SZENE DREI

DIENER mit Karte: Die Dame wird erwartet.

KEAN: Daisy Miller.

SALOMON: Ich warte nicht länger. Im Abgehen. Es ist der Name der Dame, die erwartet, erwartet zu werden. Singt: Ach Gottsche, schenk mern Hambelmann, un e Kordel dezu, daß er zawwele kann.

KEAN: Herein die Dame. Mein Frack. Springt hinter eine Portiere, wo er sich, sichtbar dem Parkett, aber nicht der Eintretenden, fertig umzieht mit Hilfe des Dieners, der zu ihm kommt, nachdem er Daisy hereingeführt. Daisy bleibt mitten stehen, sieht sich um. Sie haben mich verfehlt, verzeihen Sie; durch die unentschuldbare Haltung meines Dieners erfuhr ich zu spät ... Sie sind Daisy Miller?

DAISY: Ich kann nicht widersprechen. Doch ich wünschte, es nicht zu sein.

KEAN: Dann könnte Ihr Wunsch nur sein, Lady Mevil zu sein.

DAISY: Dem widerspricht meine Handlung.

KEAN: Die werden verfolgt?

DAISY: Als ich auf die Straße trat, war ich verstoßen, Waise, vermögenslos.

KEAN herauskommend im Frack: Ich sehe keine Verzweifelte. Nur Anmut.

DAISY: Ich nahm Ihren Namen mit.

KEAN: Den schlechtesten Kredit.

DAISY: Es wog mir den Mut auf, den Tod nicht diesem Gespräch vorzuziehen.

KEAN: Kommen Sie zu Ihren Wünschen.

DAISY: Da ich ein Leben ohne Glück geführt habe, bin ich auf seine Änderung bedacht. Ich war im Kloster bis vor Wochen erzogen. Ich löste, als ich die Enge meiner mir aufgeredeten Entschlüsse erkannte, die Verlobung mit Mevil. Ich verließ eine Stunde vor der Vermählung das Haus meines Vormunds. Ich komme zu Ihnen, weil ich Ihren Beruf ergreifen will.

KEAN: Ich habe keine Verantwortung für Ihr Leben.

DAISY: In Drury-Lane dachte ich: wenn ein Mensch sich in so vielen anderen verkörpern kann und ihre Leidenschaft und ihr Herz mit so strenger Wahrhaftigkeit von sich zu geben vermag, muß es ein zuverlässiger Mensch sein. Wären Sie groß und mächtig nur, hätten Sie mich nie gesehen.

KEAN: Was habe ich mit meinen Rollen zu tun? Sie kennen mich nicht.

DAISY: Wer mein Herz zu solchen Tränen gerührt hat, kann nichts anderes als mein Vertrauen verdienen.

KEAN: Ihr Vertrauen belastet mich. Ich lehne es ab. Was wollen Sie?

DAISY: Ich sah Sie spielen. Das änderte mein Leben ...

KEAN: Chüt ... chüt ...

DAISY: Das hat mich zu meinen Entschlüssen tapfer gemacht. Denn wenn ein Mensch vermag, sich in anderen so sehr zu erschöpfen und darin zu leben, ist das der einzige Weg aus der Enge in die Freiheit.

KEAN: Kein Weg für Sie.

DAISY: Ich fühle den Drang zu keinem andern. Im Traum, am Tag kamen die Stimmen, die Bewegungen der Frauen aus den Stücken, in denen ich Sie sah, und verbinden sich mit mir. Ich ahme sie nach und bin voll Freude. Helfen Sie mir, so werde ich die einzige Hilfe haben, deren ich bedarf.

KEAN: Ich verweigere sie.

DAISY: Dann werde ich den Tod leicht zu nehmen wissen in der Gewißheit, daß dies der bessere Ausweg für mich ist, den Sie beschlossen haben, um mich, zu Schwache und Unwichtige, anderem Schicksal zu entziehen.

KEAN: Ihre Drohung ist groß. Diese Belastung von mir ist schon Irrsinn. Sie verdienen die grausamste Antwort.

DAISY: Ich kann nichts anderes von Ihnen erwarten wie die Wahrheit.

KEAN: Setzen wir Ihr Talent voraus. Haben Sie das Leben bedacht?

DAISY: Ich kenne es nicht.

KEAN: Bleiben wir bei den sichtbaren Dingen. Fünf Monate Anfangsstudium ist das Minimum für ein Genie. Sie debütieren. Mit auffallendem Erfolg. Ich nehme die phantastisch-günstigsten Fälle. Man bietet Ihnen eine Jahressumme, die die Hälfte dessen deckt, was Sie für seidene Strümpfe brauchen.

