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Dann ruderte Oliver nicht mehr hinaus und fing nicht mehr jeden Tag Fische. Nein, nicht jeden Tag. Es kam wohl daher, daß die Auseinandersetzung mit Petra ihn etwas mitgenommen hatte, er sah sich nicht nach Arbeit um, faßte keinen Entschluß. Die Mutter konnte fragen: „Fährst du heut nicht hinaus? Nein, wohl nicht?” — Und Oliver konnte erwidern: „Hast du keine Fische mehr?” — „O doch, deshalb hab' ich nicht gefragt,” antwortete die Mutter und schwieg.

Ach, aber sie hätte etwas Mehl und allerlei anderes haben sollen: Seife, Kaffee, Lampenöl, Brennholz, Butter, Zündhölzer, Sirup, lauter notwendige Dinge. —

Mattis, der Schreinergeselle, war eifrig dabei, sich ein Haus zu bauen, er dachte wohl an die Zukunft. Eines Tages humpelte Oliver zu ihm hin und ließ den Ring auf seinem kleinen Finger spielen. Die beiden hatten nichts gegeneinander.

Oliver sagte: „Ich hab' für meinen Anbau zwei Türen machen lassen, sie sind bei deinem Meister gemacht worden.”

„Jawohl,” sagte Mattis, „es war im Winter vorm Jahr.”

„Du könntest mir die Türen abkaufen und sie hier einsetzen.”

„Willst du sie verkaufen?”

„Ja. Da ich sie nicht mehr brauche. Ich hab' mich anders entschlossen.”

„Ich kenne die Türen wohl, denn ich hab' sie selbst verfertigt,” sagt Mattis. „So, du hast dich also anders entschlossen? Du willst dich nicht verändern?”

„Vorerst nicht.”

„Was willst du für die Türen haben?”

Sie wurden bald handelseinig; es waren also gebrauchte Türen und nicht einmal angestrichen; aber Oliver hatte Schlösser und Angeln dazu gekauft, der Preis war demnach gegeben.

Jetzt hatte Oliver nichts mehr zu verkaufen, er konnte doch die Treppe nicht verkaufen. Er und die Mutter lebten eine Zeitlang recht gut von dem Gelde für die Türen; aber nun war der Frühling wieder im Anzug, Oliver war jung und hatte abgetragene Kleider, er könnte sich in neuen besser zur Geltung bringen, und da er nun leider für immer eine Landratte geworden war, hätte er auch gern einen Strohhut gehabt. Die Mutter sah immer weniger hoffnungsvoll in die Zukunft, und meinte, sie hätten ja den Anbau vermieten können, wenn —

Ja, Oliver sagte, er hätte nichts dagegen.

„Aber es sind ja jetzt keine Türen dafür da.”

Nach einem Augenblick der Überlegung sagte Oliver sorglos:

„Türen? Dann kann ich doch wohl zwei Türen machen lassen.”

Die Mutter schüttelte den Kopf.

„Aber es sind auch keine Öfen drin.”

„Öfen? Was sollen die Leute mit Öfen jetzt im Sommer?” fragte er.

„Sollen sie sich nicht kochen? Sollen sie keinen Herd haben?” versetzte sie.

Olivers Kopf hatte sicherlich einen Stoß erlitten, er war im Denken nicht mehr so frisch wie früher.

Er schleppte sich wieder zu Mattis hinüber, sprach eine gute Weile mit ihm und sagte dann: „Ja, du baust dir ein Haus und streichst es an und setzt Türen und Fenster ein, dann hast du wohl im Sinn, dich zu verändern?”

„Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll,” erwiderte Mattis. „Aber es ist nun so, daß ich mir's nicht geradezu aus dem Sinn geschlagen habe.”

„Das versteh' ich!” stimmte Oliver bei und sah dem Schreiner eine Weile bei seiner Arbeit zu. — Sie hatten noch immer nichts gegeneinander. Oliver fuhr fort: „Und wer es nun auch ist, oder wer es nun wird, so bekommt sie bei dir ihr gutes Auskommen. Doch was ich sagen wollte: Hast du schon einen goldenen Ring gekauft?”

„Einen goldenen Ring? Nein.”

„So. Nun, wenn es soweit ist, dann hab' ich einen.”

