2.
„Niemals erschien mir die Welt ähnlich reich gesegnet wie in diesem Jahr,“ sagte Frau Präsident Melchers und wies zu den Obstbäumen ihres Gärtchens hinüber, die unter den silbernen Tauschleiern eines frühen Septembermorgens tiefgeneigt ihre Lasten trugen.
Eva von Ostried stand, für einen Ausgang bereit, ebenfalls auf der offenen Veranda. Sie empfand keine staunende Dankbarkeit beim Anblick dieser Wunder. Aus ihren Blicken sprach etwas Unruhvolles. Nur für kurze Zeit hatte ihr der Segen dieser Stille, die – obschon nahe dem großen Getriebe Berlins – dennoch aller Unrast fern und fremd zu bleiben schien, wohlgetan. Jetzt fühlte sie sich wieder von dieser Abgeschlossenheit gepeinigt. Jede Stunde bedeutete ihr etwas Verlorenes. Jeder Tag einen unersetzlichen Verlust. Heimlich durchkostete sie die rieselnden Wonnen ihres ersten Erfolges und wußte nichts mehr von Reue oder Empörung.
Sagten es ihr nicht immer aufs Neue die bewundernden Blicke fremder Menschen, daß sie ungewöhnlich schön ist?
War es darum nicht auch verzeihlich, wenn die Leidenschaft eines Mannes und Künstlers sich an ihrem Anblick entflammte und vergaß?
Die Präsidentin beobachtete heimlich den wechselnden Ausdruck auf Eva von Ostrieds Zügen. Sie wußte richtig in diesem jungen Gesicht zu lesen. Die Sorge um Evas Zukunft verringerte sich nicht. Der Wunsch, neben ihr bleiben zu dürfen, bis die Selbstzucht oder eine harte Enttäuschung alle Schlacken fortgefegt haben würde, war auch heute in ihr. Sie fühlte, wie sich die junge Seele ihr seit der Rückkunft aus Oeynhausen mehr und mehr verschloß. Aber sie unterdrückte tapfer alle Bitterkeit.
War es nicht auch das Los der leiblichen Mutter allmählich das Kind der Schmerzen an irgend eine fremde Freude zu verlieren? Und hatte der kommende Tag wirklich die große Bedeutung, die sie ihm zumaß?
„Nun gehen Sie, Eva und besorgen die Kleinigkeiten zu unserm Mahle,“ sagte sie und zwang damit ihre Gedanken zu fröhlicheren Dingen. „Mein alter Freund, Justizrat Doktor Weißgerber, hat mir versprochen, das Fest Ihrer Volljährigkeit mit uns zu feiern.“
„Ach,“ meinte Eva lachend, „was soll er mir? Er ist alt, bedenklich und weise.“
Ein rascher Blick streifte sie.
War sie wirklich so harmlos, nicht die tiefe Bedeutung seines Besuches gerade an ihrem Ehrentage zu ahnen? – Der junge Mund plauderte sorglos weiter.
„Am liebsten würde ich morgen Abend in das große Wohltätigkeitskonzert gehen, zu dem mir ein liebenswürdiger, leider unbekannter Spender eine Karte zugesandt hat..“
„Und ich?“ Nun klang doch eine leichte Bitterkeit aus der gütigen Stimme.
Eva wurde rot.
„Sie erfreuen sich doch auch gern an guter Musik..“
„Freilich tue ich das! Aber ich ermüde jetzt zu sehr dabei.“
„Wenn Herr Justizrat bei Ihnen bleiben würde?“ Der Eigenwunsch besiegte alle anderen Bedenken.
„Seine Zeit ist kostbar, das wissen Sie. Opfert er mir schon die Mittagszeit, wage ich nicht noch weiteres von ihm zu fordern.“
Eva schwieg. Aber ihr war es, als laste eine Kette auf ihr, welche die Schönheit des Lebens für sie fesselte. – Unfreudig wandte sie sich nach kurzem Zaudern, um die aufgetragenen Besorgungen zu erledigen.
Die Präsidentin blickte ihr nach, solange etwas von ihr sichtbar blieb. Dann sah sie die durch die alte Pauline hereingebrachte Frühpost durch, vermißte dabei die Zusage des aufmerksamen Freundes und ging zum Telephon, um ihn zu befragen, wann er morgen frühestens kommen könnte. Der Vorsteher seines Büros antwortete an seiner Statt, daß der Justizrat seit gestern leider mit einer heftigen Erkältung zu Bette liege und hohes Fieber habe. – Das beunruhigte sie auch wegen des Andern. Gar zu gern hätte sie nun endlich ihrem längst ordnungsmäßig aufgesetzten Testament jene Nachschrift angefügt, die Eva von Ostrieds Zukunft sicher stellte. Einem ausdrücklichen Wunsch ihres verstorbenen Gatten entsprach es, daß sie vor Ausführung jeden größeren Entschlusses den Rat seines als treu und klug erprobten Jugendfreundes hörte.
Bisher war sie seinem Wunsch stets gefolgt. Für die beabsichtigten Stiftungen, denen, mangels Erbberechtigter, ihr großes Vermögen neben reichen Legaten bestimmt war, hatte sie auch eines klugen, juristischen Beistandes bedurft. Nun hieß es ein Teilchen von dem bereits Verfügten abzustreichen und diesem neuen Zweck zuzuführen. Der Gedanke an ein Hinausschieben wollte sie unruhig machen. Die Gewöhnung an klares, ruhiges Ueberlegen siegte jedoch.
Schließlich kam es auf ein paar Tage des Wartens dabei nicht an.
