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Und endlich brach wieder ein schöner Tag an; er hielt sich und noch einer dazu, es sah aus, als bliebe das Wetter nun beständig.
Oliver ging zum Fischer Jörgen und sagte: „Nun mußt du so gut sein und morgen dein Boot mit dem meinen tauschen.”
„Aber warum denn?”
„Ich sollte weit hinausrudern und wage die Fahrt nicht in meinem eigenen Boot. Ei sieh, du benützt die Pfeife! Wie ist sie denn?”
„Die Pfeife ist schon recht.”
„Ja, du mußt sie gebrauchen, denn dir gehört sie.”
Lydia wollte ihm Kaffee geben, aber er hatte selbst Geld in der Tasche und konnte es sich leisten, das Anerbieten auszuschlagen. „Ich hab' getrunken, eh' ich daheim wegging. Ja, was meinst du, Jörgen, willst du mir den Gefallen tun?”
Jörgen blieb keine andere Wahl. Er antwortete: „Ich werd' es wohl tun müssen. Aber du mußt ordentlich mit dem Boot umgehen.”
Dann fuhr Oliver auf eine Langfahrt hinaus.
An das, was nun geschah, erinnern sich die alten Leute im Städtchen noch heutigen Tages, es war keine Kleinigkeit. Oliver ging nicht unter, und er kam auch nicht abermals zu Schaden, nein, er kam mit einem Schiff heim, mit einem Havaristen, und verlangte seinen Bergelohn. Allerdings konnte er den Verdienst nicht allein einheimsen; als er das Schiff draußen vor den Scheren auf dem Wasser treibend fand, ausgestorben und ohne Mannschaft, mußte er ans nächste Ufer rudern, um Hilfe zu holen; aber Oliver war der Entdecker, und er war der kundige Seemann, der das Bergen des Schiffes in die Hand nehmen konnte. Er setzte die Pumpen in Gang, er barg die Segelfetzen und herabhängenden Leinen, dann erteilte er den Männern die Befehle beim Bugsieren, und er selbst stellte sich ans Steuer. Jetzt konnte niemand sehen, daß er ein Krüppel war.
Wenn er nun eine Kaffeeladung an Land geführt hätte! So gut war es allerdings nicht, das Schiff hatte Backsteine an Bord, es führte sozusagen Backsteine als Ballast mit sich, ein dänisches Schiff war's, das vielleicht nur nach der nächsten Landstadt mit diesen Backsteinen sollte und dann von einem übermächtigen Sturm ins offene Meer getrieben worden war. Der alte Kasten war nicht viel wert; aber es war doch immerhin etwas, ein Fund und ein Geschenk, ramponiert, jawohl, ohne Rettungsboote, ohne Ansehen, ein stinkender alter Kasten, aber durchaus kein Wrack. Das Schiff mußte während des ganzen langen Sturmes im Wasser gelegen haben, es schien wegen Mangel an Proviant von der Mannschaft verlassen worden zu sein, denn es fand sich fast nichts Eßbares an Bord.
Da konnte man nun den seltenen Anblick genießen, und der ganze Ort starrte neugierig auf die spiegelblanke Bucht hinaus. Was war das? Eine Art Aufzug: Bugsierboot und Schiff, dahinter ein Boot im Schlepptau. Die Leute schlenderten allmählich zum Bollwerk hinunter, Jörgen kam herbei und erkannte sein Boot, das Schiff selbst war ihm unbekannt, aber Oliver stand darauf.
Ja, Oliver stand fest und steif an Bord und übertrieb nicht mit besonders starken Ausdrücken; aber er erteilte den beiden Fischern, die er sich zur Hilfe bei der Bergung geholt hatte, Befehle, dann schickte er einen Mann an Land nach dem Konsul. Jörgen rief Oliver eine sanftmütige Frage zu, was das für ein Schiff sei, aber er bekam keine Antwort, denn Oliver hatte viel zu viel zu tun. Olaus vom Wiesenrain, der sich immer am Bollwerk herumtrieb und ein ungewaschenes Maul hatte, sagte ganz laut: „Er hat die Schute gestohlen!”