„Laß mich ihn sehen!” sagt Mattis. „Aber dein Name steht wohl drin.”

„Ja, aber den kannst du herauskratzen lassen.”

Mattis sah sich den Ring an, wog ihn in der Hand und schätzte ihn ab. Sie wurden handelseinig, Mattis kaufte ihn. „Wenn er nur auch paßt,” sagt er.

Oliver antwortete vielsagend: „Das ist das wenigste, was mir Sorge macht. Soweit ich verstehe ...”

Da sah Mattis den andern gerade an und fragte: „Ja, was sagst du dazu?”

„Was ich dazu sage?” erwiderte Oliver. „Das geht mich nichts mehr an. Es wird sich wohl auch für mich Rat schaffen lassen, ich bin noch nicht tot.”

„Nein, das ist sicher und gewiß,” sagte auch Mattis beipflichtend.

„Ja, was meinst du?” fragte Oliver geschmeichelt. „Gibt es keine Aussichten mehr für mich?”

„Du machst nur Spaß, Oliver, du hast dieselben Aussichten wie ich.”

Mattis war sichtlich erleichtert. Sie traktierten sich mit schmeichelhaften Redensarten, ohne Zurückhaltung, aber auch ohne Vertraulichkeit.

„Wie ging es zu, als du zu Schaden kamst?” fragte Mattis. „Mit dem Herunterfallen?”

„Ich?” rief Oliver beleidigt. „Ich bin zuviel draußen gewesen, um herunterzufallen.”

„Ich dachte, du seiest heruntergefallen.”

„Nein, es war eine hereinstürzende Woge.”

„Na, das muß eine ordentliche Woge gewesen sein, die dich kaputt gemacht hat.”

„Jawohl, es war eine Teufelswoge,” versetzte Oliver prahlerisch. „Sie riß die ganze Decklast mit sich, schleuderte mir eine Trantonne gerade in die Arme; sie flog durch die Luft daher, wie eine Kanonenkugel sauste sie auf mich zu.”

„Durch die Luft?”

„Da hörte ich einen Warnungsruf von den andern.”

„Hast du nicht selbst geschrien?”

„Warum hätte ich schreien sollen? Was hätte es mir genützt?”

Mattis schüttelte lächelnd den Kopf und sagte: „Ja, du bist doch immer derselbe!”

Jawohl, Mattis war sichtlich erleichtert, mit Oliver konnte man sehr gut verkehren. Könnte man umgänglicher sein als dieser Mann? Den halben Unterkörper verloren, alles verloren, aber trotzdem — Napoleon! Wenn man ihn in einen Wagen setzte, mit dem Spritzleder vor, dann war er ohne Fehl. —

Oliver und seine Mutter lebten nun wieder eine Zeitlang gut, dazwischen ging er fischen, so daß sie genügend Fische für sich und für die Katze hatten; von dem Geld für den Ring wurden Mehl und Lampenöl gekauft. Aber jetzt hatte Oliver nichts mehr zum Verkaufen, er konnte doch nicht den Kamin auf dem Dache verkaufen.

Die Mutter wurde ängstlicher, so konnte es nicht weitergehen! Sie ließ Andeutungen fallen, daß etwas getan werden müsse, später wagte sie es, sich etwas unzufrieden zu zeigen. Die Krippe war leer. „Du könntest wohl etwas stricken. Kannst du nicht stricken?” fragte sie. Aber Oliver konnte nichts, hatte nichts gelernt, sich keine Mühe gegeben, etwas zu lernen; als er etwas lernen sollte, war er auf See gegangen.

„Ich sollte so notwendig einen Quirl haben,” sagte die Mutter. „Du könntest mir einen Quirl machen, wenn du ein wenig Handgeschick hättest.”

Oliver mußte das von seiten seiner Mutter als unzeitgemäßen Spaß auffassen, und er erwiderte: „Soll ich vielleicht auch Fausthandschuhe stricken?”

Er überlegte, überlegte alle Gründe für und wider, jawohl, etwas mußte getan werden. Immerfort wurde überlegt.

