der Javanerinnen hinzugeben, deren Talmianmut verderbter europäischer Grazie nahekommt. Beine und Brüste sind lange nicht so gut wie bei Schwarzen. Das andere ist Bluff. Sie drehen große Augen auf, das ist alles. Man stirbt vor Langeweile oder wird Buddhist. Die Spanierinnen sind von ähnlichem Filet, man kann sich mehr Vollendetes auch in den seltsamsten Kühnheitsstunden der Phantasie schwer denken, die Caballeros stehen an den Gittern und erregen sich an den Damen hinter dem Fenster, sodann zünden sie Zigaretten an und gehen ins Bordell. Haben sie endlich eine Dame durch Heirat, sind sie nach zwei Monaten wieder dort. Mondaugen und ideale Büste, braune Marmorschenkel und süße Hüftlinien genügen doch nicht ganz, wenn das Blut stickig geworden. Wo ist in Europa sonst noch ein Typ? Russinnen verstehe ich nicht, davon rede ich nicht, hier gar nicht. Italien weich und süchtig wie Gelee und dunkle Marmelade. Am Balkan Gehetz. Die Cuisinen duften Paprika, Knobloch und grünen Pfeffer. Sonst wie mit Hunden gebalgt ist alles, Beißen, ein Knäuel, man läuft auseinander, schimpft. Schöne Spielerei und immer Getös, man wendet sich bald ab, zieht Fußballspiel und Hockey vor, welcher Sport auch reinlicher erhält das Gemüt.“
„Dinieren Sie,“ sagte der Engländer mit gehärtetem Stimmuskel. Er saß zum Sprung. Almqvist hatte seinen Blick in dem seinen wie in einer Fessel. Er zog das eine Auge herunter. Wie furchtbar spielt er die Komödie!
„Nur die deutschen Aristokratinnen sind appetissant. Da ist Zucht, zwar geistlos, aber heftig in Rasse, schmale Hüften, Tennisbeine, dünn und zäh, ovale Köpfe. Etwas vom elegantesten Tier, der Giraffe, und einiges von dünnem Stahl. Soviel Federndes ist darin, daß man sehr hohe Ereignisse mit ihnen erreicht, daß man bis an die Mondhügel und die Milchstraße schwebt, verzückt. Doch das ist Züchtung, man erreicht es nur im auserwählten Fall, meine Herren, das Landläufige schlägt Sie mit Entsetzen, ein Schreck zwischen Sentimentalität und zu kurzen dicken Beinen. Der Schick geht nicht bis auf die Dessous, wo er erst beginnen sollte. Ein fatales Souper an der Spree, ein nur durch südlichen Himmel gemildertes in München. Nur Düsseldorf oder Mainz sind geprickelt, dort mischt sichs mit Niersteiner, französischen Rotis und Rheinwind. Die anderen verstehen die Soßen nicht zu präparieren, es klebt aus Wasser und Schmalz und Mehl. Sie wissen nicht aufzuduften herrlich zugleich nach Apfelblust, Meer, Houbigant, Kirsche, Roquefort, Chablis. Sie haben nicht Reizsinn, das macht, daß die pikanten Entremets fehlen. Das Souper ist ohne Würze. International leider als Kapitalanlage verwandt. Da von Genuß nicht die Rede mehr ist, geht bei der Dirne daher schon der Zynismus um, daher ist diese Atmosphäre auch jedem, selbst übelsten Ansinnen offen. Dies Essen allein verläßt jeder ohne Dank, ohne Erinnerungshauch, der köstlich noch nachschwebt aus der Morgenröte, dem samtnen Gestammel, kalt wird es verlassen, was selbst den Japanerinnen, die quälen, nicht passiert. Auf dem Düngerhaufen der Welt modert dies Überbleibsel, getreten in London, in Bordellen Südfrankreichs, roh, heiser, in den Anlagen Buenos Aires, auf den Boulevards. Hin und wieder steigert das Mütterliche hingegen sich zu Güte und Brille. Man steht erschrocken vor Sympathien, die einem unerträglich sind. Auch gibt’s spielerische Abarten, Blutmischung von Polen, Prag, Elsaß. Da liegen Kegel Luftschicht flüsternd um die Leiber, was wichtiger wie Frou Frou, Pelz und Seide. Da geht ein Kampf immer mit Stummheiten, Abwehr, Hieb und Einsinken zwischen Wünschen, Männerblicken und dem Weib, Lustfächerspiel aus Luft. Besonders aus dem Österreichischen her, Genies der Haut, Hasen, an denen die Lust sich reibt, riechen wie Klee, schnuppern. Schwierig, die mit Seele, man will sie nicht, aber sie möchten auf diesem Umweg bezwungen sein, man hat ein Lazo um den Hals, ich wage nicht, Sie mit den tollen Einzelheiten der Flucht hiervor zu langweilen, Sie ziehen eindeutigere Einzelheiten vor. Man speist nicht Straußeneier, weil sie selten, sondern man speist Kibitzeier, weil sie selten und dazu sehr gut“.
„Dinieren Sie,“ sagte der Engländer.
„Asiatische Würze in europäischer Flaconnierung, ich setze mich gern zur Tafel“, er zog die Engländerin herüber, spielte mit ihrem Haar und übersah den Rufer. „Heißt das Essen Adler, hat das Exemplar leicht kurze Beine, ist jüdisch, wird dick. Da hat sich Vorderasien schon ganz an das bürgerliche Europa angeschlossen, aufgegangene Kaprizen in Sackfett bourgeoiser Ideale. Heißt’s aber etwa Guzman, kommt es aus Spanien über Saloniki, ist schmal, hat kein Ghetto gehabt, zäh, geistig und voll Charme. Vielleicht das Höchste, was es gibt: Hirn plus Blut. Aber in der hinreißendsten Grazie serviert. Internationale Aristokratie. Ihrer Tradition Chefs waren, als unsere Vorfahren in Pelz und Barett noch schwitzten, gepflegte, untadelige Gelehrte und Künstler in Katalonien. Serviert man Frauenkompott, darf die herrlichste Jerichospeise nicht fehlen. Man wird immer wieder zu den Jüdinnen zurückkehren, zu dem Hafen, den Intellektuellen der Freude. Erotische der Ideen, Glühende nach Ziel und Triumph. Dasselbe, was Anarchistinnen treibt, ist ihre Umstrickung. Dazu sind sie einfältig, fast primitiv, im intimsten Moment. Lasterhaftes und Wille, sich für einen töten zu lassen, Adel und Ausschweifung, Königin und Dirnengeschwätz, dolchscharfes Hirn und Akkumulator der Gasseninstinkte — — das fließt fabelhaft ineinander, man vergißt diese Frauen nicht. Sie sind wenig entdeckt, man degoutiert ihre Männer und sieht sie nicht. Wer sie aber erfahren hat, läßt nicht die Lieblingsmarke. Sie halten einen nicht. Ihr Trieb ist, Freiheit geben überallhin und dadurch erst recht zu fesseln. Man schlägt das Auto, etwas betrunken, mit ihr völlig in Fetzen, im Abfahren ruft sie „Säufer, du Protz“, man steht eine halbe Stunde auf der Straße, beschließt, irgendwie anders nun von dieser Nacht ab zu leben, geht zu ihr, sagt ihr’s, und findet keinen Zug, keine Falte, die den Triumph bei ihr anzeigt. Es soll sogar, so vielfältig ist der Typ geschichtet, chinesische und negerische Jüdinnen geben. Man hat die Auswahl: runde, ovale, Suaheliköpfe, Schlitzaugen, mandelgebogene, abbessinische Formung, überweiße Arme und sehr dunkle Haut, es ist von den klassischen Ragouts bis zu den bourbonischen Chateaubriands jede Nüance vertreten. Asien wird uns als Mission in die Adern getragen, Steppen, Jahrhunderte Gold des Jericho und Euphrat, Schmutz und Begeisterung und Landstraße und Silberhimmel sind in ihrer Neigung zusammen, es betäubt und man ist immer wieder da zu Hause. Hier ist das intimste Diner gerichtet, man langweilt sich nicht mit den Suppen, man will endlich einmal über die Hors d’oevres hinaus, zu Forelle und Fleisch. Sei es auch à la tatare. Auch wird man Paprika, portugiesische Sardellen, Anchovis als Würze, persische Pflaumen, Pfirsich und Brüsseler Trauben als Früchte dazu haben. Man fährt auf solchen Gedanken wie auf Äroplanen durch den Ozean von Rausch und Erregung. Ein ungemeines Potpourri von Erlesenheit der Speise ist zu den Kompotten geschichtet. Wer nach Blutstromwanderung, nach Sehnsuchtsfjorden aus ist, hat hier die wundervolle Yacht. Auf welcher Regatta es sei, führt der Liebhaber die palästinensische Göttin, großhüftig und braun, am Fock.“
„Dinieren Sie. Dinieren Sie,“ schrie der Engländer.
Da zog Almqvist die Frau auf das Knie: „Ich vergaß die Gemüse Ihrer Insel, ich bin bestrebt, ihre Lendenstücke nicht außer acht zu lassen.“
Der Körper des Engländers schoß an ihm vorbei, Almqvist hatte die Frau mit dem rechten Arm an sich gezogen, hochgehoben, war dem Springenden ausgewichen.
In der Dämmerung lief er drei Sätze.
Jagte auf der Galerie des Landungsstegs als Schatten. Eine kleine Segelyacht kreuzte gegen den Wind, legte sich leewärts an das Geländer, sie sprangen beide hinein.
Der Abendwind riß mit einer schaumigen Brise das Boot ins Graue. Am Geländer fiel der Engländer stumm um, hämmerte die Faust auf das Knie, tac . . tac. Ich sah ihn noch aufstehn, wanken vor Wut, dann schlich ich in der Verwirrung der anderen zurück.