Sie war damit beschäftigt, den Gaben, die Eva von Ostried morgen erfreuen sollten, ein möglichst festliches Aussehen zu verleihen, als die alte Pauline, die bereits der jungen Frau Assessor Melchers treu gedient hatte, hereinkam und den Besuch eines fremden Herrn meldete. Es war kaum zehn Uhr vormittags. Die Stunde dafür also ungewöhnlich. Deshalb ließ ihn die Präsidentin nicht eher hereinbitten, bis er sein Anliegen genannt hatte.
Das war in kurzen Worten geschehen.
„Er käme wegen unserm Fräulein,“ berichtete Pauline und die anfängliche Mißbilligung war aus ihrem Gesicht verschwunden.
Der bald darauf Eintretende war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren. Seine breitschultrige Gestalt zeigte die Kraft und Frische eines Menschen, der einem gesunden Beruf nachgeht. Sein Gesicht war tief gebräunt. Unter den buschigen Brauen blickten die Augen treu und klar. Er gefiel der Präsidentin, noch ehe sie ihn angehört hatte. Das anfängliche Unbehagen, es könne sich um einen der vielen heimlichen Verehrer ihres schönen Schützlings handeln, wandelte sich in eine Art behaglicher Neugier. Von diesem ehrenhaft Wirkenden konnte ihrem Liebling unmöglich eine Gefahr drohen. Als er seinen Namen nannte, streckte sie ihm herzlich die Rechte entgegen.
„Amtsrat Wullenweber aus Hohen-Klitzig, Regierungsbezirk Köslin, Hinterpommern,“ wiederholte sie mit einem warmen Lächeln. „Also – Eva von Ostrieds Vormund! Wie es mich freut, Sie persönlich kennen zu lernen. Unser Briefwechsel war damals kurz und gestaltete sich unerfreulich, nicht wahr?“
„Ja,“ sagte er, „ich bildete mir fest ein, daß Sie, Frau Präsident, den unglücklichen Gedanken meines Mündels kräftig unterstützten.“
„Warum bezeichnen Sie ihn als unglücklich, Herr Amtsrat?“
„Das läßt sich nicht in ein paar Worten sagen.“
„Soll dies heißen, daß die Zeit zu einer richtiggehenden, sogar für eine Frau begreiflichen Erklärung, Ihnen auch heute fehlt?“
„Zeit hätte ich schon, Frau Präsident. Mein Zug geht erst in vier Stunden. Mein Hauptgeschäft, der Ankauf einer landwirtschaftlichen Maschine, ist bestens besorgt.“
„Ach,“ machte sie enttäuscht, „und ich dachte, daß Sie zu mir kämen, weil doch morgen Eva von Ostried selbständig wird.“
Er lächelte. Das gab seinem ernsten, stillen Gesicht etwas unendlich Gutes und Liebenswertes.
„Ich glaube, Sie unterschätzen die Sorgen und Lasten des Landmannes in dieser jetzigen, bösen Zeit, Frau Präsident. Sobald er den Rücken wendet, geschieht bestimmt eine Dummheit. Ich will mich also nicht als Einer hinstellen, der allein von der Verantwortung seiner Vormundschaft getrieben wird. Wenn schon ich nicht verhehlen kann, daß mir Eva von Ostried viel Sorge gemacht hat.“
„Lieber Herr Amtsrat, das Schicksal teile ich mit Ihnen! Wer sie lieb hat, wird ewig mit einer gewissen Unruhe im Herzen ihrer Entwicklung zusehen.“
„Eigentlich lieb ist sie mir nie gewesen,“ gestand der Amtsrat freimütig ein, „dazu hatte sie zu viel von ihrem Vater.“
Ein verstehendes Lächeln erschien auf dem Frauenantlitz.
„Dann haben Sie ihrer Mutter sicher sehr nahe gestanden.“
„Woher wissen Sie das, Frau Präsident?“ Er sah sie erstaunt und unsicher an.
„Ich ahne es mit dem Gefühl der reifen Frau. – Der Vater war augenscheinlich niemals Ihr wahrer Freund. Die Tochter steht Ihrem Herzen nicht sonderlich nahe und dennoch wehrten Sie sich mit einem fast leidenschaftlichen Grimm gegen die Fortsetzung ihrer einst vom Vater gebilligten musikalischen Ausbildung, nachdem der berühmte Gönner tot war. Da muß also entweder das höchste Gefühl von Verantwortung und dieses haben Sie mir ja soeben abgestritten – oder das, einer geliebten Verstorbenen gegebene Versprechen zugrunde liegen.“
„So ist es wirklich. Evas Mutter war die beste und edelste Frau!“
„Sie sind unvermählt geblieben, Herr Amtsrat?“ Er nickte wehmütig.
„Ein paar mal habe ich später aus dieser Einsamkeit herauswollen und es doch nie über kläglich gescheiterte Versuche gebracht. Das heißt: verstehen Sie mich nicht falsch. Der andere Teil merkte nichts davon. Nur mit mir allein brachte ich die Geschichte in Ordnung. Das genügte. – Ich konnte Evas Mutter nicht vergessen.“
„Verzeihen Sie, wenn ich forsche. Unzartheit ist es nicht. Wie konnte es kommen, daß Sie sich nicht – war selbst anfangs keine Gegenliebe vorhanden – von so viel Tiefe und Treue rühren ließen?“
Sein grauer Kopf neigte sich auf die Brust.