Oliver war aufgebracht, weil der Konsul nicht selbst kam, sondern nur sein Sohn, der junge Scheldrup. „Wo ist dein Vater?” fragte Oliver.
„Mein Vater? Was ist das für ein Schiff?”
„Geh und hol' deinen Vater! Du kannst dich darauf verlassen, daß er ein Protokoll aufnehmen und alles an Bord versiegeln muß.”
„Ich frage, was das für ein Schiff ist!”
Oliver befahl ein paar kleinen Jungen am Bollwerk, den Konsul zu holen, und erst als dies getan war, wendete er sich an den jungen Scheldrup und erklärte: „Ja, denn dies ist ein Däne und ein Ausländer, soweit ich es nach verschiedenen Sachen beurteilen kann.”
Dann kam der Konsul, C. A. Johnsen kam selbst, und die Menge machte ihm Platz. Er kam ein wenig zögernd daher, wie ein Mann, den nicht jedermann holen lassen konnte; aber er hatte ja auch einen überlegenen Kopf und verstand schnell alles, ein paar Fragen genügten für ihn.
„Ich komme mit einem seltenen Gast!” äußert Oliver. Der Konsul heftete seine braunen Augen auf das Schiff, und es machte ihm keinen überwältigenden Eindruck, es war kein Dampfschiff, es war nicht seine eigene „Fia”. Er ließ sich durch den jungen Scheldrup Schreibgeräte kommen und nahm Erklärung und Protokoll auf.
Es dauerte eine Stunde, aber die Menge wartete. Die halbe Stadt war nun am Bollwerk versammelt, Petra war auch da, ebenso der Rechtsanwalt Fredriksen. Dieser sagte: „Wer ist der Held, der das Schiff geborgen hat?” Der junge Scheldrup erlaubte sich einen Scherz und sagte: „Oliver — falls Sie eine Rede halten wollen!” Der junge Scheldrup scherzte auch mit Petra, dieser Grünschnabel fing an, sich etwas zu erwachsen zu gebärden. — „In meinen Augen ist das nun eine Seemannstat,” sagte Rechtsanwalt Fredriksen.
Jawohl, eine Seemannstat! Oliver kam in die Zeitung dafür, und viele Leute sprachen davon. Oliver selbst machte keine große Sache aus dem Ereignis, er mußte den Landkrabben alle Einzelheiten erklären, überhob sich aber nicht, äffte nicht die Honoratioren der Stadt nach und machte sich nicht lächerlich. Natürlich war Oliver selbst außerordentlich befriedigt von seiner Mannestat, er ging gleich hin und verlangte einen neuen Anzug, den hatte er verdient. Samt und Seide waren nicht nach seinem Geschmack, aber einen blauen Seemannsanzug, den könne ihm niemand mißgönnen. „Wie es zuging?” sagte er zu den Landratten. „Ganz genau, wie wenn du auf einem Spaziergang bist und findest einen goldenen Ring und hebst ihn auf.” Ach, da lachten alle über seine Scherzhaftigkeit: so leicht war es nun doch nicht, eine Seemannstat auszuführen! Er war wie ein König, der zu seinem Volke niederstieg und sich leutselig erwies, und er übersah nicht die andern, die nur daheim saßen, während er das Schiff barg.
Aber schon nach einigen Tagen mußte er etwas mehr daraus machen; zum Fischer Jörgen sagte er: „Du weißt, ich wollte Treibholz fangen. Da war es, als ob jemand zu mir sagte, ich solle weiter hinausrudern, immer weiter hinaus. Es war genau, wie wenn es mir eingegeben worden wäre.”
Ja, Jörgen nickte nachdenklich bei diesen Worten, denn vieles sei verborgen in der Natur, meinte er.
„Ach, ich will es durchaus nicht größer machen, als es ist,” sagte Oliver; „ich hatte nie von einem Havaristen auf dem weiten Meere draußen geträumt. Aber wie ich da in meinem Boot saß und ruderte, kam es über mich: Weiter hinaus, weit hinaus! Es ist nun auch so, wie du weißt, ich bin weit in der Welt herumgekommen und bin von meinem vierzehnten Jahre an draußen gewesen. Die Weltkugel hab' ich auf der andern Seite gesehen, deshalb ist es nun fast, als sei ich gar nicht mehr aus dem Städtchen hier, das kann ich dir sagen. Aber jetzt muß ich hier leben und sterben, in Gottes Namen, das läßt sich nicht ändern!”