DAISY: Das Vermögen, das ich seit meiner Flucht nicht mehr besitze, war durch meiner Vorfahren äußersten Fleiß erworben. Ich bin gewohnt, zu entsagen.

KEAN: Zu hungern. Schlechte Romantik. Gut. Aber ... die Kleider, die Ringe, die Pelze, die Reiher, den Samt?

DAISY: Ich werde sparen.

KEAN: Womit? Die Zeit ist grausamer als das Leben. Sechs Jahre braucht eine Venus, um unvergleichlich zu sein. Sie werden vorher Ihr einziges wichtiges und letztes Kapital angreifen und verzehren müssen.

DAISY: Ich habe keines.

KEAN: Sie haben eines. Daß Sie sehr schön sind, ist gut und ist schlecht. Sie werden Ihre Liebhaber haben.

DAISY läßt ihren Schleier fallen.

KEAN: Daß Sie unvergleichlich hohe Beine haben, wird Ihnen ebenso unvergleichlich schaden. Daß Ihr Haar reich und Ihr schmaler Busen köstlich ist, wird Signal zu dem Wettlauf der Vielzuvielen werden. Daß Sie in Notlage sind und vom Schicksal arm bestimmt durch Ihren tragischen Entschluß, wird Sie vor die bitterste Entscheidung zwingen, ob Sie sich, ob Sie Ihr Ziel erreichen wollen. Geben Sie sich selbst aber in das Furioso der Preise, die darauf geboten werden, um auf der anderen Seite Ihrer Sehnsucht Ihr Ziel zu erreichen, so haben Sie alles eingesetzt, um vielleicht nichts zu erreichen. Dann ist Ihr Herz verdorben, und Ihre Beine sind verbraucht von den Männern, und Ihre Brust hat keine Frische mehr, und Ihr Herz ist elend.

Beweisen Sie, daß Sie robust genug sind, die heulende Furie der Kunst auch durch das Dasein so entsetzlicher Perspektiven mit gleicher Kraft wie Ihre Sehnsucht danach zu tragen. Dann rede ich Ihnen erst zu.

Haben Sie im günstigsten Fall Männer, die Ihnen geben und nicht fordern, die Sie lieben und die Sie nicht kaufen, bricht die Kloake der Angriffe in anderen Höllenstürzen los. Affenhafte haarige kleine Schreiber, krähende Regisseure, geschwollene Intendanten werden Sie tadeln, schmähen, fordern, zurückstellen, verfolgen mit einer Systematik, von deren Gründlichkeit Sie sich keine Vorstellung geben. Und wenn Sie, von grellen Reflektoren bis in Ihr intimstes Boudoir jeweils beleuchtet, ausgeschrien und entkleidet, gejagte Hindin, atemlos von der Jagd, verzweifelt einem der Jäger sich geben, hat der andere Schwarm schon sein Halali begonnen. Sie entweichen nicht. Haben Sie das Leben bedacht? Gestehen Sie, daß Sie die Barriere unterschätzten, die es vor Ihre Absicht legt. Ihre Knochen sind sehr zart, aber Ihr Herz ist groß. Ihre Beine sind zu schön für solche Exkursionen.

Beweisen Sie mir, daß die Zartheit Ihres Lebens so stählern und hart ist, um unbeschmutzt und unzerschlagen aus dem herauszukommen, und ich rede Ihnen zu.

DAISY: Ich kann Sie nicht bitten, zu schweigen.

KEAN: Sonst hätten Sie das Recht, mich später zu verfluchen.

DAISY: Jeder Ausgang kann nur Dank für Ihre Güte sein.

KEAN: Sie werden die Arme nach der Gerechtigkeit ausstrecken, aber Sie werden ein Schwein umarmen.

DAISY: Was müssen Sie gelitten haben.

KEAN: Ich?

DAISY: Nichts von alledem kann an Ihnen vorübergehn.

KEAN: Ich bin ein Mann.

DAISY: Ich bedaure Sie. Daß eine gerechte Sache soviel kostet ist teuflisch.

KEAN: Was kümmert mich der Kleinkram? Habe ich nicht eine Leistung in der Hand wie wenige im Jahrhundert? Kümmern mich die Schreiber, Spione, Paraden des Schmutzes? Oh. Wissen Sie, daß ich ein gutgewachsener Mann bin und zu lachen weiß? Wer kann an mich heran? O, das ist alles nichts, wo die tragische Lüge unserer Berufung uns immer viel tiefer sekündlich verhöhnt.