Auf das Wohnhaus konnte nicht mehr aufgenommen werden, als schon darauf stand; das war schon seit lange dem Rechtsanwalt Fredriksen verpfändet. Auf den Anbau war allerdings nichts aufgenommen, und Oliver hatte sich gleich nach seiner Heimkehr wegen einer Anleihe an Fredriksen gewendet, war aber abgewiesen worden. Der Anbau? Den hielt Fredriksen nur für eine ordentliche Instandhaltung des Hauses. „Und das neue Ziegeldach?” fragte Oliver — „Instandhaltung,” sagte Fredriksen. Als Oliver andeutete, er könne anderweitig auf den Anbau Geld aufnehmen, drohte ihm der Rechtsanwalt mit Kündigung seines Geldes und mit einer sofortigen Versteigerung des Hauses. Sie redeten hin und her, und der Rechtsanwalt fragte verwundert: „Bist du wirklich so abgebrannt?” — „Ich?” sagte Oliver und warf sich in die Brust. Ja, das hatte der Rechtsanwalt wirklich geglaubt. Und da er nun durch den Anbau und das neue Ziegeldach erst eine ordentliche Sicherheit für sein Geld hatte, sollte Oliver eine Erklärung unterschreiben, daß alles neue am Haus mit zum Pfandobjekt gehöre — ob er das als anständiger Mensch tun wolle? Und Oliver, eben erst heimgekehrt, von den Seehäfen her an ein flottes Auftreten gewöhnt, außerdem von Natur gutmütig, Oliver unterschrieb. — Er trennte sich von dem Rechtsanwalt in höchst freundschaftlicher Weise.

Das war damals gewesen.

Gar oft bereute er nachher seine Dummheit, aber da war nun nichts mehr daran zu ändern. Oder wie? Könnte er das Haus ohne weiteres verkaufen, den Rechtsanwalt ausbezahlen und ihn los sein? Würde das Geld dazu reichen? Ach, das einzig Sichere dabei wäre jedenfalls, daß er selbst obdachlos dastünde!

Oliver überlegt hin und her. Bisweilen überlegte er, ob er nicht fromm werden, sich einen kleinen Rollwagen anschaffen und in den Dörfern herumfahren sollte.

Die Mutter konnte ihm dies und jenes aus dem Ort berichten, sie hörte mehr als er, sie schnappte manches auf der Straße und am Brunnen auf: Klatschereien, Ereignisse, Lüge und Wahrheit, alles nahm sie mit und brachte es heim. Bisweilen lag es nur in ihrem Kopf und verschwand wieder, aber bisweilen brachte so ein zufälliges Wissen Nutzen. Zum Beispiel, als sie Oliver von Adolf, dem Sohn des Schmieds Carlsen erzählte; Adolf war ein junger Bursche, der sich hatte anheuern lassen und nun zur See ging.

„Wo hat er sich verheuert?” fragte Oliver.

„Auf Heibergs Barke. Es hieß, er wolle sich eine Schiffskiste machen lassen.”

Nach einer kleinen Weile nickt Oliver und sagt: „Er kann mir meine Kiste abkaufen.”

„Die auch?” seufzt die Mutter.

„Was soll ich mit ihr? Ich hab' sie einmal ums andere hinaus- und wieder heimgefahren. Jetzt steht sie da. Nun, sag' du nur dem Adolf, er soll meine Kiste kaufen, ich kann sie nicht mehr sehen.”

Er war auch ganz überzeugt, daß Adolf gern seine Kiste haben wollte. Diese hatte viele Reisen mitgemacht und war seetüchtig, also eine gebrauchte Schiffskiste, die Glück hatte. Oliver hatte sich ja jedesmal, wenn er wieder abreiste, geradezu nach seiner Kiste gesehnt. Lebendig war sie allerdings nicht, nein, aber sie war ein Kamerad, und ein treuer, o ein zärtlicher Freund! Aber Glück auf die Reise, nun mochte sie gehen! Auf der letzten Reise von Italien nach Hause war sie ihm eine richtige Last gewesen; er war ein Krüppel geworden und konnte sie nicht mehr so handhaben wie zuvor, und sie hatte Übergewicht auf der Eisenbahn, er hatte für sie bezahlen müssen. Es war fast, als stehe sie bei ihm in Dienst und zehre an ihm, das Ungetüm — fort mit ihm!