„Als ich sie kennen lernte, gehörte sie schon dem Andern. Und ich war sein Freund und nächster Nachbar. Wissen Sie.. kein Freund, wie Sie und auch ich jetzt, ihn verlangen. Dazu waren wir Beide viel zu verschieden. Ich eines schlichten Vaters vierter und jüngster Junge, zur strengsten Arbeit und Pflichterfüllung seit den ersten Hosen an, erzogen – er, der Einzige des schönen, flotten und leichtsinnigen Majoratsherrn auf Waldesruh. Springt man aber jahrelang zusammen barfuß über die Stoppeln, lauert im Erlenbusch auf die nistende Rohrdommel oder Nachtigall, weil irgend ein Landbezopftes dem dummen Jungen den Kopf verdreht hat – na, dann macht sich so was von selbst. Mein Vater hat zudem dem flotten alten Herrn auf Waldesruh des öfteren ausgeholfen, ohne sonderlich streng auf die Zinsen zu sehen. So kams, daß er, der sonst reichlich hochmütig sein konnte, auch mich als Spielgefährten seines Sohnes gnädig duldete. Meine Brüder sind in andern Provinzen untergekrochen. Bis auf einen, der sich glücklich bis zum Major durchgehungert hat und, nachdem ihm ein Jagdunglück, das kriegerische Handwerk gelegt, hier in Berlin mit seinen beiden Kindern kein beneidenswertes Dasein hatte. Die Landwirte saßen auf guten, kleinen Höfen, die Mann, Weib und Kind ernähren. Sie sind schon verstorben. – Ich kam durch das Erbteil einer Muhme in die Lage, die väterliche Domäne zu übernehmen, nachdem mein alter Herr sich zum Sterben hingelegt hatte. – Ein Jahr später schoß sich der schöne, tolle, leichtsinnige Vater Ostried eine Kugel durch den Kopf. Sein Sohn, der bei den Pasewalker Kürassieren stand, mußte die Uniform ausziehen. Das verlangte eine Familienbestimmung. Er tat es ungern, wenngleich er sich trotzdem so viel Vergnügen, wie nur irgend möglich, bereitete. Kaum war das Trauerjahr zu Ende, jagte ein Fest das andere. Der Acker kam dabei natürlich nicht zu seinem Recht. Aber, ich merke schon, ich erzähle zu langatmig, Frau Präsident.“ Sie wehrte ab.
„Mich interessiert auch das Kleinste in Ihrer Geschichte, Herr Amtsrat. Und Zeit haben wir reichlich. Der Blick, den Sie soeben nach der Tür warfen, soll wohl die Frage nach Eva von Ostried ausdrücken, nicht wahr?“
„Stimmt wieder. Sie ist doch noch bei Ihnen?“
„Sonst wüßten Sie es längst anders. Sie besorgt jetzt nur allerhand für ihren Geburtstag. Ich bin leider für körperliche Anstrengungen nicht mehr tauglich. – Nachher hoffe ich, werden Sie sie noch bestimmt sehen können.“
Er wiegte bedächtig den Kopf hin und her.
„Darauf lege ich keinen Wert, Frau Präsident. Ich würde ihr gegenüber entweder gerührt – oder hilflos sein. Beides könnte den mangelnden Respekt nicht bringen. – Nein, lassen Sie nur! Will es der Zufall, daß sie kommt, so lange ich da bin, drücke ich mich natürlich nicht.“
Sie verstand ihn wieder.
„Und nun weiter,“ drängte sie.
„Ja und zu einem dieser stolzen Feste kam denn auch eine vergrämt aussehende Baronin mit ihrer Tochter. Mich hatte er auch geladen, und – weiß Gott – wie es kam, ich erschien, obwohl ich zuvor dutzende von Malen abgesagt hatte. – Bis dahin wußte ich nicht viel davon, wie lieblich eine Frau sein kann. Denn die Langbezopften in unserm Dorf hatten fast durchgängig Regennasen und derbe, rote Gesichter. Ich war auch sonst keiner von den Redseligen. Aber an dem Tage konnte ich überhaupt keinen Ton rausbringen. Nicht mal einen Glückwunsch fand ich zusammen, als mir mein Freund – Hasso von Ostried – die mir unirdisch schön erscheinende Tochter der alten Baronin als seine Braut vorstellte. – Ich habe sie dann auch noch singen hören. Mein Gott – zu Musik hat bei uns nie die Zeit gereicht. Darum wußte ich vorher nichts von ihrem Zauber. Er hat alles in mir wach und groß gerüttelt. Aber es durfte doch nicht leben. Als ich lange nach Mitternacht heimgestolpert bin, wußte ich, daß ich Hasso von Ostrieds Braut liebte – und wollte nie, nie wieder in sein Haus. Ihr nie – nie wieder begegnen. Und bin nachher doch, ganz freiwillig, hingegangen, weil ich wußte, daß sie bald Einen nötig hatte, der es treu und gut mit ihr meinte. Auf den sie unbedingt zählen konnte, wenn das unbarmherzige Kreuz für ihre schwachen Schultern zu schwer würde. – Denn er, der von Gottes- und Rechtswegen dazu bestimmt gewesen, kümmerte sich bloß die ersten Jahre um sie. Nachher war anderes genug da. – Die Jagd – schöne Gäule – auch ein paar Frauen, die seiner nicht das Wasser reichen konnten. Auch wollte er es nicht verwinden, daß das endlich geborene Kind ein Mädchen war und keinen Bruder bekam. – Sie – Evas Mutter – wurde blasser und elender von Jahr zu Jahr. Er hat gelacht, wenn ihn einer warnend darauf hinwies. Ihre Tröster waren die Musik und – ich! Das hat sie mir gestanden – drei Tage vor ihrem Tode, der ganz leise und sanft gewesen sein muß, denn Niemand im Schloß hat etwas früher davon gemerkt, als bis alles vorüber gewesen ist.“
„Und sie hat nicht gewollt, daß Eva, wenn sich die schöne Begabung auf sie übertrüge, sie jemals öffentlich ausübe,“ fragte die Präsidentin, als er einen Augenblick schwieg.