Hinter dem Fels begann ich zu laufen. In dem Spielzeuggarten war eine Jasminwolke aufgebrochen, Kometenstücke fielen dauernd über die Granitfelsen der Ostseite tief in die weich flutenden Fjorde. Ich saß stundenlang am Fenster, wartete, sah mählich die Nacht über den Silberglanz hingehen, die Düfte immer stärker auf der schweigenden Insel nach oben sich wölben, die Uhren fielen schwer und flaumig in die dichte Stille.
Um zwei Uhr kam Krassin.
Um zehn hatten sie den endlich ungestörten Boissant nach seiner Unterredung mit den türkischen und bulgarischen Subjekten abgefangen, betäubt, in einen hollunderzerwachsenen Felshafen getragen, in die kleine Segelyacht gesetzt. Krassin blieb zurück, öffnete, kopierte die Abmachung, ließ die Kopie zurück auf dem Holztisch Boissants, genau so verfertigt, gesiegelt, unterschrieben, wie das Original.
Er gab mir das Original, verschwand lautlos. Ich ging mit ihm hinüber, las es, ging zu Bett, schlief ein.
Die Schweden kreuzten inzwischen mit Boissant bis zum Morgen zwischen der Küste und der Insel, er hatte sogar die Möglichkeit, sich mit der Engländerin zu unterhalten, „Englishman?“ frug sie mißtrauisch, die Hand in Almqvists Genick.
„Allright.“
Sie setzte sich etwas höher, weil sie schräg lagen, sah ihm ins Gesicht. „By Jove,“ sie erschrak zu Tode über das Affengesicht.
„Hallo cap, hallo cap,“ murmelte der Franzose und stierte ins Wasser. Morgens setzten sie ihn lachend ans Land. Davidson erzählte ihm, als es ganz hell ward, man habe ihn mit Krassin verwechselt und bat um Entschuldigung, indem sie ihn tatsächlich wider Willen beim Wenden am Land noch durch eine Ruderwelle bespritzten.
Um elf morgens kam Krassin. Almqvist war in Gefahr, der Text der Konventionskopie, die Krassin hergestellt, war als Fälschung stark schon in Verdacht, alles stellte sich im Arrangement natürlich auf Almqvist.
Ich suchte ihn, irrte mich im Zimmer, trat in ein falsches, da schliefen, von der Sonne beleuchtet, tiefatmend zwei nackte Menschen. Almqvists Tür war verschlossen. Ich klopfte, er antwortete nicht, schlief noch. Ich ging zurück.
Ich kämpfte den ganzen Vormittag. Ich nahm das Papier, sah es an, legte es wieder beiseite. Das Papier war von einer Bedeutung, die weit über meine Verantwortung als Mensch hinausging. Wie hatte ich danach gehetzt und gejagt.
Eine Abschrift war für den mißtrauischen Ludendorff nur Gelächter. Das Original hatte Beweiskraft. Zeigte, wie die Außenposten seiner Politik im Wind lagen, Konstantinopel nach der Trikolore lauerte, bulgarische Ohren nach London sich spitzten. Ich hatte für das Schicksal der Monate das wichtigste Papier, hielt es in der Hand.
Was war Almqvist dagegen? Das Papier brannte in mein Blut sich ein. Schicksale, Menschen, Entscheidungen wölbten sich aus ihm heraus, das Papier ging in die Zukunft. Mein Ehrgeiz öffnete die Akte der folgenden Wochen. Meine Handlung!
Ich schwieg, stellte mich vor den Spiegel. Wie kühl, entschlossen bin ich. Ich schwanke nicht, als es sich regt im Zimmer neben mir. Die Bedeutung des Momentes schneidet alles ab, es geht weit über die Rücksicht auf einen Menschen.
Ich opfere Almqvist. Ich kann ihm das Papier nicht geben. So geht der Weg. Ich lege die Lippen aufeinander. Ich bin am Schluß.
Gegen Mittag sah ich plötzlich deutlich, daß ich nur von mir aus empfand und beschloß. Die Einstellung war zu klein. Ich schämte mich trotz dem Stolz, der mich füllte. Ich fand mich häßlich, wenig unterschieden von den Schweinen der Spionagezentrale.
Dennoch lag meine Hand sicher und freudig auf dem Blatt Papier. Triumph.
Ich überlegte dann: wenn die Heeresleitung nicht glauben wollte, oder aus Schicksalszug nicht glauben sollte, half dann das Original, war dann nicht hinfällig, klein und dünn der Streit zwischen Papier und Papier? Der Zweifel fraß mich an, ich hielt ihm lange stand, er warf mich auch nicht um.
Aber ich verstand mit einem Male, daß gegen alle meine Klugheit und Entschlossenheit Mächte aufschossen, die eine andere tragische Macht als die helle Sicherheit meiner kleinen Pläne beherrschte, und wie weggeblasen und ausgespien diese oder jene Wendung mich machen konnte.
Ich sah aus dem Fenster. Stundenlang.
Dann ging ich hinüber, Almqvist das Original zu bringen.
Er war nicht mehr da.
Ich fahre nach Stockholm. Über mir schläft ein weißhaariger Priester. Ich habe die Hand auf dem Brief auf meiner Brust. Am Bahnhof steht Siv. Wolken steigen wie Ballone rund und dick und porzellanen über den Mälar und das königliche Schloß. Der Gesandte fährt mit dem Finger über die Tinte des Schreibens und trommelt amüsiert über die entzückend zugezogene Falle an seinen verbündeten Kollegen auf dem großen Karo seiner Hose, das das Knie bedeckt. Er hat den wichtigsten Trumpf, Rechtfertigung seiner in Berlin geschmähten Politik in der Hand. Seine rasche Zunge hat ein gesalbtes Öl, in dem sein scharfer Vorstoß seltsam glitzert.
Wir speisen gut. Ist der schwedische Diener mit den dicken Händen und den Zwirnhandschuhen, der serviert, draußen, klopft er mir jedesmal auf den Arm, auch wenn er anders spricht. Ich sage: „Ich trinke auf Ihr Wohl, Herr Minister, ich trinke gerne auf Ihr Wohl.“ Die Gläser stoßen an. Er macht mit Finger und Sprache das Parkett in Kreuznach, wenn der Brief übergeben ist, wir lächeln. Noch vor dem Dessert präsentiert sich der beste Kurier, er fährt sofort nach Deutschland. Im selben Zug sitzt eine Frau, die hat den Brief.
Exzellenz erzählt, wie die alte King verwechselt abends, daß er von Pyjamas sprach und Bananen versteht und das die unanständigsten Folgen in der Geschichte hat, zerlegt die Nüancen wie den Apfel, springt begeistert nach Mokka und Schnäpsen zum Rauchzimmer hinauf. Er schenkt mir sein französisches Buch über innere Politik in rotem Leder.
Ich habe es dreimal.
Ich schlafe den Mittag, sitze den Abend mit Siv im Grand-Hotel. Ich sitze am gleichen Tisch, am selben heruntergelassenen Fenster wie das letztemal. Der Geierschrei der Fjordbahnen pufft wie damals durch die Luft.
Es ist eine unheimliche Ruhe in mir. Weiter weiß ich nichts. Bis zur Beängstigung ist alles klar gezeichnet, still und gut. Ich bin bereit, mich über alles zu freuen. Vielleicht gefällt mir die Gegenwart so sehr, weil ich so wenig in ihr bin.
Ich freue mich, wenn Siv kokett die Spitze ihres Schuhs unter dem Tisch meine Wade hinaufführt. Ich nehme herzlich auf, wie schön ihr herrliches pomadisiertes Haar im halben Bogen tief die Stirne ausschneidet. Ich füge ihr den Stolz an, zu erröten, indem ich frage, ob ein Mann ihr Bein bewundert, während ich weg war, irgendeiner tags oder abends. Ich weiche der Gabel aus, die sie nach meinem Handgelenk sticht. „Willst du Rolf sehen im Varieté, Naima Wifstrand, die Katze, die Hasselqvist tanzen, die Bosse schreien, Musik, Siv, ich brächte dich gern zu Musik, du mußt mir das glauben, Siv, wie gerne ginge ich mit dir zu Musik.“ Ich will ihr Gutes sagen, ich verwechsle alles, ich sage das Gegenteil ihr immer von dem, was auf sie paßt.
Ich sage ihr plötzlich und nun kann ich wieder lachen, daß es ihr gefällt, nun sage ich ihr lächelnd, daß wir vor Hofås mit äronautischen Karten gesegelt sind und alle Klippen getauft haben, eine so, diese anders, eine aber, ich sage es ganz ernst, eine wie der Bauch einer Stute, die springt, einer weißen Stute, versteht sich, eine: Siv.
Ich füge hinzu, ich kann es ruhig ihr sagen, ich füge hinzu, in den Kniekehlen habe ich gezittert nach ihr beim Baden, denn wer ist schöner wie Siv?
Ihre Augen flattern vor blauer Nacht.
Ich füge sofort hinzu, ich kann es ruhig tun, ich spreche nicht die Unwahrheit: „Nein, ich sah keine sonst, nein, keine Frau habe ich gesehen, Siv . . . inte . . . inte . . . .“
Wir sitzen lange am Fenster meines Zimmers oben. Wir wohnen im dritten Stock. Siv ist halb entkleidet, in schönen plissierten Hosen und dünnem Leibchen sitzt sie auf dem Fensterbrett und streckt die Beine nach der Straße hinaus. Es ist gar nicht dunkel, wir hören das weiche, flutende Wasser.
Manchmal erzähle ich Siv. Dann sage ich manchmal: „Mittags sprach Per Geyer vom Schnee im Lappland, Didring schenkte mir ein Messer von seiner Expedition. In Saltsjöbaden die bronzene Tür müßtest du sehen, Siv, die Heiligen sind verrückt geworden darauf, du würdest lachen. Im Schlafwagen fuhr ein Engländer mit mir, ein alter Herr mit guter Wäsche. Wir waren beide aufeinander auf der Lauer. Doch eine Frau traf ich, Siv. In Särö. Ich weiß ihren Vornamen nicht. Ja. Die einzige Frau, die ich traf. Deine Haare riechen, Siv.“
Ich schließe die Jalousie.