Es war auffallend, wie viel leichtlebiger Oliver wurde. Das zufällige Glück mit dem Havaristen änderte allmählich seine Ansichten, die Bitterkeit verließ ihn, er wurde freundlicher, wurde geduldiger. Nein, er nahm sich nicht zusammen und wurde nicht fleißig und arbeitsam, wanderte aber in seinem neuen Anzug umher, und die Hose blaffte recht leer um seinen Stelzfuß, aber er verfluchte sein Unglück nicht mehr. „Kauf' nur das für mich, was du selbst willst,” sagte er wohl zu seiner Mutter und war sehr nachgiebig. Eines Tages begegnete er einer alten Frau, die mit einer Tischdecke herumging und Lose darauf verkaufte. „Laß mich sehen! Ei, das ist eine feine Decke!” sagte Oliver und nahm Lose um des guten Zweckes willen. Es war fast eine Art Gottesfurcht, die über ihn gekommen war.
Es verging wohl eine Woche, dann ging es nicht mehr. Konsul Johnsen hatte ihm Vorschuß auf den Bergelohn gegeben, aber der Konsul konnte nicht ohne weiteres das Schiff und die Ladung verkaufen und Oliver die ganze Summe ausbezahlen. Hatte Oliver gemeint, er könne sich immer weiter Vorschuß holen? Jedenfalls hatte er wohl gedacht, es werde länger dauern, alles ging nun so gut, es war eine ausgezeichnete Zeit, Oliver konnte zum Havaristen hinunterschlendern, ihn jeden Tag auspumpen und ihn fast als sein Eigentum betrachten.
Aber dann tauchte die Mannschaft auf. O ja, die Mannschaft weit drunten vom Süden und sie kam gen Norden, der Schiffsführer und drei Mann, die Herren des Schiffes. O nein, es konnte keine Rede davon sein, das Schiff zu kassieren, sie fingen gleich an, es auszubessern. Da sie nun einmal nach Norwegen gekommen waren, wollten sie ihre Backsteine nicht wieder zurückfahren, sie verkauften sie an den Konsul und beluden dafür das Schiff mit Holzbalken. Dann machten sie über alles glatte Rechnung und fuhren ab.
Die goldenen Tage waren vorüber. Oliver saß wieder auf dem Trockenen. Wie war es eigentlich zugegangen? Jawohl, der Bergelohn, der war sicher, aber Oliver mußte ihn mit den beiden andern teilen, mit den beiden Fischern, es machte also für den einzelnen kein Vermögen aus. „Soll ich nicht einmal den Bruderteil haben?” fragte Oliver. Er bekam den Bruderteil und außerdem noch eine besondere Bezahlung für das Pumpen. Aber er hatte alles miteinander schon als Vorschuß bekommen; ei, wie war das zugegangen?
Diese kurze Zeit des Glücks hatte ihm unglaublich gut getan, aber jetzt war das vorbei. Er fühlte sich benachteiligt. Was dachte wohl Jörgen und was dachte Martin vom Hügel? Er ging hinüber zu Mattis, um dessen Ansicht zu hören.
Mattis war sonderbar an dem Tag, ein Rätsel. Er erwiderte Olivers Gruß nicht und machte dem Krüppel keinen Sitz zurecht. Eigentlich sah es aus, als ob er zornig sei; ja, wenn ein Mann mit den Zähnen knirscht und sich unruhig hin und her bewegt, kann beinahe kein Zweifel über seine Gemütsstimmung herrschen.
Oliver war von seinen eigenen Angelegenheiten erfüllt: daß er an der Nase herumgeführt worden, ja, daß er da in eine ordentliche Patsche geraten sei! „Sieh' nun zum Exempel, ich bin doch der gewesen, der das Schiff gefunden und geborgen hat, aber was hab' ich dafür bekommen? Es reut mich nur, daß ich einen einzigen Groschen dafür genommen hab', und ich werd' ihnen bei Gott das Geld wieder in den Rachen werfen!”