O, aber so ganz gleichgültig war Oliver nun doch nicht, als die Mutter mit Adolf ankam. Da stand nun seine Schiffskiste, und sie war eigentlich häßlich und schwerfällig, aber eben doch nützlich. Sie hatte Fußtritte und Stöße hingenommen, war seit mehreren Jahren grün angestrichen, ja, man hatte sogar Tabak auf dem Deckel klein geschnitten, aber was für ein gutes Stück war sie trotzdem!

„Sie ist, wie du sie hier siehst,” sagte Oliver zu Adolf. „Sie hat sich weder aus feinen Kapitänen oder Maklern oder aus Konsuln etwas gemacht, sondern stand da, wie sie immer gestanden hatte, ist nie von der Stelle gewichen, außer mit Gewalt.”

Adolf kaufte die Kiste und mußte noch allerlei gute Lehren von Oliver anhören. Der abgedankte Matrose konnte dem jungen von dem Leben erzählen, das seiner nun wartete: O ja, ein freies, gesundes Leben, aber nicht eines, mit dem man in jeder Beziehung prahlen konnte. Gottlosigkeit und Schlechtigkeit und erfahrungsreicher Landurlaub, in ausländischen Städten und Hainen verbracht. Ach was, er selbst habe Glück gehabt und jederzeit in den Städten nette Liebchen gefunden, prahlte Oliver, aber es sei nicht immer ohne Streit und Schlägereien abgelaufen. Aber es handle sich nur darum: dem andern eine Hand in den Nacken, die andere in den Rücken, ein Loch mit ihm ins Fenster geschlagen, eins, zwei, drei, hinaus in den Rinnstein! O, man habe nicht immer als Krüppel auf einem Stuhl sitzen müssen!

Oliver fing an zu philosophieren; sein Matrosengeschwätz war leer und abgedroschen, weder besser noch schlimmer, als das anderer Matrosen: Wahrheit und großsprecherische Drohungen, Prahlerei, Frömmigkeit und Notlügen. Er verbreitete sich über die Versuchungen, mischte englische Wörter hinein, warnte vor der Trunksucht: „Du siehst nun, Adolf, wie ich heimgekommen bin. Aber meinst du, es komme vom Zechen und von Ausschweifungen? O nein, immer so nüchtern, wie du jetzt bist! Ach, du lieber Gott, es war auf dem wilden Meere draußen, und was hatte ich verbrochen? Deshalb darfst du dich nie dem Trunke ergeben, wie so mancher andere, dann kann unser Herrgott mit dir tun, was er will, du kannst es nicht ändern. Und wenn sie sehen, daß du Geld bei dir hast, und ziehst englische Pfund heraus, dann sind sie hinter dir her, wie die Möwe hinter einem Rotauge, deshalb mußt du dir, ehe du abfährst, eine Tasche innen in deine Weste nähen lassen.”

„Hast du eine gehabt?” fragte die Mutter.

„Ob ich eine gehabt habe?” Oliver knöpft auf und hat keine Innentasche an seiner Weste. „Sie muß in meinem andern Anzug sein, in meinem Landurlaubsanzug,” sagt er.

„Landurlaubsanzug?” fragt die Mutter.

Oliver überhört die Frage und fährt fort:

„Wie es nun auch ist, Adolf soll sich eine Lehre aus dem Richtigen ziehen und nicht aus dem Unrichtigen. Ja, nun sollst du an das denken, was ich dir gesagt habe, Adolf, und Gott vor Augen haben, wenn du bei Nacht auf Wache bist und am Steuer stehst! Und dann lernst du englisch sprechen und du kannst dich in dieser Sprache, wo du auch hinkommst, ja überall auf der Welt verständlich machen. Sie verstehen dich, ob du dich in einen Salon begibst und ein Glas Bier trinkst oder in die Kirche oder auf ein Konsulat gehst. Aber nimm jetzt nur meine Kiste und schlage dich damit redlich durchs Leben, sie ist an nichts anderes gewöhnt.”

„Was ist denn das für ein Landurlaubsanzug?” fragt die Mutter wieder. „Hast du noch einen andern Anzug als den hier, den du auf dem Leibe trägst?”