Mir ist, ich trüge die fremde und stille Welt, die ich in mir spüre, irgendwie über diese Nacht in mich hinein, als ich Siv hinüberhebe in die weißen, dämmernden Kissen. Die Nacht ist lang und zwielichtig. Ich sehe alles vorüberrauschen, Tage und Wochen und Erinnerungen.
Ich bin nicht undankbar in meinem Blut. Ich stehe auf. Ihre großen Beine glänzen. Sterne überall über Stockholm. Unaufhörlicher Mövenschrei auch die Nacht. Ich ziehe den orangenen Schild der Jalousie auf. Höre Kungsträdgården brausen.
Ich schließe die Augen: Ist Mälaren nicht blau, Himmel nicht erschüttert von noch süßerer Bläue, ist nicht Fanfare das Läuten vom Turm des Södermalm? Ihre Haare sind weißblond, wie habe ich sie umarmt, Siv. Wie trägt mein Körper noch auf Jahre das Glück des ihren beruhigt im Blut. Auch dies verliert man nicht.
Ich wende den Kopf, ich lege ihn schief und fast bis zum Boden, daß ich ihren Kopf noch einmal sehe, die Wimpern, daß ich sie noch einmal ganz sehe, wie sie daliegt auf der Decke, Tochter im Namen Tors, so schön gestaltet der Leib, daß der Schlag meiner Sehnsucht sie umwarf. Ich bewege mich lange vor ihr, ich kann mich schwer davon trennen, sie anzusehen.
Es ist Unsinn, ich habe dumm geträumt, daß sie an Werktagen Schuhe verkauft in der Nordisca Companiet, es ist eine Farce, eine Lüge gewesen, die ich betrieb, ein affenhafter Witz. Ihr Vater ist Staatsrat. O wie sie in Humlegården mir zum erstenmal winkte aus dem Break, ein gelber Handschuh mit schwarzen Schnüren. Ich weiß es genau noch, ich belüge mich sicher nicht mit diesem Bilde, ein gelber Handschuh, Siv, ich trenne mich schwer von deinem Anblick.
„Ich liebe Ebba, Siv,“ sage ich plötzlich, „ich sage es nur, wenn du schläfst. Ich würde dich nie verlassen, Siv, nie ein Unrecht tun im Gedanken an dich. Du beglückst mich.
Jene ist Pein.
Ich weiß, Siv, ich besaß dich nie ganz, meine Freundin, auch in der tiefsten Umschlingung . . . wie keine Frau, die ich sehr geliebt, und bei denen das Unentwirrbare mich anzog und verstrickte. Darum liebe ich das Dasein, es gibt mir keine Grenze: Städte mit Wolken, Schiffe in Gefahr, Hauch der Obstbäume, die langen Chausseen, Jagd nach den Tieren, die unteilbare Wucht des erschütterten Himmels. Was willst du mehr, ich bin voll Sorge und Liebe für dich, Siv . . . lebe, Siv, daß Geliebtes dir fremd bleibt, du lebst dann gut . . .
Aber Ebba, Siv, ich sage es, wenn du schläfst nur, das ruft in der Nacht. Das preßt die Hände vor Zorn, das bringt zur Verzweiflung, man ringt lautlos die Hände. Das reißt tiefer hinab zu den Quellen des Bluts als dein leiser Aufschrei, dein dunkles Erstarren im jagenden Herzschlag. Ich habe sie nicht einmal umarmt. Nicht einmal dies Geringe.
Du bist schöner wie Ebba, Siv, ich gab dir mehr Beweise der Liebe wie vielen. Ich rede nicht laut von der Stimme, die kommt, die fordert. Aber sie kommt, Siv, sie kommt aus jedem Geräusch; dein Atem bringt sie, das Auto, das auf Engelbrechtsgatan stöhnt, der Mond, der Stockholm überfliegt, das silberne Tuten des Fischerhorns nahe Norrström . . . deine Haut selbst, die atmet — — — alles, besinnungslos dasselbe.
Schlafe weiter, Siv, höre nicht mein Aufstehn. Dank, Siv.“
Ich rede noch auf der Treppe, ich würde tagelang reden, wenn Siv so lange schliefe. Aber ich kann ihre wachen Augen nicht sehen. Ich habe sie zu sehr gehabt. Ich habe sie zu sehr gehabt, Siv.
Schon bin ich Stunden entfernt. Östergötland . . . Småland mit Wäldern . . . Skåne voll Wasserduft und Wiesen. Immer noch Siv. Ob sie lasterhaft war einmal, in Kaschemmen mit Matrosen geschlafen, Schuhe verkaufte oder als Ministerstochter auf rosanen Rädern durch die Parks gefahren, wie ist das eine so gleichgültig als das andere, aber wie ist alles gesammelt in einen Hauch, kaum Wort, kaum Bild, aber rührend und vollendet weggewandelt aus dem hellen Leib mit der stolzen Bewegung und unergründlicher Herrlichkeit und aus ihrer geheimnisvollen Blässe schon unbedingter dann hinübergewandelt und zum Bild dieser Stadt verwoben, verführerisch und bis zur letzten Sekunde im Griff lautloser Sehnsucht, spielerisch am Meer jene unergründlichen Pas tanzend, die unvergeßlich betäuben.
Ich steige in Lund aus, es ist Nacht. Die Straßen voll betrunkener Studenten. Ich drücke im Hotelzimmer gegen die Seitentür, sechs Koffer fallen um, ich lerne den kaukasischen Baron Uxkull kennen, der aus dem Bett springt, er hat einen Kopf, poliert und oval wie ein Straußenei, die kleinen überlegenen Elefantenaugen unter der bedeutenden Stirn. Sein esthnischer Diener macht Tee, wir trinken ihn mit Himbeer.
Mir ist, als schwebe alles zart und gefügig wie in einem gläsernen Kugelbauch, die ganze Welt. Ich bemühe mich lange, mich zu entschuldigen um die Störung, um das Mißverständnis. Die selbstverständlichsten Dinge bedürfen eines Eingehens heute.
Ich ziehe mich langsam zurück.
Fahre in der Frühe nach Barsebäck.
Ich wohne Barsebäckby. Es liegt eine halbe Stunde im Land. Eine halbe Stunde vom Hafen Barsebäckham und dem Bad Barsebäcksaltsjöbaden. Ich wohne bei Jöns Holgerson.
Ich bin allein, habe vierzehn Tage Zeit noch in Schweden. Ich weiß nicht, warum ich mich hier verkrieche, nachdem meine größte Sehnsucht gelungen ist. Ich trete oft vor den Spiegel, da steigt etwas aus meinem Auge aus der Tiefe und ich kann es kaum zurückwerfen, so tief und reif ist es. Ich fürchte mich vor mir.
Nun, wo ich nichts will, nichts tue, nichts unternehme, ist wundervolle und ahnungshafte Flaute in mir. Ich weiß. nicht, wann Ebbe kommt, wann Flut steigt. Ich sehe den Mond, die Sterne; die Sonne ist immer über mir.
Nachts kommt Jöns Holgerson, seine Frau ist krank. Ich ziehe ihre Ölhosen an, er hupft auf einem Bein vor Vergnügen und schlägt die Faust auf die flache Hand. Wir fahren in der Dunkelheit hinaus, überall paddeln die Ruder.
In der Dämmerung ist Jöns verstört, ich bemühe mich, ihn zu trösten wegen der Frau, allein er grübelt nicht um die Krankheit, sondern nur um den Grund. Jöns ist viel gefahren auf Kuttern, er hat nachgedacht über die Wurzeln der Ereignisse.
In Indien ist rote Ruhr nur zu bekommen von Obst, in Holland bei wochenlangem Nichtregnen von Pflaumen, in Ungarn vom Liegen auf freiem Feld nachts. Er weiß dies alles und findet keine Veranlassung; sein Wissen bürdet ihn schwer, er schüttelt den Kopf.
Wir ziehen alle aus allen Kräften hoch, stemmen uns nach rückwärts und winden die Garne auf.
Nun ist die Bucht eine Silberlawine von Heringen, die in den Netzen schlagen. Der stille abseitige Strand wird plötzlich in Licht getaucht, ein Horn tutet dreimal leis herüber.
Zelte von Käufern werden aufgeschlagen, die Stille wird verknüppelt mit Radau und Gefeilsch, heulenden Kindern, dem Trott der mit Fischen abziehenden Wagen.
Am fünften Tage kommt von Barsebäcksaltsjöbaden der Bote herauf mit meiner Post. Ich gehe unter der Sonnenuhr hin, der der Blitz in der Nacht die Zahlen 3 — 5 ausgeschlagen, in das saftige fette Riedgras.
Der Gesandte schreibt, daß der Kurier gedrahtet, Ludendorff habe gelacht trotz aller Beweise, der Balkan sei von ihm schon eingeschüchtert. Gut. Dies war umsonst.
Berührt es mich noch? Es ist schemenhaft vorbei, ich fasse es gar nicht mehr. Die Jagd der letzten Wochen ist abgefallen von mir. Ich weiß, auf diese Weise kommen wir nicht weiter. Ein anderer Weg ohne Diplomatie, Überzeugungskünste, ein anderer Weg wird es sein, wir werden ihn gehen, auch ich werde ihn gehen, wer kann uns helfen aus dieser Not, wir müssen uns finden, es ist nicht anders, die Welt kracht in Tragik und wir sind dumm und klein.
Gunnaris und Vehkamäki sind nach Finnland gefahren, schlagen nach Karelen via Moskau sich durch. In Finnland ist keine Hoffnung auf Freiheit mehr, seit und solang in Potsdam ein preußischer Prinz auf die singenden Vokale dieses Landes gedrillt wird.