„So schweig doch mit deinem Geschwätz!” schrie der Schreiner plötzlich.
Oliver sah ihn an: er arbeitete wie verrückt, und seine Hände zitterten vor Aufregung. War er betrunken? Wenn es ihn gelüstete, in Feindschaft zu geraten, so konnte er das haben. Oliver richtete seinen gewaltig aussehenden Oberkörper auf.
„Meine Türen will ich wieder haben!” sagte Mattis.
„Wie?” versetzte Oliver. „Was hast du gesagt? Die Türen?”
„Ich will sie wieder haben!” zischte der Schreiner. „Ich hab' dich dafür bezahlt. Sie gehörten mir, die Türen! Verstehst du mich nicht?”
Bei einer solchen Unvernunft wurde Oliver eine Weile ganz stumm, und dann antwortete er nur: „Du hast mir die Türen geschenkt. Und das konntest du schon tun, nach all dem, was wir zusammen gehabt haben.”
Mattis warf das Handwerkszeug weg und richtete sich gerade auf: „Zusammen gehabt? Ich will nicht das allerkleinste Bißchen mit dir zusammen haben. Nein. Nicht so viel, als unter den Nagel geht. Was hab' ich denn davon? Nein, es ist, wie ich gesagt habe: wenn es so ist, daß die Nasenflügel bei den Menschen heraus- und hineingehen, dann sollst du nichts mit ihnen zu tun haben. Und zum Kuckuck, ich will nicht mehr, daß du dich hier bei mir herumtreibst, und meine Türen will ich auch wieder haben!”
Was für eine Unvernunft! Oliver war in ganz friedlicher Weise hergekommen und wollte ein wenig Mitgefühl haben, und nun wurde er im Gegenteil hinausgejagt. „Es muß irgend etwas mit Petra nicht in Ordnung sein,” dachte Oliver. Er sagte: „Wenn du irgendeine Widerwärtigkeit und Schändlichkeit von seiten des Weibervolks erfahren hast, so ist es erst, nachdem ich sie hätte haben sollen. Ich hab' nichts dabei zu tun.”
Der Schreiner nahm seine Arbeit wieder auf und lachte wütend vor sich hin. „Sie meinten wohl, sie könnten mich jetzt dazu kriegen!” murmelte er.
„Wovon redest du da?” fragte Oliver.
„O, es ist so fuchsschlau von euch allen miteinander ausgedacht!” fuhr der Schreiner fort und lachte noch bitterer vor sich hin. „Aber der Mattis hat sich vorgesehen! Der Mattis will nicht,” sagte er.
Oliver wartete eine Weile mit der Hand auf der Türklinke, ob noch mehr kommen würde. Zu seiner Verwunderung sah er, daß der Schreiner nun weinte, sein Körper zitterte. Als Oliver die Tür öffnete, hörte er hinter sich eine undeutliche Stimme sagen: „Nun kannst du sie haben! Und ich komm' und hol' mir meine Türen wieder.”
Aber in der langen Zeit hatte sich Oliver nun daran gewöhnt, daß ein Krüppel mit Rücksicht behandelt wurde, und hier war mit ihm gesprochen worden, wie wenn er keinen Stelzfuß gehabt hätte! Des Schreiners Benehmen kränkte ihn, und er mußte sich großen Zwang auferlegen, aber er überwand sich und sagte: „Du kannst mir den Buckel runter rutschen, wenn du willst! Meinst du, ich hätte Angst vor dir?”
Der Schreiner ermannte sich, er nahm seine Jacke von der Wand und sagte: „Ich geh' sofort mit dir und nehm' sie mit.”
Diesem Ernst gegenüber wurde Oliver wieder klein, er riß die Tür weit auf und ging schnell hinaus. „Ich hab' die Türen gar nicht mehr,” gestand er, „ich hab' sie auf dem Hügel verkauft.”
Danach wurde es ganz still hinter ihm, der Schreiner war wohl wortlos stehen geblieben. Mag er dort stehen, mag er da in seinem Türloch stehen bleiben und keine Worte mehr finden!