„Sie hat mein Versprechen mit ins Grab genommen, Frau Präsident.“
„Darf ich wissen, worin dies bestand, Herr Amtsrat?“
„Das ist ja die Hauptsache, damit Sie mich und meine damalige Schroffheit endlich verstehen. Sie müssen wissen, daß sie sich niemals zu mir über ihren Mann beklagt hat. Darum hat mich dies Letzte auch so erschüttert. Für sich und ihre Schönheit wollte sie nichts. Jahraus – jahrein ging sie in einem weißen Kleide und ich glaube nicht, daß sie etwas anderes anzuziehen hatte. Manch einer riß seine Witze drüber und hat gemeint, sie spare heimlich, um dem teuren Gatten alle Jahr ein paar Flaschen echten Sekt zu schenken, von dem die Buddel damals schon 30 Mark gekostet hat. Ich als Einziger habe die Wahrheit erfahren dürfen. Ganz zuletzt – wie schon gesagt. Ich will Ihnen ihre Worte wiederholen. „Sie sollen über meiner Tochter wachen,“ hat sie gebeten und als ich leise auf Evas Vater hinweisen mußte, nur geflüstert: „Sie wird ihm bald genug eine Last sein, denn er ist noch jung und will viel vom Leben. Die Ostriedschen Familiengesetze verlangen aber, daß den unmündigen Töchtern bei einer zweiten Eheschließung ein Vormund gesetzt werde. In gewisser Weise hängt er an ihr,“ hat sie dann weiter gesagt, „denn sie wird einst sehr, sehr schön sein. Das macht ihn stolz. Sonst aber – innerlich – empfindet er dauernd ein Unbehagen, Eva und er gleichen einander zu sehr. Sie ist eitel und egoistisch wie er – schon jetzt – und..“ Hier hat sie ihr Gesicht in den Händen verborgen, als schäme sie sich ihrer Geständnisse, „ich glaube beinahe, käme sie nicht in sehr feste, treue Hände, daß auch sie es mit den Begriffen der Ehre nicht so ganz genau nähme. Darum – solange Sie Gewalt über sie haben, erlauben Sie nicht, daß sie das Talent, das ich ihr vererben mußte, – die Stimme, deren Schönheit sich meinem Ohr längst angekündet hat, zum Beruf ausbildet. Er würde ihr zum Unsegen werden. – Ich selbst dachte niemals an etwas derartiges. Schon der Gedanke, mich öffentlich zeigen zu sollen, mich von jedem bewundern und anstarren zu lassen – machte mir Schmerzen. – Entwickelt sie sich aber weiter zur Tochter ihres Vaters, wird sie gerade dies glühend ersehnen..“ Ja, so hat sie gesprochen, Frau Präsident. Zuletzt händigte sie mir noch ein Päckchen ein, das ich ihrer Tochter bei deren Volljährigkeit übergeben müsse. Es waren fünfhundert Mark. Wieviel Entbehrungen mochten daran hängen? Bedenken Sie, aus der Hauswirtschaft nahm sie keinen Pfennig ein. Was der Garten abwarf, bekam der Schloßherr gleich auf den Schreibtisch – wenn die Kaufleute die Erzeugnisse nicht schon zuvor für längst gelieferte Waren mit Beschlag belegt hatten. Einzig hundert Mark im Jahr erhielt sie aus einer Stiftung vonseiten der verstorbenen Mutter her. Davon also hat sie dies zusammengerafft. – Ich hab’s gut angelegt und hier ist es. Es sind tausend Mark draus geworden. Nicht viel.. Ich habe mir erzählen lassen, daß nach ihrem Tode der Witwer einer schönen Schauspielerin einen einzigen Mantel für das Dreifache gekauft habe. – Aber, es ist doch viel mehr wert wie Millionen. Das Herz dieser seltenen, tapferen Frau hängt daran. Wollen Sie das alles ihrer Tochter erzählen? – Ich kann’s nicht so. Ich würde wieder und wieder denken müssen.. das ist Hasso Ostrieds Tochter.. und würde das Bild vor mir sehen, das ich oft in Wirklichkeit hatte. Obschon der zwei Jahre nach ihrem Tod von dem Ostriedschen Kuratorium zwangsweise eingesetzte Verwalter des Majorats ihnen später jeden Kohlkopf und Groschen zugezählt hat und die Eva mit ihren siebzehn Jahren auch nicht mehr gänzlich blind und taub durch die Tage ging – hat sie die Feste, die er – wer weiß – aus welchen Mitteln, schließlich wieder veranstaltete, mitgemacht – sich allerlei bunte Fähnchen gekauft und mitgelacht..“
„Vergessen Sie ihre Jugend nicht, Herr Amtsrat.“
„Ihre Mutter ist auch jung gewesen und schön wie ein Engel und rein und hochbegabt,“ murrte er.