Almqvist ist mit den beiden verschwunden. Ich zweifle nicht daran nach dem Tag von Marstrand, sein eines Leben löste sich mit einer arithmetischen Präzision von dem andern, in einer sehr schmerzhaften harten Sekunde aber mit einem Aufflug ohne Gleichen in dem Schmerz.
Ich gehe nun auf und ab am Strand, ich gehe auf und ab und lese, daß man mich nicht ausweist, daß man mir aber ein Agrément verweigern wird in Zukunft, Schweden wird nicht mehr wünschen, daß ich einreise.
Das ist der Schluß.
Ich lächle, ich werfe den Fischen Krabben zu und sehe aufs Meer. Das alles schlägt mich nicht, das macht mich nur fester.
Eine Nacht segle ich mit Axel Ahlmann, dem Dichter, der von Lund herübergekommen ist. Er fährt dann weiter nach Christiania durch die Schären. Ich winke ihm nach. Er ist ein strammer Bursche, angenehm und zuverlässig, ein guter Segler. Ich sehe ihm nach ohne Bedauern.
Von Schloß Borgeby kommt einen Tag Ernst Cederström hinter Bjerred her, wir singen mit den Mücken, liegen im Sand, trinken den ganzen Tag Meth, Kallskol, Punsch.
Er fährt acht Tage vor mir nach Deutschland, „fahren Sie wohl“, sage ich und drehe mich in die Bläue, ich drehe mich tief in die Bläue und vergesse zu singen, er stößt mir in die Rippen.
Ich sehe ihn genau an, er hat einen langen Bart und eine Glatze und den Atem und die leuchtende Freudigkeit eines Gottes.
Sonst bin ich einsam. Ich gehe im Badetrikot immer der schlängelnden Welle nach. Den ganzen Morgen gehe ich am Meer, ich sehe es nicht groß, nicht stürmisch, ich liebe es nur.
Gehe ich tief in die Ebbe, komme ich manchmal nahe bis an das dunkle Dampfersignal. Ich starre auf den Grund, da hat das Meer sich Steine zurechtgeschliffen: Fasangold gespritzt auf Schwarz, rosa Klammern auf Dunkelblau, Basalt mit einem weißen ovalen Ring, purpurviolett schraffiert, gekörnt, Taubengrau mit himmlischer Spiegelung, Ocker und Safran mit Ziegelrot, Feuerstein, Schnee und Flamme, Hechtblau mit hellen Bändern.
Alle sind rund, gehen in die Hand, am liebsten hat das Meer sie sich wie die Muscheln gemacht, oval und handgroß. Nehme ich sie heraus, erlöschen sie. Ich lerne sehr bald, sie nicht zu berühren. Ich schaue sie nur durch das Wasser an, das mir manchmal fast bis zur Brust geht. Unter den Knien ist ein fabelhaftes Geglänz.
Ich sehe hinein und bin zufrieden. Es wird Mittag manchmal, manchmal Abend. Wie liebe ich die Steine, wie beschäftige ich mich lange und heftig mit ihnen.
Oft kommt mit braunem Segel die Schifferbarke abends zurück, während ich noch schaue; ich wandere immer weiter, der Leuchtturm funkt, dahinter fällt die Dämmerung herunter, es verliert sich jeder Umriß, man kann nicht einmal rufen, so allein ist es.
Der einzige Kirschfink der Gegend wohnt in unserem Garten. Cuno Adelkranz legt Dämme an mit kleinen Weiden, setzt dann Berberitzen, Schlehen und Brombeer. Ich schaue lange zu, er führt den Spaten lässig und fest, seine Hand ist weniger braun wie die meine.
Die Bläue über dem Meer steigt immer höher und süßer. Ich fange an zu blasen; ich habe ein kleines Horn, das an beiden Enden geblasen wird, es ist der Kuckucksruf.
Auf einer Erle hinter Barsebäckham ist ein Storchnest, ich schleiche mich später langsam an, vom Meer am besten her, da glänzt der Baum wie ein Signal, wenn die Blätter sich drehen von der Brise und die zinnweißen Unterseiten wirbeln. Die Störchin sieht großmütig zu, wenn eine Wolke Sperlinge aus dem unteren Nestteil auffliegt, mir wirft sie Überreste herunter und schnattert bösartig, sie liebt mich nicht.
Ich fahre langsam wieder hinaus.
Jöns Holgerson erzählt, hier habe einer seiner Vorfahren einen fetten Abt vom Bauch erlöst, indem er ihn in Ketten legen und das Faultier mit Hammer und Esse arbeiten ließ. Es ist sehr lang, dieser Erzählung zu folgen, sie hatten einen Vertrag gemacht und es war unmöglich, diesen Holgerson zu strafen; aber sie straften ihn doch und das ergrimmt Holgerson, der es erzählt.
Am Abend ist Getös, weil Marye Eyllenkrok die Kühe dreimal gemolken hat, wie sie soll, aber die Schafe zweimal, statt einmal. Adelkranz hat Tabak im Mund und spuckt aus Zorn, sie schleicht an den Mauern herum und brummt vor Wut.
Als er außer Sichtweite ist, hebt sie die Arme: „Sakramentskade fan“. Sofort sinkt sie wieder zusammen, hört auf zu fluchen, steckt die Hand in den Mund vor Schreck.
Adelkranz nämlich steht im Fenster, hört nicht auf zu donnern, wirft einen Blumenstock herüber: „Jädrans . . . karibel . . . . . . förbannade djärne . . . .“
Sie hebt die Röcke hoch über die Schenkel und läuft vor Schreck so an den Strand. Sie ist bald verschwunden, wir nicken einander zu, Adelkranz und ich, wir rauchen beide, ich öffne ihm meine Zigarettentasche, er nimmt, ich zünde an.
Wir wechseln kein Wort.
Ich bin zum erstenmal in meinem Leben einsam. Zum erstenmal habe ich Zeit, ich weiß nun, was Ruhe ist, mein Schuh, mein Hemd, wir haben es nie gewußt. Ich sehe, ich staune, welches Wunder kommt aus jeder Ritze, jedem Tang, jedem Fleck. Um mich blaue Maßliebchen, wilde Petersilien und Sternkraut und das Riedgras.
Ich sehe immer auf das Meer, nur selten schaue ich zur Seite, da entdecke ich neue Sachen, ich entdecke neue Sachen, ganz rund, ganz erfüllte Sachen, ich erblicke sie nicht nur, ich erlebe sie mit ihrem ganzen unbedingten Sein.
Ich sehe auf das Meer und denke an meinen Bruder.
An diesem Tage verstehe ich meinen Bruder, ich habe ihn früher nie gekannt, ich begreife meinen Bruder, es fehlt kein kleines Stück an meinem Verständnis, ich begreife nun auch, warum er, obwohl die Gefahr beiseite gelegt mit dem Wechsel, obwohl er mit Anstand und freier Brustschwenkung leben konnte, warum er abbog, warum er beiseite geht und immer sein Gesicht von den Menschen wendet und es gegen sie verhüllt.
Wie liebe, wie kenne ich seine Einsamkeit.
Ich schaue auf das Meer, ich denke an meinen Bruder, ich kenne ihn so genau, ich liebe ihn so deutlich, es ist kein Unterschied mehr, ich mache sein Leben mir zu eigen, ich erlebe sein Leben:
Ich gehe trottelnd den Tippelmarsch der internationalen Kunden, ausgesengt von Sonne auf der Bahnspur zwischen Kalifornien und Texas, Boston und Florida, ich sehe nichts als Steppe um mich, sie hebt sich mit jedem Tag, ich gehe auch in der Nacht. Ich gehe vierzehn Tage, ich erblicke nichts wie Kaninchen, es ist nicht leicht, sich zu nähren, obwohl das Fleisch sehr billig, allein die Cents, allein die Centavos sind selten, ich will sie nicht verdienen, aber ich muß es manchmal; so habe ich nicht viele und ich habe sie nicht immer.
Da sehe ich am vierzehnten Tag durch die Steppe auf dem Bahndamm einen entgegenkommen, er ruft schon von ferne, er ist wie ich gewandert von der anderen Seite, er freut sich, einen Menschen zu sehen, er hat einen Papyrus im Mund und schreit: „Hast du ein Streichholz, John?“
Ich gehe wortlos an ihm vorüber, ich sehe ihn nicht an, ich weiß nicht, ob er ein Gringo, ob ein Eingeborener, ich weiß nichts von ihm, er ist schon vergessen, ich sehe nur die Schienen, die sich blutig in den Horizont schneiden.
Ich stehe auf, setzt sich aus dem Dunkel heraus an mein Campfeuer einer, fängt an, sein Fleisch an meinem Feuer zu braten, ich gehe weiter unter der Nacht; ich suche mir Mist, ich suche Büffelmist und mache mir ein neues Feuer.
Ich wickle mich fest in die Lingera, ich gehe, da der Wind stark und rauh, und mich ein Husten gefaßt hat, daß ich nachts wenig Atem habe, ich gehe in die Lingera gewickelt, nach den warmen Savannen des Gran Chaco, ich treffe viele meiner Sorte, ich treffe auf den wochenlang gewälzten grauen Steppen Strizzis und Kunden und Rowdys und Schiffsköche und Vagabunden und Abenteurer und jeder fragt, wenn wir aufeinander zuschlendern und einen Augenblick stehen bleiben zwischen den Schienen, jeder fragt: „Y tu compagnero?“
Aber ich habe keinen Gefährten: Ich schüttle den Kopf. Sie starren mich an: „Verrückt.“ Ich gehe weiter.
Ich liebe es so — — —
Wie liebe ich meinen Bruder, ich sehe auf das Meer, wie kenne ich ihn jetzt, keine Falte seiner Seele, die mir fremd ist. Träfe ich ihn wieder, ich könnte ihm alles sagen von ihm.
Wenn das Meer steigt, bringt es mir alles.