Aber Oliver fühlte sich vielleicht nicht ganz sicher; er trieb sich eine gute Weile in den Straßen herum, ehe er sich heimwärts wendete, dem Schreiner könnte es ja doch noch einfallen, ihn aufzusuchen. Wahrlich ein schönes Benehmen einem Krüppel gegenüber!
Da ging Petra über die Straße. Sie sah ihn an und nickte ihm zu. Ja, es war also etwas mit Petra, was es nun auch sein mochte, sie hatte wohl den Schreiner nicht haben wollen, nein, nicht den Mattis mit der Nase. Und hatte er nicht mitten vor den Augen anderer geweint, anstatt sich als ein richtiger Mann zu zeigen! Oliver fiel es plötzlich ein, er müßte doch wirklich der Mann dazu sein, jetzt die Langfahrt zu unternehmen, die auf so merkwürdige Weise abgebrochen worden war. Aber Jörgen würde sich wohl wieder sperren, ihm sein Boot zu leihen, die Leute konnten doch recht sonderbar sein! Es war jetzt freilich vollständig zu spät, Eier zu sammeln, aber er konnte Treibholz finden. Und man konnte ja nicht wissen, was ihm alles noch widerfahren mochte. Das Glück konnte auf der Lauer liegen.
Am Nachmittag sah er Petra wieder auf der Straße, und sie nickte ihm abermals zu. Wie merkwürdig, in den nächsten Tagen sah er sie immer öfter ganz zufällig, sie, die wochen- und monatelang unsichtbar gewesen war! Er selbst tat durchaus nichts dazu, ihr zu begegnen, es war der reine Zufall. Ja, er war wieder mehr ein Mann geworden, hatte ein Schiff geborgen und war in die Zeitung gekommen. Er trug einen neuen Anzug und grüßte mit einem gelben Strohhut; aber er lief den Mädchen durchaus nicht in den Weg und stellte sich nicht zur Schau. Nein, jetzt war er im Gegenteil darauf versessen, weit hinaus auf Langfahrt zu ziehen.
Allmählich gab es wieder Zwistigkeiten zwischen ihm und der Mutter, und eines Tages wurde es geradezu ernst, als die Mutter fragte: „Na, jetzt soll ich wohl wieder um Unterstützung einkommen?”
„Was geht das mich an?” fuhr er sie an.
„Das sollte dein Vater hören, wenn er am Leben wäre!” versetzte sie, dem Weinen nahe.
„Wieso?”
„Ja, er war nicht der Mann, der in der Stube saß und faulenzte. Er schaffte früh und spät und war überdies umgänglich.”
Oliver lächelte spöttisch. Der Vater umgänglich! Jawohl! Das war so recht frauenmäßig: wenn man tot und begraben war, dann jammerten sie um den, den sie verloren hatten. Oliver erinnerte sich von seiner Kindheit her wohl noch an alle die Prügeleien zwischen Vater und Mutter; oho, das waren keine Kleinigkeiten gewesen!
„Ja, jetzt sitzt du da und pfeifst dir eins,” sagte die Mutter, „und hast den Schäferhut schief auf dem Kopf und scherst dich um nichts. Ich möcht' wohl wissen, wie du dir denkst, daß es weitergehen soll.”
„Für mich selbst hab' ich keine Angst,” entgegnete er. „Gott bewahre! Jetzt fahr' ich wieder aufs Meer hinaus. Im übrigen hab' ich daran gedacht, mich um eine Stelle beim Leuchtturm zu bewerben.”
Einen großen Eßkober gab es diesmal nicht, aber Jörgen lieh ihm sein Boot, er nahm Fischgeräte mit, sowie einen Kochtopf, und dann ruderte er hinaus. Er hatte wohl im Sinn, zum Lebensunterhalt zu fischen. In den drei Tagen, die er draußen zubrachte, war auch die Mutter abwesend; sie war einfach fortgegangen; als Oliver heimkam, war das Haus leer.
Er hatte diesmal kein besonderes Glück gehabt, nicht einmal einen ordentlichen Vorrat für sich hatte er gefangen. Da setzte er einen Topf mit Kartoffeln auf den Kochofen.