„Ob ich noch einen andern Anzug hab'!” versetzt Oliver. „Er kommt von Italien. Was red'st du denn da?”

Aber die Mutter war in Gegenwart eines Dritten mutiger und lächelte nur ein wenig spöttisch. Ach, die Krippe war ganz leer geworden!

Jetzt hatte Oliver nichts mehr zu verkaufen, die Schiffskiste war das letzte gewesen, und es blieb nichts übrig für einen neuen Anzug und einen Strohhut. Aber der eine Tag verging wie der andere, und eines Tages schien Oliver etwas aufzuwachen; er ließ eine Bemerkung fallen, daß er das Boot verkaufen wolle.

„Das Boot!” schrie die Mutter.

Er verbesserte sich und drehte es herum: „Nein, es sei kein Boot zum Verkaufen da, er würde nichts dafür bekommen, es sei ein alter Kasten, der nur noch durch den Teer, mit dem er angestrichen sei, zusammenhänge, er habe es selbst um ein Spottgeld gekauft.”

„Ich muß wohl selbst einmal die Probe machen und hinausfahren,” drohte die Mutter. „Denn du hast es ja aufgegeben.”

Aber mit dem höchsten Grad von Gleichgültigkeit und Geringschätzung für die Worte der Mutter ergriff Oliver seine Krücke und hinkte auf die Straße hinaus.

Feines Wetter! Er schnupperte und spürte die Seeluft. Ein Taubenschwarm ließ sich auf der Straße nieder, Kinder vergnügten sich mit Seilhüpfen. Auch Oliver war einstmals Seil gehüpft.

Er wanderte von einem Laden in den andern. „Ei, da kommt Besuch!” sagten die Leute überall wohlwollend und trugen für den Krüppel eine Sitzgelegenheit herbei. Er mußte einmal ums andere erzählen, wie es zugegangen war, als er zu Schaden kam; dadurch bekam er Übung im Erzählen, und er schmückte die Geschichte immer mehr aus, besonders machte er interessante Zusätze: von dem Krankenlager, von dem Aufenthalt im Hospital, da konnte ihn ja keiner der von der Fia heimkehrenden Kameraden kontrollieren. „Eine der Krankenpflegerinnen ist nicht abgeneigt gewesen, mich zu heiraten —”

„Warum bist du denn nicht darauf eingegangen?”

„Hätt' ich katholisch werden sollen?”

Aber mit der Zeit machte man nicht mehr viel Aufhebens von ihm in den Läden. Er war den Leuten nun nichts Neues mehr, nun mußte er sich selbst eine Sitzgelegenheit verschaffen, oder er mußte mit dem Ellbogen auf dem Ladentisch stehen bleiben, und niemand fragte ihn mehr nach der Krankenpflegerin.

So verging einige Zeit, dann hörten die Besuche in den Läden von selbst auf, er legte sich wieder mehr auf den Fischfang. Johnsen am Landungsplatz hatte ihn persönlich gebeten, ihm das wenige, was er von seinem Fang entbehren könne, zu verkaufen. „Jawohl,” antwortete Oliver, um nicht geradezu nein zu sagen. Dieser Johnsen am Landungsplatz wußte wohl, was er tat, er war der Reeder, der einen verstümmelten Menschen von seinem Schiff daheim hatte, in einem Boot konnte er ihn auch ferner gebrauchen. Aber nein, danke, Oliver aß seine Fische selbst!

Draußen auf dem Wasser traf er den Fischer Jörgen; sie legten ihre Boote zusammen und schwatzten miteinander. Wovon sollten sie übrigens schwatzen? Vom Wetter, vom Fischfang und vom Verdienst. Jörgen war ein Sklave der Arbeit.

„Du liegst hier in der Bucht,” sagte Oliver. „Wenn ich dein Boot hätte, würde ich weiter hinausfahren. Was verdienst du denn am Tag?”

Das sei sehr verschieden. Bisweilen sei es viel, es gebe gute und schlechte Tage, bisweilen sei es wenig.

„Nein, das kann ich dir sagen, Jörgen, daß du hier in der Bucht liegst, gerade wie wir andern Vergnügungsfischer. Von mir will ich nun gar nicht reden, denn ich bin marode und zu nichts nütze. Aber wenn du draußen auf dem Meere wärest, dann könntest du Heilbutten und große Fische fangen.”