„Vielleicht auch glücklich. – Wissen Sie denn, Herr Amtsrat, ob es ihr nicht ein tiefes großes Glücksempfinden brachte, daß Sie ihr ergeben waren?“
„Daran habe ich niemals gedacht.“
„Und es liegt doch so nahe! Ich denke mir, daß sie Ihre feine, starke Liebe immer fühlte und das unbegrenzte Vertrauen zu Ihnen faßte, weil Sie sich im Zaum hielten. Eine Frau geht nicht dauernd an tiefstem Mannesempfinden vorbei. Vielleicht wäre sie sonst unter ihrer Last zusammengebrochen.“
Er saß ganz still. Seine breiten, sonnverbrannten Hände lagen schwer auf den Knien.
„Wenn es wahr wäre,“ sagte er ein paarmal vor sich hin, „das wäre schön.“
„Es ist wahr,“ bekräftigte die Präsidentin. „Wie stellte sich übrigens Evas Vater später zu Ihnen?“
„Er war auffallend kurz und unfreundlich, wenn wir uns zufällig an den Grenzen trafen. Sein Haus betrat ich nicht wieder.“
„Merken Sie jetzt, daß ich im Recht bin? Obgleich er die Tote nicht mit wirklicher Treue liebte, war seiner Eitelkeit der Gedanke, daß Sie ihr mehr, als er, bedeutet hatten, unerträglich.“
„Er bestimmte sogar in einem hinterlassenen Brief ausdrücklich einen andern Vormund, wie mich, im Falle ich ihn überleben sollte, und seine Tochter zu diesem Zeitpunkt noch unmündig wäre. Dabei war er von dem Wunsch der Toten genau unterrichtet.“
„Wie kam es also, daß Sie es dennoch geworden sind?“
„Nun, er war im Laufe der Jahre den Herren vom Gericht bekannt geworden. Seine zahlreichen Gläubiger wurden durch seine Gleichgültigkeit stets gezwungen, sich letzten Endes an die große Stelle für das öffentliche Recht zu wenden. Auch war sein Leumund schlechter geworden, seitdem er allein mit der Tochter lebte. Derjenige aber, den er als Vormund für seine Eva vorgeschlagen hatte, war genau so ein leichtsinniger, loser Vogel wie er selbst.“
„An seinen verhältnismäßig frühen Tod muß er doch gedacht haben. Wie wäre sonst jener Brief zustande gekommen?“
„Ein toller Ritt nach durchzechter Nacht brachte ihm die schwere Lungenentzündung, an deren Folgen er nach ein paar Wochen auch gestorben ist. Seine Natur hat sich erstaunlich lange gegen den Sensenmann gewehrt. In dieser Zeit der Langenweile und vielleicht auch der Nachdenklichkeit ist das erwähnte Schriftstück, das sonst keinerlei Wichtiges enthält, entstanden.“
„War er eigentlich mit dem Entschluß seiner Tochter und dem hochherzigen Anerbieten seines Freundes, des bekannten Königlichen Kammersängers, sofort einverstanden? Evas Ansicht, die dies lebhaft bejaht, ist mir in dieser Beziehung nicht maßgebend?“
„Doch, ich glaube es auch! Das Messer saß ihm an der Kehle. Allmählich sahen auch die Gläubigsten unter seinen Kreditgebern, daß das Kuratorium ihn unerbittlich beschränkte. Sie zogen sich mehr und mehr von ihm zurück, um zu den alten Dummheiten keine neuen anzufügen. Denn er hatte etwas bestrickend Liebenswürdiges, das auch die Vernünftigsten oft genug blendete. – An mich hat er sich niemals gewandt. Und das ist das Einzige, was ich ihm hoch anrechne. – Er kannte die ungeheuren Einnahmen des Kammersängers, der, gleich ihm aus einer altadligen Familie stammte, und mag wohl – bestimmt durch die glanzvolle Aussicht für die Tochter, durch welche sich auch seine Lage endlich wieder heben mußte, die erbetene Erlaubnis zu ihrer Uebersiedlung nach Berlin bereitwilligst gegeben haben. Eva soll dort übrigens ganz zur Familie gehört haben. Die Gattin des Künstlers wurde mir seiner Zeit als gute Hausfrau gerühmt. – Davon werden Sie natürlich mehr wissen, wie ich?“
„Eva ist damals ganz in ihrer Kunst aufgegangen und hat sich scheinbar um die ihr reichlich prosaisch dünkende Frau des Gönners wenig gekümmert. Jedenfalls hat der Umstand, daß die nach dem Tode ihres Mannes sofort den Haushalt auflöste und – ohne Rücksicht auf Eva – nach München übersiedelte und sich niemals seitdem durch eine Zeile nach ihr erkundigt hat, zur Genüge bewiesen, wie lose das Band eines Zusammenhaltes zwischen ihnen gewesen ist..“
„Alles in allem wird Eva von Ostried aber inzwischen eingesehen haben, daß ich es gut mit ihr gemeint habe?“
„Leider kann ich das nicht bejahen!“
„Ich nahm die Tatsache, daß sie keinen weiteren Versuch zu meiner Umstimmung machte, für weise Einsicht an.“
„Wie wenig kennen Sie die Tochter Ihrer geliebten Toten! Ihr Schweigen hatte einen andern Grund. Ich machte ihr klar, daß ich Ihnen keine schnelle Aenderung einmal gefaßter Ansichten zutraue und vertröstete sie auf die Zukunft. Da war sie klug genug, sich einstweilen zu bescheiden.“
„Danach scheinen Sie also ihre Wünsche zu unterstützen, Frau Präsident? Das ist mir nach dem starken Eindruck, den ich von Ihnen empfing, unbegreiflich.“
