SZENE EINS
LORD MEVIL erscheint mit drei Leuten und Laternen: Besetzt die Türen. Geht durch den Raum und rasch in die anderen schauend. Hier sieht es nicht nach Weibern aus. Alles Betrunkne. Gebt sofort Knebel, wenn sich einer regt. Welches ist der Entführer? Eine Laterne zeigt auf Kean. Der soll sie mir geraubt haben? Für meinen Stolz unmöglich. Für den Plan gut. Diese Kreatur voll Wein bindet mit mir an? Gelächter, Mevil! Er ist in meiner Macht, ich werde ihn nicht berühren. Wie kann ein Bursche, der jedem Feind so preisgegeben lebt, ein Gegner sein? Belauert ihn. Was ich besitzen will, werde ich besitzen. Was ich greife, laß ich nicht los. Hinunter an die Tore. Ich brauche Geld in irrsinnigem Ausmaß. Welches Ziel hab ich noch nicht erreicht? Bewacht die Ausgänge gut. Ab mit seinen Leuten. Aus einem Nebenraum mit einer Kerze Salomon. Er stellt die Kerze neben Kean, dann schießt er mit einem Terzerol in die Luft; Kean steht auf.
KEAN: Wie oft hast du geschossen?
SALOMON: Einmal.
KEAN: Ist ein Brief von einer Frau da?
SALOMON: Nein. Kean mit einer Geste ins Nebenzimmer. Durch den Eingang ein Jüngling. Halt. Woher? Wen suchen Sie?
JÜNGLING: Kean.
SALOMON: Den sucht jedermann. Hast du nicht vielleicht einen Busen über deinen Männerhosen? Mit welcher Legitimation?
JÜNGLING: Der, daß ich frage, wollen Sie, daß ich auf dem Seil oder den Fingerspitzen einmarschiere? Schlägt ein Rad.
SALOMON: Welche Truppe?
JÜNGLING: Truppe Bob.
SALOMON erschrocken: Truppe Bob. Wird Kean erfreut sein oder geärgert? Sieht er heut seine Vergangenheit verliebt oder verächtlich? junger Mann, wenn Sie Mut haben, bleiben Sie, wenn Sie ängstlich sind, verschwinden Sie.
JÜNGLING: Ich habe Aufträge und bleibe.
SALOMON: Dann ist zweierlei zu bedenken. Kommt er und sieht die Kerle, saufen sie bis zum Abend. Scheinbar wird aber eine Frau erwartet. Ich weiß nicht, welche. Am besten jagt man die Bande weg. Wie es kommt, ich werde das Falsche getan haben. Schicksal. Singt: Ach Gottsche, schenk mern Hambelmann, un e Kordel dezu, daß er zawwele kann.
JÜNGLING öffnet ein Fenster, dämmrighell: Wirf sie in die Themse.
SALOMON: Wassertod wäre die grausamste Exekution. Du hast Humor. Ich liebe nicht Affairen mit den Konstablen. Wir haben genug. Dafür gibt es einen andern Stil. Weckt mit einem Hammer Tom.
TOM: Caramba, Sennor. Die Faust in Ihre Gurgel.
SALOMON: Ich werde Euch eine Sache an den Hintern henken, an der Ihr kein Werft schleppt, bis Ihr verreckt.
TOM: Ich trete dir in den Bauch, daß der Hund in deinem Wanst zu bellen anfängt.
SALOMON: Du Bauchredner deiner Trübseligkeit, er würde vor Vergnügen zu lachen anheben, weil er dich für einen Hirsch hält, obwohl du in Wahrheit nur eine Sau bist, die den faulsten Huren die Männer zutreibt.
TOM: Dafür sollst du dreimal gespien verdammt sein, daß du solche Lügen erfindest. Ich bin sowenig ein Hirsch wie du ein Hund, denn du stinkst schon zu verwest, du Aas.
SALOMON: Wegen der Hörner, du Klauenbiest.
TOM: Dann hast du deshalb gelacht in deinen Wanst, weil deine Augen vor Besoffenheit so verklebt sind, daß du gar nichts siehst.
SALOMON: Weil vor einer halben Stunde ein Rotrockweib auf einem Kahn vorbeipaddelte, heraufgrinste und eine Harmonika erbärmlich schaukelte.
TOM: Wenn das um zehn war, ist es jetzt halb elf.
SALOMON: Aber wenn du bis in die Ewigkeit hinein meckerst, kriegst du den Wettlauf mit der halben Stunde nicht wieder herein, und wenn dein Rüssel sich zu einer Kilometerschnauze auswächst, denn damals waren hier vier und nun sind drei.
TOM: Dann schlag ich dem Kean den Stirnknochen auf und schlitze die rote Sau von unten bis oben, wenn ich sie erwische. Dann kannst du betteln, alter schlottriger Darm. Geht dröhnend ab.