„O ja,” stimmte Jörgen bei, „dann könnte ich Walfische fangen.”

Beide lachten, denn dieser Vorschlag von Oliver war ja der reine Spaß und nur so ein Gerede. Dazu hatte Jörgen ja gar nicht das Boot und die nötigen Fischgeräte, und er war ja auch nur ein einzelner Mann.

„Wenn wir uns nun aber zusammentäten und uns ein seetüchtiges Boot anschafften,” sagte Oliver immer noch im Scherz.

Jörgen, der, wie alle andern, geduldig mit dem Krüppel war und sich über die verschiedensten Dinge in ein Gespräch mit ihm einließ, sagte: „Ein seetüchtiges Boot, jawohl, und eine große Fischerei, Tiefmeerleinen, wir könnten den ganzen Fischmarkt an uns ziehen.” Oliver hatte die Ideen, sie kamen ihm nur so zugeflogen und waren nicht viel wert, er war in fremden Landen gewesen, hatte Unglaubliches gesehen und gehört, er hatte Grütze im Kopfe.

„Hier sitze ich und rede,” sagte er, „aber es wird schließlich damit enden, daß ich mich um eine Stelle beim Leuchtturm bewerbe.”

„Ja, das wäre wohl nicht das Schlimmste, was du tun könntest,” meinte Jörgen auch.

„Ich weiß es nicht, aber etwas muß so ein maroder Mann wie ich doch tun.”

„Die Lampe versorgen, das Journal führen, den Seefahrenden in dunkeln Nächten den Weg zeigen. Wenn du nur jemand hättest, der dich empfiehlt,” sagte Jörgen.

„Ich glaube, daß ich Johnsen am Landungsplatz wohl dazu bringen kann, sich für mich zu verwenden. Nun, wollen wir jetzt heimrudern?”

„Nein, ich muß noch eine Weile fischen, denn ich hab' dem Schreiber ein Gericht Fische versprochen und hab' erst ein paar Stück.”

„Was bekommst du für ein Gericht Fische vom Schreiber?”

Jörgen nannte einen mittleren Preis.

Oliver schüttelte den Kopf über die geringe Bezahlung, dann ruderte er weiter und fing auch an, für sich noch zu fischen. Er fischte noch eine Stunde, dann ruderte er mit seiner Beute heim.

Er ruderte und legte sich tüchtig ins Zeug. Es kann ja sein, daß er sich zeigen und Jörgen mit seinen Kräften überraschen wollte, und das erreichte er auch. Oliver war eigentlich wie geschaffen, ja, wie umgeschaffen für ein Leben im Fischerboot; da saß er mit den Rudern, die wie ein schweres Gewicht hin und her gingen, die Glieder, die er brauchte, ja, die hatte er. Diese Wahrheit war es vielleicht auch, die Oliver nach einigen Tagen aufging: Oliver wurde fleißig, fuhr schon bei Tagesgrauen hinaus und fischte den ganzen Tag; er ruderte weiter und weiter hinaus und suchte andere Fischgründe auf, kam dann mit zwei und drei Fischkippen am Tag heim, von denen er einen großen Teil in der Stadt absetzte. Das Geld legte er zurück.

„Du ruderst ja wie ein Dampfschiff daher,” sagte Jörgen. Und dasselbe sagte auch Martin vom Hügel, und der war der älteste Fischer im Ort.

„Meint Ihr? O ja. Ich bin nun eben auch auf den verschiedensten Meeren der Welt gefahren und habe vielerlei gesehen,” versetzte Oliver selbstbewußt.

Jörgen antwortete darauf mit seiner gewohnten sprichwörtlichen Rede! Es sei vieles in der Natur verborgen, von dem wir lernen könnten.

Oliver sagte nicht, wohin er wollte, es war kein ganz einwandfreies Unternehmen, das er vorhatte: er wollte Eier auf den Inseln sammeln. Vielleicht konnte er bei derselben Gelegenheit auch etwas Treibholz für daheim ergattern. Es war eine doppelte Spekulation. Und das erlaubte Unternehmen, Treibholz zu sammeln, mußte das unerlaubte des Eiersammelns verbergen.