Fällt es, bekomme ich Distanz zu meinem Leben. Ich übersehe.
Das Gras ist fett und milchig, es riecht nach Sand und Torf und Wasser und den Kräutern. Ich lerne die purpurne Steinhummel anlocken, spiele mit Eidechsen und Grillen.
Wenn die kleinen Zangenkäfer die Schnecken angreifen, laure ich stundenlang. Ich sehe den Schaum, hinter dem die Klebrige sich durch Rundung und Rundung in die letzte Spirale ihres Hauses zurückzieht, die wütende Attacke des Millimeterwolfs, der ihr nicht folgen kann. Ich sehe ihn die Zangen einbeißen in den Kalk des Gehäuses, ich sehe ihn ermatten und abtrollen. Ich sehe einmal, wie er in der Achse des Gehäuses eine Lädierung entdeckt, das Loch durch seine Zangen erweitert und die Nackte überrascht und zersäbelt.
Ich reibe mich an den Natterwurzeln, ich sehe im Postkraut die Hasen sitzen, ich scheuche sie nicht, wir sehen uns an und bleiben, ich gehöre dazu, das ist kein Geheimnis, ich verstehe das um mich so gewaltig, ich erfahre es so seltsam, ich gehöre dazu.
Ich sehe auch einmal die Windhunde vor den von blitzenden Wassern umringten Gütern hinlaufen, das mag eine Jagd sein, ich drehe mich herum, was kümmert es mich.
Ich lerne nach den Blumen die Zeit angeben: wie sie sich öffnen, wie sie sich schließen, wann die Krabben ans Land kriechen, wann die Meerdrachen die giftigen Rückenflossen aus der Flut heben.
Ich weiß dann jede Stunde. Ich brauche keine Uhr.
Am achten Tage erwache ich mit der Unruhe, die zum erstenmal bei der Abreise nach Abo mich überfallen. Sie kommt jedesmal stärker, ich ertrage sie kaum mehr. Ich gehe wieder hin und her, ich verehre alles, ich liebe alles genau so innig, aber ich will fahren, es hilft nichts, ich reise ab.
Ich gehe hinunter nach Barsebäcksaltsjöbaden, es ist keine Pause, kein Halt in mir, ich hätte noch acht Tage Zeit, Segelfahrten, o schöne spektrale Quallen in den Fjorden, wie gern hätte ich mich ihnen noch gewidmet, hätte Heringe gefangen, hätte mit den Steinen mich eingelassen.
Mein Paß ist noch nicht abgelaufen, es ist aus mit meiner Zufriedenheit, ich muß zum Balkan, sofort, ich weiß nicht warum.
Der Tag, wo dies passiert, ist herrlich, er übertrifft die anderen, er ist aus Blau und Grün und Silber in einen Sturm gewoben. Ich gehe durch ihn hin nach Barsebäcksaltsjöbaden, ich telephoniere von der Post mit Ernst Cederström, er ist bereit, es paßt gerade, er kommt am nächsten Morgen.
Wir lassen am nächsten Morgen den Aalkutter mit den Segelnetzen auftakeln, eine Kiste verstauen und fahren gegen den Wind, wir trinken draußen mit Adelkranz und Jöns Holgerson. Wir trinken lange, aber wir sind in der weißesten Frühe schon losgefahren; als die Glocken zur Arbeit läuten, sind wir schon tief im Gesang.
Ich umfasse alles und trinke nicht wenig. „Es lebe Mannerheim, es lebe . . . der General Mannerheim,“ rufe ich, und Holgerson ruft mit, denn er kennt den Namen nicht.
Aber Adelkranz speit aus und Cederström kann sich nicht halten vor Lachen. Wir haben wenig Wind, aber trotzdem fällt Holgerson und zerreißt im Wasser Adelkranz’ Netz.
Wir kehren zurück und begrüßen aufgerichtet im Kutter die Küste, indem wir die Deckel der Bowlengefäße aneinanderschlagen, wir üben uns ein und kommen in einen schönen Takt.
Am Strand geben wir einer von Jöns Kühen Kallskol zu trinken und spannen sie vor einen kleinen Schiebewagen, hui, wie fahren wir durch Barsebäckby, Cederström liegt auf dem Bauch in dem niederen Bretterwagen und pfeift und skandiert mit den Händen, und alle Kinder hinter uns her.
Gegen Mittag kamen wir nach Borgeby in den Park.
Wir sind ein wenig aus der Richtung gekommen, wir haben auch unterwegs nicht nur trocken gelegen und gepfiffen, wir sind ein wenig verwirrt, aber ich suche es auszugleichen, Cederström will, nachdem wir ein Rondell umfahren haben, mit aller Macht zu dem Tor wieder hinausfahren, durch das wir hereinkamen.
Ich pfeife einem Gärtner, und er nimmt die Kuh am Horn und führt uns an die Hintertreppe des Schlosses.
Wir baden gemeinsam oben, kommen zusammen herunter, wir sprechen sehr viel, stehen mitten in der Halle und machen Sermons, wir betrachten die Bilder Cederströms, fein geschmiedetes Silber, er zitiert seine Verse, aber wir sind nicht sehr gut auf den Füßen. Nicht, daß wir es spüren oder fürchten, es sähe jemand, das ist unmöglich, wir haben uns zu sehr in der Hand.
Wir kommen nur im Reden in immer größere Erregung, wir treten ans Fenster, da rückt von Bjerred her eine Equipage an. Wir sehen den kaukasischen Baron Uxkull und zwei junge Schweden darin; ich kenne sie nicht.
Wir stehen auf der Terrasse und begrüßen sie, machen tiefe Verbeugungen, erschöpfen uns in Verbeugungen, die Diener machen sie wie Chinesen nach.
„God dag,“ rufe ich und schwenke den Hut, laufe in die Halle zurück, hole ein Schallrohr und rufe, während sie die große Freitreppe heraufsteigen: „Välkommen.“ Ich denke, ich bin in Floda, ich mache Verbeugungen, wie nie in meinem Leben, ich lächle innerlich, ich weiß sehr gut, daß ich in Borgeby bin, aber wer weiß, vielleicht bin ich doch in Floda und grüße Ebbas Bräutigam, grüße ihn nochmals.
Cederström schlägt mir in den Rücken, sein Bart steilt sich vor Lachen im Wind. Ich lasse nichts mehr aus, ich schlage meinerseits dem Baron Uxkull auf die Schultern, „Sie haben einen Kopf wie ein Straußenei,“ sage ich ihm.
Er kann sich nicht beruhigen, die Elefantenaugen laufen im Kreis, er beginnt auf der Treppe zu erzählen, wir bleiben alle stehen, er erzählt, daß ein Kanarienvogel auf einem esthnischen Gut ihm beim Besuche einer Freundin über die Glatze geschliffen, der es gewohnt war, täglich über einen Marmortisch im Flug zu schliddern, es war eine offensichtliche Verwechselung und am Schluß der Geschichte saß Uxkull nach Jahren das Vieh gelegentlich tot, es war nicht unamüsant, aber wir verbrachten eine Viertelstunde darüber auf der Treppe und bückten uns vor Vergnügen, und Cederströms Diener bückten sich mit.
Die Herrin naht, ich sehe sie zuerst auf den oberen Stufen, ich weiß genau, daß ich in Borgeby bin, auch wenn ich Dunst vor allen Dingen sehe, ich gehe ihr rasch entgegen, ich neige mich vor ihr:
„God dag, schöne Frau, glücklich Cederströms Gattin zu sein, ich grüße Sie ehrfurchtsvoll.“
„Välkommen i Borgeby.“
Wir drehen uns alle herum, Uxkull hat ihre Hand ergriffen: „Auf solchem Schloß zu wohnen, welches Glück, gute Frau, ich sah in Lund den Sarkophag des Bischofs, der es baute, ein strenger Priester. Sah er vom Turm, ließ er Erde erobern, soweit Hörner bliesen. Lagen nicht Dänen einmal davor, steckten Schwänze der Sperlinge an, setzten zwei Flügel in Brand . . . ,“ wir können nicht mehr lange das anhören, wir müssen unterbrechen, wir sind sehr hungrig geworden.
Ich führe die Herrin zum Eßsaal, riesengroß. Sie weist auf den Tisch in der Ecke.
Ich verbeuge mich, ich übersehe ihn, ich bin erstaunt und lächle: der beste Smörgåsbord in ganz Schweden: Frischer gebratener Aal, geräucherter Aal, fünf Büchsen Fische, verschieden gewürzt, Krabben, gebackene Wurst, Krebsschwänze in Mayonnaise, geräucherte Saucissons, Omelette mit Spinat in Terrine, Hummer, Bärenschinken, Ölsardinen, junge Krähen als Ragout, gebackene Klops, geräucherte Fische, Renntierfilets, Wildschnepfen, Salate, kaltes Fleisch, Aquavit . . . , wir essen stehend, dann erst führe ich die Herrin zu Tisch.
Ich sehe viele Weine, ich sehe jetzt erst Lilian, Cederströms Nichte, wie ein Tautropfen zart, ich grüße sie.
Nun erst beginnt der Lunch, er dauert zwei Stunden. Cederström hält vier Reden, ich antworte zwei, Uxkull redet lange ein Märchen von Andersen herunter, ich unterbreche ihn nicht, es wäre nicht höflich, aber ich frage nachher, warum er von Baku nicht spricht, nicht vom Ila von Tapau.
Da spricht er wieder, und nun müssen Cederström und ich ihn unterbrechen, nun redet er von den abgeschnittenen Brüsten der Ehebrecherinnen und ich sehe Lilians Gesicht wie zersprungenes Glas.
„Sie müssen,“ sage ich, „Baron, Sie müssen Ihren esthnischen Diener, der uns im Hotel den Himbeer in den Tee goß, beauftragen, mir ein Tuch zum Schuhsack zu nähen, ich bringe es sonst nicht über die Grenze, es fällt mir ein unwillkürlich, ich erinnerte mich seit Wochen nicht daran, eine schöne Frau schenkte es mir in Bohuslän.“
Ich nicke, ich vergesse es wieder, ich erhebe mich und trinke Brüderschaft mit Cederström.