Nun, er war immerhin nicht nur so ins Blaue hineingefahren, sondern hatte eine tüchtige Ladung Treibholz im Boot und außerdem ganz im geheimen eine gute Prise Eiderdaunen in der einen Achselhöhle, jawohl, und es waren träge, sorglose Tage gewesen, die er draußen vor den Inseln zugebracht hatte.
Nachdem er die Kartoffeln verzehrt hatte, war er ganz befriedigt; er ging wieder hinunter an das Boot und verkaufte den größten Teil seiner Holzladung an Leute, die mit einem Krüppel nicht feilschen wollten. Da hatte er nun wieder bares Geld in der Tasche.
Ein Tag um den andern verging.
Eines Abends erschien Petra. Oliver meinte zuerst, er sehe nicht recht, sie hatte einen neuen grauen Mantel an, und außerdem konnte doch wohl Petra nicht zu ihm kommen, ihrem früheren Bräutigam, den sie aufgegeben hatte. „Ei, was für ein Besuch!” sagte er etwas verlegen.
„Ich wollte nur einmal ein wenig hereinsehen. Wo ist deine Mutter?”
„Du fragst mich, und ich frag' dich.”
„So. Wer kocht denn für dich?”
„Wer sollte kochen!” antwortete er ausweichend. „Was geht das dich an?” dachte er vielleicht. Da saß sie in einem feinen Mantel, jawohl, aber er schwänzelte nicht vor ihr. „Was ist das zwischen dir und Mattis?” fragte er, um sie zurückzuweisen.
„Mit dem Mattis? Wieso?”
„Er hat deinetwegen geweint,” sagte Oliver mit höhnischem Lächeln.
„Meinetwegen? Du scherzest. Um mich weint niemand.”
Da hatte er sie nun ordentlich in die Klemme gebracht, das zeigte ihr Gesicht; und er sah sie und ihren neuen Mantel noch abweisender an.
„Warum bist du so?” fragte sie, indem sie aufstand.
„Ja ja, das ist nun etwas, das mich nichts angeht,” sagte er, um ihr zu zeigen, wie fern sie und ihre Angelegenheiten ihm lagen.
„Ich hab' gelesen, was von dir in der Zeitung stand,” fing sie wieder an.
Nun hätte er wohl dankbar dafür sein sollen, daß sie von ihm in der Zeitung gelesen hatte, aber nein. Was war nur in Oliver gefahren? Ganz verändert, ganz wie ausgewechselt, fast ein anderer Mensch war er geworden. Sie verstand ihn gar nicht mehr und versuchte es auf verschiedene Weise mit ihm, schließlich fragte sie, ob sie nicht die Zeitung entlehnen könnte; sie möchte den Artikel gern noch einmal lesen.
Es zeigte sich, daß er das Blatt bei sich trug, er zog es wohl in einer Tüte eingepackt aus der Tasche und sagte: „Du kannst es mitnehmen, aber ich will es wieder haben.”
Ein paar Tage später gegen Abend kam Petra wieder in Olivers Haus, und es war ein Sonntag, da war sie noch feiner angetan. Er hatte sie vielleicht erwartet, darum hatte er einige treuherzige Vorbereitungen getroffen: zuerst fegte er den Fußboden und wusch die Ofenplatte, dann trug er die ungewaschenen Tassen und Töpfe in den Anbau hinüber. Der Zufall kam ihm auch zu Hilfe. Er hatte wahrhaftig ein paar kleine italienische Münzen in der Tasche seiner alten Weste gefunden, die warf er nun auf den Tisch, da konnten sie Staat machen. Dann setzte er sich an den Tisch, um zu duseln. Als Petra kam, streckte und reckte er sich gleichgültig.
„Ich bring' dir das Blatt wieder,” sagte sie. Sie konnte das Stück auswendig und sagte es her; ja, da höre er, was das Blatt sage, es sei ein ausgezeichnetes Stück, er könne weit in der Welt damit herumrennen.
„Ich bin schon weit in der Welt herum gewesen,” erwiderte er, und der Kamm schwoll ihm.
„O ja, das fehlt nicht. Wer hat den Fußboden aufgewaschen?”