DAISY: Wer solche Tränen geweckt, solche Leidenschaften gelöst und solche Liebe gerufen hat, kann nur glücklich sein.

KEAN: Ich zöge es auch vor, lieber als Publikum vor meinen Talenten zu grinsen, statt die teuflische Meute selbst im Bauch zu haben. Bin ich denn nicht auch alles das, was ich spiele, und reißt es mein Leben nicht in sechs Teile auseinander? Seltsame Späße reißen mein Dasein ein; sapristi, wenn Sie die Späße kennten, die durch einen Tag meines Verstandes durchrollen! Ich will auf dem Rücken liegen und Wolken ansehn immerzu, Gnädige, am Wasser über Bergzacken hin. So bin ich einer. Ich will ein Heer kommandieren, so bin ich in einer Stunde. Ich will einen Mord begehen zum Mittag, so bin ich einer. Ich will im grünen Wagen hinausfahren durch Feuer und Dörfer und Kinder hinter mir her haben, die meinen Namen schreien, so bin ich einer später. Das alles drängt und stößt durch meine Brust und wechselt einander ab wie die Schildwachen, straff und mit Gewalt, gespannt und auf Letztes bereit. Ahnen Sie, an welchen Abgründen ein Tag vorbeiführt? Vermögen Sie zu verstehen, welche Höllen neben welchen Seligkeiten liegen? Und doch im Grunde bin ich nichts, was bin ich? Werde ich Wolken ansehn, werde ich Soldaten haben, welche Späße, Gnädigste, werde ich niemals mit dem grünen Wagen fahren? Ich werde keine von den Späßen leben, die mir ins Hirn gerollt sind. Es bleibt nur der fahle Schatten, der abends von Applaus umbellt ist, wenn er die Lüge dieser oder jener Existenz heruntergespielt hat. Es bleibt die Übelkeit, in Wahrheit nichts gelebt zu haben und sich und anderen für Stunden ein Betrug gewesen zu sein. Bleibt eine Tat, eine Handlung, etwas mehr als drei Tage Geschrei, wenn ich diese Sümpfe mit den seligen vertausche? Und wen soll ich gerührt, wen erschüttert, wen, mein Gott, für sein Leben gezeichnet sehen, wenn nach dem Abklatschen des Vorhangs und dem Erlöschen der Lichter ich alle Menschen die Gesichter wechseln und mit gewohnten Fratzen in den Karneval ihrer Erbärmlichkeit zurückkehren sehe?

DAISY: Wer mit solcher Kraft in einer Hölle steht, muß ein gerechter Mensch sein. Warum haben Sie die Hölle sonst nicht verlassen?

KEAN: Weil ich sie liebe.

DAISY: Trotzdem sie zerreißt?

KEAN: Fragt eine Leidenschaft nach Gefahr?

DAISY: Sie leiden. Aber Sie wissen nicht, warum.

KEAN: Drehen Sie die Lanze herum? Reden Sie mir plötzlich zu? Was soll dieser Ton?

DAISY: Ich habe eine seltsame Erkenntnis gemacht.

KEAN: Ihr Entschluß?

DAISY: Richtet sich nach Ihrer Äußerung.

KEAN: Kehren Sie zurück.

DAISY: Ich werde dort bedenken, was Sie gesagt haben.

KEAN: Denken Sie nicht nur. Entschließen Sie sich.

DAISY: Vielleicht werden Sie meinen Entschluß so nötig haben wie ich den Ihren.

KEAN: Was planen Sie?

DAISY: Nichts, als daß ich von jetzt ab weiß, daß ich eine neue Mission habe.

KEAN: Gehen Sie zurück, und beweisen Sie mir, daß Sie, ohne das Wichtigste zu verlieren, das Leben nicht zu ertragen, sondern zu beherrschen verstehen. Zeigen Sie mir an einer Bagatelle, an einem Spaß, an einem Nichts, daß Sie die Kräfte und die Elastizität einer stählernen Seele haben. Und ich rate Ihnen zu.

DAISY: Ich wohne Richmond Street Vierundachtzig. Bei einer Amme.

KEAN: Ich werde Mittel finden, Ihnen Unterkommen zu sichern.

DAISY: Ich danke Ihnen, denn ich weiß, daß ich selbst Ihre Grausamkeit ertragen könnte. Weil ich Sie gesehen und besser verstanden habe als Sie sich.