„Auch Sie wären andern Sinnes geworden, hätten Sie sich, gleich mir, von dem Ernst ihrer Bestrebungen, überzeugen müssen. Und nun gar die eigene Mutter. Ich habe kein Kind besessen. Und doch fühle ich, daß eine Jede von uns zurücktreten kann und auch will, wird sie inne, daß sie der wahren Befriedigung des Kindes hinderlich ist.“
„Darin sollen Sie Recht behalten. Frau von Ostried war wohl eine scheue, stille Frau für sich selbst. Hätte sie aber einsehen müssen, daß die Tochter schwer unter der Versagung ihrer Erlaubnis litt, wäre sie fraglos nachgiebig geworden.“
„Nun begreife ich Sie immer weniger.“
„Das ist auch schwer für Sie. Wir leben in zu verschiedenen Verhältnissen. Für Sie ist die Grenze, die ich als Horizont achte, nur ein Scheinbegriff geblieben, hinter dem sich die Unendlichkeit ausdehnt. Und Wachstum gibt es in Ihrem Leben auch wohl ohne Segen und Regen. Ich sah nur mein ganzes Leben hindurch klare Luft, den Horizont und die Entwicklung jeglichen Dinges durch Sonne und Regen... Einmal bin ich im Theater gewesen und danach nie wieder. Es hat mich abgestoßen. Lachen Sie ruhig darüber. Eine Frau stand auf der Bühne und hat alles das vor fremden Ohren preisgegeben, was sie sonst schamhaft mit sich allein abmacht. – Mir kam sie dadurch wie entkleidet vor. – Dies Gefühl hat mir die Richtschnur gegeben. Schön und gut! Es mag viel Kunst dabei sein können. Das verstehe ich nicht. Viel Unwahrhaftigkeit und Uebertreibung aber auch. Dazu kommt, daß in der Familie meines einzig noch lebenden Bruders eine Tochter, die viel Hang zur Musik und zur Künstlerschaft hatte, verloren gegangen ist. Es ist mir sehr nahe gegangen. Die Kinder meiner andern Brüder, von denen ich Ihnen auch sagte, sind frühzeitig gestorben. Nun habe ich nur noch einen Neffen, mit dem ich nie recht warm werden konnte.“
Daß ein Mann, der das Leben mit all seinen Härten, Entsagungen und Verlockungen kannte, ein öffentliches Auftreten von dieser Warte beurteilte, rührte die Präsidentin. Freilich mochte es reichlich unmodern sein – ja, in den Augen der Meisten wohl gar lächerlich wirken. Ihr zeigte es den hohen, sittlichen Wert dieses Mannes, dessen unbewußte, kinderreine Keuschheit sich gegen Schaustellungen der Gefühle heftig sträubten.
„Was hätte ich dagegen tun wollen,“ sagte sie nach einer Weile des Schweigens. „Es wurzelt zu tief bei ihr. Ich hätte sie ganz verloren. Nun darf ich sie wenigstens noch eine Zeitlang behalten.“
„Sie besitzt aber nichts, als das Geld, das ich vorher in Ihre Hand gelegt habe, Frau Präsident, und ich habe mir erzählen lassen, wie hoch die Kosten einer gründlichen Ausbildung sind. Damit sollen aber die Ausgaben noch nicht aufhören. Eine erhebliche Summe, sozusagen als Daseinssicherheit, muß außerdem vorhanden sein. Mal gibt’s keine Einnahmen. Mal kosten die Kleider mehr, wie das gesamte Spielhonorar beträgt..“ Sie mußte unwillkürlich über seinen Eifer, hinter dem sich ein Stückchen Triumph barg, lächeln.
„Ich bin reich,“ gestand sie endlich. „Sehr reich sogar und habe für niemand leiblich Verwandtes zu sorgen. Das hat mir oft bitter weh getan. Ich meinte, die gnädige Vorsehung schickte mir Eva von Ostried als Ausgleich für mancherlei Entbehrtes. Nun, Enttäuschungen kamen auch hinterher. In gewissem Sinne ähnelt sie bestimmt dem Vater, wie Sie ihn mir schilderten. Wenn auch alles liebenswerter und weicher in ihr gestaltet ist. Ich konnte gar nicht anders handeln, als ich es schließlich getan habe. Mit dem Augenblick, in dem ich sie in mein Haus aufnahm, gab ich mir das Versprechen, für sie zu sorgen. – Im April nächsten Jahres etwa wird sie wieder ernsthaft ihre Studien aufnehmen. Die Mittel bis zum Schluß und ein rundes Kapital für die von Ihnen erwähnten Dinge, soll sie von mir erhalten. Ich bringe das in den nächsten Tagen in Ordnung.“
„Dann habe ich das Meiste umsonst geredet, Frau Präsident.“
„Glauben Sie das nicht, Herr Amtsrat. Ich gebe alles in passender Stunde an Eva weiter. Es wird Wurzel schlagen. Mit Strenge ist nicht viel bei ihr zu wirken. Regt sich aber der gute Kern – spricht die Dankbarkeit und besonders das Erbe ihrer Mutter – eine große Reinheit in Empfindung und Anschauung – dann kann sie erstaunlich fügsam und weich sein. Die durch die Wiedergabe Ihrer Worte von neuem geweckte Erinnerung an ihre tote Mutter wird ihr zum Schutz werden.“
„Sie wird das bißchen Erlernte von der Musik gründlich vergessen haben,“ wandte der Amtsrat ein. „Drei Jahre ist sie nun bei Ihnen.“
„Und Sie meinen wirklich, daß ich in dieser Zeit das Erreichte nicht wenigstens erhalten hätte? So kurzsichtig und engherzig war ich nicht. Ich habe ihr einen bedeutenden Lehrer gehalten und wenn ich auch keine zeitraubenden Uebungsstunden gestattete – eben weil sie sich an die Erfüllung bestimmter Pflichten gewöhnen sollte – dies Ende zur Rückkehr sah ich stets voraus. Es waren also auch in dieser Beziehung keine verlorenen Jahre.“