Was ging das Petra an? Kam sie, um sich über ihn zu erheben? Er antwortete lauernd: „Die Mädchen.”
„Was für Mädchen?”
„Warum fragst du?” erwiderte er zurechtweisend.
„Ich hätt' es tun können,” sagte Petra. — Sie sah übrigens nicht frisch und gesund aus, eher ein wenig unpäßlich, nein wahrlich, sie strahlte nicht. — „Wenn es dir recht wär', könnt' ich dir Kaffee kochen,” sagte sie demütig. „Ich hab' aufs Geratewohl Kaffee mitgebracht.”
Das erweckte jedenfalls kein Mißfallen bei ihm, aber ... „Nein, du darfst dir keine Mühe machen,” sagte er.
„Du lieber Himmel! Als ob ich das nicht könnte!” erwiderte sie und machte sich gleich an die Ausführung.
Es fiel ihm auf, daß sie sich auf einen Stuhl stützte, sich ein paarmal wegwendete und ausspuckte. „Warum hast du den Mantel an, kannst du den Mantel nicht ausziehen?” fragte er.
„Es ist nur ein dünner Frühjahrsmantel. Was hast du da für wunderbare Münzen? Was ist denn das für Geld?”
„Sie sind vom Ausland.”
„Überall bist du doch gewesen!” versetzte sie.
„Sie sind aus Italien. Solches Geld haben sie dort, Soldi. Möchtest du sie haben?”
„Nein, nein, du sollst dich nicht berauben.”
Er sammelte die Münzen zusammen und warf sie ihr in die Manteltasche.
Dann sprachen sie von seiner Mutter: sie werde wohl bald wieder heimkommen; von seiner letzten Fahrt vor den Inseln draußen: es sei gewagt, in einem offenen Boot so weit hinauszurudern. Er holte die Tassen vom Anbau herein, sie schenkte ihm Kaffee ein, sie selbst habe eben Kaffee getrunken, sagte sie lachend, und nun könne sie nicht noch mehr trinken. Sie setzte sich auf einen Stuhl, der helle Schweiß stand ihr auf der Stirn.
Oliver dagegen fühlte sich allmählich wohl und behaglich; er neckte sie sogar ein wenig mit dem Schreiner, aber ohne Bosheit, zeigte keinen Groll, weder gegen sie, noch gegen ihn. „Ja, es ist wohl etwas zwischen dir und Mattis gewesen?”
„Du schwatzest Unsinn. Zwischen mir und Mattis?”
„Ja, solltest du ihn denn nicht haben?”
„Den Mattis?” Petra schlug die Hände zusammen. Sie verschwor jegliches Techtelmechtel mit Mattis, sie habe ganz und gar nichts mit ihm zu tun, ja, sie machte sich sogar über seine große Nase lustig.
„Das ist doch merkwürdig!” sagte Oliver; aber es war ihm gar nicht zuwider, ihre Versicherungen anzuhören. „Ich hatt' es aber so verstanden,” fuhr er fort.
Petra sah an ihrem Mantel herunter und murmelte: „Es gibt nur einen, den ich jemals in meinem Leben gern gehabt hätte.”
Oliver versank in Gedanken, und plötzlich fragte er: „Bist du noch bei Johnsens in Dienst? Wie ist denn der Scheldrup?”
„Der Scheldrup? Wieso?”
„Ich hab' nur gefragt. Er betrug sich wie ein junger Bengel, als ich mit dem Havaristen ankam und über alles ein Protokoll aufgenommen werden mußte.”
„So,” bemerkte Petra nur. Sie füllte ihm seine Kaffeetasse wieder, setzte sich dann aufs neue und begann: „Ach du, Oliver, was meinst du, wenn —”
„Was denn, wenn?”
Schweigen.
„Nein, ich weiß doch nicht,” sagte sie und schüttelte den Kopf. Dann klimperte sie ein wenig mit den italienischen Münzen in ihrer Manteltasche. „Aber meinst du nicht, es könnte wieder so werden, wie es früher zwischen uns gewesen ist?”
Die Frage schien keinen besonderen Eindruck auf Oliver zu machen, er hatte sie wohl erwartet und dachte sich das seinige dabei. „Wie kommst du darauf?” fragte er.