JÜNGLING: Hast du ihm nicht gefährlich eingeheizt?
SALOMON: Sein Hirn ist so feig, wie sein Maul vor Unflätigkeit groß. Es ist schon so ausgefranst, daß es bald die Ohren erreicht hat und sie abfrißt auf seinem Weg um den Kopf.
JÜNGLING: Wie das Zeug hinausgeht, ist gut. Aber wie kam das Zeug herein?
SALOMON: Kean wollte eingeschlossen sein und ausruhn. Aber er hat seine verdammten Launen.
JÜNGLING: Ihr schloßt ein.
SALOMON: Er holte sich Gesindel durchs Fenster. Achtzehn Flaschen dann auf vier Mann. Wie leicht Hoch und Niedrig sich einigen, ahnt man nicht. Weckt David.
DAVID fällt aufs Knie: So will ich Gott den milden Herren beim Aufgang jedes Gestirns loben, daß er mich einfältige und fleischliche Kreatur über Nacht auf dieser Erde wohlgefällig erhielt.
SALOMON: Fromme Wanze. David!
DAVID abwesend: Eins, zwei, drei, vier, fünf. Anwesend. David anwesend.
SALOMON: Amen. Willst du eine Heldentat vollbringen?
DAVID: Ich habe keine Neigung nach dem Tod. Wenn der Herr zwar mich ausersehen, so sage ich: Ich bin bereit.
SALOMON: Du hast Kean dreiundachtzigmal geschworen, daß du alles ihm opfern willst. Vergißt du deine sanfte Grimasse, wenn die Flaschen wie leere Kinderhälse rülpsen?
DAVID: Warum beschämst du mich falsch? Weißt du nicht, daß, wenn Kean will, ich folge mit verbundenen Augen.
SALOMON: Vor einer halben Stunde, als Kean am Fenster stand, fiel ein Kind in die Themse und Kean sagte ...
DAVID: Was sagte Kean?
SALOMON: David ...
DAVID: Er erinnerte sich meiner Armseligkeit.
SALOMON: ... David ist der einzige, der es retten könnte ...
DAVID: Hei, ein gütiger Gedanke von Kean, Herr.
SALOMON: Denn er ist, sagte Kean, der einzige, der mit Salbung so geölt ist, daß ihm Wasser nicht schadet, er schwimmt wie mit Schwimmfüßen auf heiligen Sprüchen stundenlang.
DAVID: Es war sein Wunsch? Du sagst mir es jetzt erst. Nach welcher Seite floß das Kind?
SALOMON: Stromaufwärts wie alle Kinder. Hinauf. Hinauf. Es schrie nicht mal.
DAVID: Welch ein Glück, Salomon. Du bist weiser wie Sancho Pansa und Hamlet. Kean wird zufrieden sein mit dem schwachen Theologen. Welches Glück. Sagt Kean: Gehe – so geh ich. Bleibe, so bleib ich. Er sagte: Gehe. So geh ich. Ab.
SALOMON: Der heißeste Topf. Wird mit Wasser gelöscht. Weckt Bardolph. Meine Gratulation. Meinen Glückwunsch.
BARDOLPH in einem Löwenfell, brüllt, bläst sich auf.
SALOMON: Welche Haltung!
BARDOLPH: Du gratulierst mir.
SALOMON: Dieselbe Haltung, in der du Kean erledigtest.
BARDOLPH: Ich gab es ihm.
SALOMON: Allzutrefflich. Nie hörte man solches Geschrei. Ohnmächtig rutschte Kean seine Stimme in den Magen. Er spie.
BARDOLPH: Ich hätte ihn gern erwürgt, wenn er auf der Bühne alle Applause einsteckte, als seien es Äpfel. Wer war es aber, der dem Publikum den Eisschreck in die Blase gejagt? Wir müssen auch einmal an die Rampe, der Tag des Sieges hat auch für uns seinen Sonnenaufgang. Glaubst du, ich werde nun Hamlet spielen? Er verzichtet?
SALOMON: Nein.
BARDOLPH: Warum?
SALOMON: Kean läßt sich den Magen auspumpen. Er schwor, dich totzusaufen, damit du ihm nicht gefährlich wirst.
BARDOLPH: Dann ists im Sinne der Menschheit, wenn ich meine Stimme erhalte. Gehe ich, bin ich der Sieger. Bleibe ich, spielt mir das Schicksal einen Streich. Seien wir klug, Bardolph.
SALOMON: Wenn dich der Sieg Aug in Aug nicht reizt. Mit diesem Brustkasten, solchen Muskeln.
BARDOLPH: Roheit. Ich will in einer höheren Arena nunmehr meine Nüsse knacken.
SALOMON: Halleluja. David wartet. Mann, vergiß dein Fell nicht, deine Stimme könnte drin stecken.
BARDOLPH: Roheit. Stelzt mit Ringerpose ab. Jüngling ihn verhöhnend hinterher.