„Die kommenden Zeiten werden unruhig für Sie werden, Frau Präsident. Und eine Stütze dürften Sie im Alter kaum an ihr haben.“
„Ich glaube auch nicht, daß ich ihrer bedarf, lieber Herr Amtsrat. Ich entstamme einer kurzlebigen Familie. Eigentlich halte ich mich schon länger, als es mir vor ungefähr zehn Jahren ein besonders barscher Arzt bemessen hat. Ich bin auch jederzeit bereit. Nur vorher will ich noch, etwa im ersten Frühlingsgrün des nächsten Jahres, eine liebe Jugendbekannte in ihrem Heimatsstädtchen aufsuchen. Immer wieder habe ich das hinausgeschoben. Jetzt bin ich fest dazu entschlossen. Und wissen Sie, wen ich bei dieser Gelegenheit noch besuchen möchte? Dieser Gedanke ist ganz neu.. Einen guten, treuen Menschen, welcher der beste und zuverlässigste Freund gewesen ist. Seine Scholle liegt meinem Wege überaus günstig. Wenn ich richtig schätze, kaum eine Bahnstunde von der pommerschen Seestadt entfernt, in welcher meine Bekannte lebt. Wollen Sie seinen Namen wissen? Er heißt Amtsrat Wullenweber und wird hiermit feierlich angefragt, ob er mich wohl auf einen Tag haben mag?“
Er strahlte, sie aus seinen treuen, blauen Augen ehrlich erfreut an.
„Ob ich mag, Frau Präsident! Ich will alles vom Boden bis zum Keller putzen lassen und meine alte Klidderten soll mal zeigen, was eine richtige, gute hinterpommersche Wirtschafterin leisten kann.“
„Um Gotteswillen,“ lachte sie fröhlich, „das wird bestimmt unmöglich gemacht. Eines Tages trete ich, ohne vorherige Anmeldung, mit einem kleinen Reisetäschlein, bei Ihnen an und werde dankbar sein, wenn Sie mir einen Platz an Ihrem Tisch und höchstens noch ein Gericht Dabersche Kartoffeln mit fetter Buttermilch gönnen. Denn Sie müssen wissen, daß meines lieben Mannes erste Richterstelle in Köslin war, das ebenfalls im Regierungsbezirk Köslin liegt. Darüber sind freilich schon einige dreißig Jahre vergangen. Auch haben wir damals weder Zeit noch Lust gehabt auf den benachbarten Gütern Bekanntschaften anzuknüpfen. Meines Mannes Dezernat war sehr umfangreich. Ein Anwalt, der ihm die zahlreichen Verträge und Testamente abgenommen hätte, wollte sich aus Furcht, kein genügendes Auskommen zu finden, nicht niederlassen.“
„Und jetzt sitzen dort längst ihrer zwei, die in guter Freundschaft miteinander leben.“ –
„Sie kennen das kleine, saubere Städtchen natürlich ganz genau?“
„Versteht sich, Frau Präsident. So dick gesät sind ja die Nester bei uns da hinten bekanntlich nicht. Mit meinen jungen Schimmeln schaffe ich die Geschichte in knappen drei Stunden.“
„Wie seltsam spielt die Vorsehung. Ich bin geneigt, dies alles als etwas anzusehen, das Eva von Ostried zum Nutzen und Frommen werden muß. Vielleicht lernen Sie sie bald näher kennen und gewinnen sie im Laufe der Zeit ebenso lieb, wie ich es tue.“
„Daran würde ihr kaum etwas gelegen sein. Ich habe herausgefühlt, daß ihr Vater über mich in einem Ton gesprochen haben muß, der weder Vertrauen noch Hochachtung säen konnte.“
„Und dennoch bitte ich Sie in dieser Stunde von ganzem Herzen, unser Sorgenkind nicht aus den Augen zu lassen, wenn sich die Prophezeiung jenes Arztes einmal überraschend schnell an mir vollziehen sollte.“
„Sie werden gemerkt haben, daß ich ein schwerfälliger Mensch bin, Frau Präsident.“
„Einer, hinter dessen schlichtem Wort jedenfalls die Tat steht, Herr Amtsrat.“
„Aber auch ein Weltfremder und Ungeschickter.“
„Sie zögern also?“
„Wenn Weg und Ziel im Dunst liegen, geht die Fahrt gewöhnlich schief. Ich wüßte nicht, womit ich ihr helfen könnte.“
„Das ist mir vorläufig gleichfalls verborgen. Es kann aber sehr wohl kommen, daß sie durch irgend welche Ereignisse hilflos wird. Ich will morgen auch diesen Fall mit ihr besprechen. Sie soll sich an Sie wenden, wenn sie allein nicht mehr weiter kann.“
„Tut sie das, Frau Präsident, will ich ihr nach bestem Wissen raten und helfen. Darauf mein Wort.“
„Das genügt mir. Ich danke Ihnen innig, Herr Amtsrat, und jetzt lassen Sie uns ein Glas jenes alten schweren Weines zusammen trinken, dessen letzte Flasche seit einem viertel Jahrhundert auf einen würdigen Augenblick im Keller wartet.“
Hell war auch der neue Tag und voll goldenen Lichtes. Eva von Ostried stand unter einem besonders gesegneten Apfelbaum. Ein Stückchen blauen Himmels und die begrenzte Ferne drängte sich durch das Gewirr der Zweige und Früchte. Stolze Träume schoben ihr jedes Hindernis fort. Sie fühlte sich frei wie nie zuvor, trotzdem ihr nichts geschehen war, als daß sich heute ihr einundzwanzigstes Lebensjahr vollendete. Der kommenden, ernsten Arbeit gedachte sie freilich auch. Mehr aber des andern, nach dem sie sich unaussprechlich sehnte.