„Ich hab' es die ganze Zeit gedacht,” antwortete sie.
„Ich bin für niemand mehr etwas nütze,” sagte er.
„Sag' das nicht, du könntest irgendeine Beschäftigung beim Konsul bekommen.”
„Beim Konsul!” höhnte er. „O nein, aber ich hab' mir schon überlegt, mich um einen Posten beim Leuchtturm umzutun.”
„Ja, oder auch das. Etwas wird sich schon finden.”
Schweigen.
„Es ist nicht daran zu denken,” begann er wieder. „Ein maroder Mann und ein leeres Haus. Allerdings zwei Türen zum Einsetzen könnt' ich schon bekommen, aber ...”
Sie hörte, daß es nicht unmöglich war, und drängte nun nicht weiter in ihn, aber sie ließ eine Anspielung fallen, sie habe zwei Türen daheim. Und dann zeigte sie ihm, daß sie seinen Ring noch trug, es sei alles wie vorher. Unleugbar, Oliver sah sie an und riß die Augen etwas auf, als sie von dem Ring zu reden anfing, etwas verlegen fühlte er sich wohl auch, hätte er etwas sagen sollen, so hätte es ein Fluch sein müssen.
„Haha, ja nun steht wohl ein anderer Name drin!”
„Nein, ich hab' ihn herauskratzen lassen. Willst du' sehen?”
Diese Petra, in manchem und vielem war sie ein Teufelsmädel, tüchtig und überlegen. Aber das war denn doch fast zu viel. „Solltest du ihm den Ring nicht zurückgeben?” fragte er.
„Den Ring? Das fehlte gerade noch!”
Da lachte Oliver hellauf, um sich selbst und auch sie aus der Verlegenheit zu ziehen.
„Den Ring zurückgeben?” sagte Petra. „Da fühl, wie schwer er ist! Er ist das reine Gold.”
Oliver gekränkt: „Wie du redest! Meinst du, ich hätt' im Ausland einen Ring aus Messing für dich gekauft? Es ist echtes Karatgold.”
„Ja, das wußt' ich. Er soll nie wieder von meiner Hand wegkommen.”
Aber so leicht sollte es nun auch nicht gehen. Sie meinte wohl, nun sei sie also wieder mit ihm verlobt, aber sie mußten sich's doch erst überlegen, erst etwas darüber nachdenken; der Schreiner würde allerdings nicht daran sterben, er hatte sich ja selbst zurückgezogen, außerdem war es wirklich ein Streich, den man dem Schreiner, der einen Krüppel schlecht behandelt hatte, spielen konnte. Aber trotzdem, zu überlegen war dabei noch vieles.
„Hier sitz' ich!” rief sie und sprang auf, um nach dem Kessel zu sehen. „Ich sah nicht, daß du ausgetrunken hattest.”
Und Oliver ließ sich einschenken; es war guter, starker Kaffee, überhaupt brachte Petra ein außerordentliches Wohlbehagen mit, schon dadurch, daß sie sich beim Einschenken auf seine Schulter stützte. „Wo dieser Kaffee herkommt, gibt es noch mehr!” sagte sie und setzte sich auf sein Knie. „Kannst du mich doch noch tragen?”
„Ob ich dich tragen kann!” rief er mannhaft. „Ich kann ebensogut tragen wie vorher.”
„Da siehst du! Warum sollte es da nicht gehen?” — Sie schmiegte sich mit dem Mantel und allem an ihn an; küßte ihn und erinnerte eindringlich: „Ja, was meinst du, Oliver, willst du mich haben?”
Na, das war nun fast mehr als genug, aber einerlei, alles äußerst genau abgewogen, war es vielleicht gar nicht dumm. Wie sehr sie es doch wollte, wie sehr sie es doch wollte!
„Hm!” sagte er. „Wenn ich so hier sitze und mir's überlege, dann glaub' ich —” hier hielt er inne und ließ einen Augenblick Totenstille herrschen — „daß es sich vielleicht machen läßt.”
„Ja,” hauchte sie.
„Da du es willst.”
„Ja,” hauchte sie.