„Ja, ich will Brüderschaft mit dir trinken, Ernst Cederström, denn du liebst das Leben halb wie ein Held und halb wie ein Kind.“
Wir sind bei Reh schon wieder ein wenig betrunken, wir halten immer längere Reden, die Fenster sind herrlich hoch in dem Rittersaal mit dem Cederströmschen Silber.
Lilian schwebt als ewiges Lächeln zwischen den kreuzenden Gläsern, wir sind bei Burgunder, wir hatten schon vieles vorher.
Der junge Mann aus Helsingborg fühlt, daß es an ihm ist, aus Schweigen und Jugendlichkeit ein wenig herauszutreten: Musik.
Wir machen ein Konzert von zwei Stunden. Cederström träumt. Ich denke an Angermanland, mir fällt ein, ich liebe Lappland, ich möchte in Erdhütten den Winter verbringen, dalarnische Töchter bestaunen, den glühenden Mond, kaffeegelb zwischen den Skitouren brennen, mir fällt sehr viel ein, ich denke nicht daran, daß ich nicht mehr erwünscht bin als Einreisender in Schweden, ich überschlage es rasch, warum daran denken.
Ich schaukle im Stuhl nach der Musik, von beiden Seiten schaukelt der hohe Park mit den Fenstern der Halle, genau wie ich schaukle.
Chopin schwingt ab.
Eine Pause, ein Diener läuft.
Lilian gibt jedem von uns Blumen mit einer Verneigung und flüstert uns zu. Die Saaltüren öffnen sich weit, die Pächter Cederströms erscheinen mit dem Pfarrer, schlanke Männer füllen die Säle, sie haben die blonden Haare aus dem Genick scharf geschnitten, sie haben blaue Anzüge und ihre Frauen sind blond, anständig und adlig in der Haltung gleich ihrer Erde. Sie setzen sich rasch zu Zwanzig in die hohen gotischen Stühle der Halle an die Wände.
Das Konzert fährt fort, wieder spielt Musik in breiten Wogen.
Der Kupferschädel des Pfarrers im Gehrock erhebt sich, tritt heran an den Spieler, sagt ihm den Dank, er hält uns für einen deutschen Zirkus und spricht mit dem Landsmann radegebrechtes Deutsch, aber wir kichern nicht, um ihn nicht zu kränken.
Wir stehen vielmehr auf, indem wir in der Reihe herantreten und geben die Blumen dem Generalpächter, der Geburtstag hat.
Wieder Konzert.
Lilian schwimmt in der Musik, die aufbricht mit einer träumerischen Flamme. Jedes Fenster, jede Vase klingt sie aus sich mit. Selbst der Abend nimmt ihre Tönung.
Lange bleibt Ruhe dieses Gleitens, dann kommen Rufe, schwedische Wandervögel rufen Cederströms Namen. Man tut sie in die Seitenflügel, man zeige ihnen später das Schloß.
Der Abend steht noch rotblaß mit der Pfirsichblüte unserer Etüde. Wir gehen die Treppe langsam und majestätisch hinunter in den Park.
Perlmutten stirbt die Elegie der Konzerte mit dem Abend.
Was will Lilian mit ihrer Stimme? Bald wird Nacht sein, sind Fackeln bereit?
Fest in Borgeby.
Immer dieser Wind. Immer schaukeln die Parkwipfel tief vor blaustem Himmel, der kühl steht in klassischer Ruhe. Immer Geschwärme schreiender Raben in der Luft. Noch liegt die Sonne auf den gewellten Ebenen mit klatschschönem Vieh in schwarz und weiß. Wir wandern auf und ab durch den Apfelgarten, wo manches noch blüht.
Ich bleibe zurück einmal, es war nicht viel, was mich anzog, es war ein Spruch, auf dem es schon mooste. Da stand über dem Rasen: „Du kalter Marmor, bewahre die Erinnerung an ein warmes Herz.“
Wir gehen auf gepflegten Wegen, wir kommen immer wieder in Borgebys jahrhundertalten Apfelgarten, die Stämme sind nicht sehr hoch, aber die Zweige haben ein Streben, sich sanft nach unten schwebend aufzulösen, das mich beschäftigt, immer dies auf und ein wenig ab und immer diese Ruhe.
Die Dämmerung schwebt durch die Eichen. „Zeigt den Wandervögeln das Schloß“, ruft Cederström von der Mauer. „Lilian, gib ihnen ein Schreiben mit für alle Schlösser bis Christiania, schreib, ihr Gesang machte einen Abend heiter.“ Wir gehen mit, man zeigt ihnen die Verliese, die Hitze des Tags glüht noch von ihren Wangen. Hurras auf Cederström bringen sie aus, dann schauen sie in die Höhe.
Lilian schüttet vom Turm Körbe Veilchen auf sie aus. Sie huldigen ihr schön.
Aufgang des Mondes. Immer noch Rabenschrei. Ich fühle den Sturm in mir wie Reinigung, „Skål“ rufe ich, „Cederström, wie frei ich atme, ich liebe die ozeanische Luft“.
Wir haben nur eine Frau, Lilian, aber sie wird zwanzig ersetzen.
Nun fällt der Tanz.
Lilian schwimmt madonnig geneigt in großen von ihrer Sanftheit erfüllten Bogen aus Arm in Arm. Wir legen den Rhythmus solch traumhaften Gleitens mitten durch die Ebene der Nacht.
Nun flackern alle Lichter, nun über dem Strahl der Päan, der Sturm am Klavier: nun tanzt Ernst Cederström allein, in lederner Ärmelweste, den Bart bis zum Magen, dionysisch selbst die Glatze, fast Faun, halb Verführer . . . er macht eine große Wendung, er springt durch das Fenster, er grüßt herein aus dem Schatten, zwei Diener mit Kerzen springen durch das Fenster, wir folgen alle, wir jauchzen, der Musiker aus Helsingborg hat Lilian unter dem Arm im Sprung heruntergebracht.
Zwei Fackeln nahen, die Schweden folgen dem winkenden Cederström, sie gehen mit den Dienern, holen Wein herauf und Champagner aus dem Gewölbe.
Ich habe Lilian neben mir, allein, ich spüre es plötzlich mit einem zärtlichen Schlagen des Blutes, wir gehen zur Kühlung durch die Boskette. Wind haust mit zornigen Sternen im Park, keine Wolke schwebt, irgendwo hinter Windmühlen, die die Nacht stumm zerschlagen, dumpf schweigend die Ostsee.
Ich gehe mit Lilian auf und ab, wir reden keine Silbe, was sollen wir uns sagen, ich weiß, was Lilian denkt und ich sage in meinem Herzen, ohne daß sie es hört:
„Nein Lilian, es ist so sinnlos, Sie sind so weich, so träumerisch. Ein Knabe ist Sinn Ihrer Sehnsucht, irgendeiner, aus dessen Körper Musik kommt. Meine siebenundzwanzig Jahre, o Lilian, meine siebenundzwanzig Jahre sind schon viel zu schwer geworden für Ihre gläserne Sanftheit.“
Ich weiß nicht wie, aber der Schmerz, der alte Schmerz, der mich selig macht, haust wie ein Wolf in meinem Herzen, ich habe tüchtig getrunken, vielleicht ist auch mein Schmerz berauscht und liegt in Verzückung, ich steige alle Treppen bis zur Halle hinauf, ich gebe dem Helsingborger Lilian, damit er sie betanze, ich falle Cederström um den Hals und ziehe ihn in eine Nische, ich bin vertrauensselig und liebe ihn und renommiere.
Ich fange an, ihm von Siv zu erzählen:
„Ich hatte all Eure schwedischen Frauen in ihr, Cederström. Strandvägen, leuchtend vor Musikkapellen, die Rotunde des Stadion, die weiche Weißnacht, das granitne Meergebiß erscheint, wenn ich daran denke, in ihrem Lächeln. Sähst du ihre Beine, Cederström, du würdest zittern wie ein Hund in deinem Saal. Sieh dir diese Kurve an, diese verdammte Kurve des Mondes an deinem Fenster. Nein, Cederström, sonst wollte ich dir nichts erzählen, dies ist alles, dir vielleicht wenig. Dies ist alles, was mich peinigt.“
Es ist zwei Uhr nachts, nun stellen wir uns nicht mehr in die Nische, nun unterbrechen wir den Tanz und machen eine neue Aufstellung. Wir stellen uns in einer langen Reihe auf, zuerst kommt Cederström.
Dann marschieren wir über die Terrasse, die Treppe, durch den Hof zu den Gebäuden des Generalpächters, es ist zwei Uhr nachts, die Generalpächterin hat um diese Stunde geladen, wir sitzen allesamt nun wieder wie beim Konzert am Mittag um einen Tisch.
Ich lasse mir die festeste Magd mit dicken blonden Zöpfen geben, sie ist meine Nachbarin, ich trinke ihr zu. Mein Herz schmerzt mich selig immer tiefer, man hat ein großes Mahl uns bereitet mit großen Zeremonien.
Ich trinke ihr zu, der Frau Verwalterin, ich mache meine Komplimente; es ist nicht richtig, daß ich ihr zutrinke, ich verstoße gegen die Sitte, aber ich zeige ihr mein Wohlwollen, ich sage ihr das alles auch.
Ich wende mich meiner Nachbarin zu, Jungfrau Sara, sie ist ein schönes, festes Weib; sie hat ein Kind, sie hat einen Mann sehr geliebt, im Sommer, im Stroh, sie sagt es mir ohne Scham, als ich frage, ich tröste sie.