Reich – angebetet – beneidet zu werden, war ihr Streben. Von jeher haßte sie dies Einschränken und Sorgenmüssen. Der Traum ungezählter Tage, das bewußte und unbewußte Sehnen nächtlicher Träume, gilt dem Glanz einer sorglos heiteren Zukunft. Erst, nach dem großherzigen Versprechen der Präsidentin erkannte sie schaudernd, daß ihr Leben verfehlt und zerbrochen gewesen wäre, hätte die gütige Frau ihre Zukunftswege nicht zu ebnen versprochen.
Bei dem bloßen Gedanken an diese Möglichkeit schüttelte sie wiederum ein Grauen. Vielleicht hätte sie dann, gezwungen von ihrer Sehnsucht, den Versuch gemacht, um jeden Preis die fehlenden Mittel selbst zu beschaffen. So aber war es schöner und bequemer!
Sie nickte der Sonne zu und jauchzte hell auf – streckte die Arme und griff spielerisch nach den blendenden Kreisen.
„Der Ruhm soll mir beide Hände mit Gold füllen.“
Von der Veranda her ertönte ihr Name. Ungeduldig winkte ihr die Präsidentin.
„Wo bleiben Sie, Eva?“
Da flogen die Träume von dannen. Was aber blieb, war noch köstlich genug. Gaben – Freundlichkeit – und Ermahnungen. Auch diese! Eva von Ostried hörte scheinbar aufmerksam zu, als ihr Frau Melchers vom alten Amtsrat Wullenweber und allem, was zwischen ihnen gesprochen war, sagte. Im Stillen dachte sie:
„Ehe ich mich jemals an den engherzigen, mürrischen Nachbar wende, würde ich lieber hungern.“
Daß dies Schreckliche in Wahrheit eintreten könnte, erschien ihr freilich undenkbar.
Als sie das Erbe der Mutter empfing, mußte sie weinen.
Es war ja so unendlich wenig. Ihr Vater hatte oft mehr als das Dreifache in einer Nacht im Spiele verloren. Aber es rührte sie! Die verblaßten Erinnerungen füllten sich mit lebendigen Farben. –
Ihre feine, kleine, stille, zarte Mutter! – Wie sie Paul Karlsen in der Dunkelheit des gemeinsamen Warteraums an sich gerissen, hatte sie ihrer plötzlich gedenken müssen – sie um Hilfe anflehend. – Den Vater hatte sie damals vergessen. Der war ja auch nur für die lustigen Stunden dagewesen. – Sie hielt das Geld traumverloren fest und sah unverwandt darauf nieder.
„Was gedenken Sie damit zu beginnen, Eva,“ forschte die Präsidentin neugierig. „Am besten tragen Sie es noch heute auf die Bank.“
„Ich gebe es nicht fort,“ sagte Eva hastig. „In meinem Schmuckkasten, der leider nichts birgt, als die kleine goldene Brosche von Ihnen, wird es liegen und geduldig warten.“
„Worauf denn, Kind?“
„Daß ich es in etwas Wunderschönes umsetze. Ich weiß auch schon, worin. Zum Beispiel einen Teil in den entzückenden Hut mit dem Reiher, von dem uns neulich die Verkäuferin sagte, daß ihn getrost eine regierende Fürstin tragen könne.“
„Dies mühsam abgedarbte Scherflein Ihrer guten Mutter wollten Sie so hinwerfen, Eva?“
„Schelten Sie nur! – Schön und verführerisch bleibt der Gedanke doch. Da geht eine Prinzessin oder zum mindesten eine Millionärin, würden sie sagen und sich nach mir umdrehen. Und würden vor Neid fast platzen. Und ich lache mich halb tot und freue mich.“
Da brach jene oft bekämpfte Verständnislosigkeit, die den eigentlichen Wert des Geldes garnicht begriff, wieder durch. Scheinbar war sie unbesiegbar. Die Präsidentin beschattete die Augen mit der Rechten. Es war doch nicht möglich, daß sie ohne ihren alten Freund und Rechtsbeistand die Bestimmung über Eva von Ostrieds zukünftiges Erbe traf.
Eva von Ostried hatte keinen Augenblick die Empfindung, etwas Unrechtes ausgesprochen zu haben. Sie lief fröhlich der Post entgegen, die soeben, nach dem langhallenden Klingelton, in den am Gitter angebrachten Kasten hineingeschoben wurde. Bald darauf hielt die Präsidentin einen an sie gerichteten Brief in der Hand. Die Schrift auf dem Umschlag war ihr fremd. Ohne sonderliche Eile öffnete sie ihn. Ihre häufig auch nach außen hin betätigte Herzenswärme brachte ihr fast täglich die bittenden Jammerrufe Notleidender ins Haus. Als sie die wenigen Zeilen überflogen hatte, erblaßte sie und sagte weich und zärtlich:
„Du sollst mich nicht vergeblich gerufen haben.“