Ich sage, es sei nicht schlimm, Jungfrau Sara, ich hätte einmal versuchen wollen, eine Bremse in die europäische Politik zu legen, ich hätte sie fest in der Hand gehabt, dies alles sei eitel, sei schwärmerisch, es sei nicht soviel wert wie eine Rübe, sie solle froh sein, niemand gebe ihr Versäumtes zurück.
Ich wende mich zu Uxkull, ich rufe ihn gell an: „Baron, Sie fallen von der Stange“, da tut er die Augen verwirrt auf wie Vogelgeflatter. Da lache ich hämisch und laut. Wir danken sodann, verbeugen uns.
Tücher liegen bis hinüber zum Schloß.
Polonäse.
Vor uns tanzt lautlos Ernst Cederström. Kerzenschein umgibt uns durch den Park über den Hof. Tanz braust dann in der Halle noch einmal, unverlöschbar auf.
Borgeby flammt durch die Nacht wie eine Kirche, ich höre einmal, es schlägt vier Uhr, aber es schlägt an mir vorbei und rollt weiter durch die Bäume, was gehen mich die Klänge an, sie laufen wie der Teufel irgendwohin.
In sanftem Schleier schwindet die Nacht, die Frühe kommt mit Gartenduft und Rosa aus den Büschen hoch in die Fenster, wir durchkurven nur winkend danach die flaumenweiche Morgenluft.
Plötzlich steht eine Säule im Zimmer, steife Gehaltenheit durchschlägt die Schleifen: Der Diener Cederströms.
Er meldet die Equipage.
Er hat blanke Knöpfe bis zum Fuß, den Zylinder in der Hand. Er meldet noch einmal die Equipage.
Das reißt uns wie an den Haaren, wir gehen ans Fenster, da scharren dampfende Pferde vor dem Portal. Es ist fünf Uhr des Morgens, ich vergleiche es mit meiner Uhr, wir haben keine Sekunde zu versäumen, wir steigen in den Wagen, die Koffer kommen langsam heran.
Morgen prallt auf die Terrasse stark und wild. Skåne im Morgen, dunkelgrüne Verlockung. Wir sitzen im Wagen, die Gäule scharren. Immer noch Krähenschlacht über den brausenden Wipfeln, bei uns unten kein Hauch, keine Luft.
Ich sehe mich um, ich denke daran, was Lilian mir sagte, am Rand des Parks ziehen Seeadler hin, wenn es herbstet, Abenteurer aus Finnland, die mit Nordwind zum Kaukasus fahren. Ich gebe Lilian die Hand:
„Heute, Lilian, kommen die ersten Schwalben nach Skåne, sie zischen um Borgeby“, sage ich. „Denken Sie daran, wenn mein Name vor Ihnen auftaucht.“
Ich wende mich noch einmal um. Zu Uxkull wende ich mich:
„Baron, heute fährt seit Jahren der erste Dampfer zwischen Stockholm und Petersburg, ich las es in Dagens Nyheter heute nacht, welches Leben, welches Leben, Baron.“
Wir haben nicht lange auf die Koffer zu warten. Nun ist die Ebene weit um uns getaut.
Flädje taucht auf, die Schienen sind wie Schnee.
Malmö, Trelleborg, wir betreten den Steg, das Schiff.
Wir schwimmen auf der Ostsee, deutsche Ufer unsichtbar vor uns, wir sind noch recht betrunken, es legt sich langsam, während das Schiff schon fährt.
Wir werden langsam nüchtern auf dem Schiff. Das Schiff führt mitten in den Wind hinein, ich glaube, daß das uns kühlt.
Trelleborg ist verschwunden, die schwedische Küste verblaßt immer mehr, ein Bogen von flimmerndem Licht liegt das Meer zwischen den beiden Küsten, der Horizont wölbt sich uns entgegen auf dem Wasser und wir stehen, wir stehen mit dem Schiff auf der obersten Wölbung wie ein Knauf.
Wir blicken uns um, ein Schiff steht am Himmel auf dem Kopf, ein Flieger surrt nach ihm, wir gehen frühstücken, wir sind sehr hungrig mit einem Mal, wir sind aber keineswegs müde, Cederström hat schwere Augen, es hat einen anderen Grund, wir trinken wieder Aquavit, es ist das letztemal, man kann so rasch nicht enden.
Wir gehen auf und ab mit eiligen Schritten auf dem Verdeck, uns entgegen immer ein Ungar, katzenhaft um eine Frau.
Da schießen Hagelwolken herauf, der Frühling klatscht ins Wasser, wo ist unser früher Sommer mit einem Male? Es wird stürmisch und spritzt herauf bis zur Takelung.
In traumhaften Schleifen kommt manchmal die Kurve von Lilians Tanz und der Mondbewegung über Borgeby vorüber, man kann es nicht mehr aushalten, es ist zu kalt, es hagelt in Schloßen, die Wolken binden sich in die Schorne und beschießen uns mit Mitrailleusen, was sollen wir mit Lilian und den Schwänen und dem skånischen Sommer? Wir laufen und frieren und halten das Gesicht in die Schloßen.
Das Schiff schlingert, der Himmel wird schwärzer, Cederström bleibt zurück, er schaut wie ein Vieh und will in die Kajüte, ich halte ihn nicht, soll er ruhig schlafen oder speien, er kann tun, was er will.
Ich laufe weiter, immer auf und ab das Verdeck, ich halte nie an, ich sehe die Kämme der Wogen an, sehe die Möven zurückschießen überall von dem Meer zu der schwedischen Küste, sie schreien und schweben stolz auf dem Sturm. Ich sehe deutlich nach allem, beobachte, wie aus der Mulde sich die schwarze Welle hebt, aufsteilt und in sich selbst die weiße Krone aufbricht, die sich heraufschmeißt.
Ich gehe immer noch hin und her, nun bin ich allein auf Verdeck, ich sehe oben nur manchmal das Auge des Kapitäns, es ist grau und ironisch.
Mir ist sehr wohl in der Unruhe, das geht so Stunden, ich rauche immerzu, ich fühle mich immer wohler, ich erinnere mich nicht, in den letzten Tagen so glücklich gewesen zu sein wie jetzt, wo ich elend verhagelt auf dem Schiffsdeck hin und her laufe und lavieren muß, daß mich das Schiff nicht abkippt.
Ich schaue auf, an der Gaffel ist ein interessantes Schauspiel, sie ziehen einen Bündel hoch, er fliegt immer beiseite in dem Wind, wie er oben ist, entfaltet er sich mächtig, die blaue Fahne mit dem gelben Kreuz weht knatternd.
In diesem Augenblick sticht die Sonne durch, die Kreidefelsen Rügens stehen vor uns, sie stehen so dicht und weiß, daß sie zuerst blenden; als ich die Augen wieder öffne, schreit jemand:
„Die Grenze.“
Ich lächle, die Überfahrt ist zu Ende, die Wolken verzogen, ein guter Mittag taucht mit Rügen auf, ich zünde eine Zigarette an, und lächle in mich hinein.
Plötzlich reißt es mich auf, ich zerfetze vor Schmerz, ich will die Hände irgendwohin pressen, ich weiß nicht wohin.
Da macht sich der Mund auf, weit.
Ich schreie.
Ich sehe in dem Schrei.
Ich liebe nicht Ebba, ich liebe nicht Siv. Die Grenze kommt näher, die Grenze lockt und schlingt. Ich suche Cederström, wo bist du, mein Bruder? Ich kann nichts mehr sehen, verhängnisvoller Irrtum mein Bruder Cederström, ich habe umsonst gelebt.
Ich bin elend, allein, ich halte mich an dem Geländer, meine Lippe hängt herunter, ich starre auf das Meer.
Aus dem Meer wächst immer das eine, ich kann es nicht ansehen, es tötet mich, ich reiße die Augen gierig trotzdem danach, ich kann ja nicht anders, o wie ich verblute.
Aus dem Meer wächst Särö, die Obstbäume schmettern das Blühen gegen den Basalt, zur Terrasse des Schlosses schreien von der Klippe Kinder: „Mur“. Die Frau erhebt sich, sie winkt, ich spüre jede Linie, ich rieche ihren Geruch, ich empfinde es jetzt erst, ich will etwas sagen, ich weiß ihren Vornamen nicht, immer noch nicht.
Meine Hände gleiten herunter, ich habe keine Macht mehr über den Körper. Ich laufe weg, ich suche Cederström. Ich finde die Kabine nicht, ich weiß gar nicht, wohin er sich zurückzog, ich gehe auf Verdeck hin und her, immer allein, niemand geht sonst auf dem Verdeck, ich rede immerzu. Ich sehe das Meer nicht, was soll ich das Meer beschauen?
Ich sehe die geschorene Steppe, ich sehe Engländer, die Golf spielen, es gibt keine andere Welt, in der ich lebe. In Segelyachten liegen weißgekleidete Männer, das Blau der Nordsee wiegt die weiße stählerne Melodie der Blüten.
„Ich will nicht wissen, daß Ihre Bürger Elende sind wie alle, schöne Frau,“ sage ich lächelnd, jetzt verstehe ich erst meine Stimme, jetzt kommt es mit einem großen Durchbruch aus der Tiefe, wie woge ich, wie bin ich mächtig und wundervoll gespannt, aber wie elend geschieht mir, was habe ich von dem allem, die Grenze liegt vor mir, die Tatze ist schon gegen meine Stirn gebeugt.
Ich Armer, wie war ich geblendet, wie war ich geschlagen.
Wie liebte ich diese Frau und wußte es nicht.
Die Grenze rückt näher, ich kann mich nicht bewegen, am Reeling steht ganz unten am Heck Cederström. Ich bin ganz schwach, ich kann mich nicht bewegen, ich schaue nur immer hin, ob er mich höre, ich stammele: keine Hilfe von dir, mein Bruder?, nimm meinen Paß, Cederström, laß mir den deinen, laß mir die Rückkehr.
Ich muß nach Bohuslän, ich kann dir nicht sagen, warum dies so plötzlich, es geht um mein Leben.
Du kommst mit meinem Paß auch nach Deutschland, du bekommst einen anderen auf Eurer Gesandtschaft, aber ich, aber ich komme so zurück nach Schweden, hör mich, mein Bruder, o Gott, du kannst mich nicht verstehn.
Ich hatte Siv, Cederström, ich sagte es dir heute nacht, ich liebte Ebba, welche Masken machte mein Herz, um sich zu verbergen, wie durchschaue ich alles, es ist zu spät. Ich hatte noch eine Frau, ich hätte es nie gesagt, ich sage es in der Verzweiflung, ich schmerze dich damit, Cederström, ich bin heute ehrlich wie nie, ich will sie nicht nennen, dies alles ist nichts, ist ohne Bedeutung, aber dies alles hat mich zugedeckt, ich kannte mich nicht.
Ich kam lächelnd nach Särö, mein Bruder, ich saß einen Tag vor dem marmornen Lächeln, ich sah nicht die Tragik, und jetzt kommt sie aus mir gebrochen, nun kommt sie wie ein Tiger, nun schlägt sie mich entzwei.
O, du kannst sagen, du kannst fragen, was du willst, Ernst Cederström, die tödlichen Grüße beim Abschied in Särö, ich sah sie nicht, es ist zu spät jetzt.
Aber, wie habe ich diese Frau geliebt und habe es nicht gewußt . . . . . .
Ich gehe allein auf dem Verdeck, ich sehe Cederström nicht mehr, vielleicht hat er nie am Geländer gestanden, wie kann ich das jetzt unterscheiden, es schiebt sich zuviel ineinander.
Die Sonne fängt an zu scheinen. Ich gehe immer, auf ab, auf ab. Die Sonne brennt, da ist wieder Sommer und Silber, das Meer beginnt zu riechen.
Ich ringe die Hände.
Es kommen Passagiere. Die Grenze rückt näher, ich bin am Zerspringen, im Hals ist eine Starre, hätte ich nur wenigstens Atem.
Die Adern der Augen tun mir so weh, daß ich zu weinen beginne, ohne daß ich es will.
Da kommt eine Ruhe mit einem Mal, was ist es, was mich so klar macht, ich schaue mich um, ich sehe nur neugierige Gesichter, ich schere mich gar nicht darum, ich schwebe, ich bin so selig, ich weiß nicht, warum.
Nun hat es sich entschieden. Die Frucht ist gefallen.
Das andere Gesicht ist herausgetreten aus der Tiefe, es beängstigt mich nicht mehr, es hat sich frei gemacht, ich habe keinen Spiegel, ich kann es nicht sehen, aber ich weiß es, ich fühle es, es ist da.
Das andere Gesicht wird verschwinden, das helle, das mich zu Ehrgeiz trieb, zu Erfolg gepeitscht hat, es wird verschwinden, es wird das neue nicht mehr besiegen, eine Schlacht ist geschlagen, es hat gesiegt in mir, aber ich, mein Himmel, aber ich bin kaput.
Doch bin ich fröhlich, es ist nichts da, was mich verwirrt, ich bin nun eins seit Wochen zum ersten Male, ich bin eins (aber schaut nicht auf das, was blieb).
Wenn ich nach Menschen jagte, nach Handlungen heiß griff, immer war mir, ich möchte lieber rücklings in Wiesen liegen gleichzeitig und Wolken wandern sehen mit ihren schönen fliegenden Schatten. Ich spüre das genau, ich habe das immer empfunden, in jedem Tag der Geschäfte, im Traum, im Schlaf.
Das wird mich nun nicht mehr zerteilen, ich werde nicht mehr mit mir im Streit sein, aber mußte ich es so bezahlen, ist es zuviel nicht, was mich das kostet?
Ich habe eine Schlacht in mir gewonnen, aber was habe ich geopfert? Ich habe mich selbst zur Strecke gebracht. Ich sehe mich um.
Wie bitter ist mir unter den Menschen.
Sie schauen mich alle an. Bin ich verwandelt? Ich recke die Schultern zurecht, ich streiche die locker gewordenen Haare nach hinten zurecht, ich setze das Bein, daß die Hose gut gekantet darum schwingt.
Ich lächle vor mich hin, ich bin wirklich nicht verwandelt, ich verlor nur ein wenig die Balance, es sollte auch das nicht sein.
Ich lächle vor mich hin, ich werde in keine Wüste gehen, ich habe mich nicht verändert, ich fahre mit Aufträgen zum Balkan, ich führe sie aus. Ich werde mich keinen Folgerungen entziehen, meine Wege waren gut, die Ziele verständig, nur meine Einstellung, nur mein Herz war falsch gerichtet, das konnte ich nicht wissen, ich konnte es nicht ändern, das änderte sich gar sehr von selbst.
Ich liebte die Schwierigkeiten wohl, o wie fliegt mein Leben vorüber, wie leer, wie rasch ist das abgewickelt, worum ich mich so sehr bemüht, ich liebte Gefahren, war anständig, auch ohne mich innerlich darum zu mühen.
Wie sehr bin ich gedemütigt. Wie eitel und gering stürzt das meiste von früher.
Wie deutlich sehe ich in dem Schmerz, der mir nichts verdüstert, der alles wundervoll erhellt. Wie weniges hat heute mehr Macht über mich.
Bojen schellen, die Schorne pfeifen, die Kreidefelsen sind zum Greifen, da werde ich noch einmal schwach.
Ich sehe Cederström nun deutlich, er ist es wahrhaftig, ich gehe zuerst langsam, dann stürze ich auf ihn zu, ich falle auf die Knie am Verdeck vor allen Passagieren:
„Dein Paß, Cederström, Dein Paß, mein Bruder.“
Ich sehe auf, mein Bruder Cederström wankt, ich sehe sein Auge, er ist betrunken, er erkennt mich kaum. Ich lächle wieder. So soll es sein.
Ich gehe ruhig weiter, es war ein Ausgleiten, kann man denken, ein Mißfall war es. Ich werde nicht mehr schwach sein, ich bin ganz sicher nur auf der Orangenschale ausgeglitscht.
Ich werde die Frau nicht mehr sehen. Ich nehme es auf mich, wer sieht es mir an?
Ich zahle alles damit ab.
Ich büße jeden Tau, der mich in Barsebäck erfreute. Ich büße die Vögel, die mir eine Lust sind zu hören. Ich büße meine graden Glieder. Und daß, wenn Menschen in meiner Macht waren, ich meistens sauber und verantwortungsvoll war. Ich büße alle Tage mit Frauen und meine schönen Jugendjahre. Auch daß ich gläubig bin im Grunde und ungern unrecht tat. Ich büße mich selbst, wer kann es mir wehren, ich zahle das Schicksal, es nahm sich gutes Honorar.
Es gibt so viele Dinge noch, auch die schlechten, wenn ich mich besinne, die ich zahle, es gibt so vieles, was ich alles büßen kann.
O Gott, wie vieles muß ich heute über mich denken, ich bin es nicht gewohnt, ein Stein ist in mich gefallen, ich kann es kaum ertragen, was sich anschwemmt an den Ufern. Ich fasse an die Schläfe, ich ertrage es kaum.
Ich schüttle Cederström, führe ihn bis ans Heck, setze ihn neben mich auf die Bank und halte ihn gerade. Ich schreie ihm ins Ohr:
„Habe ich keine Zähne mehr, Hochstapler, haarlos, kein Geld, keine Frauen, verrecke irgendwo, o wie denke ich, glaub mir, verdammt, wie denke ich: waren diese Tage blau, Borgeby hatte viel Sturm, Bjerred ein gelbes Segel im Mittag drin, Sivs Schultern, welch hinreißend schöner Gedanke in solcher Aufmachung gedacht, lache nicht, Cederström: die Pomade ihres Haares.
Wenn ich sterbe aber, Cederström, gibt es nur einen Gedanken von heut ab: wie habe ich diese Frau geliebt und wußte es nicht.“
Ich sehe hinaus auf das Meer, wie glatt, wie zahm. Ich kann Cederström nicht halten, er hat verglaste Augen, er ist betrunken wie ein Norweger, er stammelt: „Pomade“; er hat mich nicht verstanden, es soll so sein.
Ich lasse ihn fallen, er fällt auf die Rolle, er schlägt sich den Kopf auf, ich kann es nicht ändern, ich schaue immer nach dem Meer.
Ich fange aber plötzlich an, atemlos zu laufen.
Der Kapitän kommandiert laut auf seinem Steg, Matrosen huschen barfuß mit Seilen und Tauen. Die Pfähle starren schwarz aus dem Wasser, wir haben Gegendampf und drehen uns.
Ich unterscheide im Laufen jedermann am Land, selbst den österreichischen Offizier erkenne ich mit dem schiefen Cäppi. Ich höre die Fahne über mir knattern im Gegenwind. Nun tuten alle Hörner, die Ventile öffnen sich, das Schiff knirscht und stöhnt.
Ich komme über Verdeck gelaufen, schleudre die Passagiere beiseite. Ich sehe Cederström fest wie einen Schlafwandler auf den Ausgang zugehen, renne vorbei.
Ich erreiche die Koffer, ich erkenne meine Zeichen. Ich schließe den gelben Koffer auf, reiße die Sachen auseinander, erwische einen Schuhsack, Baron Uxkulls Diener hat ihn gut gepackt, der Schuh fällt heraus, ich achte es nicht. Ich schließe zu, ich hebe mich schwerfällig am Geländer.
Ich habe ein buntes vielfarbenes Tuch in der Hand, ich reiße die Nähte auf, ich hebe mich breit in der Höhe, ich winke zweimal mit frischen Rufen, immer in die Luft.
Dann führe ich das Tuch über mein Gesicht, mein Gesicht formt sich hinein. Mein Herz klopft mir aus dem Tuch in mein Gesicht.
Ich drehe mich langsam ab von der schwedischen Küste.